Der Harz

Part 7

Chapter 73,202 wordsPublic domain

Über die durch ihre geschmackvollen Gußwaren rühmlichst bekannte Wilhelmshütte und die durch Steinbrüche zerwühlte Stätte der Pfalz Königsdahlum gelangen wir nach Bockenem, der anmutig gelegenen, alten Hauptstadt des Ambergaues, die von den Grafen von Woldenberg, deren Wappen sie noch heute führt, schon im Jahre 1300 Stadtgerechtsame erhielt. Nach den großen Feuersbrünsten von 1685 und 1847 arm an altertümlichen Bauwerken, macht doch die vom Flußufer sanft aufsteigende Stadt mit ihren breiten, sauberen Straßen und behäbigen Bürgerhäusern, ihrem geräumigen, mit Linden bepflanzten und von zwei Kirchen begrenzten Marktplatze einen wohlthuenden Eindruck. Weit blickt der mächtige 60 Meter hohe Turm der Pancratii-Kirche, dessen unterer, festungsartiger Teil wohl noch aus der Zeit Ludwigs des Frommen stammen mag, rings in die Lande hinaus. Im Innern des einfach-schönen Gotteshauses, einer dreischiffigen, gotischen Hallenkirche, fallen besonders die sehr alten aus Holz geschnitzten Standbilder der Apostel und der heiligen Jungfrau, welche -- lange unter Steingeröll begraben -- vom Professor Küsthardt kunstverständig renoviert, das in Formen der Spätrenaissance reich dekorierte messingene Taufgefäß und das von dem aus Bockenem stammenden Maler Nepperschmidt herrührende Wandgemälde »der barmherzige Samariter« ins Auge. In ihrer Nähe liegt das einzige Fachwerkhaus aus dem sechzehnten Jahrhundert, die alte Generalsuperintendentur; im Winter 1626 diente sie Tilly als Hauptquartier.

[Sidenote: Schloß Söder.]

Vom Dorfe Werder aus, nach dessen Burg sich das Dynastengeschlecht der Grafen von Werder und später ein Zweig der Woldenberger schrieb, ersteigen wir auf bequemem Waldpfade den Weinberg, der uns bis dahin das Schloß Söder verdeckte. Da, wo die Bockenem-Hildesheimer Chaussee vom Dorfe Nette aus die Höhe des Weinbergs in Schlangenwindungen erklettert, hat man einen großartig schönen Blick über die wellenförmige Bockenemer Ebene auf das Harzgebirge: auf den üppig bewaldeten Muschelkalkzug der Nauer Berge und der Osterköpfe türmen sich terrassenförmig die dunklen oberharzischen Berge von Lautenthal, Goslar und Klausthal auf, und über sie alle schaut aus weitester Ferne der Vater Brocken mit dem Königsberge herüber, oft noch weißgelockt, wenn hier schon alles grünt und blüht, oft auch im Strahl der scheidenden Sonne mit flammenumspieltem Scheitel. Wirkungsvoller als dieser ist kein andrer Blick auf den Harz.

Eine viertelstündige Wanderung durch stattlichen Buchenwald führt uns nach dem Schlosse Söder (Abb. 26). Überraschend schön liegt es inmitten seines herrlichen Parkes mit blinkenden Teichen, prächtigen Baumgruppen und sammetartigen Rasenflächen. Anfang des vorigen Jahrhunderts war dieses Schloß des kunstsinnigen Domherrn Moritz von Brabeck der Sammelpunkt berühmter und hochstehender Personen; von seinen Gästen nenne ich nur C. von Strombeck, den Freiherrn zum Stein, Graff und Iffland, Karoline von Humboldt und Marie Körner; auch die Königin Luise von Preußen war hier im Jahre 1805.

[Sidenote: Schloß Derneburg. Der Woldenberg.]

