Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

Part 6

Chapter 63,683 wordsPublic domain

Raimund hatte unten im Saale, wo der Todte im Sarge stand, gesehen, wie die alte gekommene Mutter Wollenweberin in Trauerkleidern und voll unmäßiges Mitleid, das auf eine Reue deutete, ihrer Tochter, der verwitweten Frau Rath, um den Hals gefallen, und er hatte Mutter und Tochter allein gelassen. Dagegen hatte ihn eine Schar Dorfkinder, die in den Hof gekommen, aufmerksam auf einen Knaben in gebräuchlichen Sonntagskleidern gemacht. Aber der Knabe schien doch ganz besonders, sodaß Raimund ihn ohne Frage aus seiner Vorstellung als _den Hirtenknaben Nikolas_ gleichsam erkannte. Er kam barhaupt, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in bloßem Halse; eine prächtige hohe Brust, ein starker Bau und doch feine Glieder; barfuß, einen abgebrochenen Blütenzweig in der Hand; aus großen dunkeln Augen träumte er nur die Frühlingswelt an, und hörte mit reizendem Lächeln die singenden Lerchen in blauer Luft und segnete gleichsam mit zwei Fingern der Hand die bunten Bilder der Wolken im See, die wunderbar oben und unten zugleich ganz leise zogen, und das Bild der Sonne blitzte ihn aus dem Wasser in sein ernstes, schönes, von der Frühlingswärme schon leicht gebräuntes Gesicht. Der Schritt seiner Füße war nur schwebend, und eine Ruhe umfloß und umglänzte ihn, daß die Leute reglos und lautlos vor ihm stehen blieben, während er vorüberging, die Augen vor ihm niederschlugen, und erst lange nachdem er vorüber war, sich schüchtern nach ihm umsahen. Sein Hündchen, sein _Phylax_, begleitete ihn, und er begleitete einen großen langbeinigen Mann, noch nicht alt und nicht mehr jung, mit fabelhaft langen magern Beinen, mit einem muntern getrosten Gesicht unter seinem sehr breitrandigen Pilgerhut und einem sehr langen, fast schleppenden Pilgerrocke, mit hohem Pilgerstabe, sodaß er einem alten heidnischen Sänger, einem Aoiden, am meisten ähnlich gesehen haben möchte in seinem ehrwürdigen Bart. Seine kleinen Augen funkelten auf Alles um ihn aufmerksam und neugierig umher; seine langen hohen Beine machten fast Riesenschritte, und die Morgensonne hinter ihm warf vor ihm her einen an den Rändern aufglänzenden verwunderlichen Schatten, als stiege ein Bewohner der Unterwelt aus alter Zeit in dem heutigen Tage in das Menschenschloß. Seine Seele schien, wie ihre festen wie angreifenden Blicke verkündeten, _mit allen gestalteten Dingen und allen Elementen sehr wenig Umstände machen zu wollen_, die Welt für einen Frühlingsnebel auf blauer Wiese zu halten, und ohne alles Bedenken durch Feuer und Wasser zu schreiten bereit zu sein, ohne Fußsohlen, Haare und Bart zu bedenken, oder wenn sie doch anbrennten, nachher eben nicht besonders zu bedauern.

Der Knabe Nikolas führte ihn desgleichen geradeaus in das Schloß seiner Herren und in den offenen Saal mit dem Todten, über welchem das große Bild des Erzengel Michael hing, der den gekrümmten Teufel auf tausend Jahr in den Abgrund stößt. Alle Bewohner des Schlosses eilten leis in den Saal: Raimund und Ramon, die Diener, die Mägde; aber die junge Irmengard stand erst wie gebannt, mit gefalteten Händen den Blick zu Boden. Dann kam sie nur so wie geflogen, wandte sich plötzlich zurück, fiel ihrem Mädchen um den Hals und rief ihr freudig erschrocken zu: _Er ist da! Er ist da!_

Wer denn? frug Frohmuthe sie schelmisch; -- der lange Mann?

