Der heilige Bürokrazius: Eine heitere Legende

Chapter 2

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Der Pater Hilarius versprach es seinem geistlichen Oberen, er wolle mit allem gebührenden Fleiß dem menschlichen Viehstall auch weiter seine vollste Aufmerksamkeit widmen. Zog sich in seine Zelle zurück und war Tage und Wochen nicht zu sehen.

Auf Geheiß des Priors und wohl auch aus eigenem Antriebe versorgten ihn seine geistlichen Mitbrüder fleißig mit aller erdenklichen Atzung und mit Wein, damit er in seinem anstrengenden Studium über die Dummheit der Menschen auch der leiblichen Stärkung nicht ermangele.

Es ging jedoch der Pater Hilarius bei seinen schwierigen Forschungen völlig logisch zu Werke. Er dachte sich: Jedes Ding auf Erden muß seinen Schutzheiligen haben. Also auch die menschliche Dummheit. Wenn es gelingt, ihren Heiligen zu finden, dann hat die Sache ihre himmlische Erklärung und kann dadurch leichter begriffen werden.

So durchforschte der Pater Hilarius das Leben sämtlicher Heiligen, deren er habhaft werden konnte. Keiner war aber so geartet, daß er für die menschliche Dummheit hätte verantwortlich gemacht werden können. Der hochwürdige Pater studierte die Legenden von vorne und von hinten und konnte trotzdem zu keinem Resultate gelangen.

Endlich unternahm er es, alle Heiligen alphabetisch zu ordnen, damit ihm ja keiner zu entrinnen vermochte. Als auch dieses nichts nützte, ordnete er sie zuerst nach ihren Anfangssilben und dann nach ihren Endsilben.

Dabei kam er auch auf die Heiligen mit der Endsilbe »azius«, auf die heiligen Ignazius, Bonifazius, Servazius, Pankrazius und andere Aziusse.

Ich muß hier meine gelehrte Darstellung etwas unterbrechen und zur Ehre der Tiroler Speckknödel einfügen, daß just an dem herrlichen Tage, an dem der Pater Hilarius die Heiligen auf »azius« in Reih und Glied aufmarschieren ließ, der Pater Küchenmeister geradezu phänomenale Speckknödel hergestellt hatte, von denen ein halbes Dutzend mit einer Schüssel dampfenden Sauerkrautes dem Pater Hilarius auf seine Zelle gebracht wurden.

Diese Knödel schmeckten dem hochwürdigen Pater so fürtrefflich, daß er den zweiten Gang, der in resch gebackenem Kälbernem bestand, freundlich zurückwies und dafür eine zweite Auflage Knödel verlangte.

Seinem Wunsche wurde natürlich sofort mit gebührender Ehrfurcht entsprochen. Denn es war dem gesamten Kloster alsobald klar geworden, daß sein berühmtes Mitglied heute besonders vom Geiste der Forschung erfüllet und dahero desjenigen Nahrungsmittels in stärkerem Maße bedürftig sei, welches bekanntlich zur unmittelbaren Anregung der Gehirnfunktionen führet.

Um dieser Vergeistigung allen möglichen Vorschub zu leisten, ließ der Pater Kellermeister seinem hochwürdigen Amtsbruder gleichzeitig einen ungeheuern Krug, der niemals geaicht worden war, auf seine Zelle bringen. Ihn sollte ein sagenhafter Pater des Klosters vor vier oder fünf Jahrhunderten in drei Zügen geleeret haben und sollte darauf eines seligen Todes verblichen sein.

Sotaner Krug wurde nur bei ganz besonders festlichen Gelegenheiten zu einem feierlichen Rundtrunke hervorgeholet. Den Krug hatte der Pater Kellermeister mit dem besten und ältesten Wein des Klosters gefüllet, von dem man behauptete, daß um Mitternacht eine schwarze Katze auf dem Fasse hocke.

Das alles sei auch deshalb erwähnet, um die Verdienste der Patres Küchenmeister und Kellermeister an den nachfolgenden weltbewegenden Entdeckungen des hochwürdigen Pater Hilarius in das richtige Licht zu stellen.

