Der Harz

Part 8

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Von den Kirchen erwähne ich nur noch die ehrwürdige Frankenberger Kirche mit ihren wieder aufgefrischten großartigen Wandmalereien; am Aufstieg zu dem bepflanzten Nonnenberge und den in einen hübschen Park umgewandelten Schieferhalden belegen, durch die sich schattige Spazierwege nach dem Gosewasserfall und dem durch eine wundervolle Aussicht lohnenden Steinberge schlängeln, gewährt sie einen wahrhaft malerischen Eindruck.

XI.

Die Oderlandschaft.

[Sidenote: Der Bruchberg-Acker.]

Von der Klausthaler Hochebene, deren Flüsse uns bislang als Wegweiser gedient haben, wird das »Andreasberger Dreieck« durch den Bruchberg-Acker abgetrennt. Eine Wanderung den auf dem Kamme des Ackers laufenden Fastweg entlang wird durch die stetig wechselnden Bilder, die sich bald rechts nach Klausthal hin, bald links über Andreasberg auf den Ravensberg und Jagdkopf (Stöberhai) aufthun, zuletzt aber durch den großartigen Fernblick von den ruinenartigen Felsgruppen, welche sich, von Rentier- und isländischer Flechte, von Sumpf- und Moosbeere überwuchert, aus dem Tannendickicht meist nur wenig erheben, der Hanskühnenburg (810 Meter) und den Seilerklippen (750 Meter), reichlich belohnt. Und welchen Genuß gewährt eine Fahrt von der Stieglitzecke (828 Meter), wo unfern des Hammersteins (800 Meter) mit seinem Blick in die schluchtenartigen Seitenthäler jener Fastweg sich abzweigt, auf der Klausthal-Andreasberger Poststraße nach dem als Sommerfrische rühmlichst bekannten Sonnenberge und von hier, links abbiegend, der imponierenden Achtermannshöhe entgegen nach dem waldumschlossenen Oderteiche (Abb. 37) und den Rehbergergraben entlang nach Andreasberg.

Ganz gegen den Charakter des Harzes zeigt sich in dem »Dreieck« nicht einmal der Ansatz zur Plateaubildung; aus tief eingeschnittenen Thälern steigt man 200 bis 250 Meter hoch auf schmale Bergrücken oder abgerundete Kegel und wieder hinunter in ein schluchtenartiges Thal. Den besten Blick in dies wunderbar zerstückelte Gebiet gewähren die Porphyrkegel des Knollen bei Lauterberg (687 Meter), des Ravensberges (660 Meter) und des Stöberhais (719 Meter). Der Ravensberg heißt nicht mit Unrecht der Brocken des Südharzes. Wohl ist das Panorama hier und auf dem mit ihm zusammenhängenden Stöberhai enger begrenzt, aber es gewinnt dadurch an plastischer Klarheit und Schönheit. Im Norden und Westen umfaßt der Blick den ganzen hohen Harz bis zum Brocken und Acker, im Osten und Süden aber thut sich das Land weit auf bis zum Possen bei Sondershausen und zum Thüringerwalde, bis zu dem Ohmgebirge und dem Göttinger- und Habichtswalde.

[Sidenote: Andreasberg.]

Ist regellose Abwechselung von schroffer Bergeshöhe und wildem Thalsturz der Charakter des »Dreiecks«, so macht die Stätte, auf der die Stadt Andreasberg erbaut ist, davon keine Ausnahme; fast jäh schießen ihre Straßen von eng begrenzten Bergkuppen (640 Meter) in das »Unterland« (520 Meter) hinunter. Aus einem Hause sieht man in zwei Thäler hinunter, ein andres hängt, als wäre es aus Wildemann hierher versetzt, wie ein angeklebtes Schwalbennest an der Bergwand, und ein drittes liegt fast so geschützt zwischen aufsteigenden Höhen, wie manche Stadtteile in Grund oder Altenau. Solche interessanten Gegensätze bietet nur diese einzigartige Stadt (Abb. 38).