Ach wer denn anders als Nikolas! erwiderte sie bös, und zitterte ganz. Aber dabei blieb es auch, und sie ward wieder still, blickte hin, blickte weg, und blieb halb gleichgültig und halb gereizt und wie unwillig über sich selbst, von Ferne stehen.

Soll der Hahn krähen? frug Frohmuthe sie mit anspielendem Vorwurf. Und es klang wirklich peinigend, als draußen ein wirklicher Hahn krähte.

Ramon hatte die Irmengard durchdringend beobachtet, und erstaunte selbst über die Wirkung nur schon der _einen_ Gabe von seinem Mittel; aber sie schien vorüberzugehen, wie Schein des Mondes die dunkeln Wolken wieder überziehen. Doch lehnte sie sich blaß an die Wand, Der lange hochbeinige Mann setzte sich ohne weiteres in einen Stuhl, der beiseite im Winkel stand; entschuldigte sich nicht, sondern sagte nur: _Ich bin müde_, und habe einen weiten Weg zu schleichen. Der Knabe Nikolas aber stellte sich drei Schritt nahe vor die Hausfrau hin, sah sie fest an und sprach zu ihr mit seiner wohllautenden fesselnden Stimme, die nicht nur wie aus dem Munde oder der Brust, sondern aus seinem ganzen Körper, oder durch ihn aus der ganzen Welt umher herauf- und herauszutönen schien: Theure Mutter, die unsere Irmengard geboren, ich bringe dir den heiligen Boten, den Gott uns zum Führer gesendet. In unserer Hütte hat er nicht Ruhe, nicht Raum; denn mein irdischer Großvater Elias, der bei Menschen geehrte und berühmte Scharfrichter, der nur aus Eifer für die Ehre Gottes und aus Haß gegen den Satan sein ernsthaftes, blutiges, feuriges Amt bekleidet, und _zu der nahe bevorstehenden brennenden Hurd_ einberufen worden, liegt mir und der Mutter zu Hause krank. Der gottgesendete Bote und Führer aber ist mir von der Vorsehung zugekommen, auch wenn er meint, er sei nur von seinem eigenen Geiste getrieben. Denn höre nur.[A] Er kommt aus Brabant, wo er schon lange in großer Heiligkeit gelebt und schon lange Gott hat nach dem Gelobten Lande wallfahren gewollt, aber immer unentschlossen, sein Beten und Fasten durch die weite Pilgerreise durch die südlichen Völker auf der elenden Erde zu unterbrechen. _Jetzt_ ist ihm ein Engel in seinem festverschlossenen Gemache erschienen, das sollte man gar nicht glauben -- -- und Raimund sprach mit seiner geheimen Stimme, die er jetzt von dem Teufel aus dem Bilde an der Wand her vernehmlich herabertönen ließ, indeß er mit eisernem Gesicht dem Knaben Nikolas in sein Gesicht sah: _Ja, das sollte man gar nicht glauben!_ Aber -- du sagst es!

[Fußnote A: Thomas Champré, Ap., II., 39.]

Aber Nikolas fuhr fort: Er hat gerade in der Nacht vor Petri Kettenfeier, als helles Licht ihn umflossen, die Stimme des Engels vernommen, die da sprach: Der Herr hat deine Sehnsucht, das Gelobte Land zu schauen, wahrgenommen, und mich gesandt, deinen Wunsch zu erfüllen. Darauf hat ihn der Engel ergriffen und ihn _in der einen Nacht_ zu allen Orten der heiligen Lande geführt, sodaß er diese Lande, Jerusalem und Bethlehem, und auf dem Wege hin und auf einem andern Wege zurück, alle merkwürdigen Städte von Burgund, der Lombardei und Italien leibhaftig, leibhaft gesehen.--

Und Raimund's Stimme erscholl wieder aus dem Teufel: _Das sollte man gar nicht glauben!_

Der Knabe Nikolas sprang auf das Bild los, und zerhieb und zergeißelte den Teufel, dazu aber nur lachte, mit seinem blühenden Apfelbaumzweige, daß die Blüten umherflogen, indem er betreten und demüthig leise dazu sprach: Ja! auf tausend Jahr ihn verschließen, war zu kurze Zeit -- denn er erhebt sich wieder wie vor, und abscheulicher -- verzeihe Gott mir die Sünde! Ach, er ist gegen uns alle arme Sünder zu gnädig!

