Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

Part 9

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Darauf zog er noch mit bis nach Basel. Dort war große Heerschau zum Zuge durch, ja über die Schweiz, nach Zürich, Zug, Altdorf und über den beschwerlichen und gefährlichen _St.-Gotthard_, nach Bellinzona. Schon jetzt waren Wunderdinge passirt; ein Seitenzug des Heers, mehre Tausend, die die Sarazenen schlagen wollten, hatten nicht gewagt, durch einen Wald zu ziehen, worin neun bis zehn Räuber hausen sollten, und schleunig um Schutzwache und Geleit von großen Männern gebeten. Es waren große Gewitter und in der That furchtbare Regenschauer gewesen; die Kinder hatten im Freien übernachten und naß am Morgen wieder hungrig weiterziehen müssen. So hatten Hunderte das Fieber bekommen und vor Angst doch eilend sich die Füße wund und blutig gelaufen unter entsetzlichem Weinen und Singen. Manche hatten sich Beine gebrochen, und so war ein meilenlanges Lazareth am Wege her entstanden. Dazu wurden sie von den fast unzähligen, nur auf Raub und liederliches Leben mit ausgezogenen Spitzbuben und Spitzbübinnen um ihre noch etwa übriggebliebene, für die äußerste Noth erst aufgesparte, an sich schon kleine Habe von ihrer Mitgift und ihrer Reiseausstattung gebracht, und die unter diesen Umständen mehr als grausamen Heuchler und Diebe und Diebinnen, die zu desto größerm Vertrauen gerade in Beguinen- und Beghardenkleidern mit dem Kreuz auf dem Rücken mitgepilgert waren, verzogen sich nun und entliefen aus gerechter Furcht vor dem Schicksale des Zugs so vieler Tausend auf einem meist häuserlosen Wege durch die Schweiz und über die Schneegebirge.

Raimund stand und übersah von einem Hügel das große weite wimmelnde Lager der Kinder, die im schönen warmen Sonnenschein wieder froh waren, und jedem besonders hohen Berge, als dem Berge des Pilatus, ein Zetergeschrei brachten. Er wollte morgen bei Tagesanbruch scheiden und die Scheidenden sehen klar und wahr. Neben ihm standen auch zwei Männer, ein Ritter und ein Priester, die das Leben unter dem Schwarme auch nicht mehr ertragen konnten, und den Zug verlassen wollten. Und der Ritter sprach verwundert: Wenn einem Heere von Rittern hätte ein Zug vorbereitet, geleitet, versorgt, ernährt und ausgeführt werden sollen, wie viel Millionen an Geld und viele nacheinander eintretende Tausende von sorgfältigen unermüdlichen Schaffnern, Aufsehern und Auf- und Nachräumern, und Heerden von Ochsen und Schafen und Pferden würde Das bedurft und gekostet haben -- was hier blos aus _Leichtsinn_ und auf _Mildthätigkeit_ unternommen, und auch, wie bei uns Erwachsenen, zu nichts, als _zu einem ebenso jämmerlichen_ Ausgange gebracht wird.

Und Raimund sagte bewundernd: Wie leicht und süß sterben doch Kinder! Ich habe da ein Mädchen sterben sehen -- dagegen ist aller Rittermuth lächerlich! Da ist kein Glaube; da ist nichts als _Kinderherz_, noch nicht ängstlich gemachte, reine schuldlose Kinderseele! Sie schwebt auf und fort, wie ein ausgehauchtes Flämmchen! wie der unsichtbare Duft einer Blume! Und wenn diese Kinder alle die Teufelsbrücke hinunterstürzten oder gestürzt würden, sie fielen alle selig in den Himmel in ihrem Kopfe, in ihrem Herzen.

