Der Hodscha Nasreddin I. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Part 1

Chapter 13,564 wordsPublic domain

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NARREN, GAUKLER UND VOLKSLIEBLINGE HERAUSGEGEBEN VON ALBERT WESSELSKI DRITTER BAND: DER HODSCHA NASREDDIN I

DER HODSCHA NASREDDIN

Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Gesammelt und herausgegeben von

Albert Wesselski

I. Band

Alexander Duncker Verlag Weimar MCMXI

Alle Rechte vorbehalten.

DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE VON ALEXANDER DUNCKER VERLAG

IN WEIMAR IN DER OFFIZIN VON

OTTO WIGAND M. B. H.

IN LEIPZIG IN EINER AUFLAGE VON 1000 NUMERIERTEN EXEMPLAREN GEDRUCKT; AUSSERDEM WURDEN 50 EXEMPLARE AUF BÜTTENPAPIER ABGEZOGEN. DER EINBAND

WURDE VON DER

LEIPZIGER BUCHBINDEREI A.-G.

VORM. GUSTAV FRITZSCHE ANGEFERTIGT.

DIESES EXEMPLAR TRÄGT DIE NUMMER

1007

Herrn Professor Dr. theol. et phil. AUGUST WÜNSCHE in Verehrung und Dankbarkeit gewidmet.

_Einleitung des Herausgebers._

Die Motive der Märchen sind der Ausdruck gewisser Vorstellungen, denen die Menschen irgendwo und irgendwann angehangen haben müssen. Es müssen wohl einmal, vielleicht auf der ganzen bewohnten Erde, wenn auch nicht zu derselben Zeit, das Tier, die Sonne, der Stein, die Wolke für den Menschen Dinge gewesen sein, deren Wesenheit er nicht von der seinigen unterschied, und sicherlich hat er sich von diesen Vorstellungen seines Kindheitsalters nur sehr langsam emanzipiert. Unbestreitbar ist es wohl auch, daß solche, gewissermaßen religiöse Anschauungen, die viele Generationen überdauert haben mögen, nicht von allen Angehörigen eines Rudels oder Stammes gleichzeitig aufgegeben worden sind, und ebenso darf man annehmen, daß sich ganze Völker von manchen Anschauungen früher losgesagt haben als andere. Es ist nun nur natürlich, daß bei denen, die irgendeinen Standpunkt längst überwunden hatten, Verwunderung und ein Überlegenheitsgefühl rege wurden, wenn sie auf andere stießen, die noch in dem alten Wahne befangen waren, und diese Empfindungen haben sich bei ihnen auch einstellen müssen, wenn sie auf naive Vorstellungen, die für sie etwa schon äußerer Umstände wegen unmöglich gewesen wären — zum Beispiele für Binnenvölker, daß die untergehende Sonne im Meere ertrinke — bei andern gestoßen sind. Nichts liegt nun näher, als daß diese Empfindungen der Höherstehenden ihren vorläufigen Ausdruck in einem Verlachen oder Belächeln der rückständigen Vorstellung gefunden haben. Während wir bei jedem der an der Zahl immer geringer werdenden Naturvölker ganze Gruppen von ihm eigenen und ursprünglichen Vorstellungen noch unmittelbar vorfinden, sind uns diese bei den alten Kulturvölkern nur in ihren Überlieferungen erhalten und zwar, primär, im Märchen, dann aber auch, mit einer Kritik verbunden, im Schwanke: das Märchen kennt keine oder nur eine falsche Logik; im Schwanke wird der Mangel der Kausalität belacht.

