Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

Part 8

Chapter 83,458 wordsPublic domain

Ich sende Euch dieses Schreiben mit meinem Reitknecht, der uns Schnecken bald wieder einholen wird, um sichere Nachricht von Euch zu erhalten: _Wann_ Irmengards tapfere Schwester mit ihrem getreuen Mitleider nach Rom eingeliefert werden soll? Welche Art der Reise etwa von Kloster zu Kloster vorgeschrieben . . . und welche und wie starke Begleitung beigegeben sein wird? -- Ich, ich habe schon einige verwegene, gediente und verjagte Ritterknappen mir immer in Vorrath, noch ohne ihr Wissen ausgesucht aus dem Schwarme.

Zwölftes Capitel. Zweiter Bericht aus Speier.

Ich weiß also alles Nöthige, und freue mich. Haltet den Narren nur warm, diesen in aller Stille mächtigen Herrn, der tausend Gutes durch Späße wirkt und es _zu thun_ keinen Finger zu netzen braucht. Das ist die Geistermacht und auch der Geist steckt an, fange ich an zu glauben, nicht blos das Herz. Es freut mich für dich, mein Ramon, daß du auch dem alten braven Herrn das Licht seines Leibes erhalten kannst und wirst. _Können_ ist eine schöne Sache, ein Absenker der Allmacht, und Wissen ist sein Vater. Hier sind so viel Grabmäler von _gestorbenen_ Kaisern, daß Einem ordentlich frei und hoffnungsreich und groß zu Muthe wird. Doch das beiseite.

Unsere Heeresmacht, die beim Auszug, ohne die geistlichen Herren, nur etwa 7000 Mädchen und Knaben betrug, hat sich bis jetzt durch Aufnahme und Mitnahme von andern auf unserm Wege und durch Zuzüge aus dem breiten Flußgebiete bis über die Hälfte vermehrt, und durch weitere Verstärkung werden wir mit 20,000 jungen Kreuzzüglern die Alpen übersteigen, wobei die Kinder durchaus darauf bestehen, den Pilatusberg zu betreten oder aus der Ferne zu beaugen. Sie werden dann -- denn wahrscheinlich werde ich wegen meines Seiten- und doch Hauptgeschäfts nicht mit dabei sein -- ihren Weg von Basel über Zürich, den St.-Gotthard, Bellenz, Mailand und Pavia nach _Genua_ nehmen. Aber welchen Weg! Einen Heuschreckenweg! Denn ich will Euch zum Andenken nur Einen Tag beschreiben.

