Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

Part 7

Chapter 73,710 wordsPublic domain

Jubelruf unterbrach sie, sodaß sie erst nach langer Zeit noch rufen konnte: Und die Kinder der Franzosen sind schon fort uns voraus nach Massilia und dort eingeschifft auf sieben großen Schiffen, und brauchen keinen Fuß zu setzen; -- gewiß will man uns nur schrecken mit der Kunde: Zwei Schiffe, voll ihrer, sind untergegangen . . . und alle die Dreißigtausend sind von einem Seelenverkäufer an die Sarazenen zu Sklaven verkauft! -- Das, das glaubt nicht! Wie kann das der Herr, wie kann das ein Engel nur zulassen? Kommen sie uns braven _deutschen_ Kindern nicht zuvor! Oder wäre ihr Tod und ihr Unglück wahr -- dann, _nicht desto besser_, sondern desto höher unser Ruhm auf Erden und unser Lohn im Himmel! Und so sage ich und verkünde ich euch: Unsere Ausfahrt ist auf heute über acht Tage bestimmt von Nikolas, der seine Boten überall hin ausgesendet. Und ganz überflüssig für euch, setz' ich hinzu: _Todsünde_ hat der Heilige Vater darauf gesetzt, wer nicht zur rechten Stunde seinen gelobten Zug antritt!

[Fußnote A: Innocent III. in Adhortat.]

[Fußnote B: Im Oratorio des kaum vergleichlich guten Kinderwohlthäters, _Philippo Neri_ zu Rom, finden noch jetzt alle Advente Abends bei Licht rührende _Predigten eines Kindes vor Kindern_ statt. Es kann nichts Holderes geben.]

Und nach dem neuen Begeisterungsstürme fing sie nun an in _Aller Namen den Müttern und Vätern der Kinder zu danken_; dann für sie und für sich zu beten; dann großen feierlichen Abschied zu nehmen auf kurze Lebenszeit oder auf seliges Wiedersehen und selige Ewigkeit im Himmel.

Das war über die Kräfte aller Kinder und Aeltern. Da wurden viel Tausend Thränen geweint; denn wer hatte zu irgendeiner Zeit je solches gehört und empfunden. Irmengard war ganz starr und steif geworden; sie sank dem Geistlichen in die Arme, und die Freunde führten gleichsam eine Selige in ihr Vaterhaus, während Raimund bei sich sprach: »_Nun ziehe ich mit!_« und Ramon beinahe sich schämte: »Wie schön ein Wahn sei, wenn er nur dauerte!« _Aber es fiel ein Stern wunderschön_ vom Himmel. Und er war wieder ein Mann, ein Bewohner der unermeßlichen Hallen der Welt, worin die Erde nur ein Fünkchen ist.

Neuntes Capitel. Das Carneval.

Die Carnevalswoche war nun eben nicht verdorben, sondern die Verkleidungen, Masken und Maskenzüge, das Schneidern und Nähen, und Pappen und Kleistern, und Färben und Malen, Versuchen und Rüsten, das andere Jahre nach den _verschiedenen_ Absichten kleiner und großer Gesellschaften sich richtete, hatte dieses merkwürdigste Jahr der Stadt Alles nur auf Einen Gegenstand Bezug -- auf den _Kinderkreuzzug_; oder, als das Zweite: auf die brennende _Hurd_, die den Tag vor dem Jammer des Abschieds angesetzt war. Die Boten waren in die Städte und das Land weit und breit ausgesandt, und es ließ sich schon den Tag vor der Hurd eine große Menge Thränen- und Klagesüchtiger bis zur Ueberfüllung der Stadt erwarten, schon ohne die Scharen von Kreuzkindern und ihren Geleitgebern von weit und breit herum.

