Part 4
Es lassen sich hier, wenn auch nicht in genauem Anschluß an die Gaugrenzen, drei mitteldeutsche Mundarten unterscheiden: süd- oder unterharzisch, mansfeldisch und nordthüringisch. Ihr Konsonantenstand ist derselbe wie der des Hochdeutschen, nur ist das niederdeutsche $pp$ und $mp$ am Ende der Wörter geblieben: Kopf und Strumpf werden noch Kopp und Strump gesprochen; und das niederdeutsche p im Anlaut ist nicht in pf, sondern in f umgewandelt: Pferd und Pfennig lauten Ferd und Fennig.
Stimmen hierin die drei Mundarten überein, so ist dagegen die sogenannte bayerische Vokalverschiebung, die Verbreiterung der alten Vokale _î_ und _û_ zu ei und eu, welche durch die süddeutschen Kanzleien und namentlich durch Luthers Bibelübersetzung in unser Neuhochdeutsch gedrungen ist, nur von der mansfeldischen Mundart angenommen; sie spricht _mei haus_, _feier_, _ihr_, _eich_ (euch), _eier_ (euer), wo jene beiden _min hûs_, _fier_, _ji_, _uch_, _uer_ sprechen. Die wesentlichsten unterscheidenden Merkmale zwischen der unterharzischen und der nordthüringischen Mundart sind, daß nur diese den Infinitiv um $n$ verkürzt; im Osten: ich kann _sprech$e$_, im Westen: ich kann _$ge$sprech$e$_; und das anlautende _g_ nicht wie _j_, sondern wie _g_ und _k_ spricht: nicht wie Mansfeld und Unterharz _jestern_ und _janz_, sondern _gestern_ und _ganz_ neben _kestern_ und _kanz_. Zum Michquartier gehören sie alle drei.
Nicht aber, als die einzige im ganzen Harzgebiete, die in das niederdeutsche Sprachgebiet inselartig eingesprengte oberharzische Mundart, welche sich auf die Städte und Ortschaften beschränkt, die dem Silberbergbau ihre Entstehung verdanken: Klausthal, Zellerfeld, Andreasberg, Wildemann, Lautenthal, Hahnenklee, Bockswiese, Festenburg, Oberschulenberg und teilweise Unterschulenberg und Altenau. Die Lautverschiebungen sind nicht bis hierher gedrungen, sondern die Einwohner haben ihre oberdeutsche Mundart schon aus ihrer Heimat mitgebracht, und da sie keine anders sprechende Bevölkerung vorfanden, unbeeinflußt bewahren können.
Das Oberharzisch hat die bayerische Vokalverschiebung (_mei haus_), aber andern Konsonantenstand als die vorhin genannten drei mitteldeutschen Mundarten: im Anlaute ist das alte _p_ in _pf_ umgewandelt (also Pfeng, nicht Fennig). In ganz Deutschland hat nur noch die Mundart des oberen Erzgebirges diese Merkmale. In beiden hört man Pfâr für Pferde neben schtoppen für stopfen und Napp für Napf; in beiden klingt _kn_ im Anlaut fast wie _gn_ (Gnabe statt Knabe), wird _mr_ (_mer_) für wir und für man gebraucht, _rsch_ für _rs_ im Auslaut gesetzt (des Schteiersch = des Steigers), dasselbe helle _a_ mit weitgeöffnetem Munde gesprochen (Ahng = Augen). Bei weiterem Vergleiche zeigt sich die völlige Übereinstimmung der oberharzischen gerade mit der Mundart des westlichen Erzgebirges (der sächsischen Städte Schneeberg und Annaberg und der böhmischen Stadt Joachimsthal). Nur hier, nicht im Osten desselben, wird z. B. das _n_ der Endung _gen_ in die vorausgehende Silbe versetzt und als Nasenlaut gesprochen (Morring Morgen, mit solling Leitn mit solchen Leuten), der Infinitiv auf _a_ (kumma kommen, brenga bringen) und das Adjektiv öfter auf _et_ (narbet narbig, lampet abgetrieben) gebildet. Diese gemeinschaftlichen Besonderheiten der westerzgebirgischen und oberharzischen Mundarten, die letztere allgemeiner festgehalten hat, als erstere, sind auf fränkische Einwirkung zurückzuführen. Fränkisch sind z. B. die erwähnte Adjektivendung _et_, die Verkleinerungssilbe _le_ _la_ (Heisl, Mehrzahl Heisla Häuschen), das häufige _ä_ für hochdeutsches _ei_ (Äch Eiche, Gäst Geist, dräzen dreizehn, Schrä Schrei etc.). Fränkisch sind auch viele oberharzische Wörter, die im Erzgebirge heutzutage nicht mehr üblich sind (z. B. wallen gin spuken, zochen umziehen, zipperig furchtsam, porren reizen, kâzen vor Uebermut laut schreien, greina weinen).