Nachdem nun der hochwürdige Pater Hilarius der zweiten Knödelfuhr den Garaus gemacht hatte und auch schon ziemlich tief auf den Grund des legendären Kruges untergetaucht war, nahm er nochmals die Liste der heiligen Aziusse vor. Er ging sie lange durch, und er ging sie gründlich durch, in seinem Verstande und Gemüte wohl erwägend, ob er nicht irgendeinen heiligen Namensträger auf »azius« vergessen hätte.

Da machte er plötzlich in seiner Zelle einen Luftsprung, lüpfte den durch Alter und Überlieferung geweihten Krug an seine Lippen, nahm einen doppelt kräftigen Kuhschluck daraus, setzte ihn wieder auf den Tisch und brach in die begeisterten Worte aus: »Jetzt aber hab' ich dich beim Krawattel, du heimtückisch verschlossener heiliger Azius! Ignazius, Servazius, Bonifazius und Pankrazius! Eure Liste soll voll werden! O heiliger Sankt Bürokrazius! Jetzt hab' ich dich erwischt! Und du sollst mir nicht mehr auskommen!«

Reifliches weiteres Nachdenken brachte den Pater Hilarius zu der Überzeugung, daß er in dem heiligen Bürokrazius tatsächlich den richtigen Schutzheiligen der menschlichen Dummheit gefunden hatte. Nicht nur den Schutzheiligen der menschlichen Dummheit, sondern auch denjenigen Heiligen, dessen Existenz sich überhaupt nur durch die menschliche Dummheit erklären ließ, der aus der menschlichen Dummheit gezeugt und geboren wurde.

Dem Pater Hilarius wurde es bei der fortschreitenden Verdauung der Speckknödel, deren Zahl diesmal nichts zur Sache tut, und bei der endgültigen Ergründung des heiligmäßigen Kruges immer mehr sonnenklar, daß der heilige Sankt Bürokrazius der mächtigste und einflußreichste Heilige auf Erden war.

Welcher andere Heilige hatte sonst eine derartige Allmacht gewonnen? Vor welchem anderen Heiligen lag sonst alles derart auf den Knien, ja kroch vor ihm auf dem Bauche? Eines solchen durchschlagenden Erfolges konnte sich kein einziger anderer Heiliger rühmen. Kein Heiliger hatte so viele Jünger wie der heilige Bürokrazius. Kein Orden zählte so viele Anhänger und war mit seinen unermeßlichen Tausenden von Mitgliedern so sehr verbreitet als wie gerade der Orden des heiligen Bürokrazius.

Bei weiterer Nachforschung entdeckte der hochwürdige Pater Hilarius in seinem neu gefundenen Heiligen, dem Sankt Bürokrazius, sogar göttliche Eigenschaften. Zwar vermochte er in ihm weder die Allwissenheit noch die Allgütigkeit und Allbarmherzigkeit zu finden, wohl aber bis zu einem gewissen Grade die Allmächtigkeit. Eine göttliche Eigenschaft fand er jedoch in dem heiligen Bürokrazius vollkommen verkörpert. Das war die Allgegenwart.

Bei diesem Studium der Allgegenwart des heiligen Bürokrazius mußte sich der hochwürdige Pater, indem er sich die nachfolgenden Fragen vorlegte, selbst eingestehen und bekennen: Machst du eine Türe auf, wer stehet draußen? Der heilige Bürokrazius. Machst du ein Fenster auf, wer glotzet herein? Der heilige Bürokrazius. Sperrst du einen Kasten oder eine Truhe auf, wer hocket drinnen? Der heilige Bürokrazius. Greifst du in den Hosensack, wen ziehest du beim Ohrwaschel herfür? Den heiligen Bürokrazius. Wer recket überall, aus den verstecktesten Winkeln und heimlichsten Örtlein seinen Kragen heraus? Der heilige Bürokrazius.

Derohalb bestand für den Pater Hilarius an der Allgegenwart dieses größten und mächtigsten Heiligen, des Schutzheiligen der menschlichen Dummheit, nicht der geringste Zweifel mehr.