Auf der Lindenburg wurde Irmengard zu der langen Reise doch mit dem Nächsten, Nöthigen reichlich versorgt. Denn der Maler van Graveland hatte ihr eine prächtige goldene Halskette geschenkt, die Anverwandten hatten ihr alle Finger voll theuerer Ringe gesteckt, um in Mangel und Noth eine Zubuße zu haben. Uebrigens hatte sie sich wieder in vollen Glauben gepredigt. Sie nahm gar keine Speise und keinen Trank, als solche, die aus der Stadt oder aus dem Dorfe ihr von ihrer getreuen Frohmuthe besorgt ward; da das schlaue Mädchen des Doctors Medicinbrauerei bemerkt, belauscht, in ihren Wirkungen klar und deutlich an den vielen andern Kindern, und besonders an dem Don Angelus wahrgenommen und ohne Zweifel ihrer Irmengard verrathen hatte. Denn die Kinder verloren wirklich allen Appetit, selbst nach dem Unentbehrlichsten; am meisten schmachteten sie nach Ruhe und Schlaf, und ihre kaum zähmbare fromme Aufregung war zur Gelassenheit, Gleichgültigkeit, ja zu Lächeln geworden. Das war am meisten an dem langbeinigen guten Viaductor Angelus zu sehen, der sich es wohl sein ließ, und _in Wahrheit_ nicht einmal den Weg von Köln nach Bonn wußte, oder nur zu welchem Thore man hinausgehen müßte. Er hatte der Eingebung vertraut, auch darauf, daß er zu Jedermann in der Fremde gleich in der Sprache desselben werde reden können wie Wasser. _Des Nachts_, so rühmte er sich, _könne er alle Sprachen_ und unterhalte sich geläufig darin mit allen verschieden gekleideten Ausländern. Nur früh noch trete in ihm eine Stockung ein; es falle in ihm wie eine Thür oder Klappe zu; doch hoffe er mit Zuversicht, daß die wie sonnenscheuen Sprachen auch am _Tage_ herausbrechen würden, und nicht blos wie Eulen des Nachts in ihm schlurfen; denn _reden_ brauche man ja doch nur am Tage! So hatte er sich weder vor Italienisch, Griechisch oder vor Türkisch gefürchtet. Jetzt war er ganz still und gewissermaßen froh.

Der Maler war auf der Burg draußen geblieben, sodaß der todte stille Herr Rath bald fertig gemalt war. Nur um Irmengard predigen zu hören, war Raimund auch zu den Ursulinerinnen gegangen -- aber er hatte sie gesehen, und als Engel gemalt mit Flügeln und Palmenzweig, und er sagte von dem Bilde, obgleich schnell gemacht, sei die Irmengard doch gewiß sein bestes, schönstes und seelenvollstes, wie lebendiges Werk; zu welchen so obenhin gesagten Worten der Jude dem Maler eine verbindliche Verneigung machte. Raimund aber war entzückt davon in reinem Herzen, besuchte wieder sein Goldtönnchen, versandte davon der Sicherheit wegen und auf die Reise für alle Fälle mehr als hinlänglich an sichere Häuser und treue Handelsfreunde in einige Städte des Südens, und stattete seine Börse damit reichlich aus. Den hier bleibenden Schatz befahl er dem alten Hagebald zugleich mit dem neuen Freunde Ramon, der sein Gold mit dazuthat. In der Stadt und in allen Häusern sah es aus und ging es zu, als wenn in einigen Tagen und endlich diesmal gewiß der Jüngste Tag hereinbrechen sollte; ja manche Kinder sangen wirklich den Vers!

Wenn der Jüngste Tag soll werden, Fallen die Sternlein auf die Erden, Kommt der liebe Gott gezogen Auf einem schönen Regenbogen, Neigen sich die Bäumelein, Singen die lieben Engelein: »Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn! Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn: Wohlan, wohlan, auf diesen Plan Der liebe Gott will uns Alle han.«