Die Entstehung des Schwankes, der nur ein einziges Märchenmotiv braucht, das eben belacht wird, ist also zum Unterschiede von dem Märchen, das dasselbe Motiv verarbeitet, an eine Kulturstufe gebunden, die schon einzelne früher im Schwange gewesene oder anderswo noch geltende Meinungen als widersinnig, als falsch erkennt. Der Vater, der, als ihm ein Kind stirbt, ein zweites tötet, damit das erste nicht den langen Weg allein zu gehn brauche[1], kann erst dann verlacht werden, wann die Vorstellung, daß der Tote noch die Bedürfnisse des Lebenden hat, im allgemeinen überwunden ist, oder nur dort, wo sie nie existiert hat; der Haß gegen ein Bild[2] kann erst dann ein Gegenstand des Spottes werden, wann der Glaube, daß dem Bilde die Eigenschaften des Originals innewohnen, seine Lebenskraft so ziemlich verloren hat, oder nur dort, wo er nie vorhanden war.

Wenn diese Theorie richtig ist, dann ist die älteste Gattung des Schwankes die Erzählung von der Dummheit des andern oder der andern, und mit jeder menschlichen Anschauung, die, ob sie nun der einfachen Naturbetrachtung oder einer höhern Geistestätigkeit entsprungen ist, im Laufe der Jahrtausende ihre Berechtigung verliert, wächst ein neues Schwankmotiv zu; von dem Lachen über den, der ein Tier durch Strafen witzigen will wie ein ungehorsames Kind, bis zu dem Lachen über das Weib, das einem Vaganten glaubt, er komme schnurstracks aus dem Himmel, liegt eine Reihe von unendlich vielen Gliedern. Der Schlauheitsschwank, der schon eine weitere Person einführt, die sich die Dummheit der ersten zunutze macht, darf keinen Anspruch auf das Alter des reinen Dummheitsschwankes erheben.

Der Dummheitsschwank trägt aber schon, und sei er noch so primitiv, den Charakter einer bewußten Verarbeitung eines freilich noch nicht als solches erkannten Märchenmotivs an sich, das er uns oft, indem er die Kuriosität der kindlichen Vorstellung demonstrieren will, in einer reinern Form als das Märchen überliefert; er ist gewissermaßen schon, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine Art literarisches Erzeugnis, und diese Eigenschaft muß ihn befähigen, auch dort, wo für seine Grundlage, nämlich das betreffende Märchenmotiv, als eine für die Ortsverhältnisse ungereimte Vorstellung eine Neuverbreitung oder als eine in grauer Vorzeit überholte Vorstellung eine Wiederverbreitung ausgeschlossen gewesen wäre, durch seinen absoluten Wert als Unterhaltungsstoff im weitesten Maße vorzudringen. Gar viele Märchenmotive, und gerade die ursprünglichsten, mögen erst durch den sie parodierenden Schwank auf fremden Boden verpflanzt oder auf dem eigenen zu neuem Leben erweckt worden sein.

Von den außerordentlich zahlreichen Dummheitsschwänken, die in der vorliegenden Sammlung — vorläufig sei nur von ihrem ersten Teile die Rede — an einen einzigen Namen geknüpft erscheinen, beruhen sehr viele auf so primitiven Vorstellungen, daß schon daraus erhellt, daß sie dem Manne, von dem sie erzählt werden, nur beigelegt worden sind. Wenn auch bei dem Mangel an alten Aufzeichnungen derartiger leichter und so lange mit Unrecht verachteter Geschichtchen viele Typen nicht sehr weit zurückverfolgt werden können, so müssen doch die obigen Erwägungen zu der Annahme eines ehrwürdigen Alters genügen, umsomehr als es klar ist, daß von dem Auftauchen eines Dummheitsschwankes bis zu seiner ersten Niederschrift eine geraume Zeit verflossen sein muß, in der er sich so wie das in ihm behandelte Märchenmotiv und oft mit diesem mündlich fortgepflanzt hat. Deswegen aber die Existenz des nunmehrigen Trägers dieser Überlieferungen zu leugnen, hätte wohl keine Berechtigung; es wird ja auch niemand einfallen zu behaupten, König Franz I. von Frankreich habe nie gelebt, weil von ihm eine Schnurre erzählt wird, die schon im Conde Lucanor steht.

