Part 9
Und nun legt sich der Wind, und die Sonne beginnt den Kampf mit den Wolken und erringt den Sieg: schon ist der Brockengipfel frei, und rings an der Kuppe sinkt der Nebel tiefer und tiefer. Wir stehen auf einer hellbeleuchteten Insel im weiten, wallenden Wolkenmeere, jetzt tauchen auch Königsberg und Heinrichshöhe auf und verbinden sich mit dem Brocken. Wurmberg, Acker, Kahlenberg und andre Inseln erscheinen, die Buchten werden kleiner, die Halbinseln wachsen, der ganze Oberharz wird zum Festlande. Mählich tritt dann der Nebel auch im Südosten zurück, der Unterharz taucht auf, und nun liegt das ganze Gebirge so klar, so wunderschön vom weißen Meere unabsehbar umflutet und umspült, -- ein entzückendes Schauspiel. »Heiterer, herrlicher Anblick!« jubelt unser Goethe, »die ganze Welt in Wolken und Nebel, und oben alles heiter!«
Auch das Relief des Brockengebirges, das man vom 18 Meter hohen Turm gewinnt, ist unter allen Umständen interessant. Die Brockengruppe im engeren Sinne, von der Kalten Bode, der Ecker und der Ilse begrenzt, umfaßt außer dem Brocken die 1045 Meter hohe Heinrichshöhe und den 1030 Meter hohen Königsberg, seine beiden »Schultern«. Im weiteren Sinne gehören zum Brockengebirge namentlich noch: im Norden der Pesekenkopf (645 Meter), der Scharfenstein (696 Meter), der Meinekenberg und der Sandthalskopf; im Osten der Gebbersberg (685 Meter), der Renneckenberg mit den wilden Zeterklippen (929 Meter) und den nicht weniger wilden Hohneklippen (902 Meter), der Erdbeerkopf (857 Meter) und der Arensklint; im Süden der Barenberg mit den Schnarcherfelsen, der große und kleine Winterberg (902 und 837 Meter) und der Wurmberg (968 Meter).
Bei völlig klarem Himmel, wie ihn wohl ein heller Wintertag oder ein Sommertag, dem eine recht warme Nacht vorangegangen ist, bieten kann, umfaßt der Gesichtskreis mehr als den 200. Teil von Europa, und zwischen den 250 Kilometer voneinander entfernten äußersten Punkten -- wie dem Rhöngebirge und dem Hagelsberge bei Brandenburg, oder dem Kolm bei Oschatz und der Westfälischen Pforte -- kann man nach des Brockenwirts Nehse Verzeichnis 89 Städte und 668 Dörfer erkennen. »Ja, man könnte das Meer sehen, wenn es möglich wäre,« sagt treuherzig der alte Happel. Wir aber begnügen uns, in der endlosen, einförmigen Ebene, in der Hügel und Berge wie Maulwurfshaufen untergehen, die Türme von Hannover und Braunschweig, von Leipzig und Halle, von Magdeburg und Stendal und einigen andern Städten, das Schloß zu Gotha und die Wartburg, den Petersberg und die Gleichen, den Herkules auf der Wilhelmshöhe und den Klüt bei Hameln zu erkennen und richten von den in der Ferne mit etwas auffälligeren Strichen eingetragenen Bergketten des Meißner, des Westerwaldes, des Rothaargebirges, des Vogelsberges, der Rhön, des Thüringerwaldes und des Süntels, um dem Auge abschließend einen sammelnden Ruhepunkt zu bieten, noch einmal auf das Brockenfeld und die Außenkuppen und Thäler des Brockengebirges.
