Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

Part 11

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Und so that denn der alte Hausmeister Hagebald ihnen wieder das alte Hausthor auf, diesmal angelweit. Diesmal war die Frau Rath aber die Frau van Graveland. Den Bräutigam kennend, wie die meisten Bräute ja nur oberflächlich, hatte sie ihn sobald als schicklich geheirathet, als Besitzerin von eigenem großen Vermögen, und ihre an ihrer ersten Verheirathung aus Stolz und Ehrsucht schuldige Mutter, lebte nun ausgesöhnt bei den jungen Eheleuten, die Beide zusammen nur erst 72 Jahre alt und prächtige Leute waren. Nur was _Irmengard_, wenn sie ja wiederkäme, zu der Heirath sagen würde, besorgten sie _ihretwegen_; aber heimlich lächelten sie dazu. Gaiette schlief herzlich froh wieder im Bett ihres saubern Stübchens. Der Mohrenknabe war ihr Edelpage. Da sie ganz liebenswürdig und klüger und interessanter als ihre gnädige Frau geworden, so ward sie von ihr zum Gesellschaftsfräulein erhoben; aber das vornehme Leben meist nur für Spiel und Schein ansehend, brach sie bei schicklicher Gelegenheit noch oft in kurzes Gelächter aus. Der redliche Jost kam völlig gesund mit »unsichtbar geheilter Nase«, die er mit Recht seine »Märtyrerin« nannte; er brachte Frau und Kinder mit, ohne auf Raimund's Besuch zu warten, da ihm Don Ramon als _Verständiger auch des Unverstandes_ vertraut hatte, daß sein redlicher Freund Raimund ein unrettbarer _Candidat des Unverstandes_, nicht der Narrheit sei, und Beide konnten ihn kaum ohne Thränen ansehen, und voll Wehmuth redeten sie gezwungen zuletzt nur wie mit Kindern mit ihm, und von Kindersachen -- von Märchen, Sagen, Geistererscheinungen, _Verwandlungen_ durch gute sowol wie durch böse Geister, und ihm am liebsten _vom Wiederkommen der Todten_. Da war er ganz Feuer und Flamme. Dabei war er nicht nur ganz unschädlich, sondern höchst wohlthätig, nützlich und hold wie ein Vater oder Bruder gegen Alle. Er schenkte mit reichen Händen -- er ging überall umher, überall willkommen, bedankt, ja gesegnet. Auch dem liebenswürdigen menschlichen Erzbischofe schenkte er in _seine Sparbüchse_ zum künftigen Bau eines Doms, seines Geistes- und Herzenskindes, alle Monate an einem gewissen _Tage_ eine bedeutende Summe, wodurch er bei dem verständigen geistlichen Herrn immer freien Zutritt hatte. Er wollte es sogar einmal _bei Nacht_ versuchen ... oder _des Tags drei mal_, und lächelte verschmitzt dabei, im voraus der huldreichsten Auf- und Annahme gewiß. Vivaldi hatte ihm seine Schuld mitgegeben, und auch noch einige seiner Foderungen eingetrieben und nachgesandt. In Aachen war die große Scharfrichterei verkäuflich geworden und auch die ansehnliche, hoch in Ehren stehende Stelle des Scharfrichters offen; ein Anverwandter von Raimund hatte ihn um Geld dazu gebeten, und -- Raimund hatte sie gekauft und dem Vetter zur Verwaltung und Vertretung übergeben, was erlaubt und Rechtens war; ja, er war selbst mit nach Aachen gezogen mit seinem getreuen Diener, hatte den Vetter gesehen starken Kälbern, ja wolligen Stähren die Köpfe auf einen Hieb, ohne Unterlage in freier Luft, vom Rumpf abhauen, und hatte es -- zum Scherz -- selbst versucht und prächtig gekonnt. Auch in seinem Wahnsinne machte er Fortschritte; er hatte, als immer aufmerksam, schon einige Töchter gefunden, die ihren Müttern, wie man sagt »lächerlich« ähnlich sahen; nur den Unterschied der Frischheit _ab_gerechnet oder _dazu_. Nur begriff er nicht, wie sie Beide zu gleicher Zeit nun da wären? bis er die Mutter für die Tochter Chrysalide hielt, und den Doctor fragte, ob man auch _Wiedergekommene, z. B. Weiber_, als doch im Grunde _dieselben_, noch ein mal heirathen dürfe? _Laß sie nur erst wiederkommen!_ Das Weitere wird sich schon machen; hatte ihm der Doctor, in Kummer um ihn, gesagt, und ihm _zur Ruhe_ nur gewünscht, daß sein Wahn _Gestalt_ annehme und ihm _freundliches_ Leben werde! Wie er wegen der frommen Gaben, stand auch Don Ramon für die glücklich hergestellten Augen in so großer Gunst bei dem Erzbischof, daß er ihm eine Freibitte im voraus zugestanden. Auch van Graveland, der den schönen Greis prächtig in ein großes Altarbild des heiligen Antonius gemalt, in dem er vor demselben in vollem Ornate kniet, und dadurch selbst kirchen- und altarfähig worden, war wohl angesehen von dem dankbaren Kirchenfürsten, der manches bewundernde »Hm!« vor dem nun auch wie heiligen Bilde aus der Seele herauf zur Welt gebracht. Das ganze Haus stand in Achtung und Ehren, und die nach Rom gelieferte Tochter war vergessen, und auch von Rom aus war in dem großen Wirrwarr daselbst keine Nachfrage nach ihr und nach ihrem mit dem Kirchenstempel zum Ungeheuer gestempelten redlichen Seelenfreunde. Sr. Gnaden der Erzbischof hatte eine große Todtenmesse für die Kreuzzugskinder befohlen, und Jost hatte dabei sich nur ausbedungen, daß sie ganz unverfänglich für Diejenigen sein sollte, welche lebendig zurückkehrten. Denn er hatte gestern in der Abenddämmerung drei Knaben getroffen, die sich zum Abschied von der Reise die Hände gegeben und in die Thüren dreier Nachbarhäuser geschlichen, worauf darin unermeßlich frohes Geschrei geworden, und in den plötzlich erleuchteten Zimmern die Umarmungen der Aeltern und Kinder gesehen und mit geweint.

