Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

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Der Held von Uganda

Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

Von Carl Schneider

Großer Menschen Werke zu seh'n, Schlägt einen nieder, Doch erhebt es auch wieder, Daß so etwas von Menschen gescheh'n. _Rückert._

Vierte Auflage

Cassel 1922 Verlag von _J. G. Oncken Nachfolger_, G. m. b. H., Cassel

Vorbericht.

Die Londoner Zeitung »Daily Telegraph« brachte im November 1875 einen Artikel, der eine elektrisierende Wirkung hatte. Es war ein Brief des berühmten Weltreisenden Henry M. Stanley, in dem mit flammender Begeisterung der Reichtum und die Schönheit des Ugandareiches am Nordufer des Viktoria Niansa in Ostafrika geschildert und die englische Christenheit dringend ersucht wurde, in diesem gesegneten Lande eine Mission zu beginnen. Der humane König Mtesa, an dessen Hofe Stanley vor seiner großen Kongofahrt monatelang fürstliche Gastfreundschaft genoß, hatte sich heilsbegierig gezeigt und um Missionare und Lehrer für sich und sein Volk gebeten.

Wenige Tage nach Veröffentlichung dieser seltenen Botschaft stellte ein unbekannter Missionsfreund der Kirchlichen Missionsgesellschaft 100000 Mark für die Mission in Uganda zur Verfügung, und das Komitee erließ bald darauf einen allgemeinen Aufruf, um die weiteren Mittel und Menschen für das neue Werk zu bekommen. Ehe ein Jahr ins Land gegangen war, hatten sich zu den auf eine halbe Million Mark angewachsenen Missionsmitteln auch eine ganze Anzahl fähiger Männer als Missionare angeboten. Einer der ersten war Alexander Mackay. Er wurde nach Gottes Rat und Willen der Pionier Ugandas und nach Stanleys Urteil der größte Missionar seit Livingstone und war, wie ein anderer Bewunderer sagt: »Ein Mann unter tausend.«

Möge der Geist suchender Liebe, aus dem sein Werk erwuchs, zu unseren Herzen reden, damit wir die Mission fördern helfen, für welche der Held von Uganda sein Leben freudig in die Schanze schlug.

Erstes Kapitel.

Daheim bei Vater und Mutter.

Alexander Mackay wurde am 13. Oktober 1849 zu Rhynie in Schottland, dem Vaterland so vieler unvergeßlicher Missionare, als Sohn eines Geistlichen der Freikirche geboren und von den frommen Eltern fromm erzogen. Der hochgebildete Prediger widmete sich mit unermüdlichem Interesse der Ausbildung seiner Kinder und besonders des gutbegabten Alexander, der mit drei Jahren schon im Neuen Testamente gelesen und als Siebenjähriger Miltons »Verlorenes Paradies« gemeistert haben soll. Die biederen Dorfbewohner sahen oft auf den Landwegen Vater und Sohn gehen oder stehen und beobachteten, wie durch mit einem Stock in den Sand gezeichnete Figuren dem lernbegierigen Jungen irgend ein geometrischer Satz oder der mutmaßliche Lauf eines Planeten erklärt wurde. Im Elternhause herrschte ein reger Verkehr mit wissenschaftlich tüchtigen Männern, was viel zur raschen und guten Geistesentwickelung Alexanders beitrug. Den königlichen Geographen Sir Roderick überraschte einst des Kleinen Geschick im Kartenzeichnen und im Handhaben einer kleinen Druckerpresse. Er überreichte ihm beim Abschied ein nützliches Büchlein: »Kleine Anfänge, oder wie man vorwärts kommt«, das den Eifer von jung Alexander noch mehr spornte.

