Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212
Part 5
Aber sie lassen sich nicht zählen, bemerkte Jost, sowie kein Fleischer die Ochsen und kein Schäfer die Schafe zählt, aus Furcht der Strafe, die über den König David »in drei Sorten« zur Wahl verhangen worden; so läßt auch hier unser Herzog der jungen Kreuzfahrer, oder der Kreuzfahrjungen, der stolze verwegene Hirtenknabe _Nikolas_, seine Schafe nicht zählen. Vielleicht weil er nicht so selbstsüchtig ist, wie der vormalige Hirtenknabe David, der kopf- und lebensscheu die _ihn nicht selbst_ treffende Strafe gewählt, sodaß der Engel ihm 70,000 Juden in einer Nacht erschlagen, welchem lieben Engel der Arm vor Müdigkeit fast abgefallen, indeß der David fein sauber in seinem Bette geschlafen, wie ein um sein Volk unbekümmerter, unbarmherziger König. _Zweifelhaften_ Menschen ist nicht wohlgethan: _die Wahl zu lassen_ oder Alleinmacht dem selbstsüchtigen kleinen David.
Und der fromme Kirchenfürst wiederholte sein Sprich_wort_ oder seine Sprich_silbe_: Hm! und drohte dem Jost mit dem Finger; frug darauf aber Herrn Raimund auf seine Ehre und sein Gewissen, ob die ganze Geschichte denn wahr sei? und ob er ein Heer Kreuzkinder, ja nur ein Kreuzkind mit Augen gesehen? Denn die Sache sei Allen so schnell über den Kopf und Glauben gekommen, der Winter habe solange gedauert, der übernatürlich gefallene Schnee habe alle Wege und allen Verkehr verhindert, daß er selbst sogar nur einen oder den andern Sendboten von dorther erhalten.
Und der Arzt berichtete ihm nun bedächtig: Ich mußte in Lyon drei Tage liegen bleiben, und als ich den ersten Zug dieser großen Wanderheuschrecken der zischenden, weinenden, singenden Lemminge sah, da wußte ich nicht mehr, wo ich hingerathen? was die grüne Erde für ein unsinniger Kopf geworden, den ein Riese so in der blauen Luft schweigend fortrolle! Die Sonne schien mir ein am Himmel ausgeschnittenes Loch, um in ein gewisses geräumiges Haus zu sehen, worin die absonderlichsten Spectakelstücke und uralte Attalanen aufgeführt würden. Aber das Einzelne, schaubare und hörbare Nahe, ja Ergreifliche erklärt das Wunderbare und macht es gemein und alltäglich. Eine Rose und ein Bienenstock erklären sich selbst am besten. Kurz also: es kam auf einem mit Teppichen behangenen niedrigen Wagen der Herzog der Kinder, sitzend oder thronend; _der Hirtenknabe St.-Etienne_, zu deutsch _Stephan_, von einer Ehrenwache bewaffneter Knaben umgeben; und andere Knaben zogen den Thron zum Thore hinein, durch die Straßen auf den Markt, und Tausende von Kindern, Knaben und Mädchen, folgten in geordnetem Zuge weinend und singend, und wieder weinend: »_Gott, gib uns das wahre Kreuz zurück, und außerdem all all erdenkbares Glück_«; und das Volk sang, ja schrie das barbarisch _aus tausend Lebensnoth mit_. Das war wol herzbrechend, himmelstürmend!
Hm! sprach Sr. Gnaden dazu; aber wer war denn der neue Heilige, der Knabe, wenn wir durch des Heiligen Vaters Barmherzigkeit auch schon Cardinäle von neun, ja von sieben Jahren gehabt haben?