Um so gewaltiger überraschte es jedoch den hochwürdigen Pater, daß er keine Legende des heiligen Bürokrazius finden konnte. Die Menschheit hatte also entweder in ihrer Dummheit oder in ihrer unverantwortlichen Undankbarkeit das Erdenleben desjenigen Heiligen totgeschwiegen, in dem sie lebte und webte, in dem sie aufging, der ihre geheimsten Verrichtungen überwachte, kontrollierte und registrierte.

Das fand der Pater Hilarius für unerhört. Er entschloß sich daher, die Legende des heiligen Bürokrazius zu schreiben, um der Menschheit einen Lebensspiegel desjenigen Schutzheiligen zu verehren, zu dem sie in Ehrfurcht aufblickte, vor dem sie in ihrer grenzenlosen Dummheit bebte und zitterte, gleich einem Espenlaub und gleich dem schlotternden Schweiflein eines blutjungen Lämmleins.

Da der hochwürdige Pater Hilarius aber nach dem Gutdünken seines eigenen Priors ein grober Knochen war, fand er noch einen dritten Vergleich für das Beben der menschlichen Dummheit vor dem heiligen Bürokrazius. Und er sagte zu sich selbst: Vor diesem saudummen Heiligen zittert das noch dümmere Rindviechgeschlecht der Menschen genau so wie eine schweinerne Sulz auf dem Teller.

Nachdem der Pater Hilarius diesen endgültigen Vergleich gefunden hatte, teilte er dem Prior seinen Entschluß mit, daß er die Legende des heiligen Bürokrazius schreiben und damit eine ebenso große wie unbegreifliche Lücke in der Geschichte der himmlischen Herrschaften ausfüllen wolle. Der hochwürdige Herr Prior gab seinem verehrten geistlichen Mitbruder unbeschränkten Urlaub für diese hochwichtige Arbeit.

Wie der Pater Hilarius seine Aufgabe gelöset hat, das mag das Nachfolgende beweisen. Es war die Arbeit eines Riesen. Denn es galt aus längst verschütteten Quellen, aus dem Staub der Archive und Bibliotheken, aus unzähligen Akten und Faszikeln, Schmökern und Traktätlein, aus dem Moder der Vergangenheit die Geschichte des mächtigsten Schutzheiligen der menschlichen Dummheit herauszugraben. Und nicht zuletzt blieb es dem Ingenium des hochwürdigen Paters vorbehalten, alle die vielen klaffenden Lücken auszufüllen, die sich in den oft widersprechenden Überlieferungen ergaben.

Daß daraus trotzdem ein gerundetes Bild wurde, danken wir neben den ungeheuren geistigen Eigenschaften des Pater Hilarius natürlich auch den Tiroler Speckknödeln, die er sich auf seinen ausgedehnten Forschungsreisen nebst einem guten Tropfen stets zu verschaffen wußte.

Dadurch ist ein Werk entstanden, daß an Großzügigkeit seines Gleichen suchet, dabei aber an Subtilität der Kleinarbeit nur mit jenem Kunststück des Mirmecides verglichen werden kann, der aus Elfenbein einen Wagen samt Pferd und Kutscher also klein und künstlich geschnitten hat, daß man alles unter dem Flügel einer kleinen Fliege hat verbergen können.

Einer Statue aus Erz oder Marmor und gleichzeitig der winzigsten Filigranarbeit aus Elfenbein muß die Arbeit des Pater Hilarius verglichen werden. Was aber aus jedem Zug derselben hervorleuchtet, das ist die glühende Liebe und Verehrung für seinen Heiligen, welchen er einer andächtigen Menschheit zum ersten Male dargestellet hat. Lassen wir nunmehro dem hochwürdigen Pater Hilario anselbsten das Wort.

[Verzierung]

Wie die Heiligen im Himmel dem lieben Gott eine seltsame Bitte vortrugen.

Die Legende vom heiligen Bürokrazius beginnet im Himmel, was auch nicht mehr als recht und billig ist. Denn welches Lokal wäre geeigneter, den Ursprung der folgenden Begebenheiten darzustellen, als gerade der Himmel. Wir sind ja so übersättiget von dem irdischen Theater mit all seinem Jammer, daß die geneigten Leser gewiß zur Erholung gerne einmal einen himmlischen Spaziergang machen.