Die erste urkundliche Nachricht über Bergbau »am Andreasberge« ist aus dem Jahre 1487, aber zu rascher Entwickelung gelangte es erst im Jahre 1521, als am Beerberge in einer Klippe ein handbreiter Gang mit Glanzerz und reichhaltigen Nestern Rotgülden erschürft wurde, so daß die Grafen von Hohnstein sich beeilten, für ihr Gebiet die erste Bergfreiheit zu erlassen; Stadtrechte erhielt der Ort anscheinend schon 1535. -- In fieberhaftem Eifer drängten sich Gewerken und Bergleute herzu, um des gepriesenen Dorado Schätze zu heben, aber gar bald folgte eine gewaltige Ernüchterung. Wohl wurden 116 Gruben aufgenommen, aber in den acht Jahren 1542 bis 1549 zahlte nur eine einzige Ausbeute, und zwar auch nur einmal einen Thaler auf den Kux. Am Ende des Jahres 1577 waren nur noch 39 Gruben, von denen aber 37 Zubuße erforderten, im Betriebe, und 40 Häuser standen unbewohnt und unverkäuflich; zu Anfang des dreißigjährigen Krieges gingen die beiden letzten Gruben ein, und die Silberhütte ward abgebrochen. Unsäglich war das Elend in der verarmten Stadt. Und doch war ihr noch einmal eine Blütezeit beschieden: in den Jahren 1700 bis 1730 betrug die jährliche Ausbeute durchschnittlich 60000 Mark. Von da aber ging's erst allmählich, dann immer rascher abwärts, zumal 1796 eine Feuersbrunst 249 Wohnhäuser in Asche legte. Doch geht der Bergbau noch heute auf der Grube Samson in vier Schächten mit Vorteil um, und trotz deren bedeutender Teufe gibt es noch viel unverritztes Feld für die Zukunft. Die Silberhütte, welche mit dem Bahnhofe 3-1/4 Kilometer von der Stadt entfernt liegt, verarbeitet neben den bei Andreasberg gewonnenen namentlich südamerikanische Kauferze. Nicht unbedeutenden Erwerb gewährt den Andreasbergern die Kanarienvogelzucht, mehr Geld aber noch bringen ihnen die Sommerfremden, deren Zahl etwa 5000 jährlich beträgt. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von der Jordanshöhe. Sankt Andreasberg hat 3800 Einwohner.

Die starke Gliederung der Andreasberger Berglandschaft ist gleichsam ein Verdienst der Sieber mit ihren Zuflüssen und des Flußsystems der Oder: durch die Furchen, die sie in das Gelände, dieses in Einzelberge auflösend, gezogen, haben sie die große Mannigfaltigkeit geschaffen, die wir bewundernd betrachten.

Die Oder hat ihre Quellen bereits auf dem Brockenfelde. Nachdem sie ihre Wasser im Oderteiche gesammelt und den größten Teil derselben der Stadt Andreasberg zugesandt hat, um ihn später durch die Sperrlutter zurückzuhalten, rauscht sie zwischen dem Rehberge (894 Meter) und dem Königsberge in starkem Gefälle, bis zur Forstkolonie Oderhaus das unbekannteste der prächtigen Harzthäler bildend, gen Süden, geht unter dem Jagdkopfe in südwestliche Richtung über und verstärkt sich bei Lauterberg (d. i. Lutterberg) durch die Lutter (Abb. 39 u. 40).

[Sidenote: Lauterberg. Burg Scharzfels.]

