Der Hasenroman

Part 1

Chapter 13,798 wordsPublic domain

Produced by Jens Sadowski

Jammes · Hasenroman

Siebentes und achtes Tausend

Francis Jammes

Der Hasenroman

MCMXXII

Bei Jakob Hegner in Hellerau

Berechtigte Übertragung von Jakob Hegner

Copyright 1916 by Hellerauer Verlag, Dresden-Hellerau

Erstes Buch

In dem Thymian und dem Tau des Fabeldichters vernahm Langohr die Jagd; er entlief über den aufgeweichten lehmigen Pfad, denn er fürchtete seinen Schatten, die Heidekräuter kamen ihm eilig entgegen, die blauen Kirchtürme standen von Tal zu Tal auf, er rannte hinab, stürmte bergan, und seine Sprünge bogen die Halme, wo die Tropfen ineinanderflossen. In diesem geflügelten Lauf wurde der Hase ein Bruder der Lerchen, er flog über die Bezirksstraßen hinweg, und am Wegweiser überlegte er einen Augenblick lang, eh er dem Feldweg folgte, der aus dem blendenden Sonnenlicht und der geräuschvollen Kreuzung in das dunkle stille Moos führt.

An diesem Tag war er beinahe an den zwölften Kilometerstein angestoßen, zwischen Markt Kastetis und Balansun, denn seine Augen, in denen die Angst wohnt, stehn seitwärts. Noch konnte er einhalten. Seine natürlich gespaltne Oberlippe zitterte unmerklich und entblößte die langen Nager. Dann reckten sich seine gelben Landstreichergamaschen mit den vom Laufen abgestumpften Fußnägeln: er hüpfte über die Hecke, in Kugelform, die Ohren auf dem Hinterteil.

Eine gute Weile noch trug er seine Haut aufwärts, indes die beunruhigten Hunde seine Spur verloren, und wieder abwärts, bis zur Landstraße in die Pyrenäen, wo er ein Pferd mit einem Karren herankommen sah. In der Ferne, auf dem Weg, wirbelte der Staub wie im Märchen vom Blaubart, wenn die Schwester fragt: Schwester Anna, siehst du noch nichts? Die silberne Trockenheit, wie war sie prächtig und duftete bitter nach Minze. Nicht lange, so stand das Pferd vor dem Hasen.

Es war ein armseliger Gaul vor einem zweirädrigen Gefährt, und er konnte nur noch im Galopp und ruckweise ziehn. Jeder Schritt erschütterte sein gelockertes Gerippe, daß das Geschirr klirrte, und die helle Mähne flatterte in der Luft, grünlich wie der Bart eines alten Seemanns. Mühsam, als wären es Pflastersteine, hob das Tier seine geschwulstig aufgetriebenen Hufe. Langohr erschrak vor der großen lebendigen Maschine und ihrem lauten Geräusch. Er tat einen Satz und floh weiter über die Wiesen, die Stirn gegen das Gebirge, den Schwanz gegen die Heide, das rechte Auge gegen die steigende Sonne, das linke dem Dorf zu.

Endlich verkroch er sich in einem Stoppelfeld, unweit einer Wachtel, die in der Art der Hennen mit dem Bauch im Sande schlief und, von der Wärme betäubt, durch die Federn hindurch ihr Fett ausschwitzte.

Der Tag funkelte im Süden. Der Himmel erblaßte unter der Hitze und wurde perlgrau. Ein Mäusefalk schwebte mühlosen Fluges in immer höhern, immer weitern Kreisen. Wenige hundert Schritte geradeaus, und die pfauengleich schillernde Fläche eines Flusses wälzte das Spiegelbild von Erlen mit sich; ihren klebrigen Blättern entsickerte ein herber Duft, und ihre gewalttätige Schwärze brach schneidend in den klaren Glanz des Wassers. Nahe dem Damm glitten die Fische in Rudeln vorüber. Der Mariengruß rührte mit seiner himmelblauen Schwinge an den Sonnenbrand eines Kirchturms, und Langohrs Mittagsruhe begann.