Früh knien Alle nieder und beten, das Gesicht nach Morgen gewandt. Dann gibt jeder Hauswirth einer zu Nacht bei ihm eingefallenen Kinderschar aus allen seinen Leibeskräften ein Frühstück, und sie packen sich die Pilgertaschen noch voll. Alles was Beine hat, begleitet dann mit der singenden Geistlichkeit den Zug zum Dorfe oder der Stadt hinaus, und, von Boten geführt, vereinigen sie sich vorwärts und den Ortschaften zur Seite auf der angenommenen Hauptstraße. Für unterwegs haben wir _Reise_gebete, wie die Geistlichen welche haben, nur den Umständen angepaßt, weggelassen oder zugesetzt von dem wirklich bewundernswerthen klugen, wie allwissenden Nikolas. Kreuze am Wege, Kirchen, Kapellen in der Ferne werden mitgenommen -- das heißt begrüßt mit Kniefall. Bienenkörbe auszunaschen ist verboten, weil es Vielen sehr schlecht bekommen. Ein sonniger Wald voll rother Erdbeeren ist eine köstliche Labung, auch eine Ruhezeit. Aus den Orten kommen uns Processionen entgegen und wir singen uns einander an; da wird auch wol wieder Eins geweint. In den Orten, wo uns Nikolas weislich voraus ankündigen lassen, werden wir zum Mittagsessen eingeladen und von Weibern und Kindern in die Häuser geführt, wo bald Alles von den Tischen verschwindet; denn die armen Hungrigen essen (mit einem »fr« davor) wie Heuschrecken, nur wie riesenhafte zweibeinige. Darauf wird gedankt im Namen des Herrn. Darauf wird gewaschen und satt getrunken, und der Stab weitergesetzt unter Kinderbegleitung, von denen die größern uns den Weg weisen auf die Seitenwege, da wir dann _in der Breite_ marschiren, und weil ein Strich Dörfer auf einer Straße uns nicht ernähren und Nachts beherbergen könnte. Die meisten gehen barfuß und lernen es recht gut. Viele haben sich einander die Haare vom Kopf geschoren, um gewisse Kümmernisse loszuwerden, und lagen wie Lämmchen den Andern im Schoose. Das war eine große Wollschur der armen geduldigen Schafköpfchen. Fromme alte Weiber nahmen sich ganze Schürzen voll mit nach Hause zu ewigem Andenken. Die Kinder können unmöglich immer weinen und beten und singen -- das verzieht sich so vor den tausend kleinen Wandersorgen. Denn in der Nachmittagszeit laufen die Knaben wol nach Eichhörnchen, kriechen nach Vogelnestern, und die Mädchen, schon große Trullen dabei, spielen Ball mit den Knaben und necken und werfen sie -- aus lieber Natur! Oder sie spielen _Leinwand_, und die Katze, die Wächterin, miaut erbärmlich, wenn dem Herrn wieder eine Elle Leinwand vom Diebe gestohlen ist. Aber plötzlich stehen sie, wie heim auf ihre Spielplätze gezaubert, und fangen an bitterlich zu weinen. In der Abendstunde baden Knaben und Mädchen, weit genug durch Gebüsche voneinander geschieden, in den Bächen, und krebsen wol auch darin. Indeß sitzen Andere und flicken sich ihre Sachen. Oder die mitgekommenen Weiber und Weibspersonen waschen an den Ruhetagen ihre Lümpchen und Läppchen und Tüchel, und flicken die zerlaufenen Strümpfe, oder machen aus den nicht mehr fadenhaltigen Bälle, -- und die kleinen erschöpften Wandersleutchen pflegen sich und werden gepflegt. Die schlimmste Krankheit ist das Heimweh, wobei die Kleinen _untröstlich_ weinen und immer rufen: »Ich will heim! . . . Ich will heimgehen . . . Ich will zu meiner Mutter!« . . . oder Andere, schon etwas von kindischer Vernunft wie Angebrannte, klagen: »Ach, wäre ich doch zu Hause geblieben! Wie gern wollt' ich folgen! Wie wird meine Mutter weinen!«