Die Burg, unter deren Schutze der gleichnamige Flecken sich bildete, stand auf dem 421 Meter hohen Hausberge, einem schön geformten, mit Buchen bewaldeten Kegel. Zuerst im Jahre 1190 erwähnt, gehörte sie einem Zweige der Grafen von Scharzfeld, den Grafen von Lutterberg, als welfisches Lehen. Der Ort verdankte sein rasches Wachstum dem regen Bergbau, und als dieser erlosch, übernahm 1839 die Kaltwasserheilanstalt des Dr. Ritscher, dem ein Denkmal auf dem Scholm errichtet ist, nachhaltiger die Entwickelung des jetzt 5300 Einwohner zählenden Fleckens; aus den 170 Kurgästen des ersten Jahres sind inzwischen 5000 geworden.

Aber die Umgebung Lauterbergs, das nicht wie Herzberg, Osterode und Seesen am Harzrande liegt, sondern sich so in das Oderthal hineinpreßt, daß es auf drei Seiten hohe Berge hat, ist auch wunderschön. Alle diese Höhen, der Hausberg, der Kummel (601 Meter), der Scholm (572 Meter) bieten prächtige Aussicht, hier ein weithin Berg und Land umfassendes Vollbild, dort gleichsam einen eingerahmten Ausschnitt aus dem großen Gemälde. Über den idyllisch in Buchengrün und Wiesenflor gebetteten Wiesenbeeker Teich (Abb. 41), der seine Wasser der Königshütte liefert, und die Hohe Thür mit ihrem Durchblick auf die ruinenartige zackige Felsgruppe des Römersteins, den Sagen von Riesen und Zwergen umspielen, führt uns der Weg auf den Ravensberg; über den Hassenstein ersteigen wir den Stöberhai, den höchsten Punkt der Wasserscheide zwischen Weser und Elbe, mit seinem bezaubernd schönen Blick über die Tiefe des Oderthales hinaus auf die Riesen des hohen Harzes, den Acker und Rehberg, den Wurmberg und die Achtermannshöhe, denen der Brocken und die Hohneklippen über die Schulter sehen; und auch der Große Knollen liegt für den rüstigen Wanderer nicht zu fern.

Auf dem schattigen Philosophenwege wandern wir nun, der rauschenden Oder folgend, dem Dorfe Scharzfeld zu, das mit einer Felsenburg, einer Tropfsteinhöhle und einer Felsenkirche dreifach anzieht.

[Sidenote: Burg Scharzfels.]

Die Burg Scharzfels (Abb. 42), eigentlich Scharzfeld, zu der wir 120 Meter hoch durch Buchenhochwald hinaufsteigen, wird zuerst 1130 genannt. 1157 gab Friedrich Rotbart sie Heinrich dem Löwen gegen das Schloß Baden in Tausch, und die Grafen von Scharzfeld wurden damit Lehnsmannen des Welfen. Nach ihrem Erlöschen traten die Grafen von Hohnstein an ihre Stelle; und nach dem Tode des letzten dieses Geschlechts fiel 1590 die Grafschaft Scharzfeld-Lauterberg, in der die Bergstadt Andreasberg entstanden war, an die Welfen, und zwar zunächst an die Herzöge von Grubenhagen, zurück.

Bei der Erbauung der Burg ist der natürliche Felsen benutzt. Besonders stark war die Hochburg, die man nur durch einen rundbogig ausgehauenen Felsengang, zu dem man auf einer hohen Steintreppe gelangt, betreten kann. Von den Gebäuden auf dem Felsenkamme haben sich nur unbedeutende Mauerreste erhalten: die Burg ist 1756 in rühmlichem Kampfe zu Grunde gegangen; 10 Tage verteidigte sich die schwache Besatzung von noch nicht 400 Mann gegen ein Franzosenheer von 6000 Mann, das 562 Bomben und andre Geschosse hineinwarf; da war die zerschossene Burg nicht mehr zu halten, die freiwilligen Harzschützen schlugen sich in die Wälder, und die zurückbleibenden Invaliden kapitulierten mit Ehren. Welch ein Erfolg! Ganz Paris illuminierte und sang unter Freudenschüssen ein Tedeum. Und eiligst steckte der Sieger, der General Vaubecourt, den wir von Klausthal her schon kennen, die Gebäude in Brand, ließ die Mauern von Lauterberger Bergleuten sprengen, und machte sich dann, auf die Sprengung der Felsen verzichtend, aus dem Staube, denn die Hannoveraner unter dem Herzog Ferdinand waren im Anmarsch.

