Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212
Part 4
Sage mir Einer was er will, setzte der alte Herr draußen noch hinzu: Alles ist Etwas für den Tag, und sehr viel für morgen und übermorgen. Die reife Aehre ist voll Körner. Und immer gibt es vorschauende Männer, _die sich wenigstens nach den Wegen in dem Walde der Zukunft umsehen_, und überhaupt doch ahnen, was die Menschen mit ihrem leeren und schweren Herzen gern hätten und wie sie gern lebten. Ich werde daher gleich in der Montagssitzung beantragen: den Bau der 300 Schiffe zu beschließen, die wir Stadt Köln, freie Reichs- und freie Hansestadt, zum Handel und zur Kreuzfahrerverschiffung um Gibraltar herum ins Werk setzen, womit wir zwei Fliegen zugleich schlagen: die geistlichen Herren in ihrem Werk unterstützen, und die mächtigen Wollenweber beruhigen, die nur _mehr Gewalt_ in der Stadt und darum _in den Rath_ wollen, um dann nur desto erfolgreicher dem Erzbischofthume zu widerstehen -- blos weil es ihnen eine nicht besonders günstige und grüne, sondern wiederum aus _seiner_ Pflicht oft stachelige starre _Macht_ ist. Und ich sehe den Tag im Geiste voraus, wo die himmlischen Mächte, nach einer Kreuzschlacht aus der Stadt geschlagen, auswandern, oder wo die Wollenweber nach einer _Weberschlacht_ mit zerbrochenen Weberbäumen und ihren ellenlangen, zerbrochenen, stählernen furchtbaren Tuchscheeren auf ihren Schifflein hinausschiffen müssen -- aber ich sehe auch den Tag, wo sie dennoch wieder zurückkehren, die Stadt belagern und wenigstens sich die Aufnahme in den äußern Rath durch Unentbehrlichkeit und Reichthum ertrotzen. Dabei möchten denn viele Häupter des hohen Raths fallen![A] Wir leben also Alle in gar keiner spaßhaften Zeit.
Jetzt meldeten hereingekommene »Funken«, daß es nun möglich sei, auf gewisse Weise den Freund _aller_ Kölner, den theuern Narren Jost, nach Hause zu bringen, um verbunden und geheilt zu werden, oder doch ruhig in seiner Kindesheimat, dem Bette, bei Frau und Kindern zu seiner traurigen Freude entsetzlich beweint zu sterben. Die gewisse Weise bestand aber darin: die Funken hatten auf der Straße einen vorübergetragenen Sarg aufgefangen und brachten ihn herein. Männer Einer Brüderschaft in gleichen Kappen und Masken ergriffen das Mittel, fütterten den Sarg mit Teppichen aus, baten den Narren, sich gefälligst in den Sarg zu bemühen, hoben ihn sanft, legten ihn sanft hinein, deckten ihn zu, erhoben ihn nur halb bis durch die Pforte hinaus, erhoben dann den nach Gebrauch offenen Sarg ohne Bahre auf die Schultern; einer der Ihren trug den Deckel nach; mehre Andere bildeten sogleich einen Zug, dem zwei Fackeln vorleuchteten. Ein Sarg hat selbst für einen _Betrunkenen_ eine gar wunderliche Einwirkung, schneller wie ausgepreßter Kohlsaft. Sie begannen eine Lamentation zu singen; die Masken auf der Straße machten Raum für den Zug, und begleiteten in plötzlich fromm gewordener Weise den angeblich Todten, dem ein leiser duftiger warmer Frühlingsregen in sein offenes Gesicht sprühte, und der endlich selber in rührendem tiefen Baß seine Stimme erhob, das »Tuba mirum spargens sonum« begann und das »Requiem aeternam« wundervoll sang.
[Fußnote A: Wirklich geschah _die Weberschlacht_ und die Belagerung nicht lange nachher.]