Von dem Hodscha Nasreddin wird uns als von einem Zeitgenossen dreier wohlbekannter Fürsten gesprochen. Zuerst des Sultans Alaeddin III. (II.), des letzten Herrschers der Seldschukendynastie in Karamanien, der im Jahre 1392 Konia, das alte Iconium, und Akschehir, das alte Philomelion, an Bajazet I. verloren hat, dann eben dieses Osmanensultans und endlich des tatarischen Eroberers Timur, der am 20. Juli 1402 Bajazet in der Schlacht von Angora aufs Haupt geschlagen und gefangen genommen hat; dort, wo der betreffende Gewalthaber einfach Bei genannt wird, hat man die Wahl zwischen den drei genannten Fürsten und dem von Timur eingesetzten Bei von Karamanien, nämlich Mohammed, dem ältesten Sohne Alaeddins III., doch dürfte wohl meistens Timur gemeint sein, bei dem Nasreddin die Stelle eines lustigen Rates eingenommen haben soll. In dieselbe Verbindung wird Nasreddin allerdings auch mit Bajazet gebracht, einmal von dem Historiker De la Croix[3] und dann noch von Karl Friedrich Flögel[4]; beide vermeiden es aber, ihre Quellen anzugeben. Von seinem Freundschaftsverhältnisse zu Timur berichtet hingegen schon Demetrius Cantimir oder Kantemyr, der 1723 verstorbene ehemalige Fürst der Moldau, das Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften[5], und dieser schickt nicht nur seinen Erzählungen von Timur und Nasreddin die Bemerkung voraus, daß sich Timur nach den Historikern drei Tage lang bei Jenischehir aufgehalten habe, um den Erzählungen des türkischen Äsops zu lauschen, der ihm so lieb geworden sei, daß er ihm zuliebe auf die Plünderung dieser Stadt verzichtet habe, sondern sagt auch weiter, er entnehme die folgenden Schnurren einem türkischen Buche. Dem Alter, das dieses Buch gehabt haben muß, entspricht das von mehrern Manuskripten, die Decourdemanche für seine große Ausgabe von Nasreddins Schwänken[6] benutzt hat, und deren eines schon um 1600 niedergeschrieben worden ist; daher müßte sich wohl die Annahme, daß Nasreddin eine mythische Person sei, auf andere Prämissen stützen als auf die Tatsache, daß mit seinem Namen uralte Schwankmotive verknüpft worden sind. Daran ändert es auch nichts, daß eine Sage wissen will, er habe schon zu der Zeit Harun al Raschids gelebt: Mohammed Nasreddin, der damals einer der weisesten Männer gewesen sei, habe sich mit seinen Lehren in einen Widerspruch zur Religion gesetzt und sei deshalb zum Tode verurteilt worden; um sein Leben zu retten, habe er sich wahnsinnig gestellt. Der ungarische Gelehrte Kúnos, der sie erzählt, hat sicherlich recht, wenn er die Entstehung dieser Sage darauf zurückführt, daß man versuchen wollte, manche Späße des Hodschas zu rechtfertigen[7]. Nicht mehr Bedeutung darf einer persischen Überlieferung beigemessen werden, die Nasreddin als einen Zeitgenossen und Untertanen des Schahs Takasch (um das Jahr 1200 unserer Zeitrechnung) nennt[8]; hier war wohl der Wunsch maßgebend, den berühmten Nasreddin als persischen Landsmann beanspruchen zu können. In beiden Fällen handelt es sich überdies um ganz vereinzelte, von dem Massiv der übrigen Überlieferungen abseits stehende Anekdoten.