Ein kurzer Gang durch den herrlichen Buchenwald, der hier die Höhen schmückt, führt uns nach der Einhornhöhle. Viel früher bekannt, als die größeren und durch schönere Tropfsteingebilde ausgezeichneten Höhlen bei Rübeland, hatte sie hohen Ruf als die Fundstätte eines wertvollen und fast unfehlbar wirkenden Heilmittels, des »Einhorns« d. i. der verkalkten Knochen vorweltlicher Tiere. Heute haben diese Knochen als die Schriftzeichen der fernsten Zeit einen ungleich höheren Wert, sie erzählen uns, daß die weiten Hallen dieser Höhle einst von Gletscherbächen durchspült wurden, denn die Knochen sind durch Rollung im Wasser gleich den Flußkieseln gerundet, daß aber die vor der jüngeren Eiszeit trockene Höhle von Menschenfressern bewohnt war, denn die Markknochen, darunter auch die von Menschen, sind zerschlagen.

Wenn wir unsere Wanderung durch den lauschigen, schattigen Wald ein Stündchen fortsetzen, stehen wir plötzlich unter dem Gipfel eines Berges, der mit wunderbaren Felsgebilden bedeckt ist, die an die Teufelsmauer oder die Bodensteiner Klippen erinnern, vor dem Eingange zur Steinkirche, einer natürlichen Höhle, deren Einrichtung als Kirche von der Sage dem heiligen Bonifatius zugeschrieben, von den Bauverständigen in dessen Zeit, in das achte Jahrhundert (spätestens in das neunte) gesetzt wird: der Steinaltar, die Kanzel, die Nischen für den Weihwasserkessel und ein Heiligenbild, die Balkenlöcher für das Schiff der Kirche sprechen deutlich für die Benutzung der Steinkirche als des Chores eines uralten Gotteshauses.

Von Scharzfeld wendet sich die Oder auf Pöhlde, die Klosterstiftung der edlen Königin Mathilde, bespült die vorgeschichtlichen Wallburgen des Rotenbergs und gibt ihre durch die Sieber verstärkten Wasser bei Catlenburg an die Ruhme ab, deren Quelle, die mächtigste in Deutschland, südlich von Pöhlde hervorbricht.

Die Sieber, diese Schwester der Oder, entspringt am Ostabhange des Bruchberges, verstärkt sich kräftig aus den Mooren des Rotenbruchs und hüpft und sprudelt zwischen dem Bruchberge und dem Sonnenberge in einem tief eingerissenen Thale, das trotz seiner malerischen Schönheit von den Touristen erst kaum entdeckt ist, an dem gleichsam aus den Alpen hierher versetzten Dörfchen Sieber vorüber, dem 250 Meter hoch gelegenen Flecken Herzberg zu, dessen hochragendes, weithin schimmerndes Schloß uns zu einem Besuche einladet.

[Sidenote: Herzberg.]

Wie Scharzfeld und Pöhlde war Herzberg (Abb. 43), das von Kaiser Lothar erbaut sein soll, ursprünglich Reichsgut und gelangte erst 1157 durch Tausch in den Besitz der Welfen. Nachdem es schon der Kaiserin Maria und mehreren Herzoginnen von Braunschweig als Witwensitz gedient hatte, nahm es Heinrich der Wunderliche (_mirabilis_), der Stifter der Linie Grubenhagen, zur Residenz, und solche ist es bis zum Erlöschen derselben im Jahre 1596 geblieben; und als 1617 infolge einer reichskammergerichtlichen Entscheidung das von Wolfenbüttel okkupierte Fürstentum der Celleschen Linie als der nächstberechtigten zugesprochen war, nahm hier Herzog Georg, der allein von den sieben Brüdern des Hauses Celle sich standesgemäß vermählen durfte, seine Residenz; unter den acht Kindern, die ihm hier geboren wurden, ist Ernst August, der erste Kurfürst von Hannover und Vater Georgs I., des ersten Königs von England aus dem Hause Hannover. Von der alten Burg sind nur noch die Keller vorhanden; der größte Teil des jetzigen Schlosses ist nach einem schrecklichen Brande im Jahre 1510, der alle Urkunden und Lehnbücher vernichtete und dem Herzog Philipp und seiner Gemahlin kaum die Möglichkeit ließ, unangekleidet durch einen Sprung aus dem Fenster das Leben zu retten, neu aufgeführt; der Graue Flügel stammt aber erst aus dem Jahre 1861.