Alles Befehlen und alles Gehorchen war aufgehoben. Alles ging in den Häusern ganz ehrbar, ja feierlich zu, vom Aufstehen bis zum Zubettegehen. Die Suppe ward mit Andacht gegessen, als vielleicht die letzte Suppe; und wer am gerührtesten war, der legte zuerst den Löffel hin, oder ging gar vom Tische weg hinter den Ofen, und wer ihn am liebsten hatte, der ging ihm nach, und sie herzten und küßten da einander. Die Kinder thaten den Aeltern und den Geschwistern Alles zu Liebe, und die Aeltern ihnen. Jedem kleinen Kreuzfahrer ward noch sein Leibessen gekocht, gebraten oder gebacken; und eine alte Mutter oder ein alter Vater sprach wol zu dem Frieden und der Zufriedenheit: Könnte es bei uns nicht immer so sein? Ach, und wie bei uns, so lieb und treu ist es gewiß jetzt in allen hundert Städten und Dörfern umher im Lande! Schon deswegen, als Beispiel und Vorbild: _wie_ schön unser deutsches Reich sein kann und kaum wol jemals werden wird, ist euer Kreuzzug gar nicht mit Geld zu bezahlen, ihr Kinder -- ja, wenn auch hier und da eins von euch nicht wiederkäme, sondern unterwegs oder dort von Engeln zum Himmel getragen würde, Und doch sprach wol eine Mutter darüber zu ihm: »Vater, versündige dich nicht!« und er zuckte die Achseln.

Der Rath Aldewin, der gute Vater seiner wahrhaft mütterlichen Tochter im Kerker, war ganz im Stillen in die Familiengruft beigesetzt, und er hatte durch sein Beispiel und seinen Tod den Vätern und Müttern aller Welt nur eine und zwar diese höchste Bitte verlassen: Steh' deinen Kindern _immer_ redlich bei, den glücklichen, und den unglücklichen noch mehr, in _aller_ ihrer Noth, und erst recht in Menschenschande und in Sünde vor den Menschen. _Wer weiß, was in der Sonne Schande ist? und was erst gar im Himmel keine Sünde ist_ vor Dem, der Alles vergibt und vergab; sonst käme der Heiligste selbst nicht in den Himmel. _Er hatte sich geschämt, ihr erst zu vergeben._

Diese Worte hatte er zu seinem Weibe Irmentrud gesagt, und dann noch leise vor sich hin gesprochen: _Auch mit den Weibern muß man es so halten._ -- Das war verständlich jetzt für Don Ramon.

Am Freitag, als am Tage vor der Hurd, war die Frau Rath mit Raimund nun zu ihrer Tochter in der Abenddämmerung in den Kerker gegangen, wo sie auf überraschende milde Weise auch ihren _natürlichen_ Schwiegersohn bei ihr gefunden. Raimund lernte das sanfte, schöne, _natürliche_ Weib da kennen und ehren, und er flüsterte ihr leise zu, was morgen durch die Weiber in guter Hoffnung und durch die Weiber der Katharer, die jede Todesstrafe verabscheuten, und durch die Weiber _der Juden_ im Chor zu ihren Gunsten geschehen würde. Der Jost, einzig der Narr wußte noch Rath, sprach er. Er ist mein Jugendfreund, und der Erzbischof ist der Freund meines Freundes Ramon, des Juden, der fest bei ihm steht in Gunst; denn seiner staarblinden Augen wegen bedarf er ihn mehr als alle andere unwissende Christen.

Zum Abschiede fiel der zum Feuertode verdammte junge Menschenjude, als _natürlicher_ Schwiegersohn, seiner armen Schwiegermutter zu Füßen, und voll Angedenken an ihren edeln gestorbenen Mann sagte sie ihm jetzt nur desgleichen das Wort: _Auch mit der Tochter Manne muß man es so halten!_ -- Ach! ich müßte mich schämen, dir nicht zu vergeben! Lebt oder sterbet Beide wohl -- nur wohl! -- Ohne Tod kein Wiedersehen, und Wiedersehen vergilt das Scheiden und ist eine neue überschwängliche Freude, ein Himmelsanfang.

Wenigstens auf Erden; da ist es probat, das heißt: bewiesen. Das dachte nur Raimund, herzlich gerührt und weinend, dazu.

Zehntes Capitel. Die Hurd.

