Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212
Part 3
Endlich sprach der Arzt zum Kaufherrn: Wir sind Zwei, und Ihr habt zwei Aufgaben zu lösen, schwere, schwere: Eure zwei Mädchen da zu erlösen, die ältere vom Tode geradezu, und von welchem? . . . die andere vom Kreuzzug, also so gut auch wie vom gewissen Tode. _Aber die Kinder sind angesteckt._ Es ist nur Feuer in sie angelegt. Sie sind _krank_ -- weiter nichts als _krank_. Uebernehmt Ihr die ältere zu _retten_, ich will die jüngste übernehmen zu _heilen_, und mit der stärksten Hoffnung nicht nur, sondern mit Zuversicht. Denn sagt nur kurz: seit wann sind erst Menschen nach Jerusalem gezogen? Immerfort seit Erschaffung der Welt? Oder meint Ihr, ohne rasend zu sein, daß Menschen alle Jahrtausende noch hinziehen werden -- bis, wie Eure Frau Schwägerin von dem armen Lebensleider gehört: die Welt _ausgeweint hat_ und die Augen zugeschlossen. Das ist nur ein »raptus«, eine geistige Witterungskrankheit, eine Ausbildungskrankheit des Menschen, wie die Kinder am Zahnen leiden und sterben. Die selbst in der Ausbildung begriffene Erde hat bekanntlich die ihr angestammte Pest -- den Tod. Die Erde ist immer so still krank und hat ihre Krankheiten, die ihr aus dem Bauche kommen; sie hat die Wassersucht und die Feuersucht, wie die Sündfluten und die Erdbeben, Fieber und Erbrechen von Steinen und entzündetem Lavablut, uns höhern Aerzten bewiesen. So leiden die Menschen hier und da Alles mit der Erde, jetzt _Dies_, zu andern Zeiten _Das_, bis sie platzt. Für die Menschen aber besonders theile ich die Krankheiten ein in Kopf-, Oberleibs- und Unterleibskrankheiten; und der Bauch, _aus dem die Träume kommen_, spielt gerade die größte Rolle. Darum muß dem Bauche geholfen werden, damit sie nicht zu Kopfe steigen. Wie viel plötzlich ausbrechenden Wahnsinn, wie viel Versetzungen der Menschen in sinnlose Dinge haben alle Aerzte schon leicht im ersten Anfall gehoben, sodaß sie mit Recht und zum Heile verworrener Köpfe jetzt den Muth haben, Menschen zu heilen von irgendwelchem Glauben, wie mir ein anderer jüdischer Arzt in Spanien beschworen hat, daß er unzählige Sarazenen, Mauren, die vor Sehnsucht, ja Wuth nach dem Heiligen Grabe wiederum _ihres_ Propheten zu pilgern . . . und von Mekka auf zeitlebens -- und _nach ihrem Tode_ also damit zugleich -- _ohne Rückfall_ glücklich curirt hat. Und da, wie ich höre, Ihr alsbald nach der Lindenburg hinauszieht -- so laßt mich mit; ich will Euch die kranke Irmengard heilen, und am liebsten mit mehren Kindern zugleich in Gesellschaft; und will heimlich mir kranke Kinder werben gehen, deren Aeltern den Tod derselben sonst vor Augen sehen, und ihr ganzes Vermögen darum gäben, sie zu Hause behalten zu können, und sie nicht halten dürfen! Die ganze Geschichte ist nur eine Krankheit, die mit _Thränen_ über Andere beginnt -- und wenn die Kranken erwachen, mit Thränen über sich selber erlischt und in Reue und Beschämung erstickt -- und doch sind die Kranken unschuldige Leute, wie alle Kinder unschuldig an ihrer Geburt.
Sein Freund lächelte und sagte ihm: Thut Das, was Ihr um unsere Irmengard thun wollt; denn Euere Rede ist nicht ohne Grund der Erfahrung. Aber wie helfe ich der andern Schwester? Das letzte Mittel wäre -- Gift.
