Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

Part 6

Chapter 63,620 wordsPublic domain

Nach einem Volksglauben sollten die schlimmsten Feinde Ugandas nicht aus dem Süden, sondern vom Osten her zu erwarten sein. Es herrschte deshalb eine abergläubische Furcht vor allen Fremden, die sich an dieser »Hintertür« des Landes zeigten. Mackay und alle seine Mitarbeiter kamen vom Süden über den See ins Land. Unglücklicherweise wählte aber in dieser Zeit ein anderer die Route von Mombas durch Usoga nach dem Nil, um Uganda auf diesem kürzeren Wege zu erreichen. Er mußte also durch die gefürchtete Hintertür kommen. Es war der Bischof Hannington, der als Missionsbischof sich dem Werke widmen wollte. Kurz vorher waren auch die deutschen Kriegsschiffe vor Sansibar an der Ostküste zur Unterstützung der Besitznahme unserer heutigen Kolonie Ostafrika erschienen. Das erregte Muangas Argwohn aufs äußerste. Es erschien ihm zweifellos, daß nun die Weißen kämen, um auch sein Land zu »essen«, und daß der Bischof nur ein Vorbote dazu war. Er sandte deshalb heimlich Botschaft an den von ihm abhängigen Häuptling Luba in der Landschaft Usoga und befahl ihm, den Bischof zu ermorden. Hannigton war mittlerweile in Lubas Dorf am Nil angelangt. Nur die brausenden Wasser, die sich aus dem Viktoriasee durch die Ripponfälle nach Norden wälzen, trennten ihn noch von dem Lande seiner Sehnsucht. Von brennendem Verlangen getrieben, stieg er auf eine Anhöhe, um, wie Moses vom Pisga, das ersehnte Land zu schauen. Da überfielen die Häscher Lubas den Wehrlosen, banden ihn, stießen ihn vor sich her und setzten ihn gefangen.

Mackay hatte von Muangas Blutbefehl gehört und versuchte alles, den armen Bischof zu retten. Täglich erbat er sich Audienz beim Könige, ohne sie zu erlangen. Er klammerte sich dann in seiner Herzensangst an die Hoffnung, daß Gott die Gebete um Rettung Hanningtons erhören und ein Wunder zu seiner Befreiung tun werde. Vorher hatte er auch heimlich einen Warnungsbrief an den Bischof geschickt. Der Bote aber kam zu spät. Am 29. Oktober 1885 wurde Hannington mit fünfzig seiner Leute auf erneuten, strengen Befehl Muangas ermordet!

In den Briefen Mackays aus jener Zeit zittert die Erregung und das Weh über diesen Mord in allen Schwingungen nach. »Unsere Sache steht in Gottes Hand; Sein Wille geschehe auch an uns. Es ist aber eine peinliche Lage, wenn einem das Schwert immer über dem Haupte hängt. Der höchste Minister oder Richter (Katikiro) ist unser schlimmster Feind. Dieser Brief wird vielleicht aufgefangen, denn wir müssen ihn heimlich abschicken.... Wir leben noch in großer Angst, aber bisher hat uns der Herr gnädig vor diesem gott- und sinnlosen Menschen geschützt. Er, der von Anfang an auch das Ende sieht, ist unsere einzige Hoffnung und Zuflucht, denn hier kann uns jetzt keine Macht der Erde schützen.«

Wir hören aus diesen Mitteilungen, daß seit dem Auftreten des Missionsbischofs und der deutschen Flotte an der Küste das Leben der Missionare in größter Gefahr schwebte. Nach einer geheimen Verabredung des Königs und der vornehmsten Häuptlinge sollten sie alle umgebracht werden. Sofort rafften sie ihre wertvollsten Sachen zusammen, um sie Muanga als Geschenke zu überbringen, verrieten aber nicht, wer ihnen den Plan hinterbracht hatte. Der König überhäufte sie, nachdem er die Geschenke angenommen, mit Droh- und Schimpfreden. Er werde alle, die ins Missionshaus gehen, töten und die Missionare in den Stock legen lassen. Dann möge ganz Europa kommen, um sie zu befreien! Lukonge, der Ukerewekönig, hätte doch auch zwei weiße Männer getötet, und die Engländer hätten ihm nichts anhaben dürfen. Mackay schwieg still und wagte nicht, auf den Tod des Bischofs anzuspielen.

