Part 6
Im übrigen legt der edle Hirsch (Abb. 20) seine Scheu nur im Winter auf den Futterplätzen ab, die für ihn bei den Förstereien, doch auch beim Waldhäuschen am Fortuner Teich, beim Johanneser Kurhause und andernorts eingerichtet sind. Pünktlich wie die Uhr und nach und nach mit größerem Vertrauen stellen sich die Tiere einzeln und in Rudeln ein und sättigen sich an dem duftigen Heu, das ihnen in hölzernen Raufen dargeboten wird. Verstohlen äugen sie dabei zu uns herüber, jeden Augenblick bereit, wenn wir uns verdächtig zeigen sollten, mit einem kühnen Satze den schützenden Wald zu gewinnen. Eine neue Schar hungernder Tiere trifft ein. Sie kommen zum ersten Mal, aus weiter Ferne. Den mageren Leib noch zwischen den jungen Fichten bergend, schauen sie bald verlangend auf die gefüllten Raufen, bald ängstlich auf die gefürchteten Menschen. Jetzt tritt hier und da ein Tier vorsichtig einen Schritt vor, die knuspernden, hier schon heimischen Gefährten machen ihnen Mut, ein Alttier, weniger argwöhnisch als die Kälbchen, wagt sich heran, und nun eilt plötzlich das ganze Rudel herbei und umdrängt die wohlthätigen Futterstände. -- Ohne diese Futterplätze würde der größte Teil des reichen Wildbestandes während der Schonzeit eingehen, denn Rindenstückchen und Fichtenspitzen können auf die Dauer nicht als Nahrung genügen, und durch das »Plätzen« (Scharren) vermag das hungernde Wild bei anhaltendem Winter Gräser und Heidekraut selbst an den Quellen nicht mehr freizulegen. Aber trotz der ausgiebigsten Fütterung fällt nicht nur manches verwaiste Kälbchen, sondern auch manches stattliche Tier dem Oberharzer Winter alljährlich zum Opfer. Auf der hohen Schneelage, die sich bei mildem Wetter gesetzt hat, bildet wieder einfallender Frost eine harte Eiskruste, und diese reibt den Tieren binnen kurzem die Läufe wund und blutig. Langsam, das edle Haupt gesenkt, ein Bild des Elendes, zieht das kranke Wild seinen Weg, den es sonst im Fluge zu durcheilen gewohnt war; seine Kraft reicht kaum noch hin, die kranken, mit eiternden Wunden bedeckten Läufe aus dem harten Schnee, in den sie bei jedem Schritte tief einsinken, emporzuziehen; es kann den Futterplatz nicht mehr erreichen, verlassen und hilflos geht es an Entkräftung zu Grunde und wird eine Beute der Füchse.
VIII.
Die Söselandschaft.
[Sidenote: Osterode.]
Die Wasser der Klausthaler Hochebene fließen der Söse, der Innerste und der Oker zu. Die Söse entspringt als große und kleine Söse am jähen Abfall des Bruchberges unter den Söseklippen in der Nähe des Dammhauses. In raschen Sprüngen (Gefälle 1 : 14) eilt sie in ihrem tiefen, engen Thale bis Kamschlacken (410 Meter), wird hier etwas ruhiger und tritt beim Scherenberge oberhalb Osterode mit einem Gefälle von 1 : 60 in das Land. Von besonderer Schönheit ist ihr Thal von Kamschlacken über Riefensbeek bis zur Limpicher Brücke.