Aber gute Seelen liefen voraus, um seiner Frau zu sagen, sie solle nicht erschrecken! Der jüdische Doctor, als überall hülfreich, wo er durch Beistand und guten Rath oder auch nur durch eine Warnung nützen konnte, und immer ein kleines Besteck bei sich führte, hatte dem armen Narren das Geleit hinauf gegeben, und sein Jugendfreund Raimund auch. Sie hatten eine liebenswürdige gute Frau und liebe Kinder gefunden, zwei Knaben und ein Mädchen, die von des Vaters heiterm, klugem und witzigem Gesichte belebt, jetzt um desto mehr weinten und klagten, da es sein Leben galt. Beiden Männern war der Narr ein unersetzlicher Schatz durch seinen Einfluß bei dem als gut und lobens- und liebenswürdig bekannten alten Erzbischof. Dem Arzte war der Narr theuer aus Glaubensverwandtschaft mit dem zum Feuertode verdammten Juden; -- dem Kaufherrn und jetzt zum Patrizier und Vorsteher der Familie gewordenen Raimund aber durch Blutsverwandtschaft mit der verunglückten schönen _Frederune_. Die Träger und die Geleiter des klugen Leichenzugs zogen mit dem Sarge, von der Frau bedankt und beschenkt, wieder ab. Die Freunde aber blieben und schieden erst, als der Arzt Umschläge über die Nase gemacht, eine Ableitung auf die Brust gelegt, ihm Ader geschlagen und zuletzt ihm noch die beiden unversehrten Zähne auf frischer That wieder eingesetzt, und den Kindern, die bei dem Vater wachen wollten, gesagt: Kinder, sagt nur dem Vater immer: »Vater, beiße die Zähne zusammen!« Und der arme Narr hatte den Freunden gesagt: Wer einem die Nase curirt, der hat ihm mehr als den Thurm wieder aufgebaut, der gen Damascus schauet; und mit den Zähnen hat er einen Stein, ja zwei Diamanten bei ihm im Brete -- das heißt diesmal: im Munde. Uebrigens freue ich mich zuerst auf die blaue -- dann auf die grüne -- dann auf die gelbe Nase durch alle Dur- und Molltonarten der Maler, als Musikanten für die Augen. -- Es wäre meiner Frau nicht lieb, wenn ich noch mit heutiger blutiger rother Nase im Sarge paradiren müßte; denn ich habe heute die Reden noch nicht vergessen und die Schläge von meinen weinenden Tanten nicht, daß ich meine alte Großmutter unversehens in ihren allerletzten Tagen etwas furchtbar mit einem spanischen Rohre über ihre große edle Nase geschlagen, die sie blau mit gen Himmel genommen. -- Also morgen früh auf Wiedersehen, und hoffentlich meinerseits nicht auf ein einseitiges, ein bloßes _Gesehenwerden_.
Sie verbanden ihm noch den Mund, zu ruhigem Anwachsen der Zähne in ihren Kapseln, und begaben sich wieder nach dem Hansesaal im Rathhause, wo es räumlicher und stiller geworden und worin sehr Viele vor Hitze ihre Carnevalmasken abgenommen hatten. Die beiden zurückgekehrten Männer brachten Hoffnung und Trost über den theuern Jost wieder; aber wunderlich genug: auch das schlug Mehren ihre Freude an einem Narrenbegräbnißzuge nieder, den sie sich unterdeß ausgesonnen, ja schon zum Theil hingemalt, und die Rollen den Personen zu- und ausgetheilt hatten. Das ward nun Alles muthwillig sogleich untereinander gewirrt und verschoben, und mit neuer Begeisterung sogleich ein Maskenzug zum Scheiterhaufen, zu _der Hurd_, im Ganzen und in den Theilen festgestellt, damit das Ganze sehenswürdig sei und ihnen Ehre mache, ja die tausend Zuschauer erheitere! Denn, sprachen sie, unter der Maske ist nichts mehr wahr und ernsthaft, wie kein Schauspieler mehr in keiner Rolle, nur ein sogar sich selbst bewußtes Gespenst, und alles zum Spiel Erhobene ist Spiel -- ist Welt!