Ein Lieblingspage des Königs, der die anderen Diener zu befehligen hatte, wagte eines Tages zu sagen, daß es nicht recht war, den Bischof zu töten, da die Weißen nur dem Wohle des Landes dienen wollten. Der kühne Sprecher, ein katholischer Christ, wurde sofort dem Scharfrichter übergeben und lebendig verbrannt.

Mackay dachte nun, es sei an der Zeit, sich aus Uganda zu entfernen und bessere Tage zur Wiederkehr abzuwarten. Er und die anderen Missionare wurden aber so beobachtet, daß an eine heimliche Abreise nicht mehr zu denken war. Der König erklärte, er ließe sie nicht ziehen und wenn siebzig Briefe von England kämen. »Ein großer König, wie ich bin,« fügte er anmaßend hinzu, »darf auch nie ohne einen Mann sein, der ihm seine Gewehre und andere Sachen in Ordnung halten kann.«

Unter der Hand konnte der erkrankte Missionar O'Flaherty fortgeschafft werden. Mackay und Ashe waren nun allein auf dem Kampfplatz. Sie erfreuten sich noch einige Zeit größerer Freiheit und geringerer Ungnade. Dann brannte Muangas »Palast« völlig nieder. Man beschuldigte die Christen der Brandstiftung, fand aber beim König kein Gehör. Am Tage nach dem Brande schlug der Blitz dicht neben dem Hause ein, das der König bezogen hatte. Halbtoll vor Furcht floh Muanga und wählte sich eine andere Residenz am See. Dort besuchte ihn Mackay einige Male und tröstete ihn durch Geschenke.

Trotz des Verbots, daß bei Todesstrafe sich niemand dem Missionsgehöft nähern dürfe, wuchs die Zahl der Christen beständig. Die zuvor eingesetzten eingeborenen Ältesten taten treu ihre Pflicht, und die bekehrten Waganda verbreiteten in ihren Dörfern die Botschaft vom Heil in Christo. Unter dem Schutze der Nacht wagten heilsbegierige Seelen den Gang zum Missionshaus und ließen sich unterweisen und taufen. Anfang 1886 bestand die Gemeinde aus 150 Seelen.

Unter den neubekehrten war auch eine Prinzessin namens Nalumasie. Sie warf die ihrer Obhut anvertrauten Amulette, Zaubersachen und Ahnenreliquien ins Feuer. Das wurde dem König hinterbracht, der darüber sehr ungehalten war. Kurz darauf mutete er einem seiner Pagen eine unnennbare Schandtat zu, der sich der christliche Jüngling mutig und entschieden widersetzte. Das erregte des Königs heidnischen Zorn in hohem Maße. Er schlug den Pagen und den Palastmeister, der auch »lesen« konnte, mit seinem Speere blutig und befahl, sofort alle Christen zu fangen und niederzumetzeln. Alle Häuptlinge erhielten die strenge Weisung, ihre christlichen Untertanen anzuzeigen und auszuliefern.

Noch am selben Tage wurden zwölf Jünger Jesu auf offener Straße mit Keulen erschlagen oder von Speeren durchbohrt. Viele andere wurden gefangen gesetzt. Im Missionshaus war gerade Unterricht, als ein Eilbote vom Hofe die drohende Gefahr ansagte. Die Schüler hatten eben noch Zeit, sich den Häschern durch schnelles Verschwinden durch Seiten- und Hintertüren zu entziehen. Der Gemeindeälteste Munjago war in seiner Hütte mit anderen zum Gebet versammelt, als die Scharfrichtergehilfen erschienen. Die erschreckten Christen brachen durch die Rohrwände der Hütte und suchten das Weite, aber Munjago blieb. Angesichts einer an der Tür stehenden Flinte wagten die Häscher nicht, näher zu kommen. »Fürchtet nicht, daß ich euch erschieße,« rief ihnen der Älteste zu und ließ sich dann ruhig fassen und fesseln.