Und so kamen denn in den nächsten Wochen viel Kinder, mehr Knaben als Mädchen zurück. Zuerst die, welche auf dem Hinwege schon erkrankt waren; dann die mit rüstigen Beinen, welche bis in die Lombardei gedrungen, aber dort die arabischen Pocken bekommen und ganz entstellt waren, sodaß ihre Aeltern sie nicht erkannten, nicht für die Ihren annehmen wollten und klagten: _Ach, wo ist mein schmuckes Gretel hin!_ . . .

. . . Mein Annelchen, bist du es denn? . . .

. . . Ach, mein Magdelchen, das bist du gewiß nicht! sprich: auf welchem Auge bin ich blind? . . . Wie heißt unser Hund? . . . Unsere Katze? . . . Wie viel hast du Geschwister? . . . Wie lange ist der Vater todt?

. . . Nun Pelz, hast du Aermel, so rede! sprach ein Vater in einem andern Hause zu seinem Pantaleon; Kerl, du bist ja ein Riese geworden!

Ihr Trudelchen fragten andere Geschwister: Nun, bist du denn nicht bis ins Gelobte Land gekommen? Aber da sie im Meere bei Genua mit in der Ebbe gesessen, antwortete sie treuherzig: Nur bis ins Gelobte Wasser.