Als er elf Jahre zählte, wandte sich seine Neigung mehr den Dingen in Feld und Garten und sein Interesse daneben auch mechanischen Gegenständen zu. Er besuchte mit Vorliebe die Handwerker in ihren Werkstätten, um ihnen bei der Arbeit zuzusehen und etwas abzugucken. Die nächste Bahnstation war eine Stunde weit entfernt, aber Alexander legte diesen Weg oft zurück, um sich die Lokomotive anzusehen, wenn der Zug auf zwei Minuten hielt. Dem Spiel der Kameraden war er abhold, da sein forschender Geist immer anderswo beschäftigt war. Trotzdem dürfen wir uns Alexander nicht als überklugen und naseweisen Jungen vorstellen. Er bewahrte sich vielmehr in diesen Jahren ein kindlich fröhliches Gemüt und war sonst bei den Altersgenossen gern gelitten.

Die Eltern hatten ihn im stillen schon dem Herrn und Seinem Dienste geweiht. Er sollte einmal Prediger werden. Sie wurden deshalb etwas bekümmert, als sie merkten, daß der Sohn mehr Interesse an Maschinen und Werkzeug als an Büchern fand. Der liebe Gott macht aber keine Fehler in der Erziehung Seiner Boten. Was Alexander jetzt und später in Werkstatt und Fabrik lernte, konnte er in Uganda ebensogut gebrauchen als das, was er aus Büchern sich angeeignet hatte. Der gesegnete Missionsapostel Paton, der auf den Neuen Hebriden wirkte, schrieb einmal: »Ich gestehe gern, daß das, was ich am Strumpfwirkerstuhle gelernt habe, nicht weggeworfen war. Die Handhabung der Werkzeuge und die Behandlung der Maschinen, welche ich verstand, waren mir auf dem Missionsfelde von größtem Nutzen.«

Zweites Kapitel.

In Aberdeen und Edinburg.

Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre kannte Alexander keinen anderen Lehrer als seinen Vater und keine andere Schule als das Elternhaus. Der vielbeschäftigte Prediger konnte jetzt die Studien seines Sohnes nicht mehr überwachen und sandte ihn auf eine Schule zu Aberdeen, der Hauptstadt von Nordschottland. Dort studierte Alexander mit allem Fleiß zur völligen Zufriedenheit der Lehrer. In der freien Zeit besuchte er entweder ein photographisches Atelier, um Photographieren zu lernen, oder die Schiffswerft, um sich in die Kunst des Schiffbaues einführen zu lassen. Wer hätte damals geahnt, daß er diese Kenntnisse später an dem Riesensee Viktoria Niansa in Ostafrika so gut verwerten könne!

Wie die meisten großen Männer in der Welt, so hatte auch der Held von Uganda eine tüchtige Mutter. Sie erkannte früh nicht nur die großen Vorzüge ihres hochbegabten Kindes, sondern auch die damit verbundenen Gefahren für das Seelenleben. Ihr war vor allem darum zu tun, daß Alexander ein Gotteskind werde, und sie betete stets um seine Bewahrung vor Stolz und Eitelkeit. Denn den Demütigen gibt Gott Gnade, und Hochmut führt zum Fall. Nach Gottes unerforschlichem Rat sollte Mackay die betende Mutter früh verlieren. Während er in Aberdeen weilte, entschlief sie unter heißen Wünschen für die Bekehrung ihres lieben Sohnes. Im tiefsten Schmerz stand er an der Bahre. Da reichte ihm eine Verwandte, die treue Pflegerin der Verklärten, das Vermächtnis der Mutter. Es war ihre Lieblingsbibel, das Hochzeitsgeschenk ihres Mannes. Eigenhändig hatte die Sterbende darin mehrere Stellen zur besonderen Beherzigung angemerkt. Sie ließ ihm sagen, er solle nur fleißig in der Schrift lesen und forschen, damit sie ihn unterweise zur Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum. Dann werde er die Mutter wiedersehen in der Herrlichkeit. Alexander preßte das teure Andenken an die bewegte Brust und weihte sich ganz dem Heiland seiner Seele. Die Bibel wurde sein größter Schatz und die Richtschnur seines ganzen Lebens. Der Held von Uganda empfing das Schwert des Geistes aus der Hand seiner sterbenden Mutter.