Von dem wurde nun Abends in den Weinhäusern erzählt: Der Marschall der Kinder ist ein Hirtenknabe aus Vendôme.[A] Da es den Kreuzfahrern in dem, nur den Juden und nicht den Christen von Gott gelobten Lande sehr schlecht ging, und die Christen zu Hause sie als verloren aufgaben, so hielten die alten Weiber und Priester Umzüge zur Auffoderung, das Heilige Grab zu befreien, als wenn das Grab elend und krank und im Sterben läge. Sie haben Bittfahrten gehalten, um die Hülfe Gottes zu erflehen. Denn, sagten Einige in den Weinhäusern, wofür man betet oder beten soll anbefohlenermaßen, das wird dem Volke wichtig gemacht, das soll ihm lieb und theuer sein, und andere Seiten- oder Gegenwünsche ihm gotteslästerlich gemacht. Deswegen sind falsche Fürbitten so gefährlich; setzten Andere hinzu.
[Fußnote A: Genauer aus dem Dorfe »Cloies« an der Loire. _Matthias Paris_ nennt ihn einen Knaben, aufgeregt durch Teufelsvorsorge, des Feindes des Menschengeschlechts, an Alter einen wirklichen Knaben, aber _an Sitten_ pervilis.]
Bei den Worten überfiel Sr. Gnaden ein starker Husten, wogegen ihm der Arzt ein Mittel aus seiner kleinen Büchse nahm: Stückchen krystallisirten weißen Zucker, den auch die Sarazenen, die Mauren in Sicilien erfunden hatten, so gut wie sie das Menschenauge kennend gesagt: die Engel und die Kreuze am Himmel wären nichts als Gestaltungen des Auges der Menschen, das seiner Beschaffenheit nach eine ganze Wand von niederträufelndem Regen nur als einen Bogen, und erst als einen farbigen bunten Regenbogen sähe, und sich begegnende Wolken als Kreuze und allerhand Wolkenbildungen als Heilige.
Sr. Gnaden sagten nichts dazu, sondern zerkrachte den Zucker mit seinen vortrefflichen Zähnen, lobte ihn, den heidnischen Zuckererfindern zum Trotz, und bat um weitere Auskunft, Und der Arzt gab sie ihm in Folgendem, wozu sein Freund Raimund, _zufolge seiner Bauchrednerkunst_, gern Anmerkungen eingeschaltet hätte; aber es waren keine weitern Personen, nicht einmal ein Bild da, dem die Hörer sie hätten aufbürden können.
Jost's beide Knaben fingen an zu weinen, schmiegten sich zu beiden Seiten an den gnädigen Herrn ihres Vaters, der sie mit seinen Armen umschloß, und sie bedeutete, still zu sein und zu hören. Ihr Vater hatte Lust, sie an den Haaren etwas zu zausen, aber er konnte nicht hinlangen und rollte sie nur mit zornigen Augen an. Der Arzt erzählte jetzt weiter: Dem Knaben _Stephan_ ist nun alle Noth und Schande des ganzen Abendlandes, das mit aller furchtbaren, ja wüthigen Macht _Nichts_ ausgerichtet, auf sein Herz gefallen. Er hat _eine Erfahrung_ aus seinem Traume gepredigt, daß der sehr schöne und sehr traurige Heiland in Gestalt eines armen Pilgers sich ihm offenbart, und ihn als Kreuzprediger für die unschuldigen Kinder bevollmächtigt; ja, er habe ihm einen eigenhändigen Brief an den König von Frankreich ausgehändigt an den noch lebenden Philipp August, den er den Kindern gezeigt und unzählige Knaben damit zur Annahme des Kreuzes gebracht. Vor den frommen König nach St.-Denis gefodert, und von ihm zur Prüfung befragt: was ihm die Nacht geträumt? habe er es dem Könige nur etwas leise ins Ohr geraunt, daß der König erblaßt sei. Auf die nunmehrige Bitte des Königs, ihm den Brief auszuhändigen, habe er getrost danach in seiner Hirtentasche gesucht, sich beklopft am ganzen Leibe und zuletzt mit dem ehrlichsten Gesichte voll Erstaunen und Zorn gerufen: Den hat mir der Teufel gestohlen! Und als der König die umstehenden Priester befragt: ob Jesus erscheinen könne, Diesem und Jenem, und wenn er wolle . . . und ihm schreiben, wie einst dem König Abgarius? . . . da haben sie über die entsetzliche Frage geschrien und auch dem Teufel die ja nur geringfügige Macht zu stehlen mit Ueberzeugung zugesprochen. Darauf hat der Stephan zu St.-Denis vor der Königin noch größere Wunder verrichtet; er hat durch Mauern gesehen, in die Ferne gesehen und gesagt, was die Leute da thun? ja sogar wie es Gestorbenen gerade jetzt in der Hölle geht? und Antworten der Kinder auf seine Fragen an sie im Himmel gehört, sodaß Alle erstaunt und verstummt sind vor seinen Engelsgaben.