Die fränkische Färbung der beiden Mundarten weist darauf hin, daß die Auswanderung aus dem Erzgebirge nach dem Oberharze in einer Zeit stattfand, in der dort fränkische Bergleute unter der aus dem Meißnischen zuströmenden Bevölkerung sich seßhaft machten; und der Umstand, daß diese Färbung im Oberharze stärker ist als im Westerzgebirge, findet schon in der inselartigen Abgeschlossenheit des Oberharzes ausreichende Erklärung; daneben steht aber auch fest, daß bei der Aufnahme des oberharzischen Bergbaues einzelne Knappen direkt aus Franken zuwanderten.
[Sidenote: Dorfanlage.]
Inbetreff des Hausbaues weisen die einzelnen Gaue kaum noch nennenswerte Eigentümlichkeiten auf. Mag einst, wie einige der am Ostsaum aufgefundenen »Hausurnen« schließen lassen, der altsächsische »Einbau«, der Menschen- und Viehhaus samt den Kornfächern unter einem Dache vereinigt, bis an den Fuß der Harzberge gereicht haben, so waren doch schon zur Zeit der Abfassung des Sachsenspiegels in dem ehemaligen Nordthüringen getrennte Scheunen üblich, und heute hat das fränkische Haus das sächsische völlig verdrängt: denn obgleich am Nordrande die Bauernhäuser bis über Bockenem hinaus vielfach die Giebelseite der Straße zukehren, so befindet sich doch der Eingang in der den Wirtschaftsgebäuden zugekehrten Breitseite.
Abgesehen von den in die engen Gebirgsthäler eingeklemmten und sich oft fast stundenlang ein- oder zweireihig hinziehenden Ortschaften bieten die übrigen fast sämtlich das Bild des unregelmäßigen Haufendorfes, denn wenn auch die ursprüngliche Hufeisen- und Rundlingsform der Wendendörfer in der Goldenen Au sich aus dem jetzigen Befunde meist noch herausschälen läßt, so haben doch Durchbrechungen des Ringes und Anbauten außerhalb desselben für das nicht historisch geschulte Auge den Unterschied vom Haufendorfe so gut wie verwischt.
Wenn auch der Harz in seinen Steinbrüchen von jeher eine Fülle und Mannigfaltigkeit vorzüglichen Baumaterials namentlich zu seinen herrlichen und großartigen Kirchen und ähnlichen Bauten geliefert hat, und wenn sich gleich in letzter Zeit selbst in oberharzische Städte, das Auge beleidigend, hie und da in das stimmungsvolle Bild sich harmonisch und komplementär nicht einfügende rote Backsteinbauten eingedrängt haben, so erfreut sich doch der alte Harzer Fachwerksbau, zu dem die schier unerschöpflichen Wälder geradezu aufforderten, auch in den Städten noch immer der wohl begründeten Vorliebe, und manches in verständnisloser Zeit dem Abbruch oder doch dem Verfall bestimmte künstlerisch oft reich gestaltete Haus ist als eine Perle der Baukunst erkannt und soweit möglich in seiner ursprünglichen Schöne restauriert.
