Der Harz

Part 3

Chapter 33,209 wordsPublic domain

Dieser herrschenden Luftströmung stellt sich nun das Harzgebirge mit seiner Breitseite, und zwar mit seinem hohen NW-, W- und SW-Rande, fast rechtwinkelig quer in den Weg, dadurch erfährt der Luftdruck eine Steigerung, die Luft wird zum Ansteigen gezwungen, kühlt sich dadurch ab und verdichtet ihren gasförmigen Wassergehalt zu Nebel und Wolken, dann zu Regen und Schnee. So kommt es, daß die auf der Luvseite liegenden Osterode 820, Grund 880 Millimeter, die auf der Leeseite, im »Regenschatten« des Harzes liegenden Wernigerode nur 613, Blankenburg 518 Millimeter Niederschlag haben. Wenn man nun ferner berücksichtigt, daß der dichte Fichtenbestand des Westharzes die Feuchtigkeit der Luft gleichsam aufsaugt, die Wolken anzieht und ihren Inhalt zum großen Teil absorbiert und in den ausgedehnten Mooren festhält, so ist es klar, daß unser isoliert aufsteigendes Gebirge auf die Niederschläge eines großen Teiles von Norddeutschland einen ganz bedeutenden Einfluß haben und als der Hauptkondensator für die vor und hinter ihm liegenden Lande angesehen werden muß.

[Sidenote: Niederschläge und Nebel.]

Im hohen Westharze ist selbstverständlich der Niederschlag am bedeutendsten. Für den Brocken berechnet Hellmann aus sämtlichen vor dem Jahre 1879 liegenden Beobachtungen das Jahresmittel auf 1669 Millimeter; in Klausthal betrug das Mittel aus den 40 Jahren 1856-1895 1338 Millimeter, auf dem Sonnenberge (dessen Station leider jetzt eingegangen ist) das Mittel der 18 Jahre 1878 bis 1895 1283 Millimeter gegen 1316 Millimeter derselben Jahre in Klausthal. Zwischen den einzelnen Jahren sind außerordentlich große Unterschiede: in Klausthal stehen den 1930 Millimeter Niederschlag des Jahres 1867 als Minimum 824 Millimeter im Jahre 1857 gegenüber.

Daß der Sonnenberg, und damit wohl auch das Brockenfeld, etwas geringere Niederschläge hat, als Klausthal, erklärt sich daraus, daß jener im Regenschatten des Bruchberg-Ackers liegt; in Andreasberg und Braunlage mit 1093 und 1096 Millimeter macht sich dieser noch stärker geltend, und den Unterharz charakterisiert Allrode mit 620 Millimeter. Bei den nur teilweise in diesem Regenschatten liegenden Orten des Südharzes (Wieda 993, Walkenried 820, Ilfeld 640 Millimeter) sprechen auch lokale Umstände mit. Die Jahressumme der Tage mit Niederschlägen steht in anderem Verhältnisse als diese: Klausthal hat im Mittel 152 Regen- und 64 Schneetage, der Sonnenberg aber gar 216 und 180.

Von großer Bedeutung für das Klima ist auch die Verteilung der Niederschläge auf die einzelnen Monate. In Klausthal folgen diese nach 40jährigem Mittel: Juli 145, Dezember 134,5, August 129,6, Juni 125,6, März 120,7, November 115,9, Oktober 108,3, Januar 105, Februar 104,8, September 88,6, Mai 81,8, April 76,4 Millimeter. Ähnlich ist das Verhältnis auf dem Sonnenberge, nur daß hier im Juli mehr Regen und im Dezember und März verhältnismäßig mehr Schnee fällt.

Ist der Westharz reicher an Niederschlag, so fällt der Regen auf der Leeseite massenhafter, bei einem einzigen Gewitter zuweilen 1/10, ausnahmsweise 1/5 des Jahresbetrages. So fielen in Schierke am 21. September 1882 129, in Harzgerode am 1. August 1887 121 Millimeter, während als Maximum in Klausthal nur 97,5 Millimeter auf den 29. Juli 1883 kommen.