Die arabischen Aerzte, jetzt fast allein noch erst die vernünftigen auf der Erde, sprach der jüdische Doctor, haben ein Gift, wenn man es mit dem widersinnigen ungerechten Namen beschimpfen darf, das _fühllos_ macht, selbst wenn man die Hand, das Gesicht, oder die Nase nur, in Feuer steckt -- das würde sie also schmerzlos in Flammen sterben lassen oder zuvor im Kerker; aber eben »_sterben_«, das will sie weder jetzt im Kerker, in welchen Ihr laut des christlichen Decrets freien Zutritt habt, noch in der Hurd auf dem Hügel da draußen, _bis_ sie ihr Kind geboren, um welches sie als heilige Mutter des Himmels und der Erde ihr Leben gibt -- sie will nur mit dem Menschenkinde _an ihrem Theil die Welt mit geschaffen_ und mit _geweint_ haben -- dann hat _sie ihren_ Evatheil erfüllt, und will dahin, begraben und vergessen sein wie Eva, und Der, der sie und ihren Namen erdacht hat. Denn kein Mensch hat damals oder jemals gesehen, wie Gott der Herr, oder die Elohim die Welt, die Erde und das liebe Paradies erschaffen und den Baum des Lebens, aber auch den Apfelbaum und die Schlange darein gesetzt. Darum versucht Ihr die Erlösung _mit Gold!_ Die Gelegenheit für Gold ist immer, Tag und Nacht, und jetzt in der tausendjährigen Nacht, zu jeder Stunde.
Ich will mit Freuden ein Faß große Rosinen daran setzen, rief der Kaufherr freudig; das heißt, erklärte er leiser dem Freunde: ein Fäßchen Gold, ja das zweite; mit dem dritten bin ich noch zwei reiche Männer. Der Handel hat mich gesegnet und ich habe noch ein Schiff in See. Auf! Gleich fort! Man kann nichts Nötiges Zeit genug thun; oft eine Stunde zu spät bekommt man nicht mehr, was man bedürfte . . . ist der Mann nicht mehr da, der uns hülfe! -- Da steht man bestraft für die Saumseligkeit, die Mutter der Versäumniß. Darum gleich fort in den Hansesaal unserer reichen Stadt Köln, der mächtigen Stadt, einer alten Stadt, in Wahrheit schon vorher herrlich, ehe man noch _Anno Eins_ schrieb, welche Einführung alle Chroniken erst recht verworren und finster macht, und vor der Hand und noch lange alle Contracte. Und mein Köln -- sammt seinem ganzen Weichbild mit _Städterecht_ -- es baut jetzt 300 Schiffe und ist Stapelort der weit mächtigen, innig verbundenen Hanse. In ihrem Saale hören wir von Fremden aus allen Landen und von den einheimischen Männern -- Ihr von Euern reichen klugen Juden, und ich von meinen ehrenwerthen Unglaubensgenossen, alles uns Nützliche -- den Stand oder die Lage der Dinge. Dem Kaufmann, dem ist die Welt mit allen geistlichen und weltlichen Dingen nur ein Handelsartikel, nur eine Kaufhalle vom alten heidnischen Gott Mercurius, der aber selbst _kein_ Heide war, da er ein Gott war. Und obendrein heut', als am Sabbath, ist alter Versammlungsabend; die Sonne ist unter, und der Mond erleuchtet die Straßen.
Viertes Capitel. Der Saal der Hanse.
Als sie nun hinaustraten, mußten sie vor Ueberraschung stehen bleiben und hören. Ein dumpfes Getrampel ließ sich vernehmen, ein dumpfes Gerufe, ein Gesumm und Gesaus und Gebraus; viel tausend Stimmen durch- und ineinander, aber alle als ein einziger Hall, wie von gedämpften Instrumenten, ein kicherndes Lachen von Fröhlichen, die sich den Mund zuhalten.