Raimund fand von seinen alten Bekannten noch mehre, und diese hinwieder machten ihn mit den andern bekannt, so viele der heimlichen Katharer, oder von den Reinen da waren, die Niemandem gestatteten, Jemanden ums Leben zu bringen, also auch dem Scharfrichter und Henker nicht. Alle Unterdrückte haben von jeher eigene Zeichen, daran man sie erkennt; Unterdrückte zeigen zur Erde hängende Köpft, zornige Gesichter, _zu Zeiten_ geballte Fäuste und langes Wartenlassen auf Fragen. Andere haben Zeichen, um den Gleichen sich erkennen _zu lassen_ und zu erkennen zu geben. Raimund's Glaubens- und Lebensbrüder gaben sich zu erkennen und erkannten sich verdachtlos an einem besondern Anblicken und an einem schnellen, Andern kaum bemerkbar, also unverdächtigen Bewegen der Lippen. Und so war er bald von einer entschlossenen Schar gleichgesinnter Männer umgeben, und fühlte sich froh in ihrem Kreise wie in einer Mauer von Lebendigen. Der jüdische Doctor aber war wiederum _seinen_ Leuten wie auf das Leben empfohlen, und sie unterstützten die beiden Angekommenen redlich dabei, als die Klage darauf gekommen, daß der Stadt und Umgebung und dem ganzen Lande weit und breit so viele Kinder, Knaben und Mädchen der Vornehmen und Geringen, der Reichen und Armen, auf dem für _sie_ unsinnigen Kreuzzuge umkommen, verdorben werden und den Aeltern kaum zurückhaltbar verloren gehen sollten! Selbst die Juden, die doch frei von dieser Kindersteuer sich fühlten, und deren Kinder gesteinigt worden wären, wenn sie sich unterstanden hätten, sich auch nur im Scherz ein Kreuz auf die Schulter zu heften, _sie_ auch lobten die so menschenfreundlichen, väterlich gesinnten redlichen Geistlichen, die sich so unschuldig die Rache nur herrschsüchtiger Menschen zugezogen. Die andern Gläubigen aber gelobten Geld über Geld einem Doctor, der die wahnsinnig gewordenen Kinder von ihrer Thränensucht und ihrer Seelenkrankheit heilen könnte, aber noch schleunig in Zeiten! Raimund deutete auf den Arzt und erbot sich gleich von morgen früh an auf sein Schloß hinaus Alle für die Cur hinauszunehmen, so viele Mütter oder Väter oder Schwestern und Brüder ihm solche geisteskranke Kinder bringen würden.
Die hochwichtige Angelegenheit wurde dann unter ihnen vertrauensvoll und geheim näher besprochen und Alle schieden von Hoffnung beseelt. Die beiden Freunde kehrten nach ihrem Hause in der Stadt zurück, woraus Raimund's todter Bruder, Aldewin, Irmentrud, seine Witwe, ihre Tochter Irmengard und Frohmuthe hinaus auf die für den Sommer wohleingerichtete Lindenburg schon fort waren. Und sie folgten ihnen um Mitternacht, nach diesem überraschend schweren Tage voll kaum glaublichen, aber wahrhaften Leides.
Fünftes Capitel.
Dem alten treuen Hausmeister Hagebald war aufgetragen gewesen, auch die drei Faß spanische Rosinen mit hinausbringen zu lassen, und Raimund ging jetzt die Nacht noch mit ihm, eins aufzuschlagen, und aus dem darin geborgenen kleinen Fäßchen sich reichlich mit Gold zu versehen, wobei er den alten, fast wie zum Freund seines Bruders gewordenen Diener zugleich mit nicht erst zählender Hand beschenkte. Der spanische Doctor hatte indessen droben seine Medicin bereitet für die morgen erwarteten Kreuzzugskinder, und dabei sich der Hülfe der schlauen Frohmuthe bedient, der er erst kein Schweigen auferlegte, weil er wußte, daß so etwas gerade erst recht bei Weibern und Mädchen vergeblich ist, der Sache eine Wichtigkeit beilegt und gerade das Gegentheil wirkt; weswegen der Weiber größte Angst ist um Das, was sie gesagt oder wiedergesagt haben oder haben sollen.