Mit dem Nebel, der fast zur Hälfte auf den Winter fällt, ist es auf der Hochebene des Oberharzes nicht so arg, wie man oft denkt. Allerdings hat Klausthal durchschnittlich 95 ganz trübe und nur 27 ganz helle Tage, aber es ist damit nicht schlechter gestellt als manche Städte im Lande. Im Jahre 1883 z. B. wurden die 81 Nebeltage Klausthals von Braunschweig mit 83, Magdeburg mit 97 übertroffen, und seinen 25 ganz heiteren Tagen hatte Salzwedel nur 19 gegenüberzustellen. Der Sonnenberg hat beinahe doppelt so viele Nebel- und doppelt so viele ganz helle Tage als Klausthal. Auf den Rauhreif und »Anhang«, auf den Brocken im Nebel kommen wir am andern Orte zu sprechen.

V.

Geschichtlicher Überblick.

[Sidenote: Vorgeschichte des Harzes.]

Wenn sich in dem weit wilderen Alpengebirge uralte Pfade schon in der vorgeschichtlichen Zeit nachweisen lassen, so ist die Annahme, daß solche auch im Harze vorhanden gewesen sein müssen, um so weniger gewagt, als der einzige dem Oberharze angehörende Fund aus der Steinzeit, ein gebrauchfertiges und gut erhaltenes Steinbeil aus nichtharzischem Gestein (Oberharzer Museum) gerade auf dem Brockenfelde gemacht ist, über das der »Heidenstieg« lief, der später in den fahrbaren »Kaiserweg« umgestaltet ward.

Im übrigen wurde in vorgeschichtlicher Zeit das Innere des Harzes und insbesondere der hohe Westharz mit seinen undurchdringlichen Urwäldern, seinem wegsperrenden Klippengewirr und seinen Gefahr drohenden Mooren wohl nur hin und wieder von einzelnen kühnen Jägern betreten, die Elch und Schelch, Ur und Wisent, Bär und Wolf bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel zu verfolgen wagten.

Zu dauernder Ansiedelung aber konnten den Menschen der Steinzeit, dem Waldwirtschaft und Bergbau, die Vorbedingungen der späteren Besiedelung des eigentlichen Harzes, völlig fremd blieben, nur die dem Harze vorgelagerten Hügellandschaften und Flußebenen einladen.

Die Pfahlbauten in den Brüchen und trockenen Seen am Ostrande, die Feuerstätten unter dem Tropfsteinboden der Einhornhöhle, die zahlreichen in neuerer Zeit ausgegrabenen Wohn- und Grabstätten mit ihren Hausurnen und Steinkisten, die noch unverwischten Befestigungen mit all ihren wertvollen Funden reden eine gar deutliche Sprache, und eine Zusammenstellung der Orte, die durch ihren Namen als heidnische Opferstätten gekennzeichnet sind (Wodansberg, Hübichenstein, Thorsthor, Pholidi, d. i. Pöhlde, die Bocksberge und andre) ergänzt als zweite wichtige Urkunde jenen Bericht.

Beim Eintritt in die geschichtliche Zeit müssen die Harzlande freilich vorerst stumm von ferne stehen, wenn Süddeutschland und die Rhein- und Weserlande so viel des Interessanten aus der Römerzeit zu erzählen haben; aber dafür dürfen sie sich dessen rühmen, daß in ihnen der erste Versuch und Ansatz einer reindeutschen Staatenbildung gemacht ist: die südlichen und östlichen Vorlande bildeten das Mittel- und Kernstück des Königreichs Thüringen, das sich im ersten Viertel des sechsten Jahrhunderts von der oberen Donau bis an die Grenze des Bardengaues erstreckte. Die zahlreichen Ortsnamen auf --leben (das ist Aufenthaltsort) und --stedt (Wohnstätte) erinnern noch daran.