Wo die Söse bei ihrem Austritt aus dem eigentlichen Gebirge den Lerbach aufnimmt, an dem sich, eng und tief zwischen die Berge eingeklemmt, das gleichnamige große Eisenhütten- und Waldarbeiterdorf stundenweit bis unter die Kuckholzklippe und den Heiligenstock hinaufzieht, liegt hart zwischen dem Harze und einem Hügelzuge freundlich die wichtige Fabrikstadt Osterode (Abb. 22). Im Jahre 1130 zuerst erwähnt, erhielt der Ort zwischen 1218 und 1223 vom Pfalzgrafen Heinrich Stadtgerechtsame und trat im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts -- wo die Stadt, sonst auf Ackerbau und Handel angewiesen, Mittelpunkt einer bedeutenden Eisenindustrie ward -- in den Bund der Hansa. Doch war die Blüte nur von kurzer Dauer. Daß ihr Handel und Wandel mehrfach vom räuberischen Adel der Nachbarschaft und von gemeinen »Räubern und Strodern (dies ist das deutsche Wort für Vagabund) auf dem Harze« geschädigt ward, war nicht das Schlimmste. Der übermütige, trotzige Sinn ihrer Bürgerschaft verwickelte sie in Fehden, deren eine ihr gar die Reichsacht zuzog, und die langjährigen Zwistigkeiten jener mit dem Rate gediehen im Jahre 1510 zu offenem Aufruhr und grauenhaftem Morde: die Bürger stürzten ihren Bürgermeister Freienhagen vom Rathause in die Spieße der untenstehenden, die seine Leiche schmählich in Stücke hieben. Zu diesen das Gemeinwesen schwer schädigenden Vorgängen gesellten sich Verheerungen durch Brand und Seuchen: am 1. September 1545 ward die ganze Stadt bis auf 46 Häuser und die Vorstädte ein Raub der Flammen, und in die Zeit von 1566 bis 1625 fallen sechs schwere Pestjahre. -- Die Schrecken des dreißigjährigen Krieges, Brandschatzungen durch Braunschweiger, Kaiserliche und Schweden, Belästigung durch die sogenannten Harzschützen brachten die Stadt an den Rand des Verderbens. Die schwerste Heimsuchung knüpft sich an den Namen Merode. Vom 17. bis 22. Oktober 1631 legte sich dieser Pappenheimische General mit acht Regimentern vor die Stadt, forderte 40000 Thaler Kontribution und ließ, als diese Summe nicht gezahlt werden konnte, sofort seine Geschütze und Mörser spielen, auch die nicht geschützten Vorstädte zum schreckenden Beispiel »gänzlich ruinieren und ausplündern«. Vergebens bat der Rat »um Christi Blutes und Todes willen« fußfällig um Gnade, vergebens versuchten die Schulknaben und Mägdlein den harten Kriegsmann milde zu stimmen, vergebens war die Bitte der Bürger, mit Weib und Kind unter Zurücklassung aller Habe die Stadt verlassen zu dürfen. Die Kirchen wurden erbrochen, das Regierungsgebäude ausgeraubt, den Bürgern Wollen- und Leinentuch und andre Ware, auch Pferd und Wagen genommen, und Merode selbst nahm alles vorhandene Geld, Gold und Silber als Abzahlung, für den Rest hafteten die Geiseln, die er mit sich führte.
Nach jenem verderblichen Kriege hat sich die Stadt in stetiger und ruhiger Entwickelung zu einer der ersten Fabrikstädte des Harzes emporgeschwungen (7100 Einw.).
Unter der aus Flußkieseln erbauten Marktkirche ist die Fürstengruft der letzten Herzöge von Grubenhagen, deren Stamm 1596 mit Philipp II. erlosch, und ihrer Gemahlinnen. Das älteste Gebäude ist die mit der zwei Meter höher gelegenen Schloßkirche verbundene sehr starke viereckige Wegsklause. Eine malerische Gruppe bildet vor dem Johannisthore die Ruine der landesherrlichen Burg mit ihren in Gärten umgewandelten Gräben und der wie jene aus Flußkieseln in Gips erbauten Johanniskirche an ihrem Fuße. Wohl von den Grafen von Catlenburg vor 1130 erbaut, ging sie 1143 an deren Erben Heinrich den Löwen über und diente noch bis 1512 als Witwensitz der grubenhagenschen Herzoginnen. Jetzt wohnt in dem epheuumrankten, zur Hälfte abgespaltenen mächtigen runden Turme nur noch die holde »Osterjungfrau«, die Wohlthäterin der Armen.