Weniger als das hohe Alter der von den Historikern übernommenen Traditionen fällt bei der Frage, ob Nasreddin der Mythe angehört, der Umstand ins Gewicht, daß der Hodscha Nasreddin im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts eine solche Berühmtheit genossen haben soll, daß einer seiner Nachkommen eben dieser Abstammung wegen ein kaiserliches Geschenk erhalten hätte. Wäre diese Geschichte tatsächlich, wenn auch nur in ihren Grundzügen und ohne das lustige Moment, von einem Historiker dieser Zeit bezeugt[9], dann wäre sie eine glückliche Illustration zu der Tatsache, daß damals schon Nasreddin als derselbe galt, als der er heute gilt, einer Tatsache, die aber schon aus dem Alter des ältesten der von Decourdemanche benützten Manuskripte hervorgeht.

Von nicht viel größerer Bedeutung für die Lösung jener Frage ist es wohl auch, daß noch heute in Akschehir das Grab des Hodschas Nasreddin gezeigt wird, wenn dieses auch schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts von dem berühmten osmanischen Reisenden Evlija Tschelebi besucht worden ist[10], und obwohl ihm, wie von mehrern Geschichtsschreibern bewährt wird, der Sultan Murad IV. (1623-40), der sich dort auf einem Feldzuge längere Zeit aufgehalten hat, die Anregung zu einem Gedichte verdankte[11].

Dieses Grab beschreibt der Grieche Walawani in einer dem Hodscha Nasreddin gewidmeten Monographie folgendermaßen[12]:

»Gleich beim Eintritte in den Friedhof von Akschehir zieht den Blick des Besuchers ein sonderbares Bauwerk auf sich. Vier in die Erde eingerammte hölzerne Säulen tragen ein viereckiges, einem rechtwinkeligen Vierflächner ähnelndes baufälliges hölzernes Dach, das ein Grab schützt; über diesem Grabe befindet sich ein außerordentlich großer Turban, der keineswegs aus Stein ist, sondern aus Leinwandbändern, die um das Grabsäulchen gewickelt sind. Drei Seiten des Grabes sind offen, und nur die dem Beschauer zugewandte, die nördliche, ist mit einer zweiflügeligen hölzernen Tür geschlossen, an der zwei ebenfalls hölzerne Schlüssel hangen. Das Bild des Grabes berührt wunderlich; der Beschauer wird nämlich gleich beim ersten Anblicke unwillkürlich von einem unbezähmbaren Gelächter befallen, weil er nicht sofort begreifen kann, warum das allen Winden preisgegebene Grab so sorgfältig verschlossen wird. Indessen dauert es nicht lange, so kommt er darauf, daß es sicherlich die Absicht des oder besser der geistigen Schöpfer gewesen sei, den Witz jenes Mannes zu versinnbildlichen, der auch noch im Tode Heiterkeit um sich ausgießt und ein Lächeln auf die Lippen zwingt; diese geistreiche Darstellung zu ersinnen war ein einziger, und noch dazu ein Asiate nicht imstande.«

Trotz Walawani kam man aber mit der Behauptung, es sei ein einziger Mann und wirklich ein Asiate gewesen, der die Idee zu diesem Grabmale gefaßt und auch ausgeführt habe; und dieser eine sollte niemand anders als Nasreddin selber gewesen sein. Kúnos erzählt nämlich, leider wieder ohne Quellenangabe[13]:

»Nasreddin verlangte einmal von Timur zehn Goldstücke, um sich ein Denkmal errichten zu lassen. In seiner gewohnten Freigebigkeit, aber auch aus Neugier erfüllte ihm Timur diesen eigentümlichen Wunsch. Der Hodscha ließ sich für die zehn Goldstücke ein Türbeh, ein Grabmal, bauen, das an drei Seiten offen und nur an der vierten durch eine Mauer geschützt war. In diese Mauer ließ er eine Tür machen, und an dieser ließ er ein Vorhängschloß anbringen. Das Türbeh trugen vier Holzsäulen, und er ließ es mit einem viereckigen Holzdache versehn, um darunter seinen Grabstein zu stellen. Den sonderbaren Bau, den er in dem Friedhofe von Akschehir aufstellen ließ, erklärte er, wie folgt: ›Den Nachkommen werden die großartigen Steinbauten Timurs nur Anlaß zu Tränen geben; Nasreddins Grab aber wird die Leute zur Heiterkeit stimmen und ein fröhliches Lachen auf ihre Lippen locken.‹ Und so geschah es auch. Der Hodscha wurde dort begraben« usw. usw.