Und nun ward aufgetragen, was jede Mutter nur irgend Gutes hatte, geweint und gelacht, Gott gedankt, zu Bett gegangen -- und die Nacht nicht geschlafen. Das ganze Heer der deutschen Knaben und Mädchen hatte sich aufgelöst, die Hälfte der letztern waren in Pisa in zwei Schiffe verschwunden.[A] Die Trotzigsten aber auf dem Wege nach Rom fortgezogen, ja, von einem gewissen Brindisi[B] aus hatten sie erst noch ihren Kopf aufsetzen wollen. Die in das Land Heimgekehrten wurden überall verspottet und verlacht; ja, vor Scham waren sie womöglich nur die Nacht, so barfuß, abgehungert, abgerissen gewandert, und hatten nur stumm sich vor die Thüren gestellt, aber keine Hand ausgestreckt, noch ein Wort gesagt, nur zur Erde gesehen, daß es nicht hätte »gebettelt« heißen sollen. Die mitgezogenen Weibspersonen und junge Dienstmädchen aber schlichen vor Scham nur im Dunkeln in der Stadt und verbargen sich bei armen barmherzigen Bekannten oder den Barmherzigen Schwestern selbst; denn bei Einigen hatte man Kindchen aus ihren Armen, unter dem über den Kopf gedeckten Mantel schreien gehört.[C] »Aber Alles lagert sich zuletzt wieder, selbst ein Erdbeben, und ein wüthend übergeschwollener Strom tritt zurück und fließt, auf sein Maß gebracht, wieder in seinem gewöhnlichen Bette -- wie ein sogenanntes unschuldiges Kind. _Das kennt man schon!_«

[Fußnote A: Chronicon Senoniensi.]

[Fußnote B: Vincenz von Beauvais.]

[Fußnote C: Fragm. apud Urstis: »Quia plurimae etc.«]

So sprachen die vernünftigen, immer gutmüthigen Kölner bei ihrem Glase Wein, der dies Jahr wie aus Vorsehung zur Beruhigung sehr lobenswerth gerathen.

Achtzehntes Capitel.

Und so war denn wieder die Weihnacht still herbeigekommen, die erste der _sogar Zwölf_ Heiligen Nächte dereinst des Volkes hier zu Lande. Es war schon Abenddunkel. Die Essen rauchten; die Gassen rochen; heimlich ward verdeckt eine Bescherung aus einem Hause ins andere getragen; als weiße Engel gekleidete unerklärliche Christkinder mit feinen Glocken in der Hand und einer Krone auf und goldenen Flügeln an den Achseln huschten und schwebten umher, und Knecht Ruprechte mit Ruthen in der Hand traten in die Häuser, wo die Kinder und die Aeltern um die Weihnachtsbäume mit brennenden Kerzen und goldenen Sternen und silbernen Nüssen standen, und noch auf ein Unaussprechliches zu warten schienen; und arme Kinder standen draußen an den erleuchteten Fenstern, deren Glanz und Schein weit weg auf die Straße fiel. Zu manchen Fenstern hinein sah man auch in den schweigenden Stuben weinen -- denn zu Weihnachten kommt doch Jeder gern nach Hause -- _wenn er kann_, um sich selbst den Seinen zu bescheren. Da sitzen sie wieder mit den Ihrigen, wenn auch als Aeltern nun alt, oder als Kinder nun groß, wieder in der ewigen Jugendzeit. Da sitzen sie! erzählen sich aus, essen was Gutes, die Ihren vor Augen und von ihnen freundlich angeschaut, ohne Ahnung eines möglichen Endes.

So war auch Herr Raimund herübergekommen ins Vaterhaus und freute sich doch über den prangenden Weihnachtsbaum, mit Geschenken behangen für Jeden, auch für die Frau Jost eine goldene Kette und für ihre Kinder wirkliche goldene Nüsse und silberne kleine Messer und Gabeln und Löffel. Raimund redete aber mit dem grünen Bäumchen wie mit einem grünen stacheligen Geiste aus dem Walde, hatte die Spitze eines Zweigs sich auf die innere flache Linke gelegt, streichelte ihn mit der Rechten zärtlich und sagte ihm zum Troste: Habe nur Geduld, mein Bäumchen! Du weißt, du warst sonst ein anderes; so habe die Hoffnung, wieder erlöst, etwas Anderes zu werden. _Die Birke_ ist besser daran -- die ist die Maie gewesen und die Maie geblieben.

Dann stand er still, wie nicht da, in Sehnsucht versunken nach seinem gestorbenen Weibe Gabriele.

Aus der Schweiz war für den Abend ein Schreiben an die Mutter von der Tochter eingegangen, und, darin lag ein Brief mit den rührenden Worten:

»Herzliche Großmama! Ich melde dir, daß ich glücklich auf die Welt gekommen! in aller Unschuld ohne Sünde. Ich habe mir ein Schwesterchen mitgebracht, eine kleine, kleine Eva! so heißt sie. Sie schickt dir ein Alpenveilchen! Mehr haben wir nicht. Habe uns lieb!

