Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

Part 5

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Bald kam es zu häßlichen Auftritten am Hofe. An einem Sonntag hielt Mackay Gottesdienst. Lourdel und sein Genosse, den Mackay noch nicht kannte, waren auch zugegen. Die Grüße des Engländers erwiderten sie kaum. Der Gottesdienst begann. Mackay schlug sein »Prayerbook« auf, und alle knieten nieder zum Gebet. Nur die römischen Priester blieben sitzen und schwatzten dabei. Mtesa stellte sie darüber zur Rede und fragte, ob sie nicht an Christum glaubten und Ihn anbeteten. Lourdel erging sich nun in den beleidigendsten Ausdrücken, nannte Mackay einen Lügner und die Bibel ein Lügenbuch. Mackay seufzte innerlich um Gnade, sich jetzt recht verhalten zu können. Der Herr stand ihm bei, so daß er in aller Ruhe und Klarheit erzählen konnte, was die Protestanten von Rom trennt. Die Römischen hätten den Papst als Oberhaupt, die Evangelischen hätten die Bibel als einzige Autorität und verehrten keinen anderen Herrn als Jesum Christum. Um die Gemüter zu beruhigen, setzte er hinzu, in vielen Dingen stimmten beide Konfessionen überein. Der aufgeregte Priester wollte aber nichts vom Frieden wissen und wiederholte seine Schmähungen. Niemals hörte Mackay so oft das Wort =muongo= (Lügner) auf sich anwenden als von jenem römischen Pater. Die Verwirrung unter den Zuhörern war schließlich so groß, daß Mtesa erklärte: »Die Araber lehrten mich, an einen Gott zu glauben, Mackay sagte mir von zweien (Gott und Christus), und die Franzosen haben gar drei (Gott, Jesus und Maria); nun glaube ich keinem mehr. Jeder weiße Mann hat ja eine andere Religion.«

Vierzehn Tage nach den Jesuiten traf ein Brief des englischen Generalkonsuls in Sansibar ein, in dem u. a. stand, die englischen Missionare hätten nichts mit der Politik zu tun; sie seien aus eigenen Antrieb gekommen und nicht direkt von der Königin gesandt. Dadurch sollte bei Mtesa der Verdacht zerstreut werden, daß die Missionare politische Agenten seien. Mtesa befahl den Arabern, den Brief zu übersetzen. In ihrem Hasse gegen die Christen übersetzten sie nun falsch und lasen, daß »kein Engländer in Uganda von der englischen Königin komme oder Briefe von der englischen Regierung habe«. Nun hatten aber wenige Wochen vorher drei Missionare, die zu Mackays Unterstützung kamen, ein Schreiben vom Premierminister im Namen der Königin überreicht.

Es gab einen neuen, schrecklichen Auftritt. Mtesa nannte Mackay und seine Mitarbeiter Betrüger und erklärte den Brief von England als eine Fälschung. Die Einsicht in den Brief des Konsuls wurde ihnen vorenthalten. Sie mußten alles über sich ergehen lassen und stellten es Gott anheim, der da recht richtet und den Wahrhaftigen hilft. Da sie trotzdem noch geduldet wurden, fuhren sie desto eifriger in der Ausbreitung der Wahrheit fort.

»Es scheint mir,« schreibt Mackay, »daß Gott das Eindringen der falschen Lehren zugelassen hat, damit wir die Wahrheit um so eifriger verbreiten. O, daß wir die kurze uns zur Verfügung stehende Zeit mehr zur Verherrlichung Gottes gebrauchen könnten und wollten! Wir taten, was wir konnten, zu verhindern, daß Unkraut unter den Weizen gesät würde, als die ersten Papisten im Anzuge waren, und nun werden sie sich neben uns festsetzen. -- Wir müssen alle Kraft daransetzen, dem Volke die Heilige Schrift in ihrer eigenen Sprache zu geben und sie lehren, dieselbe zu lesen und zu glauben.«

Darin sah Mackay mit Recht die beste Waffe und das beste Abwehrmittel gegen alle Feinde, auch gegen die katholische Propaganda. Bald nach seiner Ankunft in Uganda begann er eine beträchtliche Anzahl Lesetafeln herzustellen. Er verfertigte große Lettern aus hartem Holz und druckte mit Hilfe seiner kleinen Presse Buchstaben, Silben, Wörter und auch ganze Sätze auf zugerichtete Tafeln. Die Fibeln gab er den herzuströmenden Lernbegierigen und unterrichtete sie dann in der Lesekunst. Den Fortgeschrittenen händigte er gedruckte Bibelsprüche ein und unterwies sie zugleich in den geoffenbarten Wahrheiten.