Als die Franken 529-531 die Macht der Thüringer mit Hilfe der Sachsen brachen, blieb ihnen nur der Helmegau (Walkenried, Nordhausen), der ganze Süd- und Ostrand vom Sachsgraben bei Wallhausen bis an die Oker fiel den Sachsen als Kriegsbeute zu, doch mußten sie für die südliche Hälfte den Franken jährlich 500 Kühe als Tribut liefern. Um sich von dieser drückenden Fessel der Unfreiheit zu befreien, folgten die Bewohner dieses Gaues 568 gern dem Rufe des Longobarden Alboin zum Einmarsch in Italien, und in die verödeten Lande zogen nun Nordschwaben, Friesen und Hessen ein, denen es 575 gelang, die zurückkehrenden Sachsen in zwei mörderischen Schlachten zu vernichten.

[Sidenote: Einführung des Christentums.]

Das Christentum ist in die Harzlande zuerst in der abgeschwächten Form des Arianismus durch die Thüringerkönigin Amalaberga, Theoderichs des Ostgoten Nichte, gekommen; doch hat die schwache Pflanze die Stürme jenes Vernichtungskrieges nicht überdauert. Erst Bonifatius und sein Schüler Wigbert haben es in den drei südlichen Gauen (Helme, Hessen, Friesen) sicher begründet, und in dem Schwabengau, in dem sich nur einige vorpostenartig vorgeschobene Wigbertikirchen (z. B. in Quedlinburg) finden, ist es vom Hausmeier Karlmann und seinem Bruder Pipin im Kampfe gegen den auf seine »Hoseoburg« trotzenden Häuptling Theoderich 746-748 mit Waffengewalt eingeführt.

Wie weit dann auf friedlichem Wege das Christentum am Westrande des Harzes vorrückte, zeigt die Grenze des Mainzischen Sprengels, die im Pandelbach bei Münchehof mit der Nordgrenze des Lisgaues, des einzigen von Engern bewohnten harzischen Gaues, zusammenfällt. Die nördlich anschließenden Lande, der Ambergau (Seesen, Bockenem), der Wenzigau (Goslar), der Lerigau (Wöltingerode) und der Harzgau (Wernigerode, Blankenburg) sind erst durch den Schwertapostel Karl den Großen bekehrt. Ströme des Bluts, wie in Westfalen, sind im Harze nicht geflossen. Schon 775 unterwarf sich der Ostfalenherzog Hessi freiwillig an der Oker und hielt die gelobte Treue; seine Tochter gründete in Wenthausen, dem heutigen Thale, das erste Kloster in den Harzlanden.

Als Karl 809 für Ostfalen rechts der Oker in Halberstadt ein Bistum gründete, wies er diesem auch den Südrand bis zum Sachsgraben zu, so daß dem fernen Mainz nur der Helme- und der Lisgau verblieben. Für Ostfalen links der Oker gründete Karl 818 das Bistum Hildesheim; und an der Vertiefung des vielfach nur äußerlich angenommenen Christentums arbeiteten mit jenen Bischöfen auch die Klöster Fulda und Hersfeld weiter.

Die Ortschaften, welche bis zu dieser Zeit etwa in den Harzlanden entstanden waren, gehören drei verschiedenen Gruppen an. Die älteste umfaßt diejenigen, deren Namen auf --hausen und --heim (--um, --em), auf --leben und --stedt endigen, also auf eine Einzelsiedelung, auf das von den zugehörigen Hütten der Laten umgebene Haus =eines= seßhaften freien Mannes hinweisen, die zweite solche, deren Namen auf --ingen und --ungen endigen, Siedelungen einer ganzen Sippe. Auch die Orte mit bloßen Naturnamen, wie z. B. Goslar (Einöde am Gießbach), Steina (Siedelung an der Grenze, nämlich zwischen Sachsen und Thüringern), sowie die, welche auf --a, --see, --leite, --berg u. s. w. ausgehen, gehören zum größten Teil der frühesten Zeit an. Die dritte Gruppe bilden die Orte, welche sofort als »Dorf« entstanden sind.