Bildet Söder mit seiner Flur eine stille, liebliche Waldoase, so blickt das Schloß Derneburg (Abb. 27), der Familiensitz des Fürsten Münster, frei ins Land hinaus. Gar wirkungsvoll heben sich die rotbedachten Schloßgebäude mit ihren vielen Türmchen vom dahinter aufsteigenden buchengrünen Donnersberge ab.

Ein noch fahrbares Stück der mittelalterlichen Augsburger Straße benutzend, ersteigen wir von dem Marktflecken Holle aus, der Heimat des Ritters Berthold von Holle, der als der erste in diesem Teile Deutschlands im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts in deutscher (höfischer) Sprache dichtete, den Woldenberg, den alten Herrschersitz dieser Lande weit und breit. Dem weitverzweigten Grafengeschlecht der Woldenberger, dessen Stammvater Ludolf vom Kaiser Lothar ausdrücklich zu den »Fürsten« gezählt wird, kam zur Zeit der Staufer in den Harzlanden kein andres an Macht und Ansehen gleich; im Besitze vieler Burgen und Schirmvogteien, übten sie den Königsbann in acht Gauen. Die »Seele der kaiserlichen Partei« in Norddeutschland, haben die Woldenberger ihre Kräfte im Kampfe für die Hohenstaufen verzehrt, und Graf Gerhard, der Letzte des Geschlechts, starb 1383 ziemlich verarmt.

Vorübergehend Residenz des Fürstbischofs, ward der Woldenberg 1641 durch Kaiserliche teilweise zerstört, doch konnte die Burg noch anderthalb Jahrhunderte als Amthaus bewohnt werden, ehe man sie als Steinbruch benutzte. Vor etwa 50 Jahren ist der hohe Bergfried, aus dem oben die Bäume ihre grünen Arme herausstreckten, vor der weiteren Zerstörung geschützt und zu einem herrlichen Aussichtspunkte umgewandelt. Nach allen Seiten reicht der Blick weit über Wald und Land, über fruchtbare Thäler und immer höher sich auftürmendes Gebirge. Überaus anmutig leuchtet im westlichen Vordergrunde das Schloß Henneckenrode (Abb. 28), die Blumsche Waisenstiftung, mit seinen Teichen über das Waldgrün hervor, und nicht weniger herzerquickend ist der Blick auf den mittleren Teil des Ambergaues mit seinen reichen, gesegneten Fluren, seinen schmucken Dörfern, die sich um die einst woldenbergsche Stadt Bockenem gruppieren. Wohl erhalten ist auch das von zwei Türmen flankierte Thorhaus, von denen der eine in Form eines Dreiviertelkreises in den trockenen, in den Fels gebrochenen Burggraben vorspringt und in seinem Obergeschoß ein polygonales, aus Fachwerk gebautes Turmzimmer trägt.

[Sidenote: Der Hainberg.]

An der Felsschlucht unterhalb des Binnenhofs, die uns den Wahlspruch eines »Drosten«: »_Solitudo solo beatitudo!_« nachruft, vorüber, lenken wir unsere Schritte den lauschigen Wald uralter Eichen und Buchen hinab, wie man sie in solcher Schönheit nur selten noch zu sehen bekommt, dem auf scharf abfallendem Felsvorsprunge in stiller Waldeinsamkeit des Hainbergs belegenen St. Hubertus-Jägerhause zu, an dessen Felsenkapelle (Abb. 29) sich die Sage von der Bekehrung des heiligen Hubertus, des Schutzpatrons der Jäger, knüpft. Das von Künstlerhand zu beiden Seiten des Altars in die Felswand gehauene Relief -- hier der Hirsch mit dem zum Kruzifix gewordenen Jagdspieß im Geweih, dort auf den Knieen der Jäger mit anbetend erhobenen Händen, hinter ihm der Knappe mit dem Jagdroß, -- stammt nach der an der gegenüberliegenden Grottenwand eingehauenen Inschrift aus dem Jahre 1733; älter ist die arg beschädigte und vom Rauch geschwärzte Darstellung am äußeren Felsen, nach welcher der vom Hirsch durch eine Schlucht getrennte Hubertus sein Roß selbst hält.