Dein kleiner lieber Adam.«

Sie las mit reinem Muttergefühl, und das duftende, langstielige stille Veilchen erzählte Allen mehr von unaussprechlichem reinem Menschenglück. Dem so unglücklich gewordenen Raimund war weinender Dank gesagt, und sie ging und küßte ihm sein Haupt.

Jetzt brachen die Glocken auf den Thürmen mit himmlischen Freuden aus und bedeckten die Stadt mit wallendem Wohllaut. Die _vielen_ Christkinder flatterten nach den Kirchen und haschten und neckten sich; Niemand wunderte sich über so viele dergleichen, da ja doch nur Eins wäre, und nur Ein Ruprecht, die jetzt auf den Gassen einander die Rücken mit den Ruthen zerdraschen. Die Kinder eilten in die Kirchen mit Hirtenhäuschen, Weltkugeln, Pyramiden, Schlangen und Kerzen. Dort zogen andere aufgeputzte Esel an den Krippen mit dem Jesulein und seiner Mutter in den erleuchteten Altären, wo das ferne Himmlische in treuherziger Unschuld den Menschen nahegebracht und sichtbar und greifbar war, und die vielen Scharen Hirten vertheilten sich in die Kirchspiele, wo sie das »Quem pastores« sangen, und selbst ihre Hündchen waren in der heiligen Stunde nicht unheilig, sondern fröhliche Zeugen einst lieblicher Wahrheit auf Erden -- wie geschrieben stand, und sie freueten sich, es nun darzustellen, ja, es im Geiste zu sein. Und wie zitternd vor Freude erdröhnte der Tremulant in den Orgeln, daß die Gewölbe bebten, und die Posaunenstöße waren Engelsathemklang.

* * * * *

Da war es, als ob Jemand von draußen mit dem Kopfe gegen die Thür stoße. Raimund that sie auf, einen Leuchter in der Hand Da sprang eine Gestalt wie draußen von einem Ungeheuer verfolgt auf die Schwelle, und da stand sie wieder erschrocken wie vor der himmlischen Heimlichkeit darin. Raimund aber ließ vor Erstaunen und Entzücken den Leuchter fallen. Er hatte die schlank aufgeschossene Gestalt gesehen: ein weißes Tuch um den Kopf; ihr Gesicht hager und todtenblaß; die Augen glanzlos und doch rollend; die Arme ausgestreckt und zitternd, und es ging ihm wie dem Sänger, der das Lied gesungen:

Dich _wieder_sehen . . . wieder dich _sehen_ nur Im Thale wandeln, auf Bergen steh'n, Nachts auf dem Vollmond, von der Sonne Nieder mir lächeln -- da kniet' ich beten!

Dich wieder_finden_, leuchtend im Sternensaal, _Dich an die Brust mir drücken_ --da stürb' ich gleich! Und was im Himmel nie geschaut ward: Engel bewundern da einen Todten!

Das junge Weib neigte sich vor, als würde sie zu Boden stürzen; er ergriff, er umschlang sie, drückte, sie fest an die Brust, und rief nur: Mein Weib! Meine Gabriele! O, darfst du kommen -- und kommst zu deinem armen Freund!

Irmengard war so geistermäßig verwandelt, daß er eher sein erstandenes Weib in ihr sah, als die Mutter ihre Tochter. Den glücklichen Raimund hatte, statt des plötzlichen Todes, nur ein plötzlicher Schlaf befallen, und sie trugen ihn in den Großvaterstuhl, worin er wie im Himmel saß. Irmengard aber war ohnmächtig, und sie mußten ihr Luft machen um die Brust, wobei der Doctor einen Schreck vor Vater und Mutter verbarg.