Er weinte dazu unter den mit der Hand zugehaltenen Augen, indem er seine Hitze bereute, und der heilige Mann und der Engel kam ihm wieder ein, und er beschloß seinen Bericht von den Beiden nur noch eilig mit den Worten: Und der Engel brachte ihn noch in derselbigen Nacht wieder in sein Bett!

Und der Teufel vom Bilde sprach wieder deutlich dazu: _Das sollte man glauben._

Die Andern im Saale standen wie verrathen und verkauft; Raimund aber bemerkte, daß dem Hirtenknaben nicht sein Verstand, sondern diesmal _sein Unverstand stille stand_. Er hatte das Ansehen eines Erwachenden, schnippte mit den Fingern seinen Hund herbei, als wolle er hinaus und fortgehen. Da sah er Irmengard hinter der Mutter hervortreten; er sah ihr in die Augen, sie ihm, und sein Sinn hatte sich wieder gestärkt und er sagte getroster: Nun haben Viele gebetet, auch so bequem von Engeln dahin getragen zu werden, wohin wir Schritt vor Schritt pilgern werden; aber nicht immer den dritten zurück, denn wir büßen ja keine Todsünde ab. Der theure Mann hat sich aber von heimgekehrten Pilgern erbitten lassen, uns ein erfahrener Wegweiser zu sein. Darum bewirthet uns Allen und mir ihn wohl!

Darauf faßte er Irmengard an beiden Händen und befahl ihr: diesen Abend in der heiligen Ursulinerkirche _den Kindern eine Predigt_ zu halten. Die Kirche werde erleuchtet sein; sie werde außer den Knaben und Mädchen und ihren Müttern viel Hundert andächtige Zuhörer haben, und von den hohen Fenstern herab die viel Tausend Jungfrauen. Der Geistliche werde sie auf die Kanzel führen und sie werde mit Engelflügeln geschmückt sein, mit einem Narcissenkranz auf dem Haupt und einem Palmenzweig in der Hand.

Und als Herzog der Kinder all nahm er sie, ohne Billigung noch Widerrede weder ihrer Mutter noch ihres überraschten Oheims, an der Hand, um sie in den Garten zu führen, und ihr die Gegenstände zu sagen, von denen sie predigen solle, und über die sie sich im Gebet Erleuchtung und Begeisterung und Muth und Kraft vom Himmel erflehen solle. Er küßte sie drei mal auf die Stirn und war im Begriff, sie an den Fingerspitzen sich hinaus- und fortzuführen.

Aber indessen hatten Leute aus der Stadt die Staffelei des Malers, Malertuch und Töpfe, und Scherben und Flaschen, und Farben und Pinsel gebracht, die sie an den ihnen angewiesenen Ort unter den Engel und Teufel ruhig und vorsichtig abgesetzt. Kurze Zeit darauf, ehe die Witwe des Tobten -- _wenn Todte noch Witwen haben_ -- sich ruhig geathmet hatte, trat der Maler leise, bescheiden und schüchtern, ja wie furchtsam vor dem zugedeckten Todten, ein. Er nahte der Hausfrau; er bedauerte sie über ihren unersetzlichen Verlust und sah mit dem glühroth gebückten Gesicht zur Erde. Beide und Alle standen _so_, lange stumm. Aber er war ja gekommen, den Todten zu malen, und so mußte er doch sich ihn ansehen. Die treulose Witwe Rath selbst mußte das Gesicht ihm aufdecken, und er sah sich ihn lange an -- aber er selbst hatte die Augen dabei zu. Endlich, um vorläufig auch die Farbe der Augen des Verblichenen zu erkunden, that er ihm mit Daumen und Zeigefinger der Linken ein Auge auf, hielt das Lid lange offen, und der jüdische Arzt sagte: Könnte ich doch Euch selbst so malen, wie Ihr dasteht und der arme Todte Euch ansieht! Das wäre eine neue Art Bild.