[Sidenote: Besiedelung des Harzes.]

Die Volksmenge ward allmählich dichter, die unter dem Pfluge liegenden Ackerflächen genügten nicht mehr, und notgedrungen nahmen die Bewohner der Vorlande auch die öden Gebiete in Angriff, lichteten den Urwald mit Axt und Feuer, legten die Sumpfgegenden durch Gräben und Dämme trocken und machten den so dem Walde und dem Wasser abgewonnenen Boden durch den Pflug zu ertragsfähigem Lande.

Liegen die Orte, welche in dieser Zeit der »ausbauenden Kolonisation« entstanden sind, auf ehemaligem Waldboden, so endigt ihr Name auf --loh, d. i. Wald (Braunlage = brauner Wald), auf --feld (Mansfeld u. s. w.), auf --hain und --hagen, --rode und --schwende; ist ihre Flur durch Entwässerung des Sumpfes gewonnen, auf --riet. Noch jetzt umzieht ein dichter Kranz solcher Ortschaften den Harz, die meisten aber sind längst wieder eingegangen, weil die Länderei die Arbeit nicht lohnte. Ganz besonders trifft dies die zahlreichen »Hagen«, d. i. auf Waldblößen angelegte Ortschaften mit eingefriedigter Feldmark, und die noch häufigeren Rodungen. Von den an der Endung --schwende (von _suantjan_, schwinden machen) kenntlichen Brandrodungen, die nur im Ostharze vorkommen, ist Molmerschwende die bekannteste.

Das Jahr, selbst das Jahrhundert der Erbauung all dieser späten Siedelungen läßt sich nur bei einigen annähernd angeben. --

[Sidenote: Die Kaiserzeit.]

Hatte einst das mächtige Thüringerreich im Südostharze seinen Mittelpunkt, so stand später, als das von Karls des Großen Weltreich abgetrennte und in Selbständigkeit erstarkte Deutsche Königreich, bald vom Glanze der römischen Kaiserkrone umstrahlt, den Höhepunkt seiner Macht erreichte, zur Zeit der Ludolfinger, Salier und Staufer, der Harz hellleuchtend im Vordergrunde der deutschen Reichsgeschichte. Wie nirgends sonst im ganzen Deutschland reihten sich um den Harz Königshöfe und Pfalzen zu einem prächtigen Kranze zusammen: im Norden Dahlum, Seesen, Werla, Ilsenburg, im Osten und Süden Frose, Walbeck, Quitelingen, Allstedt, Tilleda, Wallhausen, Nordhausen und Pöhlde.

Unter den ludolfingischen Kaisern liegt der Schwerpunkt vorerst im Süden und Osten: in Wallhausen, Nordhausen und Quedlinburg, zu denen dann noch aushelfend Pöhlde und Gernrode kommen. So dankbar die Aufgabe wäre, diese Könige, besonders Heinrich I. und Otto den Großen, von einer Harzpfalz zur andern zu begleiten: wir müssen es uns um des Raumes willen versagen. Mit dem Erlöschen der Ludolfinger trat die alte Kaiserstadt Quedlinburg in den Hintergrund. An der stolzen Stiftung des ausgestorbenen einheimischen Hauses nehmen die fränkischen Kaiser nur geringen Anteil, ihr Lieblingsaufenthalt ward Goslar, dem unter dem mächtigen Heinrich III. eine wahrhaft glänzende Zeit erstand. Auf der Höhe des Kaiserbleekes erbaute er den großartigen Reichspalast (Abb. 3) und in dessen Nähe den herrlichen Dom, einen leuchtenden Schmuck für das ganze Sachsenland. Damals war Goslar in Wahrheit das _clarissimum regni domicilium_. Und wenn unter Heinrich IV., dem Harzer von Geburt, der Glanz zu erblassen schien und die burggekrönten Harzberge trauernd das Haupt neigten, so kehrten jene Tage des Ruhmes unter dem Sachsen Lothar und unter den beiden Friedrich von Staufen noch einmal wieder auf lange Zeit: ja der Reichstag, den Barbarossa im Juni 1154 in Goslar hielt, überstrahlte alle andern, die der Harz je gesehen hat.