In etwa einer Viertelstunde erreichen wir vom Jägerhause die »Bodensteiner Klippen«, aus dem üppigen Buchenwalde hoch und steil aufsteigende, kahle Sandfelsen, ähnlich der Teufelsmauer bei Blankenburg und offenbar derselben geognostischen Bildung angehörend. Der Aufstieg auf eine der zugänglich gemachten Klippen gewährt bei guter Beleuchtung der Landschaft hohen Genuß.

X.

Die Okerlandschaft.

Der dritte Fluß der Klausthaler Hochebene, die Oker, das ist reißender Strom, schlägt dieselbe »widersinnige« Richtung ein wie die Innerste. Sie entspringt beim Okerstein am Westabhange des Bruchberges in 800 Meter Meereshöhe, stürzt bis Altenau 320 Meter in einem Querthale steil herab und vereinigt sich innerhalb der Stadt mit der kleinen Oker, der jetzt Schneid- das ist Grenzwasser genannten Altenah und dem durch den Rotenbach verstärkten Gerlachsbach.

Eine Oase im grünen Waldmeere, liegt die jüngste Bergstadt Altenau, -- fast nur auf einer Seite von einer blumenreichen Wiesenflur, die aber einen steilen Berg darstellt, begrenzt, in die schützenden Thäler eingesenkt. Prächtige Spaziergänge namentlich den Dammgraben entlang, der den Bruchberg in Schlangenwindungen umzieht, ein herrlicher Blick über den ganzen Westharz von der Wolfswarte, vor allem aber der großartig schöne Weg über den Nabenthaler Wasserfall und an der Steilen Wand hin nach dem Torfhause fesseln gleichmäßig den Sommerfrischler wie den Harzwanderer. Den Ahrendsberg mit seinen Klippen, einen Glanzpunkt des Harzes, ersteigen wir am besten von dem unterhalb der Hütte gelegenen Gemkenthal auf dem Wege nach Harzburg.

[Sidenote: Romkerhalle.]

Sich windend und krümmend zwängt sich die durch das Weißewasser, durch Kellwasser und Kalbe und kleinere muntere Bäche verstärkte Oker nach Norden durch eine enge Spalte festen, weißen Granits. Schäumend umtanzt sie die Granitbrocken, die ihr den Weg versperren möchten; umspielt den Jaspisfelsen der hellschimmernden Birkenburg; finster blickt der Ahrendsberg hernieder; wunderbare Felsgebilde, manche durch eine einzelne Föhre oder durch eine kleine Gruppe dieser »Harzceder« ausdrucksvoll bezeichnet, schauen von den fichtendunklen Höhen herab, wie der Mönch, der große Kurfürst, die Madonna, Zieten, der schlafende Löwe; großartiger aber noch sind die Granitkolosse am Wege nach Harzburg, die sich nicht in den Vordergrund drängen: die Grotte und die Mausefalle, diese unheimlichen Bauwerke der Natur, die jeden Augenblick zusammenzubrechen drohen, die Hexenküche und die Bastei der »Käste«. Die interessanteste und wildeste Strecke des Okerthals ist die vom Gasthaus Romkerhalle, wo von rechts die Romke mit etwas Nachhilfe in drei Absätzen 65 Meter hoch vom buntgebänderten Felsen springt (Abb. 30), von ferne gesehen einem herabhängenden breiten Silberbande nicht unähnlich, und die zerschäumten, zersprengten und zerstäubten klaren Wasser in dem der buntgemischten, allstündlich sich erneuernden Gesellschaft erfrischende Kühle zuhauchenden Becken zu sammeln sucht, bis abwärts zum Waldhause am Beginn des Goslarschen Fußweges: im frühen Mittelalter führte kein Weg neben dem Flusse herauf, und die später hergestellte gefährliche Fahrstraße hielt sich streckenweise in respektvoller Entfernung; erst um 1860 ist ihr durch Sprengung der Felsen überall Raum neben dem Flußbett geschaffen; großartige neue Bilder erschließt aber der Fußweg durch das bisher unzugängliche Klippengewirr zur Linken, an dem der Harzklub eifrig arbeitet.