Motto: Am Himmelsgewölbe sind viel Haken eingemauert, daran das Menschenvolk seine Thorheiten hängt, und woran sie verwittern. Das neue Geschlecht reißt die alten herunter und hängt dafür seine neuen daran, die wieder verstocken und heruntergerissen werden, und wieder ersetzt. _Die Haken halten._

Zur gesetzten Stunde brach unter einem sanften Sprühregen der Zug nach dem Gericht auf. Wie angenehme oder düstere Farben der Wolken am Himmel die Erde _tonlos_ schmücken, so gaben die Glocken der Thürme mit ihrem wallenden Klange der Stadt ein unsichtbares -- ein gleichsam frommes Dach, eine wie vom Himmel herab- und hereinklingende Weihe des Festes: zur Darlegung des Abscheus vor solchem höllischen Wesen, wo der Teufel einen Engel geliebt und der Engel sich dem Teufel ergeben mit Leib und Seele, sodaß sie Beide zu Einem, zu etwas Unnennbarem geworden.

Voran kamen »Funken«; darauf das schuldige Paar, nicht in Bußkleidern, die ihnen nicht zugestanden, denn ihre Schuld war nicht auf Erden abzubüßen, noch zu vergeben; sondern der erfinderische Geist des Karnevals hatte sie in Masken gesteckt, die noch nie gesehen und erhört waren. Und so folgte ihnen unmittelbar nicht ein geistlicher Orden, oder ein Beichtvater, sondern wieder erst hinter einem Zuge Funken sangen und beteten sie das Ora pro nobis, nur wie für sich und das Volk. Denn hinter ihnen kamen die Frauen und Jungfrauen, Väter und Mütter; hinter ihnen ein Zug zur Warnung gezwungen dazu befohlener Juden, Greise, Männer und Weiber und Jungfrauen, und alle _ohne Maske_, in schwarzen langen Sabbathröcken. Hinter ihnen kam nun der wahre große Carnevalzug. An der Spitze desselben zuerst in wunderlicher Maske _der Ewige Jude_, der die erhabensten Männer seines Volks führte: eine Reihe Könige, unter denen der kleine David mit dem Riesen Goliath; Salomo mit der Königin von Saba, und Absolon mit einer ehrfurchtgebietenden Perücke, die vor allen den Kindern am meisten gefiel. Zum Schluß kam Judas Ischarioth, den Beutel mit Silberlingen schüttelnd und seinen berühmten Strick um den Hals, und hinter ihm ein _wirklicher Dieb_, der heiliges Kreuzzugsgut gestohlen hatte, und zwar nur wenig Pfennige den Kindern aus der Tasche -- _doch jede Zeit hat ihre Hauptverbrechen_, wie jedes Land sie -- ihre zeitlang hat.

Sehr viele Männer und noch mehr Weiber aus allen Ständen und von allen Handwerken, die neben dem Zuge und hinter dem Zuge langsam ihre Augen und Ohren herausgetragen, stellten sich, endlich angekommen, um den Hügel mit dem Scheiterhaufen und zwei Pfählen, zu welchen die beiden Schuldigen hinaufgeführt und jeder an seinen Pfahl gebunden ward, mit den Händen hoch über den Kopf. Der Scharfrichter Elias in großem Staat, befahl da oben den Knechten. Und sie entkleideten die Verurtheilte so weit, daß ihr ganzer weißer Rücken erschien, und geißelten, ja zergeißelten sie, daß den Weibern allen, die sich am nächsten hinzugedrängt, die Augen vergingen, sie sich jammernd wegwandten oder mit dem Kopfe sich unter die Menschen bückten. Die Gegeißelte ertrug die Pein und den Schmerz ohne auch nur einen Laut. Sie schrie aber einen Gall, als die Knechte ihren Freund nun noch ärger geißelten. Der aber warf mit lauter Stimme entsetzliche Worte aus der Alten Schrift über die Menge, und rief Prophezeiungen aus wie zerschmetternde Blitze, worüber die gläubigen Hörer ihn verlachten -- um nicht zu zeigen: sie wären dadurch zermalmt. Als aber zuletzt die Knechte das Feuer an die Scheiterhaufen legten und Rauch aufquoll und Glut, und das Feuer ihre Haare ergriff, daß sie aufloderten, da schrie sie entsetzlich zum Himmel empor, und entsetzlicher zu den Frauen hinab und rief: _Und das leidet ihr Frauen?_ Ihr, die ihr Kinder geboren! und ihr Jungfrauen, die ihr Frauen werden wollt! Das leidet ihr, daß eine Mutter lebendig das Grab ihres Kindes wird? _Das_ ist über alle Sünden und über alle Strafen. Wehe euch! wehe! wehe!