Das sind Masken! sprach Raimund zu seinem Begleiter; das hört sich an wie ein verschlossener Hühnerstall. Das erinnert uns, in einem Laden auch Masken vor unser Gesicht zu kaufen.
Sie drehten und wandten sich langsam durch das fröhliche Volk, fanden bald einen Laden, bemasketen sich und gackerten sich auch einen Augenblick an, von der Lachkrankheit angesteckt, wie der Doctor sagte, und um sich an ihren ganz anders klingenden Stimmen wiederum zu erkennen. In einem Spezereiladen kaufte er dann zu der morgen des Tages gleich vorzunehmenden Cur ein kleines Paket von seinem Hauptmittel, der Basis, das er zu sich steckte, und einen halben Centner »Adjuvans«, das er bezahlte und versprach, Morgens Sonntags früh gleich abholen zu lassen. Er kaufte zur Verwunderung so viel, weil viel tausend Patienten waren, von denen er sich zahlreiche Kunden versprechen durfte.
Wieder auf der Gasse, hörten sie in der Ferne mit Erstaunen die Glocken auf den Thürmen schlagen, aber ohne Maß und Takt, wie von mächtigen Schmiedehämmern oder Posseckeln, . . . die Glocken schlugen nicht, sondern sie wurden geschlagen -- zerschlagen. Näher hinzugeeilt, hörten sie an der nächsten Kirche die hohen Fenster mit Steinen einwerfen, mit Pfeilen und Bolzen von Armbrüsten und Rüstungen einschießen, daß sie droben gellten und die zerschmetterten Scheiben drunten auf den Steinen zerklirrten; und nach jeder solchen Salve scholl ein Gesammtlaut auf, wieder wie aus einem ungeheuer großen Hühnerstall, was deutlich anzeigte, die dumpfen greulichen Schreier schrien und lachten und krähten aus Masken.
Das ist Meute! Das ist nicht Lust, das ist Schadenfreude! sagten die Freunde zueinander. »Das sind die furchtbaren Wollenweber!« sagte eine Stimme eines Vorüber- und zu dem Aufruhr Eilenden.
Ein anderer kam, schon weislich entflohen, von dem gefährlichen Orte zurück, und sagte zu den furchtsam und müßig Dastehenden: Sie sind mit Waffen maskirt; Helme quirlen sich unter der Menge, Spieße erheben sich und Hellebarden -- da sind denn auch unsere »_Funken_« dabei, die die Stadt und was drinnen ist beschützen sollen. Aber andere Funken wehren auch wieder selbst den Andern. Das verspricht dem Dinge ein baldiges Ende, wenn auch durch erbärmliche Schläge und Beulen und Wunden.
Ein Carnevalspaß muß sein! riefen Andere, aber nicht muthig, sondern mit Angst.
Und unter weiterwährendem Toben und Brausen, dem Fensterzerschmettern und Klirren und dem Glockenzerschlagen auf den Thürmen, eilten der Kaufherr und der jüdische Doctor mit seinem Heilgift aus dem Gedränge, das je ferner je dünner ward, nach dem großen, über tausend Menschen fassenden Hansesaal im Rathhaus.
Sie gelangten mit Mühe nur schon vor den Saal, dessen Thüren weit offen standen, und der große Raum stand vollgedrängt von Menschen. Vor ihnen drängte sich ein starker vierschrötiger Weinkärrner hinein, der rief: Hoho, hier kann ja kein Apfel zur Erde, geschweige ein Kürbis, und wenn eintausend von der Decke fielen, da wären wol dreitausend Kürbisköpfe darin. Hier kommt man nicht mit Füßen, nur mit Elnbogen hinein.