Da wandte der Maler sich davon, der sehr sorgfältig gekleidet und geschmückt mit der goldenen Ehrenkette, die er vom Grafen Wilhelm von Holland empfangen; auch seine Finger funkelten von Ringen, und er strich sich die schönen Haare aus der heißen Stirn.

Jetzt fragte er ganz gelassen und gleichgültig nach der Tochter, die er auch malen solle; wie groß sie wol sei? damit er in Gedanken das Bild schon immer ordnen könne. Raimund ergriff das schöne, edle, gewiß engelgleiche Mädchen und stellte sie ihm vor. Irmengard schlug die Augen vor ihm nieder, und er unterdrückte ein inneres Entzücken, eine heilige Ueberraschung kaum mit Mühe; ja, er mußte aus seinem Herzen hinaus eine Frage thun, die zu keinem Bilde für keinen bloßen Maler als nur geistigen Vater eines Bildes gehört; er frug ihre Mutter: _Wie heißt_ denn Eure Tochter?

Die Blicke des männlich schönen Malers auf die aufblühende schöne Irmengard verdrossen den gewissenhaften Don Ramon, ob sie ihn gleich rührten, als treue Sprache der Natur, die immer allweise und offen in ihren unverhüllten Geheimnissen und Offenbarungen ist; sie verdrossen den Raimund unwissenderweise; sie verdrossen den Hirtenknaben Nikolas, den Herzog des Kinderheers. Er ergriff sie wieder an der Hand, führte sie hinaus und fort in den blumigen blühenden Garten; und Raimund stieß heimlich die schlaue Frohmuthe an, ihnen in schicklichem Zwischenraum zu folgen, damit sie nicht den Entwurf zu der Kinderpredigt störe.

Den Kinderkreuzzugsboten geleitete Hagebald in ein Zimmer hinauf, eine Dachkammer, und um dem alten Hausmeister seine Kraft zu zeigen, machte der langbeinige Herr immer Schritte über zwei, drei Stufen zugleich.

Achtes Capitel. Die Kinderpredigt.

Nach einiger Zeit, die dem Raimund in einer gewissen Herzensängstlichkeit verschlichen, holte er den schönen, in seinem begeisterten und begeisternden Wesen, auch widerwillig von dem nüchternsten Manne fast _erhaben_ zu nennenden Hirtenknaben, und die ihm wie schaf- oder gar leithammelmäßig folgende Irmengard, die ihn wunderbar rührte, und doppelt, weil sie so schön war, aus dem Garten; während er, tief durchbebt, doch vergebens nachsann, wo er sie je gesehen, oder wem sie _bis zum Weinen_ ähnlich gesehen, oder vielleicht gar wer sie wäre oder wer sie gewesen sei, ja wer sie noch werden könnte -- oder wirklich würde. Er war wie bezaubert. Doch was half das. Er führte Beide hinauf in das Zimmer des geistgesendeten langbeinigen Boten, der sich nur den bescheidenen Namen »Angelus« gegeben, bei dem er schon seinen neuen Freund, den Doctor Ramon, fand, welchen er, um ihm einigen irdischen Menschenrespect zu geben, jetzt immer auch _Don_ Ramon nannte. Sie setzten sich alle vier um den müdegelaufenen Angelus, und es wurde von der verhalten lächelnden Frohmuthe »Liebfrauenmilch« kredenzt, in welche Don Ramon aber von seinem nüchternmachenden, unschädlichen geheimen Heilmittel getröpfelt hatte. Und sie tranken, vom Doctor im Stillen sehr ernst und genau beobachtet.