Sein Gang und sein Bezeigen vor dem König und die Erzählung seiner Wunder umher im Lande, welche _Erzählung_ eine wahre Thatsache geworden, haben dem frommen Hirtenknaben darauf ein solches Ansehen und seinen Ermahnungen und Feldpredigten eine solche Wirksamkeit gegeben, daß in kurzem sich eine zahllose Menge von ja sichtbaren und handgreiflichen Knaben um ihn versammelt, und nun drängend und treibend wieder _auf ihn_ gewirkt. Andere Knaben sind in andern Gegenden als Kreuzprediger aufgetreten, die ihren Beruf auch durch Wunder beweisen mußten, und auch bewiesen, worauf sie das von Stephan begonnene Werk mit großem Erfolge gefördert. Alle lieben begeisterten Kinder, die das Kreuz genommen, betrachteten, wie ich mit meinen Augen gesehen, den _Stephan von Vendôme_ als ihren Herrn und Meister über Leben und Tod, und waren fest überzeugt, daß sie unter seiner Anführung den furchtbarsten Sieg über die Sarazenen erfechten würden mit bloßen Händen . . . durch ihre bloße Erscheinung, oder höchstens obendrein durch den gesegneten Pilgerstab. Sie verehrten ihn als einen hörbaren, sichtbaren, zu ihnen redenden Heiligen, und jeder pries sich glücklich, der von seinem _lebendigen_ Leibe schon eine Reliquie erwischen, erschleichen, ja erkämpfen konnte. In Lyon hatte er sich seine zu vollen, ihm aus gewissen kleinen Uebeln unangenehmen, wenn auch sehr schönen blonden Locken kurz abschneiden lassen, und ich habe den Kampf mit angesehen, den Knaben und Mädchen aus seinem Zuge um ihren Besitz mit wahrer Begeisterung führten. Unter meinen Reisemerkwürdigkeiten habe ich einen kleinen verworrenen Wusch Haare davon, die ich von einem kleinen dummen hungerigen Knaben für eine Wurst mir eingetauscht. Andere waren glücklich, die sich nur einen Faden von seinem Rocke verschafft hatten, oder schlugen sich um den Krug mit Wasser, daraus er getrunken und schlürften andächtig mit zum Himmel gekehrten Augen die Neige aus.
Hm! Hm! erklang dazu wieder die Sprichsilbe.
Und es machte dem Doctor innerliche Freude fortzuerzählen: Den folgenden Tag rückte der Major domus oder Generaloberst St.-Etienne's, _der Hirtenknabe von Chartres_, in die Stadt. Von diesem erzählte man Abends dann neue Dinge.[A] Als er von einer Uebungsprocession zurückgekommen, auf welcher seine Schar um die Gnade Gottes für die Gläubigen gebetet, gesungen und gekniet, also um Gottes Ungnade gegen die -- Ungläubigen gefleht, da habe er gesehen, daß seine Heerde Schafe die Saatfelder indessen verwüstet, von welchen er sie verjagen und mit seinem getreuen Hunde Tiras forthetzen wollen; da habe sein _Tiras_ geheult und nicht gehorcht, sondern mit dem Schwanze gewedelt; die Schafe selbst aber seien alle vor ihm auf die Knie niedergefallen und haben zu ihm um Gnade geblökt. Auf dieses Wunder hin sei er in den eigenthümlichen Geruch eines Heiligen gekommen, und aus allen Gegenden sind Hunderte von Kindern ihm zugeströmt, wirkliche _Menschenkinder_, die wirklich gegessen, getrunken, geschlafen und französisch gesprochen haben; nicht nur hohle Gespenster und gezauberte und bezauberte Puppen böser Geister.