* * * * *

Am Morgen ließ sich Raimund erkundigen, ob seine Gabriele noch da sei, wirklich, oder ob er geträumt? Van Graveland besuchte bei Gaiette mit der Mutter und dem Arzt seine arme Tochter, die ihnen auf eine Pergamenttafel schrieb, daß sie schon _seit einer gewissen Zeit_ sprachlos sei. Der Doctor sagte dem Maler etwas ins Ohr -- der Vater erröthete über und über und fragte dann heilig erzürnt, doch im heiligsten Ernste gelassen, die unglückliche Tochter: Wo hast du dein Kind?

Darüber faltete sie die Hände, brach in Thränen aus und schrieb auf die Tafel: Vor Angst und Jammer, und Lieb' und Leid, und Scham und Schande -- an meiner Brust _nur erdrückt_, es liegt in mein Brusttuch gewindelt in der hohlen Eiche im Dorfe, wo der alte blinde Mann wohnt, der mich aufgenommen, als ich nicht weiter konnte!

Der Vater las das, die Mutter las es und sie versteinerten.

* * * * *

Irmengard saß des Tags über still, gewöhnlich die gefalteten Hände im Schoos, in einfachen, weißen, ihr hingelegten Kleidern, gepflegt von Gaiette. Raimund besuchte sie schüchtern alle Morgen, und hatte im Stillen seine Freude an der Stillen. Der Mutter hatte sie auf ihre Fragen geschrieben: sie wäre mit Nikolas gleich aus dem Elend in Genua auf ein Schiffchen im Hafen geflohen, und sie hätten nach Ostia gewollt, um sich in Rom ihr Vergehen vergeben zu lassen; aber Stürme hätten sie wieder zurück ans Land gedrückt. Darauf wären sie Beide einsam zurückgekehrt; aber nicht eben weit von hier habe eine rachsüchtige Gemeinde sie ausgehöhnt und ihn eingesperrt. Da sitz' er wol noch.

Sie lächelte nur vor sich hin, daß man sie wegen des todten Kindes einkerkern, ja richten könne . . . nur die vielen unglücklichen verwaisten Aeltern begehrten ein sichtbares Opfer. Sie sei von dem Nikolas wie bezaubert gewesen . . . von seiner Gewalt, von seinem Ansehen wie eines Heiligen, daß ihn das ganze Land und die Priester selbst in den Kirchen geehrt. Sie wollte nicht fliehen, und Raimund begriff nicht, wie man seiner _Gabriele_ ein Haar krümmen würde, oder . . . könne; obwol ihm Don Ramon vorstellte: wie rheinauf, rheinab und im ganzen deutschen Lande viel, viel Hexen verbrannt worden . . . und würden, _und ein von den Todten wiedergekommenes Weib_ wäre ihnen noch viel, viel abscheulicher und verdammlicher, weil es nur durch Teufels Macht und Willen heraufgefahren sein könnte. Ja, noch nicht zu lange her haben die nachtwachenden betenden Priester einen im Sarge erwachten, sich aufrichtenden wimmernden Papst mit Fauststößen vor die Brust wieder zurückgedrängt in das Todtenreich, und vor Angst und Schrecken dazu gebrüllt: _Was willst du wieder unter den Lebendigen._[A]

[Fußnote A: Bower.]