Sie tranken. Sie nippten. Sie tranken wieder. Und nach längerer Zeit verwandelten sich ihre Augen zuerst, die aus schwärmerischer Begeisterung und wetterleuchtendem Funkeln matt und matter, ihre Stirn kühler, ihre Wangen blässer, ja blaß, ihr Laut gemäßigter und ihre Sprache langsamer und ruhiger wurden, und sie saßen zuletzt da, die Hände müßig im Schoos. Eines wollte weinen, das Andere lachen; aber ward gleich wieder ernst und saß jetzt erst recht wie in einem Zaubergarten, aber verworren. Um sich zu beleben, trank Irmengard am meisten, füllte neu und trank dem Nikolas, der zürnend und erglühend dasaß, das Glas zu. Er hatte wie mit den allerfeinsten Sinnen begabt -- und als wäre er wirklich, wie das Volk von ihm rühmte, mit höhern, ja mit Wundergaben begabt -- nur von Zeit zu Zeit den Arzt mistrauisch angesehen, schlug jetzt der Irmengard das Glas aus der Hand, zeigte mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf Don Ramon und rief: Das ist ein Feind, ein Verräther, ein Ungläubiger! Fort von ihm! -- Er ist betrunken!

Und während Don Ramon selbst überrascht stand, sprach sein Freund Raimund in seiner Bauchsprache, die er von dem Angelus mit den langen Gebeinen tönen ließ: Knabe, _du_ bist betrunken! Die Trunkenen halten die Nüchternen für _perfect_, wie sie das nennen, und halten die ganze Welt, die Sonne und den Mond für _perfect_; ja Häuser, Kirchen und Thürme, die Glocken darauf, und ihren eigenen würdigen Großvater, der mausstill im Sarge liegt, für besoffen, und sich nur für nüchtern. So ist das Ding! Du Glaubensherzog.

Der entflammte Knabe, zugleich von einem _widerwilligen Grauen wie in zwei unsichtbare Geister zertheilt_, aber faßte und hielt das Mädchen an ihren beiden Händen, küßte die Duldende fromm auf die Stirn und sprach: Meine Irmengard, du predigst als wahrer Engel den Kindern heut _zu Nacht!_

Raimund konnte sich nicht enthalten, darein zu sagen: »_Heut zu Tag_« -- das gibt es nicht mehr -- bis Weiteres.

Als Nikolas entrüstet fortgegangen, und wunderbarlich sogar sein Schäferhund _Phylax_ den Don Ramon angeknurrt hatte, wollte sich Irmengard vor Unwohlsein zu Bette legen, denn sie sah eben nicht sehr malerisch aus, aber sie mußte gezwungen hinunter in den Saal, dem Maler als Modell zu knien.

Ramon und Raimund aber gingen in die Zimmer der Kinder, bei denen zwei arme Witwen geblieben waren.

Sie besprachen sich leise; Raimund war auf das Mittel gespannt, und Ramon sagte es ihm in kurzen Worten, und erläuterte es ebenso kurz, überzeugend und bündig, und sprach: Ihr seid doch wol einmal, also ein erstes Mal _zu Schiffe gefahren, also seekrank gewesen_ -- also ist Euch ganz erbärmlich zu Muthe gewesen, vollkommen gleichgültig gegen Himmel und Erde, Vater und Mutter, und hättet die ganze Welt um einen Batzen verkauft. Nicht wahr?

Ja wahr! antwortete Raimund lachend; für einen Kreuzer!

Also errege ich _Abscheu, Widerdei_, zuerst gegen Alles, dann in Tagen: Gleichgültigkeit gegen Vieles, zuletzt nur Begehren nach Hülfe in der Seele, und mache die Kräfte _des Leibes_ schwach durch ein zweites »ausführliches« Mittel. Kann man _Verliebte_ so heilen und mäßigen, eben denn so auch _Verglaubte_, welche hier vorliegen; so denn auch Steckenpferde und Steckenesel, ja Katzen. _Das ist nicht Scherz!_ Denn stellt einen Blumennapf mit einem Busch »Marum verum« vor das Fenster, da sehet wie die Katzen und Kater kommen, nach dem Kraute springen, den Napf herunterhäkeln, und dann am Boden sich auf dem duftigen Kraut vor Entzücken wälzen und vor Wonne miauen, sodaß sie gar keine irdischen Katzen mehr scheinen, sondern unaussprechlich liebe und gute Wesen, nur noch mit irdischen Schwänzen und etwas höllischen Stimmen; die sich willig _fangen_, ja _martern_ und _todtschlagen_ lassen. Und welcher Katze der Pelz mit dem Geruche durchzogen ist, dieser laufen alle andern Katzen und Kater -- denn ein Kater ist auch eine Katze -- und Kätzchen _nach_ durch Wasser und Feuer.