Die evangelischen Missionare wandten sich an die katholische Mission und baten um ihre Mitwirkung zu dem Versuch, das Leben der Gefangenen zu retten. Der Bischof lehnte es aber mit einer nichtssagenden Begründung ab, sich in dieser Angelegenheit mit den Evangelischen zu verbinden. Nun trat Mackay allein den sauren Gang zum König an. Kurz vorher hatte er Muangas Lieblingsflinte repariert. Als Dank dafür wurde ihm ein Wunsch freigestellt. Daran erinnerte er jetzt den König. »Was willst du denn haben?« fragte Muanga. »Ich bitte um das Leben derer, die noch verhaftet, aber noch nicht hingerichtet sind.« Der König erwiderte: »Sie sind alle tot.« Als Mackay dies bezweifelte, gab ihm Muanga das Versprechen, daß den Gefangenen kein Leid geschehen solle. Ein Strahl der Freude glitt über das sorgenvolle Antlitz unseres Kämpfers. Aber wer konnte dem Wort dieses wankelmütigen Blutmenschen trauen? Die Christen blieben in Haft, und Mackay erhielt trotz wiederholter Anfragen und Bitten keine weitere Audienz in dieser Sache.

Unter schrecklicher Spannung, die oft schlimmer als die gefürchtete Gewißheit ist, kam der denkwürdige 5. Juni heran. An diesem Tage wurden 32 von den gefangenen Christen lebendig verbrannt. Einigen hackten sie zur Mehrung ihrer Qual zuerst Arme und Beine ab; dann warf man die verstümmelten Körper in die Glut. Die Märtyrer gingen alle freudig in den Tod und beteten wie Jesus und Stephanus noch für den König, für das Vaterland und für ihre Mörder. Auf den obersten Scharfrichter machte dies einen so tiefen Eindruck, daß er es dem König berichtete und hinzufügte, er hätte noch nie Leute mit solcher Tapferkeit und solchem Mut sterben sehen. Der grausame Nero aber hatte für dieses Heldentum nur den leichtfertigen, vom Hofe mit satanischem Gelächter unterstrichenen Spott: »Aber ihr Gott hat sie doch nicht aus meiner Hand gerettet!«

Aber »das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche«. Diese alte Wahrheit sollte sich auch hier aufs neue bestätigen. Obwohl der Besuch des Missionsgehöftes jedem Eingeborenen bei Todesstrafe verboten war und die Missionare ihr Haus nicht mehr verlassen durften, konnten doch in dieser schwersten Zeit noch elf Taufen vollzogen werden. Diese Täuflinge wurden tatsächlich in den Tod hineingetauft, wie der Apostel Paulus von sich und den Gläubigen in Rom zu Neros Zeit aussagt. Mackay war in diesen dunkeln Tagen wohl gebeugt und traurig, unsagbar traurig im Blick auf die bleichenden Gebeine seiner Brüder, aber nicht hoffnungslos, denn er schreibt: »So gewiß wie wir wissen, daß morgen die Sonne wieder aufgeht, wissen wir auch, daß dies unglückliche Land wieder lichtere Tage sehen wird. Und bei alledem haben wir noch viel Ursache zur Dankbarkeit.«

Wie oft war seit seinem Wirken in Uganda unserem Helden schon das Todesurteil gesprochen! Aber der Herr war mit ihm, und Muanga fürchtete sich mehr, das Todesurteil vollziehen zu lassen, als Mackay sich fürchtete, es zu empfangen. Er hatte jenen Heldenmut, der auf die Drohung: »Vor der Menge der Pfeile und Lanzen werdet ihr die Sonne nicht sehen!« die überraschende Antwort gab: »Also kämpfen wir im Schatten!«

Vierzehntes Kapitel.