[Sidenote: Volkstrachten.]
Von den alten Volkstrachten hat sich in den Harzlanden wenig erhalten. Die kleidsame Tracht des Bergmanns -- grüner Schachthut ohne Rand, schwarzer Leinwandkittel mit Puffen, blankes Hinterleder mit Messingschloß und schwarzen Beinkleidern (Abb. 4) -- sieht man fast nur noch an bergmännischen Festen und bei Beerdigungen, sie ist zur bloßen Uniform geworden; den blauen Leinwandkittel des Bauern hat vielerorts bereits ein langer Rock von unbestimmter grauer oder brauner Farbe verdrängt, nur der Fuhrmann, besonders auch der oberharzische, trägt ihn noch -- wie die früher allgemein üblichen Gamaschen -- regelmäßig als Arbeitsgewand; aber der schneeweiße Leinwandkittel des Fuhrherrn (Abb. 5), zu dem gelbe Gamaschen und hoher schwarzer Seidenhut gehörten, ist seit einigen Jahrzehnten völlig verschwunden. -- Und auch die Frauentracht fügt sich, wenn auch mit einiger Verspätung, mehr und mehr der Mode. Den mit breiten farbigen Samtstreifen mehrfach umsäumten Rock und die schwarze, mit Band und Spitze verzierte Mütze sieht man nur noch bei der älteren Generation, und auch bei dieser nur ganz vereinzelt das kleine tütenförmige Mützchen mit den breiten, fast bis auf die Fersen herabhängenden Seidenbändern, wie es z. B. die Bäuerinnen im Ambergau noch vor wenigen Jahrzehnten allgemein trugen. Aber die »Landgängerinnen« des Oberharzes kennzeichnet noch ausnahmlos der buntgeblümte, die mit Butter und Eiern gefüllte »Kiepe« vor neugierigen Blicken schützende langkragige Kattunmantel (Abb. 6).
Inbetreff des Charakters und der Begabung läßt sich zwischen den Bewohnern der einzelnen Gaue kaum eine Grenzlinie ziehen, wohl aber zwischen dem Niedersachsen, dem der meist starkknochige, etwas lebhaftere und redegewandtere thüringische Harzer nahesteht, und dem Obersachsen des westlichen hohen Harzes. Im Norden und Osten meistens gedrungen und kräftig, im Lisgau lang und hager, aber sehnig, ist jener bedächtig, aber nachhaltig, nicht beredsam, doch nicht sprechfaul, etwas zugeknöpft gegen Fremde, aber treu in Zuneigung und Freundschaft, rechthaberisch, doch versöhnlich, starrköpfig, wo seine Rechte in Frage kommen, aber ein Feind arglistiger Schädigung, fleißig, genügsam und sparsam, doch fast verschwenderisch, wo es die Ehre des Hofes und der Familie gilt, karg im Geben, doch bereit zu jeder Hilfe, die kein bares Geld kostet; ohne sprudelnden Witz und lebhafte Phantasie, aber klaren Verstandes und gesunden Urteils; konservativ, doch nicht unzugänglich für Neuerungen, kirchlich und gottesfürchtig, doch nicht frei vom Vertrauen auf Kartenschlagen und Besprechen.
Der Oberharzer erscheint neben dem Nordthüringer und Niedersachsen fast schmächtig und schwächlich, übertrifft beide aber an Gewandtheit und Ausdauer. Er ist gastfrei und gesellig, mäßig und nüchtern, sucht seine Freude in der Familie, in Wald und Halde, in Vereinigungen zu Gesang und Musik; entschlossen und überlegend, ausgerüstet mit bewundernswerter Geistesgegenwart, ist er ein anstelliger, vorzüglicher Arbeiter. An Mutterwitz und Schlagfertigkeit übertrifft er den Niedersachsen weit, doch keineswegs an Schärfe des Verstandes und Tiefe des Gemüts.