Viermal spitzte sich die deutsche Reichsgeschichte zu einem Kampfe zwischen dem Kaiser und dem Sachsenherzoge zu, aber keiner von ihnen, auch kein späterer Krieg, hat je die Harzlande so schwer betroffen, so viel Städte in Asche gelegt, so viel Burgen gebrochen, als der letzte, in dem um jedes Panier, um das des Welfen Heinrich des Löwen und das waiblingische Barbarossas Harzer Grafen und Harzer Bürger sich scharten.

Im Jahre 1253 sah Goslar zum letztenmal einen Kaiser in seinen Mauern: Wilhelm von Holland, der König der welfischen Partei, ließ sich hier vom Glanze der alten Kaisererinnerungen bestrahlen. Dann stand die Kaiserpfalz öde und vergessen, bis in unseren Tagen in die alten Mauern, die länger als sechs Jahrhunderte trauernd und verlangend nach einem Kaiserantlitz ausgeschaut hatten, der greise Kaiser Wilhelm der Große, der siegreiche Einiger und Mehrer des Reichs, einzog.

[Sidenote: Die Harzgrafschaften.]

Mit dem Untergange der Hohenstaufen und der Zertrümmerung des starken sächsischen Stammesherzogtums verliert die Harzer Geschichte ihren einheitlichen Charakter. Eine Vielheit von Territorien, geistlichen und weltlichen, umspannten den Harz und hatten das Innere in größeren Bruchstücken und kleinen Splittern zu eigen. Der Oberharz gehörte dem 1235 in seiner Herzogswürde anerkannten Welfenhause, im Osten griffen -- wie noch heute -- die Besitzungen des Hauses Anhalt, der Selke folgend, tief in das Gebirge hinein; dem Süd- und Ostrande aber gaben die Harzgrafschaften Wernigerode, Regenstein, Falkenstein, Mansfeld, Stolberg, Hohnstein, Scharzfeld u. a. ihr charakteristisches Gepräge. Bis auf das durchlauchtige Haus Stolberg, mit dem jeder Harzer sich gleichsam landsmännisch verwachsen fühlt, sind diese mächtigen Geschlechter, allen voran das kaisertreue Woldenberg-Harzburgische, dessen Glanz fast schon mit dem der Hohenstaufen erbleicht, eins nach dem andern erloschen. Nach manchen Wechselfällen breitet heute der preußische Königsadler, dem braunschweigischen Löwen und dem anhaltischen Bären ihren Raum gönnend, schirmend seine Flügel über den Harz und dessen Vorlande.

VI.

Land und Leute.

[Sidenote: Die Bevölkerung.]

Es gibt in Deutschland kein zweites Beispiel dafür, daß sich auf einem so eng umgrenzten Gebiete, wie es der Harz einnimmt, so viel verschiedene Volksstämme nachweisen und noch heute, namentlich in ihrer sprachlichen Verschiedenheit, klar erkennen lassen. An der Hand der Geschichte haben wir in der Völkerwanderung Schwaben und Silinger, Friesen und Hessen und nicht lange danach auch Holsteiner (Elbingerode) neben den alteingesessenen Thüringern, Engern und Ostfalen sich niederlassen und in der Kaiserzeit Slaven und Flamländer die sumpfigen Vorlande besiedeln sehen. Dazu kamen noch zur Zeit der Reformation die mit wenig Franken untermischten Obersachsen, die heutigen Bewohner des Oberharzes.