Im Jahre 1867 nahm der Vater eine Stelle in der schottischen Hauptstadt Edinburg an und siedelte mit der Familie über in diese unvergleichlich schöne Stadt. Der siebzehnjährige Alexander besuchte hier die freikirchliche Hochschule. Dank seiner guten Vorbildung errang er sich bei der Aufnahmeprüfung das beste Stipendium. Ein Studiengenosse gibt zwanzig Jahre später folgende Charakterschilderung von dem jungen Studenten: »Sein Benehmen war sehr ruhig und zurückhaltend. Er hat wenig Umgang gehabt. Wer aber den Vorzug näherer Bekanntschaft mit ihm genoß, fand ihn außergewöhnlich belesen und durch sein Wissen weit über den Durchschnitt der Studenten hervorragen. Er war sehr energisch, sehr eifrig und gründlich in der Arbeit und voller Ausdauer, wenn Schwierigkeiten zu überwinden waren. Es war keine Spur von Strohfeuer oder hohlem Schein in ihm, sondern eine tiefe, stille Begeisterung.« Nach zwei Jahren erwarb er sich das Diplom durch ein gutes Examen und vier verschiedene Preise in Freihand-, Perspektive- und Modellzeichnen.

Die Berufswahl, welche er nun vor dem Weiterstudieren treffen mußte, ergab sich ihm von selbst. Er wurde mit der Einwilligung des Vaters Ingenieur und studierte noch weitere drei Jahre, um in jeder Richtung vorwärtszukommen. Was einst ein Lehrer über den deutschen Dichter Lessing sagte, kann man auch auf den Studenten Mackay anwenden: »Er war ein Pferd, das doppelt Futter brauchte.« Ein Jahr war noch den alten Sprachen, der Mechanik, der höheren Mathematik, der Naturphilosophie und dem Festungsbau gewidmet. Die übrigen beiden Jahre unterrichtete er morgens in einer Schule, um sich etwas zu verdienen, und nachmittags stand er im Arbeitskittel in einer mechanischen Werkstatt, um sich praktisch zu üben. Abends besuchte er Vorlesungen über Chemie und Geologie, die in der Kunsthalle gehalten wurden. Man kann nie zuviel lernen. Als Missionar schrieb er später seinem Vater in bezug auf die Ausbildung: »Ich bin soweit davon entfernt, meine Erziehung für verfehlt zu halten, daß ich mir das doppelte Wissen sowohl an Gelehrsamkeit als auch an praktischen Fertigkeiten wünsche. Man kann nie genug wissen oder verstehen, um ein brauchbarer Missionar zu sein im Inneren Afrikas.«

Der Sonntag war aber ganz geistlicher Erquickung und Arbeit geweiht. Gewöhnlich saß er morgens unter der Predigt des gesalbten Geistlichen Horatius Bonar, während der Nachmittag und Abend dem Helferdienst in Sonntagschule und einer sogenannten Armenschule gehörte. In dieser Arbeit lernte er einen anderen jungen Streiter, =Dr.= Smith, kennen und lieben. Beide Freunde fanden später im Dienste des himmlischen Königs am Viktoria Niansa ihr frühes Grab.

Drittes Kapitel.

Als Ingenieur in Berlin.

Im November 1873 reiste Mackay nach Deutschland, um hier praktisch tätig zu sein und die deutsche Sprache zu lernen. In Berlin-Moabit fand er bald eine gute Anstellung in einer Maschinenfabrik, die später einging. Die Arbeit machte ihm Vergnügen, aber der Umgang mit den ungläubigen Kollegen bereitete ihm manche bittere Stunde. Daß auch dies eine Vorbereitung für ihn war, erkannte er später mit Dank. Der klugen Schwester, die später seine Biographie schrieb, schüttete er brieflich das Herz aus: »Ich lebe hier unter den reinen Heiden. Fast alle sind Gottesleugner und geben das Dasein Gottes nur durch den ständigen Ausruf: ›Ach Gott!‹ zu. Da es ihnen nicht gelungen ist, mir die Torheit meines Glaubens zu beweisen, fangen sie an, sich in den entsetzlichsten Gotteslästerungen zu gefallen, um ihren Spott über Religion wirksamer an den Mann zu bringen. Man schaudert, wenn man sie hört. Das zwingt mich, so wenig als möglich mit ihnen zu reden. Ich kann also nicht soviel Deutsch sprechen, wie ich möchte.«

