Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

Part 10

Chapter 103,018 wordsPublic domain

Du gutes Kind, sprach der Vater, sie an sich ziehend. Aber wir weisen Herren waren gnädig, sie in die Häuser einzuquartieren, damit sie sich einmal nach lange wieder satt äßen mit warmen Speisen. Das war vorgestern, Sonnabend, aber am andern Tage mußten sie gleich weiter ins Feld rücken, als gestern, Sonntag. Und was konnten die armen Kinder anders, als gehorchen, weinen und betteln. Sie betteln zwar _nur deutsch_ -- aber wer versteht denn nicht: _Lumpen_, blasse magere Gesichter, tiefliegende Augen, und Blicke daraus, die Einem das Herz im Leibe schmelzen. Wie froh wurden da unsere guten Kinder und Weiber _durch Geben und danken Hören!_ Ganz Genua war ein »Ora pro nobis« und ein »Benedictus qui venit in nomine domini!« Aber fort mußten die Kinder! und sie fielen auf die Knie, als unsere Herren durch Herolde mit Trompeten ihnen das verkündigen lassen mußten.[A]

Und da begab sich ein Schauderhaftes, so eine Art Heiliges, schaltete die Mutter ein. Nämlich die Kinder liefen ans Meer, und wie Moses an den Felsen geschlagen, damit Wasser herauskäme, so schlugen sie mit ihrem Pilgerstabe auf das Meer, damit es verschwinden, vor ihnen zurückweichen sollte, um trocken hindurchgehen zu können. Und wahrhaftig: das Meer wälzte sich zurück! Wir hörten das unermeßliche Freudengeschrei in der ganzen Stadt bis in die Keller. Aber was war es: es war nur _die Ebbe_ gewesen! Und als sie bezaubert die Stunden daran gesessen, als die Flut zurückrauschte, und die Wellen ihnen die Füße bespülten, sie gehoben und fortgeschwemmt hatte, da sie wie verzweifelt, bis unter die Arme umwogt, drin sitzen geblieben und gesungen und endlich unermeßlich geweint, wie unermeßlich betrogen -- o weh doch, so ein Jammergeschrei wünsch' ich mir nicht mehr zu hören! Und sie mußten sich dazu bereiten, zu Lande weiter zu ziehen in die Ferne, durch Rom, bis nach Brindisi, oder nach Pisa, wo zwei große Schiffe bereit lagen, sie nach Joppe umsonst und wohlversorgt überzuführen. -- Was essen nicht schon die Kinder in einem Hause! Und _wir mußten in Genua eine Hungersnoth_ befürchten, denn es war schon jetzt kein Bissen Brot mehr in der Stadt. Da entschlossen sich Hunderte von Kindern, nach Hause, _in die Heimat, in das wahre Gelobte Land_ zu pilgern, mit einem neuen, ihnen aus dem Herzen gequollenen Liede: »Fahre wohl, du Friedensstadt! Wir sind Welt und Alles satt!« Da wurden nun, wie auf einem Sklavenmarkt, Knaben, besonders Hirtenknaben, auf die Meiereien um die Stadt herum _gemiethet_, denn ein Schaf ist überall ein Schaf und ein Mensch ein Mensch. Andere wurden von Handwerkern aufgenommen, die Kranken zur Pflege guten Leuten übergeben, die von selbst sich willig dazu erboten. Das Kinderheer war entsetzlich geschmolzen, da unzählige verhungert und umgekommen waren, krank auf dem Wege zurückgeblieben, einsam verkommen und am Heimweh _gestorben_. Andere schöne, feine, treuherzige Edelknaben wurden sogar in vornehmen, aber söhnelosen, ja in den höchsten Familien an Kindesstatt aufgenommen.[B] Und so mußten denn die andern gesunden Kinder, nach dem reichlichen einen Sonntagsmittagsessen, alle wieder nothdürftig ausgeflickt und bekleidet, von unsern guten Genuesenkindern weit hinaus auf die Straße nach Pisa begleitet, wieder hinaus in die Welt auf die Eroberung des Gelobten Landes -- mit neuen Pilgerhüten und Taschen voll Orangen!

