Der Hase: Eine Erzählung

Part 2

Chapter 23,402 wordsPublic domain

Die Landstraße führte aus dem Wald hervor und war dunkel. Die ganze Nacht schritt ich durch; gegen Morgen hätte ich gern ein Kruzifix geküßt. Ich hatte aber keines; nur ein zerrissenes schmutziges Tuch und einen harten Knotenstock. Ein Widerstand versperrte mir den Weg. Dumpf pochte ich an das eichene Tor. Hier war unter der Klinke ein wurmstichiges Loch im Holz. Da griff ich an die Stirn, mein Atem ging schneller, meine Augen weiteten sich. Ich pochte laut und ungeduldig. Der Torflügel ging auf. Ich stützte mich auf meinen Knotenstock und sah geradeaus. Das war das Haus. Ein Diener stand da. Er fragte nicht. Einen zerfetzten Gauch braucht auch keiner zu fragen. Man wartet, bis er selbst bittet. Ich schaute lange durch das Dunkel der Tür; dann schritt ich plötzlich fest ein, warf keinen Blick auf den Diener, sah geradeaus, immer geradeaus. Hart und bestimmt sprach ich: »Das ist mein Haus.« Da erkannte mich der Diener an der heftigen Gebärde. Er streckte die Arme empor, drehte sich um, lief und rief: »Der Herr ist gekommen, ihr da hört, unser Herr ist gekommen!« Sie eilten alle herbei und weinten. Da erfaßte mich Ekel. Denn ich, der sie immer geschlagen hatte, ich, der jetzt kam wie ein Landstreicher, ich war der Tränen um mich nicht wert. Mein Auge ward böse. Sie wichen zurück und gehorchten. Ich schritt ein in mein Schloß. Ich wusch mich rein vom Schmutz der Landstraße, der Erde und der Jahre. Als ich aus dem Wasser stieg, sah ich mit Verachtung auf das Bündel meiner Demütigung hernieder; dann war ich in neuen Gewändern. Wieder gingen die Diener scheu. Wieder war eine irrsinnig leise Tätigkeit im Hause. In den Gemächern und auf den Gängen war mehr Schatten als Helle. Alle Tage war das so. Ich saß in dem großen schwarzen Zimmer auf dem grün gepolsterten Lehnstuhl. Ich sah starr vor mich hin. Ich träumte allein; es war leblos und still im Raum. Ich hatte einen neuen Willen und eine neue Gewalt. Ich wollte nicht mehr daran denken. Ich wollte nichts denken. Des Nachts saß ich auch auf diesem Stuhl. Die bösen Mächte schienen keine Macht zu haben über den, der da im Grünen saß. Eines Morgens weckte mich eine Fliege aus meinem grenzenlosen Schlaf. Ich schlug zu. Sie fiel tot zu Boden. Ich war plötzlich ganz wach und ängstlich. Ich hatte noch nie ein Tier getötet, und mein Blick erstarrte. Es kam ein Bewußtsein über mich, das nicht schrecklich war und auch nicht gut. Hernach kam mir der Gedanke, daß dieser Mord die frühe Vorausahnung späterer Morde sein müsse. Es war mir auf einmal, als stünde ich in dunkler Nacht am Meeresstrande: Ich hörte den Sturm heulen, aber Nacht lag vor meinen Augen. Ich sah das Meer, das dunkle tobende Meer nicht; ich wußte nur, es war da, ganz nahe. Ich hätte jetzt gern geweint. Ich konnte nicht. Ich wollte lachen. Ich konnte nicht. An diesem Morgen sah ich keine Sonne; nur Nebel drückte sich an die Scheiben und machte den Tag grau. Immer pocht mein Herz im Herbst so bang. Warum nur? Ich saß wie gebrochen im Lehnstuhl und sah vor mich hin. Ich wußte nichts. Ich weiß nichts. Wenn man jenes Wissen, eine Fliege getötet zu haben, als Wissen nehmen will, dann weiß ich viel.