VII.
Die Hochebene von Klausthal.
[Sidenote: Klausthal und Zellerfeld.]
Wir beginnen unseren Rundgang mit den sieben »Bergstädten« des Oberharzes und folgen dann den dort entspringenden Flüssen bis in die Vorlande.
Von den sich eng aneinander schmiegenden Schwesterstädten Klausthal (Abb. 7) und Zellerfeld (Abb. 8), deren erstere, einer langgestielten dreizinkigen Gabel nicht unähnlich, von 535 Meter am gemeinschaftlichen Bahnhofe bis zu 605 Meter beim Schützenhause aufsteigt, ist das fast schachbrettgeformte Zellerfeld die ältere. Da, wo jetzt hart an der Grenze das städtische Brauhaus steht, erbaute das reiche Simon-Judasstift in Goslar gegen das Jahr 1200 das Benediktinerkloster Cella und schuf damit an dem alten von Goslar nach Osterode zum Anschluß an die Nürnberger Straße führenden Wege dem Warenzuge des Kaufherrn wie dem einsam pilgernden »Elenden« eine bessere Erholungs- und Zufluchtsstätte, als solche die dürftigen Klausen, von deren einer Klausthal den Namen führt, zu bieten vermochten. Und bald erklang die Axt der fleißigen Klosterleute im ungelichteten Urwalde, auf der geschaffenen Lichtung, dem »Zellerfelde«, erstanden Außenhöfe mit Viehwirtschaft, und fränkische Bergleute siedelten sich unter dem Schutze des Klosters und seiner Schirmherren an und erschürften Gang um Gang des edlen Silbers. Anderthalb Jahrhunderte wirkte so das am höchsten und einsamsten gelegene Harzkloster im Segen; da brach im Jahre 1348 der schwarze Tod, der wie ein Würgengel ganz Europa durchschritt, auch hier herein, raffte Mönche und Bergleute dahin und brachte durch die Unsicherheit und Verwilderung, die ihm auf dem Fuße folgte, den Oberharz wieder zu völliger Verödung. Doch heute noch befährt der »Bergmönch« als der aufsichtführende Geschworene mit silbernem, bis zur Firste flackerndem Grubenlichte die Schächte und Strecken, und beredter noch als die Sage führen die Gruben des »alten Mannes« mit seinem Gezäh und seinen Gebeinen, die »Burgstätte«, auf der vielleicht der letzte Rest der von der Pest Verschonten im Kampfe mit den Räuberbanden erlag, der Frankenscherven (jetzt Frankenscharn), die »Abtshöfe« und andre ihre stumme Sprache.
[Sidenote: Bergbau in alter Zeit.]
Erst unter der Regierung des Herzogs Heinrich des Jüngeren erstand der im Todesschlafe liegende Oberharz zu neuem Leben. Nachdem schon die Herzogin Elisabeth von ihrem Witwensitze Staufenburg aus sich des Eisensteinbergbaues bei Grund mit großem Erfolge angenommen hatte, beschloß ihr Enkel Heinrich, auch die Silbergruben des »alten Mannes« wieder in Betrieb zu setzen, erließ 1524 eine Bergordnung »für Grund und umliegende Gebirge« und berief auf den Rat des Herzogs Georg von Sachsen erfahrene Beamte und Bergleute aus dem Erzgebirge. Im Jahre 1526 nahmen die in großen Haufen Herzuströmenden in der Nähe des jetzigen Johanneser Kurhauses die erste Grube auf der Hochebene des »Zeller Feldes« auf, und schon sechs Jahre später erhielt die um die Klosterruine entstandene Ansiedelung die Stadtgerechtsame.