Und was würden die Mütter, die Väter und Geschwister sagen, wenn sie das sähen! -- Und ich sehe es gleichsam für Alle, und fühle es für Alle, denn ein Mensch fühlt wie Tausende, und keiner mehr noch anders. Solche Kleine behalten gütige Mütter bei sich und versprechen ihnen, sie nach Hause führen zu lassen, oder auf Kähnen, auf Frachtwagen mit. Da lachen sie himmelsfroh! Andere sind wirklich krank und werden untergebracht in Klöstern oder Hospitien von Begharden oder Beguinen -- wo welche sind! Sie sollen mit den andern Reconvalescenten und mit den Lahmen nachhumpeln und nachhinken! Die Kreuzknaben sind von Allen geehrt. Füllen sie Sonntags die Kirche, dann müssen sie sich setzen und die Gemeinde steht. Die dann zu Hause bewanderten Knaben dürfen als Chorknaben ministriren, und die Einheimischen ziehen ihnen ihre Amtskleider sie bewundernd an; ja, die Kinder der Einwohner lassen ihnen den Vorrang, auf den Thürmen die Glocken zu läuten, und freuen sich, daß sie an den Stricken und Strängen sich gerade wie sie selbst von der zuletzt ausschwingenden Glocke mit dem Kopfe bis an die Decke _hinaufreißen_ lassen -- was uns einen Todten gekostet, mit dem alle Einwohner zu Grabe gingen. Unser Nikolas, jetzt mit dem Anstande eines vornehmen Edelknaben oder Grafensohns, läßt manchmal seine Irmengard fahren, und wenn er sie zu Hause als Hirtenknabe kaum Sonntags von Ferne sehen und grüßen durfte, so hat er sie hier draußen in Gottes freier Welt, unter Blütenbäumen sitzend, oder an Quellen im Walde, und sie macht einen Kranz, den er zuletzt immer bekommt, aber ihr hold auf das geneigte Köpfchen setzt. Seit unsere Irmengard als Engel gepredigt, hat sie mich durch Schönheit und Begeisterung zu sich bekehrt. Natürlich ohne Eifersucht, fühle ich Neid gegen ihren Seelenbeherrscher. Fast kann auch kein Mädchen _meinem verlorenen jungen schönen Weibe_, meiner Gabriele, in ihren Mädchenjahren, _wo ich sie lieb gewann_, ähnlicher sehen, als Irmengard. Und daß sie in seinem Wagen fährt, den immer sich abwechselnde, sehr rüstige Knaben mit Herzenslust ziehen, daß die Räder bald zerbrechen, hat auch irdische Ursachen: denn in der wie heiligen Karrete ist immer ein wohlschmeckender Vorrath an Trank und Speise -- Schinken, Rheinlachs, allerhand Klostergebäck und Flaschen vortrefflichen Rhein- und Neckarweins, die ihm die Frommen verehrt, und den er ihr kredenzt aus dem einzigen Glase des ganzen Heerzugs.

Der langbeinige Wegweiser ist also geheilt -- denn er ist nicht nachgekommen; auch nicht die Kinder aus der Lindenburg. Aber andere in der Stadt, die von den Aeltern in Keller und Kammern schon vor dem Auszug eingesperrt gewesen, aber von dem Lauten und Rufen und alle der, als Geräusch nur vernommenen Begeisterung des Auszugs so ergriffen -- sind so hinterlistig gewesen, erst einige Tage nachher, nicht mehr bewacht, theils zu Fuß zu entlaufen, theils in Schiffchen, Rhein zu Berg, uns nachzufahren. Da war Freude!

Dreizehntes Capitel. Der Mädchenbezauberer.

Heut' berichte ich Euch ein Neues, das die Verbindung von Morgenland und Abendland mitgeführt hat und welches noch viel Anderes, Schlimmeres und Besseres, mit sich bringen wird. Unausbleiblich. Die Sarazenen werden uns in Europa den Gegenbesuch machen und die Tataren sich bis in das Herz von Deutschland wälzen, Konstantinopel sich erobern und Rom zu vertilgen drohen, als den Krater von alle dem Unheil, die Lavaströme. Gewiß!

Also! Ich sitze in unserm lieben deutschen Strasburg, auf der Rheinbrücke von Kehl, darauf gegangen. Die Abendsonne schien prächtig den aus der Stadt wandelnden oder reitenden Menschen in das Gesicht. Kommt gerade ziemlich einzeln ein Reiter geritten. Sein Pferd glaubte ich gesehen zu haben und es zu kennen; zuletzt selbst ihn -- und ich besann mich: von jenem Abend her, da wir nach Köln einritten, wo er plötzlich einem uns begegnenden jungen Reiter in auffallend schönen, reichen, wie goldenen Locken auf der Straße zurück nachsprengte, erhitzt wiederkam, von uns schied, und der uns, in den nur acht Tagen darauf, nicht aufgesucht und uns nicht vor Augen und Ohren gekommen.