Eines Tages sahen mich die Diener fremd an. Das war ein Tag. Am zweiten blickten sie frech. Ich wies sie zurecht. Sie lachten. Dann trat plötzlich ein Mann mit einer grünen Mütze ins Zimmer. Er nahm aus einem Bündel Papiere ein Schriftstück und reichte es mir. Sein Gesicht war nicht sanft, nicht böse. Er lachte nicht, er weinte nicht. Weder war Unmut noch Zufriedenheit aus seinem Blick zu deuten. Ich nahm das zusammengelegte Papier, entfaltete und las; im Augenblick hatte ich nicht einmal Kraft zum Erstaunen. Dann fiel es nieder. Ich wollte schreien, brachte jedoch keinen Laut über meine bitteren Lippen. Mein Auge sah geradeaus, ins Schwarze des Nichts hinein. Langsam begriff ich: meine Schulden waren größer als mein Besitz. Alles Bargeld erschöpft. Ich war arm. Ich war ohne Haus. Das wußte ich. Ich stand auf und sagte: »Ja!« Dann leiser: »Nehmt, was euer ist.« So ging ich.

Boleslav hauste unweit des Schlosses in einer Köhlerhütte. Langsam schritt ich durch den Wald. Ich hatte keine Gedanken, Ich hatte alles vergessen. Mein Hirn war ausgelöscht. Da stand Boleslav vor mir. Schwarz von Angesicht, den Kittel beschmutzt. Ich hatte ihn früher beschimpft und geschlagen. Jetzt war ich stumm. Denn bitten konnte ich noch nicht. Boleslav fiel nieder und küßte meine Füße. Ich wies auf die Hütte. Er stand auf und ging demütig voraus. In der Hütte brannte ein Feuer. Es roch nach Rauch, Harz, verbrannten Fichtennadeln und Wild. Er machte mir ein Lager zurecht. Nun reichte er mir Fleisch und Obst. Ich schüttelte das Haupt, warf mich auf die Spreu und schlief ein. Im Schlaf hörte ich eintönige Laute, als betete jemand. Ich habe mich nicht gesehen, aber ich muß verzweiflungsvoll und unbewußt aus dem Schlaf gelächelt haben. Am Morgen gab mir Boleslav warme Kuhmilch. Ich trank. Dann ergriff ich seine schmutzigen Hände, küßte sie und weinte. Boleslav schien das nicht fassen zu können, nahezu entsetzt sprang er auf und rief: »Herr, Herr, was tut ihr?« Ich wußte kaum, was ich sprach, doch auf einmal fühlte ich nach langer, langer Zeit eine haltlos freie Seligkeit und immer und immer wieder sagte ich: »Komm, weine mit mir. Weine mit mir, denn es sind viele Jahre vergangen, daß ich nicht mehr geweint habe. Immer wollte ich weinen, aber nie vermochte ichs. Boleslav, gib mir deine Hand! Du bist gut. Ich habe dich geschlagen, tat ich dir weh? Sieh, ich wußte es nicht, sonst hätte ich es nicht getan: Dann beugte ich mich zu ihm nieder und flüsterte geheimnisvoll.« »Weißt du, hätte ich damals weinen können, so hätte ich dich auch nicht geschlagen. Jetzt kann ich weinen! Weißt du, was das heißt?« Meine Stimme erstickte vor Freiheit: »Jetzt kann ich weinen, Boleslav, freue dich, weine mit mir!« Boleslav wußte nicht, wie ihm geschah. Er stammelte ratlos und unbeholfen: »Herr, Herr, Herr . . .« Plötzlich schien ihm etwas einzufallen; er sprang auf und brachte eine Schüssel mit Wasser herbei. Ich tauchte meine Hände ins Wasser und benetzte mir Augen und Stirn. Ein Pferd wieherte in der Nähe. Boleslav lief hinaus. Ich weinte nicht mehr. Denn ein mir neuer Gedanke brach über mich herein: Es gibt Menschen auf der Welt. Nein! das will ich nicht denken. Denn sonst käme abermals jene Frage und früge: Wer? Boleslav trat wieder in die Hütte. Boleslav war ein guter Mensch. Ich blieb.