Die Söse, welche in der Stadt das große Kornmagazin bespült, aus dem die oberharzischen Bergleute ihr »Herrenkorn« zu billigem Preise erhalten, folgt gleich den andern Flüssen dieses Harzrandes erst noch eine längere Strecke dem Gebirge in nördlicher Richtung; erst zwischen Badenhausen und Eisdorf gelingt es ihr, angesichts der Ruinen der Hindenburg und des Lichtensteins durch eine Lücke im Gipszuge nach Süden zu entschlüpfen, um sich dann, bei Dorste sich westlich wendend, bei Elvershausen in die Ruhme zu ergießen.
IX.
Die Innerstelandschaft.
Die Innerste, der zweite und wichtigste Fluß der Klausthaler Hochebene, hat ihre Quelle in dem auf alten Karten Innerstesprung genannten Entensumpfe, unfern des Dorotheer Zechenhauses, verstärkt sich durch die Abflüsse der großen Bergwerksteiche, von denen der Bärenbrucher, der Pixheier, der Schwarzenbacher, der Ziegenberger und der Große Sumpfteich bei Buntenbock die bedeutendsten sind, sammelt ihre Wasser in dem schön gelegenen, 477000 Kubikmeter fassenden Prinzenteiche bei der Ziegelhütte und schlägt in einem von hier ab deutlich ausgeprägten Thale nördliche Richtung ein. Wo ihr der Zellbach die Wasser von 19 Teichen von rechts zuführt, wirbelt die Klausthaler oder Frankenscharner Silberhütte ihre Rauchwolken verwüstend in die Luft.
[Sidenote: Rauchblößen.]
Wenn wir uns einer im Walde oder in der Nähe desselben belegenen Silberhütte, nicht bloß der Klausthaler, nähern, so fällt es uns auf, daß die Fichten an den Berghängen statt des normalen Grün ein eigentümliches Blaugrau oder ein schmutziges Dunkelgrün, oder häufiger noch ein ganz helles Gelbgrün zeigen. Und treten wir, um ihn näher zu betrachten, an einen solchen Baum heran, so finden wir neben normalgrünen fahle, mißfarbige, gelb-, trocken-, rotspitzige und ganz rote Nadeln; je näher wir der Hütte kommen, desto mehr nimmt diese Entfärbung von Grün in Rot zu, und da die roten Nadeln meist abfallen, so überzieht eine hohe, lose Nadelschicht den Waldboden, die Bäume werden fast kahl, die Äste und bei jüngeren Bäumen auch der Stamm dunkel bis kohlschwarz, die Äste trocken, die Kronen licht, und noch ehe wir die Hütte erreichen, endet der Wald mit weit auseinanderstehenden, ganz dünn benadelten Baumkrüppeln, die aussichtslos den letzten Kampf um ihr Leben kämpfen.
[Sidenote: Waldvergiftung.]
In unmittelbarer Nähe der Hütte aber wächst weder Baum noch Strauch noch Grashalm. Diese Rauchblöße der Klausthaler Hütte umfaßt 200 Hektar früheren Waldboden gegen 10 Hektar im Jahre 1750. Daran schließen sich aber noch 180 Hektar stark beschädigte Bestände mit spärlicher Heide und kümmerlichem Grase. Wie von dem völlig vegetationslosen Blößenterrain, dessen zusammenhaltende Grasnarbe längst weggeräuchert ist, der Boden bis auf den letzten Rest von den Regengüssen abgespült wird, so daß demnächst nur der nackte Fels erhalten bleibt; so werden die jetzt lückigen Bestände allmählich in vollständige Blößen übergehen und die mäßig und schwach geschädigten nacheinander lückig werden. Aber da die klimatischen Verhältnisse und die Terrainbildung dieselben bleiben, so wird wenigstens das Gesamtschädigungsgebiet sich schwerlich noch vergrößern.