Es hatte schon seit geraumer Zeit unter den Heiligen des Himmels ein gewisser Unmut und eine arge Verdrießlichkeit Platz gegriffen. Der himmlische Humor drohte gewaltig in die Brüche zu gehen.

Das kam daher, weil die Heiligen viel zu gescheit waren. Und da sie alle gleich gescheit waren, konnte keiner gescheiter sein als der andere.

Dergestaltes Gleichmaß verdrießet aber mit der Zeit nicht nur die Menschen, sondern auch die sanftesten und frommsten Heiligen.

Auch die leuchtendsten Eigenschaften können nur dann zur Geltung kommen, wenn sie sich vom Hintergrund des Gegensatzes abheben, da sie ansonsten in all ihrer Pracht keine Beachtung mehr finden. Was würde die Sonne sein, wenn ihr nicht die Nacht folgte, und was alles Blühen und Wachsen auf Erden, wenn uns nicht die Fröste des Winters mit der zehrenden Sehnsucht nach den lauen und milden Lüftelein des Frühlings erfüllen würden.

So war auch die Seligkeit der Heiligen im Himmel keine vollkommene; denn dieser Prophet war gleich gescheit wie jener Kirchenvater, und dieser ehrwürdige Patriarch konnte jenem heiligen Theologen jederzeit das Wasser reichen. Und jene Einsiedler der Wüste hatten schon während ihres Erdenwallens in ihrer Weltabgeschlossenheit so viel überflüssige Zeit gehabt, um über alle großen Probleme nachzudenken, daß sie mit dem Vorrat ihrer Gescheitheit für alle Ewigkeiten auslangten.

So bedeutete keiner für den anderen etwas Neues und noch nicht Dagewesenes. Und wenn einer zu der abgrundtiefsten Weisheit den Mund auftat, so konnte er sicher sein, daß sie der andere schon wußte. Es gibt aber nichts Ärgerlicheres, als wenn man nie einen Hauptsatz sagen kann, ohne daß der andere sofort den Nebensatz ergänzet. Das kann den Geduldigsten mit der Zeit zur Verzweiflung bringen.

So war es denn im Himmel allmählich gekommen, daß die meisten Heiligen überhaupt nichts mehr sprachen, sondern sich in undurchdringliches Schweigen hüllten. Deshalb war es mit der himmlischen Unterhaltung immer schlechter bestellet.

Da ereignete sich eines Tages das Wunderbare, daß ein Heiliger plötzlich einen Gedanken äußerte, von dem die anderen keine blasse Ahnung gehabt hatten. Welcher Heilige das war, das zu erforschen ist auch der größten Mühe und Sorgfalt leider nicht gelungen.

Es war aber ein Heiliger, der völlig unvermittelt in den kräftigen Ruf ausbrach: »Himmel, Herrgott, Sakrament und alle Heiligen! Wenn wir nur endlich einen dummen Heiligen unter uns hätten! Aber schon einen so saudummen, strohdummen und erzblöden Heiligen! Das wär' eine Gaudi!«

Brausender Jubel erhub sich ob dieser Worte. Sie wirkten wie eine Erlösung aus großer Drangsal.

Alsogleich wurde eine feierliche Botschaft an den lieben Gott abgeordnet, deren Sprecher natürlich jener Heilige war, der den himmlischen Einfall gehabt hatte.

Der liebe Gott ging gerade auf der Himmelswiese spazieren, als sich ihm die Botschaft der Heiligen in aller Ehrfurcht näherte. »Ja, was ist denn heut' los?« frug der liebe Gott mit seinem gütigsten Lächeln. »Ihr schaut's ja alle aus, als wenn euch die Hennen das Futter vertragen hätten. Paßt euch vielleicht was nicht da im Himmel heroben?«