Mit _einem_ Verlaß auf Etwas schläft jeder ein, auf seine Kunst oder Wissenschaft, oder doch auf sein Grabscheit, ja auf Anderer Bedarf und Noth, und selbst dem zu Grabe Getragenen legen seine Begleiter noch einen Verlaß unter. Die beiden hülfreichen Freunde verließen sich aber auf kranke Kinder und einen berühmten Narren, einen Großnarren, weil er einem Großen diente, und schliefen Jeder in seinem prächtigen Zimmer, bis die Morgenröthe hineinflammte. Mit Sonnenaufgange standen sie fertig angekleidet; der Doctor spanisch, Raimund französisch-provenzalisch.
So gingen die beiden Herren die breite Treppe leise hinab, sahen rechts die Thüre des großen Saales offen stehen, den Todten im Sarge, und an dem Sarge mit gefaltenen Händen seine noch junge Witwe in weißem Kleide. Der Todte war aber unaufgedeckt, sodaß sie noch vor Furcht oder Schmerz, oder irgendeinem andern schweren Gefühl, die weiße breite Decke über seiner Gestalt und seinem Antlitz unaufgehoben gelassen.
Sie traten leise zu ihr; Raimund winkte ihr mit den Augen guten Morgen, schlug die Decke zurück und sah sich den todten Bruder an, den die aufgehende Sonne mit ihren über die grünende Erde daherschwimmenden, wie in Blumen und Blüten watenden Strahlen beleuchtete.
Armer _Bruder!_ stöhnte er; armer _Vater_, den die große Tochter so betrogen hat! So unausstehlich, daß du es nicht ausgestanden doch überstanden hast.
Doch hat sie Gott nicht betrogen, und Gott sie nicht, nur eine Welt fabelhafter Menschen! sprach der Doctor tief erschüttert, aber erhoben. Und wie halb fluchend, halb betend, sprach er mit Sonnenglanz verklärtem Antlitz: »Richte die Menschheit, die Erde zum Himmelreich an, herrsche auf jedem Dorfe ein gütiger weiser König, besitze sie alle Weisheit und Kunst, aber bleibe sie in einer Abscheulichkeit in der höchsten Sklaverei stecken: «_Sei ihr die Liebe nicht frei, und die Ehe zwischen Liebenden nicht frei_», dann hat sie noch mit aller Gewalt und allen Sinnen an dieser einzigen, so leichten und so natürlichen, allen andern Wesen unter dem Himmel und auf der Erde gegebenen Freiheit _zu bauen_, die die Lerche in der Luft und den Goldkäfer in der Erde ihr zum Vorbild und zum Ziele schon hat, und durch sich wie selig macht -- _denn die Ehe sich Liebender ist die Seligkeit_. Und der heimliche Haß _zweier_ sich nicht von Herzen Liebender ist das tiefste Elend, wenn die Liebe des Einen noch ihr Leben ertragbar macht. Aber das Leben und die Welt soll nicht _ertragen_ werden, sondern _gefeiert_ als schönstes blumiges Lauberhüttenfest!« Und der Vater verlor die große Tochter durch den Unsinn und die Herzlosigkeit der Welt, indeß die Tochter liebesweise war, und schrecklich dafür bestraft, wie das gottgläubigste, frommste Kind _voraus_ in der gewiß erscheinenden, Allen das Beste gönnenden Zukunft auf Erden lebte und liebte, ohne Ahnung einer Unseligkeit; denn reine Liebe ist der höchste Glaube, ohne gleiches Nebengut noch Nebenglück.
O wie schön -- und o wie fabelhaft traurig für den Vater! sprach Raimund dazu. Und nun soll er, oder doch die arme unglückliche Mutter hier, noch ihre jüngste Tochter verlieren! Wollen wir sie doch ihr malen lassen! -- und den Vater!
Indessen stand Irmengard neben ihr und die Mutter bedeckte wie vor Scham ihr Gesicht mir beiden Händen und weinte dahinter.