In seiner Berufsarbeit hatte er großen Segen. Er wurde befördert und als erster Werkführer aus dem Zeichensaal in die Abteilung für Lokomotiven berufen, wo er unter den Arbeitern einen willkommenen Wirkungskreis fand. Der Geist suchender Liebe ließ den Vorgesetzten vor allem an das Seelenheil seiner Untergebenen denken. In seinem Tagebuch seufzt er in dieser Zeit aber oft über innere Dürre und Kraftlosigkeit. Er geht ins Selbstgericht und fragt sich: »Bin ich ein Licht? Ich liege im Sündenschlaf und bin ein untreuer Haushalter. O Herr, vergib mir! O, daß ich die rechten Worte fände, ein Zeugnis abzulegen vom Herrn!« In einem Briefe wiederum: »Eins ist mir vor allem klar geworden: mein Christentum muß lebendig werden.«

An der Förderung seines inneren Lebens haben neben den Stürmen im Zeichenbureau noch andere Dinge mitgewirkt und schließlich dazu beigetragen, daß er sich der Mission widmete. Wie Israel in der Wüste ein Elim mit Wasser und Palmen, so fand Mackay im Babel an der Spree eine Oase im Hause des gottseligen Hofpredigers =Dr.= Baur. Die Predigerfamilie gewann ihn lieb, nahm ihn auf in ihr Haus und hielt ihn wie einen Sohn. Hier pflegte sich allwöchentlich ein Kreis ernster Christen und warmer Missionsfreunde zu einer Bibelbetrachtung zu versammeln, darunter eine Schwester Bismarcks, die Frau von Arnim, Gräfin Hake und Graf und Gräfin Egloffstein. Die letztere interessierte sich sehr für den jungen, frommen Ingenieur und blieb mit ihm später während seiner Kämpfe in Afrika auch in regelmäßigem Briefwechsel. Als er dort gefallen war, schrieb sie an seine Schwester in England: »Bei der unerwarteten, traurigen Nachricht von dem Tode Ihres hochherzigen Bruders rufe ich mir die Zeit ins Gedächtnis, in welcher wir seine Bekanntschaft machten bei Hofprediger Baur, wo wir mit lieben Freunden zusammen die Bibel lasen. Da lernten wir Ihres Bruders Bibelkenntnis wie das warme Interesse schätzen, mit dem er nach der Weisheit trachtete, die Gott denen gibt, die Ihn fürchten und lieben. Er war ein echter Christ und erinnerte uns oft an Miß Havergals Worte:

»Nimm mein Leben, es sei Dein; Laß es Dir geheiligt sein!«

Als er uns sagte, daß es sein Wunsch sei, seinen Beruf mit dem eines Missionars zu verbinden und seinem Heiland in dem dunkeln Weltteil zu dienen, waren wir nicht überrascht. Es schien uns so natürlich, daß dieser junge, ernste, charakterfeste Schotte in dem Weinberg des Herrn zu arbeiten begehrte. Ihm war das Leben eine Gabe, die er Jesu darbrachte.« Hofprediger =Dr.= Baur äußert sich ähnlich in der Vorrede zur Biographie, die später die Schwester schrieb, wenn er sagt: »Einem solchen Glauben an Gottes Gnade in Christo, einer solchen Dankbarkeit für die empfangene Gnade, einem solchen Erbarmen mit der seufzenden Kreatur, einer solchen Sehnsucht nach dem Kommen des Gottesreiches, wie Mackay sie hatte, lag die Mission unter den Heiden sehr nahe.«