[Fußnote A: Desgleichen Ogerii annales etc.]

[Fußnote B: Petri Bizari Senat. Popul. Gen. Histor.]

Als Raimund so viel, für _ihn_ wie nichts erfahren, da er über Irmengard nichts erfahren, sprangen die Kinder vor das Thorweg auf die Straße hinaus, wo indeß schellende Kameele gehalten, von denen schon zwei Männer abgestiegen und der eine schon in den Hof kam, der Niemand anders war als _Savern_.

Raimund erkannte ihn gleich, und hing noch an seinem Halse, als zwei von ihren Kameelen abgestiegene Türkinnen in das Haus geschlüpft vor dem neugierigen Volke, und in den Hof sich gleichsam retteten. Sie waren Beide in weiten gelbseidenen langen Hosen, mit Gürteln gegürtet, in gelben Pantoffeln, Beide in prächtigen Turbanen, die Stirn und den Mund mit kostbaren Tüchern verbunden, das Gesicht weiß verschleiert. Die weiten Mäntel mit viereckigen Kragen hatten sie draußen gelassen, und Raimund's Wirthsleute schienen erstaunt, als die eine Türkin den Raimund umschlang und im Schleier ihn küßte, als habe er im Morgenlande eine Freundin gehabt, die ihn aufsuche. Aber die Verschleierte weinte nicht allein vor Freuden, sondern sie lachte auch dazu. Raimund erkannte daran Gaiette und rief: Nun Gott sei gedankt! Du bist wieder da! Und meine Irmengard wird auch noch kommen.

Die Hausfrau führte die neuen weiblichen Gäste in ihre besten obern Zimmer. Raimund ließ abpacken und unter andern Sachen eine nur kleine, geschnitzte und blumenbemalte Kiste zu den Frauen hinauftragen. Dann ging er mit seinem Freunde Savern in sein eigenes Zimmer nach. Da warf er sich auf einen Divan; Savern ging vor ihm auf und ab und erzählte ihm Alles kurz, aber aus dem Kern, und sprach:

Ich bin glücklich in Aegypten, an seiner flachen weißsandigen Küste angekommen. Zu unserm Glück war der vielbeweinte Statthalter Maschemuch _gestorben_, was auch im Morgenlande, ja im Gelobten Lande, in Jerusalem, Bethlehem, und darum von jeher nirgend etwas Unerhörtes gewesen, noch jetzt sein soll! Ich habe den Leichenzug mit den vielen heulenden, weinenden Weibern gehört und gesehen, und seinen Sohn gesehen, dem als Sohn, wie jedem Sohne, des Vaters Harem heilig ist, ausgenommen dem Absalon damals auf dem Dache des Palastes David. Durch Vermittelung seines aufgesuchten und gefundenen, und wohlbeschenkten und bestochenen schwarzen Haremswächters konnte ich meine _ausgemerzte_ Schwester desto eher für ihr doppeltes Kaufgeld, und ohne die leichte Gaiette opfern zu müssen, wiederkaufen, besonders da meine arme Schwester die ganze Zeit bei seinem Vater vor Traurigkeit, Kummer und Schmerz über ihren verlorenen, soi-disant ermordeten Gatten zum Schatten geworden, krank gelegen, und elend, blaß und mager ihm keinen Blick, kein Schnupftuch abgewonnen. Sie ward mir in meine Wohnung getreulich zurückgeführt, ja »mit Bürgschaft«, die mich doch erfreute, sodaß ich dem schwarzen Gebieter dafür einen Ring zu meinem Andenken verehrte. Das Wiedersehen mit meiner erlösten Isidore war herzentzückend und seelezerreißend. Sie lag ohnmächtig in meinen Armen und doch wankend zum Umfallen, und die schwarzen Hände des Mohren hielten sie mir mitleidig.