Das größte Verdienst erwarb sich Mackay aber durch seine Übersetzungsarbeiten. Seine Mitarbeiter wechselten oft, zu oft, um mit der Landessprache völlig vertraut zu werden und zuverlässige sprachliche Arbeiten anfertigen zu können. Mackay dagegen war neun Jahre ununterbrochen am Orte und stand nach seiner Verdrängung noch zweieinhalb Jahre im regen Verkehr mit den Waganda, deren Sprache er wie seine eigene kannte. Im Januar 1880 begann er mit der Übersetzung des Evangeliums Matthäi mit dem Gebete: »Möge der Heilige Geist, der das Wort zuerst eingab, mir Herz und Hand zu dieser Arbeit reinigen und dieselbe heiligen zur Ehre meines hochgelobten Herrn und Meisters Jesus Christus!« In diesem Geiste und der ihm eigenen Sorgfalt und Gründlichkeit übersetzte er im Laufe der Jahre nicht nur das Matthäus-, Lukas- und Johannesevangelium, sondern auch ausgewählte Psalmen, Gebete und Lieder in die Landessprache. Dann druckte er sie auch und band die Bücher, wobei ihm seine Mitarbeiter fleißig Handreichung taten. Außerdem wurde auch das Suahelitestament in Uganda sehr verbreitet, besonders im Anfang, weil viele dieser Sprache mächtig waren.

Das Übersetzte wurde wiederholt unter dem Beistand seiner Mitarbeiter und geförderter Wagandachristen revidiert und korrigiert. Mit ihnen saß er auch in der schweren Verfolgungszeit nach Mtesas Tode (1884) manchen Tag und manche Nacht über dem heiligen Texte. Die meisten Exemplare wurden verkauft, nicht verschenkt, und gingen so rasch ab, daß immer neue Auflagen gedruckt werden mußten. Das bereitete Mackay neben der Freude auch manche Not, da die Mittel und Hilfsmittel so dürftig waren, wie sie nur sein konnten.

Das Wort Gottes wurde unter dem Volke ein Same der Wiedergeburt und die tägliche Seelenspeise der Bekehrten. Stanley, der 1889 in der Nähe Ugandas war, beobachtete mit Staunen die christlichen Flüchtlinge aus Uganda -- es war gerade zur Zeit der Verfolgung --, wie »fast jeder von ihnen ein Buch hatte, Gebete und das Evangelium Matthäi, wie sie in ihren Hütten sich auf den Boden legten, ihre Bücher hervorzogen und darin lasen« und ihm erzählten, sie seien alle -- etwa 2500 -- Mackays Schüler und gehörten zu Mackays Mission; jeder hätte persönlich das Buch von ihm empfangen.

So kämpfte der Held von Uganda mit dem Schwert des Geistes unermüdlich gegen die furchtbare Macht der Finsternis im dunkelsten Afrika. Zur Bekämpfung des abscheulichen Sklavenhandels hat er in seinen Briefen an Londoner Zeitungen viel Anregung und wertvolle Winke gegeben. Er klagt darin besonders über den Freihandel, durch den es den Arabern gestattet war, sich und ihre Helfershelfer mit Pulver und Gewehren zur Menschenjagd auszurüsten. Ohne diese Mordwaffen könnten weder die Araber noch die Eingeborenen die Sklavenjagd betreiben. Die uneingeschränkte Einführung von Mordwaffen in Afrika sei die reine Wahnsinnspolitik. »Die englischen Schiffe, welche Missionare und Bibeln zur Bekehrung Afrikas hierherführen, bringen in weit größerer Anzahl Gewehre mit, die diesen Weltteil in eine Hölle verwandeln. Immer wieder haben mir die Waganda gestanden, daß ihnen nur die Gewehre ihre Raubzüge in die Nachbargebiete möglich machten. Die schwarzen Könige würden sich bald vertragen, wenn ihre Pulverkammern leer wären.«

Zwölftes Kapitel.