[Fußnote A: Chronik des Johannes Iperius.]
Darauf haben sie mit großem Gepränge und mit vielerlei eigenthümlichen willkürlichen Gebräuchen in den Städten, Burgen und Weilern von Frankreich ungestört, ja bestaunt und beschenkt, feierliche und Bettelaufzüge unter Thränen gehalten, indem sie Paniere, Rauchgefäße, Wachskerzen und Kreuze unter Gesängen umhergetragen. Selbst junge Mädchen, Jünglinge, Weiber und Greise schlossen sich an diese Processionen an; die Arbeiter auf den Gassen der Städte und Dörfer oder auf den Aeckern und Wiesen verließen, wenn ein solcher Zug vorüberkam, die Ochsen am Pfluge und folgten den Knaben. _Denn sie weinten entsetzlich!_ Und überall wurden dem Kinderzuge vom Volke Lebensmittel, Erfrischungen und andere Almosen gespendet, und _sie aßen desgleichen entsetzlich_.
Viele Bürger von Lyon stritten miteinander; diese meinten: weil die Kinder alle wie mit Einem Munde auf die Frage: wohin sie denn eigentlich wollten? »zu Gott!« antworteten, könne man doch wol der Hoffnung Raum geben, daß also Gott durch die Jugend große Dinge auf der Erde vollbringen werde, wie denn immer nur durch neue Kinder alles Neue auf die Welt komme, nach dem Worte: »Kommt wieder Menschenkinder!« Auch wären sie ja so vernünftig, sich nur für das Heilige Grab zu waffnen, darin Gott als sein Sohn geruht; denn sie sähen ja selbst mit ihrem Kinderverstande ein, daß es für den Heiland im Himmel weder nöthig noch möglich sei. -- Andere behaupteten: nur ruchlose Betrüger hätten sie aufgeregt.[A]
So in Zweifel, was er glauben und was er thun solle, denn das sei ganz verschieden, habe der erste Sohn der christlichen Kirche, der König Philipp August, der sich selbst solange als möglich von einem Kreuzzuge zurückhalte -- erst _das Gutachten_ der gelehrten Meister der hohen Schule zu Paris gefodert, in welchem der größte Theil der Geistlichkeit und manche Laien die Begeisterung der Jugend als das Werk boshafter Zauberer verurtheilt, worauf er -- und noch erst, nachdem die Kreuzkinder schon aus- und fortmarschirt -- »geeignete Maßregeln« verfügt, um die Knaben von Ausführung ihres Vorhabens abzuhalten.[B] -- _Wie klug, etwas zu spät thun!_
»Der Herr sei gelobt!« rief jetzt Sr. Gnaden dazu, daß _wir dort_ einen solchen Vormann an dem Könige haben, uns Klerisei hier zum Schutz vor Rache, daß wir die Kinder von ihrem Zuge haben abpredigen wollen!