Ich muß es sagen, die Kinder ertrugen unzählige kleine und für sie große Beschwerden -- _mit gar keiner Geduld_, nur mit fröhlichem Sinn aus Eifer, und weil ihrer Tausende das Gleiche ertrugen. _Wie viel schwerer könnte der ganzen Menschheit das Leben sein, und es würde auch noch gelebt und zu Ende getragen!_

Und der Priester hielt schon lange seine Hände gefaltet und sprach jetzt betrübt: Da seht nur unten den Wirrwarr! Die Messe wie vor den Kirchthüren! Alle stehen da untereinander, kaum die einigen hundert Priester und Geistlichen, alle unter gleichem Gewande, der Sklawine der Kreuzfahrer. Dort nur haben dir Weiber sie abgelegt und waschen sie. Mädchen waschen ihre Läppchen und Lümpchen und hängen sie zum Trocknen auf Sträuche und Zäune -- wie den Engeln hin. Andere nähen die Löcher und Schlitze zu, schneiden die Fetzen und Zumpel von ihren Röcken und stopfen noch einmal die letzten Strümpfe, oder schleudern sie fort. Da ist kein Schrank, keine Truhe, keine Vorrathskammer, woraus die Mutter den Schaden ersetzen könne und etwas Neues geben, und das Alte geht zugrunde. Und nun erst innerlich den Schaden zu besehen, _um ihn zu verschweigen_; -- Ihr wißt wol, daß alle Welt, die Augen und Ohren hat, weiß . . . wie es schon auf Processionen zu einem heiligen Bilde hergeht; am liebsten auf einer, wo ein Nachtlager _hin_ und ein Nachtlager _heim_ sehr angenehm ist, in schöner Sommernacht, selbst unter freiem Himmel; oder in Schuppen und Scheunen und Bansen, auf Stroh- und Heuböden, wo natürlich kein Licht geduldet werden darf. Ihr habt wol gehört, wie sich die Züge _erwachsener_ Pilger und Kreuzfahrer gewöhnlich nicht durch _besondere_ Heiligkeit auszeichnen, da sie blos mit dem Glauben und dem beschwerlichen und gefährlichen Kreuzzuge allein schon allen andern Ansprüchen an Menschenglauben genug zu thun und dabei _keine_ andern Pflichten und Gebote für Menschen mehr besonders genau zu beobachten hätten, weil sie im _Voraus_ schon Vergebung aller Sünden auf ihre Zugzeit erhalten haben, -- ebenso verdient die Aufführung unserer jungen Kreuzfahrer und Kreuzfahrerjungen und -Mädchen -- vermischt mit so vielem Gesindel, das nur, _weil es nichts taugt_, mit ihnen gezogen ist -- wol keineswegs der Hülfe Gottes, oder der Maria und Magdalena zu ihrem Leben. Wie viele Aergernisse hat es schon gegeben, die alle vertuscht werden, um die Heiligkeit zu bewahren! Und wohin werden sie nun kommen? So Gott will nach Italien, in die warmen italienischen Nächte, in Haine bei Mondenschein und Nachtigallengesang!

Raimund sah den Priester an und mit dem gewissen Blick in die Augen, und dieser »Reine« sah ihn wieder _so_ an, und Beide erkannten sich als Genossen _eines_ Glaubens.

Sie hatten schon lange viele Rheinkähne von Hüningen herauf- und von Schaffhausen herabkommen, anlegen und ausladen gesehen. Als sie darauf bei Sonnenuntergang in das Lager hinabstiegen, sahen sie die kleinern Knaben warme Jacken und Hosen, zum Unterziehen unter die leinenen kalten Sklawinen, sich nach Hause tragen; die größern und größten Mädchen aber trugen sich Säcke heim, die inwendig und auswendig mit Wachs bestrichen waren, und die Säcke sollten über die Berge auf der dorflosen Straße ihre Betten sein, in die sie zur Nacht hineinkriechen und die sie mit den Bändern unter dem Kinn sich fest zubinden _sollten_. Damit schien ein doppelter Nutzen beabsichtigt zu sein von den geheimen Rathgebern des Nikolas, der einen besondern und wirklichen Hirtenbrief an die andern Hirtenknaben erlassen. Ein frommer Priester hatte aus frühern Jahren an die _muthigen Schwestern_, die »_Syn-ei-Sactas_«, erinnert, die das oft gelungene, oft mislungene Kunststück gewagt, unter Jünglingen und Männern muthig und getrost zu schlafen, und sich zu bewähren; aber aus den »_Sacktes_« hatten sie hier übelverstandene »_Säcke_« gemacht, die herbeigeschafft worden, und in welche zu fahren die redlichen Mädchen sich freuten und sie schon probirten.