Was den Wald vergiftet und tötet, ist nicht etwa der metallische Flugstaub, den die Hütten im Hüttenrauch in die Luft senden. Der schadet wohl dem Rindvieh, das in der Nähe der Hütten weidet -- der zuweilen tödliche »Kopfjammer« ist eine Bleivergiftung; der ruft auch bei Hirschen, die dort äsen, die abnormen Geweihbildungen hervor, die wir in den Harzer Forsthäusern mit Verwunderung betrachten; und die halbgelähmten Drosseln und Finken, die wir im Herbste kraftlos von einem Steinhaufen an der Chaussee zum andern flattern sehen, haben sich an den mit feinem Bleistaub bedeckten, verlockenden Vogelbeeren den Tod geholt. Aber das Gift, das den Pflanzen durch den Hüttenrauch zugeführt wird, ist die schweflige Säure. Wie die Chausseebäume bei Silbernaal zeigen, ist die schädliche Wirkung dieser Säure bei den Laubbäumen bedeutend geringer als bei den Nadelbäumen, denn während das im Rauch erkrankte Laubblatt bald durch ein gesundes ersetzt wird, summiert sich in den Nadeln die Schädigung für mehrere Jahre. Nach den gemachten Erfahrungen und angestellten Versuchen sind die Eiche und die Ahornarten am widerstandsfähigsten, und nur mit dem Eichenniederwalde kann der Verwüstung mit Erfolg Halt geboten und dann vom Bestandesrande aus auch den Rauchblößen schrittweise wieder Terrain abgerungen werden.
[Sidenote: Metallaufbereitung.]
Ehe wir in die Hüttengebäude eintreten, werfen wir einen kurzen Blick in die oberhalb des Hüttenbahnhofes terrassenförmig aufsteigende Aufbereitungsanstalt, die größte der Welt. Oben beim Ottiliäschacht beginnend, wo bis vor kurzem die mit Erz gefüllten Eisenkästen unmittelbar aus den Schiffen 400 Meter hoch gehoben und gestürzt wurden und jetzt die Wagen der elektrischen Bahn, welche die Erze des Burgstätterzuges herzuführt, entladen werden, nehmen wir die entsetzlich prasselnden Steinbrecher und weiter die Walzwerke (zur Zertrümmerung) und Trommeln (zur »Klassierung«, Sonderung nach dem spezifischen Gewicht) in Augenschein, durchwandern die Sortierhäuser, wo das Klauberz durch der Pochknaben flinke Hand in Bleiglanz, Blende, Kupfer- und Schwefelkies, »Pocherz« und »Berg« geschieden wird, die Pochwerke, wo 176 je 180 Kilogramm schwere eiserne Stempel mit ihrem stählernen »Schuh« die Erze in Tiegeln aus Hartguß unter so entsetzlichem Lärme zerschmettern, daß man auch den lautschreienden Nachbar kaum versteht, sehen dann Stoßherd, Setzmaschine und Kehrrad arbeiten und treten durch die Schlammwäsche wieder ins Freie.
Auch auf der Hütte steigen wir zunächst in die oberen Räume, sehen hier die Schliechvorräte der einzelnen Gruben lagern und abwägen, dann nieder steigend auf der »Gicht« die Beschickung der Öfen (Schliech, Niederschlagsmaterial, Flußmittel) und im Hüttengebäude selbst von den von den bläulichen Flammen umzuckten und umspielten Öfen die glühenden Metallmassen zischend und wieder aufwallend in die kesselartigen Vertiefungen strömen, die Kruste des Bleisteins herausheben und das Werkblei in lange, schmale Formen füllen und nehmen zum Schluß, mit dem Silberblick auf Lautenthal vertröstet, auf dem Hüttenhofe die Röstung des Bleisteins, die jenen die Vegetation zerstörenden Hüttenrauch hinaussendet, in Augenschein (Abb. 21).