Während dieser Verhandlung habe ich mit meinen Augen die schönen französischen Knaben und Mädchen überall in der Stadt und auf den Märkten zum Verkauf ausstehen sehen, die der christliche Seeräuber _Ferreus_ in den fünf großen Schiffen von Marseille glücklich geraubt und davongebracht. Und ich habe mir einen, einen jungen vornehmen Knaben aus Avignon, eines Geistlichen Sohn, für deren Mutter im Hause er die _darauf gelegte Haushälterinsteuer_ bezahlt, zu Zeugen meiner Aussage daheim losgekauft, und einen schwarzen Knaben dazu, als sachverständigen Fütterer und Führer meiner Kameele. Die andern, hier und in Bugia unverkauften, prächtigen und noch beherzten lustigen Knaben -- die vor Uebermenge bis zum Preise eines fetten Schöpfes gefallen waren -- sind für den Khalifen von Bagdad an Wiederverkäufer an den Küsten von Kleinasien _ausgeladen_ worden.

Ach, aber nun kommt das Gefährliche! das auch mir Entsetzliche! Ich hatte meinem Diener und dem Mohrensklaven -- den ich schändlicherweise gekauft, aber keinen Aeltern entführte -- den Auftrag gegeben, uns Alle zur Fahrt nach dem Abendlande, nach Genua, auf dem nächsten dahin abgehenden Schiffe einzukaufen, ohne zu handeln; denn es griff hier nach uns Allen. Meine Schwester sehnte sich, jetzt vor Hoffnung weinend, nach Vater und Mutter, nach der Heimat am schönen Genfersee! Die Diener hatten das besorgt. -- Wir steigen zu Abend ein. Die Frauen verbergen sich unten. -- Früh gehe ich auf dem Verdeck umher, um von der wundervollen, unvergleichlichen gelben und grünen Morgenröthe und von der Sonne Aegyptens, der alten Jungfer mit ihrer Lampe, und Sklavin des Landes, Abschied zu nehmen -- _wer_ steht da, hinaus nach Abend gewandt? -- _der Goldlockenkopf!_ meiner Schwester angeblich ermordeter Mann! Und _wer_ ist der Herr des Schiffes? Wie mir der fränkische Knabe ins Ohr zischelt: dort der Mann am Steuerruder, _das ist der Ferreus!_ . . . Wollen wir über Bord springen? oder soll ich ihm, wenn er sich über Bord lehnt, die Füße aufheben und ihn ins Meer stürzen?

Ich faßte mich und war gefaßt auf ein Aeußerstes; denn meine Schwester, die er elend gemacht und die ihn, als angeblich Beklagenswerthen, noch liebte, sie saß in Frieden unten. Die Lage war selten und schändlich, wie je eine von Menschen auf Erden.

Wie ich und der Goldlockenkopf gegeneinander gehend auf uns treffen, bleiben wir Beide wie angewurzelt voreinander stehen. Er legt die Hand an sein Messer im Gürtel. Ich, ich hatte mir gelobt, ihm den Kopf abzuhauen, und sei's am Altare! . . . Aber ich legte ihm meine Hand auf die Schulter; denn er sah erbarmenswerth blaß und krank aus, weil er _es war_, und seine Augen ruhten gelassen auf mir, _so_, als _wenn Ich und Er Beide keine Menschen mehr wären._ O Mitleid! o Unglück! Aber gar erst du, du Mitleid der Unglücklichen mit den Unglücklichen! -- Er fürchtete seinen Verrath durch mich nicht mehr.

So weit hatte Savern mir erzählt, als im Nebenzimmer der Frauen ein entsetzlicher Gall _geschah_. Denn wirklich, es war eine Herzensthat. Wir eilen herum. -- Da hat meine Schwester die kleine Kiste aufgemacht, den vom Rumpfe gehauenen Lockenkopf ihres geliebten Mannes gesehen, an den Locken herausgerissen, und hält ihn hoch, wie allen Heiligen hin. Sie zittert und bebt, ihre Zähne klappern. Und ich springe sie zu umfassen, zu halten.