Ich half dem Köhler und Knecht Boleslav bei der Arbeit. Ich spaltete Holz. Ich blies Feuer an. Ich wusch den Kessel. Ich molk die Kuh. Ich half ihm die Pferde bewachen. Geweint habe ich nach jenem Morgen nicht mehr. Zeit verging. Ob es Jahre oder Stunden waren, wußte ich nicht. Boleslav war nicht mehr unterwürfig zu mir. Manchmal sah ich in seinem Blick etwas Lauerndes, das sogar herrschend wurde, weil meine Augen nicht mehr befahlen. Rief ich: »Boleslav!« so murrte er mitunter. Ja, er wagte es, mich bei meinem verfluchten Namen zu rufen. Die Jahreszeiten wechselten. Meine Haut wurde hart wie Leder. Einmal wollte ich mich auf eines der Pferde schwingen und in den Wald reiten. Da rief mich seine Stimme zurück. Ich hörte nicht. Da lief Boleslav mir nach, zerrte mich an meinem Bein vom Pferd herunter und schlug mich. Voller Wut schlug ich zurück. Wir wälzten uns am Boden. Meine Kräfte waren zu schwach. Er schlug mich lange, bis ich nichts mehr spürte. Dann warf er mich in ein Erdloch, in dem er früher Schweine gehalten hatte. Ich weiß nicht, warum mich Boleslav überfallen hat. Vielleicht hatte er in jenem Augenblick gefühlt, daß ich nicht mehr Herr sei, und alle seine Demut hatte sich in feige Wut verwandelt. Boleslav hielt mich viele Tage in dem Loch eingesperrt. Ich war allein. Nur Erde um mich. Heraus konnte ich nicht, denn die Zauntür war aus starken Ästen gemacht. Doch ich war nicht allein! Auf meiner Hand kroch eine Fliege. Ich sah und sah und sah. Tränen drangen mir aus den Augen, warm und gut. Ich war nicht allein mit der Erde! Eine Fliege war hier, bei mir und teilte mein Leid. Kein Mensch weiß, wie beglückend es ist, im Alleinsein, in der Einsamkeit ein alltägliches Tier zu finden. Ich weiß es. Gute Fliege. Als mir eines Tages Boleslav Wasser und Obst hereinreichte, rief ich leise: »Boleslav.« Da ließ er mich frei. Aus Dankbarkeit machte ich ihm in der Hütte ein großes Feuer an. Am Morgen nahm ich Früchte und gedörrtes Fleisch, hing mir eine tönerne Flasche mit Wasser um, gab Boleslav die Hand und ging.

Da war die kleine Stadt mit dem Rohrbrunnen am Markte. Bei einem Küfer ward ich aufgenommen. Ich las ihm nach Feierabend aus der Bibel vor. Tagsüber half ich seiner Frau, wusch die Kinder und tat Dienst wie eine Magd. Am Sonntag schrieb ich dem Meister die Rechnungen der Woche. So diente ich meinen Mitmenschen für karge Speise und Wohnung. Ich suchte alles zu vergessen. Ich dachte an nichts. Mein Leben war gerecht; wenigstens nicht ungerechter als das der andern. Brannte des Nachts in meiner Kammer die Unschlittkerze, sah ich in die Flamme, lange. Und ich sah Feuer, nichts als Feuer. Nicht mehr traten mir aus der Flamme Schemen, fremde vergessene oder irgendwo verlorene Gestalten entgegen. Keine Frage wollte beantwortet sein. Ich konnte sagen, ich war beinahe frei. Das tat ich auch jede Nacht, statt ein Gebet zu sagen. Dann löschte ich das Licht aus. Leute rannten. Tore und Fenster wurden aufgerissen. Glocken läuteten. Dann wirbelte die Trommel ihre Kriegsweisen. Ich hörte das und lachte, lachte, lachte. Dann schrie ich laut durch das ganze Haus: »Nein, nein, nein!« Ich rannte zum Markt. Ich vertrieb am Rohrbrunnen die Weiber mit meinem Geschrei. Ich lief zurück. Treppauf in meine Kammer. Dort schlug ich eine Scheibe ein. Dann hinunter, dann wieder hinauf. Das Hirn schien mir aus dem Kopf zu weichen, als mein Meister mich fragte: »Wann meldest du dich bei deiner Fahne?