Das sagte er ihm nur; denn das Volk wußte von seinem ihn seligmachenden Glauben nichts. Ja, ihre Mutter und ihr Vater hatten nichts dagegen, ihm die bewiesenermaßen verheirathbare Tochter zum Weibe zu geben, um da wo in der Fremde in aller Stille und Ehrbarkeit zu leben. Und van Graveland erzählte der Mutter und dem Arzt zum Beispiel und Vorbild die kleine Geschichte: Einem niederländischen berühmten Maler stirbt seine Frau, Margarethe geheißen. Er lebt zwar, aber er geht nur noch so verloren in Gram und Träumen auf der Welt. Da erblickt er eine Jungfrau, die seinem gestorbenen Weibe an Gestalt und Stimme und ganzem holden Wesen so ähnlich ist, wie es sich selten trifft, daß Zwei etwa im Abenddämmer, ja in vergoldendem Sonnenglanz sich ähnlich sehen. -- Und ein Liebender ist immer wie geblendet von seinem eigenen Lichte. -- Seine Liebe ergreift sie. Sie liebt den _von ihr begeisterten_ Mann. Sie wird sein Weib. Er sagt ihr Tag und Nacht, daß er seine selige _Margarethe_ wieder habe durch Gnade des Himmels. Und in Wahrheit haben alle Weiber sehr viel allgemein Aehnliches, allen Zukommendes. Des streng Unterscheidenden einer Einzigen ist wenig, des ganz Ausschließlichen nichts; nicht einmal ein Buckel, ja zwei. _Margarethe_ nennt er sie; so kleidet er sie. Sie trägt von jener den Schmuck. Sie schläft in demselben Bett . . . und die gute, bezauberte, willige Seele ist mit äußerster Hingebung seine Margarethe -- da sie auch, ihren Namen gewohnt, so hieß --, sie ist's bis zur Herzens- und Verstandesverwirrung. Und so haben die Beiden ein noch nicht oder selten so dagewesenes, heiteres, stilles, ja seliges Leben gelebt. Denn welcher Mann würde seinem noch ein mal vom Tode erstandenen Weibe nicht freudig alles Erdenkliche zu Liebe thun! -- So _kann_ es, so _wird_ es hier werden und sein. Irmengard wird den Hirtenknaben vergessen, als nur eine Gestalt aus dem jetzt verlachten Kreuztraum. Denn höre mich, Doctor. Wenn ich heimgekehrte Kinder frage: Wo habt ihr denn eigentlich hingewollt? Was habt ihr gedacht, ihr Rasenden? Was hat euch wie Mehlthau befallen, die ihr Väter und Mütter in hundert Städten und tausend Weilern und Dörfern unglücklich gemacht? -- Da stehen die Kinder, oder sitzen wie aus den Wolken gefallene große Frösche, wie aufgewachte Nachtwandler, plötzlich nüchtern, dumm und dottend da, kratzen sich hinter den Ohren und sprechen: Wir _wissen es nicht!_ wenn Ihr es nicht wißt. -- Und der Doctor sagte: Das war die Krankheit! und die hat sich gebrochen! und kommt nicht wieder, wie Nichts in der Welt so jemals wiederkommt.

* * * * *

Als aber Irmengard, der Meinung des Volks zum Opfer, bei Nacht in denselben Kerker geführt worden, worin ihre Schwester gesessen, und ihre Enthauptung abzusehen war, zu welchem Urtheil ein kleines herbeigebrachtes Kästchen den Ausschlag gegeben, und keiner Erklärung, keines Geständnisses weiter zu bedürfen schien; da begab sich ihr Vater, wie schon oft, der Doctor und selbst der unglückliche Raimund in den Palast zu ihrem Freunde, den weisen Narren Jost, um einen letzten Rath zu halten, Raimund lachte im Bauche recht innerlich, daß _ihm_ doch Niemand _die wahre Natur_ seiner »wiedergekommenen Frau« beweisen könne, und _ihr_ gar nicht -- und sie könne ja wol aus den Erdennarrenspossen von dem Block weg wieder verschwinden. Aber er wollte sie doch lieber behalten, sie retten, als einmal so glücklich, sie wieder zu haben! -- Und so war das Ende des Raths, daß der kundige Jost seinem erst jetzt recht theuern Jugendfreunde eine Schrift auf Pergament gab, die er fleißig und gründlich einsehen und sich tapfer zunutze machen sollte! Es waren die schweren _Pflichten_ und großen _Rechte_ eines hochbetrauten Scharfrichters, nach altem Gebrauch und unbestrittener Geltung. -- Einen Cardinal haben wir hier nicht zum Begegnen, sagte ihm Jost bei der Aushändigung; denn welchem zum Tode geführten armen Sünder, generis masculini oder feminini, ein solcher Rothmantel begegnet -- was zu Zeiten theuer bezahlt wird, soll oder muß -- Den oder Diese hat er das Recht zu begnadigen. Ein Paragraph in der Urkunde aber war vor allen mit einer eingebrochenen Ecke des Blatts bezeichnet. Und der, wie meist alle Halb- oder Ganzwahnsinnigen, höchst schlaue Raimund -- dem überdies sein voriger großer Verstand auch noch im Unverstande zustatten kam -- begriff sogleich _seine Stellung_, als eine solche hohe Person _selbst_, in die ihn seine Güte für einen armen Vetter gebracht. Und der alte Elias war aus Gram über seinen Enkel Nikolas -- wie man ihm berichtete -- »_auf einmal_« gestorben. Und Raimund sprach vor Freuden darüber im Leibe vergnügt dazu: _Auf ein mal!_ Das gönn' ich dem armen braven Scharfrichter von Herzen! Denn wäre er auf _ein paar mal_ gestorben, so wochenweise, stückweise -- da sollte er mir leid gethan haben. So auf ein mal sterben, ganz und ganz und gar, ist noch die vernünftigste Art! Sonst taugte es gar nichts!