Regungslos blieb er bis zum Abend in seinem Stoppelfeld, nur ein Mückenschwarm belästigte ihn ein wenig, ein Flimmern wie ein Weg in der Sonne. Erst in der Dämmerung hüpfte er zweimal leicht nach vorn und dann zwei andere Male nach links und nach rechts.

Die Nacht war da. Er wagte sich an den Fluß, wo im Mondlicht an den Spindeln des Schilfrohrs das Gespinst der Silbernebel hing.

Mitten im blumigen Gras nahm er seinen Platz, erfreut, daß zu dieser Stunde die Töne reiner Wohlklang waren und man nicht wußte, lockten Wachteln oder Quellen.

Waren die Menschen alle tot? Nur einer wachte draußen; geschäftig über dem Wasser holte er unhörbar sein strahlenrieselndes Netz heraus. Aber er störte nur das Herz der Welle, das des Hasen blieb in Frieden.

Und da geschah es, daß zwischen den Engelwurzdolden behutsam eine Kugel erschien. Es war die nahende Freundin. Langohr lief ihr entgegen, bis er sie tief im bläulichen Heu erreicht hatte. Ihre Nasen kamen aneinander. Und einen Augenblick lang, mitten im wilden Ampfer, tauschten sie Küsse. Sie trieben ihr Spiel. Dann wandten sie sich, vom Hunger geleitet, gemächlich und Seite an Seite, gegen eine dunkel hingestreckte Meierei. In dem ärmlichen Gemüsegarten, wohin sie eingedrungen waren, gab es knisternden Kohl und würzigen Thymian. Nebenan hauchte der Stall seinen Atem; hinter der Tür des Verschlages ließ das Schwein sein bewegliches Grunzen hören und sein Schnüffeln.

So verstrich die Nacht mit Essen und Lieben. Allmählich, im Morgenrot, regte sich die Finsternis. Flecken leuchteten von fernher. Alles begann zu schwanken. Ein Gockel auf dem Hühnerstall zerriß die stille Luft. Er krähte wie besessen und klatschte sich Beifall mit seinen Flügelstumpfen.

Langohr und seine Frau verließen einander an der Schwelle der Dornen- und Rosenhecke. Kristallen tauchte ein Dorf aus dem Nebel, und im Felde zeigten sich hastende Rüden, deren Ruten wie straffe Seile schaukelten; in der Minze und zwischen den Halmen mühten sie sich, die von dem lieblichen Paar geistvoll geschlungenen Schleifen zu entwirren.

Unter Maulbeeren, in einer Grube, schlug dann Langohr sein Lager auf, hier verweilte er bis zum Abend, mit offenen Augen. Hier saß er wie ein König unter dem Spitzbogen der Zweige, die ein Regenguß mit hellblauen Perlen geschmückt hatte. Endlich schlief er ein. Doch sein Traum war unruhig und nicht so, wie ihn der stille Schlummer des schwülen Nachmittags beschert. Fremd war ihm die starre Schlaftrunkenheit der Eidechse, die kaum zuckt, wenn sie das Leben der alten Mauern träumt; und fremd die zutrauliche Feierstunde des Dachses, der da in seinem lichtlosen Erdbau sitzt und es kühl hat.

Jedes noch so kleine Geräusch raunt ihm von der Gefährlichkeit dessen, was sich rührt, fällt und stößt; ein Schatten bewegt sich unerwartet: naht ein Feind? Er weiß, daß man im Nest nur dann glücklich sein darf, wenn alles jetzt ebenso ist, wie es vorher war. Daher kommt seine Liebe zur Ordnung und verhilft ihm zu seiner Behaglichkeit.

Denn warum sollte in der blauen Windstille träger Tage am wilden Rosenstrauch ein Blatt erzittern? Warum, wenn die Schatten des Unterholzes so langsam vorrücken, als ob sie den Tag festhalten wollten, warum sollten sie sich plötzlich regen? Und warum hätte er sich zu den Menschen begeben sollen, die nicht fern von seiner Zufluchtstätte die Maiskolben einsammelten, darin die Sonne ihre fahlen Lichtkörner enthüllte? Seine Lider ohne schützende Wimpern vertrugen nicht die verwirrenden Wellen der Mittage, gewiß nur darum verbot sich ihm die Nähe der Wesen, die ungeblendet in die weißen Flammen der Sicheln sehn.