« Mein Gelächter war wie Ochsengebrüll; dann ward ich plötzlich still. Ich hörte mich nur atmen. Wieder rannte ich die Holzstiege empor in meine Kammer. Oben sank ich auf mein Bett und sagte immer nur vor mich hin: »Ich will nicht spielen, ich will nicht! Hinweg mit der Karte des Königs! Hinweg!« Dann tönte es an meine Ohren, höhnend und dumpf: »Du mußt, du mußt!« Ich hielt es hier nicht aus. Eine Hand mit Spielkarten sah ich vor meinen Augen auftauchen und wieder verschwinden. Ich stürmte aus dem Haus, lief durch die Stadt in die Felder hinein. Die Karten! Die Karten! Immer im Kreise um die Stadt. Die Hand mit den Karten wich nicht. Der Mond ward hell; der Mond war schon bleich geworden, als ich keuchend wiederum vor dem Hause des Küfers stand und langsam, sehr langsam die Stiege zu meiner Kammer emporkletterte. Ich war müde, fand aber keinen Schlaf. Nur ein lebender Traum schwand nicht. Die Hand kroch herauf wie ein großer mißgestalteter Käfer, ließ die Karten auf meine Bettdecke fallen, und eine Stimme rief, ohne zu tönen: »Spiele!« -- »Ich will nicht!« schrie ich auf. -- »Du mußt. Der König will es!« und die Karte mit dem König ward riesengroß im Raum. -- »Gelobt sei der König, aber ich habe nie Karten gespielt, ich will nicht!!« Die Karten schienen mir auf einmal zu lachen, aber kalt und hart, wie das Lachen des Gesetzes. Es war schrecklicher noch als tonloses Gelächter. So würde das Gesetz gewiß lachen, wollte einer, der zu einer Mordtat vorbestimmt ist, entweichen, mit seinem Leben entweichen wie ein Deserteur, noch ehe er die Tat begangen. Da würde das Gesetz lachen, ohne Geräusch. Auch die äußere Geste würde das Gelächter nicht verraten. Dennoch wüßte jeder: Hier lacht jemand. Genau so lachten jetzt die Karten. Dazwischen drangen Befehle: »Spiele! Auf dieser Seite ist der König; auf deiner der Landsknecht! Hier wird befohlen, dort gehorcht. Gehorche also und spiele mit!« »Nein, nein!« meine Stimme war ganz leise geworden. -- »Los!« ertönte es von der Gegenseite. »Hier sind die Karten, du mußt spielen!« -- »Muß ich?« fragte nicht ich, sondern eine andere Stimme aus mir heraus. »Du mußt!« Dann sank ich in traumlosen Schlaf. Und die Schritte dröhnten genau und überraschend kurz. Die Trommel klang dumpf. Die Pfeife schrill. Und sie marschierten vorüber. Die Sonne ging auf und schien durchs Fenster. Mürbe und schwach erhob ich mich. Da sank ich wieder zurück aufs Bett. Ein Gedanke wurde übermächtig in mir: War Frieden und alles geordnet, fand ich ihn nicht. Jetzt war Krieg, wo alles durcheinandergeht, wo die Zahl sich auf den Kopf stellt und der Fisch aufs Land springt, die Feldmaus aber ins Wasser; jetzt kannst du auch ihn finden. Du kannst ihn als Krieger finden. Vielleicht wird er dir als Feind gegenüberstehen. Du kannst ihn durchbohren, denn es ist sogar deine Pflicht. Es wird dir befohlen. Er kann aber auch dich töten, denn auch ihm wird es befohlen. Alles gleich. So oder so, in jedem Fall wirst du von ihm frei. »Reicht mir die Karten! Ich spiele!«