Und diese setzte er sogleich an, und hinter ihm in der Lücke gelangten sie mit hinein bis in die Mitte. Sie stellten sich auf die Zehen und sahen bei dem Scheine der vielen Kronleuchter an der Decke und der blitzenden Wandleuchter, daß an mehren Tischen dahinten doch Männer saßen, dicke und wohlhäbige, die ganz gewiß schon vorher bequem hineingegangen sein mußten. Alle waren in lebhaftem Streit. Einer erzählte, was draußen geschehen, noch geschehe, und gar erst die Nacht geschehen könne oder würde. Ein Anderer schaltete Nachrichten oder Ergänzungen ein. Viele widersprachen auf ein mal zugleich, und noch Andere erklärten den bloßen -- so Gott will -- »Pfutsch« -- sich viel oberflächlicher, dagegen dort ganz Weise und Tiefsinnige die Sache sich weiser und tiefer. Darauf schwiegen durch Zufall Alle zusammen zugleich, und die Pause ward durch ein schallendes Gelächter erfüllt. Danach versicherte ein Judenfreund oder -Feind: das Ende vom Liede werde sein, daß man einige, gewiß bei Allem neugierige Juden scheinbar bei der That ertappen, ergreifen und einstecken würde, für deren Freistellung ihre Leute die Kirchenfenster würden machen lassen und die Glocken umgießen müssen.
Gut, daß das nicht alberne prasselnde Schloßen gethan haben oder die himmlischen Blitze! Was würde man mit denen allerhöchsten Personen thun? -- Da ist es mit dem Einstecken nicht recht richtig und mit dem Bezahlen so eine Sache! rief eine stämmige Maske zu allgemeinem Gelächter darein, soweit man ihn gehört.
Du, vergreif dich nicht an Kirchensachen und an unschuldigen Kindern! sowie jetzt unsere Herren Kanzelredner seit Sonntag die ganze Woche in den Morgen- und Abendpredigten sich aus Menschenverstand und wahrer Seelen- und Leibes- und Lebensvorsorge an den _jungen Kreuzfahrern_, oder Kreuzfahrjungen und -Mädchen vergreifen, und an den _alten_ armen Weibern, die unterwegs sich _besser_ Brot erwarten, oder überhaupt nur welches, und wo möglich hoffen, gerade im Heiligen Grabe zu sterben. So rief ein Anderer, dem ein anderer Narr mit der Pritsche »auf das lose Maul« schlug, sodaß er schweigen mußte vor Lippenblutspucken, während ihn ganz anders Gekleidete in weißen Masken kichernd und bellend und miauend auslachten, von denen Einer nachher nur halblaut sprach: Der »Dülpner« hat es getroffen! Dasmal geht es _gegen_ die Vernunft der Geistlichen, die Recht haben, _wider_ den Kinderkreuzzug zu predigen. Was man alles erlebt: brecht ab! laßt das Wort fallen und zerstreut Euch im Saale!
Und sie folgten langsam und unauffällig.
Da brachten vier bewaffnete »Funken« einen verwundeten Mann in den Saal getragen, »englisch«, wie man es nennt, auf Händen. Der Mann in prachtvoller Narrenkleidung hatte keine Maske vor, sowie die Meisten im Saale keine, aber sein Gesicht sah doch wie eine Larve aus mit der dicken zerschlagenen Nase, geschwollenen Lippen und übel zerzausetem Bart. Alle erkannten ihn dennoch sogleich und schon an dem Wappen der Familie seines Herrn, Sr. Gnaden des Erzbischofs, in dessen Palast man vor Gedränge den armen Mann nicht hatte bringen können. Wo er vorübergetragen wurde, machten sie ihm eine Gasse bis an die hintersten Tische, woran die Herren saßen, und alle erkannten ihn und riefen ihm im Vorübergetragenwerden zu: Ach, du unser redlicher lieber Justus Jost! da bist du einmal »stultus in partibus Insanorum« gewesen! Du hilfst gern Allen; das ist auch eine Thorheit. »Die Klugen haben am meisten zu lernen; die Dummen brauchen nichts zu wissen.«
Die beiden Freunde gelangten hinter dem armen Mann her, und Raimund mit besonderm Interesse und aufsteigender guter Hoffnung. Denn der Jost, und richtig auch _Justus Jost_, war sein treuer lustiger Kamerad in der lustigen Jugend bei allen klugen und dummen Streichen gewesen, und hatte, wie er sah, sein vortreffliches Brot und das ehrenvollste wichtigste Amt durch seine höhere eigenthümliche Ausbildung gefunden, was Andern mit allem Ernst und aller Ernsthaftigkeit nur schwer oder selten und erbärmlich gelingt.
