Der Hasenroman

Part 3

Chapter 31,007 wordsPublic domain

»Sei gegrüßt, mein Bruder,« sagte Franziskus. »Ich habe dein Herz klagen gehört, und ich bin gekommen, den Grund deiner Betrübnis zu erfahren. Hast du zu viel bittere Körner gegessen? Warum genießest du nicht den Frieden der Tauben und der ebenso weißen Lämmer . . .? O Mäher hinter der Ernte, was suchest du also unruhig hier, wo doch keine Unruhe mehr ist und wo du niemals wieder das Keuchen der Rüden fühlen wirst, wie sie herjagen hinter deinem Landstreicherfell?«

»Mein Freund,« gab der Spaltnasige zur Antwort, »was ich suche? ich suche meinen Gott. Solange du mein Gott warst auf der Erde, fühlte ich mich befriedigt. Aber in diesem Paradies, wo ich verloren bin, weil ich deine Gegenwart entbehre, du göttlicher Bruder der Tiere, erstickt meine Seele, denn hier finde ich ihn nicht.« »Meintest du denn,« versetzte darauf Franziskus, »daß Gott die Hasen verläßt und daß sie allein in der Welt kein Recht auf das Paradies haben?«

»Dieses nicht,« erwiderte ihm der Graustrumpf. »Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Dir wäre ich nachgegangen, denn ich habe gelernt, mich in dir so gut auszukennen wie in der irdischen Hecke mit ihren Flocken warmen Lämmerschnees, der mein Nest wohnlich macht. Vergeblich habe ich über diese Himmelswiesen hin den Gott gesucht, von dem du da redest. Doch während ihn meine Freunde sogleich entdeckten und ihr Paradies fanden, irre ich umher. Von dem Tage an, da wir von dir schieden, und in der Stunde schon meines Eingangs in den Himmel schlug mein kindisch wildes Herz in Heimweh nach der Erde.

O Franz, mein Freund, du einziger, an den ich glaube, gib mir meine Erde wieder. Ich fühle, daß ich hier nicht zu Hause bin. Gib mir meine Furchen wieder voll Kot, meine lehmigen Pfade. Das heimische Tal gib mir zurück, wo die Jagdhörner den Nebel aufrühren; die Wagenspur, von wo aus ich mein Abendläuten hörte, die Meute mit den hängenden Ohren. Gib mir meine Angst wieder. Gib mir meinen Schrecken wieder. Gib mir wieder die Erregung, die mich ergriff, wenn plötzlich ein Schuß unter meinem Sprunge die duftenden Minzen hinwegfegte oder wenn im Strauch unter den Quittenbäumen mein Mund an das Kupfer der kalten Schlinge stieß. Gib mir die Wiese wieder, wo du mich entdeckt hast. Gib mir wieder die morgenroten Wasser, aus denen der gewandte Fischer seine Netze schwer von Aalen herauszieht. Gib mir die blaue Nachlese im Monde zurück und mein furchtsames heimliches Liebesspiel in den wilden Ampfern, wenn ich nicht mehr unterscheiden konnte zwischen einem Blumenblatt, das mit Tau überlastet ins Gras glitt, und der rosigen Zunge meiner Freundin. Gib mir, o du mein Herz, gib mir meine Schwäche zurück. Und sage dem lieben Gott, daß ich nicht länger bei ihm leben kann.«

»O Graustrumpf,« erwiderte ihm darauf Franziskus, »mein Freund, sanfter mißtrauischer Bauer, kleingläubiger Hase, der du lästerst; du konntest deinen Gott nicht finden? so wisse, um diesem Gott zu begegnen, hättest du sterben müssen wie deine Genossen.«

»Aber wenn ich sterbe, was soll aus mir werden?« schrie der Strohpelz.

Und Franziskus sagte:

»Wenn du stirbst, wird aus dir dein Paradies.«

Während sie sich so besprachen, gelangten die ans Ende des Tierparadieses. Hier begann das Paradies der Menschen. Langohr neigte den Kopf und las über einem Pfahl auf einer blauen, gußeisernen Tafel mit einem Pfeil, der die Wegrichtung anzeigte:

Von Kastetis nach Balansun 5 Kilometer

Der Tag war so heiß, daß die Schrift in dem stumpfen Sommerlicht zu zittern schien. In der Ferne, auf dem Weg, wirbelte der Staub wie im Märchen vom Blaubart, wenn die Schwester fragt: Schwester Anna, siehst du noch nichts? Die silberne Trockenheit, wie war sie prächtig und duftete bitter nach Minze.

Und Langohr sah ein Pferd mit einem Karren herankommen.

Es war ein armseliger Gaul vor einem zweirädrigen Gefährt, und er konnte nur noch im Galopp und ruckweise ziehn. Jeder Schritt erschütterte sein gelockertes Gerippe, daß das Geschirr klirrte, und die helle Mähne flatterte in der Luft, grünlich wie der Bart eines alten Seemanns. Mühsam, als wären es Pflastersteine, hob das Tier seine geschwulstig aufgetriebenen Hufe . . .

Da überfiel ein Zweifel, stärker als alle bisherigen Zweifel, die Seele des Hasen und durchbohrte sie.

Dieser Zweifel war ein Schrotkorn, das soeben durch den Nacken in das Hirn des Löffelmanns drang. Ein Blutschleier, schöner als der glühende Herbst, schwebte vor seinen Augen, darin die Schatten der Ewigkeit aufstiegen. Er schrie. Die Finger eines Jägers schnürten ihm die Kehle zu, würgten ihn, erstickten ihn. Es verlangsamte sich sein Herz, das ehemals flatterte wie im Wind die bleiche wilde Rose, wenn sie zergeht um die Stunde, da es Morgen wird und die Hecke die süßen Lämmer liebkost. Einen Augenblick blieb er unbeweglich in der Faust seines Mörders, matt ausgestreckt, lang wie der Tod. Dann schnellte er auf. Seine Klauen krallten vergebens nach dem Boden, sie erreichten ihn nicht mehr, denn der Mann ließ nicht los. Langohr verrann, Tropfen um Tropfen.

Auf einmal sträubte sich sein Haar, und er wurde den sommerlichen Stoppeln gleich, worin er einst gelegen hatte neben seiner Schwester, der Wachtel, und neben seinem Bruder, dem Mohn; gleich auch der lehmigen Erde, die seine Bettlerfüße benetzt hatten; gleich dem Braun, womit die Septembertage den Hügel bekleiden, dessen Gestalt er angenommen hat; gleich der Kutte des Franziskus; gleich der Wagenspur, von wo aus er sein Abendläuten hörte, die Meute mit den hängenden Ohren; gleich dem starren Felsen, wie ihn der Quendel liebt; er glich in seinem Blick, worin jetzt ein Hauch nächtlichen Blaus schwamm, dem gesegneten Rasenplatz, auf dem ihn einst das Herz seiner Freundin im Herzen der wilden Ampfer erwartet hatte; in den Tränen, die er vergoß, glich er dem Engelquell, an dem der alte Aalfischer sitzt und seine Netze ausbessert; er glich dem Leben; er glich dem Tode; er glich sich selbst; er glich seinem Paradies.

Schluß des Hasenromans

Von Francis Jammes sind im Verlag Jakob Hegner in Hellerau erschienen: Almaide oder der Roman der Leidenschaft eines jungen Mädchens, Röslein oder der Roman eines leicht hinkenden jungen Mädchens, Klara oder der Roman eines jungen Mädchens aus der alten Zeit

Gedruckt bei Jakob Hegner in Hellerau bei Dresden