Er war's; auch schon wieder auf Reisen, wie ich. Als er mich sah und wiedererkannte, hielt er, stieg ab, ließ das Pferd seinem Knechte, nahm mich unter dem Arm, und wir gingen stumm von der Brücke rechts am gerade menschenleeren Strand hinunter. Sein erstes Wort war: Ich reise nach Alexandrien. Ja, sprach er, als ich überrascht ihm ins Gesicht sah. Hört eine wahre, noch unerhörte Geschichte.

Ich unterbrach ihn nicht, und er erzählte, oft sich selbst nur mit Ausrufen des Schmerzes, der Wuth, der Trauer und der Hoffnung das Herz erleichternd, mir folgende Jammergeschichte:

»Vor drei Jahren um diese Zeit kam ein junger Mann zu uns in unser Landhaus am Genfersee. Wie er sich eingeführt, das weiß ich nicht; denn ich war auswärts gewesen und kam erst zurück, als ich meine Schwester schon als seine Braut fand, die sterblich -- leider sterblich -- in ihn verliebt war. Und sie wäre unzweifelhaft lieber gestorben, als ihn nicht zu besitzen, ihn zu verlieren oder je zu verlassen. _Was kann ein Bruder dazu sagen_, dazu oder davon thun! Die Brüder sehen das so mit an, als eine natürliche, wenn auch neue und überraschende Entfaltung ihres Haus- und Familienlebens, und machen Brüderschaft mit dem Schwager und er mit den Schwestern der Braut. Wird doch selbst ein neuhinzugekommener Sperling unter einem Flug Sperlinge aufgenommen und fliegt mit dem zusammensichhaltenden Volke. Er gab sich nicht nur für einen Griechen aus, sondern seine Thaten werden Euch zeigen, daß er wirklich einer war von jenem unglücklichen Volke, das jetzt seinen Kaiser, seine Hauptstadt und Alles verloren: Ehren, Würden, hohe einträgliche Aemter und Handel und Wandel. Und _wo die Rache ins Unglück fällt_, wie Gift in Milch, da ist Alles möglich, und wenn nicht verzeihlich, doch erklärlich. Doch ich überstürze mich. Aeltern mußte er doch gehabt haben, und so war es auch glaublich, daß sie in Kreta wohnten, und daß sie von ihrem großen Vermögen noch Einiges gerettet, was er nicht übertrieben groß angab. Er erzählte auch (in Vorrath, sage ich wieder voraus) von seinem Bruder _Endy_, der ihm als Zwillingsbruder zum Verwechseln ähnlich sähe, der aber ein so leichtes Leben führe, daß er ihn selbst, um sich seiner nicht schämen zu müssen, lieber verleugne. Er selbst nannte sich mit seinem Taufnamen _Mion_; denn der Vater habe den Namen _Endymion_ in sie beide vertheilt. Ein Bruder hat nun keinen rechten Begriff von der Schönheit oder gar Engelhaftigkeit seiner Schwester; doch sah ich, wie die meinige allen jungen Männern ein Wunder, ein angstmachendes Wesen war. So glaubte ich auch an die Liebe des Griechen, der jahrelang in Paris den Wissenschaften obgelegen, so gut wie, unter angenommenem Namen, der Sohn des Sultans Saladin in jener weltberühmten Stadt viele Jahre lang das Wissen und Können der Abendländer erforscht und sich eigen gemacht, um ihnen an Geist vollständig die Wage zu halten. Mein Schwager wollte sich auch nun ein verständiges edles Weib mit nach Hause nehmen, frug nie nach Vermögen, nach einer Mit- oder Nachgift, oder gar einem Erbe -- und nur die Mutter stand endlich dagegen auf, ihre Tochter einem _Griechischgläubigen_ zum Weibe zu geben . . . _und so weit weg!_ -- Da war meine Schwester eines Morgens entführt, sammt der ihr bereitgelegten Mitgift an Gold und Schmuck. Er hatte aber, wie wir erfuhren, im nächsten Orte schon redlich sie sich antrauen lassen, und sein Diener, ein finsterer, verschlossener Ragusaner, hatte für sich auch ein ganz armes, aber bezauberndes Mädchen mit entführt, als leise Gott, zur Kammerfrau seiner Herrin, damit sie in der Fremde doch mit Jemandem von der Heimat reden könne.