Da erwachten die Weiber wie aus einem Traume. Sie sahen sich an mit rollenden Augen, mit wüthenden Blicken; sie faßten sich an, an den Schultern, sie schüttelten einander, und ohne ein Wort zu verlauten, mit einem einzigen Schrei stürmten sie den Hügel, befreiten die wie rasend Gewordene, aber Stille, und geleiteten sie schonend und küssend, sanft und sorglich hinab und führten sie auf dem Wege zurück nach der Stadt.

Die Funken wagten nicht, sich an den Frauen zu vergreifen, denn sie hörten mit drohenden Fäusten selbst der Vornehmsten Weiber rufen: Verbrennt die Mutter, _wann_ sie Gott ihre Schuldigkeit gethan. Dann, dann verbrennt ihr sogar ihr Kind vor Augen oder auf den Armen des Vaters. Aber ein Weib greift nicht an dem Weibe an, denn das Leben ist nicht die _Mutterliebe_, die _himmlische_ Mutterangst.

Selbst ohne Waffen hätten sie die Bewaffneten zerrissen, und es blieb nichts übrig, als den schönen erbleichten Jüngling auch loszubinden, und mit dem siegreichen Weibe unter den siegreichen Weibern heimzuführen, langsam von fernen, von rohen Priestern begleitet und von dem Zuge der jüdischen Könige, und der _Ewige Jude_ jubelte und tanzte voraus.

Raimund aber sprach leise zu Ramon: Der Narr hat gut gewirkt! und die Weiber mit Menschengefühl immer. Nun werden die Armen gewiß auch nach Rom gebracht! Nun muß ich fort. Du wirst ja hören, vielleicht noch heute, wenn du hinaufgehst zu den Augen- und Nasenpatienten. Wie froh bin ich. -- Sie drückten sich die Hände.

Das lustige Volk aber lief wieder zurück zu dem Galgen, denn es hörte und sah: ihm zu einigem Ersatze wurde der Pfennigdieb gehangen,[A] der ärmste und lustigste Vogel in Köln seit vielen Jahren und Carnevalen. -- »Fleisch lebe wohl!« hatte er, schon den Strick um den Hals, noch gerufen. Nun seht und versteht: Ich werde euch zur letzten Freude ganz ausgelassen mit meinen zwei Beinen zappeln -- mehre habe ich nicht für den Augenblick -- und dabei wißt nur: da tanz' ich mit _Lilith_, der alten Großmutter -- ihr wißt schon von wem!

[Fußnote A: Laut Godofred. Mon. I. c.]

Und das Volk lachte unter den Masken hervor schauerlich, und sang dazu -- denn es war ja Carneval, und ein Spaß mußte doch sein.

Elftes Capitel. Raimund's erster Bericht aus Koblenz.

So sind wir denn fort -- »man sollte es gar nicht glauben!« wie du immer sagst, guter Ramon. Ich bin ganz nüchtern, und doch wie betrunken; denn du hast Recht: Alles steckt an; man wird blind unter Blinden, und taub unter Tauben; ein Kind ist auf Erden auch nur ein angesteckter Mensch, und unter lauter Amseln wird er zuletzt nur pfeifen, und unter lauter Glocken zuletzt nichts als: »bim-baum! -- bim-baum!« summen. So singe ich schon zuweilen mit den Kindern, und das Weinen wird auch noch kommen! Vor der Hand halte ich manchmal und lache den Zug unserer Kinder Israel an. Wenn wir doch eine Wüste hätten, um drinnen nur zehn Jahre größer zu wachsen, so würden wir zusammen mit den fränkischen Kindern ein schöner Stamm kluger Abendländer im Morgenlande werden, der _aus seiner Erinnerung_ gar kein dummes Leben herstellen würde. Denn die ganze Menschheit muß wirklich vorher in einem sehr vernünftigen, stillen, geheimen Lande gewohnt haben, daß sie immer ein Vernünftigeres, Besseres -- oder Ewigaltes zutage fördert, wie eine Art Bergleute oder Berggeister.