Einzelnes aus dieser Geschichte stimmt mit dem überein, was Cantimir aus seinem livre turc über Nasreddin mitgeteilt hat[14]; aber Cantimir spricht von dem Bau einer einfachen Tür auf freiem Felde, und mit keinem Worte ist davon die Rede, daß sie dem Hodscha hätte als Grabmal dienen sollen. Diese Tür spukt auch in manchen Überlieferungen: die Serben erzählen von ihr, versuchen jedoch für die unklare Reminiszenz eine befriedigende Erklärung zu finden[15], und dasselbe tut der rumänische Dichter, der ja auch nur Volksüberlieferungen wiedergibt[16]. Aber mit Nasreddins Grab hat das Türmotiv nichts zu tun, und die sich so hübsch lesende Beschreibung Walawanis entspricht samt ihrer erweiterten Bearbeitung durch Kúnos keineswegs der Wahrheit.

Die Fabel von der Tür hat schon der erste Engländer, der sich mit Nasreddin befaßt hat, William Burckhardt Barker, dem sie freilich in einer andern, immerhin aber den Kern bringenden Form erzählt worden sein muß, mit der Autorität, die der Augenschein verleiht, klar und deutlich abgelehnt[17]: »Among other contradictions related of Nasr-il-deen Khoja, the Turks say that ›such were the contradictions in his character and throughout his whole life—sometimes appearing so learned, sometimes so stupid, etc.—that even after death these contradictions were kept up‹: and that ›his tomb has now an iron grate, with a large gate and lock, but no railing round it.‹ The author has, however, visited his tomb at Ackshahír, and can attest that it is ›a vulgar error,‹ and that it is a simple unassuming monument, with an iron railing round it, and a small gate and lock like the rest of the tombs of the Mosolmen near it.«

Und ganz gegenstandslos wird die Fabel, wenn man die auch auf eigenen Wahrnehmungen fußende Beschreibung liest, die der letzte Türke, der über Nasreddin geschrieben hat, von dem Grabmal gibt[18]: »Das Grabmal trägt eine Kuppel, die auf vier glatten, hübschen Säulen ruht. In der Mitte steht der Sarg mit dem gestreiften Turban, wie ihn die Hodscha zu tragen pflegen. Die Wände des Sarges sind auf den den Besuchern zugewandten Seiten voll einer großen Zahl von Aufschriften in Versen und Prosa.« Das ist alles; keine Spur von einer Tür, einem Vorhängschlosse oder einem Schlüssel. Im übrigen sei auf die in der Ausgabe Behaïs enthaltenen Lichtbilder verwiesen, die das Grabmal von innen und von außen und vor und nach seiner in den letzten Jahren der Regierung Abdul Hamids erfolgten Restaurierung wiedergeben.

Ob das Grab überhaupt als das Nasreddins betrachtet werden darf, ist eine andere Sache. Zu Häupten des Sarges findet sich nämlich folgende Inschrift:

Dies ist das Grab des Verewigten, dem Verzeihung gewährt worden ist, der bedarf des Erbarmens seines Herrn, des Verzeihenden, des hochehrwürdigen Nasreddin. Für seine Seele (bete) eine Fatiha. 386.