Meine Schwester schrieb einen rührenden Brief an die Aeltern, und was wollen Aeltern mehr als das Glück ihrer Kinder, wenn es auch ihnen im Alter eine Einbildung ist. Aber sie hatte versprochen, alle Jahre nach Venedig zu kommen -- und sie war drei Jahre nicht gekommen und hatte auch nie geschrieben! -- Da traf ich in Genua auf meinen Schwager oder seinen Bruder; der erstaunte über meine heftige Anrede; er gestand zu, er sei der Bruder desselben, und wollte endlich nur gehört haben, die Frau sei gestorben, und sein Bruder habe es deswegen verschwiegen, _damit sie in der Seele ihrer Verwandten leben bliebe!_ Er nahm kurzen Abschied. Ich fing Verdacht irgendeiner Art. Ich schiffte nach dem angegebenen Wohnort meiner Schwester. Welch ein Schreck! Dort kannte kein Mensch einen solchen jungen Mann! Vielleicht sind die jungen Leute von _christlichen_ Seeräubern geraubt, fortgeführt und verkauft worden, sagte mir nur ein verständiger Alter. Und nach Monaten begegnete ich meinem Schwager, dem Goldlockenkopf, in Nizza wieder. Ich faßte ihn an der Brust. Ich wollte ihn festhalten, mir Rede zu stehen! Er entriß sich mir. Das machte ihn mir verdächtig, _schuldig_. Ich habe ihn wiedergetroffen und dann grimmig verfolgt. _Ihn plattweg_ «_erstechen_» hätte ich zweimal gekonnt; aber was half das mir? _Er mußte mir Rede stehen_, mir Rechenschaft, mir Auskunft geben! In diesem Aufruhr des jetzigen Menschengeschlechts, in diesem Gekreuz und Gewirr von unzähligen Fahrern und Reitern aller Art, worin sich Tausende verbergen könnten, irrte ich verkleidet auf gut Glück mit Euch, bis zu Euch. Er hat da eine junge, reizend schöne, wohlerzogene Französin, die, verarmt, sich bei ihren Anverwandten aufhält, geheirathet, sich mit _ihr trauen_ lassen, und war mit ihr verschwunden, als ich glücklich noch _seinen Diener_ ertappte, den Ragusaner. Ich verschaffte mir handfeste, schlaue, für Geld gewissenlose Gehülfen, die ihn Abends von der Straße wegfingen, ihn knebelten und in ein einsames Gewölbe schleppten. Ich verschaffte mir gerade müßige, bärbeißige und mitleidslose Diener bei der Inquisition der Dominicaner, welche die Folter aus dem Grunde verstanden. Ich war grausam aus Liebe gegen meine Schwester, aus Angst für unsere trostlose Mutter . . . mir schaudert zu sagen: er gestand erst die dritte Nacht -- und was? . . . Meine Schwester war schon die _dritte -- Frau_, um so zu sagen, die er ihrer Schönheit wegen um einen Ungeheuern Preis an reiche Türken verkauft, die fabelhafte Summen für eine fabelhaft schöne Jungfrau mit Freuden geben. Er hatte sich mit ihr _trauen_ lassen, um sie sicher zu machen und zu beruhigen! So waren sie, meine Schwester _Isidore_ und er, nach Alexandrien -- geflohen; er hatte durch den gewandten Diener die Ankunft einer frischen Schönen dem Statthalter _Maschemuch_ zu wissen gethan, die von ihrem Manne rein und unberührt wie ein Engel geblieben und bleiben mußte. _Er hatte sich bis dahin krank und leidend gestellt!_ Sie hatte er gereizt, _ein Harem_ sehen zu wollen. Sie war verschleiert mit ihm gegangen. Sie hatte gesehen. Sie war gesehen worden. Sie hatte gefallen -- und _nicht mehr hinausgehen dürfen_. Welche Ueberraschung für ein liebendes, treues Weib! Sie hatte geweint. Sie war verzweifelt. Er war mit dem Golde fortgegangen. Der Diener hatte ihr in dem Harem -- worein, wie in alle Häuser, alle Neuigkeiten dringen -- die Nachricht hineinschwärzen müssen: ihr Mann sei ermordet. _Das sollte ihr Trost sein!_