An majestätischer Schönheit läßt sich mit dem Okerthale nur das Bodethal in Parallele stellen; wem der Preis gebührt, ist nicht zu sagen. Sind die Bodefelsen kühner gestaltet, wilder, schroffer, aber durch das helle Buchengrün doch gleichsam warm abgetönt, so wird der Ernst der weniger jähen, aber immerhin trotzig und mehr in Einzelgestalten herausspringenden Okerfelsen durch das düstere Tannengrün der mächtigen Bergwände, von denen sie sich kräftig abheben, stimmungsvoll verstärkt: verschieden wie die Meisterwerke zweier großer Maler, aber gleich in ihrem bestrickenden Eindruck auf Sinn und Gemüt.

Auf der 14 Kilometer langen Strecke von Altenau bis zu dem großen Hüttenorte Oker, wo der Fluß in 210 Meter Meereshöhe in das Land tritt, hat er ein Gefälle von 1 : 52.

[Sidenote: Goslar.]

Zwischen dem Sudmerberg, auf dem eine alte Warte weithin die Straßen überblickt, und dem Petersberge, auf dem oberhalb der Klus, eines vom großen Christoph als Sandkorn aus dem Schuh geschütteten Felsen mit eingehauener Kapelle, die Grundmauern des Petersstiftes bloßgelegt sind, eilt der Innerste die beim Auerhahn entspringende Gose zu, nach der Goslar (Abb. 32) seinen Namen führt.

Die erste Blütezeit dieser Kaiserstadt (die 979 zum erstenmale urkundlich genannt wird) schließt mit dem Ende der Staufer. Ihres Glanzes als Residenz nach und nach entkleidet, gewann sie doch bald unter den Städten der Hansa einen festen, Achtung gebietenden Stand. Von grundlegender Bedeutung war die Erlangung der vollen Selbständigkeit: im Jahre 1290 traten ihr die Grafen von Woldenberg die Reichsvogtei ab: an die Stelle des Woldenbergischen Dienstmannes trat nun der städtische Vogt, an die Stelle der Grafen selbst ein von der Stadt auf bestimmte Jahre gewählte Schutzherr; bald darauf ward auf Grund der von den Kaisern verliehenen Rechte und der alten Weistümer (Gerichtsentscheidungen) das Rechtsbuch entworfen, das als Goslarsches Recht in vielen Städten Eingang fand, so daß der Rat zu Goslar der Oberhof für ein ganzes Land wurde. Mit Geschick und Nachhaltigkeit wußte sie auch den freien Stiftern in und vor ihren Mauern wertvolle Rechte abzugewinnen und sich in den Besitz der vom Bergbau zu zahlenden Vogteigelder zu setzen. Ihren nach Flandern, Wisby und Nowgorod reichenden Handel schützte sie durch ihre Bündnisse mit den benachbarten Städten, durch ihre Freundschaft mit den Bischöfen von Hildesheim und den Herzogen von Braunschweig, durch Erwerbung des Pfandbesitzes der sie einengenden Burgen. Im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts, wo sie Luthers Reformation annahm, hatte Goslar, eine »der acht fürnembsten von allen Erbarn- Frey- und Reichs-Städten«, den zweiten Höhepunkt der Entwickelung und Wohlstandes erreicht. Ihre Befestigungswerke waren verstärkt und Wälle und Türme mit grobem Geschütz reichlich ausgestattet. 40 gottesdienstliche Stätten zeugten vom frommen und wohlthätigen Sinne der Bürger.