Mtesa, ein Heide durch und durch.

Die Afrikaforscher, welche durch ihre günstigen Berichte über den »humanen König« von Uganda die Missionare in die Höhle dieses Löwen lockten, lernten während ihres kurzen Aufenthaltes nur die Außenseite kennen, die allerdings einen guten Eindruck machte. Die Waganda zeichneten sich durch einen gewissen Grad von Zivilisation von den übrigen Stämmen, die in trostlosem Zustande lebten, vorteilhaft aus. Ihr König regierte als absoluter Herrscher zeitweilig mit rechtlichem Sinn und in fortschrittlichem Geiste. Bei den Untertanen genoß er göttliches Ansehen. Sie brachten ihm das Beste ihres fruchtbaren Landes als Steuer dar. Die Araber waren schon seit Generationen am Hofe heimisch. Die Fremden wurden stets freundlich und großartig am Hofe empfangen, freilich nicht aus königlicher Tugend, sondern aus heidnischer Eitelkeit. Der Reisende Speke, welcher den Niansa entdeckte, lernte Mtesa noch als Heide kennen. Stanley fand ihn bei seinem ersten Besuch als Mohammedaner vor und brachte ihn soweit, daß er vor versammeltem Hofe eine Art öffentliches Bekenntnis zum Christentume ablegte. Ein religiöses Verlangen lag diesem Wechsel aber nie zugrunde, sondern die unersättliche Gier nach Ansehen, Ehre und Macht. In seiner Eitelkeit verstieg er sich soweit, daß er an Mackay das Ansinnen stellte, ihm die Tochter der Königin Viktoria von England zur Frau zu verschaffen. Diese »Heirat« leuchtete ihm um so mehr ein, nachdem man ihm klargemacht hatte, daß er, statt tausend Elefantenzähne zu zahlen, einen Brautschatz bekommen würde.

»Wenn man länger hier lebt,« berichtet Mackay, »dann verschwindet Glanz und Gastfreundschaft schnell. Man wird über die barbarischen Zustände am Hofe selbst mit Ekel erfüllt. Erhebt man erst die Stimme gegen die Treulosigkeit, Verlogenheit und Lasterhaftigkeit, gegen die Mordgier und Grausamkeit, dann wendet sich das Blatt, und der wahre Charakter des Volkes kommt zum Vorschein. Statt Gastfreundschaft findet man Haß, anstatt des täglichen Brotes kann man dem Hunger ausgesetzt werden. Man wird nicht mehr als willkommener Wohltäter des Volkes, als Lehrer der Wahrheit, als Führer zum Licht und Recht, sondern als lästiger Spion betrachtet, der neue Sitten einführen und das gute Alte stürzen will.«

»Mtesa ist ein Heide durch und durch. Er besitzt alle teuflischen Eigenschaften und ist unfähig, seine tierischen Leidenschaften zu zügeln. Alles dreht sich bei ihm ums liebe Ich.« Mehrjährige Erfahrung und Beobachtung lehrte Mackay und seine Mitarbeiter, daß alle scheinbaren großmütigen Handlungen des Königs darauf berechnet waren, Ruhm zu ernten. Eitelkeit war die Mutter seiner Tugenden. Nach seiner Ansicht ist Uganda und die ganze Welt nur seinetwegen da.

Im Jahre 1881 sandte er ein Heer nach Osten und eins nach Westen, nicht um Krieg zu führen, sondern um zu morden, zu rauben und zu plündern. Ein Jahr später gab er den Befehl, jeder Mann im Lande müsse am Handgelenk eine Perlenschnur tragen; wer dem Befehl nicht nachkomme, dem werde die Hand abgehackt werden. Jede Frau hingegen solle eine Perlenreihe um die Taille tragen, sonst werde an dieser Stelle der Körper durchschnitten werden.