Darauf seien sie wieder nach neuem Raube ins Abendland gezogen, wo er seine bezaubernde _Schönheit_ zum Köder von jungen Schönen gemacht, die noch Alles glauben, weil sie lieben, und Alles thun, weil sie wähnen, mit sich zu entzücken.

Ich habe mir Alles lassen genau angeben, und den Diener auf ein Schiff auf den Walfischfang -- _besorgt!_ Er _könnte_ sobald und würde sich kaum rächen; denn ich habe ihm so viel gegeben, als er mit zehn Reisen von dem goldlockigen Apollo bekommen hätte. Lebt meine Schwester noch, so ist sie vor Gram -- über ihren angeblich gestorbenen Gemahl abgemagert, blaß und elend geworden -- schlimmer wie alt. Und so darf ich hoffen, sie von ihrem Herrn zurückzukaufen, wenn es sein muß, um sein doppeltes . . . dreifaches Kaufgeld. Ja, ich wäre so niederträchtig, jedoch aus heiligen Ursachen, ihm ein wunderschönes Mädchen für sie zu geben, wenn ich mich nicht schämte, eine dazu _Willige_ zu suchen oder zu finden. Der Wille macht Alles gut und Zwang macht Alles entsetzlich. Die Jungfrauen und Frauen wollen _lieben_; das steht bei Allen fest. Dann zerfallen die Liebenden in _Geliebtseinwollende_, geliebt von Mehren, geliebt von Einem, geliebt zuerst, geliebt einzig und geliebt zuletzt! Aus diesen Geblütsarten mischt das Herz und das Glück und das Unglück _ihnen das Leben_.«

* * * * *

Der junge Ritter, der _Heinrich von Savern_ hieß, begleitete seinen frühern Reisegenossen Raimund in sein kleines Stübchen bei ärmlichen Leuten, in deren eigener Stube gegenüber zugleich Irmengard und Gaiette wohnten, denen mit einem querüber gezogenen Bindfaden in der Ecke ein Stübchen im Stübchen abgegrenzt war. Raimund vertraute ihm dort auch sein Geheimniß, daß die zur Hurd Verurtheilten nach Rom geliefert seien; daß er die von ihnen einzuhaltende _Straße_ wisse; die _Zahl_ ihrer Begleiter -- nur zwei --; die _Farbe_ ihrer Maulthiere; die _Woche_, in der sie an einem ihm genannten _Orte_ in _Sänften_ mit schwarzen Kreuzen und Fähnlein vorüberziehen würden; und daß er sich schon immer mit zuverlässigen Männern versehen und bereit halte, die Unglücklichen aufzuheben und dann weit vom Wege ab an einen sichern Ort zu bringen und zu verbergen. Und in einer Woche ginge die Woche an, sich seitwärts in Wald oder Schlünden wo in Hinterhalt zu legen. Bei dem langsamen beschwerlichen Ueberklettern des Kinderkreuzzugs über die Alpen und den noch weiten Weg durch die Lombardei bis Genua, hoffte er noch vor ihm am Meere einzutreffen, um dann wieder ihrer Irmengard weiter beizustehen in der Raserei unter offenem Himmel, dem Tagwandeln so vieler mond- oder kreuzsüchtiger armer Kranken, welche Noth und Tod erst bei ihren Namen rufen müsse und _werde_, um entsetzt und beschämt zu erwachen und zu sehen, »wo sie wären«. Aber wohin, frug er, rathet Ihr mir, Savern, unsere Frederune mit ihrem, ich glaube »Salomon«, zu bringen?