Einige der Herren standen sogar auf vor ihm, bedauerten und fragten ihn, was ihm fehle -- und er zischte: O, ich _habe_ es noch! Alles! und zeigte ihnen ein paar ausgeschlagene Zähne, und betupfte die Nase, und legte die Hand auf die Brust und sagte: ein folgsamer unschuldiger Stein traf sie mir nur! was will ich da sagen, als: memento mori! Und er lächelte mit dem entstellten Gesicht sehr freundlich und setzte noch hinzu: Auch die Welt sprech' ich schuldlos, und gar erst nun _den Willen der Dummen_ kann ich nicht schuldig finden vor tiefstem Mitleid. Dummheit verdient nur die grausame Strafe, klug zu werden.
Diese Narrengesinnung rührte seinen Jugendfreund Raimund, daß er zu ihm kniete, seine Hände faßte und drückte, ihm klar und hell in das Gesicht sah, und ihn frug: Mein Jost, mein Justus Jost, kennst du mich noch?
Ach du! Du! du kommst noch zur rechten Zeit -- noch vor Morgen! sprach Jost.
Morgen will ich ja zu dir kommen und zu wann vergönnst du es mir? Ich habe dich Schweres zu bitten, sagte ihm Raimund leiser.
Ich weiß, ich weiß, antwortete ihm Jost. Aber da muß ich dich bitten: komme früh! das hat so seine _sterblichen_ Ursachen! Nun habe ich dich doch wiedergesehen -- dich losen guten Schelm! Ein Jeder hat seine letzte Freude.
Darauf hielten sie sich an den Händen stumm.
Der jüdische Doctor aber rieth, wenn er sich erholt und die Straße ohne Gefahr worden, ihn in den erzbischöftichen Palast zu bringen, daß ihm Hülfe geschehe.
Die vier bewaffneten »Funken«, die ihn hergetragen, und Andere, die ihnen gefolgt waren, sperrten indeß durch ihre Stellung den Kreis, wo die Herren saßen, und wo es nun stiller ward, indeß es ferner im Saal noch Gewirr gab.
Nun was meint Ihr, lieber von Hompesch, zu dem Angriff auf die Kirche? da das Volk damit den Geistlichen glaubt an die Seele zu greifen; denn ohne Kirchen keine Kirche, ohne Hausrath kein Haus, ohne Geschäfte darin kein Leben, »das« ist keine ganz alberne Meinung; was meint Ihr, da Ihr gerecht und billig seid gegen Freund und Feind? So fragte ihn ein anderer vornehmer Patricier.
Ich meine, lieber Riedesel, erwiderte der stattliche gediegene Mann, unsere Geistlichen hier zur Stadt wie umher zu Lande sind mir bewundernswürdige redliche Leute, die ihre Pflicht, dem Volk zu helfen und zu allem Guten seine Diener zu sein, selbst mit Gefahr, dafür Leiden zu ernten, unverzagt erfüllen. Das zeigen sie klar daran, daß sie jetzt in den Häusern von dem Kinderkreuzzug abreden, in den Kirchen davon mit Thränen abpredigen, und wagen damit selbst ihr Verbleiben in der Stadt -- damit nicht die wol zwanzigtausend Kinder[A] aus dem Rheinland und drüben aus dem nächsten Deutschland, -- den Vätern und Müttern zum Gram in weiter nichts als unermeßliches Elend rennen!