Da sagte der Sprecher: »Halten zu Gnaden, Eure göttliche Majestät, etwas fehlet uns wirklich noch zu unserer himmlischen Seligkeit. Wir sind uns alle miteinander viel zu gescheit und wissen dahero nichts Rechtes mehr miteinander anzufangen. Und so möchten wir untertänigst gebeten haben, daß Eure göttliche Majestät gnädigst geruhen, unserm heiligen Konzilium auch einmal einen dummen Heiligen einzuverleiben. Je dümmer, desto besser. Mindestens so dumm, als Eure göttliche Majestät allmächtig sind. Den größten Trottel und Teppen, das ärgste Kamel, den ausgemachtesten Esel, das riesigste und erlesenste Rindviech, das gefunden werden kann. Auf dieser glänzenden Folie des Kontrastes wird sich dann unsere Gescheitheit so überwältigend abheben, daß sie uns nicht mehr als etwas Alltägliches erscheinet. Und der himmlische Humor, der sehr zu versauern drohet, wird dann neue und ungeahnte Blüten treiben!«

Da lachte der liebe Gott in seiner Allgütigkeit so gewaltig, da es nur so donnerte und daß vor dem schallenden Gelächter ein paar Dutzend Engelein aus dem Gezweige der Bäume auf die Himmelswiese purzelten, sich im Grase wälzten und fröhlich aus ihren jungen Kehlen mitlachten.

Der liebe Gott aber sprach: »Wenn euch nur das zu eurer vollkommenen himmlischen Seligkeit mangelt, dann hoffe ich, euch euren Wunsch erfüllen zu können. Denn ich glaube, daß es meiner Allmacht gelungen ist, unter den Milliarden meiner Geschöpfe irgendwo einen so blitzdummen Kerl zu erschaffen, der euch Genüge leisten kann. Es handelt sich jetzt nur darum, dieses hervorragende und illustre Rindviech zu finden. Alsodann müßet ihr euch nur noch gedulden, bis besagtes Hornvieh seine irdischen Tage vollendet hat und eurer auserlesenen Korona im Himmel beigesellet werden kann. Da jedoch Erdenzeit im Vergleich zu der Ewigkeit ein flüchtiger Augenblick ist, wird die Erfüllung eures Wunsches nicht lange auf sich warten lassen. Ich will sogleich eine himmlische Botschaft entsenden, die euch den dümmsten Heiligen suchen soll. Meine drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael will ich mit dieser erhabenen Sendung betrauen.«

Der liebe Gott winkte den Abgesandten der Heiligen ihre gnädigste Entlassung zu. Diese stimmten einen begeisterten Jubelchor zu seiner Lobpreisung an und verbreiteten die Nachricht im ganzen Himmel, daß die Bitte gewähret worden war.

[Verzierung]

Wie die himmlischen Sendboten den heiligen Bürokrazius entdeckten.

Die drei Erzengel rüsteten sich auf das Geheiß des lieben Gott zu ihrem Flug nach der Erde, um dort unter den übrigen unzähligen Rindviechern das größte, ungeheuerlichste und gewaltigste Rindviech zu finden.

Da es sich um eine der feierlichsten Botschaften handelte, wählten sie zu diesem Behufe ganz besonders festliche Flügel. Der Erzengel Michael zog ein himmelblaues Gefieder an, der Erzengel Gabriel ein rosenrotes und der Erzengel Raphael ein smaragdgrünes. Sämtliche Heilige, Patriarchen und Propheten geleiteten die drei Erzengel ans Himmelstor und sahen mit unendlichem Entzücken, wie sie, in ihren leuchtenden Farben zu gewaltigem Fluge ausholend, gegen die Erde niederschwebten.

Nachdem die himmlischen Sendboten ihre Fußstapfen auf die Erde gesetzet hatten, mußten sie lange wandern, Wochen und Monate lang, ehe sie ihr Ziel erreichten, einen dummen Heiligen zu finden.

Mehrmals glaubten sie schon, den Richtigen entdeckt zu haben. Aber da trug es sich immer wieder zu, daß er entweder zu wenig dumm oder zu wenig heilig war.