Das auf der südlichsten, mit seinem Abfall dem Harz zugekehrten Kuppe des Osteroder Gipszuges malerisch gelegene Schloß wirkt bei seiner einfachen Architektur besonders durch seine große Ausdehnung.

XII.

Der Brocken und das Brockenfeld.

[Sidenote: Das Brockenfeld.]

Nördlich vom Andreasberger Dreieck und östlich von der Klausthaler Hochebene erstreckt sich stundenweit die eigenartigste Hochebene des Harzes, wie sie mit denselben Charakterzügen sich schwerlich zum zweitenmal in deutschen Gebirgen findet, das Brockenfeld. Im Westen von dem 926 Meter hohen Bruchberge und den sanfteren Erhebungen des Sonnenberges (842 Meter) und des Rehberges (894 Meter), im Süden von dem Rücken der Achtermannshöhe, dessen Hornfelskegel (926 Meter) die Alten für einen Vulkan hielten, und dem bis zu 968 Meter aufsteigenden Wurmberge begrenzt, reicht sie im Osten bis an den Brocken und seine rechte Schulter, den durch die hochragenden Hirschhörner gezeichneten Königsberg. Im Norden stellen die Lärchenköpfe und der Quitschenberg eine schwache Verbindung zwischen dem Bruchberge und dem Brocken her, doch rechnen wir auch das nördlich dieser gleichsam nur angedeuteten Begrenzung belegene, von Ecker und Radau durchschnittene Stück, das man als ein durch den Einschnitt des Okerthales abgetrenntes Glied der Klausthaler Hochebene ansehen könnte, um der gleichartigen Natur willen zum Brockenfelde.

Im Mittel 810 Meter hoch, erhebt sich diese höchste Ebene unseres Gebirges in ihrer Mitte in den »Oberen Schwarzen Tannen« nur zu 877 Meter. Diese fast völlige Einebnung ist durch die Torfmoore erfolgt, sie haben alle Vertiefungen und Einschnitte des Untergrundes allmählich ausgefüllt. In vorgeschichtlicher Zeit war diese Wüstenei ebenso bewaldet, wie die Harzberge von gleicher Höhenlage. Die starken Fichtenstämme, die kräftigen Kiefern, die weißleuchtenden Birken (_Betula alba_), die Haselnußstaude, die man in den unteren Torfschichten findet, liegen sämtlich mit der Spitze nach Südwest, als hätte ein Nordoststurm den Wald niedergeworfen. Aber die Moorbildung läßt doch nur den Schluß zu, daß diese Niederlegung des Waldes auf Eruptionen des Brockengranits zurückzuführen ist, durch die zugleich Senkungen in der Oberfläche hervorgerufen wurden, in denen sich Hochmoore bilden konnten. Und die Scheereritkrystalle, die sich zwischen Rinde und Holz der in der Tiefe von dreiundeinhalb Meter liegenden wie frisch erscheinenden 60 Centimeter starken Kiefernstämme[1] gebildet haben, weisen jenes Ereignis in sehr frühe, wohl in die vorgeschichtliche Zeit.