Auf einsamem Posten.

Als die Lage sich immer schwieriger gestaltete, hielten es die beiden Missionare für weise, das Land im Interesse der eingeborenen Christen für einige Zeit zu verlassen. Aber nur einer erhielt die Erlaubnis zur Abreise. Mackay mußte als Geisel im Lande zurückbleiben. Der König fürchtete die Rache der Engländer für das Blut des Bischofs und die übrigen Metzeleien, die er auf dem Gewissen hatte. Am 25. August 1886 trennten sich die tapferen Männer schweren Herzens voneinander, und Ashe kehrte nach England zurück in der Hoffnung, die englische Regierung werde durch seine Berichte veranlaßt, energische und geeignete Maßregeln zu ergreifen, um Muanga zur Vernunft zu bringen. »Ich muß mich«, schreibt Mackay, »damit zufriedengeben, allein hierzubleiben -- aber doch nicht allein. Noch kann ich den wenigen Übriggebliebenen unserer jungen Gemeinde durch meine Gegenwart dienen, und unser Gott wird bessere Zeiten für uns kommen lassen.«

Bisher hatte Mackay immer einen oder mehrere Mitarbeiter, von denen einige treue und brave Kampfgenossen waren. Wir erinnern uns noch an den ersten, der mit dem Leutnant Smith den Boden Ugandas betreten hatte, an den Rev. Wilson. Er holte seinerzeit Mackay von Kagai ab und führte ihn nach Rubaga. Nach zwei Jahren aber mußte dieser mit gebrochener Gesundheit heimkehren. Von den anderen Genossen ist besonders O'Flaherty zu erwähnen, der am längsten dem Klima widerstehen und vier Jahre an Mackays Seite wirken konnte. O'Flaherty stand bei Mtesa gut angeschrieben. Seine ausgezeichneten Kenntnisse des Koran und seinen treffenden Witz konnte er im Kampfe mit den Muselmännern gut verwerten.

Einmal klagte der Araber Suliman die Engländer als die gierigsten Länderfresser beim Könige an und prophezeite, daß sie ganz Afrika aufessen würden. Mtesa ließ darauf O'Flaherty rufen, und dieser sagte: »Ja, ja, wir haben ganz Sansibar aufgegessen, Menschen, Häuser und Vieh und Bäume und alles. Nichts ist dort übrig als die Steine, die am Meeresufer liegen, und auch diese werden wir nächstens verschlingen. Auch dies Land werden wir verschlingen. Aber erst müssen wir etwas stärker werden, und da möchte ich den König bitten, mir einen großen Ziegenbock zu schenken, daß ich kräftiger werden kann.« Dieser Witz löste bei Mtesa ein wohlgefälliges Lachen aus. Als Anerkennung ließ er dem freimütigen Missionar eine fette Ziege geben.

Bei einer anderen Gelegenheit suchte der Araber dem Könige zu imponieren mit dem Hersagen eines langen arabischen Glaubensbekenntnisses, von dem niemand ein Wort verstand. O'Flaherty aber sang einen Vers der englischen Nationalhymne, worauf Mtesa meinte, das wäre gerade so schön wie das Arabische, er solle nur noch mehr singen.