Und auch im Fürstentum Grubenhagen, das bis unmittelbar an den die Klosterpforte bespülenden Zellbach reichte, blieben die reichen Schätze der Teufe nur noch kurze Zeit unerschlossen. Schon im Jahre 1544 wird das Bergwerk des Herzogs Philipp »an dem Zeller Felde« erwähnt, und als auch bei der verfallenen Klause (»im Klausthale«) edle Erze zu Tage traten, nahm die neue Ansiedelung, die man anfangs Zellerfeld grubenhagenschen Teils nannte, so raschen Aufschwung, daß sie bereits in der Bergfreiheit von 1554 freie Bergstadt heißt.
Daß eine Landesgrenze (bis 1788) die beiden Städte schied, ward im dreißigjährigen Kriege verhängnisvoll für Zellerfeld: nachdem Tilly am 19. März 1626 Klausthal von Dänen und Braunschweigern, seinen Bedrängern, durch sein bloßes Erscheinen befreit hatte, eroberte er das von seinen Bürgern unter dem Geschwornen Thomas Merten heldenmütig verteidigte Zellerfeld und überließ es seinen Truppen zur Plünderung.
Kämpfte schon zu Beginn jenes verderblichen Krieges der Bergbau um seine Existenz, so kam er während desselben völlig zum Erliegen: die Gruben »ersoffen«, die Pochwerke standen still, die Hütten lagen kalt. Dazu überfiel die schier verzweifelnden Bewohner noch die Pest, und verheerende Feuersbrünste raubten ihnen die letzte Habe.
Nur langsam erholten sich die beiden Städte. Aber dann brachten regenarme Jahre die Gruben wieder zum Stillstand, und am 18. Oktober 1672 legte eine schreckliche Feuersbrunst in Zellerfeld 465 Häuser, die Kirchen, Pfarrhäuser und Schulen, Rathaus, Münze und Zehnten in Asche; und in dem dürftigen Reste der Stadt und in Klausthal, wo man die Obdachlosen nachbarlich aufnahm, brach der Hungertyphus aus: die Not war entsetzlich.
[Sidenote: Klausthal.]
Als im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts endlich wieder die Gruben gut »silberten«, entwickelten sich im Glanze des Bergsegens die Städte so ersichtlich, daß die Hauptstadt Klausthal im Jahre 1736 ohne Garnison 8930 Einwohner zählte. Die Feuersbrünste von 1725 und 1737, von denen die erste 391 und die zweite 192 Wohngebäude zerstörte, wurden damals leichter überwunden. Dagegen sank die Einwohnerzahl unter den Drangsalen des siebenjährigen Krieges um 2000. Allein am 3. September 1761 erpreßten die Franzosen in der Doppelstadt 40000 Thaler, und zum Dank für seine Milde mußte Klausthal dem General Vaubecourt gar eine Medaille prägen lassen.
Als 1799 der großartige Georgstollen durchschlägig wurde, konnte man die Erze auch aus größerer Teufe holen. Aber dieser Vorteil kam bald der westfälischen Fremdherrschaft zu nutze. König »Lustik« von Bonapartes Gnaden, der sich zweimal in Klausthal-Zellerfeld anjubeln ließ, konnte kaum mit Hilfe des Raubbaues den sich immer steigernden Bleibedarf für seines Bruders Kriege und Festungen decken. Doch die enormen Summen, die nach Kassel flossen, genügten ihm nicht: er bot dem Juden Jakobson den ganzen oberharzischen Bergbau zum Kauf an; indes, wenn dieser sein »Kammeragent« auch preußische, hannoversche und braunschweigische Domänen billig zu erwerben kein Bedenken trug, so erschien jener große Bissen dem Schlauen doch im Werte zu unsicher. Trotzdem es Titel und Gehaltszulagen regnete, sammelten die Bergbehörden einen Teil der Überschüsse für die angestammte Landesherrschaft heimlich im Zehnten an und schickten falsche Abrechnungen nach Kassel. Aber viele Handels- und Kassenbeamte trieben auch »Matzhammelei«: sie steckten manches Tausend in die eigene Tasche; und des Geldes war ja so viel, daß die Franzosen es nicht merkten -- erst die hannoversche Regierung hat später diese Unterschleife bestraft. Da sah man den Oberfaktor in Goslar wie einen Grafen mit vier Rappen, einen Jockei vorn auf, durch die Straßen fahren, und sein Bruder in Osterode legte einen Marstall an und baute ein Reithaus. -- Flotter ist der Bergbau nie umgegangen. Aber der Harzer ließ sich durch die hohen Löhne nicht gewinnen; obwohl vom westfälischen Kriegsdienste befreit, schlichen sich die jungen Männer bis zur Küste durch und bluteten auf den Schlachtfeldern Spaniens für Deutschlands Ehre und Freiheit; allein vom siebenten Bataillon der deutschen Legion trafen einmal an einem Tage elf Totenscheine beim Rate von Klausthal ein.