Und Savern sprach: Zu meinen Aeltern nach Genf! Sie haben über den See weg, und dann noch hinter Bevay, jenseit der Berge, eine kleine Meierei, _die außer allen Wegen liegt_.

Raimund konnte ihm nur mit Freuden dafür danken, und Savern schrieb ihm in Hast einen Brief an die Seinen, und bat ihn, ihnen von sich zu erzählen, und daß er hoffe, in zwölf Wochen zurück zu sein nach Genua.

Jetzt kam Gaiette, die den Fremden hatte kommen sehen, mit ihrer Zither herüber, und Raimund sagte zu ihr in froher Stimmung, ja im Scherz, der widerwillig auch zu Zeiten den Unglücklichen befällt: Siehe, Gaiette, da ist ein Herr, der fährt mit Engelsflügeln nach dem Gelobten Lande, oder dicht daneben, der nimmt dich geschwind wie der Wind mit.

Also auf, fort noch die Nacht! sprach Savern zu ihr und ergriff ihre Hand. Schöne Pagenkleider für dich sind geschwind in der Stadt noch zu haben. Ich habe ein feines, kleines, rehfarbenes corsisches Pferdchen für dich. _Dort_ bist du dem Sultan Amalrich von Jerusalem selbst nicht zu schlecht, ja ein Schatz; hier bleibst du ungekauft, als von einem Schneider, Schuster oder Tuchknappen; denn du hast kein Geld, dir einen bessern Mann zu kaufen! Also!

Sie ließ ihm die Hand und war nur roth geworden. Und mit bittern Gefühlen im Innern frug er sie: Kannst du Zither spielen?

Und das morgenlandsüchtige Mädchen rauschte ihm was in den Saiten.

Kannst du singen?

Und das gute Mädchen sang, daß ihr die Thränen in die Augen traten.

Kannst du Türkisch reden?

Und das begeisterte Mädchen redete Worte _aus ihrem Glauben: »wie Türkisch klingen müsse!«_ redete, und befahl ihm mit ausgestrecktem Finger: »Ili, kutsch Ili! Ili, kutsch Ili!« sodaß Alle lachen mußten und sie selbst.

Nun Alles sehr gut! belobte sie Savern. Aber nun noch die Hauptsache: Kannst du tanzen?

Und nun tanzte das mond- und türkenmondsüchtige Mädchen, reizend mit liebenswürdigem Gesicht und funkelnden Augen. Aber vor Lachen taumelte sie und warf sich auf das Bett. Und Savern besah ihre Finger und steckte ihr einen schönen Ring an, in dessen Glanz und Schein sie lange hineinsah -- wie in das Morgenland.

Raimund ward zum Nikolas in einen »Rath der Hirtenknaben« fort aus dem Hause berufen, und die beiden Männer, jeder für die Seinen zu jedem Opfer bereit, schieden auf Tod und Leben, ungewiß, ob sie sich wiedersähen.

Savern blieb in Gedanken sitzen.

Am Morgen kam Irmengard zu Raimund herübergestürmt und erzählte ihm ihren Schreck, daß im Morgengrauen sie ein schöner junger Page im Bette überfallen, ans Herz gedrückt und unter heißen Küssen ihr Gesicht und Brust naßgeweint habe, und frug ihn, wo Frohmuthe wol sei?

Er erröthete über das kecke entflohene Mädchen und über Savern, der sie _als letztes Mittel_, seine Schwester zurückzukaufen, mitgelassen, mitgenommen. Wollte auch er selbst ja, wie Jener, sogar sein Leben daran setzen, warum sollte Savern nicht nur eines Andern Wunsch erfüllen? Und »des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, sprach er, »nur ein verrückter Wille: ein Verrücktes«.

Vierzehntes Capitel.