Sie hatten dann ruhig und selig darin die Nacht geschlafen, aber es war gegen Morgen durch Fahrlässigkeit Feuer ausgebrochen; die Säcke hatten geschrien, sich fortgewälzt, sich selbst nicht erlösen können, und Keines hatte das Andere, vor zitternden Händen, aufknötern können -- und so waren sie fortgehüpft, niedergefallen, wieder mühsam aufgestanden, und bei dem Feuerscheine hatte es ausgesehen wie eine ganz eigene Auferstehung von den Todten, oder von großen graugelben Ameiseneiern mit menschlich schreienden Köpfen.

Verbrannt, nicht einmal angesengt, war glücklicherweise kein Mädchen.

Das war das letzte Bild, das Raimund, bei seinem Aufbruch zu seinem Wagstück, von den armen Kindern in seiner Seele mitnahm.

Fünfzehntes Capitel. Die mehr als tödtliche Wunde.

Raimund, der treue Bruder, hatte einen sichern Ort im Walde unfern der Straße gefunden, seinen Diener auf dem Wege zurückgeschickt, um voraus berichten zu können, wenn die Tochter des gleichsam für sie gestorbenen Vaters käme. Da sie aber gewiß nicht die Nacht, noch bis Spätabend reisten, so mußte er die Aufhebung am _Tage_, also gleichsam im Fluge vollbringen, und seine redliche Seele befahl ihm obendrein: Niemand dabei zu tödten. Endlich erst den letzten Tag der Woche berichtete der Diener eilig herbeifliegend: Sie kommen! Sie sind es!

Er erblickte sie gegen Abend. Er und seine Leute ritten _mit ihnen_, als von einem Seitenwege kommend; sie grüßten sie und unterhielten sich zutraulich lange mit den zwei Reitern. Endlich war die Straße weit hinauf und hinab frei von Menschen. Und es kostete dem guten Raimund eine menschenunwürdige Ueberwindung: die getrostgemachten Reiter auf einmal zu überfallen und als Feinde -- ja von ihrem Widerstande gezwungen -- als Todfeinde gegen sie aufzutreten; ja sein redlicher, wahrheitredender Geist im Leibe wollte sie sogar warnen, und er bannte ihn nur mit Gewalt, da er Frederune aus der Sänfte rufen hörte. Sie hatte ihn also erkannt. Er foderte kurz mit blankem Schwert, daß sich die Führer ergäben, indem er, abgestiegen vom Pferde, auf den vordersten eindrang. Und sichtbar übermannt von den Andern ergab er sich. Wie aber Raimund ihn binden wollte, stolperte er, fiel auf das Gesicht und der andere Führer stach ihn mit seiner Lanze in den Nacken, in den Sitz des Lebens, bis auf das Mark. Er blieb ohne Verstand liegen; aber seine Leute banden den Führer und dessen gefangenen Gefährten mit Stricken, knebelten sie, führten sie hinter die vordersten Bäume des Waldes und banden sie fest, jeden an einen besondern Stamm, daß keiner den andern losbinden, aber sich später Hülfe erschreien könnte. Drauf schlossen sie die Sänften mit den den Wächtern vom Halse abgenommenen Schlüsseln auf, sahen hinein, und bedrohten die von Rom Erlösten, drinnen zu bleiben; schlugen die schwarzen Kreuze und Todtenfahnen vor den Sänften, banden den haltlosen verwundeten Ritter Raimund auf eins der Pferde, und so eilten sie schnell von der Straße rechts hinein auf die zuvor gewählte Straße im Thale der Aar hinauf.