O'Flaherty hatte Mtesa einmal gesagt, wenn er ihm Eisen zu Werkzeugen und Leute zur Arbeit liefere, wolle er nach Lehm graben, Ziegel brennen und ihm ein schönes Haus bauen. Für das Gelingen setze er seinen Kopf ein; vielleicht finde man bei dem Graben auch Silber im Boden. Dies Wort wirkte wie ein Funke im Pulverfaß. Alle schrien nach Silber, der Weiße habe seinen Kopf dafür verpfändet, jetzt solle er nach Silber graben. Auch der König stimmte schließlich bei und erklärte, am Hause liege ihm nichts, aber Silber wolle er haben. Dann ließ er seine Scharfrichter kommen und fragte den Missionar feierlich: »Willst du jetzt nach Silber graben oder deinen Kopf verlieren?« O'Flaherty suchte noch einmal das Mißverständnis aufzuklären und sagte dann bestimmt: »Da dir am Hause doch nichts gelegen ist, werde ich jetzt auch nicht nach Lehm graben; willst du aber meinen Kopf -- hier ist er!« Die Araber triumphierten, die Häuptlinge riefen: »Recht so!« und ein hoher Beamter fing an, den Weißen zu verhöhnen. O'Flaherty aber fuhr ihn an: »Wie darfst du es wagen, des Königs Gast zu beleidigen?« Nun nahm Mtesa wieder das Wort, winkte den Scharfrichtern, sich zu entfernen, lobte den Missionar und sagte, nicht er, sondern Mackay wäre es, der sich weigere, für sie nach Silber zu graben. Alles stimmte natürlich auch jetzt wieder dem Könige bei; O'Flaherty aber nahm seinen Kollegen kräftig in Schutz und erklärte: »Wenn Mackay stirbt, sterbe ich auch. Er und ich sind eins.« Ein Muselmann brachte dann noch andere Anklagen vor, aber O'Flahertys Geistesgegenwart und witzige Gegenreden imponierten dermaßen, daß ihm kein Leid geschah und die Häuptlinge ihm nach der Versammlung allerlei Schmeichelhaftes sagten.

O'Flaherty erlebte den Regierungswechsel in Uganda nicht mehr. Noch vor Mtesas Tode mußte er gesundheitshalber die Arbeit einstellen und heimreisen. Unterwegs auf der Fahrt durch das Rote Meer erlag dieser wackere Kampfgenosse dem Fieber. Er durfte auf der Reise nach der irdischen Heimat in die himmlische eingehen.

Mackays trautester und treuester Freund, der die trübsten Stunden mit ihm durchwacht hatte, war der Missionar P. Ashe. Er stand drei Jahre, von 1883 bis 1886, an Mackays Seite und kämpfte mit ihm für Gottes Reich und Gottes Ehre. Mackay schreibt von ihm: »Ashe ist ein prächtiger Kamerad, ein sehr ernster Christ und ein treuer Missionar. Er ist mein anderes Ich. Wenn er zu euch kommt, so denkt, ich käme.«

Nun mußte er auch diesen Trost entbehren und auf dem gefährlichen Posten allein noch neun Monate aushalten. Daheim lebten die Seinen in beständiger Sorge um ihn. Er tröstete sie aber in seinen Gefangenschaftsbriefen und versicherte ihnen, daß er sich wohlbefinde und solange ausharren wolle, als es möglich sei. Heimlich zu fliehen, hätte er wohl Gelegenheit, er würde aber sich dazu nur in der äußersten Not entschließen. Mit fieberhafter Eile arbeitete er unterdessen an der Vollendung seines Lieblingswerkes, an der Übersetzung des Matthäusevangeliums. Die zuverlässigsten Wagandachristen halfen ihm tapfer dabei, die klarsten Ausdrücke für ihre Sprache zu finden. Was fertig war, wurde sofort gedruckt und von der Presse weg verkauft. Der Hunger nach Gottes Wort war zu dieser Zeit so groß, daß eine große Kiste mit Testamenten, die von England geschickt wurden, innerhalb zehn Tagen ausverkauft war.

Mackay ahnte, daß bei dem zunehmenden Einfluß der Araber am Hofe seines Bleibens nicht allzulange mehr sein würde. Nun hatten die Christen doch wenigstens ein ganzes Evangelium in ihrer Sprache in der Hand, um daraus selbst ihre Seelen nähren und stärken zu können, falls sie des Lehrers und Hirten beraubt würden.