Also zum Nagelneuem!

Den Auszug aus Köln[A] habt Ihr selbst mit Augen gesehen, und die Nachwelt wird Euch darum beneiden. Denn auf gewisse Weise ist das Geschlecht glücklich, das etwas Großes, Ungeheueres, Schönes, Lächerliches und fast immer ein Einziges, Einmaliges mit angesehen, mit gefühlt und mit überstanden hat, vom Trojanischen Pferde an bis etwa zu der schändlichen lateinischen Eroberung von Konstantinopel, heute vor acht Jahren. Ihr habt den _Zuzug_ der Kreuzkinder aus den andern Städten, aus Aachen, Wesel, Düsseldorf, Lüttich, ja bis von Münster singen und weinen gehört, ihr Lager auf den freien großen Plätzen gesehen . . . wie die, in den Häusern guter Leute nicht schon aufgenommenen und gespeiseten in den Hallen der Kirchen und den Gängen der Klöster die Nacht verbracht . . . wie bei Sonnenaufgang alle Glocken die Kinder erweckt . . . wie sie eingesegnet unter dem Severinthor, aus einem Wirrwar ohne Gleichen sich allmälig zu einer Art Leichenzug ohne Ende gestaltet, an dessen Spitze der Hirtenknabe Nikolas, von sechs starken Knaben gezogen, fuhr, in einer niedrigen, vierrädrigen, vergoldeten Karrete mit seidenem Baldachin gegen Sonne und Wetter; denn auch Herrschen und Herrscherpracht steckt an, und er wollte und sein Wagen sollte nicht schlechter sein als die französische Kindercarrosse seines Herrn Bruders _St.-Etienne_. Und das Alles mußte man mit frommen Gesichte, und gefalteten Händen ansehen, sonst bekam man die schönsten Ohrfeigen. Meine Gesichter Hab' ich im Leibe geschnitten, und mein Bauchredner hat seine Reden andere Leute halten lassen. Von den Thürmen habt Ihr uns nachgesehen, wie den Knaben die Hunde nachliefen; wie manche gute Mutter ihren Kindern noch allerhand brachte; da Eine ein kleines Päckchen mit Hirschtalg, wenn sie sich die Füße wund, oder, was man so nennt, sich gar einen Wolf gelaufen. Ja, eine Mutter brachte ihrem guten Käthchen bis auf das erste Dorf, bis nach _Rothenkirchen_, eine Düte mit Fliederthee nach, wenn sie sich erkältet hätte! -- Da kamen mir die Thränen schon in die Augen, Als aber ein armer guter Vater seinem Knaben noch _sein Bette_ nachbrachte -- nämlich einen grobleinwandenen Scheffelsack, darein er zu Nacht kriechen und die Bändel desselben unter dem Kinn zubinden sollte, und der liebe Sohn dem lieben Vater dafür um den Hals fiel -- da brachen die Thränen mir auch wirklich aus. Die Reihe der Völker kann in nichts so Absonderliches verfallen, daß _dem Herzen_ nicht viel Gutes zu thun und der Seele viel Besseres zu ahnen übrig bliebe! Vor der Hand habe ich bemerkt, daß die Kinder in ihrem Glaubensstolz und aus Würdegefühl ihres Zugs sich unterwegs _nichts erbitten_, sondern, ganz als wenn Alles ihnen gehörte, es geradezu _nehmen_ und ohne Dank damit davongehen! Das erscheint als etwas Erhabenes. Ueberhaupt halten sie kaum etwas Anderes für Sünde als -- _ich weiß nicht was!_ und kaum etwas Anderes für herrlich als ihr Thun und ihren heiligen Pilgerzug. Und viele Menschen halten ihren ganzen Wandel auf Erden für einen solchen Zug und leben danach wie himmlisch vogelfrei! Da haben wir unsern Pilgerzug, den Adam und Eva schon derb und tüchtig angetreten!