Nichts lockte ihn, ehe nicht die Zeit gekommen war, wo er von selbst ausging. Seine Weisheit war eins mit den Dingen. Das Leben war ihm ein Tonwerk, und jeder Mißklang riet ihm zur Vorsicht. Er verwechselte niemals das Geläute der Hunde mit einem fernen Glockenschall; auch nicht die Bewegung des Menschen mit der des wehenden Baumes; den Knall des Gewehrs und den des knatternden Blitzes; den Blitz und das Rollen der Karren; den Ruf des Sperbers und die Dampfpfeife im Dorfe. So gab es eine ganze Sprache, und ihre Wörter waren ihm bekannt als Feinde.

Wer in der Welt hätte zu sagen vermocht, woher Langohr diese Klugheit und solches Wissen besaß? Keiner wohl, und keiner kennt ihre geheimen Wege. Denn sein Ursprung verliert sich in der Nacht der Zeiten, wo die Geschichten alle eins sind.

Kam er vielleicht aus der Arche des Noah, vom Berg Ararat, an dem Tage, da die Taube, die in ihrem Gurren noch heute das Rauschen der großen Wasser bewahrt, den Ölzweig brachte, das Zeichen, daß die Flut abnahm? Oder war er, so wie er ist, geschaffen worden, der Kurzschwanz, der Strohpelz, die Spaltnase, der Langohr, der Graustrumpf? Die Hand des Ewigen, hatte sie ihn fertig unter die Lorbeeren des Paradieses gesetzt?

Gelagert unter einem Rosenstrauch, hatte er vielleicht Eva belauscht? Wie sie sich bäumte gleich einem Füllen, zwischen den Schwertlilien die Anmut ihrer gebräunten Beine auf und nieder führte und vor den verbotnen Granatbäumen ihre goldenen Brüste spannte? Oder war er damals bloß ein weiß glühender Nebelstreif? Lebte er schon im Herzen der Porphyre, war er, unverbrennlich, ihrer Lava entronnen, um nach und nach, eh er sich mit seiner Nase in die Welt wagte, den Granit und dann die Zelle der Alge zu bewohnen? Verdankte er dem geschmolzenen Jaspis seine Pechaugen? Dem lehmigen Morast sein Fell? Dem Seetang seine nachgiebigen Ohren? Dem flüssigen Feuer sein Fieberblut?

. . . Was bekümmerte ihn seine Herkunft! Still begnügt lag er in seiner Grube. Es war im August, ein gewitterschwüler, zermürbender Nachmittag, der Himmel dunkel, pflaumenblau, hie und da geschwellt, als sollte er im nächsten Augenblick über der Ebene bersten.

Und schon hallte der Regen auf den Brombeerblättern. Immer schneller trommelten die schlanken Wasserstäbe. Langohr aber fürchtete sich nicht, denn die Regentropfen folgten aufeinander in einer ihm längst vertrauten Ordnung. Und die Nässe fühlte er nicht, denn das Wasser fiel auf die dichte Pflanzenwölbung. Nur ein einzelner Tropfen kam bis zum Grunde der Grube und schlug immer wieder auf dieselbe Stelle.

Und so bangte dem Graustrumpf nicht vor diesem Zusammenspiele. Wohl bekannt war ihm das Lied, worin die Tränen des Regens die langen Strophen bilden, und er wußte, daß weder Hund noch Mensch, noch Fuchs oder Falke daran teil haben. Der Himmel war wie eine Harfe, die Silberfäden des strömenden Regens waren von oben hinunter gespannt. Und hier unten ließ jedes Ding sie auf eine besondere Art ertönen und nahm dann wieder seine ihm eigene Weise auf. Von den grünen Fingern der Blätter rauschten die gläsernen Saiten hoch und dumpf. Hatten die Nebel Seele und Stimme erhalten?

Die von ihnen erweichte Erde schluchzte auf wie eine vom Südwind gepeinigte Frau, und dort, wo der Boden am rissigsten war und am trockensten, ließ sich das fortwährende Geräusch des Aufsaugens vernehmen, die Inbrunst brennender, dem vollen Ungewitter hingegebener Lippen.