Auch die äußeren Anstrengungen zur Mission fehlten in dieser Zeit nicht. =Dr.= Baur war gerade daran, aus der umfangreichen Lebensbeschreibung des Märtyrerbischofs von Melanesien, John Coleridge Patteson, für deutsche Leser ein knapperes Lebensbild zu gestalten. Die Arbeit wurde oft besprochen, und die Unterredungen sind in Mackays Seele mehr als man ahnte, das Samenkorn geworden, aus dem sein Missionsberuf erwuchs. Der Aufenthalt bei Baurs war also ein sehr wichtiger Ring in der Kette der Ereignisse, durch die der Held von Uganda seinem Felde zugeführt wurde. Ein Brief der Schwester aus Edinburg trug endlich dazu bei, daß ihr Bruder sich sofort als Missionar meldete. Sie berichtet ihm darin von einer interessanten Missionsversammlung in der Heimat, in der die jungen Ärzte dringend gebeten wurden, sich der Mission zu widmen. Mackay antwortet: »Ich bin freilich kein Arzt...., aber ich bin ein Ingenieur und erbiete mich, wenn es Gott gefällt, als Ingenieur-Missionar unter die Heiden zu gehen. Verdrehtes Zeug! wirst Du wohl sagen. Aber unmittelbar nach Empfang Deines Briefes schrieb ich an =Dr.= Bonar, bot mich zu der Arbeit an und erbat seinen Rat. Er schrieb zurück, daß ihm die Ideenverbindung von Missionsarbeit und Maschinenwesen etwas schwierig erscheine, er wolle aber zusehen, ob sich eine Anstellung für mich finden lasse.« Mackay selbst war diese Ideenverbindung nicht so schwer. Er war überzeugt, daß die Mechanik und das edle Handwerk der Mission gute Dienste leisten können. Als Ingenieur könnte er öffentliche Arbeiten, z. B. Eisenbahnen, Bergbau usw. unternehmen, in der Hauptsache aber Schulen gründen und die jungen Eingeborenen ebensowohl in Religion als in Wissenschaften unterrichten. »Mein Wunsch ist der,« schreibt er, »die vorhandenen Missionare zu unterstützen, nicht einen zu ersetzen. Gern möchte ich den Weg bereiten, auf dem andere nachkommen und bleiben können.« Das Land, an das er jetzt dachte, war allerdings Madagaskar. Dort fand vor nicht langer Zeit eine Verfolgung statt, in der etwa zweitausend Christen ermordet wurden. Das schreckte ihn nicht ab. »Warum sollte ich nicht gehen? Viel bessere Männer wie ich sind schon in heidnische Länder gegangen. Das Beste, was ein Mensch tun kann, ist demütiges Empfangen der Gnade Christi und dann hingehen und es anderen austeilen.«

Selbstverständlich hatte Mackay sich in dieser ernsten Frage auch an seinen Vater gewandt, wie wir aus folgendem Briefe ersehen. »Ich danke Gott und danke Dir, lieber Vater, daß Du mir geantwortet hast. Stimmst Du meinem Vorhaben zu, bin ich auch des Beifalls meines Gottes gewiß. Deine ernste Mahnung, mir Weisheit vom Herrn zu erbitten, habe ich treulich befolgt. Äußere Umstände können oft unser Leben in andere Bahnen lenken. Wenn Gott mich aber ruft, muß ich dann nicht antworten: ›Hier bin ich, sende mich!‹? Ich habe die Hand an den Pflug gelegt und will nicht zurücksehen. Darin wirst Du mit mir einer Meinung sein, des bin ich gewiß. Hast Du mich doch stets gelehrt, die Hand Gottes ebenso sehr in den kleinen als in den großen Dingen des Lebens zu erkennen...... Daß ich hier in Berlin so hart gegen den Unglauben kämpfen muß, sehe ich als eine mir von Gott bestimmte Vorschule an für den guten Kampf, den ich später mit einem nicht minder stärkeren Feinde, dem Götzendienste, kämpfen will.«