Raimund kam erst am andern Morgen im ersten Nachtlager in einer einsamen Mühle zu deutlicher Besinnung. Er hatte wenig Blut verloren, und die Freude des Wiedersehens mit der erretteten Tochter seines Bruders, und ihr und ihres Geliebten Dank für die Errettung war unaussprechlich und wurde nur geweint. Die Befreiten ließen ihre entsetzlichen Kleider in die Aar werfen und vertauschten sie mit Kleidern von Bäuerin und Bauer. Sie fuhren dann, zu schwach zum Gehen, auf einem Schweizerwägelchen weiter, und an nächster einsamer Stelle verbrannten sie die Sänften und verschenkten die Maulthiere an arme Leute. So gelangten sie nach Lausanne und fuhren im Schiffchen über den See nach Genf, von den selbst Unglücklichen, Vater und Mutter Savern, mit Thränen und mit der Hoffnung aufgenommen, daß ihrem guten Sohn auch seine Rettung -- aber einer gewiß auf zeitlebens unglücklichen Tochter -- gelingen werde. Das gerettete Paar aber war noch und blieb so furchtsam, daß sie vor jedem Kreuze schauderten und die Augen zudrückten, vor Glocken sich die Ohren zuhielten und schon darum nach der Meierei übersiedelten, weil an ihr kein Weg hin oder her, noch vorüberführte; wo kein Thurm, keine Kapelle rundum sich sehen ließ, noch ein Kreuz nur -- wie aus Schonung ihrer gepeinigten Seelen -- es wagte, wo im Walde zu stehen oder von einem Berge in das ihnen heilige Thal zu blicken.

_Hier_ war kein Feiertag, kein Sonntag; sie hörten keine Glocke, als eine selige Schafglocke oder eine wie himmlische Kuhglocke. Sie lebten hier unbeneidet in wahrer treuer Liebe als bloße _natürliche_ Menschen in Hirtenkleidern -- _und machten Käse_. So hoch hatten sie sich sogar noch über die Katharer da draußen, über die _Reinen_ erhoben und unter dem treuen, blauen, stillen, klaren Himmel verklärt.

Raimund, wieder leidlich bei Kräften, meldete der Mutter der geretteten Tochter, in nur ihr verständlichen Worten, nach Köln die Ursache zu größter Freude; gab den jungen glücklichen Leuten einen Schatz an Golde, der auf Lebenszeit für sie langte; sehnte sich nach dem zerstörten Beziers, wollte auch seine noch außenstehenden Gelder einziehen und reiste über Lyon, die Rhone hinab, und pilgerte, als sicherer Kreuzfahrer verkleidet, von Montpellier nach der schaudervollen Stätte der Asche seiner Gabriele und seiner Kinder.

Das ist das große allgemeine Glück, die sicher und froh machende Naturgabe, daß sich Alles, was lebt, für klug und verständig hält: die Menschen, die Männer und Weiber alle, die Blinden und Tauben, die Kinder wie die Alten, sogar Bär und Schlange, Spinne und Biene, ja, daß selbst die Irrsinnigen gar nicht wissen, daß sie nicht bei Verstande sind. _Und das wußte Raimund auch nicht._ Sein eigenes Schicksal, das grause Geschick der Seinen in der Fremde, der Tod seines Bruders, und die Ursache, warum er gestorben, und zuletzt der Stich mit dem Schwert in den Sitz seines Lebens _hatten ihm gleichsam die Erlaubniß erwirkt, nicht mehr bei richtigem Verstande zu sein_; also Unvernünftiges -- _jedoch immer noch mit angeborener Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit_ zu thun; aber _Unmögliches_ zu wünschen und _Vergangenes_ mit _Zukünftigem_ oder _Gegenwärtigem zu verwechseln_. Er saß ganze Nächte bei Mondenschein in den Trümmern seines Hauses, er sah sein junges Weib wieder wie sonst darin wandeln; sie vor ihm stehen bleiben, ihm die Hand auf das Haupt legen; ja, sein geheimer Geist sprach als ihre Gestalt zu ihm, und er zerschmolz in Thränen. Es war ihm einst, als wenn ein _Licht in ihn falle_, und da in der That _sein Weib_ oder Mädchen _der Irmengard_ sehr ähnlich gesehen, so war Irmengard nun sein Weib geworden oder gewesen, und sein Weib, sein zu Kohlen verbranntes Weib, war nur Irmengard; was ihn mit frohem Schauder durchzuckte und mit betrübter Sehnsucht nach dem Engel durchglühte, der den Kindern gepredigt hatte und jetzt ihm verloren war. Aber er hoffte auf ihre Wiedererscheinung und unbestimmtes Glück und Leid. Er fand in den Kohlen seiner Kinder schwarze Knöchel -- er fand seines Weibes braune Hand und noch ihren Ring daran, den sie ihm zu schenken schien und den er ansteckte. Ihm war heilig und gewiß: _diese Gestalt konnte nicht verloren sein!_ sie mußte _wo_ sein! _wer_ sein! sie konnte Irmengard sein, die vielleicht vorher nicht gewesen, es erst geworden, oder von den Todten herauf- oder vom Himmel herabgestiegen, als er sie zuerst gesehen und leider sie so geschmäht und gescholten! Und er konnte es nicht mehr in der verkohlten schwarzen Stadt aushalten. Aber diesen ihm tröstlichen Wahnsinn _glaubte er nun_, und er zog mit ihm fort.