[1] Die Ansicht einiger, daß Fichte und Kiefer erst in geschichtlicher Zeit (aus dem Vogtlande, sagt Hampe noch dazu) in den Harz eingeführt seien, ist grundfalsch.

Die kleine verkrüppelte Birke, welche auf dem Brockenfelde und in den andern Hochmooren des Oberharzes an die Stelle des Hochwaldes getreten ist, ist die grauborkige _Betula pubescens_, doch findet sich auch, namentlich auf dem Lärchenfelde beim Torfhause in großer Ausdehnung, die eigentliche Zwergbirke (_Betula nana_). Von den Weidenarten sind besonders _Salix aurita_ und _repens_ sowie die Bastardform _S. repenti-aurita_ vertreten. Unter den Moosen überwiegt die Gattung _Sphagnum_ in zehn Arten. Wegen ihrer holzigen Stengel und dichten Blätter ist die sehr häufig vorkommende Gattung _Polytrichum_, in geringerem Grade auch _Bryum_, _Hypnum_ und _Orthotrichum_ an der Torfbildung beteiligt. Von den Heidekräutern finden sich die Besenheide (_Calluna vulgaris_) und fleischfarbene Glockenheide (_Erica carnea_), nicht aber die Sumpfheide (_Erica tretalix_). Auch die Heidel- und die Kronsbeere, die Rauschbeere (_Vaccinium uliginosum_) und die Moosbeere (_Oxycoccos palustris_) gehören dem Torfgrunde an; und überall finden sich Simse und Sonnentau, Rispen- und Wollgräser, Seggen und Binsen, Knaben- und Habichtskräuter und an weniger feuchten Stellen auch der Bärlapp in sechs Arten, Labkraut und andre Harzpflanzen.

Der Torfstich hat in diesen Hochmooren trotz wiederholter Versuche aufgegeben werden müssen, da in der feuchten Luft der Torf nur selten trocken wird. Doch verdanken wir jenem die Kolonie »Torfhaus«, die größere der beiden Oasen des Brockenfeldes.

Den Gletschern der Alpen gleich, die zahlreichen Bächen und Flüssen das Leben geben und diese unausgesetzt mit ihrem Abfluß speisen, sind die Torfmoore des hohen Harzes die unerschöpflichen Wasserreservoire, aus denen seine Flüsse sich unaufhörlich versorgen, aus denen selbst Quellen, die erst am Fuße des Gebirges zu Tage treten, auf dem reinigenden Wege durch die Gesteinsklüfte ihr Wasser erhalten. Und auch die Wasserleitungen, die den Gruben und Hütten das Betriebswasser zuführen, schöpfen aus diesem unversieglichen Quell, ohne den sich niemals der großartige Betrieb bei Andreasberg und Klausthal hätte entwickeln können.

Und welche wunderbare Wirkung übt das Brockenfeld mit seiner hehren Stille, mit seiner allgewaltigen Einsamkeit auf Herz und Gemüt! Diese finsteren, warnend abwehrenden Moore bilden mit den flechtenbehangenen, spärlich genährten Fichten und Birken, die sich in Streifen hindurchziehen oder in losen Gruppen darüber verstreut sind, mit den vom Beerengestrüpp überwucherten mächtigen Granitklippen, die hier in den Breitensteinen riesigen Opferaltären vergleichbar emporragen, dort als Magdbett und Hopfensäcke von mählich verklingenden Sagen leise umweht werden, mit dem in Vergessenheit versunkenen Kaiserwege, auf dem einst schon der »Heiden« Fuß wanderte, mit der das Feld beherrschenden Achtermannshöhe und den andern so ausdrucksvollen Bergkuppen ringsherum einen vollen und reinen Akkord, durch den der Wahlspruch der Benediktiner: _Solitudo sola beatitudo_ gleichsam sehnsuchtsvoll und doch erquicklich als Grundton hindurchklingt und in deinem Gemüt wie einst in dem unsers Dichterfürsten Goethe die Saiten mitklingend in Schwingungen setzt.