[Fußnote A: _Sicardi Chronicon._]
Da sind aber Andere, die obschon gläubigen, zahlreichen, mächtigen Wollenweber oder Tuchmacher und Tuchknappen, die klüglich und vernünftig selber ihre Kinder zu Vernunft prügeln, die sie einsperren, um sie nicht zu den Umzügen und Processionen der Kinder laufen zu lassen, die sie zu fernen Anverwandten und Freunden, selbst bis nach Holland, bis Nürnberg und noch weiter heimlich fortführen, bis der alberne Sturmwind vorübergebraust; und was thun erst Alles die verschlossenen, unkennbaren »Reinen« oder Ketzer, von denen unsere Stadt halb voll ist -- was thun sie? Sie ergreifen jetzt, für jetzt und für die Folge, die Gelegenheit, die so vernünftige Geistlichkeit überhaupt bei dem gläubigen Volke verhaßt zu machen, weil sie vernünftig sind. Ist so Etwas schon vorgekommen? Was meint Ihr dazu, unser alter Hardenberg.
Und der gelassene Alte sprach, aber leise: Ja! und wie verehrungswürdig und väterlich gegen alle seine Kinder, die ihm vom Himmel zur Erziehung anvertraut sind, erscheint da erst unser Heiliger Vater, der seinen Namen »der Unschuldige« mit dreifachem Recht führt. Unschuldig war er am Kreuzzug. Hätte er ihn _verboten_, so hätte das Volk ihn für einen Türken gehalten, wol abgesetzt. Er dürfte noch keine Kirchthür an dem alten einfallenden Peter an einem Heiligentage verschließen, das Volk sprengte sie auf . . . nicht einer gemalten Muttergottes die Lichter vor ihrem Bilde an einer Straßenecke auslöschen lassen . . . nicht einem Büßenden sagen: »Lieber Freund, oder liebe Freundin, kein Mensch kann eine Sünde vergeben, und Priester sind Menschen. Geh' reuig nach Hause und bessere _dich_ -- und _Gott_ vergibt die Sünden unerforschlicherweise.« Seine Vorfahren wurden und waren nur mit aller Menschengewalt bekleidet, weil sie das Alles leiblich und zeitlich, und örtlich und hörbar, und sichtbar und fühlbar vor- und darstellten, was _das Volk_ wollte, daß sie wären, und was es zu bedürfen schien, ja so wie es war, es wirklich bedurfte _in seinem rohen unbeholfenen Leben voll tausend Mängeln in tausend Angst und Noth_. Einem solchen armen Volke die Priester nehmen, die heilige Messe austilgen, daß nicht Gottes lieber Sohn täglich für dasselbe geopfert würde und der Welt Sünden auf sich nehme, damit sie wieder fröhlich von frischem strebten, wie neugeborene Kinder, _das_ war unmöglich. Ohne letzte Oelung gab es keinen getrosten Tod, keinen Himmel; sie hätten gemeint in das Fegefeuer zu stürzen, unerlösbar ohne Fürbitten, und sterbend auf ewig vom Teufel geplagt in der Hölle zu schmachten unerlösbar. Wie wohlthätig ist solchen armen Seelen, so lange sie solche sind, ein göttlicher allmächtiger Stellvertreter Petri mit den Schlüsseln des Himmels auf Erden -- und wie wohlthätig ein mächtiger Pfarrherr auf jedem Dorfe, ja nur eine Kapelle, weit umher zu sehen auf ihrem Berge ins Land hinaus -- _nur ein Glöcklein, das Abends Frieden ausduftet über das Land_ -- und ein Kreuz am Wege, Tags im Sonnenschein, beglaubigt vom blauen Himmel droben, und des Nachts im Walde im Mondenschein, den verirrten Wanderer anleuchtend wie mit Gottes Auge, das getreu ihm zublinkt: »Sei getrost -- ich bin da!«