Der fromme menschenfreundliche Erzbischof reichte ihm die Hand zum Danke für seine ihm tröstliche Nachricht mit den Worten: Wer sähe nicht, daß Ihr ein Jude seid; aber auch ein menschennützlicher Mann, ja Mensch; und _die Juden sollen bis an das Ende der Welt bleiben -- was schadet da Einer mehr!_ das wäre lächerlich! Also: meine Hand von Rache für Unglauben, oder irgendeinen andern Glauben. Ein billiger Mensch erwartet ruhig den Sieg des Guten, _ohne Schuld auf sich zu laden!_ Man kann Alles umgehen durch festen getreuen Sinn. -- Und zu noch mehrer Sicherheit unserer guten Gesinnung fällt mir ein: daß ja der Patriarch von Aquileja _sogar die erwachsenen_ Kreuzfahrer zurückhält, und sogar das Interdict nicht fürchtet, laut welchem den Städten und Dörfern jeder Geistliche, jede Messe, jede Vergebung der Sünden, jede letzte Oelung und jede Einsegnung im Grabe vorenthalten wird. Aber es ist bedenklich-gefährlich, die Menschen ohne _Das_ leben zu lassen, indeß sie doch merken, daß Gott ihnen auch ohne _Das_ gnädig zu bleiben scheint, indem und weil die Sonne ihnen frühe so fort so herrlich aufgeht . . . und Weib und Kinder so fort sie so lieben . . . und sie glücklich sind. Das ist gefährlich sie inne werden zu lassen. -- Nur die Sachsen, das treue Volk, höre ich, sind fortgezogen nach dem Gelobten Lande, aber in der Fremde dahinten wo sitzen geblieben; auch die Kreuzfahrer sind in dem Konstantinopel so sitzen geblieben, wo diese unsere Römischen die Griechischen nunmehr als _unsere Todfeinde_ nach und nach auszurotten oder zu bekehren brennen, nachdem sie mit ihrer verhaßten Hauptstadt das ganze griechische Reich und das starre Volk besiegt und klug gemacht zu haben -- glauben; das heißt diesmal: wähnen. Und selbst der Heilige Vater, der an allem Unschuldige, seufzt nur: »Indeß wir Alle schlafen, rühren sich nur die Kinder!« und will sie ziehen lassen, weil -- er muß. So lassen auch wir sie denn ziehen! Gott segnet den Verstand und ist dem Unverstande noch gnädig. Es mag ein Schweres sein, die Kirche zu regieren, und gar erst die gespaltene wieder zu vereinen; und dem lieben Volke -- seine immer neuen tausendfachen und tausendfältigen Fehler immer barmherzig vergebend, unermüdet lehrend, und aus seinen Irrthümern schonend, wie Kindern rathend und helfend, mit ungeschwächtem Vertrauen und neuem Muth auf den rechten Weg zum Himmel zu bringen!
[Fußnote A: »Spiritu deceptionis arrepti«, sagt Roger Bacon, »currebant post quendam malignum puerum.«]
[Fußnote B: H. Chronik: Coenobii Mortui maris. I. c.]
Der redliche Greis ließ jetzt ein langgedehntes Hm! vernehmen, und betete dann still einen Psalm, wovon sie nur die Worte: »Ehe denn die Berge . . .« und: »Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag . . .« -- vernahmen.
Darüber schlief er in Gedanken gar ein, und die beiden tiefgerührten Freunde schieden still von dem Narren, der dem jüdischen Arzt mit Hand und Lippen stillen Dank zollte, und dem Raimund stille Versicherungen und Versprechungen mit den Augen zuwinkte.
Siebentes Capitel. Der Kinderherzog Nikolas.
Herr Raimund ging mit Ramon, dem Arzt, mit Aussicht auf Rettung aus dem Palast, die aber noch große Umsicht, Leid und kecke Thaten erfoderte. Ramon verlangte durch das Judenquartier und durch das erbärmliche enge Bechergäßchen zu gehen, wo »seine Leute« viele in verborgenem Reichthum, aber als verachtete Sklaven zusammen und übereinander geschichtet, aber im Herzen voll trotzig schweigenden Muthes lebten, wenn das den erlauchten und weltberühmten Namen »leben« verdiente. Hier ward aber nur der Becher des Elends getrunken, worein die Propheten Kraft, ja Süßigkeit getröpfelt. Raimund führte ihn dann, um ihm seine heute sonntäglich stille schöne Vaterstadt zu zeigen, und dabei seine Jugend wie von den Todten aufstehen zu lassen, über die Plätze: den Johnsplatz, den Domplatz, und allmälig schlendernd über den Heu-, Alt- und Waidmarkt. Darauf ging er in das Quartier der Wollenweber, wo, wie er auf vieles Fragen endlich sicher vernommen, der berühmte Maler _van Graveland_ in seines Vaters Hause bei seiner verwitweten Mutter wohnte.