Trotz und Übermut gegen ihren Bergherrn knickte die zweite Blüte der Stadt gewaltsam, brach ihre Macht für alle Zeiten. Im Jahre 1235 hatte Friedrich II. dem Herzog Otto dem Kinde den kaiserlichen Bergzehnten und damit das volle Bergregal erblich zu Lehen gegeben, und Ottos Sohn Albrecht als Bergherr 1271 die älteste Bergordnung des Harzes erlassen. 1375 waren dann Zehnten und Berggericht in den Pfandbesitz des Rates der Stadt gekommen, der mehrfach, zuletzt noch 1509, die Pfandsumme erhöhte, um die Einlösung zu erschweren. Der energische Heinrich der Jüngere aber, der eifrige Bergmann im Oberharz, kündigte der Stadt die Pfandschaft und zahlte die mit Hilfe der vermittelnden Städte Magdeburg und Braunschweig auf fast 25000 rheinische Gulden für seine Hälfte festgesetzte Pfandsumme trotz ihres Widerstrebens aus und ließ sich auch von seinem Vetter Philipp von Grubenhagen dessen Hälfte der Pfandschaft abtreten. Da weigerte sich die Stadt, den Herzog als Bergherrn anzuerkennen und seinem Berggericht sich zu fügen, stellte trotzig den ganzen Bergbau ein, ergriff die Waffen gegen den in Riechenberg lagernden Herzog und verwüstete am 22. Juli 1522 alle innerhalb der Landwehr belegenen geistlichen Stiftungen, das berühmte Petersstift, das reiche Kloster Georgenberg und die Kirche des heiligen Grabes. Doch gewann Goslar infolge der Verwickelungen des Herzogs in die großen Händel der Zeit und seiner Gefangennahme in der Schlacht bei Calefeld noch einmal eine kurze Frist. Im Jahre 1552 fand Heinrich endlich Zeit, mit Ernst gegen Goslar vorzugehen. Und so übermütig die Reichsstädter einige Jahrzehnte zuvor gewesen waren, so demütig zogen sie nun nach Riechenberg hinaus und baten um Frieden. In diesem Vertrage zu Riechenberg mußte der Rat mit seinen Zugeständnissen weit über das früher vom Herzog Geforderte hinausgehen, diesen auch zum Erbschutzherrn annehmen und ihm den größten Teil der Forsten abtreten. Mit der Selbständigkeit der Stadt war's für immer vorbei, und der Bergbau am Rammelsberge gehörte fortan den Herzögen von Braunschweig.

Zu Ende des dreißigjährigen Krieges, der auch noch den Handel der im Rückgange begriffenen Stadt lahm legte, war die Kämmerei tief verschuldet und die durch die Pest gezehntete Bürgerschaft entkräftet. Eine verheerende Feuersbrunst von 1728 führte zu weiterer Verarmung, so daß Goethe sie 1777 die vermodernde Reichsstadt und der spätere Minister von Schön, der sie 16 Jahre nach der Feuersbrunst von 1780 sah, die 244 Gebäude in Asche legte, sie »einen sehr kleinen, traurigen, menschenleeren Ort« mit einem Magistrat von 99 Personen (wobei er die 55 Gildevertreter mitzählt) nennen konnte. Die Käuflichkeit ihrer Justiz war sprichwörtlich, die in hohem Grade verarmte Bürgerschaft wurde vom kleinlichsten Zunft- und Kastengeist beherrscht.

Der Übergang an Preußen im Jahre 1802 legte den ersten Grund zu neuem Aufschwung: die Landstadt Goslar erhielt das bedeutende Vermögen der reichsunmittelbaren Stifter zugewiesen, das die Reichsstadt niemals besessen hatte, und erhielt ein geordnetes Kirchen- und Schulwesen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begann dann die Stadt, namentlich nach ihrem Anschluß an das Eisenbahnnetz, sichtbar fröhlich aufzublühen; und wie der wiedererwachte Sinn für Geschichte und Altertumskunde ihr jährlich einen starken Strom wißbegieriger Reisenden zuführt, so veranlaßt ihre schöne und gesunde Lage gar manchen auch zu dauernder Niederlassung. Sie hat jetzt 16400 Einwohner.