Dieser tadellose Rundblick bei völlig wolkenfreiem Himmel ist keineswegs das Schönste, was der Brocken bietet, aber zu verachten ist er doch auch nicht. Was hat man »an diesen langen charakterlosen Horizontallinien, die dick aufeinander liegen, ohne Anfang und Ende? Da ist gar nichts, was sich hebt und die Aufmerksamkeit zusammenhält und leitet, kein Vorgrund, kein Mittelgrund, kein Gedanke von Einheit des Ganzen. Die Kirchtürme sind angeklebt an die Wiesen wie behauene Balken, und das Licht schiebt sich dick und gleichförmig über das alles weg.« So sagt Leopold von Buch, der berühmte Geologe, in seinem launigen Vortrage vom Brocken freilich, aber wenn er abschließend fortfährt: »Nicht die Schönheit, nicht die Ferne der Gegenstände« ist es, was uns auf dem Brockengipfel so mächtig bewegt, »sondern die Wirklichkeit, die Wahrheit und das aus ihr hervortretende lebendige Gefühl der Freiheit«, so müssen wir ihm zustimmen.
Von überwältigendem Eindruck kann ein Besuch des Brockens im Winter werden, wenn der sich in Rauhreif umsetzende Nebel nicht nur jede einzelne Tannennadel gleichsam überzuckert hat und die teilweise ineinander geflossenen, in der Sonne glitzernden und blitzenden Krystalle und Eisdiamanten die Form des Baumes überwältigen, so daß die wunderbarsten Gestalten, die Märchen und Phantasie ersinnen können, manche fast gespensterhaft und beängstigend, uns rechts und links erwarten und einander ablösend begleiten. Aber auch schon die bloße Schneedecke hebt das Bild, das der Brocken uns bietet, gar wirkungsvoll. Und wer ein Gewitter dort oben erlebt -- vom Brockengespenst gar nicht zu reden -- dem wird der Tag für immer unvergeßlich sein.
Wenn sich außer den nach Schätzen suchenden Venedigern auch einzelne kühne Jäger und andere ortskundige Waldleute schon verhältnismäßig früh ausnahmsweise auf den »Brakenberg« hinaufgearbeitet haben mögen -- eine dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts angehörende Hand berichtet in einem Zusatz zu der Abhandlung »von der Herkunft der Sachsen« von einem Quell auf seinem höchsten Gipfel -- so ist doch der berühmte Arzt und Botaniker Johann Thal ([gestorben] 1583) der erste dem Namen nach bekannte Brockenbesucher, und erst im achtzehnten Jahrhundert wurden die Brockenfahrten häufiger. 1736 ward deshalb auf dem Gipfel das Wolkenhäuschen, 1743 auf der Heinrichshöhe zunächst für Torfstecher, und 1800 auf dem Brocken selbst ein Gasthaus und 1835 der erste Turm erbaut. Die Zahl der Besucher stieg von 138 im Jahre 1753, 292 im Jahre 1778 auf etwa 30000 im Jahre 1896: seitdem aber führt das Dampfroß (Abb. 45) im Sommer ungezählte Scharen hinauf, und die Verallgemeinerung des selbst im Oberharze noch vor wenigen Jahrzehnten unbekannten Schneeschuhsports (Abb. 46) macht den Brocken auch im Winter zugänglicher und seine Besteigung weniger gefährlich.
Vom Thüringer Wendelin Helbach, Thals Zeitgenossen, an hat manch Dichter den Brocken besungen, aber ein Denkmal für alle Zeiten hat ihm, und zwar ihm allein unter allen deutschen Bergen, Goethes gewaltige, Natur und Sage zur Einheit verschmelzende Dichtung im »Faust« gesetzt.
XIII.
Radau, Ecker und Ilse.
Das Brockenfeld entsendet nach Norden zwei jugendlich übermütige Flüßchen, die Radau und die Ecker.