Endlich lange athmend fragt sie: Wer hat das gethan?

Und ich sage ihr, wie man solche Worte nur sagen kann: Ich, ich hab' es gethan! Ich, für dich! Höre und begreife: Du hast deinen armen Mann beweint, edel! Nun beweine dafür deinen Räuber, deinen Verkäufer, und du bist nebenbei blos die Dritte oder Vierte! Das stärke dich! Wenn nicht heute, doch morgen, oder zu Jahre -- wenn der Verstand und der Haß die Liebe besiegt hat. Oder, sollte dein Bruder dich nicht nach Hause holen, da er wußte: du seist, für ein liebendes treues Weib, in der Hölle eines Harems?

Sie faltete die Hände und sank zu Boden, und Gaiette biß die Zähne zusammen und stand ihr bei mit schamvoll geschlossenen Augen, aber ihre Wangen glühten, sie küßte Savern die Hände und aller Uebermuth war ihr verstoben.

Aber um auf das _Schiff_ zurückzukehren, erzählte Savern weiter: Der Goldlockenkopf mußte zu Bett gebracht werden, denn er bekam _die Blattern_ und lag von seiner -- Frau nur durch eine Bretwand geschieden, die seine gestöhnten Worte sogar hörte, aber nicht verstand. Er lag auf Bunden mit Straußfedern und Säcken voll Datteln, womit das Schiff beladen war.

Vor seinem Tod -- denn auf den Kauffahrteischiffen sind nur die alten Matrosen die verwegensten Doctoren, die mit den unsinnigsten Mitteln curiren, die sie meist bedauern -- nicht zu haben, -- ließ mich der Sterbende holen, sah mich weichmüthig an, übergab mir einen Beutel voll Gold und bat mich, ja, er befahl mir, den Schatz seinen armen, fast verhungernden Aeltern in Konstantinopel zu schicken, deren Wohnung, Namen und hohen Stand er mir nannte. Ihnen zu Liebe habe er alles ihm Mögliche gethan, wie blind und herzlos gegen die ganze Welt. Er segnete mich mit den erschrecklichen herzdurchdringenden Worten: _Behüte Euch Gott Euer Vaterland_ -- das mir und uns die Römlinge genommen -- denn ein Mensch ohne Vaterland ist wie welt-vogelfrei _und zu allen Thaten fähig. Das merkt_ und sagt überall. Ihr habt es erfahren, und beruhigt damit meine Frau -- Eure Schwester, die Schweizerin, ja! Da wird sie mich redlich beweinen, wie zuvor ihren -- ermordeten Mann. Ich habe Euch Alles gestanden -- nun ist mir wohl. Viel seien Eurer Jahre ([Greek: polla ta etiasas]) und griff sich dabei in der Todesangst in seine viel tausend Haare.

Also, was war das Leid Alles gewesen? -- Kindesliebe! Kindesliebe! also gewiß zu _guten_ Aeltern. Welch ein Blick in die Welt und die Herzen aller Menschen! Ich lächelte mild zum Weltgericht. Als er gestorben war, und bald darauf schon im bloßen Hemd auf sein Leichenbret gebunden lag, um ins Meer für die Fische begraben zu werden, und auf seiner prächtigen Brust die darein gestochene und mit blau und rother Farbe eingeriebene _Panagia_ erschien, und der Wind seine Locken hob, fiel mir mein Schwur ein, ihm das Haupt abzuhauen -- aber der Schwur erlosch in Wehmuth. Aber Porcus gab mir ein Beil in die Hand und rieth mir: nehmt Euch ein Andenken mit! _und ich nahm mir das Andenken!_ . . . Es geschah ganz kurz vorher, ehe Porcus angebliche Erde aus dem Gelobten Lande -- auf der Ziegeninsel, der Capraja -- für den großen Campo santo in Pisa betrüglich einladen ließ. Aber »_der gemachte Mann_« sagte: Ihre Todten werden schon gut daraus aufgehen; sie streuen die Erde schon gläubig auf Brot und essen sie zu Buße.

