Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay
Part 3
Den vom Komitee in London gewünschten, aber unzeitgemäßen Wegebau führte er mit vierzig Arbeitern, die zu allem erst mühsam angelernt werden mußten, in hundert Tagen unter vielen Schwierigkeiten aus. »Man stelle sich einen Wald voll hoher, schlanker Bäume vor, die durch ein dichtes Gewebe dorniger Schlingpflanzen verbunden sind und unten solch undurchdringliches Gestrüpp haben, daß kaum eine Katze durchkriechen kann; alles verzweigt, zugewachsen und verworren.« Durch dieses Gestrüpp mußte er sich einen Weg bahnen, überall breit genug, daß die größten Ochsenwagen sich ausweichen konnten. Die Vorüberziehenden sperrten Mund und Augen weit auf ob der »=njia kubwa=«, der großen Straße des weißen Mannes, und erzählten überall mit negerhafter Übertreibung von dem geschauten Wunder. Der Häuptling eines Dorfes, in dessen Nähe Mackay eine Brücke schlug, erklärte ihm mit soviel Würde, als sein schmutziges Gesicht nur zuließ, er wolle hundert Dollar dafür haben, daß ihm seine Bäume niedergeschlagen würden. Mackay setzte ihm darauf auseinander, daß der Herr Häuptling hundert Dollar für die Brücke zahlen solle, die er später doch als sein Eigentum betrachten und von der er sicher ein hohes Brückengeld von den Karawanen erheben würde.
Mit den Häuptlingen im Umkreise schloß er Freundschaft, und alle erkannten ihn als »Bruder« an. Das will in Afrika viel besagen und ist von großem Nutzen für die Sicherheit des Lebens und des Eigentums. Stanley war der »Bruder« von Mtesa und Miramba. Das brachte ihm viel Vorteil im ganzen Land.
Besondere Schwierigkeiten machten Mackay die Ochsenwagen. Vor einen Karren mußten 26 Ochsen gespannt werden, um ihn durch alle die Löcher fortzubringen. Die Leute verstanden nichts vom Fahren und die Ochsen erst recht nicht. Bald waren Bäume angefahren, bald lag die Karre in einem Loche. »Es ist zum Verzweifeln,« schreibt er, »wenn man einen Fluß überschreiten will und ein Ochs legt sich, ein anderer reißt sich los und läuft davon, andere kehren statt des Schwanzes die Hörner nach dem Wagen --.« Tagebuch und Briefe schrieb er abends auf dem Boden beim Schein eines trüben Schiffslaternchens, gequält von den Moskitos und umheult von Raubtieren, die es auf Ochsenbraten abgesehen hatten. Neben der Feder mußte er immer das Repetiergewehr für diesen ungebetenen Besuch bereitliegen haben.
Der Straßenbau war 230 englische Meilen weit gediehen. Da hörte Mackay, daß Leutnant Smith und O'Neill ermordet seien und Mtesa beabsichtige, zur Züchtigung des Häuptlings Lukonge eine Flotte von tausend Kanus hinzusenden. Diese Rache konnte das Unglück nicht ungeschehen machen, aber der Mission viel schaden. So schnell als möglich eilte daher unser Held vorwärts an die Stätte des Unglücks, um alle, die dem Häuptlinge Rache geschworen, zu besänftigen und weiteres Blutvergießen zu verhindern.