Jedes Verbrechen und jede Scheußlichkeit war in dem Lande zu Hause. Täglich wurden aus schändlichem Mutwillen viele unschuldige Opfer umgebracht. Lange Zeit hindurch wußten die Missionare nichts davon. Man tat es aus Rücksicht auf sie nicht so öffentlich wie früher. Nach und nach erst durchschauten sie das grausige Treiben der zahlreichen königlichen Scharfrichter, welche abends auf den einsamen Wegen ihren Opfern auflauerten, sie knebelten und am anderen Tage ermordeten, nicht weil sie etwas verbrochen hatten (danach fragte man nicht), sondern weil der König geruhte zu wünschen, daß täglich ein Quantum Menschenblut zur Mehrung seiner Ehre und Macht fließe. Die Scharfrichter mußten zusehen, wie sie ihre Beute finden konnten. Und das niedere Volk, welches keine mächtigen Häuptlinge zu Beschützern hatte, mußte diese Opfer stellen.

»Es ist dunkel, 10 Uhr abends. Alles ist ruhig. Auch drüben auf der anderen Seite des kleinen Tales ist der letzte Trommelwirbel verklungen, weil dort der Scharfrichter seine Opfer für den Tag beisammen hat. Ihr Blut wird morgen fließen. Plötzlich ertönt ein gräßlicher Schrei vom Wege nach dem Missionsgehöft herüber, dann das Geschrei verworrener Stimmen, wiederum ein Schrei, der das Blut erstarren macht -- und alles ist wieder still. ›Hihihi! -- hast du's gehört?‹ grinste einer der jungen Burschen, die bei Mackay waren, ›sie haben ihm die Kehle durchgeschnitten! Hihihi!‹ Und er lachte. Es war das teuflische Lachen der Waganda aus Freude an der Grausamkeit.« -- Der arme Mensch war allein und spät auf dem Wege von den Aufpassern des Königs, welche abends für Ruhe und für Sicherheit zu sorgen haben, aufgefunden und sofort getötet worden, weil es dem blutgierigen Hofe also gefällt und die Aufpasser nur dann höher in der Gunst steigen, wenn sie durch solche Aufmerksamkeit ihre Tüchtigkeit erweisen. »Wer kann sie alle zählen, die am Morgen Gottes Sonne schauen und ehe der andere Morgen dämmert, gewaltsam in die Ewigkeit befördert sind!«

Daß »der humane König«, wie er oft genannt wurde, als er zum Islam übertrat, an einem Tage zweihundert Jünglinge lebendig verbrennen ließ, weil sie bei Annahme der neuen Religion etwas weiter gingen als er selbst und sich noch beschneiden ließen, haben wir früher schon angedeutet.

Mit den Einzelhinrichtungen begnügt sich die teuflische Mordgier jedoch nicht. Fast alljährlich fanden Massenabschlachtungen, sogenannte Kiwendo statt. Mtesas Vater pflegte solche öfters anzuordnen, und der Sohn durfte nicht hinter dem Beispiel seines Vaters zurückbleiben. Zu einem zünftigen Kiwendo gehörten zweitausend Opfer, die man vorher mit großer List einfing und dann an einem Tage abschlachtete. Solche Kiwendos fanden statt, während die Missionare am Hofe jahrelang und täglich lehrten.

Im Jahre 1880 ließ der König die Grabstätte seines Vaters neu aufbauen. Um dieselbe her sind hundert kleine Hütten errichtet worden. Sie dienen den vielen Zauberinnen als Wohnort, in die der Geist des verstorbenen Königs gefahren sein soll. Als der Umbau sich der Vollendung näherte, wurden die Scharfrichter angewiesen, ein Kiwendo vorzubereiten. Am Tage der Vollendung wurde dem abgeschiedenen Geiste des mordgierigen Suma zweitausend unschuldige Menschen als Sühnopfer dargebracht. Überwacht wurde der Hüttenbau sowohl wie die Massenhinrichtung von drei Häuptlingen, die bei den Missionaren lesen und Gottes Wort kennen gelernt hatten.