So ward denn der ältern- und vaterlandsliebende Goldlockenkopf_leib_ versenkt, den einzusegnen kein Geistlicher vorhanden war, und so erlaubte sich der alles für Scherz haltende Porcus mit einigen Seemannsflüchen ihn einzusegnen zu seiner Ruhe.

Die rührende Folge der Hauptserfindung aber war, daß Savern und seine Schwester noch Schmuck und Gold reichlich zulegten zu dem von Raimund noch strotzendvoll gefüllten Beutel, und ihn dem Hauswirth übergaben, um ihn durch ein sicheres genuesisches Haus an die Erben des Erblassers in Konstantinopel zu übermachen.

Savern hatte in Pisa, das viele hundert Kameele züchtete, sich sechs gekauft zur Landreise nach Genua. Diese theilten sie jetzt. Die Geschwister zogen mit dem Franzosenknaben nach Genf; Raimund und Gaiette aber nach Hause, Sie freute sich, als armes christliches Dienstmädchen geschieden, nun als Türkin auf einem läutenden Kameele, von einem Mohrenknaben geführt, in dem lieben Köln, unter dem Schleier lachend und weinend, doch seelenfroh einzuziehen -- und jetzt sogleich . . . dann den ganzen Winter und Zeit ihres Lebens vollauf zu erzählen zu haben.

Siebzehntes Capitel. Heirathen.

Zuletzt verlieren alle Menschen Alles, Und mit dem Balle fängt das Kind schon an, Mit seinem Flachshaar und den ersten Zähnen. Und grause Fragen kannst du dann an Arme Und Reiche, Hohe, Groß' und Kleine thun, Da an den Feldherrn, den geschlag'nen, sprich: »Wo hast du denn dein Heer?« . . . und an das Weib: »Wo hast du deinen Mann?« . . . und an die Tochter: »Wo hast du, ach, dein Kind?« -- Und also kannst du Jedweden schwer nach Etwas fragen; denn _die Welt_ Verschonet Keinen mit der Wahrheit. Keinen Verläßt sie aber auch mit Trost und Hülfe, Soweit ihm noch zu helfen ist; und sicher Zu Thränen doch, zu Duldung und -- zum Grabe. Und endlich hat kaum Einiges die Ehre, Ein Märchen für den Winterherd zu werden, Woran _die ganze Welt_ mit Bär und Hund, Wolf, Esel, Mönch, Hirt, Königekind und König Dem klaren Zauberaug' der frohen Kinder Als bunte Seifenblase nur erscheint.

Dem größern Menschen wächst die Welt stets -- _kleiner!_

Der Ritter Savern war mit seiner Schwester _Isidore_ an einem und demselben Tage aus Vivaldi's Palast nach der Schweiz geschieden, und _Raimund_ mit _Gaiette_ nach dem Niederrhein. Savern hatte den französischen Edelknaben . . . Raimund den Mohrenknaben mitgenommen; Isidore den Goldlockenkopf, den ihr ein Speciale nach der Kunst einbalsamirt; Gaiette war gegangen und hatte noch einmal zum ewigen Andenken in den Wagen des Nikolas gerochen, der noch ganz nach Melonen roch, und hatte sehr hineingeweint um ihre Irmengard. Auch der stolzbegeisterte Nikolas that ihr leid, der durch immer ihm ausgesuchte Kost und frische Luft liebenswürdig gediehen. Es war ihr unbegreiflich, wo Beide geblieben? Ob eins das andere Krankgewordene in einer einsamen Hütte pflege? Ob sie vorausgeeilt? Ob sich vielleicht Beide vor Schande und Unglück das Leben genommen? Also vor Verstande! Warum Savern nicht gewarnt, ja sich nicht in des Porcus Schiffe ein- und verladen zu lassen? Nur waren sie auf einem andern, weitern Wege gekommen, als die Kreuzfahrer gezogen. Daß Raimund von der Hitze immer mehr bedrückt, fast keines vernünftigen Gedankens, kaum einer folgerechten Sorge mehr fällig war -- das war nicht mehr zu leugnen. Denn _einen_ Augenblick scheint jeder Wahnsinnige sogar verständig. Und dies ward alle Tage schlimmer mit ihm, und sie seufzte: _Ach, was muß sich der Mensch doch Alles gefallen lassen! selbst närrisch zu werden! . . . oder der Narr wieder klug_ . . . wie unsere Kinder, und ich selbst! -- Sie betrieb die Heimreise ängstlich für ihn.