Schon begannen die drei Erzengel an einem Gelingen ihrer Sendung zu verzweifeln, als sie eines schönen Tages in eine Ortschaft kamen, wo sie erfuhren, daß dort ein heiligmäßiger Mann lebe, der entsetzlich dumm sei. Er komme überhaupt nicht aus seinem Gelasse heraus, in dem er Tag und Nacht hause.

Die himmlischen Sendboten fanden den Mann in einem düsteren Gewölbe, von dem nur ein einziges vergittertes Fenster ins Freie führte. Die Spinnen hatten ihre Netze über Ecken und Wände gezogen, und es roch in dem Raume gar nicht auferbaulich nach Schimmel, Schmutz und wenig holdseligen Düften.

Der heiligmäßige Mann aber hockte auf einem wackeligen Stuhle vor einem Tische, der mit ganzen Bergen von Papier und mit dicken Folianten bedecket war. Auch die Wände waren rings mit verstaubten Faszikeln verstellet. Es herrschte eine Luft zum Ersticken.

Der Bewohner des Gemaches schien sich aber trotzdem recht wohl darinnen zu fühlen. Er war unter all dem Papier vergraben wie ein verkrümmter Wurm.

Über leibliche Schönheit verfügte er nicht. Er besaß eine riesige Glatze, von der nach hinten Strähne ungeordneten Haares in den Nacken fielen. Im Gesicht standen ihm die Bartstoppeln, als wenn er mit einem Stachelschwein Bruderschaft getrunken hätte.

Das merkwürdigste an seiner Erscheinung war aber seine ungeheure Nase, die eher einem schnüffelnden Rüssel, als einem menschlichen Riechinstrumente glich. Auch die Ohren waren von so gewaltigen Dimensionen, daß sie an die Hörwerkzeuge eines gewissen Grautieres erinnerten, das dem Müller Säcke schleppet. Blöde kurzsichtige Augen hinter großen Brillen, die immer wieder auf die Rüsselnase herunterrutschten, und ein breites Maul vervollständigten die anmutige Erscheinung.

Dabei litt der Mann offenbar an einer sehr unangenehmen Krankheit, nämlich an der _Krawatitis posterior ascendens_. Keine kriechende Laus, keine beißende Wanze und kein springender Floh kann einen sterblichen Menschen derart peinigen und zur Verzweiflung treiben, als just die _Krawatitis posterior ascendens_, das ist die hinten hinaufsteigende Krawattelkrankheit.

Der Mann kritzelte eifrig in seinen Papieren. Dabei hatte er aber unausgesetzt einen qualvollen Kampf mit seinem Krawattel zu führen, das ihm trotz aller Bemühungen unablässig und heimtückisch gegen den Hinterkopf emporkletterte und das er stöhnend und seufzend stets wieder in die richtige Lage zu bringen trachtete. Eine Folter, gegen welche die Arbeit des Sisyphus oder das Faß der Danaiden ein Kinderspiel ist.

Die himmlischen Sendboten waren auf leisen Sohlen unbemerkt und ungehört in das Gemach getreten und sahen dem Mann über die Schultern.

Da entdeckten sie, daß der sonderbare Heilige seit Jahr und Tag über alles Buch führte, was um ihn und in ihm vorging. Alles hatte er registriert, tabelliert, verzeichnet, aktenmäßig niedergelegt.

In mächtigen Folianten, über die sich der Nasenrüssel schnuppernd und wonnevoll schnaufend bewegte, war alles schwarz auf weiß zu finden ... wenn irgendwo in der Nähe eine Kuh muhte oder ein Schaf blökte, wenn ein Hund bellte oder eine Henne gackerte. Ja, sogar die Geräusche seines eigenen Ichs hatte der Mann sorgfältig und aktenmäßig zu Papier gebracht ... wenn er hustete, nieste, sich räusperte oder spuckte, wenn er rülpste oder sich schneuzte oder wenn ihm sonst etwas Menschliches widerfuhr. Auch die _Krawatitis_ war in allen auf- und absteigenden Phasen und Stadien aktenmäßig festgeleget. Jeder Kuhfladen und jeder Roßknödel, deren Fall der Mann von dem beschränkten Gesichtskreise seines einzigen Fensters beobachten konnte, fand sich als wichtiger Beitrag zur Landwirtschaft protokollarisch aufgenommen. Und jeder derbe Fuhrmannsfluch, der gelegentlich einmal in das dumpfe Loch des merkwürdigen Heiligen hereinflog, war verewiget als Dokument der niedergehenden öffentlichen Sittlichkeit.