Sie fanden ihn in seinem nobeln Morgenpelz, und als ihm Raimund seinen Namen genannt, ihm gesagt, daß er komme ihn zu bitten: seinen _gestern gestorbenen Bruder Aldewin_ todt im Sarge zu malen; da bemerkte der Arzt, auf des klugen Narren Jost vertrautes Wort hin, doppelt aufmerksam und gespannt auf den schönen Mann mit edlem Gesicht, worin eine stille Wehmuth sich niedergelassen hatte -- _daß er erschrak_, überrascht stand und vor sich hin sann, es dann _abschlug_, und höchstens vor vieler Arbeit das Bild nach vier Wochen zu malen vermöchte; wozu Raimund bemerkte: Mit Todten, die selbst ewig Zeit haben, ist es unmöglich, lange Zeit zu verlieren -- oder ihnen mit der Staffelei in die Unterwelt nachzuwandern.
Der Maler zuckte die Achseln.
Da setzte Ramon hinzu: _seine Witwe_ läßt Euch besonders darum sehnsüchtig bitten, auch zugleich _ihre jüngste Tochter Irmengard_ zu malen; zum Andenken, da sie das schöne liebe Mädchen wahrscheinlich auf immer verliert; denn sie pilgert wie so viele Knaben und Mädchen der Vornehmen mit nach dem Heiligen Grabe. Es wäre am besten ein _wirkliches_ Kniestück, wie seine Tochter vor dem Vater kniet und von ihm Abschied nimmt und er sein armes Kind segnet. Wie gesagt, die Mutter bittet innigst, es könne sie gewiß Niemand so lieb und herrlich machen.
Und Raimund bemerkte: Wir wohnen ja ganz nahe da draußen auf unserer Lindenburg.
Der Maler starrte vor sich hin, indem er mit der Linken sich das Kinn an dem Barte hielt, und den beiden Freunden fast lächerlich auch nur Hm! sagte; worauf _Ramon_ nur bemerkte: Todte malen ist freilich eine schwere Sache; aber auch doppelt einträglich, und mein Freund hier bezahlt Euch jeden Preis, und die Mutter dazu. Dabei dachte er: es wird ihm schwer --; es ist richtig! und als armen Teufel mit Hörnern kann er ihn doch nicht vor Leuten malen. Aber der Mann, der Maler ist ja doch _ein Beraubter!_ Schäme dich, Ramon! Und um was beraubt: um glückliche Liebe, Liebesglück und Schönheit und rechtes Leben, und wodurch: durch den albernen Stolz und den Hochmuth und die Ehrsucht der im Unterstock der Erde wohnenden Menschen, besonders der Weiber. Und welcher Vater sieht nicht gern einmal, gleich groß und lieb, sein Kind! und läßt sich von der in der Seele verworrenen, sich in ihrer _eingeborenen_ Neigung gefangenen Tochter sehen! Das ist und bleibt trotz aller Verirrung doch schön und hold und eine Belohnung für Schmerzen der Schuld und des Betrugs. Und welche neue, unmöglich zu erfüllen geschienene Hoffnung thut sich ihm unerwartet auf! Die Menschen wollen und wenn auch spät erst -- und er steht gesund und frisch erst in den dreißiger Jahren -- doch immer noch ihr sehnlich gehofftes Glück erlangen und doch von nun an auf dem rechten Lebenswege wandeln. Wem ist _diese edle_ That zu verdenken? _Er kommt! er malt!_ Ich brauche ihm mit Raimund's geheimer Stimme der Wahrheit erst keine Stimmung zu geben; da würde er sich schämen, und um vor Andern nicht schlecht zu scheinen, mit Trotz unglücklich oder doch unerquickt bleiben. Das Leben hat manchmal später Rath und Hülfe durch seine Weiterentfaltung, aber _selten_; darum verlassen die Menschen sich klug auf die Stunde, und thun ihr Gewalt an in frühern Tagen!
Ebenso lange als der Arzt dies dachte, hatte sich der Maler bedacht, und sagte jetzt zu. Ja, er wollte den Umständen, also dem Todten nach, alsbald hinauskommen, und seine Staffelei und seine Farbentöpfe und Pinsel sogleich fortsenden. Und jetzt empfahl er sich ihnen der Vorbereitung wegen.