Ein Jahr später befahl Mtesa abermal ein großes Kiwendo. Ein Zauberer hatte es ihm im Interesse seiner königlichen Genesung angeraten. Die Häscher waren fleißig bei der Sache, und bald hatten sie ihre Zahl (zweitausend) beisammen. Fünf Personen ergriff man vor dem Tore des Missionshofes. Bei der Abschlachtung wurden einigen die Hälse abgeschnitten, andere aber zu Tode gefoltert. Man schnitt ihnen die Ohren ab, stach ihnen die Augen aus oder schnitt ihnen Stücke Fleisch aus Armen und Beinen und briet sie vor ihnen. Dann erst verbrannte man die Ärmsten bei lebendigem Leibe.

Um diesen Massenmord zu verhindern, schrieben Mackay und sein Mitarbeiter Pierson an den König einen Brief und erbaten dazu auch die Unterschrift der katholischen Missionare. Die Jesuiten aber weigerten sich, dieselbe zu geben. Obwohl sie auch täglich am Hofe waren, erhoben sie nicht ihre Stimme, um dem grauenvollen Treiben zu steuern. In dem Briefe erinnerte Mackay den König an das Gebot: »Du sollst nicht töten«, an die Entvölkerung des Landes, die durch diese Morde entstand, und an die Sage, Kintu, der Begründer des Landes, sei verschwunden, weil Uganda mit Blut überschwemmt gewesen sei. Die kühne Bitte der edeln Missionare fand kein Gehör. Sie hatten aber ihre Pflicht getan und überließen die Folgen dem allmächtigen Gott.

Mackays Geschicklichkeit und Dienstwilligkeit wirkten oft besänftigend auf den grausamen König und stimmten ihn freundlich gegen die Mission. Bei allen Schwankungen der Stimmungen im Gemüt dieses Tyrannen und am Hofe fügte es Gott doch so, daß die Missionare Schutz hatten, wenngleich ihr Leben auch einigemal in großer Gefahr stand. Solange Mtesa lebte, hatten sie gewisse Rechte und Lehrfreiheit trotz der vielen Verbote und Drohungen und trotz der Wühl- und Hetzarbeit der Mohammedaner. Gott lenkte auch diesem Könige das Herz, daß er wider Willen dem Evangelium zum Eingang in seinem Lande verhalf.

Ergreifend ist der Bericht, in welchem Mackay erzählt, wie er Mtesa zum letztenmal zur Rettung seiner Seele aufforderte. Sie hatten miteinander eine Unterredung über Tod und Ewigkeit. Mtesa antwortete auf das Zeugnis Mackays mit seinen gewöhnlichen Ausreden: »Liest der Araber sein Buch (Koran), so sagen die Weißen, das seien Lügen. Lesen die Weißen ihr Buch (Bibel), dann rufen die Araber: ›Das sind Lügen!‹ Was ist nun wahr?« Mackay stand nun auf und trat vor den König an der Matte, auf welcher der Katikiro saß. Dort kniete er nieder und sagte mit heiligem Ernste: »O Mtesa, mein Freund, gebrauche nicht immer diese Ausreden. Wenn du und ich am großen Tage des Gerichts vor Gott stehen werden, kannst du dann dem Allmächtigen sagen, du hättest nicht gewußt, was du glauben solltest, weil Masudi (ein Araber) dir das und Mackay dir etwas anderes sagte? Nein! Du hast das Neue Testament, lies es doch! Gott wird dich danach richten. Es hat noch niemand darin die Wahrheit gesucht, der sie nicht gefunden hätte.«

Mtesa blieb, was er war: ein Heide durch und durch. Charakteristisch ist eine Erklärung, die er Mackay einmal vor versammeltem Hofe gab: »Nehmen wir das Christentum an, so dürfen wir nur eine Frau haben. Werden wir Mohammedaner, so dürfen wir kein Fleisch essen.« Man muß es als eine besondere Fügung Gottes betrachten, daß Mackay dennoch der erklärte Liebling Mtesas blieb und mit der königlichen Gunst auch den königlichen Schutz genoß, solange Mtesa lebte. Die Hoffnung, den König für Jesum zu gewinnen, mußte der Pionier Ugandas endlich aufgeben. Er tat's mit schwerem Herzen, hatte aber die Genugtuung, daß sich die Pagen und Diener des Hofes immer empfänglicher für die Wahrheit zeigten.