Unsern Rundgang durch die Stadt, die uns noch immer ein gut Stück mittelalterlicher Baukunst vorführt, beginnen wir beim Bahnhofe. Zwischen dem »Achtermann« aus dem Jahre 1500, einem der vier mächtigen Zwinger des Rosenthores, und dem Kloster Neuwerk, dessen malerisch im wohlgepflegten Klostergarten belegene Kirche, eine zweitürmige romanische Pfeilerbasilika mit Querhaus, um das Jahr 1200 erbaut ist, gelangen wir durch die enge Fischmäkerstraße auf den von zwei Seiten durch hochinteressante Häuser eingeschlossenen Marktplatz.

Am wirkungsvollsten ist die 1494 als Gildehaus der Gewandschneider erbaute Wort (jetzt Hotel Kaiser-Wort) mit einem auf konsolenartigem Unterbau vorspringenden achteckigen Mittelturm und vier erkerartigen Ausbauten. Die acht hölzernen -- vom Spötter Heinrich Heine mit gebratenen Universitätspedellen verglichenen -- aus Holz verfertigten lebensgroßen Figuren, welche in gotischen Nischen zwischen den rechteckigen Fenstern stehen, werden gewöhnlich als acht um Goslar verdiente Kaiser, vom Professor Küsthardt aber als »die acht guten Helden« angesprochen.

Das Rathaus, in Heines Augen nur »eine weiß angestrichene Wachtstube«, besteht aus einer Gruppe einen kleinen Lichthof einschließender Gebäude aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, deren Frontseite auf einem von achteckigen Pfeilern getragenen Bogengange mit Kreuzgewölbe ruht (Abb. 31). Durch die ehemalige Gerichtslaube betreten wir die »Rathausdiele«, den alten Huldigungssaal; von ihren alten Kronleuchtern trägt einer der aus Hirschgeweihen gefertigten die schöne Inschrift:

O goslar, du bist togedan Den hilgen romesken rike Sunder middel (d. i. Falsch) unnd wane, Nicht macstu darvon wiken.

Das jetzt Huldigungszimmer genannte Zimmer mit reichem, wertvollem Bilderschmuck an Wand und Decke, welcher die Weissagungen vom Messias im Heidentum durch die Sibyllen, im Judentum durch die Propheten und die durch die Evangelisten bezeugte Menschwerdung Christi zum Grundgedanken hat, wird die alte Ratskapelle sein; es enthält wertvolle Urkunden und Altertümer, darunter ein prachtvolles, mit farbenschönen Miniaturen geziertes Evangelienbuch aus dem dreizehnten Jahrhundert, und in der kleinen Altarconcha, deren Gemälde Christi Leiden und den Heiland als Weltenrichter darstellen, besonders die silberne Bergkanne, eine ausgezeichnete Arbeit aus dem Jahre 1477. -- Das wunderlichste Baudenkmal ist das vom Magister Thalling 1521 erbaute Brusttuch, ein Patrizierhaus mit trapezförmiger Grundfläche und völlig windschiefem Dache, Glasmalereien an den gotischen Fenstern und reichem Schnitzwerk -- Ornamenten, Figuren und phantastischen Gestalten -- an Schwellen, Ständern und Konsolen. Zierlicher und anmutiger ist das 1557 erbaute Bäckergildehaus.

[Sidenote: Kaiserhaus in Goslar.]