In Marseille vernahm er von tausend Augenzeugen die Einschiffung des Hirtenknaben St.-Etienne mit seinem Kreuzzugsheere in sieben großen Kauffahrteischiffen der beiden verdächtigen Männer, des _Hugo Ferreus_, oder des eisernen Hugo, und des _Wilhelm Porcus_,[A] welche die Kinder für Himmelsgesandte gehalten, weil sie ohne Fahr- und Kostgeld ins Gelobte Land, und so bequem, ohne einen Schritt thun zu dürfen, großmüthig sie aufgenommen. Er hörte auch, daß zwei überladene Schiffe voll Kinder bei der Insel _San-Pietro_, an der Spitze von Sardinien, gescheitert und untergegangen, und die See die kleinen jungen Leichen alle der Erde auf ihr grünes Ufer geschwemmt. Es ging ein Schiff nach Cagliari, welches dort ausladen und mit neuer Ladung von dort nach Genua steuern wollte, und er ließ sich auf der kleinen Insel aussetzen, wo die Bauleute eine Kirche »_der neuen unschuldigen Kinder_«[B] gründeten, wozu zwölf Präbenden kommen sollten. Umher lagen über die Tausend Kinder begraben. Aber in einem Gewölbe besonders lagen nur beigesetzt in steinernen Särgen einige Knaben und Mädchen, die wie vom Tode nicht berührt _unverwandelt frisch und wunderbar rührend dalagen_; vor Allen der prächtige Knabe _St.-Etienne_, an dem kein Auge sich satt sehen konnte. Ohne an einen Heiligen zu glauben, konnte Raimund sich nicht enthalten, dem vom Geiste geführten Seligen die Hände zu küssen. _Kann ein Wahn so schön sein?_ Kann er solch Rührendes auf der wahren Erde, unter der wahren Sonne, wie eine Himmelserscheinung für die Sterblichen hervorbringen? fragte er sich. Er vertauschte heimlich seinen Rosenkranz mit ihm -- und zum Erstaunen sprach sein Geist dazu: »Schlag' ihm doch lieber einen Zahn aus! der ist etwas Wahreres, Leibliches.« Aber des himmlischen Knaben todte Mutter, die Allen für eine Heilige gegolten und jetzt gleichsam getreulich in der einfachen Kleidung einer Hirtin von der Loire neben ihm _ebenso unverwandelt_ dalag, sprach jetzt sehr sanft und anschauernd: »_Lasse den Todten ihr Todtes! Wir Todten sind so schon bettelarm._« Und er gab ihrem Knaben seinen Rosenkranz wieder in die Hände.

[Fußnote A: Albericus.]

[Fußnote B: Albericus.]

Ueber alle die Trauer hatte er sein Gold und _seine Schuldner_ vergessen.

Das Schiff holte ihn ab, und er stieg wie aus einem Traume in Genua ans Land.

Sechzehntes Capitel. Trauer und Freude.