Nachdem Mackay sich vor Gott klar geworden und die Zustimmung des Vaters eingeholt hatte, meldete er sich bei der Londoner Missionsgesellschaft für Madagaskar. Man antwortete ihm, die Insel sei jetzt für seine Dienste noch nicht reif, in absehbarer Zeit könne man sie aber beanspruchen. Diese Antwort hätte ihn entmutigen können, wäre er weniger echt in seiner Begeisterung und weniger fest in der Überzeugung gewesen. So aber legte er sich aufs geduldige Abwarten und machte sich unverzüglich an das Studium der Sprache jenes Landes. Daneben suchte er in Berlin schon ein Seelengewinner zu sein. Wie eifrig war er, andere mit in den Gottesdienst zu nehmen! »Was machen wir,« konnte er oft beim Frühstück in frommer Sorge fragen, »was machen wir, daß wir die Berliner in die Kirche bringen?« Hofprediger Baur gibt ihm das Zeugnis, daß er tat, was er konnte, wär's auch nur gewesen, daß er für je einen Sonntag einen Jüngling warb, ihn in den Gottesdienst zu begleiten. Und wie ging ihm die geistliche Not der Großstadt nahe! An seinen Vater berichtet er u. a.: »Wollte Gott, ich wäre bereits auf dem Arbeitsfeld! Hier habe ich aber auch schon ein Arbeitsgebiet. Wenn es irgendwo Heiden gibt, dann ist es hier in der in alle Laster versunkenen Stadt. Trunksucht und Unzucht sind die Früchte, an der man sie erkennt. Mich jammert des Volks!« Und welche Entschiedenheit treffen wir jetzt bei ihm an: »Ich habe, Gott sei Dank, erkennen dürfen, daß das Christentum, wenn es überhaupt etwas wert ist, alles wert ist. Und wenn es einen bestimmten Grad von Eifer und Wärme verlangt, kann es nur der höchste Grad sein. Es gibt kein haltbares Mittelding zwischen dem Glauben, der voll Begeisterung ist, und dem Unglauben, der alles verwirft. Ich weiß auch, daß ich nur insoweit fähig bin, Seelen für das Lamm zu werben, als ich selbst geistliches Leben habe durch Lebens- und Liebesgemeinschaft mit dem auferstandenen Christus.«

Die Moabiter Firma, bei der Mackay beschäftigt war, löste sich 1875 auf. Der erste Direktor, ein reicher Jude, welcher die hohe Begabung und unbedingte Zuverlässigkeit Mackays wohl erkannt hatte, machte ihm den Vorschlag, mit nach Rußland zu kommen und in Moskau sein Teilhaber an einer Maschinenfabrik zu werden. Das Angebot war verlockend und versprach eine glänzende Zukunft im weltlichen Sinne. Mackay aber überwand die starke Versuchung, die für ihn darin lag, lehnte den Vorschlag ab und nahm in der Provinzstadt Kottbus eine ähnliche Stellung an, wie er bisher inne hatte. Hier wollte er warten, bis der Herr ihn in Seinen Weinberg rufen würde.

In seiner freien Zeit suchte er auch in Kottbus Gott zu dienen und beteiligte sich an Arbeiten der inneren Mission. Daneben übersetzte er eine Schrift seines verehrten Freundes, des schottischen Dichters und Predigers H. Bonar. Das besonders für Diener am Wort geschriebene Büchlein ließ Mackay auch auf seine Kosten drucken und versandte es an die Geistlichen in Deutschland. Inzwischen war in dem Londoner Tagesblatte der bekannte Brief Stanleys und bald danach der Aufruf der Kirchlichen Missionsgesellschaft erschienen. Mackay meldete sich sofort als Missionar bei dem Komitee in London und wurde angenommen. Mit derselben Post, mit der das Antwortschreiben kam, erhielt er auch einen Brief von dem schottischen Missionsmanne =Dr.= Duff, der ihn im Einverständnis mit seinem Vater dringend bat, seine Dienste in die Mission der heimatlichen Freikirche zu stellen. Für Alexander Mackay aber waren mit der sofortigen Annahme seiner Meldung in London bereits die Würfel gefallen. Es war ihm innerlich gewiß, daß der Herr ihn diesen Weg nach Uganda führen wollte, und er bereitete sich zur Rückreise nach England vor. Ehe wir ihm bei seiner Ausreise das Geleit geben, wollen wir aber das Land und die Leute, denen zu dienen Mackay sich geweiht hatte, etwas näher kennen lernen.