Das wäre eine Rede für meinen Bauch! sprach Raimund lachend.

So hat jeder Mensch, fuhr Ramon fort, und _jedes Volk_ eine Zeitlang sein wahres »Marum verum«, das zu seinem Glücke es behext, und ihm _über alle andern Uebel seiner Zeit hilft_. Aber begießest du es mit Lauge, dann ist es den Katzen »Marum _falsum_«, ja sie verunehren sogar es dann auf ihre Art, vor Scham über sich selbst, und vor Rache an sich selbst.

Seid fest überzeugt, ich rede nur von Uebertreibung und möchte nur ein vieltausendfaches absehbar-unabsehbares Unglück verringern, da eine Verhinderung über der Macht aller Päpste, Kaiser und Könige liegt. Die _Gedanken_, _Gefühle_ und _Wünsche_ der Aeltern in einer Zeit stehen im nächsten Geschlechte auf, in die Welt, die nur eine große Carnevalsgarderobe erscheint, und werden in ihren Kindern geboren, und ihre Kinder _sind_ die Aeltern mit frischen Händen und Füßen. Denn was wären sonst Kinder? und was wären sonst Aeltern? Und so werden die Knaben und Mädchen im leidenschaftlichen Frankreich und am feurigen Rhein hier jetzt Kreuzfahrerchen und nähen oder kleben einander Kreuze auf den Rücken, und selbst die kleinen Kinder im Hemde treten vor ihre Mütter und wollen schon ein recht schönes Kreuz von ihr aufgeklebt haben! _Und sind wir Beide besser?_ Ich bin der Extract meiner Aeltern, und Ihr seid der der Euren -- nur mit _der_ Gefahr, eingekerkert, ja verbrannt zu werden, welcher wir Beide nur mit knapper Noth glücklich entritten sind! Diese Priester und Leviten hier, die so brav und gescheit sind wie wir, und im Grunde so gut wie alle andern vernünftigen Menschen, sie müssen aber diese berauschten Kinder segnen; drum möchte sogar ich, blos als ein Mensch, den bedrängten Geistlichen helfen vor Schimpf und Schaden, durch Hülfe an den Kindern; und Euch, mein theurer Raimund, sehe ich noch _mit_ den Kindern ziehen, um ihnen zu helfen, zu rathen, oder nöthigenfalls unfehlbar mit ihnen zu weinen und ein armseliges Häuflein davon nach Hause zu bringen! Und nur Ein Kind Einer Mutter erhalten ist eine _doch nicht strafbare_ That.

Der Tag verschlich darauf Jedem nach seiner Weise und der armen Irmengard in banger Unentschlossenheit. Und dennoch, auf bessere Stimmung hin, begab sie sich mit ihrer Frohmuthe bei der Abendröthe, wenigstens auf jeden Fall bereit, in das Haus in der Stadt und ließ sich von ihr schmücken. Raimund kam nach, auch Ramon. Als die Glocken darauf von dem Thurm zu der Vesper der Kinder bei den Ursulinerinnen erschollen und hallten, als aus allen Gassen Tritte von andächtig Schweigenden dröhnten, da befiel es sie wieder aus dem Glockenhall wie Himmelsruf; sie fuhr auf und reichte dem Raimund die Hand, sie in die Sacristei zu führen. Es erging ihr, wie dem zu einem Rehchen verzauberten Brüderchen -- in dem Märchen »_Brüderchen und Schwesterchen_« -- das zwar still und getreu bei dem Schwesterchen blieb; aber wenn draußen im Walde die Hörner lustig zur Jagd erschallten, dann hinaus mußte zu den Rehen, und sollte es zerrissen werden von den Jagdhunden oder erschossen von dem Pfeil des jagenden Königs -- und sollte sich sein Schwesterchen darüber zu Tode weinen, oder indeß doch tausend Angst ausstehen. Jetzt war sie das arme Rehchen.