In all dieser Arbeit und unter den Ängsten seines für die eingeborenen Christen so besorgten Herzens hatte Mackay noch Zeit und Freudigkeit, sich für andere zu verwenden und Gastfreundschaft zu üben. Zwei berühmte Forscher in der Nähe Ugandas waren damals durch den Mahdistenaufstand völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Mackay verwandte sich für sie beim Könige und erwirkte ihnen in dieser politisch überaus aufgeregten Zeit die seltene Erlaubnis, nach Uganda kommen zu dürfen. Der erste war der russische Reisende =Dr.= Junker, den Mackay aus der schwierigsten Lage rettete und ihm zum sicheren Geleit nach der Küste verhalf. Der zweite war der in ägyptischen Verwaltungsdiensten stehende und um Afrika so außerordentlich verdienstvolle Deutsche =Dr.= Schnitzer, bekannt unter dem Namen Emin Pascha, der später (1892) von Arabern ermordet wurde. »Mackay hat«, so berichtet Emin Pascha, »in der großartigsten und selbstlosesten Weise für mich gesorgt. Er hat uns geholfen, obgleich er persönlich dafür büßen mußte, und ist mir ein treuer Freund und Berater gewesen. Als ich völlig mutlos war, haben mich seine Briefe gestützt und aufrecht erhalten und mir frischen Mut zu neuem Handeln eingeflößt. Er hat alles, was er besaß, mit mir geteilt und sich beraubt, um mich mit Geschenken auszurüsten. Möge Gott, in dessen Schutze wir alle stehen, es ihm reichlich vergelten. Ich bin nicht imstande, es zu tun.«

Der Khedive von Ägypten verlieh Mackay auf Emin Paschas Mitteilungen hin den Osmanieorden vierter Klasse. Ein Anerbieten des weithin bekannten Generals Gordon, eine hohe Stellung in seinem Dienste im Sudan anzunehmen, nahm Mackay nicht an. Er zog es vor, seine Arbeit in Afrika in bescheidenerer Weise zu tun.

Fünfzehntes Kapitel.

Zurückgeschlagen.

Mackays Lage wurde immer unhaltbarer. Es war ihm nicht möglich, den unseligen politischen Verdacht, der sich auf ihn wälzte, gänzlich abzuschütteln. Einmal wallte sein Hochlandsblut über, als der König ihm vor versammeltem Hofe zurief: »Oli Mukasa, du bist ein Heuchler!«

»Ich bin kein Heuchler!« fuhr er zornig auf und erwartete dabei einen blutigen Ausgang. Die Sache nahm aber plötzlich eine komische Wendung, als Muanga unvermittelt seine Diener anschrie: »Gebt den Weißen ein paar Kühe, damit sie sich wieder beruhigen!«

Die wachsende Furcht der Machthaber Ugandas vor der Besitznahme ihres Landes durch die weißen »Länderfresser« war nicht unberechtigt. Denn heute hat die Selbstherrlichkeit der afrikanischen »Könige« längst aufgehört. Die Länder, von denen wir in diesem Buche hörten, sind seit zwanzig Jahren Kolonialbesitz von Deutschland und England. Man darf das nicht bedauern, denn die schwarzen Fürsten hatten das Maß ihrer Sünde voll gemacht und ihre Unfähigkeit, menschlich zu regieren, längst erwiesen. Mackay hat sich hierüber mit rücksichtsloser Offenheit ausgesprochen und deshalb manchen Tadel in Europa erfahren. »Wir fordern für uns und unsere schwarzen Brüder das Recht, Gott zu dienen, ohne dem Feuertode als Strafe dafür ausgesetzt zu sein. -- Das Recht der Unglücklichen, die in Frieden leben wollen, steht höher als das Recht königlicher Räuber und Mörder. -- Daraus, daß zu Neros Zeit keine christliche Macht da war, die dem Blutmenschen in den Arm fallen konnte, um dem Christentum Duldung zu verschaffen, folgt nicht, daß die kleinen Könige Afrikas in derselben Weise wirtschaften dürfen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. -- Brutalität und Mord müssen in Gottes Weltall aufhören, denn die Welt ist Gottes und nicht des Teufels. -- Afrika soll für die Afrikaner sein, aber Afrika wird niemals durch Afrikaner gerettet werden können. -- Eine starke Hand muß gegen Tyrannei und Unterdrückung wirksam werden. Das Wort muß freie Bahn bekommen, daß es laufen und gepriesen werden kann.«