Der Eilmarsch dauerte ein ganzes Vierteljahr, von März bis Juni 1878. Es ging oft durch riesenhafte Landstriche, die von erbarmungslosen Sklavenhändlern verheert waren. Die Erlebnisse Mackays würden Bände füllen, hätte er Zeit und Lust gefunden, alles niederzuschreiben. Nur einiges konnte er aufzeichnen und nach Hause berichten. Ein großer Häuptling verweigert ihm aus Furcht für sein kostbares Leben das Nachtquartier, aber ein kleiner teilt mit ihm die schmutzige Hütte, die zugleich Kuh- und Schafstall ist. Da kommt ein Streifzug der Wahehe, führt einen Kriegstanz vor der Hütte auf und verlangt einen Ochsen, den sie sofort erhalten. An Mackays Warenbündel zeigen sie ein besonderes Interesse, sind aber schließlich mit einer Elle Zeug zufrieden. Dann kam der Abschiedsgruß. Mackay saß auf dem Boden, neben sich die doppelläufige Flinte, die er aber nicht anrühren durfte. Er regte kein Glied, als sie mit eingelegten Speeren auf ihn losstürzten und hinter den großen bemalten Schilden aus Fellen einen Halbkreis um ihn schlossen. Einen Augenblick verharrten sie in dieser Stellung, dann senkten sie die Schilde und verneigten sich höflich. Hätte Mackay nur einmal nach seinem Gewehr gegriffen, wäre aus diesem Waffenspiel ein grausiger Ernst geworden.
Ein strömender Regen ging in der Nacht nieder, drang durchs Dach und machte die Hütte voll flüssigen Dunges. Über die Verpflegung während dieses Marsches schreibt er: »Ich bekomme jetzt einen dicken Brei von =mwere= und manchmal von =mtama=, das etwas besser ist zu essen, da die Diebe an meinem kleinen Vorrat von Zwieback Gefallen fanden. =Mwere= schmeckt wie Sägemehl und Asche, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran und würde es schließlich ganz genießbar finden, wenn nicht unter dem Mehl soviel Sand wäre. Tag für Tag auf die Nahrung angewiesen, die hier zu kaufen ist, lernt man so recht beten: ›Unser täglich Brot gib uns heute!‹ Oft bekommt man außer dem Korn noch ein Huhn. Aber schlimm ist es doch, nach dem ermüdeten Tagesmarsche sich erst etwas zum Essen auftreiben und dann warten zu müssen, bis das Korn zerstoßen und gekocht ist. Holz zur Feurung ist auch nur mit Mühe zu bekommen, und Trinkwasser, wenn man es so nennen darf, muß ebenfalls weit hergeholt werden. Frühstück und Mittagessen fallen da meistens zusammen. Da diese Mahlzeit erst gegen Abend zu bekommen ist, dient sie zugleich als Abendbrot. Aber wie im Psalm 104 geschrieben steht: ›die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise suchen von Gott‹, so wahr ist es, daß ich nie Mangel hatte und sicher nie haben werde.«
Endlich erblickte er »den silberschimmernden See« und rief mit Inbrunst wie einst die Griechen des Anabasis: »Das Meer, das Meer!« Am 13. Juni erreichte er das Dorf Kagai am Südufer des Niansa, aber noch ein halbes Jahr sollte vergehen, ehe er seinen Fuß auf das jenseitige Ufer des Riesensees setzen und in Uganda Einzug halten konnte.
In einer großen, von dem Häuptling des Orts entliehenen Hütte, befand sich alles, was von dem wertvollen Eigentum der ihm vorausgegangenen Expeditionen noch übrig war. Die fürchterlichste Unordnung herrschte hier. Bücher, Muscheln, Gießformen, Papier, Angeln, allerlei Handelsartikel, Drucklettern, Zeltstangen, Patronen, Karbol, Sägen, Samen, Koffer, Konserven, Pumpen, Pflüge, Maschinenteile -- alles durcheinander. Verzweifelt starrte Mackay nach der anstrengenden Reise auf diese Bescherung. Das Boot »Daisy«, welches in einzelnen Teilen auf den Köpfen der Träger den Weg von der Küste zum See gemacht hatte und von O'Neill zusammengesetzt worden war, lag in traurigster Verfassung da. Die heißen Strahlen der Tropensonne, die weißen Ameisen und Zähne der Flußpferde hatten ihm arg zugesetzt. Mehrere Wochen hatte Mackay vollauf zu tun, um einigermaßen Ordnung in dies Durcheinander zu bringen und das Boot flott zu machen.
Mit den Eingeborenen lebte er bald auf freundschaftlichem Fuße. Ihre Sprache ist mit der suahelischen, die Mackay bereits erlernt hatte, ziemlich verwandt. Er konnte sich also mit ihnen unterhalten und, dem Drange seines Herzens folgend, etwas von Gott und dem Heiland erzählen. Kam der Sonntag und die Arbeit ruhte, so fragten alle: Warum? Dann zeigte er seine Bibel, setzte ihnen auseinander, daß dies Buch Gottes Wort sei und Gott den Ruhetag eingesetzt hat. Viele zeigten Lust, lesen zu lernen, um selbst hören zu können, was Gott in diesem Buche für sie geschrieben hat.
Die missionarische Tätigkeit machte Mackay besondere Freude, offenbarte ihm aber auch die große Schwierigkeit derselben und die Notwendigkeit langer, gründlicher Pionierarbeit unter dem tief umnachteten Volk.
Siebentes Kapitel.
Blutsbrüderschaft mit dem Ukerewekönig Lukonge.
Etwas nördlich von dem Karawanenort Kagai liegt die Insel Ukerewe. Ihr König ist der berüchtigte Lukonge, welcher vor drei Monaten die beiden Missionare erschlagen ließ. Zu einem Rachekrieg der arabischen Händler für den ermordeten Songoro war es dank ihrer Feigheit noch nicht gekommen. Als Mackay den Arabern sagte, er sei nicht als Rächer der Bluttat, sondern als ein Bote Christi gekommen, der nicht wie Mohammed die Schuld räche, sondern vergebe, waren sie aufs höchste überrascht.
Dem Häuptling (oder König) von Ukerewe sandte er Botschaft, daß er ihn sehen wolle, aber aus friedlicher Absicht. Die Bewohner von Kagai waren über Mackays Vorhaben sehr bestürzt und überzeugt, daß er nie wiederkehre. Er aber stärkte sich in seinem Gott wie David in Ziklag und bestand darauf, Lukonge zu besuchen, wenn derselbe es wünsche.
Nach einer Woche landete ein Kanu mit einer Gesandtschaft vom Ukerewefürsten, um Mackay zum Besuch ihres Gebieters abzuholen. Er hatte sich entschlossen, um jeden Verdacht auszuschalten, allein und ohne Waffen mitzufahren. Gleichwohl prüfte er die Gesinnung der Gesandtschaft, indem er verlangte, daß drei von ihnen als Geiseln in Kagai zurückblieben. Nach einigem Zögern willigten sie ein. Nun wußte Mackay, daß sie nichts Böses im Schilde führten und verzichtete zu aller Erstaunen auf die Geiseln. Mackay bestellte sein Haus für alle Fälle, steckte Chinin und Pulver gegen Fieber und Ruhr, sowie einige Mittel als Gegengift ein, da Lukonge als Giftmischer berüchtigt war, und trat nur in Begleitung eines Dolmetschers die Reise an.
In zwei Tagen kam das Boot ans Ziel. Nach einer kurzen Rast hatte er die erste Audienz. Lukonge saß in seiner Baraza, einer nach vorn offenen Hütte. Sein Thron bestand aus einem Holzschemel mit einem Bein. Um ihn her kauerten die Höflinge im Sand. Seine Majestät ging dem Missionar entgegen, gab ihm die Hand und setzte sich wieder mit großer Würde. Er trug mit sichtbarem Stolze ein Gewehrfutteral, das jedenfalls einem der ermordeten Missionare gehörte. Zur Feier des Ereignisses hatte er noch ein rotes Taschentuch als Kopfschmuck verwandt. An Armen und Beinen glänzten viele Ringe aus Eisen und Messing.
Die erste Audienz war der Sitte gemäß sehr kurz. Am folgenden Tage machte der König seinen Gegenbesuch in Begleitung seiner Häuptlinge. Dabei erzählte er Mackay die Geschichte von dem Unglück. Er habe nicht die weißen Männer töten, sondern nur den Araber Songoro, der ihm aus der Schuldhaft entlaufen sei, für seine Verräterei züchtigen wollen. Der Araber sei aber zu den Weißen gelaufen, die von ihm ein Boot gekauft hatten, und habe sie bewogen, ihn mit ihren Waffen zu schützen. O'Neill habe zehn seiner Leute erschossen und dreißig schwer verwundet. Als dem Araber und den Weißen die Munition ausging, hätten sie auf einem Kahn fliehen wollen; der Kahn sei aber verschwunden gewesen und ein weiterer Ausweg nicht vorhanden. Seine Leute wären sehr erbittert gewesen und hätten alle, den Araber mit zwanzig seiner Leute und leider auch die beiden Weißen, niedergemacht.
Mackay, der die Schwerverwundeten noch sah, erkannte, daß die Boten des Kreuzes durch die Rache eines Heiden für die Falschheit eines Muselmannes, der sich unter ihren Schutz stellte, das Leben verloren haben, weil sie leider ihre Waffen gebrauchten, um einen anderen zu verteidigen. Er ließ Lukonge wissen, daß er ihm glaube und das Vorgefallene bereue. Nun sei er aber gekommen, um Frieden zu machen. Er wisse noch nicht, was die mächtige Königin Viktoria, die mehr Soldaten habe, als Lukonge zählen könne, als Rache für ihre Söhne tun werde, er wolle aber bemüht sein, die Sache zu schlichten, wenn Lukonge bereit sei, Missionare auf seine Insel zu lassen, damit sie sein Volk lehren können.
Der schwarze König lachte über die Idee, als gäbe es einen mächtigeren Herrscher als ihn, und erwiderte, seine Leute hätten Furcht vor den Weißen. Nun lachte Mackay, daß die Leute des großen Königs von Ukerewe sich vor drei weißen Männern fürchten, wenn sie als Missionare kommen. Schließlich erhielt er die nachgesuchte Erlaubnis. Es sollten aber nicht so viele Lehrer kommen, fügte Lukonge noch hinzu.
Vor der Abreise trug Lukonge Mackay die Blutsbrüderschaft an, was dieser dankbar annahm. Unter feierlichem Zeremoniell wurde der Bund geschlossen. In einem Kreis von Zuschauern stand eine Ziege. Lukonge erfaßte ihre Vorderbeine und Mackay die Hinterbeine. Dann erklärte ein Dritter, daß dies das Siegel eines ewigen Bruderbundes sei, und schnitt mit scharfem Messer die Ziege in zwei Stücke. Hierauf erhoben alle Anwesenden unter Johlen ihre Hände gen Himmel, und die Sache war beendet. Als Gegengeschenk für die königliche Huld überreichte Mackay seinem nunmehrigen »Bruder« einen Schlafrock. Unter Freundschaftsbeteurungen aller Art wurde der Gast verabschiedet. Nach neuntägiger Abwesenheit landete er sicher und fröhlich wieder in Kagai.
Beim Landen wurde er vom wilden Freudengeheul der Eingeborenen begrüßt. Die Frauen tanzten wie toll auf dem Strande herum. Eine Tochter des Häuptlings Kaduma hatte sich dazu mit einer Last von Perlen behangen. Der alte Häuptling Kaduma aber zeichnete den Tag leider dadurch aus, daß er noch mehr Pombe (eine Art Bier) trank als sonst. Zu Mackays Leidwesen endete die Freudenfeier -- echt europäisch -- mit total betrunkenen Leuten. Auf seinem bisherigen Wege hatte er immer wieder Gelegenheit zu sehen, daß die Trunksucht der Fluch Afrikas ist. War genug Bier da, sah man nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder betrunken stehen und liegen. Mackay wurde dadurch ein Abstinent. Er äußerte, daß die Enthaltsamkeit das Geheimnis zur Erhaltung der Gesundheit in den Tropen sei und die erste Bedingung der Zivilisation in Afrika. »Die Westküste ist dem Rum zum Opfer gefallen; die Kaffern im Süden leiden ebenfalls daran; auf der Ostküste in Sansibar wird aus Zuckerrohr ein scheußlicher Trank gebraut, der überall an der Küste zum Ruin des Suahelistammes verzapft wird. Die Wanika bohren den Kokosnußbaum an und saugen mit Strohhalmen den Saft. Fast jedes Dorf gleicht morgens schon einem Saufgelage. Im Inneren wird das Getreide zu berauschendem Getränk verwandt. Am Niansa bereiten sie aus Pisang einen Wein, der König und Volk mit den Banden der Trunksucht umschlingt.«
Achtes Kapitel.
Ankunft in Uganda.
Aus der heiligen Geschichte wissen wir, daß der Nil durch seine Überschwemmungen mit fettem Tonschlamm den Boden Ägyptens befruchtet und so der Schöpfer und Erhalter der Fruchtbarkeit jenes Landes ist. Wir befinden uns, wie wir früher schon hörten, jetzt mit Mackay in dem interessanten Quellgebiet des mächtigen Nilstromes oder, wie die Geologen sich ausdrücken: »im Seengebiet der Nilquelle«. Das Steigen und Fallen des Wassers im Viktoria Niansa entscheidet eigentlich über den Verlauf der Ernten in Ägypten. Mackay gibt in seinen geistreichen Briefen auch eine beachtenswerte Erklärung über die sieben fetten und mageren Jahre zur Zeit Josephs. Nach seiner Ansicht bildete die im Süden des Niansa liegende Landschaft Usukuma mit diesem See zusammen früher ein großes Binnenmeer. Da habe sich eines Tages das Bett des heutigen Niansa gesenkt, der große See floß allmählich aus, und die abfließenden Wasser riefen die sieben fetten Jahre in Ägypten hervor. Der riesige Wasserbehälter schrumpfte dann in den See zusammen, den wir heute Viktoria Niansa nennen. Kein Wunder, daß nun die stark verminderten Wasserzuflüsse durch die Ripponfälle (Somersetnil) die Hungersnot in dem Kornlande zur Folge hatten. Nach und nach wurde das durch den Seeausfluß hervorgetretene Land Usukuma von Regengüssen getränkt, der Überfluß an Wasser strömte in den See und von da in den Nilstrom. Dadurch wurde nach sieben Jahren das Gleichgewicht wiederhergestellt, und jetzt steigt und fällt der Nil alljährlich wie in alter Zeit.
Als Mackay diese lehrreichen Beobachtungen machte, kam der in Rubaga stationierte Pastor Wilson nach Kagai, um seinen Mitarbeiter abzuholen. So rasch ging es aber noch nicht mit der Abreise. Mackay mußte sich erst noch von einem heftigen Fieberanfall erholen. Dann wurde das Boot noch einmal nachrepariert. Endlich schlug die Stunde der Abfahrt nach Uganda. Vier Tage lang hatten sie gute Fahrt. Dann warf ein Sturm die »Daisy« an das Gestade von Nsougora. Mit Mühe und Not konnten die Missionare sich und ihre wertvolle Habe retten. Die herbeigeeilten Eingeborenen blickten neidisch auf das Gepäck der Schiffbrüchigen, weigerten sich aber hartnäckig, ihnen in den Bemühungen um das Boot beizustehen. Die unbarmherzigen Wellen rissen schnell das ganze Fahrzeug auseinander. Um es einigermaßen wiederherzustellen, bedurfte es acht Wochen angestrengter Arbeit. Mackay sagt, es sei so gewesen, als wenn man aus einem Stiefel einen Pantoffel zu machen sucht. Sie rafften die Trümmer zusammen, ließen in der Mitte etwa acht Fuß wegfallen, setzten zusammen, was vom Vorder- und Hinterteil geblieben war, und flickten es mit dem aus der Mitte gefallenen Holze wieder aus. Dann stachen sie aufs neue in See und setzten mutig ihre Reise fort.
Aus einer Zeitung erfuhr Mackay, daß Stanley früher an demselben Orte gestrandet war und mit knapper Not der Niedermetzelung entging. Ein Glück, daß er sich nachher nicht rachsüchtig zeigte. Hätte er nachträglich auch nur einen Schuß auf sie abgegeben, so hätten sie sich jetzt jedenfalls an diesen weißen Schiffbrüchigen gerächt. Aber Gott hat in Seiner Güte und Vorsehung über Seinen Boten gewacht und sie nach vielen Erfahrungen Seiner leitenden Liebe und helfenden Treue endlich an das Ziel ihrer Reise gebracht.
Am 6. November 1878 zogen sie in Rubaga, der Hauptstadt Ugandas, ein. Nach zweieinhalbjährigem Reisen und Harren hatte unser Held seinen Kampfplatz erreicht, auf dem er zwölf Jahre ununterbrochen bleiben, leiden, streiten und schließlich sterben sollte.
Von Mtesa und seinen Häuptlingen wurde Mackay glänzend empfangen. Der König liebte es, sich mit dem Pomp und Glanz eines morgenländischen Herrschers zu umgeben. Die Missionare wurden von weißgekleideten Pagen den Königsberg hinaufgeleitet. Dort lag der »Palast«, ein langes, hohes Gebäude aus Rohr und Gras. In den Höfen standen Soldaten mit Uniformen, in der großen Empfangshalle saßen und standen die Großen des Landes. Im Hintergrunde thronte die schwarze Majestät auf einem weißen Lehnstuhl. Vor ihm war ein Leopardenfell, das Zeichen königlicher Würde, ausgebreitet. Huldvoll wird Mackay begrüßt, dankbar werden seine Geschenke entgegengenommen. Dann läßt der König einen Freudenwirbel trommeln. Alle Häuptlinge nicken taktmäßig mit dem Kopfe, klatschen in die Hände und rufen: »=njausig, njausig!=« (danke, danke!). »Das ist für den Namen Jesu,« erklärte der König herablassend, und der erste Empfang war beendet. Abends sandte Mtesa seine Gegengeschenke: zehn Ochsen, Tabak, Kaffee und Honig.
Von ihrem Lande und ihrer Größe haben König und Volk hohe Begriffe. Sie halten sich für das mächtigste Reich der Welt. Mtesa versicherte Mackay großmütig: »Wenn England nicht mit mir Streit sucht, ich werde nie Händel mit ihm anfangen.« Ein König, der nichts als die Schmeichelei seiner Höflinge kennt, deren Leben er ganz in seiner Gewalt hat, ist selbstverständlich schwer zu behandeln. Die Missionare gebrauchten hier viel Schlangenklugheit und Taubeneinfalt, um das Wort der Wahrheit recht zu teilen.
Aus Unvorsichtigkeit hätte sich Mackay im ersten Monat beinahe selbst vergiftet. Er sammelte Rizinussamen und aß etwa ein halbes Dutzend der Körner. Heimgekehrt, las er in seinem medizinischen Ratgeber, daß die Körner Gift enthalten und drei genügen, den Tod herbeizuführen. Mackay nahm Gegengift, befahl sich, die Seinen und sein Werk dem Herrn und legte sich hin zum Sterben. Nach sechs Tagen aber konnte er wieder, wenn auch zum Skelett abgemagert, an den königlichen Hof gehen. Der Herr hatte Seinen Diener gerettet, wie Er Mark. 16 zugesagt hat.
Am Hofe wurde die Suahelisprache fast allgemein verstanden. Mackay hatte diese Sprache schon unterwegs erlernt und besaß viele Teile der Bibel in Suahelisch. So konnte er dem König und seinem Hofe oft daraus vorlesen und sonntäglich Gottesdienst halten. Durch Stanley war der König ja der Form nach für das Christentum gewonnen. Das Volk zeigte regen Eifer zum Lernen. Viele drängten sich zum Unterricht, lernten lesen und studierten dann die übersetzten Teile der Heiligen Schrift. Anfang des Jahres 1879 erließ der König ein Gesetz, das den Sklavenhandel und die Sonntagsarbeit in Uganda verbot. Wenn es auch unmöglich war, diese Gesetze durchzuführen, so sind sie doch ein Beweis, daß die Missionare bereits in hohem Ansehen standen und großen Einfluß ausübten. Mackay durfte die Baraza, die Ratsversammlung, besuchen, in der die öffentlichen Angelegenheiten besprochen wurden, und war bald die wichtigste Persönlichkeit in Uganda.