Die Erde drehte sich schneller. Stürme und Wolken waren unheimlich. Das Mondlicht schien sonnig, die Sonne kühl wie der Mond. Bäume und Steine waren zerfetzt. In der Luft war Rache ohne Grund. Horizonte bluteten, Gebirge rauchten. Flüsse waren heiß; die Menschen kalt und feindlich. Der Bruder sagte zum Bruder »Satan!« Und hatten doch beide vorher Milch von einer Kuh getrunken. Ich zog mit. Das Schrecklichste, was Menschenaugen sehen können, sah ich. Ich zog mit. Vorne tobten Schlachten. Rückwärts kamen wir noch, als Gehilfen des Arztes; es war hier noch entsetzlicher als vorn. Ich sah das alles; ich hoffte nicht, und ich verzweifelte auch nicht. Wochen vergingen so; Monate. Ein Jahr. Zwei Jahre. Kein Ende, kein Anfang. Städte, Dörfer, Länder wechselten mit Soldatengeschrei, Kugellärm, Verfolgungen. Wohin wir kamen, war Verzweiflung und Tod. Ich habe erlebt. Da saß der alte Mann; bei seiner zerstörten Hütte. Schon vor zwei Jahren war er hier gesessen, als die Russen das Dorf verlassen hatten und wir eingezogen waren. Weib und Kind hatte ihm der Krieg genommen. Sein Haus war tot. Nur er war übrig geblieben, er und seine Kuh. Er saß da und hielt die Kuh an einem Strick. Dann wichen wir. Und kamen wieder durchs Dorf. Noch immer saß er da. Bei seiner Kuh. Manchmal stand er auf und holte ihr Futter. Ohne Dach, bei gutem und schlechtem Wetter saß er da und bewachte sie. Nun saß er wieder da. Bei seiner Kuh. Noch immer an der selben Stelle. Wie oft wohl mögen an ihm Freund und Feind vorübergezogen sein? Heute die, morgen die. Er saß da mit seiner Kuh. Gute und schlechte Menschen marschierten an ihnen vorbei. Die Guten sahen die Zwei an, die Schlechten sahen beiseite. Niemand tat dem Greise etwas; auch nicht seiner Kuh. Ringsherum war Verwüstung und Tod. Nur die beiden blieben. Ein Mensch und ein Tier. Ein Mann und ein weibliches Tier. Als Gewalt des Lebens, als Ruf der unzerstörbaren Natur. Jetzt reichte er seiner Kuh Futter. Sie fraß. Der Alte hatte kindliche Freude; er strich ihr mit der zittrigen Hand kosend über das Fell. Sein Blick war leuchtend und unmenschlich gut. Und dauert der Krieg bis ins Endlose, die beiden werden hier siegen und still auf Hoffnung warten. Sie werden den Krieg überleben. Der Mann und die Kuh. Der Mensch und das Tier. Schwer ging ich weiter. Viele Menschen hatte ich in dieser Zeit gesehen. Menschen vieler Völker; Menschen ohne Hoffart, ohne Trost. Dennoch fand ich nie den, den ich suchte. Immer war ich ruhelos. Meine Kameraden verspotteten mich. Der Feldscher zog mir allabendlich die Mütze mit Gewalt ins Gesicht und lachte mit den anderen unbändig. Ich nicht. Ich verband die Verwundeten und lachte nie. Und das war der Karst. Hier in dem slowenischen Dorf waren wir vor der Schlacht. Ruhig waren die Menschen, als gäbe es keinen Krieg. Bis dann die grausame Nacht kam, die groß in Vernichtung war. Im Sturmschritt rückten wir an. Wir, die Blessiertenträger waren mit vorn. Dann, nach Wochen zogen wir zurück. Das Dorf war nicht mehr. Nur Trümmer und Rauch. Da sah ich das Furchtbare. Von jedem Haus war irgend ein Rest geblieben. Hier eine halbe Wand, dort die Grundmauern, in der Mitte Schutt und Balken. Steine und Holz, Holz und Steine in der qualvollsten Unordnung. Und oben der Himmel. Plötzlich wollte ich aufschreien; der Laut blieb mir im Mund stecken wie ein qualmender Pfahl. Überall, wo vorher die Häuser gestanden, hier und dort, und dort und hier saßen Katzen. Sie rührten sich nicht vom Fleck. Es waren schwarze Katzen, halb verhungert, schwarze Skelette. Nur ihre Augen glommen wie kleine unlebendige Feuer. Sie lebten nicht und waren nicht tot, sie waren tot und lebten doch: Sie waren wahnsinnig. Langsam kletterte ich über die Trümmer. Die Katzen wichen nicht, bewegten sich nicht. Wie stumme, schwarze Anklagen gegen alles Menschliche saßen sie hier und starrten: Die letzten