Diese Jahreszahl macht Behaï viel Kopfzerbrechens[19]; denn auch wenn man sie verkehrt liest, erhält man als Todesjahr Nasreddins — und das soll sie ja wohl bedeuten — spätestens 1285 unserer Zeitrechnung, und Timur ist 1405 gestorben, Bajazet 1403. Aber weder von dem einen Herrscher, noch von dem andern wird ein Grab gezeigt; zu dem ihres Spaßmachers pilgern noch heute Tausende gläubiger Menschen. Was tut es diesen, wenn die Jahreszahl falsch ist? oder wenn das Grab wirklich nichts andres ist als die Frucht einer glücklichen Laune eines oder mehrerer Asiaten? Andächtig hängen die Wallfahrer ihre Zeugfetzchen, die das Fieber abwehren sollen, an die Gitterfenster des Grabmals; und die Einwohner von Akschehir bringen dem Hodscha sogar Speiseopfer, und werden die verschmäht, so glauben sie, eine Hungersnot werde hereinbrechen[20].

Die von Akschehir haben ja Nasreddins Macht, Wunder zu wirken, schon zu seinen Lebzeiten verspüren müssen. Als sie ihn einmal erzürnt hatten, ging Nasreddin auf den Akschehir beherrschenden Berg, der, etwa durch ein Erdbeben vergangener Zeiten, gespalten ist; vor diesen Spalt hing er einen kleinen Teppich, und damit machte er es den Winden unmöglich, über die Stadt hinzustreichen und die Wolken über sie zu schicken. Als der Regenmangel empfindlich zu werden begann, schickten seine Mitbürger eine Abordnung zu ihm mit der Bitte, er möge den verwunschenen Teppich von dem Spalte wegnehmen und seiner Vaterstadt einen Regen vergönnen. Der Hodscha ließ sich erweichen; und kaum hatte er den Rand des Teppichs ein klein wenig gehoben, so erquickte schon ein kühles Lüftchen die unter der Hitze schmachtende Stadt, und der Himmel säumte nicht lange, seine wohltätigen Schleusen zu öffnen[21].

Der Hodscha ist aber noch immer ein leicht reizbarer Herr; wenn einer, der an seinem Grabe vorbeikommt, so verstockt ist, daß er durchaus nicht lachen will, so straft er ihn schier augenblicklich mit seinem Zorne. Davon weiß der Verfasser der letzten türkischen Ausgabe ein Liedchen zu singen[22]; geben wir ihm das Wort: »Als wir, nämlich ich, die arme Schreiberseele, die dieses Buch verfaßt hat, mein Vater und der Gatte meiner Schwester, auf einer Reise die Straße nächst dem Mausoleum Nasreddins fuhren, ja dicht an diesem vorüberkamen, sagte mein Schwager: ›Wenn ich jetzt nicht über den Mann lache, wer weiß, was mir da schlimmes zustoßen wird.‹ So sprach er und hörte nicht auf uns, obwohl wir ihn inständigst baten. Als wir nun unter einem herabhängenden Aste einer alten Platane dahinfuhren, verfing sich dieser in dem Sommerdache des Bauernwagens und riß es in Fetzen; die Pferde wurden scheu, und auf ein Haar wäre der Wagen umgestürzt. Das Weinen war uns näher als das Lachen.«

Glücklicherweise können derartige Unfälle nicht oft vorkommen; denn es wird einem Türken recht schwer, bei dem Anblicke des Grabes, der die Erinnerung an Hunderte von Schwänken erweckt, ernsthaft zu bleiben, und ein drastischer Beleg ist dafür eine Geschichte, die Kúnos in Aidin aus dem Munde eines Augenzeugen gehört hat[23]: »Nach euerer Zeitrechnung war es im Jahre 1832, daß wir, als wir unter der Führung Ibrahim Paschas in Kleinasien waren, um den Aufruhr in der Gegend von Konia zu ersticken, auch bei Akschehir vorübermarschierten. Unser Weg führte an dem Friedhofe vorbei, und da entging es dem Blicke des Paschas nicht, daß keiner von den Soldaten, wenn ihre Blicke auf den Turban des Hodschas[24] fielen, ein Lächeln verhalten konnte. Der Pascha ließ halten; als er nun erfuhr, warum die Soldaten lachten, ließ er unter ihnen verlautbaren, wer an dem Grabe vorbeigehn könne, ohne zu lachen, den werde er beschenken. Manchen gelang es auch, das Lachen zurückzuhalten; endlich ging aber ein Albanese vorüber, der seinen Ernst um jeden Preis bewahren wollte. Kaum hatte er jedoch den sonderbaren Turban erblickt, so platzte er auch schon los, obwohl er seine Lippen und Zähne zusammengepreßt und die Augen fest geschlossen hatte, und schrie: ›So ein Mensch ist dieser Hodscha, daß er die Leute, wenn er es schon von oben nicht kann, so doch von unten zum Lachen bringt!‹«