In meinem Zimmer droben, sprach Raimund zu seiner Schwägerin, hängst du gemalt von einem vortrefflichen Maler, der noch leben muß; denn deine Frederune steht noch klein zwischen deinen Knien, und du flechtest ihr das Haar; und ein Maler vermag schwerlich jemand Aeltern in seine Jugend oder gar seine Kindheit zurückversetzt, als die heitere Unschuld, so treu und schön zu malen; das Bild scheint also etwa dreizehn Jahre alt. Wie hieß denn der Maler?
Und -- sich bückend und dann wie davon röther geworden, antwortete sie halblaut: Er heißt _van Graveland_. Er war eines hiesigen reichen Wollenwebers Sohn, und webte selbst schon reizende Teppiche; ging aber nach den Niederlanden, ich weiß nicht warum, und ward Maler; lebt aber jetzt wieder hier, oder auch nur auf Besuch, und hat sogar vorige Woche höflich sich ausgebeten, sein Bild, als nämlich mich mit dem Mädchen, wiedersehen zu dürfen, um es zu prüfen und daraus zu lernen.
Ach, dem laß ich mich gern malen! rief die Tochter. Dem mußte man gut sein, und wie getreu und lieb er einem in die Augen sah!
Die Männer, und der Arzt nicht ohne besondere, aber verschwiegene Gedanken, versprachen den Maler aufzutreiben und herzubringen.
Sie gingen darauf, mit kurzen klaren Worten ihre Absichten besprechend, in die Stadt zu dem redlichen Narren im erzbischöflichen Palast. Er saß im Bett auf, die Kinder um ihn, deren jedem Raimund eine Düte schenkte, mit der sie zur Mutter liefen, die bald darauf selbst kam und ihrem Manne etwas in die Ohren flüsterte; er schüttelte gegen Raimund den Kopf, der ihm die Hand drückte und sagte: Es ist nichts schändlicher und despotischer, als ganz allein aus Hoheitsrecht andern dankbaren Menschen zu wehren, Jemandem oder mehren um ihn Verdienstlosen _zu danken_ oder einen ihnen Feindlichen _zu tadeln_. Ich zerreiße dieses Garn, und bitte dich, Bruder Jost, auch noch diese Düte mit 2000 Goldstücken deinem guten Herrn in meinem Namen zu verehren, damit er der Stadt gewogen bleibe für gestern, und die schönen Fenster und die zerhämmerten Glocken auf den Thürmen wieder herstellen zu lassen -- weil mich der Herr in der Fremde gesegnet und wenigstens mich gesund und lebendig hat heimkehren lassen.
Jost dachte darauf bei sich im Stillen nach, während ihn der Arzt neu verband und ihm ohne Nachwehen wieder seine Gesundheit mit kurzen Worten versprach.
Und wenn ich morgen stürbe, so würde heut' doch meine letzte Bitte _für Eure Sache_ bei meinem Herrn und Gnaden erst recht an schlagen, sprach Jost. Die _letzten_ Bitten sind die einschlagendsten in ein gutes Herz, wie das meines Heiterkeit liebenden, Allen -- beinahe schon ganz vernünftig -- wohlwollenden Herrn, _dem_ zu Liebe ich sogar meine Narrenkappe und Pritsche dem Erzbischof _Siegfried_ zu Mainz überlassen, und dem zu Leide ich nicht in die Dienste des Bischofs Friedrich zu Halberstadt und nicht zu den Bischöfen von Lüttich, Bamberg, Strasburg und was weiß ich wohin gegangen. Ja, ja, seht mich berühmten Mann nur an! Aber »Heiterkeit bedürfen auch die Heiligen, und Wahrheit auch die Kaiser, und Freude die Engel«; sagt mein guter Herr -- und nur gestern ist sie mir schlecht bekommen, fast zu schlecht! In ihrer Begeisterung stört nur eben ein _alberner_ Narr die Bienen, kein kluger; _nach_ der Begeisterung aber lassen sich die wildesten Pferde als wahre Esel in den Stall führen, und nachträglich durch eine Tracht Schläge und Hunger ganz zitternd vor Liebenswürdigkeit machen.