Die Nacht nach dem Gewitter war klar. Der Regen war fast aufgesogen. Auf dem Rasen, wo Langohr sonst seine Freundin begegnete, schwebte das Wasser nur noch in dichten Nebelballen. Es sah aus wie unirdische Baumwollstauden, die ihre Hülsen in der Flut des Mondlichts gesprengt hatten. Längs den Böschungen standen die regenschweren Büsche reihenweise wie Pilger, vornübergebeugt unter der Last ihrer Säcke und Schläuche. Ringsum Friede. In eine Hand legte sich die Stirn des Engels. Das Morgengrauen harrte frostdurchschauert auf die rosenfingerige Schwester, und das niedergesunkene Gras betete zum Morgen auf.

Da plötzlich sah Langohr auf seiner Wiese einen Mann nahen, und er erschrak gar nicht. Ein erstes Mal seit Urzeiten, seitdem der Mensch Fallen stellt und Bogen spannt, erlosch der Trieb zur Flucht in der Seele des Leichtfüßigen.

Der Mann, der herankam, war angetan wie ein Baumstamm im Winter, wie mit wolligem Moos bekleidet. Er hatte eine Kapuze auf dem Kopf und Sandalen an den Füßen. Er trug keinen Stock. Seine Hände lagen verschränkt in den Ärmeln seines Mantels, ein Strick diente ihm als Gürtel. Sein bleiches, knochiges Gesicht hielt er dem Mond entgegen, und der Mond war minder blaß. Deutlich sah man die Adlernase, die Augen, tief wie die der Esel, und den schwarzen Bart, worin die Büsche Flocken von Schäfchenwolle hinterlassen hatten.

Zwei Tauben begleiteten ihn. Sie glitten von Ast zu Ast, hinein in die mildtätige Nacht. Das verliebte Haschen ihrer Flügel war wie der Kelch einer entblätterten Blume: als wollte er sich wieder vereinigen und sich von neuem zur Krone entfalten.

Drei ärmliche Hunde mit Stachelhalsbändern trabten ihm schweifwedelnd voran, und ein alter Wolf beleckte ihm den Kleidsaum. Ein Schaf und sein Junges drangen zwischen Krokus vor und stampften blökend, unsicher und entzückt, auf smaragdgrünen Traubenhyazinthen, indes drei Sperber mit den beiden Tauben zu spielen begannen. Ein schüchterner Nachtvogel pfiff jubelnd inmitten der Eicheln, dann schwang er sich auf und holte den Sperber ein und die Tauben, das Lamm und das Schaf, die Hunde, den Wolf und den Mann.

Und der Mann trat heran zu dem Hasen und sprach zu ihm:

»Ich bin Franziskus. Ich liebe dich, und ich grüße dich, Bruder. Ich grüße dich im Namen des Himmels, der die Wasser spiegelt und die glitzernden Steine, im Namen des Sauerampfers, der Rinden und der Körner, womit du deinen Hunger stillst. Komm und folge diesen Unschuldigen, die mich begleiten und sich an meine Schritte hängen, so gläubig wie der Efeu, der den Baum umklammert und nicht daran denkt, daß sich, vielleicht bald schon, der Holzfäller zeigen wird. O Hase, ich bringe dir den Glauben, wie wir ihn der eine in den andern setzen, den Glauben, der das Leben selbst ist, alles das, was wir doch nicht wissen, aber woran wir glauben. O Hase, liebes freundliches Tier, sanfter Wanderer, willst du dich unserm Glauben anschließen?«

Und solange Franziskus sprach, verhielten sich die Tiere still, sie lagen und saßen in den Zweigen, im Vertraun auf diese Worte, die sie nicht begriffen.

Nur der Hase, das Auge weit geöffnet, schien jetzt durch das Geräusch der Menschenlippen beunruhigt zu sein. Das eine Ohr nach vorn, das andere nach rückwärts gerichtet, war er unschlüssig, ob er fliehn solle oder bleiben.