Und der Arzt wandelte stumm mit seinem Freunde, dem als Unwissenden kein Weh bei alledem geschehen war, sondern erst künftig dadurch geschehen sollte; und eilte vor der Stadt eifrig, um seine Heilung fast mit Gewalt an den Kindern zu betreiben, welche er, diese von Müttern, jene von Vätern, auf dem Wege zur Lindenburg hinausgeleiten sah.
Laut zurückgelassenem Befehl hatte der Hausmeister Hagebald die guten Leute mit den Kindern in den Saal im Oberstock gewiesen, und sie waren _schon über ein in Vorrath eingerührtes Frühstück her_, dem nichts anzuschmecken war von gefährlicher Vernunft, die in dem beigemischten einfachen Mittel lag. Die Aeltern weinten den Arzt an und beschworen ihn leise um seinen Beistand, da sie zu arm oder zu beschäftigt seien in ihren Gewerken, um, wie andere Aeltern, die Kinder in fremde »gesunde« Städte oder Dörfer, nach Franken, Würtemberg, oder nach dem immer gar nüchternen glücklichen Holland zu bringen; indeß andere, hier zu bleiben Gezwungene ihre Kinder auf künstliche Weise lahm gemacht, ja durch gewisse Mittel _blöd_ auf die Augen, ja _krank_ auf den Leib, _furchtsam_ vor Räubern und Riesen und Ottern und Bären und Wölfen, ja sehr viele vor Abscheu vor dem Verhungern, dem Gras- und Krautessen, vor den Nächten ohne Bett und Nachtlampe, vor dem Alp und dem Teufel, der ihnen entsetzliche Gesichter und Faxen vormache und sie auf schaudernde Abwege verlocke, durch redende Kühe auf den Bergeshalden, und geschwänzte feuerbrüllende Drachen mit Krallen und Flügeln, und zuletzt vor ihrem eigenen Grabe voll Kröten und Basilisken und zwickenden Krebsen. Viele trotzige Knaben säßen mit Gewalt eingesperrt in den Kellern im Finstern, und weislich ohne Taschenmesser und Strick, Schnure, ja nur Bindfaden.
So gestanden sie ihm, und lachten und weinten dazu. Und als er die Mädchen alle in Ein Zimmer, und die Knaben alle in ein anderes hatte führen lassen, tröstete er sie auf ihren Zweifel: »daß es nur, ach, nicht möchte zu spät sein, ihnen zu helfen«, und sprach: _Mit der Vernunft ist es niemals zu spät, und niemals zu früh_, sogar nicht schon in der Wiege, wo sie dem Kinde leuchtet aus der Mutter Augen. Nur daß kein neuer Zünder, Raptus, oder neue Wuth sie überfällt! Denn die Vernunft, sie, die allgemeine Gesundheit der Seele und also des Leibes, will auch befestigt sein und ins Herz gebannt als der beste Geist, den Niemand bannt noch verbannt.
Er vergönnte ihnen nicht nur, wer wolle, dazubleiben, sondern bat sie ausdrücklich, wiederzukommen, damit die Kinder doch sahen und einsähen: sie hätten Aeltern, und durch Scheiden und Wiedersehen ihnen wieder in Erinnerung zu kommen, als ihnen unentbehrlich und theuer als ferne Nebel und Nebelbilder. Denn wer seine Aeltern liebt, recht liebt, meinte er, kann niemals verloren gehen, ja kann nie verrückt werden, es sei um was es wolle. Redliche liebevolle Aeltern sind den Kindern die angeborenen Heiligen und Engel; ja, wenn auch als Schuster verkleidet mit Schurzfell und Pfriemen und Pechdrath, oder als Schneider mit Scheere und Bügeleisen, oder als Tuchscheerer mit der gefährlichen Scheere mit beinahe windmühlflügelgroßen stählernen Flügeln. Das seien alles nur Narrenspossen und Carnevalsmasken auf Erden; denn der _Kern_ sei die Nuß, und die Traube der Most und der Wein.
_Frohmuthe_ bediente die kleinen und großen Gäste lebhaft und heiter, und es war ihnen so wohl, als wären sie aus der ängstlichen Welt hoch in den friedlichen Himmel versetzt; _den Kindern aber graute künstlich und gründlich übel vor der ganzen Welt_.