Viertes Kapitel.

Der Kampfplatz

Vor einem halben Jahrhundert war Ostafrika noch ein völlig verschlossenes Land. Man hielt es für eine wasserarme Wüste. Die Anregung, dieses Land geographisch zu erschließen, haben vornehmlich evangelische Missionare gegeben. 1844 eröffnete der sprachenkundige deutsche Missionar L. Krapf in Mombas an der Ostküste die erste ostafrikanische Missionsstation. Zwei Monate später begrub er Weib und Kind. Selbst schwer krank schrieb er an die »Christliche Missionsgesellschaft«: »Sagen Sie unseren Freunden, daß in einem einsamen Grabe an der ostafrikanischen Küste ein Glied Ihrer Mission ruht. Das ist ein Zeichen, daß Sie den Kampf mit diesem Weltteil begonnen haben. Da die Siege der Kirche über die Gräber von vielen ihrer Glieder führten, können Sie desto mehr überzeugt sein, daß die Stunde naht, in welcher Sie berufen sind, Ostafrika von der Ostküste aus zu bekehren.« In dem württembergischen Landsmanne Joh. Rebmann erhielt Krapf einen heldenhaften Mitarbeiter. Beide Männer haben sich um die Mission sehr verdient gemacht durch ihre sprachlichen Arbeiten. Außerdem haben sie große geographische Verdienste besonders durch die Entdeckung der innerafrikanischen Schneeberge Kilimandscharo und Kenia.

Ihre Berichte von dem Vorhandensein eines großen Binnenmeeres im Inneren Afrikas riefen großes Erstaunen wach und führten zur Entsendung einer ganzen Reihe von Entdeckungsexpeditionen.

Seit Jahrtausenden barg dieses Landgebiet ein viel umstrittenes Rätsel, das uralte Geheimnis der Nilquelle. Die Mitteilungen der deutschen Missionare regten den Forschergeist aufs neue mächtig an und gaben wichtige Winke zur Lösung des harten und alten Rätsels.

Die englischen Forscher Speke und Grant wagten sich zunächst soweit vor, daß sie die beiden großen Binnenseen, den Tanganjika und den Ukerewe, entdeckten. Bei einer zweiten Expedition, die Speke allein unternahm, blieb er drei Jahre in dem dunkeln Gebiet ohne Lebenszeichen an die Außenwelt und überraschte plötzlich die ganze Welt mit dem in Ägypten aufgegebenen Telegramm: »Die Nilquelle ist entdeckt.« Speke meinte in dem Ukerewesee die langgesuchte Nilquelle gefunden zu haben. Speke verfolgte den Lauf des Nilstromes aufwärts bis in diesen See. Da er aber keine Zuflüsse am Viktoria Niansa, wie Speke den See nannte, fand, sah er den See selbst als Quelle des großen Stromes an. Spätere und genauere Forschungen führten aber doch zur Entdeckung eines Zuflusses. Man verfolgte denselben und fand seine Quellen in den Schnee- und Eisregionen des Mondgebirges im Südwesten des Sees. Die Wasser dieser Hochgebirge fließen als Alexandranil in den Viktoria Niansa, von diesem durch die Ripponfälle als Somersetnil in den Albertsee und von hier als Nil weiter nach Norden und Ägypten. Das ist des uralten Rätsels endliche Lösung.