Die Stelle, wo die Radau nach kurzem Laufe aus dem Gebirge tritt, ist die schönste im Westharze. Steil fallen die hohen und mannigfaltig geformten, mit freundlichem Buchenwald bewachsenen Berge zu der jungen Stadt Harzburg ab (Abb. 47), die sich mit ihren großartigen Gasthöfen (Abb. 48) und glänzenden Villen dazwischen und davor lagert, und bieten mit dieser vor allem dem Wanderer, der vom Ahrendsberger Forsthause oder auch vom Torfhause über den »Dreckpfuhl« kommt, ein überraschend prächtiges Bild. Und ein Gang durch dies vornehmste unserer Bäder über die der Gesellschaft zum Sammelpunkt dienenden »Eichen« an der plätschernden Radau und weiter an den großen Gabbrobrüchen hinauf bis zu den Radaufällen (Abb. 49) und zurück über das Molkenhaus gehört zu den lohnendsten und lieblichsten Partien unseres Gebirges.
[Sidenote: Der Burgberg.]
Der Burgberg, der zweimal eine Kaiserburg trug, ist mit seinen 482 Metern nicht der höchste und weitschauendste, aber durch seine hart vorspringende Lage und seinen finstern Tannenwald der bedeutendste und wirksamste. Trotz seiner Steilheit ist er auf wohlgepflegten Fußwegen bequem zu ersteigen.
Die erste, von Heinrich IV. erbaute Burg ward im März 1074 von dem durch die aufständischen Sachsenfürsten aufgestachelten Pöbel schmählich zerstört. Die zweite, zum Schutz der Reichsstadt Goslar gehörend, erstand i. J. 1180 auf Befehl Barbarossas, der den Oberbefehl über die hineingelegten Reichsdienstmannen den Grafen von Woldenberg übertrug. Am 18. August 1218 endete hier beim Grafen Heinrich I. der Welfe Otto IV. sein Leben.
Im Jahre 1269 von den Grafen von Woldenberg an die Grafen von Wernigerode verpfändet, ward diesen die Burg hundert Jahre später von dem Herzog von Braunschweig in einer Fehde abgenommen. Im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts machten von hier aus die Herren von Schwiecheldt, die als Amtleute und Pfandinhaber auf der durch ihre Lage überaus festen Burg hausten, weit und breit die Lande durch ihre Räubereien unsicher, und erst den Bombarden der verbündeten Fürsten, Bischöfe, Grafen und Städte gelang es 1415, ihre Mauern zu brechen (Abb. 50). Im dreißigjährigen Kriege in den Händen der Dänen, war sie ein Stützpunkt der Harzschützen. Aber 1650 wurden ihre 500jährigen Mauern auf Befehl des Herzogs in das Thal gestürzt und die Burg als Steinbruch benutzt. Nur geringe Mauerreste und der 57 Meter tiefe Brunnen sind von dieser berühmtesten aller Harzburgen auf unsere Tage gekommen. Aber Tausende von Fremden führt alljährlich die Erinnerung an die Geschichte dieser Stätte, auf der 1877 auch die »Canossasäule« errichtet ist, mehr noch der, wenn auch beschränkte, doch hübsche Blick in das tiefe, schmucke Radauthal und über die zu den Füßen liegende Stadt hinaus auf Braunschweig und Wolfenbüttel mit dem Fallstein, dem Elm und der Asse im Hintergrunde auf die tannenumrauschte Höhe.
Nachdem die Radau noch Vienenburg bespült hat, dessen Domanialgebäude mit den Umfassungen auf den Mauern der alten Burg ruhen, gibt sie am Fuße des Harlyberges Namen und Wasser an die Oker ab.