Die hohen breiten Fenster der Kirche waren von außen beleuchtet; aber als sie zu Thor und Halle hineingetreten, sahen sie erst mit Bewunderung, daß sie _erleuchtet_ waren, und wie bezaubernd! Die bunten purpurnen und smaragdnen Scheiben glühten und sprühten; die heiligen Schädel der Jungfrauen, als große Juwelen in Gold und Perlen gefaßt, sprachen aus ihrem Glanze von göttlichen Dingen eine stille bezaubernde Sprache, die Jedem, auch dem Kinderherzen verständlich war, wie den Blumen im Garten die Sonnenstrahlen. Alles saß und stand unter dem hellen Gewölbe unten voll Kinder, Mädchen und Knaben, und Mütter und Väter, und alte Muhmen und Vettern -- himmlisch angefunkelt!

Der leise Gesang begann. Raimund übergab seine zitternde Irmengard dem Geistlichen in der Sacristei, und begab sich mit Ramon auf ein Chor der Kanzel gegenüber. Silberne, im Strahle der Kerzen blitzende Leuchter standen zu beiden Seiten auf ihrer Brüstung. Endlich schwieg der Gesang, und das heilige Mädchen, die im Antlitz marmorweiße Irmengard erschien, heute viel größer, mit den goldenen, wie mondscheinhell leuchtenden Flügeln, den grünen Palmenzweig in der Hand, während der Geistliche etwa drei bis vier Stufen niedriger auf der Kanzeltreppe stehen geblieben war und nur mit Haupt und Schulter erschien.

Lange war kein Wort von der Kinderkreuzpredigerin zu verstehen, nur tauchten jetzt ein: »Lasset die Kindlein zu mir kommen« auf -- ein: »Ihnen ist das Reich«; und Alle weinten und schluchzten schon. Darauf ergoß sich mit ergreifender Rührung gleichsam ein _brennender Fluß_: Laßt alle Könige, selbst den König Andreas, zu Hause sitzen -- uns Kindern ist das Heilige Grab gegeben! Wir Kinder werden das Herz des Sultan Malek in Aleppo rühren, daß er ein Christ wird. Ihm wird ein Licht aufgehen, wenn Kinder schon so verwogen sind, so weit hinzuziehen in den Kampf, und ihn bitten, selig zu werden! Das wird ihn doch überwinden, wenn er noch so tapfer sich gegen Harnisch und Schwerter wehrt! Und _uns Kindern_ ist der Entschluß so ganz nicht schwer, so ganz nicht kühn, der Sache ein Ende zu machen! Unter glänzendem Himmel werden wir hinwandern, in schönen Gärten unter milden Lüften, über blumigen Rasen. Goldene Früchte werden uns zu Seiten des Wegs hangen; Feigen, Weintrauben an Reben, gehangen von Pappel zu Pappel -- wir werden _Thränen Christi_ trinken! Ganz gewiß und ganz unmerklich werden wir jede Nacht eines Rosenblattes Dicke größer wachsen, und also dort groß und stark ankommen; keine Schuhsohle wird uns reißen, kein Aermel nur ein Loch bekommen, wie ihre Gewänder den Juden nicht in der Wüste, die 40 Jahre gehalten -- und wie weit wären wir in 40 Jahren! Engel werden uns die Steine vom Wege lesen; das Meer wird zurückfliehen, wenn wir an seine Ufer treten, daß wir trocken hindurchgehen. Schwalben und wilde Gänse werden Befehl erhalten, uns am Himmel den Weg auf Erden zu zeigen. Und daß jedes Bedenken in euch erstickt, so wisset: Unser Heiliger Vater in Rom,[A] der nie irrt, hat aus der Offenbarung offenbart und verkündet: Das Thier, der Mohammed, der Lügenprophet soll überhaupt nur 666 Jahre leben, und jetzt, heute sind _die Hunderte_ davon, und von morgen an liegt er nur noch die ihm gezählten Tage im Sterben.[B]