Nach vierjähriger Wirksamkeit konnten im März 1882 die Erstlinge der Waganda getauft werden. Es waren fünf hoffnungsvolle Jünglinge. Der erste unter ihnen nannte sich in dankbarer Anerkennung dessen, was sein Lehrer ihm geworden, Sembera Mackay. Wir können es verstehen, daß Mackays Herz voll Freude und Dank war über diese Erstlingsfrucht und daß er auf sie mit derselben zärtlichen Liebe blickte wie eine Mutter auf ihr erstgeborenes Kind.

Im gleichen Jahre starb die Königinmutter. Sie war der biblischen Lehre stets abhold gewesen und verschied unter den Zaubersprüchen der Götzenpriester. Mtesa ließ sie mit großem Gepränge beisetzen. Auf seinen Wunsch hatte Mackay dazu drei ineinandergehende Särge, darunter einen aus Kupfer, angefertigt. Diese Arbeit nahm einen ganzen Monat in Anspruch. Während dieser Zeit war große Landestrauer vorgeschrieben; es durfte keine weitere Arbeit verrichtet, keine Reise unternommen, keine Last getragen werden. Nach der Beerdigung wurde Mackay reichlich beschenkt.

Im folgenden Jahre baute Mackay am Ufer des Niansa das Missionsboot »Eleonore«. Die Arbeit hielt ihn monatelang fern. In der Hauptstadt wurde unterdessen das Missionswerk unter der treuen Arbeit der Missionare O'Flaherty und R. Ashe im Segen fortgesetzt.

In der ersten Hälfte des Jahres 1884 war die Zahl der Bekehrten schon auf 68 gestiegen. Dann aber zog eine dunkle Wolke herauf und hing schwarz und schwer über dem hoffnungsvollen Erntefeld. Die oft erwähnte Krankheit des Königs verschlimmerte sich mehr und mehr. Man erwartete unter allgemeiner Spannung seine baldige Auflösung und damit das Signal zur Christenverfolgung in Uganda. Die junge Gemeinde stärkte sich in Gott und bereitete sich täglich im Glauben auf schwere Stürme vor.

Am 29. Oktober 1884 flog die Trauerkunde vom Königshügel durch die Stadt und die Dörfer des Landes, daß der König Mtesa verschieden sei. Unseren Helden Mackay erreichte die Botschaft am See, wo er das Missionsboot ausbesserte, um es zu einer eventuellen Flucht benutzen zu können. Nach Empfang der Todesnachricht sandte er vier seiner Leute zur Hauptstadt, um Erkundigungen einzuziehen. Sie wurden unterwegs schon überfallen und beraubt. Ihr Leben retteten sie durch die Flucht. Das waren böse Vorboten. Am nächsten Tage erschienen hundert Krieger und holten im Auftrage des Kanzlers (Katikiro) Mackay nach der Hauptstadt ab, um den Sarg für Mtesa zu machen. Er unterzog sich gern diesem Auftrage und hoffte sich damit die Gunst der maßgebenden Häuptlinge und des noch unbekannten Thronfolgers zu erwerben.

Dreizehntes Kapitel.

Die Feuertaufe.