An der anfang- und endelosen Welt _hieß der Tag_, zur Erkennung und Wiedererkennung -- wie ein Hirt seine Schafe zeichnet und zählt -- und somit auch _war_ den Menschen der Tag wirklich: der 27. August; ein sogenannter Mondtag, ja sogar »Mariä Himmelfahrt«; indeß kein Orangenbaum, kein Sperling auf dem Dache, keine Glocke, ja alle Thürme und Kirchen das Geringste davon wußten oder nur ahnten, sondern in der Sonne standen, hallten, blühten, schrien und flogen im _ewigen Leben_. Und der _deutsche Kinderkreuzzug_ war »_vorgestern_«, den 25. August, an einem sogenannten Sabbath, in Genua eingezogen.[A]

Raimund ging mit seinem treuen Diener nach der schönen Straße _Balbi_, nach dem Palast seines reichen Handelsfreundes Vivaldi, welchen er auch seinem Freunde _Savern_ zum Ort des Wiederfindens empfohlen hatte. Unterwegs sah er nur einige abgerissene blasse Kreuzzugsknaben an den Thüren betteln; auch Frauens_personen_ -- Frauen_zimmer_ war zu nobel für sie gesagt. Sie sangen _deutsche_ Lieder, die ihm hier in der Fremde vor Unglück um Brot gesungen -- die Seele zerschnitten. Er schämte sich zu fragen, sie anzureden. »Hier muß was vorgegangen sein!« sprach sein leiblicher Geist.

Er ward wohl aufgenommen und prachtvoll logirt und bewirthet, _denn_ der Handelsfreund war ihm schuldig! Raimund frug geschwind, ob nicht sein Freund, er heiße Savern, aus Aegypten angekommen sei, wolle Gott mit einem Frauenzimmer? oder, wollte Gott nicht: allein, und ob er gleich wieder weiter gereist?

[Fußnote A: Ogerii annales Genuenses.]

Aber er hörte ein besorgliches Nein; daß aber zwei Schiffe in Pisa dieser Tage angekommen aus dem Morgenlande. Dagegen führte ihn sein Handelsfreund in den geräumigen Hof, und in einen Schuppen mit allerhand Kisten und Tonnen. Mitten darin stand eine gichtbrüchige Karrete, die ein Spötter einen Hundestall auf vier Rädern genannt haben würde. Und wirklich lag ein Hund darin, und wie die Vögel zum Schlafen oder zum Sterben, den Schnabel unter den Flügel gesteckt, so lag er zusammengerollt, die Schnauze unter das Hinterbein. Raimund schlug die Hände zusammen, und rief: Phylax! Phylax!

Phylax richtete den Kopf in die Höhe.

Raimund streichelte ihn, und der Hund leckte ihm die Hand; aber abgehungert und elend, konnte er nicht mehr aufstehen, und man sah nur, daß er mit dem Schwanze wedeln _wollte_. Raimund, vor Wehmuth außer sich, sprach mit tonloser Stimme: Nun, mein Phylax, erzähle mir Alles aufrichtig; denn es ist vor deinem Tode!

Und nun ließ er den Hund sprechen, und hörte andächtig den Worten zu:

Ja, ja, mein lieber Herr Raimund, lebt wohl! Ich, ich muß nun hier in der Fremde sterben, geschieden von meiner Heerde, die ich nie mehr wiedersehe auf Erden, und im Himmel erst recht gewiß nicht, wenn Schafe nicht auferstehen. Aber wir waren doch hier Schafe und Hunde, und gute! Grüßt mir meine Frau Diane auf ewig, und unsere sieben Kinder, besonders das jüngste, den geborenen Stutz; das wird ein Hund, _so gut wie ich!_ Ich muß mir meine Leichenrede nur selbst halten! Nun sterbt Ihr auch einmal wohl! Einmal ist genug!

Darauf bellte Phylax wirklich selbst noch einmal, aber mit allen Kräften nur schwach.