Die Ecker hat ihre Quelle unter den Hirschhörnern unfern des zum Königsberge führenden schönen Goethe-Weges, in unmittelbarer Nachbarschaft des Bodesprunges. Ihr Thal wird von dem von Harzburg auf den Brocken führenden Fußwege bei der Dreiherrenbrücke (dem früheren Grenzpunkte zwischen Hannover, Braunschweig und Wernigerode) und von den von Harzburg nach Ilsenburg über die Rabenklippen (Abb. 51) und durch den Schimmerwald führenden schönen Wegen oberhalb des Eckerkruges, der den Austritt der Ecker aus dem Gebirge bezeichnet, gekreuzt; doch auch eine Wanderung durch den ernsten, düsteren Fichtenwald den rauschenden, felsigen Bach entlang, hat in der erquickenden friedlichen Einsamkeit ihre Reize. An den Ruinen der Stapelnburg vorüber, auf der Graf Gerhard, mit dem 1383 das einst so berühmte Geschlecht der Woldenberger erlosch, seine letzten Jahre verlebte, wendet sich die Ecker der Oker zu.
[Sidenote: Das Ilsethal.]
Das eigentliche, echte Brockenkind ist die Ilse. Sie entspringt an der Heinrichshöhe und sammelt, rechts vom Renneckenberg begleitet, alle dem Brocken nordöstlich abströmenden Bächlein und Rinnsale. Wo sie in den Stromschnellen der Ilsefälle fröhlich und geschwätzig über die Felsgebilde tänzelt, wendet sie sich nordöstlich, durchbricht das großartige Felsenthor, das die Granitpfeiler des 460 Meter hohen, 150 Meter das Thal überragenden Ilsesteins und des gewaltigen Westerberges bilden, und eilt, immer noch mutwillig, aber etwas ruhiger, dem sich an den Gebirgsrand drängenden Flecken Ilsenburg zu.
Das Ilsethal ist wohl das anmutigste und lieblichste im ganzen Harze. Eine Wanderung von den »Roten Forellen« an der klaren Ilse hinauf, deren silberne Wellen kühlend uns entgegenrauschen, bis zu den Ilsefällen (Abb. 52), wo die Wasser, in denen die wunderschöne, alle Guten beglückende Prinzessin sich badet, sich bald zu einem breiten, glänzenden Spiegel ausbreiten, bald in zahllose Bänder aufgelöst, kraus die Felsen umschlingen, bald wild aufschäumend und zischend sich zwischen einengenden Felsen hindurchdrängen oder aus Steinspalten neckisch hervorsprudeln, gehört, wenn die Touristenschwärme nicht allzu sehr stören, zu den höchsten und nachhaltig wirkenden Genüssen im Harze. Auch den Ilsestein mit seinem Kreuze, dem vom Grafen Anton den im Befreiungskriege Gefallenen errichteten Denkmal, besteigen wir, so befriedigend auch die Aussicht in die liebliche Landschaft ist, vor allem doch nur, um auch von hier aus das unvergleichlich reizvolle Thal zu genießen. Vielleicht setzen wir aber unsern Spaziergang noch um ein Kleines fort, um unter den schattigen Eichen der 530 Meter hoch gelegenen Plessenburg ein Viertelstündchen zu rasten und uns dabei des vom Förstertöchterchen verschmähten Ernst Schulze, des Dichters der »Bezauberten Rose« und der »Cäcilie«, zu erinnern.
[Sidenote: Ilsenburg.]
Im Flecken Ilsenburg (Abb. 53), der sich in das stimmungsvolle Bild des Thales harmonisch einordnet, zieht uns von allem das fürstliche Schloß an, das außer einem Neubau auch die stilvoll restaurierten Überreste der romanischen Klosterbauten umfaßt. Ursprünglich ein königliches Besitztum, wurde die Elysinaburg unter der Gunst der Kaiser Otto II. und Heinrich II. vom Halberstädter Bischof Arnulf in ein Kloster umgewandelt, das schon unter dem Abte Herrand, dem Neffen des Bischofs Burchard zu hoher Blüte gelangte, später aber unter Kriegen und Fehden schwer zu leiden hatte. Am 1. Mai 1525 von den Bauern erstürmt, wurde es von seinem erlauchten Schirmherrn nach Annahme der Reformation in eine Schule umgewandelt, die erst unter den Schrecken des dreißigjährigen Krieges zu Grunde ging. Eine neue, bessere Zeit hatte sich aber bereits dadurch vorbereitet, daß Graf Heinrich das Kloster 1609 zum Witwensitz für seine Gemahlin ausbaute, und zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts war es sogar Residenz des regierenden Grafen.