Grundpfeiler des Hauses. Als ich an dem äußersten Schutthaufen vorüberkam, waren mir die Knie schwer wie Blei geworden. Ich wollte nicht aufsehen; dennoch fühlte ich einen Blick auf mich gerichtet und sah in die irren Augen einer Katzenmutter; an ihrem Unterleib lagen zwei Junge. Die Augen der Kleinen blickten ebenso alt und irrsinnig wie die der Mutter. Da warf ich, mit Mühe schneller keuchend, den Tieren ein Stück Brot zu. Sie rührten sich nicht. Ich kam zu meinen Kameraden, wollte ihnen das Entsetzliche erzählen und war -- stumm. Sie lachten. Ich schwieg, weil ich schweigen mußte. Dumpf schlug die Trommel, dumpfer schlug die Trommel, der Krieg, der Krieg, er wurde nicht besiegt. Ich verband die Verwundeten und schwieg. Eines Tages, es war im dritten Jahre des Krieges und zur Novemberzeit, gerieten wir in feindliches Feuer. Man verfolgte uns. Wir flohen. Auch ich. Viele hetzten mich. Ich lief über die Felder wie ein Hase. Da spürte ich Schmerz. Schwarz wurde mirs vor den Augen. Ich fiel und blieb liegen. Als ich aufwachte, war alles um mich fremd. Sprache, Menschen, Raum. Ich konnte nicht reden. Langsam faßte ich. Das war ein Bauernhaus im schmutzigen galizischen Dorf. Die Leute waren teilnahmslos gut zu mir. Ein Schuß durch den Hals war meine Verwundung. Sie war leicht. Ich saß vor dem Haus in der Sonne. Nicht weit von mir war Geschrei und Pferdegewieher. Eine Schwadron lag hier im Dorf. Die Tiere hatte man in den Höfen und Ställen der Nachbarhäuser untergebracht. Vor mir lag ein weiter Hof mit einer Tränke. Eben wurden mehrere Pferde hingeführt. Da ertönte ein Hornsignal. Eine Abteilung von Fußtruppen marschierte die Straße herauf. Nun kamen die Soldaten näher, nun waren sie da, nun waren sie vorüber. Da hörte man einen Aufschrei, kurz und freudig. Einer der Soldaten, der unter den Letzten schritt, sprang aus der Reihe, lief zur Tränke, hin zu den Pferden, umhalste eines und drückte seinen Kopf an den Kopf des Tieres. Dieses vergaß zu trinken und wieherte laut. Die Abteilung hielt. Ein Korporal trat an beide heran, an den Mann und an das Pferd. Er fragte barsch. Der Soldat ließ nicht von dem Tier. Tränen strömten über sein schmutziges Gesicht, seine Stimme aber war frisch: »Mein Pferd. Das ist mein Pferd. Vor Jahren, als der Krieg kam, nahm man es mir weg. Hier steh ich auf fremder Erde; hier steht mein Pferd auf fremder Erde und trinkt fremdes Wasser. Nun freuen wir uns beide, daß wir noch leben. Denn unsere Heimat ist weit. Und dies ist mein Pferd!« Das Tier wieherte glücklich; seinen Schweif schlug es hin und her. Nun sah ich in das Gesicht des Soldaten. Ich erkannte ihn und rief: »Boleslav!« Boleslav ließ von dem Pferd ab und blickte nach der Richtung, woher der Ruf gekommen war. Ich hatte die Sprache wiedergefunden, erhob mich und ging auf ihn zu. Da erkannte auch er mich. Er fiel nieder, weinte und sprach: »Herr, Herr, Herr . . .« er konnte nicht weiter. Dann starrte er plötzlich ins Leere und sagte leise: »Warum erinnert mich in dieser Stunde auf einmal alles an meine Heimat? Ist das ein Zeichen?« Dann rief der Korporal: »Auf!« Boleslav gab mir noch schnell die Hand, umhalste das Pferd, lange, und trat dann schnell in die Reihe. Schon marschierten sie. Das Pferd hatte den Kopf den ihren Weg ziehenden Soldaten zugewandt und blickte ihnen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Es blieb noch lange so, ohne Laut. Die andern Pferde tranken. Es trank nicht.