[Sidenote: Der Brocken.]

Der 1142 Meter hohe Brocken, der zweite Berg Preußens, überragt das Brockenfeld nur um etwa 370 Meter und imponiert von hier aus nur durch seine massige Form. Dagegen schiebt er im Nordosten seinen Fuß bis an den Rand des Gebirges vor, um 900 Meter hoch aus der Ebene von Wernigerode und Ilsenburg aufzusteigen, und gewährt von dieser Seite einen imposanten Anblick.

Sein Fuß steht in der Region des Nadelwaldes. Es sind dunkle, hohe Fichten, zwischen denen wir hinansteigen. Aber bald wird der Wald lichter, Granitbrocken und Scherben bedecken den Boden, Himbeer- und Brombeerstrauch erklettern die mit Flechten überzogenen Trümmer; hier hält eine Fichte einen Granitblock, ihre Wurzeln immer tiefer in seine engen Spalten treibend, fest umklammert, dort breiten Heidelbeere und Heidekraut über den mit Erde gemischten »Hexensand«, einer Anemone oder einem Habichtskraut Schutz gewährend, ihr dunkelglänzendes Gewand. Doch auch anspruchslose Gräser finden ihre spärliche Nahrung auf geeigneten Fleckchen. So ist dieser Brockengürtel, der im Norden und Nordosten fast die Form der Hochebene annimmt, zugleich die Region der Viehhöfe.

Bei weiterem Ansteigen gelangen wir in die Region der Brüche und Moore, zu denen außer dem Brockenfelde das Jakobs-, das Landmannshohne- und das Hannekenbruch gehören. Nur einige Forsthäuser liegen in dieser Einöde.

Und nun noch ein kräftiges Ansteigen durch wirre Klippenfelder, die wunderlich gestaltete Fichten tragen, wie sie sich eignen würden für die Faust des Wilden Mannes auf unseren Münzen; das Wurzelwerk oft hochhin freistehend oder eingekeilt von Felsengebröckel, der Stamm knorrig und wetterhart, in dichte Moosdecke wie in wärmenden Pelz gehüllt, der Gipfel fast immer gebrochen oder in Knickung seitwärts gelenkt, die zerzausten Zweige fest anliegend, dicht mit weißgrauer Flechte bedeckt und hie und da mit langen Zotten der Bartflechte behangen; und unter jedem Steine fast und jedem Baume flüstert geschwätzig und surrt und brodelt das quellende Wasser. Doch schon befinden wir uns auf dem abgerundeten Gipfel des Brockens (Abb. 44). Schneidend fegt der Wind über die baumlose Kuppe, Wolken umtanzen gespensterhaft die Granitkolosse, für die man die Namen Teufelskanzel, Hexenaltar, Hexenwaschbecken erfunden hat, und plötzlich umfängt uns beängstigend der dichte Nebel. Beschleunigten Schrittes eilen wir dem gastlichen Brockenhause zu. Welche Enttäuschung! Vielleicht werden wir -- wie sogar der Oberlehnsherr des Brockens König Friedrich Wilhelm III. mit seiner Gemahlin am 31. Mai 1805 -- den Rückweg antreten müssen, »ohne etwas gesehen zu haben«.

Doch ruhig nur! uns ist der Vater Brocken hold. Sieh, da kommt ein Riß in die Wolken, und durch den Spalt erblicken wir wie durch eine Waldschneise sonnbeschienen, hellstrahlend das herrliche Fürstenschloß Wernigerode und darüber in dem hellen Streifen Türme und Dörfer bis in die weite Ferne. Da saust eine neue Wolke herein, und das Bild ist verschwunden. Aber wie durch Zauberkunst thut bald hier bald da ein andrer Wolkenspalt sich auf, jetzt über das Brockenfeld hinaus bis nach Klausthal, jetzt gar bis nach dem Possenturm bei Sondershausen, dem Gothaer Schlosse und dem Inselsberge.