XIV.
Die Holtemme.
Während die Ilse noch der Oker und damit der Weser zuströmt, gehört die am Renneckenberge entspringende Holtemme bereits der Bode und also dem Elbegebiete an. Fast so eilfertig wie die Ilse, hat sie nächst dieser (1 : 10-1/2) das stärkste Gefälle (1 : 18) von allen Harzgewässern. Durch einen unter den wilden Hohneklippen, welche die Hochebene um 400 Meter steil überragen, entspringenden Bach verstärkt, hat sie ihren Glanzpunkt in der Steinernen Renne (Abb. 54): in einer engen, finstern Waldschlucht stürzen ihre fast zu Schaum sich auflösenden Wasser in einer langen Reihe von Kaskaden, die zur Zeit der Schneeschmelze oder nach einem kräftigen Gewitterregen wohl an alpine Wasserstürze erinnern können, über die von Granitblöcken gebildeten Terrassen wild in das Thal hinab.
[Sidenote: Wernigerode.]
Von rechts vereinigt sich mit dem Thal der Holtemme das Drängethal, in welchem Chaussee und Eisenbahn von Wernigerode aus über »Drei Annen-Hohne«, die Hochebene, Schierke und den Brocken erklettern. In dem bei der Vereinigung sich weitenden und seine Schönheit einbüßenden Thale erstreckt sich unendlich lang das Dorf Hasserode, ein Vorort Wernigerodes, und im rechten Winkel dazu setzt sich östlich an die Stadt der Flecken Nöschenrode, der sich fast in gleicher Länge im Zillier- (oder Mühlen-) Thale hinaufzieht. Der Zillierbach hat seine Quellen südlich von den Hohneklippen am Erdbeerkopfe und wird auf seinem linken Ufer von nicht unbedeutenden Höhen, dem 535 Meter hohen Salz- und dem 518 Meter hohen Hilmarsberge, begleitet, sein Thal hat aber, im Gegensatz zum Thal der Holtemme, unterharzischen Charakter.
Auf mächtigem, waldigem Berge erhebt sich, 120 Meter über der Stadt, inmitten herrlicher Gärten und Parkanlagen, mit stattlichen Türmen und blinkenden Zinnen das fürstliche Schloß (Abb. 55), ein prachtvoller Neubau, in den sich die benutzbaren Reste der alten Grafenburg harmonisch einfügen. Entzückend schön ist dort oben der Blick über die reizvollen Waldthäler, unter denen das Christianenthal (Abb. 56) mit seinen Teichen und Wiesen, seinen Weiden und Riesenfichten sich durch Lieblichkeit auszeichnet, in die tannengekrönten Harzberge bis hin zum alles beherrschenden Brocken und über die stattliche Stadt zu Füßen hinweg in die weite, lachende Ebene mit den dicht hingestreuten Ortschaften. Nimmt es unter den Harzschlössern jetzt entschieden die erste Stelle ein, so werden ihm überhaupt nur wenige Bergschlösser in Bau und Lage an Schönheit gleichkommen.
Die erste Burg über dem von einem unbekannten Werniger angelegten Dorfe erbaute zwischen 1117 und 1121 der Graf Adalbert von Haimar und schrieb sich seitdem Graf von Wernigerode. Als dessen Nachkommen am 3. Juni 1429 mit dem Grafen Heinrich ausstarben, gingen die Besitzungen des Geschlechts an die mit ihm erbverbrüderten Grafen zu Stolberg über. In den nächsten Jahrhunderten war Wernigerode nicht die ständige Residenz des regierenden Grafen, sondern meistens nur der Wohnsitz der jüngeren Söhne und Brüder; doch feierte Graf Wolfgang, das Haupt der Familie, hier im Juni 1541 seine Vermählung mit der Gräfin Dorothea von Blankenburg. Erst Graf Christian Ernst, der 1712 nach dem Tode seines Oheims Ernst zur Regierung kam, versetzte die Hofhaltung von Ilsenburg, das seit der Erbteilung von 1645 Residenz geworden war, dauernd nach Wernigerode. Die von seinen Brüdern begründeten Linien Gedern und Schwarza erloschen 1804 und 1748, so daß die reichen Besitzungen des durchlauchtigen Hauses wieder sämtlich vereinigt sind.