Darauf ging er gleich aufrichtig zur Sache über, und meinte . . . daß sich der schöne redliche junge Mann die vor Liebe unbedachtsame übereilte Jungfrau hat in der Fremde antrauen lassen gewollt, und deswegen mit allem seinem großen Vermögen mit ihr freilich heimlich wegziehen -- das nutzt _jetzt_ nichts mehr. Wenn der Herr Christ, der sich mit einer Türkin vergangen, das ihn sogleich rettende, aber uns abscheuliche Wort ausruft: »Es ist nur Ein Gott«, das ist hier nur fruchtlos. Daß er sich will taufen lassen, das rettet _das Kind_ nicht; denn es ist noch aus früherm _teuflischen_ Geist, und so die Mutter noch seine verteufelte Mutter. Die Hurd, nach der alle brennen, um hinter allen den frommen Städten am Rhein zu Berg und Thal nicht an Frömmigkeit zurückzubleiben, wäre nur aufzuschieben durch Eingreifen und Einschreien und Einschreiten barmherziger, außer sich gerathener »_Weiber_ voll guter Hoffnung«. Und dann ist, was ich meine, das Beste, die Schuldigen zur Gnade oder Bestrafung _nach Rom_ zu überweisen, was zu thun meinem gnädigen Herrn das redliche Menschenherz erleichtert. Viel Geld in die leeren Kassen zu Rom würde zuerst doch in den Kerker, und _noch mehr Geld_ auch endlich aus dem Kerker bringen. Auf dem langen Transport zu Eseln nach Rom aber könnten sich die Schuldigen ja -- vielleicht verirren! . . . von Räubern geraubt und in ein ander Land transportirt werden, und selig bis an ihr seliges Ende leben. Wirkt Ihr also auf der _solchen_ doppelmitleidigen _Weiber_ Herz -- ich will eines braven _Mannes_ Herz erweichen.
Raimund ging in Bekümmerniß auf den Altan hinaus und sahe die Schiffe fahren und umher die Bäume blühen, als gäbe es keine unglücklichen, keine bethörten Menschen, und das Wasser des Stroms floß so silberklar und die Tauben girrten auf dem Dache des Palastes, und fielen vor Liebe fast herunter; sie errafften aber in der Luft ihre Flügel und schwärmten um den Thurm und flogen zu Nest.
Indeß vertraute der Doctor dem Narren seine Weise, die Kinder zu heilen, die der Narr ganz auf die Natur gegründet fand, und sich freute, sodaß er wieder lachte. Er erkundigte sich dann, als des Auszurichtenden oder Auszuführenden sich immer und überall bewußt, nach dem Maler, der in ihr Haus kommen und die jüngste Tochter malen solle. Da schüttelte der Jost den Kopf und sprach ihm leise zum Ohr: Aber auf Männerverschwiegenheit; der schöne junge Mann war der Nachbarssohn der jetzigen jungen Witwe, die ihre Aeltern aber dem vornehmen Patricier aus Streben nach Rang und Ansehen zum Weibe gaben, worüber der verschmähte junge Mann in die Ferne ging -- aber vor mehren Jahren, schön, reich und berühmt, und der ersten Liebe unvergessen, wie die Weiber sie noch viel weniger vergessen -- wiedergekommen ist, und seine erste _Geliebte_ und ihn zuerst _Liebende_ wundervoll gemalt hat, wobei sie ihm so in die Augen gesehen, daß sie sich so an ihm versehen -- doch Ihr werdet ihn ja sehen und sinnen, wo Ihr ihn doch schon wo gesehen habt -- als irgend wen und was, ja den schönen Mann mit vollem schwarzen Bart sogar als _Mädchen ohne Bart_ erkennen.
Der Doctor schwieg verstummt, doch klug gemacht als ein erfahrener, tausend Häuser kundiger Mann; und Jost sagte nur noch: Mich sollte es nur wundern, wenn in Euerm Hause da keine Hochzeit würde, sobald nur die äußere Trauer aus ist. Denn wer auch nichts Früheres zu _verehelichen_ hat, der sinnt doch auf _Wiederverehelichen_. Denn die Welt ist eine verliebte Katze, sagte mein Vater immer. Und hier erscheint den Wissenden sogar nachträgliche _Redlichkeit_, und dem guten Raimund schadet es nicht und beunruhigt ihn nicht, wenn er nur darüber unwissend bleibt, daß die jüngste Tochter der Frau Rath aus innerer Liebe und stiller Treue das Kind des ihr früher verweigerten Malers ist und nicht seines todten Bruders.