Als Nachfolger auf dem Thron wurde von den Großen des Landes Muanga, der siebzehnjährige Sohn Mtesas, gewählt. Von seinem Vater hatte Muanga wohl die Fehler, aber nicht die Vorzüge geerbt. Er besaß dessen grenzenlose Eitelkeit ohne seine Intelligenz und war trotz seiner Jugend und seiner Bekanntschaft mit der Mission und Gottes Wort schon ein Meister in allen heidnischen Lastern. Seinen Brüdern und den Ministern des Vaters ließ er gegen die Landessitte das Leben, aber den Missionaren machte er bald das Leben schwer. Er war ein Spielball der fremden- und christusfeindlichen Parteien am Hofe und schwankte wie ein Rohr hin und her in seinen Meinungen und Handlungen. Eine seiner ersten »königlichen« Handlungen war, daß er die katholische Gegenmission, welche dem Lande den Rücken gekehrt hatte, wieder zurückrief.

Um recht zu verstehen, was nun folgt, müssen wir im Auge behalten, daß damals die Zeit der kolonialen Erwerbungen an der Ostküste war, wo die Deutschen einen Landstrich nach dem anderen in Besitz nahmen und die Engländer ebenso taten. Der alte Argwohn und die alte Furcht von der Eroberung des Landes durch die Weißen lebte dadurch neu auf und setzte sich besonders in Muangas engbegrenztem Gehirn mit der Macht einer fixen Idee fest. Und die Missionare wurden mehr denn als je als Vorläufer und Spione feindlicher Überfälle und Eroberungen beargwöhnt und bewacht. Ihr Leben schwebte nun täglich in Gefahr.

Im Januar 1885 erbat sich Mackay vom König die Erlaubnis, nach Kagai zu reisen. Sie wurde ihm gewährt und zugleich angekündigt, daß ihn ein Araber begleiten solle. Das war verdächtig. Denn der Muselmann galt als Erzfeind Mackays. Trotzdem wurde aus der Begleitung nichts, und Mackay reiste mit Missionar Ashe und einigen bekehrten Wagandajungen ab. Auf dem Wege nach dem Hafen wurden sie in einem dichten Walde von einer bewaffneten, von jenem Araber befehligten Bande überfallen und zur Rückkehr gezwungen. Die Knaben aber wurden gefangen, mißhandelt und gefesselt zurücktransportiert. Mackay wandte sich in der Hauptstadt beschwerdeführend an den Kanzler, erhielt aber statt einer Genugtuung nur die Drohung, sie würden am nächsten Tage sämtlich aus dem Lande gejagt werden. Das auszuführen hatte der heuchlerische Katikiro glücklicherweise nicht den Mut, an den armen Wagandaknaben aber ließ er seinen ganzen Zorn aus. Die Missionare ahnten das Schlimmste und boten alles auf, ihre Lieblinge zu retten. Es half nichts. Sie wurden am 31. Januar 1885 in der Nähe der Stadt unter ausgesuchten Martern über langsamem Feuer geröstet und verbrannt. Aus den Flammen aber erscholl der Gesang: »=killa siku tansifu!=« (täglich, täglich loben wir Dich!). Die ersten Märtyrer Ugandas! Sie starben wie Helden mit Lobgesängen auf den Lippen und besiegelten ihren Glauben mit ihrem Blute. Es waren drei Knaben im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren.

Den Missionaren blutete das Herz, als sie hörten, was vorgefallen war. Sie stärkten sich aber durch den Glauben, daß die Pforten der Hölle die Gemeinde Christi nicht überwältigen können und arbeiteten in der Stille rüstig weiter. Den Unterricht erteilten sie geheim an verschiedenen Orten, um ihre Zöglinge, die gar nicht abgeschreckt waren, vor den Häschern zu schützen. Einige Zeit erfreuten sie sich der Ruhe, und es schien, als sollten bessere Tage wiederkehren. Der König versicherte Mackay, daß das Blutbad an den Christen nicht von ihm, sondern nur von dem Kanzler ausgegangen sei, und forderte den Missionar auf, ihn auf seiner üblichen Reise durchs Land zu begleiten. Auf dieser Reise befand sich außer Mackay auch der Pater Lourdel als Vertreter der katholischen Mission im Gefolge des Königs. Ugandas Könige liebten es, durch ein aus allerlei Nationalitäten zusammengesetztes Gefolge den Untertanen zu imponieren.