[Sidenote: Grund. Wildemann. Lautenthal.]
Weiter der Innerste folgend, gelangen wir unterhalb des »Silbernaals« an die Stelle, wo der Fluß einen Teil seiner Wasser den Gruben bei Grund durch den den Bauersberg durchsetzenden Schultestollen zusendet.
In ein nach oben sich verzweigendes, aber nur nach dem Lande zu offenes Thal eng und geschützt eingebettet, ist die Bergstadt Grund (Abb. 24) der älteste der oberharzischen Kurorte, übt aber, nur durch einen rings umher laufenden, meist stark ansteigenden grünen Wiesenstreifen vom frischen Laub- und Nadelwald getrennt, durch die Anmut seiner Lage und die Schönheit seiner Umgebung noch immer seine alte Anziehung aus. Obwohl nur etwa 300 Meter hoch und fast am Rande des Oberharzes gelegen, erhält es durch die einschließenden Berge, namentlich durch den fast jäh aufsteigenden Iberg (das ist Eibenberg) wirklichen Gebirgscharakter. Unsern Weg zu diesem 562 Meter hohen Korallenriff nehmen wir über den Hübichenstein und die Tropfsteinhöhle. Jener ist der 40 Meter hohe feinkörnige Kalksteindoppelfelsen, unter dem der wohlthätige Zwergkönig Hübich, der verzwergte Wuotan, seine reichen Schätze bewacht; diese enthält eine ganze Reihe schöner Gebilde, von denen der »versteinerte Wasserfall« am überzeugendsten wirkt; in der Nähe seines Einganges steht die einzig übriggebliebene Gruppe alter Eiben (Taxus), von denen der Berg seinen Namen hat. Von der Plattform des die hohen Buchen überragenden Holzturmes überblickt man einen Teil des westlichen Oberharzes, vor allem aber über das zu den Füßen »im Grunde« liegende Städtchen hinaus die welligen Hügellandschaften bis zum Turmberge bei Hackenstedt und Griesberge bei Almstedt im Norden und den die Kahle Zelle bei Grünenplan überragenden Wesergebirgen im Westen und dem Herkules und Meißner und den Thüringer Bergen im Süden.
Ein bequemer Abstieg führt uns über den »Schweinebraten« zurück in das sich immer tiefer einschneidende Innerstethal. In eine halbkreisförmige Krümmung desselben und in das hier mündende Spiegelthal liegt Wildemann (Abb. 23), die kleinste der sieben Bergstädte, hart eingeklemmt. Die Berge steigen unmittelbar hinter den Häusern so steil an, daß das duftige Heu der Bergwiesen nur in »Säumen« auf dem Rücken von den Frauen eingeschafft werden kann, und daß vor einigen Jahren ein Riß am Berge eine Häuserreihe in die Innerste zu schieben drohte. Bei der Linde vor dem Rathause, die nach der Inschrift der wilde Mann höchst eigenhändig gepflanzt hat, erinnern wir uns daran, daß der zum Sinnbild des Harzes gewordene Wildemann, der die Moosweibchen (die Wolken) jagt, mit dem Sturmgott Wuotan, dem wilden Jäger, identisch ist.
Da die Innerste das Gebirge in »widersinniger« Richtung zerreißt, so bietet ihr in seinen Windungen so abwechselungsvolles Thal neben dem Flußbett kaum Platz für die Fahrstraße, schon die Eisenbahn hat sich durch und in die Felsen graben müssen. So sind denn auch Siedelungen an ihr, selbst die Zechen- und Forsthäuser und Sägemühlen, nur da möglich gewesen, wo durch Einmündung eines Baches eine Thalerweiterung entsteht. Die Berge um Lautenthal (Abb. 25) sind noch höher als bei Wildemann, aber die nur noch 300 Meter -- 125 Meter tiefer als diese -- belegene Stadt konnte sich etwas behäbiger ausbreiten: die Straßen ziehen sich im Thale der Laute und auf einem mählich steigenden Berghange auf dem rechten Ufer ziemlich weit hinauf. Von der Höhe über der »Prinzeß Karoline«, die der schöne Fußweg über die Schildauköte nach Seesen erklettert, hat man einen großartig schönen Blick auf die Stadt.