Unaufhörlich kritzelte und schnüffelte der heiligmäßige Mann. Noch immer hatte er die Eindringlinge nicht bemerkt. Da rief der Erzengel Michael begeistert: »Halleluja! Das ist doch der saudummste Kerl, den wir finden konnten!«

Dem heiligmäßigen Mann war gerade vorher ein anderer Laut entfahren, den er sorgfältig in dem neuesten, seinem eigenen Ich gewidmeten Folianten verewigte. Dann fuhr er eilig weiter zu schreiben fort: »Protokollführer hört sich soeben als den saudummsten Kerl, den man finden konnte, bezeichnen. Provenienz dieser Äußerung noch unbekannt. Zweckdienliche Nachforschungen werden sofort eingeleitet.«

Damit drehte er sich auf seinem Stuhle um und wurde seiner Besucher ansichtig. Bei dieser jähen Bewegung stieg ihm sein schmieriges Krawattel in unergründlicher Bosheit hinten bis an den Rand der Glatze empor. Mit einem verzweifelten Ruck führte er es wieder an seinen natürlichen Bestimmungsort zurück. Dann herrschte er die Eindringlinge an: »Können Sie nicht lesen, was draußen an der Türe steht? Eintritt ist nur nach dreimaligem Anklopfen gestattet!«

»Halt's Maul!« meinte der Erzengel Raphael mit einer gewissen Gutmütigkeit.

»Was ist das für ein Ton! Sie machen sich der Beleidigung einer geheiligten Person schuldig!«

»Ah, geh!« sagte der Erzengel Gabriel freundlich.

»Ich bin eine geheiligte Person!« sprach der heiligmäßige Mann großartig.

»So siehst du auch aus!« bestätigte der Erzengel Michael.

Das rüsselnasige und langohrige Stachelschwein hatte sich in seiner ganzen Würde erhoben und stand nun in seinen bodenscheuen Hosen bebend vor Empörung und in seinem abgetragenen schwarzen, ins Grünliche schillernden Rocke schlotternd vor Entrüstung vor seinen ungebetenen Besuchern. »Was wollen Sie hier? Schauen Sie, daß Sie hinauskommen!« schrie er.

»Tu dich nur nicht hinaufregen!« sagte der Michael lächelnd.

»Vor allem verbitte ich mir das Duzen!« brüllte der sonderbare Heilige.

»Du kannst ja Sie zu uns sagen, wenn's dich freut!« meinte der Gabriel nachgiebig. »Wir haben aber zu einem Hornvieh noch nie Sie gesagt.«

Das heiligmäßige Stachelschwein schnaufte vor Wut: »Nun hab' ich's aber satt! Wollen sich die Herren legitimieren! Wer sind Sie?«

Da entgegnete der Gabriel ungemein sanft: »Wir sind eine himmlische Botschaft: Erzengel Michael, Erzengel Gabriel und Erzengel Raphael.«

»Das könnte ein jeder sagen!« kam es von den Lippen des schnüffelnden Rüsseltieres, das einen fortwährenden stummen Kampf mit dem scheußlichen _Perpetuum mobile_ seiner Krawatte führte.

»Es ist aber so! Und du hast es zu glauben! Verstanden!« erklärte der Michael mit großer Bestimmtheit.

»Ausweis!« schnauzte das eselohrige Stachelschwein. »Wo haben Sie Ihren Paß?«

»Wir haben keinen Paß!« antwortete der Gabriel.

»Wir brauchen keinen Paß!« erklärte der Raphael.

»Waaaaaaas?« Die Krawatte stieg dem Rüsseltier vor heiliger Entrüstung über die Ohren empor. »Sie haben keinen Paß? Und Sie wagen es ... Keinen Paß? Da sind Sie ja ein ganz gewöhnliches Gesindel! Jeder anständige Mensch hat seinen Paß!«