Die Einwohnerzahl der Stadt hat sich von 4036 im Jahre 1813 auf 11600 im Jahre 1900 gehoben. Damals durch ihre engen, schmutzigen Straßen mit abscheulichem Pflaster bekannt, gehört »die Stadt vor dem Brocken« (Abb. 57) mit ihren ansehnlichen, schmucken Neubauten, ihren breiten, wohlgepflegten Straßen, mit denen schöne Promenaden wetteifern, jetzt entschieden zu den schönsten unserer Harzstädte. -- Von mittelalterlichen Bauwerken hat sich außer dem stilgerechten Rathause (Abb. 58) von 1498 noch manches interessante Wohnhaus erhalten, von denen besonders das Gadenstedtsche aus dem Jahre 1582, das Gotische und das Frankenfeldsche der Besichtigung wert sind (Abb. 59). Von Wernigerode wendet sich die Holtemme über Halberstadt der Bode zu.
[Sidenote: Halberstadt.]
Der berühmte Bischofssitz Halberstadt (Abb. 61) ist eine der ältesten Städte in unsern Gegenden und trägt in seinen alten Straßen ein ehrwürdiges, mittelalterliches Gepräge. Besonders interessant ist der in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts in Fachwerk erbaute Ratskeller am Fischmarkte. Ihm gegenüber erhebt sich das altertümliche Rathaus (Abb. 60), ein gotischer Steinbau aus der Zeit von 1360 bis 1381 mit späteren, jedoch die Wirkung des Bildes nicht störenden Anbauten. Den Domplatz, an dem auch der Petershof, die frühere Residenz der Fürstbischöfe, liegt, begrenzen zwei alte Gotteshäuser, die mit vier Türmen gezierte romanische Liebfrauenkirche, deren älteste Teile fast bis zum Jahre 1000 zurückreichen, und der majestätische Dom (Abb. 62), das herrlichste, großartigste Gotteshaus der Harzlande: bald nach dem Jahre 1179, in dem Heinrich der Löwe die erste bischöfliche Kirche niederbrannte, begonnen, konnte er erst 1491 geweiht werden, und die Türme, an denen auch gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts gebaut wurde, sind gar erst vor wenigen Jahrzehnten in Abschluß der 1847 angefangenen Restauration der Kirche in ihrer ganzen Höhe fertig gestellt. Wie vor dem Rathause ein riesengroßer Roland, so befindet sich vor dem Dome der Lügenstein, das Wahrzeichen der Stadt. Hinter dem Domchor liegt das einfache Haus des »Vaters« Gleim, der hier von 1747 bis 1803 als Domsekretär lebte. In seinem »Freundschaftstempel« umschließt es mehr als hundert Bildnisse von Dichtern und Schriftstellern, Fürsten und Helden, einst fast alles Gäste dieses Hauses, sowie ihren Briefwechsel mit Gleim und eine wertvolle Bibliothek.