Durch die Breite Straße, die noch hübsche alte Häuser mit Erker und vorgekragtem Obergeschoß und geschnitzten Balkenköpfen aufzuweisen hat, gelangen wir an das Breite Thor mit seinen vier starken Türmen und über den Annenwall mit seinen Teichen und alten Ulmen an dem 1517 erbauten dicken Zwinger, der in seinen sechs Meter starken Mauern drei Reihen Geschütze und 1000 Bewaffnete aufnehmen konnte, vorüber auf das Kaiserbleek. Von dem 1819 für 4515 Mark auf Abbruch verkauften herrlichen Dome ist nur die um 1200 angefügte Vorhalle (Abb. 33) mit dem sogenannten Krodoaltar, einem aus niedersächsischer Gießerei hervorgegangenen tragbaren Altar, und andre von Kaisererinnerungen umwehte Andenken erhalten. Aber das einst zum Schauspielhause entweihte, dann glücklicherweise als Kornmagazin benutzte Kaiserhaus (vergl. Abb. 3), in dessen Thronsaale einst der Sachsen, Salier und Staufer ruhmreicher Schild hing, blickt als ein Wahrzeichen der Einigung unseres Volkes wieder hoch und stolz auf die alte Stadt herab, und wieder prangt in dem 48 Meter langen großartigen Reichssaale der auf vier steinernen Kugeln ruhende metallne Kaiserstuhl, -- im Anfange dieses Jahrhunderts für 28 Thaler meistbietend verkauft, hat ihn das Vermächtnis des verewigten Prinzen Karl auf seinen alten Platz zurückgestellt.

Die herrlichen Wandgemälde von der Hand des Professors Wislicenus zu beschreiben, fehlt hier der Raum; ich muß mich auf Andeutung des Grundgedankens beschränken. Das große Mittelbild der Westwand stellt in koloristischer und dekorativer Vollendung und genialer Komposition die Wiedergeburt des Deutschen Reiches im Jahre 1871 dar: Germania mit dem Antlitz der edlen Königin Luise reicht dem siegreich heimkehrenden Kaiser Wilhelm dem Großen am Triumphbogen die Kaiserkrone dar (Abb. 34). Die sechs Hauptbilder derselben Wand, jedes mit zwei Predellen, veranschaulichen sechs Akte eines Dramas, die Geschichte des ersten Kaisertums von Heinrich II. bis Friedrich II.: Heinrich II. wird in der Peterskirche gekrönt, Heinrich III. führt den Papst Gregor VI. gefangen über die Alpen, Heinrich IV. büßt zu Canossa, Friedrich I. demütigt sich vor Heinrich dem Löwen, Friedrich I. siegt bei Ikonium, Friedrich II. empfängt in Palermo eine arabische Gesandtschaft. Die acht Nebenbilder derselben Wand behandeln im engen Anschluß an die Hauptbilder die Geschichte des Kaiserhauses.

Die Gemälde der Südwand, drei größere (Karl der Große zerstört die Irmensäule [Abb. 35], Karls des Großen Sieg über die Sachsen, seine Krönung zu Rom, Wittekinds Taufe) mit drei Predellen bilden den Prolog, die der Vorderwand (Luther zu Worms [Abb. 36], die schmalkaldischen Bundesgenossen empfangen zusammen das heilige Abendmahl, Karl V. in St. Just) den Epilog zum Schmuck der Hauptwand; und die Fensterwand ist Darstellungen aus dem Märchen (Dornröschen) und der Sage (Barbarossa) gewidmet.

Von dem Teil des Kaiserhauses, der die kaiserlichen Wohnräume enthielt, hat nur ein Stück der Grundmauer bloßgelegt werden können, dagegen ist die an sie grenzende, ehemals zur Feldhüterwohnung erniedrigte St. Ulrichskapelle, ein Meisterstück architektonischen Erfindungsgeistes, denn sie bildet unten ein griechisches Kreuz, oben ein Achteck, wieder zu Ehren gebracht, so daß sie dem Herzen und den Eingeweiden des großen Kaisers Heinrich III. eine würdige Ruhestätte gewährt. Dem Kaiserbeet ist jüngst durch die bronzene Reiterstatue Barbarossas (von Toberentz) und das gleichfalls bronzene Standbild Wilhelms des Großen (von Schott) ein prächtiger Schmuck zu teil geworden.