Als mit dem Frieden der großartige Bleibedarf aufhörte, sanken die Harzprodukte gewaltig im Preise, ja waren teilweise sogar unverkäuflich, und die englische und spanische Konkurrenz zwangen den Harzer Bergbau, sich sehr haushälterisch einzurichten. Die Bergbehörde begünstigte, trüb in die Zukunft sehend, die Auswanderung, besonders als 1844 300 und 1852 101 Wohnhäuser in Klausthal niederbrannten. Doch brach mit der Verstaatlichung des (gewerkschaftlichen) Bergbaues, mit der Vollendung des Ernst-August-Stollens, mit dem Erschließen neuer Erzmittel eine bessere, hoffnungsvollere Zukunft an. Heute zählt die Stadt 8600 Einwohner.
Von den Tillyschanzen bei der Windmühle, dem Wahrzeichen Klausthals, gesehen, gewährt die von weiter Wiesenflur eingeschlossene Doppelstadt ein eigenartig schönes Bild. Die in den flachen Thälern zu einer glänzenden Perlenschnur aneinandergereihten Teiche, der dunkle, breite Waldsaum ringsherum, der Blick auf die wellenförmige Hochebene mit ihren grünen Halden, ihren blinkenden Gruben und dem in der Ferne aufwirbelnden Hüttenrauche, ihren nach allen Seiten strahlenförmig in den Wald auslaufenden Alleen, auf die immer höher sich auftürmenden Berggruppen, und wieder zurück auf die wunderbar gestaltete Stadt mit ihren rotbedachten schmucken Häusern, von denen einzelne Gruppen sich bis in die unabsehbare Ferne zu erstrecken scheinen: leihen ihr Züge und Farben, wie sie sich so wirkungsvoll in ihrer schlichten Anmut im ganzen Harze nicht zum zweitenmal zeigen.
[Sidenote: Zellerfelder Münzen.]
Architektonisch bedeutsame Gebäude hat Klausthal nicht aufzuweisen. Die Marktkirche ist die größte Holzkirche Deutschlands (Abb. 9). Im geräumigen Amthause hat das Oberbergamt für den größten Teil der Provinz Hannover, für Schleswig-Holstein, Hessen, Schaumburg und den Gemeinschaftsharz seinen Sitz. Aus der früheren, jetzt als Bibliothek und Berginspektion dienenden Münze -- und teilweise aus der den verschiedenen Linien des Welfenhauses gemeinsamen Münze in Zellerfeld, die nur den heil. Andreas nicht im Stempel führte -- sind die meisten der feinen Wildemanns- und Andreasmünzen und Ausbeutethaler hervorgegangen, welche die Münzsammlungen zu ihren wertvollsten Stücken zählen.