Unter der »starken Hand« verstand Mackay allerdings die sogenannten christlichen Staaten, besonders England. Er hielt die christlichen Völker für berufen, den menschenunwürdigen Zuständen in Afrika, dem Sklavenhandel und der Christenverfolgung, ein Ende zu machen und erhob freimütig seine Stimme, nicht zur gewaltsamen Ausbreitung des Christentums, wie man ihm vorgeworfen, sondern in erster Linie um Beistand und Schutz für die Verfolgten und Unterdrückten. Sein Herz brannte für sein geliebtes Afrika.

Muangas Argwohn gegen Mackay erhielt durch die fortwährenden Einflüsterungen der Araber und durch das Achselzucken eines befragten katholischen Missionars immer neue Nahrung. Als endlich noch die Meldung kam, daß der große Stanley mit einem zahlreichen Gefolge sich Uganda nähere, befürchtete der König seine Bestrafung für die Ermordung des Missionsbischofs und gab Befehl, Mackay solle sofort das Land verlassen. Der Häuptling Nautinde wurde beauftragt, den Ausgewiesenen zu begleiten und den Missionar Gordon, dessen Name dem Könige sehr gefiel, als Ersatz -- eigentlich als Geisel -- mitzubringen.

So war denn die gefürchtete Stunde des unfreiwilligen Scheidens von dem geliebten Uganda gekommen. Noch einmal versammelte Mackay die Gemeindeältesten um sich und legte ihnen die Sorge für die Herde Christi auf Herz und Gewissen. Noch einmal füllte sich das Haus mit seinen geistlichen Kindern, die mit Tränen von ihrem geliebten Vater Abschied nahmen. Dann verschloß er das Haus, übertrug die Bewachung desselben vier treuen Männern und zog schweren Herzens am 21. Juli 1887 von dannen. Am Hafen besserte er erst das Boot aus und segelte nach Ukumbi am Südende des Sees, wo er Gordon vorfand, der den lobenswerten Mut hatte, mit dem Häuptling zu gehen und den verlassenen Posten in Uganda einzunehmen.

Der vertriebene Held wollte seinem lieben Uganda so nahe als möglich bleiben und schlug deshalb sein Zelt nach verschiedenen Abenteuern in Usambiro im Gebiete eines befreundeten Häuptlings auf. An ein Ausruhen dachte er auch jetzt noch nicht, obwohl er hart mitgenommen war, sondern legte sofort eine neue Missionsstation an. Da galt es monatelang wieder Häuser zu bauen, Gestrüpp auszuroden, Ställe und Schuppen zu bauen, kurz gesagt: Pionierdienste zu tun. Daneben widmete er sich einer Schar von Christen, die aus Uganda zu ihm geflohen waren, und führte sie tiefer in die Schrift ein, um sie später als Evangelisten zurückzusenden.

Die Missionsgesellschaft, der Mackay angehörte, hatte nun mehrere Missionare und einen Bischof in den Uferländern des Niansa. Auch Ashe, unseres Helden treuester Freund, war wieder unter ihnen. Sie versammelten sich denn bei Mackay zu einer Konferenz. Die herrlichen Tage christlicher Gemeinschaft und brüderlicher Beratung wurden aber jäh unterbrochen durch den Tod des Bischofs Parker und des Missionars Blackburn, die ein Fieberanfall plötzlich aus ihrer Mitte riß. Es war nicht daran zu denken, Särge zu machen. Die Gefallenen wurden in Tuch gewickelt und von den weinenden Brüdern in die fremde Erde Afrikas gebettet. Traurig kehrten die Streiter auf ihre einsamen Posten zurück. Einer, Walker, ging nach Uganda zu Gordon, und Ashe blieb bei Mackay. Bald darauf mußte Ashe aber seiner Gesundheit wegen zum zweiten und, ach, zum letzten Male seinen unermüdlichen Kampfgenossen allein lassen und nach der Heimat zurückkehren.