[Fußnote A: Chronik des Bischofs Sicard, und der Mönch Gottfried.]

Zu gutem Glück ist noch nichts auf den Feldern, noch auf den Bäumen; keine Kirsche, keine Birne, keine Kastanie, keine Nuß -- denn sonst -- _wohldenenselben_! Aber sie hatten sich im vorletzten Dorfe über einen Korb mit Ziegenkäsen _erbarmt_ (denn ihnen ist das ein Erbarmen, ein Herablassen). Meinem Inquilinen, meinem Naturalisten mit nicht erst angeglaubtem strengem Gewissen im Leibe, konnte ich aber den Mund da nicht stopfen und die Lust, in den im Hofe stehenden Ziegenbock, in das Kalb und den bellenden Kettenhund zu fahren; und der Bock sprach: Engel wollt ihr sein, und Diebe seid ihr! und »Diebe« bellte der Hund, und »Diebe« blökte das Kalb. Aber das Reden der Thiere nahmen sie _unverwundert_ so hin, als lebten sie im Alten Testamente zu Bileam's Zeiten, und sie würden noch der Anrede von Thieren gewürdigt! Aber sie meckerten nur den Bock an, bellten den Hund nach und jagten das Kalb umher.

Wie ich so stand, fassen von hinten mich weiche Hände an den Schultern, kehren mich um, und wer lacht mir mit dem bildschönen Gesichte in die Augen -- Gaiette, die eine alte französische Theorbe, oder was für ein Ding, an einem Bande umhängen hatte. Das sehr schön gewachsene lustige Mädchen frug mich mit verstellter klagender Sorge: Lieber Herr Raimund, wo soll man diese Nacht wieder schlafen?

Ich rieth ihr kurz und ernst: Nun zur Seite unserer Irmengard, der du zum Schutz und zur Wache ja mitgegangen bist.

O, hier draußen in der Welt ist Alles ganz anders, sprach sie achselzuckend. Wir Frauenzimmer, ja nur wir Mädchenkammern sind alle überall immer ehrgeizig, hochnäsig. Auch unser neuer Herzog aus dem Schafstall. Wie ein neugebackener Fürst gleich sein neues Wappen und seinen Namen an alle Thore und Tafeln und Stallthüren malen läßt und als Fahne vom Wartthurm flackern, um das Verwundern und Erstaunen auf einmal abzumachen; so setzt sich der Nikolas auch sogleich über alle Verwunderung hinaus. Gestern ließ er die Irmengard in seinem Ehrenwagen fahren und er ging zu Fuße, und sah sie immer so ehrerbietig an -- freilich als seiner Herrschaft geliebte Tochter! Freilich ich führe selbst auch gern, oder setzte mich zum vornehmsten Herrn, und wenn er ein Türke wäre, auf seinen Thron! Wir armen Mädchen müssen uns was versuchen!

Ihr Schatz, ein Webergehülfe, hatte sie begleitet, wie viele andere junge Menschen ihre Liebsten; ja sie hatten sich zum Abschied vor den Leuten geküßt, unverwundert, und keines hatte vor eigenem Leide gelacht. Sie erzählte, daß ganze Scharen Dienstmädchen, bedenkliche Waschweiber und armes lockeres Gesindel mitgekommen und noch nachkomme, und allerhand verwahrloste, geschäftslose, vertrunkene Bursche, denen man nicht gern allein im Walde begegne, oder Geld aufzuheben geben möchte. Wie werden _die_ Jerusalem plündern! Doch will ich voraus nicht in Angst sein um jene armen reichen Leute dort, die noch ruhig schlafen vor uns! Der Weg ist weit. Nun, glückliche Reise! Auf Morgen hat der Alles -- selbst die Haare der Kinder -- durchschauende Herzog allgemeine Schafschur aller Haare vom Kopfe anbefohlen; befohlen? bewahre! nur einen Wink fallen lassen, und Alles wird gehorchen wie blind -- nur ich nicht. Meine Haare sind mein Schönstes. Aber die demüthig gehorsame Irmengard wird sich scheeren lassen. So sprach das muthige Mädchen.

Nächstens mehr. Aber kurz, doch bündig.