Seine Wirthsleute mit ihren Kindern, Knaben und Mädchen, umstanden ihn, und die Knaben ergriffen einen Wagbalken, den verhexten Hund zu erschlagen. Aber Raimund wehrte ihnen und sprach: O, das ist noch gar nichts! Wie prophezeieten da erst andere Menschenkinder jetzt bei uns und überall. Es ist einmal eine Wunderzeit! Uebrigens ist das Erschlagen eines Todten beinahe überflüssig, sowie die todten Juden zu taufen -- denn Phylax ist todt.

Er legte ihn sich zu Füßen, schob seine vor Schwachheit nicht angerührte Speise, eine Salamiwurst, beiseite, und setzte sich selbst in den Wagen, hielt auch dem todten Wagen die Leichenrede, und sprach:

Wie es von allen alten Thronen aller alten Könige, Pharaonen und Kaiser der Erde nicht Einen mehr gibt, sondern zuletzt bis auf den letzten vermorschten sie alle zerhackt und verbrannt worden, so steht nun hier todtenmüde im Gerümpelschuppen die ebenso heilige Karrete des Nikolas, in Grund und Boden zerfahren und zerrädert, mit ihrem in Fetzen herumhängenden Baldachin. Er war auch einmal in dem »1212« gescholtenen Jahre eine flüchtige, nichtige _Erscheinung von Holz_ gewesen, wie Sesostris' von Königen gezogenes Fuhrwerk.

Er saß darauf ganz still. Die Thränen drangen ihm in die Augen, indem er an seine liebe Irmengard dachte; aber er getraute sich nicht nach ihr zu fragen, da er sich scheute, das Erbärmlichste, ihn Erbarmendste zu hören, am liebsten noch ihren Tod. Aber seine Wirthsleute, der Mann, die Frau und die Knaben umstanden ihn, und erzählten ihm den Aufruhr in ihrer Stadt diese drei Tage her abwechselnd in den Wagen hinein. Und die bewegte Frau sprach zuerst:

Was wir diese drei Tage her ausgestanden, das kommt in unsere Chronik! Schon lange summte es aus den Alpen: »ein unwiderstehlicher Kreuzzug kommt!« Dann war er über den Gotthard! . . . Als er in Mailand sein sollte, ward unsern Herren Angst; sie schickten Boten über Boten; denn Niemand glaubte es, und der Schrecken habe sie nur Geister, und die Geister als Kinder sehen lassen! Aber unsere Waffenröcke besetzten dennoch die Mauern, und die Landthore wurden verrammelt. Unsere Herren hatten Ursache, sich vor den Deutschen zu fürchten. Denn wir hatten es mit _dem Papst gegen den Kaiser Otto_ gehalten, und die Rache dafür konnte zugleich durch den einen Kreuzzug mit abgethan werden, wie in Konstantinopel; _denn so ein Herr hat ein Gedächtniß_ für Jeden, der nur ein unangenehmes Wort gesprochen oder nur eine Faust in und mit dem Schubsacke gegen ihn aufgehoben. Gott bewahre! Aber was war es? Wer kam?

Ja, Mutter, erzählte ein Knabe darein, wir liefen auf die Thürme und sahen auf der Höhe, ganz nahe über der Stadt, ein Heer Kinder, Kinder alle auf den Knien vor Freude weinend und Danklieder singend, daß sie das Meer erblickten, das uns nur ein silbernes Waschbecken ist. Unser Rath bekam da Muth, lachte und stieg selbst hinauf zur Höhe, und einige haben die Kinder befühlt und endlich geglaubt, daß es wirkliche natürliche Kinder wären, nur verhungert, zerlumpt, als wenn alle armen Deutschen ihre Bettelkinder in die Fremde gejagt.

Ja, sprach der Hausherr, so zogen sie dann _mit Erlaubniß der Barmherzigkeit_ zum Thore hinein, füllten die Straßen und Märkte und setzten sich; denn sie konnten nicht mehr auf den Beinen stehen. Und, du lieber Gott, da ließ der Herr Petrus über sie regnen -- daß sie aus guten Gründen aufstehen mußten.

Ich hätte lieber Manna über sie regnen lassen, sprach eines der Mädchen, und die Sonne über sie scheinen, so warm, so warm!