Sechstes Capitel. Die französischen Kreuzzugskinder.
Darauf hörten sie es auf weichen Pantoffeln geschlurft kommen. »Seiner und meiner Gnaden!« sprach Jost.
Und es war der alte liebe Erzbischof im Morgentalar, der schon kam, seinen treuen Jost zu fragen, wie es ihm ergangen und gehe.
Besser; antwortete ihm Jost. Da steht mein Doctor! und zeigte auf den Spanier; aber Schmerzen sind über Narrheit, und Gesundheit geht über die Weisheit, oder ist sie selber, aber gewiß ihre Tochter, weiß ich nun.
Sr. Gnaden bekam einen gewissen Respect vor dem Titel Doctor; denn sein _rechtes_ Auge besonders war ein Candidat des schwarzen Staars. Und der freundliche Greis lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich niederzulassen, und gab dasselbe Zeichen der Huld dem Raimund, den sein Jost ihm soeben seinen treuen Jugendfreund genannt; und so war ihm der fremde ernste Mann sogleich empfohlen; denn was ihm geschehen und warum, und was er fühlte und wie er dachte, das war ihm wie keinem andern Menschen glücklicherweise nicht anzusehen. Er setzte sich selbst einen Stuhl zu Füßen des Bettes, und der schwache alte gute Mann wäre mit dem schweren Stuhle beinahe selbst umgefallen, und die beiden Freunde, die übereilt ihm dabei helfen wollten; und er lachte, und Alle mußten und durften doch lächeln.
Während er nun mit seinem Jost sprach, und mit der Linken dessen linke Hand hielt, betrachteten ihn die Männer; das silberweiße Haar, das unter dem veilchenblauseidenem Käppchen hervor die schöne glänzende Stirn umquoll . . . die gleichsam gottgetreuen Augen . . . die in den heraufgezogenen Muskeln der Backen gleichsam festgewordene lächelnde Menschengüte . . . und die sanfte wohlwollende Stimme, die gewiß nie fluchen, nur segnen konnte . . . und die schneeweißen Hände, die mit dem Rosenkranz scheinbar nur spielend, ihm selbst aber ein inniges Zeichen waren, daß Alles, was er thue und spreche, nur ein heimliches Gebet sei. Und doch liebte er die Heiterkeit, ja die Freude; denn er liebte sichtbar seinen Narren, den Jost, als Widerpart der Sorgen und Nöthe, der die Wahrheit angenehmlich hörbar mit der Pritsche predigte und dazu mit Schellen an Mütze und Kappe läutete.
Der seiner _goldenen_ Bitte schon immer durch Rührung bahnbrechende Jost unterließ nicht, seinen Freund Raimund dem guten Greise zu bedauern, der, nach langen Jahren aus Frankreich zurückgekehrt, nur um eines Hahnschreis Länge zu spät seinen Bruder nicht wiedergefunden, der vor Erbeben über das Schicksal seiner Tochter gestorben.
Hm! Schicksal! sprach Sr. Gnaden dazu. Aber wenn Ihr aus Frankreich kommt, mögt Ihr uns endlich gründlich von den Kindern berichten, die von da in das Gelobte Land ziehen, um es zu erobern. Hm! Es sollen ihrer Dreißigtausend das Kreuz genommen haben.[A] -- Hm! Und hier am Rhein zu Berg und Rhein zu Thal und aus den Städten und Dörfern des reichen schönen Flußgebiets in Deutschland sollen ihrer Zwanzigtausend sein. Hm! Und hier allein aus unserm gottesfürchtigen Köln mit Deutz und Weichbild an Siebentausend.[B] Hm!
[Fußnote A: Matthias Paris.]
[Fußnote B: Chronicon Sicardi.]