Dies sah Franziskus. Er rupfte von der Wiese eine Handvoll Gras, reichte es dem Leichtfüßigen, und der folgte ihm nun.

Von dieser Nacht an blieben sie Gefährten.

Niemand vermochte ihnen zu schaden, denn der Glaube beschützte sie. Wenn Franz mit seinen Freunden halt machte, auf einem Dorfplatz, wo die Leute beim Gedudel einer Sackpfeife tanzten, dann, wenn die Ulmen zerfließen und auf den dunkeln Wirtshaustischen die Mädchen ihr Glas lachend in den Abendwind heben, bildete man einen Kreis um sie. Und das junge Volk mit Bogen oder Armbrust dachte nicht daran, Langohr zu töten, so verwunderte sie sein ruhiges Wandeln, so grausam erschien ihnen, ein armes Tier zu hintergehn, das ihnen sein Zutrauen zu Füßen legte. Sie hielten Franziskus für einen Fremden, dessen Gewerb es war, die Tiere zu zähmen, sie öffneten ihm für die Nacht ihre Scheunen und reichten ihm Almosen, wofür er seinen Tieren ihre Lieblingsspeisen kaufte.

Auch fanden die Fahrenden mühlos ihren Unterhalt, denn der Herbst, durch den sie zogen, war freigebig, die Speicher bogen sich, man ließ sie auf den Maisfeldern Nachlese halten und teilnehmen an der Weinernte, mit den Gesängen bei Sonnenuntergang. Die blonden Mägde drückten Trauben an ihre lichtumspielten Brüste. Ihre Ellbogen leuchteten emporgehoben. Oben über dem blauen Dunkel der Kastanienhaine, in Ruhe, glitten fallende Sterne. Das Heidekraut in seinem Samt wurde schwärzer. Wie seufzten die Röcke ferne in den Laubgängen.

Jene schauten vor sich das Meer, ein Gemälde an der Himmelswand, und die geneigten Segel, den weißen Sand mit seinen Flecken von den Schatten der Tamarisken, der Erdbeerbäume und der Pinien. Sie wanderten über heitere Matten, wo, herabgefallen aus der Unbeflecktheit des Schnees, die Sturzwässer zu Bächen werden, doch glitzernd die Erinnerung noch bewahren an den Spießglanz und die Firne.

Selbst wenn das Jagdhorn erklang, blieb Langohr jetzt unerschrocken und bei seinen Gesellen. Sie schützten ihn und er sie. Eines Tages wagte sich eine Meute heran und entfloh beim Anblick des Wolfes, ein anderesmal wieder schlich eine Katze den Tauben nach, entwich aber vor den Hunden mit dem Stachelhalsband, und ein Wiesel auf der Lauer nach dem Lämmchen versteckte sich vor den Raubvögeln. Langohr schreckte Schwalben ab, die auf die Eule losstürmten.

Langohrs bester Freund war einer der drei Hunde mit den Stacheln, eine Jagdhündin, gutmütig, kleinen und gedrungenen Baus, mit gestutztem Schwanz, hängenden Ohren und gebogenen Beinen. Sie war artig und umgänglich. Ihre Wiege war ein Schweinekoben gewesen, bei einem Schuster, der des Sonntags jagte. Nun war der Schuster tot, und niemand nahm sie auf. So jagte sie in den Feldern, wo sie zuletzt an Franz kam.

Langohr hielt sich immer an ihrer Seite, und wenn sie schlafen wollte, legte sie ihre Schnauze auf ihn, worauf auch er einschlummerte. Denn alle pflegten der Mittagsruhe, und Träume erfüllten ihren Schlaf in dem stumpfen Feuer der Sonne.