Bei Langelsheim, wo -- wie in Lautenthal -- eine Silberhütte dampft, tritt der Fluß durch eine majestätische Gebirgspforte in das Vorland. Bei niedrigem Wasserstande erscheint sein Wasser schon hier fast durchsichtig; der giftiges Bleioxyd führende Pochsand hat sich im kiesigen Flußbett nach und nach niedergeschlagen. Rührt aber Hochwasser diese Schlammmassen auf und reißt sie brausend mit fort, dann ist die Innerste eine graue, dicke Flüssigkeit, und wo sie über ihre Ufer steigt, lagert sie unglaubliche Mengen des feinen Pochsandes auf Wiesen und Äcker im unteren Innerstethal ab.
Auf ihrem linken Ufer eilt der Innerste das Flüßchen Neile zu, die das Schlachtfeld von Lutter und die Heimat des sagenhaften »Thedel von Wallmoden Unverfehrt« bespült.
Längeren Laufes und wasserreicher als die Neile, die bei der Darmpfuhlsmühle mündet, ist die Nette, welche der Innerste alle Wasser zuführt, die von dem hohen Bergzuge auf dem linken Ufer dieses Flusses bei Wildemann nach Westen rinnen. Am höchsten greift der Pandelbach, die alte Grenze zwischen Engern und Ostfalen, zwischen Mainz und Hildesheim, hinauf; seine Quelle liegt an dem allen Harzwanderern bekannten »Keller«, einem haustief in das bröcklige Gestein steil eingeschnittenen schmalen Hohlwege, auf dem einst den Walkenrieder Hütten im oberen Nettethal die Rammelsbergschen Erze zugeführt wurden. Welch ein beschwerlicher Umweg! Aber die Gegend zwischen Langelsheim und Hahausen war ehemals -- und noch zur Zeit der Schlacht bei Lutter -- ein unpassierbarer Sumpf.
[Sidenote: Münchehof. Kirchberg.]
Bei Münchehof (das ist Hof der Walkenrieder Mönche) tritt der Pandelbach, in dessen klaren Wassern das üppige Buchengrün flimmernd sich spiegelt, aus dem Oberharze heraus. Gleich darauf bespült der verstärkte Bach das alte, aber außen und innen modernisierte Schloß Kirchberg, das mit seinem Burggraben und seinem von prächtigen Baumgruppen begrenzten Schloßteiche sich von dem fruchtbaren Gefilde gar ausdrucksvoll abhebt. Nach ihm benannten sich Heinrichs des Jüngeren legitimierter Sohn Heinrich Theuerdank und dessen Mutter Eva von Trott.
Die nicht bedeutenden Ruinen der Staufenburg -- namentlich ein dicht von Epheu umwobener zerspaltener Turm und Reste des Eingangsthores, vor dem eine mächtige Linde von hohem Alter steht -- finden sich auf einem Kegel, der aus dem buchenbestandenen Muschelkalkzuge, der den Oberharz im Westen in geringem Abstande begleitet, wenig auffällig hervorragt. Hervorragende Bedeutung für die Kulturgeschichte des Oberharzes erhielt die Burg, als 1505 hier die Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel ihren Witwensitz nahm und dem Bergbau ihre ganze Liebe zuwandte. Um sich an der sich mehr und mehr ausdehnenden Montanindustrie zu erfreuen, besuchte sie gar oft persönlich den rasch aufblühenden Ort »im Grunde«, dessen Kapelle sie zur Pfarrkirche erhob. In ihre Fußstapfen trat 1521 ihr Großsohn und Erbe, Herzog Heinrich der Jüngere. Mochte ihn vielfach auch die Sehnsucht nach seiner geliebten Eva, an deren Statt er eine ausgestopfte Puppe nach fein gespielter Todeskomödie mit Sang und Klang in Gandersheim hatte begraben lassen, nach der Staufenburg ziehen, wo sie in stillster Einsamkeit, mehr einer Gefangenen als einer fürstlichen Geliebten ähnlich, ihre Jugendjahre verlebte; so besuchte er doch auch später, als er 1541 Eva mit ihren Kindern nach der festeren Liebenburg geschickt hatte, häufig die Staufenburg, um von hier aus seine neu entstandenen Bergstädte Zellerfeld und Wildemann, deren Gruben und Hütten in Augenschein zu nehmen. -- Von seinen Nachfolgern aber hat keiner auf der verschwiegenen Burg auch nur vorübergehend residiert. So verfiel sie nach und nach, und 1778 fand man den Aufenthalt in dem alten Gemäuer selbst für die Gefangenen und deren Wärter zu lebensgefährlich.