Bei solchen Zeugnissen ist es denn nicht zu verwundern, daß sich eine Legende gebildet hat, die eine Begründung zu geben versucht, daß das Lachen über den Hodscha die Jahrhunderte überdauert hat und daß schon die Nennung seines Namens genügt, um es stets wieder hervorzurufen. Diese Legende, oder besser, dieses ätiologische Märchen, das ich allerdings nur in einer einzigen, serbischen Fassung[25] nachweisen kann, erzählt:

Es lebte einmal ein Evlija, ein Heiliger; er hatte drei Söhne, die alle drei Imame waren. Sein ganzer Besitz bestand in einem Widder. Eines Tages fragten ihn die Söhne: »Was werden wir heute essen?« Der Evlija zeigte auf den Widder. Alsbald sprangen die Söhne auf, schlachteten den Widder und zogen ihm das Fell ab; dann brieten sie ihn und verzehrten ihn. Sie sammelten hierauf alle Knochen, der Evlija stand auf, nahm den Koran in die Hand und betete über den Knochen, und die Söhne sagten Amen. Er betete, sie sagten Amen, er betete und sie sagten Amen, bis zuletzt der Widder wieder lebendig wurde. »Führt ihn in den Garten,« sagte der Evlija, und die Söhne führten den Widder in den Garten.

Am nächsten Tage fragten wieder die Söhne: »Was werden wir heute zu Mittag essen?« und der Evlija deutete mit dem Finger in den Garten und sagte: »Den Widder.« Die Söhne schlachteten ihn wieder, brieten ihn und aßen ihn. Sie sammelten wieder die Knochen und der Evlija nahm wieder den Koran und betete; die Söhne sagten Amen. Er betete und die Söhne sagten Amen, und der Widder wurde wieder lebendig.

Eines Tages ging der Evlija zu einem Grabe. Die Söhne ergriffen wie gewöhnlich den Widder, schlachteten ihn, brieten ihn und aßen ihn; auch die Knochen sammelten sie wieder. Einer von ihnen nahm den Koran und betete, und die andern zwei sagten Amen. Der eine betete und die andern sagten Amen, aber siehe da — der Widder wurde nicht lebendig.

Unterdessen kam der Evlija heim, und er fragte seine Söhne: »Wo ist der Widder? was habt ihr mit ihm gemacht?« Sie zuckten die Achseln: »Du siehst ja selber, was wir mit ihm gemacht haben.« Der Evlija besann sich, wie eben ein Evlija, sofort; er wußte alles, und darum wollte er sie nicht erst schelten, sondern fragte sie nur: »Wer hat ihn denn getötet?« »Der da,« antwortete Nasreddin. Und der Evlija sagte: »Auch er soll getötet werden!« Und er fragte wieder: »Wer hat ihm denn das Fell abgezogen?« »Der da,« antwortete Nasreddin. »Amen auch ihm! Und was hast du gemacht?« »He, he,« antwortete Nasreddin, »ich habe nur gelacht!« Nun sagte der Evlija: »Drum soll es geschehn, daß auch die Leute über dich lachen, und Gott gebe, daß alle Völker, weß Glaubens immer, über dich lachen, solange die Welt besteht!«[26]