Franz schaute dann wieder das Paradies, das er hinter sich gelassen hatte. Ihm war, als beträte er durch das große Tor die himmlische Hauptstraße mit ihren Häusern der Auserkornen. Es waren niedrige Holzbuden, jede gleich der andern, in einem Schatten, der, hell erstrahlend, zu Tränen der Freude rührte. Aus dem Innern hervor leuchteten da ein Hobel, dort ein Hammer oder eine Feile. Hier auch war kein Ende der erhebenden Müh. Denn wenn Gott die Menschen bei ihrer Ankunft in den Himmel fragte, womit er ihre irdischen Werke belohnen solle, wollten sie immer das behalten, was ihnen zum Paradiese mit verholfen hatte. Und da war auf einmal eines jeden schlichtes Wirken irgendwie wunderbar geworden. Handwerker traten auf ihre Schwellen, und die Tische waren hinausgetragen für die Abendmahlzeit. Man hörte den Frohsinn der himmlischen Brunnen. Und auf den offnen Plätzen entfalteten sich die Engel wie Segelboote und neigten sich in der Seligkeit der andämmernden Nacht.

Die Tiere aber sahn in ihren Träumen die Erde und das Paradies nicht so, wie wir beides kennen und sehn. Sie träumten von unzusammenhängenden Ebnen, worin ihre Sinne irre wurden. Nebel fiel in sie. In Langohr wurde das Hundegebell ganz eins mit der Sonnenhitze, mit jähem Knallen, mit einem Schwitzen der Läufe, mit dem Taumel der Flucht, dem Schrecken, Lehmgeruch, hellem Wasser, hin- und herschwankenden Mohren, knisterndem Mais, Mondschein und freudiger Aufregung beim Anblick des Weibchens, wie es mitten im Duft der Waldmeister erschien.

Sie alle erblickten hinter den geschlossnen Lidern die bewegten Abbilder ihrer Lebensläufe. Nur die Tauben schützten vor der Sonne ihre lebhaften unruhigen Köpfchen: sie erschauten im Schatten ihrer Flügel ihr Paradies.

Zweites Buch

Als der Winter kam, sagte Franziskus zu seinen Freunden:

»Segen über euch, denn ihr seid Gottes. Doch bin ich in Unruhe, denn der Schrei der ziehenden Gänse verkündet eine Hungersnot, und daß es nicht in den Absichten des Himmels liegt, euch die Erde zum Wohltäter zu machen. Gelobt seien die verborgenen Ratschlüsse des Herrn.«

Das Land um sie war wirklich verödet. Aus seinen straffen Schläuchen voll Schnee träufelte der Himmel ein fahles Licht. Alle Früchte in den Hecken waren abgestorben und alle in den Gärten. Und die Körner hatten ihre Schoten verlassen, um in den Schoß der Erde einzugehn.

. . . »Gelobt seien die verborgenen Ratschlüsse des Herrn,« sagte Franziskus. »Vielleicht will er, ihr sollet mich verlassen und ein jeglicher seines Weges ziehn, auf der Suche nach Nahrung. Trennet euch also von mir, der ich nicht allen zugleich folgen kann, wenn euch der Trieb jeden wo andershin führt. Denn ihr seid im Leben und bedürfet der Speise, ich jedoch bin auferstanden und bin hier durch die Gnade, den leiblichen Bedürfnissen enthoben, und Gott ließ mich erscheinen, damit ihr von mir geleitet wäret bis an diesen Tag. Aber ich weiß nicht mehr, was tun, und kann nicht länger mehr für euch sorgen. Wollt ihr mich also verlassen, so sei einem jeden von euch die Zunge gelöst, und er sag es offen.«

Der erste, der sprach, war der Wolf.

Er hob seine Schnauze gegen Franziskus. In seinem zerzausten Schweif fegte der Wind. Er hustete. Lang war das Kleid seines Elends. Sein kläglicher Pelz gab ihm das Aussehn eines entthronten Königs. Er zögerte und blickte im Kreise um sich, von Freund zu Freund. Endlich kam seine Stimme aus dem Schlund, der rauhe Laut des Winterschnees. Und wie er seine Lefzen öffnete, sah man seine ganze frühere Entbehrung an der Länge seiner Zähne. So wild war sein Ausdruck, daß man nicht wußte, ob er seinen Herrn beißen oder ihn liebkosen wolle.