Neunzehntes Capitel.

An dem endlich angebrochenen Ehrentage der öffentlichen Gerechtigkeit, gerade ein Jahr nach dem Kinderauszuge, schien eine helle freundliche Sonne über das liebe, schöne, fruchtbare, lustige Rheinland, und die Lerchen sangen wieder in der blendenden Bläue des Himmels unsichtbar verborgen, fröhlich über den auf dem Hügel bereitstehenden Block und den Pfahl mit dem Rade.

Die dem Himmel in sonderbarer Erdensündertracht Heimzusendende stand von tröstenden Geistlichen umgeben schon dabei. Eine immer, selbst bei jeder Feuersbrunst, jedem Deichbruch schaulustige Menge, diesmal vielmehr Männer, Jünglinge und heimgekehrte Kreuzfahrtknaben, als Weiber und Jungfrauen, harrten gleichsam, ihre Herzogin »abthun« zu sehen. Selbst der gute Erzbischof hielt in seinem Galawagen, seinen Beichtvater neben sich, galonnirte Diener hinter sich, und seinen allbeliebten und sogar seinen Herrn in der Noth schützenden Jost in der Staatsnarrenkappe vorn auf dem hohen Bocke neben dem Kutscher, der seine vor fauler Zeit übermüthigen sechs Schimmelhengste kaum bändigen konnte. Und der Erzbischof war gekommen zur Unterdrückung aller Art Ausbruchs des Volks durch seine bloße Autorität; wie alle kleinen Vögel schweigen, und selbst die Katzen sich verkriechen, als gäb' es gar keine, wenn ein Adler oben über allen schwebt, und selbst sein Schatten in den Gehöften unten macht, daß die Hühner gackern.

Da kam auf prachtvollem und prachtvoll gezäumtem höllenschwarzen Rosse der Schauspieler des Tags, Don Raimund, in seiner edelmanngleichen Amtstracht dahergebraust, in schwarzem Sammetkleid, kostbarem, weißen brabanter Spitzenkoller, die goldene schwere Amtskette um den Hals, daran das Wappen der freien Reichs- und Hansestadt blitzte, ein Ritterbarett auf dem Kopfe, und wie eine finstere Wolke im Gesicht; _vor_ ihm -- natürlich -- ein Vorreiter; hinter ihm seine Diener; einer mit einem mannshohen blitzblanken Mauerschwert mit silbernem Griff, das er kaum aufrechthalten konnte; ein zweiter mit dem nagelneuen funkelnden Beil, und noch zwei niedern Dienern, genannt Knechten, zum Flechten auf das Rad, und mit dem Blutbesen -- Alle in Masken, auch der Meister in der finstern Maske, als ob Menschen zu solchen Werken ihr Menschenangesicht nicht dürften leuchten lassen. Er stieg mit würdiger Haltung ab, verneigte sich gegen den Erzbischof, eigentlich gegen den Narren, seinen Freund, dann gegen das Volk, als für welches und in dessen Namen Alles geschehe; ließ sich das ungeheuere Schwert reichen; mit dem wandelte er drei mal um die Niedergekniete; ließ sie das Haupt auf den Block legen, dann kniete er nieder. Auf einmal sprang er begeistert auf, warf das Schwert von sich hoch in die Luft, sprang auf den Block, als auf seine Kanzel, und rief laut über das Volk die wie ein gewaltiger Bann schallenden Worte aus: