Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

Part 2

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Schon durch Spekes treffliche Reisebeschreibungen wurde die Aufmersamkeit auf den herrlichen Viktoriasee und seine bevölkerten Uferländer gelenkt und Uganda am Nordufer als das schönste und mächtigste Reich im Inneren bezeichnet. Die Missionsstationen, welche heute so zahlreich im Seengebiet der Nilquelle sich finden, sind das Denkmal des Missionars Livingstone, des Königs unter den Entdeckern, der, von Süden kommend, bis zum Nordende des Tanganjika vordrang. Den äußeren Anstoß zur Ugandamission aber gab der kühne Amerikaner Stanley, der sich aufgemacht hatte, den verschollenen Livingstone zu suchen und ihn zur Freude der zivilisierten Welt in Udschidschi am Ufer des langgestreckten Sees Tanganjika auffand. Der Amerikaner wurde durch den Engländer bei dieser Gelegenheit für die Interessen der Mission gewonnen. Stanley weihte sich der Fortsetzung des Livingstoneschen Werkes, Afrika für die christliche Kultur und Predigt zu erschließen und den furchtbaren Sklavenhandel abzuschaffen. Nach Livingstones Tode -- er starb auf den Knien betend 1873 in Tschitambo im Inneren Afrikas -- trat Stanley seine erste große Reise durch den dunkeln Weltteil an, welche den Lauf des Kongo festlegte. Auf dieser Tour hielt er sich einige Monate bei dem König Mtesa von Uganda auf und schrieb von hier aus jenen enthusiastischen Brief an die englischen Christen, der die bekannte elektrisierende Wirkung ausübte und zur Gründung der Mission in Uganda führte.

Das Königreich Uganda, dessen Einwohner auf eine Million geschätzt wurden, machte auf alle Entdeckungsreisende äußerlich den besten Eindruck. Das Land ist bergig und schön gelegen, der Boden fruchtbar und birgt Eisen, Kristall und Töpfererde. Die Täler werden von Sümpfen und Mooren durchzogen, in denen sich Elefanten und Büffel aufhalten. Produkte sind Kaffee, Tabak, Zuckerrohr, Mais, Bohnen und Bananen von vorzüglicher Qualität. Das ganze Gebiet ist ein Bananenwald.

Die Einwohner heißen Waganda. Sie unterscheiden sich vorteilhaft von anderen Völkern des Nilquellengebiets durch Reinlichkeit, zureichende Bekleidung aus Pflanzenstoff oder Fellen und durch den Mangel jeglicher Tätowierung oder Verstümmelung des Körpers. Sie wohnen in sorgfältig gebauten, kegelförmigen Grashütten, die sie sehr schnell herstellen können. Stanley sah am Viktoriasee Mtesas Armee in 30000 rasch gebauten Hütten lagern. Ihre primitiven Hausgeräte, ihre Bänder, Schnüre und Werkzeuge verraten industriellen Sinn. Die Männer beschäftigen sich mit Hüttenbau, Kriegführen und Jagen. Den Frauen überlassen sie Ackerbau und Viehzucht. Hauptnahrungsmittel sind Bananen und süße Kartoffeln. Der Kaffee wird nicht gekocht, sondern als Delikatesse gekaut. Wer da weiß, was sich in Uganda schickt, der hat stets Kaffeebohnen bei sich, um sie Freunden anzubieten. Aus den Bananen bereiten sie verschiedene Sorten Wein in großen Mengen. Die Waganda sind Helden im Saufen und Fressen. Einem Reisenden zeigte man einen Mann, der eine ganze Ziege auf einen Sitz verzehren konnte. Bei Festlichkeiten saufen sie den leichten Wein aus Trögen wie das liebe Vieh. Schnupfen und Tabakkauen überlassen die Frauen den Männern. Im Rauchen aber geben sie ihnen nichts nach.

An Waffen haben sie Schild, Speer, Bogen und vergiftete Pfeile. Jeder Mann, der die Waffen führen kann, ist Soldat. Ertönt die Kriegstrommel, dann entledigen sie sich der Kleider bis auf ein Lendentuch, bemalen das Gesicht und eilen mit den Waffen zum Sammelplatz. Die Jugend übt sich in Spiel und Wettkampf. Der Geselligkeit dienen Musik, Gesang und Tanz. Sie haben ein verhältnismäßig gutes Zahlensystem.

Die Regierungsform ist ein eingeschränktes Königtum. Dem König stehen drei Oberhäuptlinge zur Seite, die einen bedeutenden Einfluß auf die Regierung besitzen. Trotzdem verfügt der König noch über eine große Macht, z. B. über Leben und Tod sämtlicher Untertanen. Für die Masse des Volks ist er unnahbar. Seine ständigen Begleiter sind der erste Beamte des Reichs (der Katikiro), der Hofkoch und der Hofbräuer. Diese drei bilden mit vier anderen Häuptlingen den sogenannten Luchiko (Hohen Rat). Am Hofe herrscht ein übertriebenes, unwahres Zeremoniell. Fremde werden stets mit großem Pomp empfangen. Seine Majestät sitzt dann auf seinem Thron, umkauert von Hofschranzen und Zauberern aller Art. Als der englische Forschungsreisende Speke Audienz hatte, saß er, unfähig, sich zu unterhalten, etwa eine Stunde stumm vor dem König, gaffend und begafft, bis Mtesa sich mit der Frage erhob, ob er ihn nun gesehen habe. Dann entfernte er sich mit einem nach außen gespreizten Gang. Das soll dem Löwen abgesehen sein und in Uganda als majestätisch gelten. An Zauberei ist soviel vorhanden, daß der König stets in einer Wolke von abergläubischem Unsinn wandelt und handelt.

Die Gerichtsbarkeit üben die Häuptlinge. In besonderen Fällen entscheiden die Hofbeamten oder der König. Auf Ehebruch steht Todesstrafe. Mord wird gewöhnlich durch Geldstrafen, Diebstahl durch Verlust der Hände oder Ohren oder Nase gesühnt. Mtesa hält ein Heer von Scharfrichtern, die am fantastischen Kopfputz erkenntlich und sehr gefürchtet sind. Der Kontrast zwischen ihrem grausigen Treiben und der friedlichen Natur wird von einem Reisenden auf dem Wege von der Hauptstadt Rubaga nach dem Viktoria Niansa sehr scharf gezeichnet. »Wie durch einen Garten wandeln wir durch Bananenwälder und Hütten dahin. Beständig wechseln künstliche und natürliche Gärten. Ein schönes und gesegnetes Land mit seinem roten Boden, seinen grünen Gärten, seinen luftigen Bergen, seinen lauschigen und dunkeln Tälern. Verschwenderisch hat die Natur ihre Reize gespendet, und nur der Mensch stört die Harmonie des Bildes. Kadaver mitten auf dem Wege zwingen uns, auszuweichen. Rauschenden Fluges verlassen die Geier eine grausige Mahlzeit. Vier Leichen liegen da; alt und jung hat sie der Henker hier zusammengerafft, dem einen die Kehle bis zur Wirbelsäule durchschneidend, dem anderen mit wuchtigem Hiebe den Hinterkopf zerschmetternd. Und täglich und stündlich ziehen an ihnen die Leute vorüber, vielleicht bald selbst ähnlichem Geschick verfallend.«

Zur Grausamkeit gesellt sich eine große Sittenlosigkeit, eine Folge der Vielweiberei. Der König hat etwa 7000 sogenannte Frauen. Die Großen seines Reiches tun es ihm nach, und in den niederen Klassen herrscht ein empfindlicher Mangel an Frauen.

Über die Religion der Waganda sei zum besseren Verständnis der folgenden Kapitel hier auch einiges vorausgeschickt. Sie glauben an ein höchstes Wesen, das Welt und Menschen schuf und das sie Katonda nennen, d. h. Schöpfer. Da er aber zu erhaben ist, um sich um Menschen zu kümmern, leisten sie ihm keine Verehrung, sondern nur den niederen Göttern oder Dämonen, die sie Lubare nennen. Diese Dämonen lassen sich an bestimmten Orten nieder und beherrschen bestimmte Gegenden und Dinge. Der gefürchtetste Lubare ist Mukasa, der Gott des Niansa, der wie eine Art Neptun im Wasser lebt, den See beherrscht und auf Uganda großen Einfluß hat. Von Zeit zu Zeit zieht er aber vor, in irgend einer Person zu wohnen, die sein Orakel wird, übernatürliche Kräfte besitzt, Kranke heilen, Regen machen, Krieg, Teurung und Seuchen bringen und weissagen kann und auf die Regierung, sowie auf das Volksgemüt einen furchtbaren Einfluß ausübt. Vor Antritt einer Reise wird diesem Geist ein Fruchtopfer geweiht und unter Gebet ins Wasser geworfen. Die Kriegsgötter Chikwuka und Neuda wohnen auf Bäumen. Ihnen bringt man schwarze Tiere zum Opfer, ehe es in den Krieg geht. Die Flußgötter begnügen sich meistens nur mit Menschenopfer. Die verstorbenen Könige werden ebenfalls als Götter betrachtet. Die über ihren Gräbern erbauten Hütten werden von Häuptlingen bewacht, gelten als Orakelstätten und sehen oft Menschenopfer. Eine Schar von Medizinmännern fabrizieren und verkaufen dem abergläubischen Volke, dessen Glaube wie überall im Heidentum in der Furcht vor bösen Geistern besteht, allerlei merkwürdig geformte Talismane gegen die bösen Mächte. Die mohammedanischen Händler, die sich schon vor sechzig Jahren im Lande angesiedelt haben, machten die ersten Bekehrungsversuche. Sie haben aber wenig Erfolg. Wohl nennt sich Mtesa einen Anhänger des Islam, unterwirft sich aber nicht der Beschneidung. Hundert Jünglinge, die sich diesem Ritus unterzogen, ließ der König einfach verbrennen.

Durch Handelsbeziehungen mit der Ostküste und Sansibar wurde die Suahelisprache eingeführt und viel neben der einheimischen angewandt, ein Umstand, der für Mackay und seine Kampfgenossen sehr wertvoll war.

Nachdem wir nun mit Uganda etwas bekannt geworden, werden wir mit viel größerem Interesse die Erstlingsschar der Streiter Christi auf ihrem Marsche nach diesem Felde begleiten.

Fünftes Kapitel.

Auf dem Marsche.

Wir haben Mackay verlassen, als er sich in Kottbus zur Rückreise nach England rüstete. Daß er sobald von der Missionsgesellschaft angenommen wurde, verdankte er u. a. auch der guten Empfehlung, die ihm sein väterlicher Freund in Berlin, der Hofprediger Baur, gab: »Ein Kind frommer Eltern, unermüdlich im Studium der Heiligen Schrift und von einem glühenden Verlangen beseelt, das Evangelium, dessen Kraft er an sich erfahren hat, auch anderen mitzuteilen, erscheint er mir als hervorragend geeignet für das Missionsfeld. Er ist selbstverleugnend im Lebensgenuß, bereit, anderen zu helfen, und ich kann mir gut vorstellen, daß er vermöge seiner selbstlosen Hingabe im Verein mit seinem klaren Verstand und entschiedenen Willen auch in schwierigen Lagen seinen Weg finden und nicht nur durch die Predigt des Wortes, sondern auch durch seine ganze Lebenshaltung einen wohltätigen Einfluß auf seine Umgebung ausüben wird.«

Im März 1876 ist er schon in London und rüstet sich zur Ausreise. Nach seinen persönlichen Angaben und unter seiner Aufsicht wird rasch ein zerlegbares Boot und ein zerlegbarer Dampfkessel zur Mitnahme gebaut. Dann galt es sich noch zu üben in allerlei Künsten, die auf dem Felde not sind, z. B. Impfen, Photographieren und Handhaben geographischer Instrumente. Dazu noch die tausenderlei Dinge, die eingekauft und mitgenommen sein wollten. Kaum nahm er sich Zeit, dem Vater und der Schwester Lebewohl zu sagen. Für weitere Verwandte oder Freunde war er in dieser Zeit überhaupt nicht zu haben.

Die Abordnung und Aussendung der ersten Ugandamissionare fand in London am 25. April 1876 in aller Stille statt. Es waren acht junge, blühende Menschenleben, die sich hier auf den Altar Gottes legten, ein Pfarrer, ein Architekt, ein Beamter, ein Handwerker, ein Arzt, ein Kaufmann, ein Ingenieur und als Leiter der Expedition der frühere Leutnant Smith, welcher in Afrika gedient, dort die Leute liebgewonnen und nun keinen größeren Wunsch hatte, als ihnen das Evangelium zu predigen. Der Sitte gemäß sagte jeder Missionar bei der Feier ein Abschiedswort. Mackay kam als jüngster -- er war jetzt 26 Jahre alt -- zuletzt an die Reihe. Er schlug einen ernsten Ton an, als er sagte: »Eins haben meine lieben Brüder noch nicht gesagt, das möchte ich noch erwähnen. Ich möchte das Komitee daran erinnern, daß es binnen eines halben Jahres wahrscheinlich hören wird, daß einer von uns -- tot ist. Ja, ist es irgend wahrscheinlich, daß acht Engländer, die nach Zentralafrika gehen, nach sechs Monaten alle noch leben? Wenigstens einer von uns, vielleicht bin ich es, wird zuvor fallen. Aber was ich sagen möchte, ist dies: Wenn die Nachricht kommt, so werdet nicht mutlos, sondern sendet sogleich einen anderen für den erledigten Posten.«

Als später im Missionshause in London eine Todesnachricht nach der anderen aus Zentralafrika einlief, hat man sich dieser Abschiedsworte unseres Helden wohl erinnert. Nach Gottes unerforschlichem Ratschluß war er nach drei Jahren allein übriggeblieben von den Acht, die hoffnungsvoll hinauseilten, um die Hölle zu besiegen. Die anderen wurden zum Teil ermordet, zum Teil erlagen sie dem ungesunden Klima.

In Southampton, einer bedeutenden Hafenstadt an der Südküste Englands, verließ die mutige Streiterschar den heimatlichen Boden, begleitet von den heißen Gebetswünschen aller, die ein warmes Interesse für die Mission und ein Herz für Afrika hatten. Vor der Ausreise schrieb Mackay noch einmal seinem Vater. Der Brief spricht die Sprache des Mutes, der Zuversicht und des demütigen Glaubens: »Es ist ja Gottes Werk. Es muß gelingen, ob ich nun seine Vollendung erlebe oder nicht. Der Herr möge mir Gesundheit und Kraft verleihen und mich zu einer so herrlichen Arbeit wie die Ausbreitung Seines Reiches geschickt machen. Betet für mich, daß ich Gnade habe, dieses große Ziel allezeit vor Augen zu haben.«

Die Fahrt ging durchs Mittelländische und Rote Meer nach der Insel Sansibar. Seine Reiseeindrücke vertraute Mackay sorgfältig einem Tagebuche an, das er später bei dem ersten Unfall an der Ostküste Afrikas verlor. Es wurde aber am Strand aufgefunden und durch den Sultan von Sansibar wieder seinem Herrn zugestellt. Am ersten Sonntag auf dem Schiff empörte ihn das Verhalten einiger blasierter Männer, die den Gottesdienst im Salon nicht besuchten, sondern auf Deck blieben, um zu rauchen. Beim Anblick Spaniens bedauert er das arme Volk in dem herrlichen Land, dessen Lebensader durch die Regierung eines heruntergekommenen Fürstengeschlechts und durch Roms Einfluß ebensosehr unterbunden sei wie in Italien. Die Umrisse der Nordküste Afrikas lassen ihn daran gedenken, daß dieses Land Jahrhunderte hindurch ein dunkler Hort des Aberglaubens und menschlicher Grausamkeit ist; im Geiste aber sieht er über dem Lande Hams die Sonne der Gerechtigkeit mit Heil unter ihren Flügeln aufgehen. Gelobend ruft er aus: »Ich will mit der Hilfe und im Namen Gottes an den Ufern des Viktoria Niansa meine Druckerpresse aufstellen und nicht ruhen noch rasten, bis das Evangelium von Jesu in der Karagua- und Ugandasprache gedruckt ist und alle gelehrt werden können, die frohe Botschaft zu lesen und daran zu glauben!«

Die Insel Sansibar mit ihrer an der Westküste gelegenen gleichnamigen Hauptstadt ist der Ostküste Afrikas etwa vierzig Kilometer vorgelagert und bildet den Hauptstapelplatz und Verkehrsmittelpunkt für Ostafrika. Die Bevölkerung, welche etwa eine halbe Million zählt, stellt eine Mischung von Suaheli und Arabern dar. Der Religion nach gehören sie zum Islam. Der Sultan von Sansibar, damals noch unabhängiger Herrscher, stellte sich freundlich gegen die Expeditionen, die von Sansibar aus ins Innere gingen. Von hier aus brach Stanley mit zweihundert Trägern auf, als er Livingstone aufsuchte. 1873 schloß England mit dem Sultan einen Vertrag zur Unterdrückung des Sklavenhandels, der hier in besonderer Blüte stand. Dieses Abkommen wurde zuerst als ein großer Sieg gefeiert, erwies sich aber als toter Buchstabe. Der Strom des scheußlichen Menschenhandels wurde dadurch nicht verstopft, sondern nur in ein anderes Bett gelenkt.

Ende Mai 1876 landete Mackay mit seinen Genossen in Sansibar. Die eigentliche Reise sollte aber jetzt erst beginnen. Uganda liegt etwa tausend Kilometer von der Küste entfernt, etwa so weit wie Paris von Berlin oder Hamburg von Venedig. Fahrstraßen oder etwas Ähnliches gab es damals noch nicht. Die Reise war also ein umständliches Unternehmen. Der ganze Weg mußte zu Fuß zurückgelegt und sämtliches Gepäck auf den Köpfen oder Schultern eingeborener Träger befördert werden. Dazu mußte es in Lasten von sechzig bis siebzig Pfund verpackt, wasserdicht verschlossen und so fest vernäht und verschnürt sein, daß es allen Unbilden des Transportes und der Witterung ein Jahr lang und noch länger trotzen konnte. Wie viele Lasten aber waren da zu schnüren! Die Missionare mußten ja alles mit sich führen, was sie an Hilfsmitteln der Kultur auf der Reise gebrauchten oder nach Uganda verpflanzen wollten. Da waren Bücher, Kleider, Betten, Stühle, Zelte, Kochgeschirre, Konservenbüchsen, Eßgeschirre, Gewehre und Munition, Werkzeuge aller Gattung vom Schmiedeamboß und Blasebalg bis zum kleinsten Nagel, Pflüge, Gartengeräte, Sämereien, allerlei wissenschaftliche Instrumente, eine kleine Druckmaschine, ein ganzes Dampfboot mit Dampfkessel und allem Zubehör. Und dann das Reisegeld! Was wir in einer Brieftasche in einigen Dutzenden von Hundertmarkscheinen bequem mitnehmen, müssen dort sechzig bis siebzig Träger in Lasten a siebzig Pfund fortschaffen. Das ist das schwerfällige Tauschgeld, welches in Tauschwaren von Zeug, Kaliko, Glasperlen, Messingdraht und Kaurimuscheln besteht. Damit werden auch die Träger bezahlt. Eine ganze Zahl von ihnen war also schon nötig, um den Lohn derselben fortzuschaffen.

Nun werden wir uns nicht wundern, daß zu dieser Ugandamissionskarawane vierhundert Träger erforderlich waren. Die alle in Zucht und Ordnung zu halten und immer genügend Lebensmittel für sie zu besorgen, das war keine geringe Aufgabe für unsere Missionare. Dazu noch allerlei andere Schwierigkeiten, z. B. das böse Klima, die wilden Tiere im Urwald und vor allem die wilden Volksstämme, durch deren Gebiete der Weg führte. Wahrlich, eine solche Reise ist an sich schon eine Heldentat. Wir bewundern darum den tapferen Mut, das feste Gottvertrauen und die freudige Liebe zum Missionsdienste, welche diese und andere Männer vor Not und Gefahr nicht zurückschrecken ließen, um Seelen für Christum zu gewinnen.

Der Expedition, die Leutnant Smith leitete, war angeraten, auf einem der beiden Küstenflüsse den Wasserweg soweit als möglich zu benutzen. Zu diesem Zweck unternahmen Smith und Mackay eine achttägige Probefahrt auf dem Wami, der Sansibar gegenüber mündet. Die Fahrt war beschwerlich und gefährlich. Je weiter sie kamen, desto seichter wurde das Wasser. Die Uferbewohner zeigten sich feindlich, und später erfuhr Mackay, daß sie zu den Menschenfressern gehören. Ihr Nachtlager suchten sich die Missionare im Dickicht des Ufers, und Gott schützte sie vor Überfall. Als Leutnant Smith dann einen heftigen Fieberanfall bekam und still im Boot liegen mußte, wandte Mackay um und fuhr stromabwärts. In der Mündung geriet das Boot unter Wasser. Nur mit Mühe retteten sie sich und ihre Habe. Mackay brachte den kranken Freund beim Häuptling zu Sadani unter, mietete ein arabisches Boot und ruderte hinüber nach Sansibar, wo er nach sechs Stunden ankam. Glücklicherweise war inzwischen das Missionsschiff »Lassin« angekommen. Mit diesem fuhr Mackay wieder nach Sadani, um das Boot zu bergen und den Leutnant Smith zu holen.

Als sie sich der Küste näherten, war es schon dunkel geworden. Das Schiff setzte ein Boot aus, mit dem Mackay und Robertson an Land ruderten. Sie befanden sich auf einer schlammigen Uferpartie. Nach einigen Untersuchungen wollten sie in ihr Boot, fanden es aber im Dunkel nicht mehr, denn die eingetretene Ebbe hatte es zurückgezogen. Durch den Uferschlamm wateten sie nun nach dem festen Lande, wo sie neben einem großen Holzfeuer einen schlafenden Knaben entdeckten und weckten. Er war hier den ganzen Tag mit Holzsammeln beschäftigt gewesen und hatte sich das Feuer zum Schutz gegen wilde Tiere angelegt. Die Engländer erfuhren von ihm, daß sie sich etwa zwölf Kilometer südlich von Sadani befanden. Sie kampierten die Nacht über mit dem schwarzen Jungen am Feuer und trockneten ihre Kleider. Am Morgen gewahrten sie das vermißte Boot, und auch das Schiff kam wieder in Sicht. Es hatte sich die Nacht über in der Nähe gehalten und auf die beiden mit ihrem Boot gewartet. Nachdem sie an Bord gegangen, holten sie in Sadani den Kranken ab, bargen das unter Wasser liegende Boot und fuhren nach Sansibar zurück.

Der Gedanke an den Wasserweg, den Stanley empfohlen, wurde aufgegeben und die gewöhnliche Karawanenstraße durch das heutige Deutsch-Ostafrika gewählt. Vor Aufbruch erfüllten sie eine traurige Pflicht und bestatteten den ersten Gefallenen. Der Kaufmann Robertson, welcher sein Geschäft verkauft und Weib und Kind daheim gelassen hatte, um auf seine eigenen Kosten Missionar zu werden, war der Ruhr erlegen, ehe er das afrikanische Festland betrat.

In vier Kolonnen brachen die Missionare auf. Mackay führte die dritte, welche mit zweihundert Trägern am 26. August den Küstenort Bagamoyo verließ. Auf dem Marsche durch Ugogo erkrankte er und mußte nach der Küste zurück. Sein Edinburger Freund =Dr.= Smith hätte ihn gern begleitet, wenn es Mackay erlaubt hätte. Er verzichtete im Interesse der Expedition, die den Doktor auch nötig hatte, auf die Hilfe des Freundes und trennte sich von ihm in der Hoffnung, ihn bald wiederzusehen. Die Hoffnung sollte sich auf Erden nicht erfüllen. Als die Karawane schon am Viktoria Niansa war, ergriff den gesunden Arzt das Fieber und raffte ihn bald dahin -- ein unersetzlicher Verlust für die Missionskarawane, die jetzt nur noch aus drei Missionaren bestand, denn außer Mackay mußten noch zwei andere krank zurückreisen, ehe sie den See erreichten.

Von den übrigen blieb O'Neill in Kagai am See, um das mitgebrachte Boot »Daisy« instand zu setzen, und die anderen beiden, Leutnant Smith und Pastor Wilson, fuhren in einem Kanu über den See und erreichten glücklich Uganda, nachdem sie ein Jahr, drei Monate und neunzehn Tage auf der Reise waren. Der König Mtesa empfing sie freundlich und gewährte ihnen sofort Lehrfreiheit. Dann kehrte Smith nach dem See zu O'Neill zurück und wurde mit diesem vom Häuptling Lukonge erschlagen. Von den acht Missionaren, die Ende Mai 1876 Sansibar erreichten, waren nun noch zwei in Afrika: Pastor Wilson allein am Ziel in Uganda und Alexander Mackay an der Küste.

Sechstes Kapitel.

Durchs heutige Deutsch-Ostafrika.

Mackay hatte die Gesundheit wiedererlangt, ehe er die Küste erreichte, erhielt aber die Weisung, vor Verlauf der Regenzeit nicht wieder aufzubrechen und bis dahin soweit als möglich eine Fahrstraße für Ochsenwagen ins Innere zu bauen. Vorher rüstete er noch zwei Unterstützungskolonnen aus und sandte sie den vorausgezogenen Brüdern nach. Eine davon fiel unterwegs den Ruga-Ruga (Freibeutern) in die Hände, welche den Führer, einen Engländer, ermordeten und die Karawane ihrer wertvollen Habe beraubten.

Bald kam Mackay mit dem schändlichen Gewerbe des Sklavenhandels in unangenehme Berührung. Durch Sadani, wo er sich aufhielt, zogen trotz des Verbots immer wieder Sklavenzüge. Einmal gelang es ihm, den Händler in die Flucht zu jagen und die Sklaven, unter denen viele Weiber und Kinder waren, zu befreien. Bei einem anderen Befreiungsversuch setzten sich die arabischen Händler zur Wehr und erschossen einen seiner eingeborenen Leute. Er mußte nun, so leid es ihm auch tat, die Menschenhändler ruhig ihre teuflischen Pfade ziehen lassen, merkte er doch auch, daß der Herr Häuptling und seine Leute heimlich den Handel begünstigten. Und das alles trotz des Vertrags, den der Sultan von Sansibar mit England geschlossen hatte!