Durch die brave Lombardei, wo die Meisten in ihrem Sinn und ihrem Herzen verhüllte Katharer waren, ließ man den Zug mit den Kameelen ruhig schweigend, aber mitleidig vorüber; denn von ihnen war nicht ein einziges Kind mitgezogen, und die Kinder standen gesund und blühend, nur neugierig am Wege. Anders ward es schon in der Schweiz, von Zug, Zürich und Basel an; denn hier bemerkten sie, daß sich die Aeltern mehr um den Himmel als um ihre Kinder kümmerten. Und so ward es immer schlimmer in den Städten am Rheine zu Thal. Immer ging ihnen ein dumpfes Gerücht von Zurückkehrenden vom Kinderkreuzzuge voraus. Die Leute standen an dem Wege, die Thränen in den Augen, und wenn sie stumm vorüberreiten wollten, schrien die Weiber sie an: Nun, habt ihr kein Mitleid? Wir wissen nicht -- ihr wißt; darum macht uns ruhig, und überlaßt dann uns den Trost: Alles kann ja nicht Allen geschehen! -- Dann antwortete Frohmuthe vom Kameel herab, während Raimund wie versteinert auf dem seinigen sitzen blieb und sich die Welt ganz verwundert ansah. Nun, sprach sie, Alle sind nun nicht geradezu todt, verhungert, verloren, verkauft; doch wol über die Hälfte -- die Hälfte aber freilich ganz! So kann noch ein Jedes von euch hoffen, gerade die Seinigen wiederzusehen.

In den Städten wurden sie im Nachtlager von den Rathsherren besucht, von den Priestern und Mönchen sogar; ja, Frohmuthe ward in das Sprechzimmer der Nonnen ins Kloster höflich eingeladen und kam meist ohne Athem um Mitternacht erst wieder, und verzweifelte, daß ihre Lunge und Zunge bis nach Köln ganz weg sein würden. Raimund aber ging unter den armen Aeltern und Müttern umher, und beschenkte die Armen, die auch keine Kinder hatten und nicht einmal zu weinen brauchten, und doch mit ihnen weinten, über die Maßen reichlich, sodaß die Verwunderung über die Welt und gute Menschen doch ein Weilchen ihre Wehmuth betäubte. Raimund aber hatte unterwegs einige Hinrichtungen getroffen, mit angesehen, und wünschte, im Gegentheil von Nero, nicht der ganzen Menschheit einen einzigen Kopf, um mit einem Schwert und mit einem Streich sie Alle zu enthaupten, sondern er beneidete die stolzen, vornehm in Sammet und Seide gekleideten Scharfrichter, weil sie die Narren und Missethäter _abthun_ durften mit Ruhm und Ehren, wie ohne Gewissen.

Auf den Kameelen mußten sie oft eine Stunde unter den Menschen halten, die alle durch Fragen sich alle Antworten selbst gleichsam ersäuften. Zuletzt kam ihnen ein _Schwarm Menschen_ bis Bonn entgegen, und unter dem Severinthor von Köln ward den Kameelen selbst bange, daß sie widerwärtig schrien. Darunter waren auch viele rohe Bursche »_mit langen Nasen_« gewesen, die ganz schwarz angestrichen waren. Denn von Herzlosen kann Alles verspottet werden, und sie Verspotten es, um es gleichsam in eine höhere Welt, in die der Fabeln und Märchen zu erheben -- und aus Honig und Essig wird wirklich ein kühlender Balsam.