Die Nette, welcher der Pandelbach und mehrere andre größere und zahlreiche kleine Bäche ihr Wasser zuführen, entspringt am Netteberge bei Herrhausen. Ihr Gebiet führt -- sogar noch im Volksmunde -- den Namen Ambergau.
Von rechts nimmt die Nette die aus dem Oberharze kommende Schildau auf. Der Weg von der Schildauköte am Fuße des Schildberges, der die unbedeutenden Ruinen einer vom Grafen Hermann von Winzenburg um 1148 erbauten Burg trägt, auf dem »Forellenstieg« an dem schäumenden Flüßchen hinunter über den »Grünen Jäger« nach Seesen gehört zu den schönsten im ganzen Harze.
[Sidenote: Seesen.]
Seesen, in den Friedensverhandlungen zwischen Heinrich dem Zänker und den sächsischen Großen 984 zuerst erwähnt, hat erst nach Anlage der Eisenbahnen, die von ihm strahlenförmig nach fünf Seiten laufen, kräftigen Aufschwung genommen und weniger begünstigte Städte raschen Schrittes überholt. Unter den wenigen alten Häusern, welche die häufigen Feuersbrünste überstanden haben, ist außer dem früheren Schlosse kaum ein architektonisch bedeutsames.
Obwohl Seesen in einer Höhe von nur 219 Meter am Rande des Oberharzes liegt, fühlt und glaubt man sich hier mitten im Gebirge, denn die Höhen, welche den Ambergau im Westen begrenzen, und die Berge, welche von Hahausen das rechte Netteufer begleiten, erscheinen dem Auge fast von gleicher Höhe wie der eigentliche Harz. Mit besonderem Wohlgefallen aber ruht es auf dem Bergzuge des Heber, dessen helles Laubgrün zu dem gegenüberliegenden dunkeln Harzwalde einen freundlichen Kontrast bildet. Gleich einem verwitterten, halb zertrümmerten Felsen ragt aus den hohen, schlanken Buchen ein altes Gemäuer hervor und überschaut wie ein Herrschersitz den Gau thalauf und -ab. Es ist die Ruine der Burg Woldenstein, der Sage nach die Heimat des vom heiligen Bernward, seinem Verwandten, erzogenen gelehrten Bischofs von Meißen (1066-1106) und eifrigen Bekehrers der Wenden, des vom Papste Hadrian VI. 1523 heilig gesprochenen St. Benno. Aber die Burg ist erst 1295 von den Grafen von Woldenberg erbaut. Ihr Ende fand sie 1519 in der verwüstenden »Stiftsfehde«.
Der Nette folgend, treten wir bei Rhüden, wo aus den oberen Schichten des bunten Sandsteins eine schwache Sole quillt, in die Gegend des erst einige Jahrzehnte alten, aber lohnenden Kalibergbaues ein, der von hier den Nordrand des eigentlichen Harzes im Halbbogen umzieht.
[Sidenote: Bockenem.]