Das ist wol wahr und hört sich recht lieb, ja schön an; sprach ein anderer Herr noch leiser, ein Rathsherr, an seiner Kette mit dem Stadtwappen in Gold geprägt erkennbar; das Volk will Alles, was ihm in der Wiege der Erde _inwendig_ einkommt in seinem Schlafe, auch auswendig in der Welt sehen, es will es greifen; es will in eine trauliche Kammer vernagelt sein; es will für die unendliche Zukunft ein Ende der Welt, ein Weltgericht, da es nichts ohne Ende begreifen kann -- es will für _alle_ Sünden _einen_ Vergeber, für _alle_ Uebel nur Einen Erlöser -- für alle Begebenheiten, ja Träume, eine Zeit und einen Ort -- für alle Heiligen je ein besonderes Bild -- für alle besondere Noth einen besondern anrufbaren Namen -- und für sein enges Herz die ganze Welt in der Nuß, in der _Erdenpilgertasche_ -- in der Scarsella. Aber Eins ist noch wahrer, _noch entsetzlicher_ wahr: das ist die Trägheit, die Faulheit, die willige Versunkenheit, wie ein früh Erwachter _wieder_ aus der blendenden Morgensonne unwiderstehlich in den seligen Schlaf sich begräbt. -- Ein gewisses faules Leben gefällt Allen! Wozu sich übermäßig plagen? . . .
Die Welt hat Zeit! . . . und die Plage hat kein Ende. Darum plagen wir uns im Schatten, auf dem Bauche liegend, und rufen wie die vormalige faulgewordene römische Jugend: »Ach wäre das doch arbeiten!«
Manche lachten und drohten ihm mit dem Finger. Und ein sehr klug aussehender bürgerlicher Herr aus dem weitern Rathe mit der nur silbernen Kette sprach: Draußen schon sagte mir unser alter kluger und schlauer Metternich, Herr auf Metternich: »Da ist wol auch ein anderer Einwurf mit in die Berathung aufzunehmen, warum die vorsorglichen frommen Herren den Kinderkreuzzug erst recht nicht wünschen, ja fürchten: _denn reisen, weit und lange reisen_, das macht _klug_ über Das, _was ist_, was sein kann, und was nicht! Und nun gar unter _fremden_ Völkern sehen und sich überzeugen, daß ein gewisser Gott sie segnet, daß sie Frau und Kinder haben, und seelenruhig froh und glücklich leben voll Hab und Gut, Aecker und Vieh wie andere Menschenkinder, und zuletzt alt und lebenssatt selig sterben auf ihre Art, ohne je das Alles oder nur Etwas davon zu glauben, was der Reisende für einzige Bedingung des Lebens gehalten hat . . . und bedenklich wird, _sehr_ bedenklich, selbst über die Gräber, die so heilig im Scheine der Sonne, von Rosen und Jasmin umblüht, in Frieden stehen, und zu denen _sichtbarlich-fromme_ schöne Menschen, Frauen und Jungfrauen, Männer und Kinder kommen, um diese ihm sonst entsetzlichen Todten, als menschliche Teufel erschienene Todten, endlich zu beweinen. Da bricht wenigstens _die Duldung_ aus dem rohesten Gemüth, _die Verwunderung_ aus dem unverdorbenen . . . und _das Segnen_ aus dem für alles Schöne und Gute empfänglichen Menschen. _Und nie kehrt ein Reisender unverwandelt wieder in seine Heimat;_ und Pilger sind auch Reisende! -- und alle Heimgekehrten sollten unter Clausur gestellt werden, verordnete ich, um meines hergeschlafenen Lebens sicher zu sein, um keine Kirschen essen und keine morgenländischen Märchen, _weitgläubig_ geworden, anhören und mich freuen zu müssen.«