Er sagte:

»O Honig ohne Stacheln! O Armer! O Sohn Gottes! Wie könnte ich dich verlassen? Mein Leben war elend, und du hast es mit Freude erfüllt. In den Nächten, wie mußte ich da den Atem der Hunde, der Hirten und der Feuerbrände belauschen, um dann im richtigen Augenblick meine Krallen in die Kehle der schlafenden Lämmer zu versenken. Du lehrtest mich, o Seliger, die Milde der Obstgärten kennen. Ja eben noch, da sich mir der Bauch in der Lust nach Fleischesspeise höhlte, ernährte mich deine Liebe zu mir. Wie so oft war mir doch mein Hunger willkommen, wenn ich meinen Kopf auf deinen Schuh legte, denn diesen Hunger, ich ertrage ihn, um dir zu folgen, und aus Liebe zu dir will ich gerne sterben.«

Und die Tauben gurrten.

Sie beendeten ihren frierenden Doppelflug in den Zweigen eines vertrockneten Baumes. Sie konnten sich nicht zum Sprechen entschließen. Jeden Augenblick, so schien es, wollten sie zustimmen, dann wieder, in Schrecken, erfüllten sie von neuem mit ihren weißen aufschluchzenden Zärtlichkeiten den Wald, der dieser Anmut lauschte. Sie zuckten wie junge Mädchen, die ihre Tränen und ihre Arme vereinen. Sie sprachen beide zu gleicher Zeit, als hätten sie nur eine einzige, gemeinsame Stimme:

»O Franz, milder als der Schimmer des Leuchtkäfers im Moose, lieblicher als der Bach, der uns sein Lied singt, wenn wir unser laues Nest in den würzigen Schatten der jungen Pappeln hängen. Was kümmert uns, daß Reif und Not uns aus deiner Nähe verbannen und uns vertreiben wollen, hinweg zu fruchtbaren Strichen? Um deinetwillen werden wir die Not lieben und Frost und Reif. Und deiner Liebe willen wollen wir auf unsre Neigungen verzichten. Und müssen wir vor Kälte sterben, so wird es Herz an Herz geschehn, o Herr.«

Und einer der Hunde mit dem Stachelhalsband trat hervor. Es war die Jagdhündin, die Freundin des Hasen. Wie der Wolf, hatte auch sie schon hart unter dem Hunger gelitten und klapperte mit den Zähnen. Ihre Ohren runzelten sich, auch wenn sie sie hob; ihr Schwanz, zerfahren wie eine Baumwollspindel, hielt sich unbewegt wagrecht. Die rotgelben Augen richteten sich auf Franziskus mit der Glut des unbedingten Glaubens. Und ihre beiden Genossen, die sich anschickten, vertrauensvoll zuzuhören, senkten gutmütig und unwissend den Kopf. Und sie, die Hirtenhunde, die niemals was anderes gehört hatten als das Greinen der Schellen, das Blöken der Herden und den Geißelschlag des Blitzes auf den Gipfeln, sie warteten ab, glücklich und stolz darüber, daß die kleine Jagdhündin bekannte.

Da versuchte diese einen Schritt, aber kein Laut kam aus ihrer Kehle. Sie leckte die Hand des Heiligen, dann legte sie sich ihm zu Füßen.

Und das Schaf blökte.

Sein Blöken war so traurig, als hauchte es seine Seele dem Tod entgegen, schon bei dem bloßen Gedanken an eine Trennung von Franz. Als es nun schwieg, hörte man auf einmal sein von einer befremdlichen Schwermut ergriffenes Lämmchen weinen wie ein Kind. Und das Schaf sprach:

»Nicht die Munterkeit der Matten, die der Morgen mit seinem Brodem dämpft, nicht in den Bergen das Süßholz, das der Nebel mit seinem Silberseim beperlt, noch die Streu in der verräucherten Hütte, sie alle sind nicht zu vergleichen mit den Almen deines Herzens. Lieber als dich zu verlassen, ist uns das blutige und ekle Schlachthaus, das Schwanken auf dem Karren, der uns dorthin bringt, blökend und die Füße gebunden und die Rippen und die Wange auf dein Brett. O Franz, unser Tod wäre, dich zu verlieren, denn wir lieben dich.«

Und während dieser Rede hielten Uhu und Sperber beisammen hockend unbeweglich stand, die Augen voll Angst und, um nicht fortzufliegen, die Flügel fest an den Leib gepreßt.

Der letzte, der sprach, war der Hase.