Im Süden wird Halberstadt fast von dem Goldbache berührt, der sich bei Wegeleben in die Bode ergießt. Von diesem Bache erstrecken sich drei parallele Hügelketten von Nordwest nach Südost bis an die Ufer der Bode. Die nördliche beginnt mit den Spiegelsbergen, einem schönen öffentlichen Parke, den der Domdechant von Spiegel, Gleims Zeitgenosse, auf der bis dahin öden Anhöhe geschaffen hat; unter den wirkungsvollen Baumgruppen fallen besonders die alten Kiefern ins Auge. An diesen Park, dessen Turm auch eine hübsche Aussicht bietet, schließt sich die hochinteressante Felsenstadt der bewaldeten Klusberge, die sogenannte Halberstädter Schweiz. Am nordwestlichen Fuße des dritten Zuges, der im Hoppelberge bis zu 309 Meter aufsteigt und einen wundervollen Blick auf Berg und Land gewährt, liegt, vom Goldbach bespült, inmitten eines herrlichen Parkes das Schloß Langenstein, in dem einst Goethe die schöne Frau von Branconi, die Geliebte des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig und Freundin Lavaters, besuchte. An der Ruine der benachbarten Altenburg und weiterhin finden sich in den Felsen gehauene Höhlungen, die noch heute -- wohl ein Unicum in ganz Deutschland -- als Wohnungen benutzt werden.
[Sidenote: Kloster Michaelstein.]
Dem Goldbach aufwärts bis zum Gebirge und dann im lauschigen Klostergrunde dem Rippenbach folgend, gelangen wir bei seinem Quell, dem Volkmarsbrunnen, an den Volkmarskeller, zwei in den Fels gehauenen Gewölbe, in denen im Anfange des zehnten Jahrhunderts die fromme Klausnerin Liutburg, die selbst der heilige Ansgar von Bremen besuchte, und später der Einsiedler Volkmar mit seinen Genossen hauste. Die auf der benachbarten Klippe jüngst bloßgelegten Grundmauern sind die letzten Reste des ältesten Klosters Michaelstein, das sich zwischen 1139 und 1148 aus jener Brüderschaft entwickelte. Aber den Cisterziensern, die aus Altenkampen hier einzogen, war der Ort zu rauh und abgeschieden, schon nach einigen Jahrzehnten zogen sie thalabwärts und gründeten am anmutigen Ausgange des Klostergrundes Neu-Michaelstein (Abb. 63 und 64). Von allen Seiten reich begabt, gedieh das Kloster trefflich bis in das sechzehnte Jahrhundert. Im Frühling 1525 aber stürmten es die Rotten wütender Bauern, und acht Jahre später ward es von Wilhelm von Haugwitz, einem Feinde des Herzogs Georg von Sachsen, niedergebrannt. In dem wieder erstandenen und zu Luthers Lehre übergetretenen Kloster, in dem zeitweilig eine Schule eingerichtet war, führten bald die Grafen von Regenstein und nach deren Erlöschen die Herzöge von Braunschweig den Abtsstab. Der letzte dieser fürstlichen Abte ist der »tolle Christian« des dreißigjährigen Krieges, zugleich Bischof von Halberstadt. Auf unsere Tage sind vom alten Kloster nur der schöne gotische Kreuzgang, das romanische Refektorium und eine Krypta gekommen.
[Sidenote: Der Regenstein.]
Dem Klostergut Michaelstein gegenüber, das jetzt ein Vorwerk der Domäne Heimburg bildet, steigt 100 Meter hoch aus der Ebene der Regenstein (Abb. 65) auf, ein 2 Kilometer langer Quadersandsteinfelsen, eine natürliche Festung mit ruinenartigen Türmen und Thoren. An der kleinen Roßtrappe, einer interessanten Felsbildung, vorüber, gelangen wir an die Trümmer der um das Jahr 1100 erbauten Grafenburg. Alle Gemächer, auch die im Anfange dieses Jahrhunderts zum Tanzsaal entweihte Kapelle, sind in den gewachsenen Felsen eingehauen, von den auf den jäh abstürzenden Platten und Kuppen einst vorhanden gewesenen Türmen, Mauern und Gebäuden sind nur noch Spuren vorhanden.
[Sidenote: Blankenburg.]