Zur Erläuterung der abgebildeten Münzen (Oberharzer Museum) diene folgendes:
1. Zweithalerstück, in Zellerfeld vom Münzmeister Rudolf Bornemann (R. B.) 1688 geprägt (Abb. 10). Den Namenszug des Kurfürsten Ernst August von Hannover umgeben folgende fünfzehn Wappen: Das sechsspeichige Rad von Osnabrück -- der Kurfürst war, worauf auch der Bischofsstab hinweist, zugleich Bischof von Osnabrück --, die Löwen des Herzogtums Lüneburg, der Grafschaft Eberstein und der Herrschaft Homburg (mit gestückter Einfassung), der einköpfige Adler der Herrschaft Stemmwede (Lemförde), die Lutterberger Querfäden, die Regensteiner (rote) Hirschstange, der Clettenberger Hirsch, die Blankenburger (schwarze) Hirschstange, das Hohnsteiner Schach, die verschobenen Kreuze von Alt-Bruchhausen mit den Neubruchhäuser (Oldenburger) Balken, die Bärenklauen von Hoya, die Löwen von Diepholz und Lutterberg, die Leoparden von Braunschweig. Oben der Wahlspruch des Kurfürsten. Der Revers zeigt uns eine Grube über und unter Tage. Radstube und Geipel, durch ein Feldgestänge verbunden, nähern sich in der Form noch der Köte; die Fahnen auf ihrer Spitze melden, daß die Grube in Ausbeute steht. Ein Bergmann, das Grubenlicht in der Hand, tritt den Heimweg an, ein andrer fördert auf dem Stürzkarren Erz nach dem Pochwerk. Ein »Rutengänger« mit der edle Erze verratenden Wünschelrute schreitet heran; unterhalb des auf der Höhe liegenden Zechenhauses ist ein Haldenarbeiter beschäftigt. In der Tiefe schrämen zwei Bergleute, zwei andere drehen den Haspel, daneben führt der Schacht mit Fahrt und Tonne hinunter. -- Über der Landschaft das Sachsenroß; von oben reicht ein aus Wolken ragender Arm einen Kranz.
2. Wildemannthaler des Herzogs August von Braunschweig, in Zellerfeld 1665 vom Münzmeister Henning Schlüter (H. S. und zwei gekreuzte Schlüssel) geprägt (Abb. 11). Im Wappenbilde sind Hoya und Bruchhausen, Regenstein und Blankenburg, Hohnstein und die Lutterbergschen Querfäden zu je einem Felde vereinigt und das Lüneburgsche durch die gekrönten Herzen von den andern Löwen unterschieden. Auf dem Schilde stehen fünf gekrönte Helme; der mittlere (Braunschweig-Lüneburg) trägt zwischen zwei mit den Spitzen gegen einander gekehrten Sicheln, welche außen mit fünf Pfauenfedern besetzt sind, eine Säule mit Krone und gesterntem Pfauenkranz, vor der ein Pferd springt. Der Helm mit Bärenklaue bezeichnet Hoya, der mit sechs Fähnchen zwischen Büffelhörnern Bruchhausen, der mit zwei Hirschstangen, zwischen denen ein Pfauenschwanz steckt, Hohnstein und Lutterberg, der mit zwei Büffelhörnern und zwei Hirschstangen Diepholz und Regenstein-Blankenburg. -- Auf der Rückseite hält der Wildemann, Laubkränze um Haupt und Hüften, den mit der Wurzel ausgerissenen, auf beiden Seiten mit Zweigen besetzten Baum wie eine zum Stoß eingelegte Lanze mit beiden Fäusten. Eine bestimmte Regel bildete sich um 1670 aus: auf den in Zellerfeld für Braunschweig-Wolfenbüttel geprägten Münzen hält der Wildemann den zweireihig besetzten Baum in der Linken, auf den dort für Calenberg-Hannover geprägten die nur rechtsseitig besetzte Tanne in der Rechten. Die nach Aufhebung der Zellerfelder Münze von 1788 an in Klausthal geprägten hannoverschen Münzen zeigen den Wildenmann mit einer zweiseitig besetzten Tanne in der Rechten.
3. Ausbeutethaler der Grube Lautenthals Glück (Jungfrau mit der Laute zwischen Grubengebäuden), in Zellerfeld vom Münzmeister Joh. Benj. Hecht geprägt, Wildemänner als Schildhalter (Abb. 12).