Neuntes Kapitel.
Ein Meister in allerlei Erz- und Eisenwerken.
Stanley schreibt irgendwo: »Der praktische Christ -- einer, der Gottes Wort lehrt, Krankheiten heilt, Häuser baut, den Ackerbau versteht, kurz, alles tun kann -- ist hier vonnöten. Wenn ein solcher hierher käme, würde er zum Heile Afrikas werden.« Ein solcher Christ war Mackay im besten Sinne des Wortes. Er sagt selbst einmal, als er enttäuscht den Unstern beklagt, der über der Sendung von Handwerkern nach Uganda schwebte, und nach einem Gehilfen seufzte: »So muß ich denn fortfahren wie bisher: bald mit dem Buche in der Hand, bald mit Hammer und Zange.« Seine steigende Beliebtheit beim Volke und bei Hofe verdankte er zunächst dem Umstande, daß er ein Tausendkünstler war. Seine in der Nähe des Palastes errichtete Schmiedewerkstatt und Schlosserei mit Esse, Amboß, Drehbank, Schraubstock, Schleifstein und allen anderen Werkzeugen wurde von Großen und Kleinen umlagert und viel bewundert. Mackay war für sie ein Mann, der alles konnte. Eine Grenze für sein Können gab es nach ihrer Ansicht nur in seinem Willen, nicht in seiner Macht und Geschicklichkeit. Darum eilten sie mit ihren großen und kleinen Leiden, mit ihren kindischen Wünschen und heidnischen Erwartungen zu ihm und waren ärgerlich, wenn er ihnen nicht nach Wunsch half.
Vom König und seinem Hofe wurden Mackays Talente vielfach und oft ungebührlich in Anspruch genommen. Seine Bereitwilligkeit, innerhalb der Grenzen des Gewissens sich den königlichen Launen zu fügen, Flinten und dergleichen Dinge zu reparieren, hat der Mission gute Dienste getan und manchen Sturm verhindert. Die Existenz des Werkes hing doch immerhin von der Gunst des Hofes ab. Mackay ließ sich's nicht verdrießen, den König in die Geheimnisse der Eisenbahn, der Elektrizität und der Sternkunde einzuweihen, weil ihm dies stets Gelegenheit schaffte, Gunst und Vorteile für die Mission zu erzielen. Als Namosali, die Königinmutter, starb, mußte Mackay aus zahlreichen Geräten, die man ihm lieferte, einen kupfernen Sarg herstellen. Das Begräbnis sollte echt königlich sein. Der Kupfersarg wurde über und über mit wertvollem Tuch umwickelt und dann in eine Gruft gesenkt, die verschwenderisch mit Tuch ausgebettet war. Es soll für dreißigtausend Mark Zeug und Tuch verbraucht worden sein. Später, als Mtesa das Zeitliche gesegnet hatte, mußte Mackay für das »Mausoleum«, eine kolossale Hütte von vierzig Fuß Höhe, einen Blitzableiter liefern. Die Errichtung eines Flaggenmastes auf dem »Schloß« des neuen Königs nahm ihn einen ganzen Monat in Anspruch. Bald darauf zerstörte ihn eine Feuersbrunst. »So ist meine ganze Arbeit dahin, aber nicht verloren,« schreibt Mackay, »denn ich glaube, sie ist der Mission zum Nutzen gewesen. So unlieb es mir ist, meine Zeit mit solchen Kindereien zu vergeuden, sehe ich doch die darauf verwandte Zeit nicht für verloren an, wenn es dazu beiträgt, Vorurteile zu zerstreuen und die Herren günstig zu stimmen.«