Nach der bis vor kurzem landläufigen Ansicht stammen diese aus Franken. Aber man verwechselt sie dabei mit der ersten, in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts der Pest erlegenen schwachen Bevölkerung, die es bis zur Städtegründung nicht gebracht hat. Als im sechzehnten Jahrhundert fast gleichzeitig in den Gebieten von Braunschweig-Wolfenbüttel (Zellerfeld, Wildemann), Braunschweig-Grubenhagen (Klausthal) und Hohnstein (St. Andreasberg) an den Stellen, wo einst jener »Alte Mann« oberflächlich Bergbau getrieben hatte, edle Gänge erschürft wurden, und die Strahlen, die aus der silberblinkenden Teufe aufschossen, den im Winterschlafe liegenden, verödeten Oberharz zu neuem Leben erweckten, vermochte ihm der infolge der Fehde mit Heinrich dem Jüngeren schwer krankende Rammelsberg durch Abgabe von Bergleuten um so weniger zu helfen, als die Goslarschen nur mit dem »Feuersetzen« (dem Anzünden großer Holzstöße zum Mürbemachen des Gesteins) zu arbeiten wußten, nicht aber zu »sinken« (Schächte abzuteufen), zu »längen« (Stollen und Strecken zu treiben) und zu »gewältigen« (das Grubenwasser abzuführen) verstanden; dazu bedurfte man »meißnischer Berggesellen«. Und angelockt durch die viel verheißenden »Bergfreiheiten« strömten jene dem deutschen Peru namentlich aus dem westlichen Erzgebirge, der Gegend von Schneeberg, Annaberg und Joachimsthal, wo der Bergbau stark im Niedergang begriffen war, in großen Scharen zu, so daß die Städte fast wie Pilze aus der Erde schossen.

[Sidenote: Mundarten.]

Die Verschiedenartigkeit der Volksstämme im Harze zeigt sich vor allem in der Mannigfaltigkeit der hier herrschenden Mundarten.

Der größte Teil des Harzes spricht niedersächsisch (»Plattdeutsch«), der ganze Westrand vom Ravensberg (zwischen Sachsa und Lauterberg) bis Hahausen und der Nord- und Ostrand von Hahausen bis Ballenstedt, sowie bis auf die Sprachinsel des Oberharzes der ganze Nordosten des Gebirges bis Braunlage, Benneckenstein, Trautenstein, Hasselfelde, Suderode und Gernrode. Dieser ganze niedersächsische Harz gehört zu dem einen der beiden großen »Michquartiere« in Deutschland: der Akkusativ mek und dek (mich und dich) wird auch für den Dativ gebraucht; auch wird dem zweiten Partizip statt des hochdeutschen ge ein kurzes e vorgeschlagen, z. B. bei hett mek eraupen oder eröupen (er hat mich gerufen), hei hett et mek egeeben (er hat es mir gegeben). Ek und mek wird im Osten lang, im Westen kurz, und das s in den Anlauten _sm_, _sl_, _sn_, _sw_, _sp_, _st_ nur im Osten sch gesprochen. Auffällig ist auch die Verschiedenheit in der Konjugation des Präsens; der Westen und Norden sagt: weï drinket, jei (jï) drinket, sei drinket, das südöstliche Drittel wie im Hochdeutschen wei (in Elbingerode, Schierke, Benneckenstein mei), jï, sei drinken. Die nördlichsten Orte dieses Drittels sind Braunlage, Elend, Schierke, Elbingerode, Blankenburg, Börnecke.

Im einzelnen lassen sich die Mundarten der Gaue, wenn auch deren alte Grenzen hierbei nicht überall scharf hervortreten, an charakteristischen Eigentümlichkeiten gut unterscheiden. Nur im engernschen Lisgau, also auch in den der oberdeutschen Sprachinsel nicht angehörenden oberharzischen Ortschaften Lerbach, Buntenbock, Riefensbeek, Kamschlacken, Lonau und Sieber hört man _ssehr_ (sehr), _chout_ (gut), _loapen_ (laufen). Die ostfalische Mundart, welche im Ambergau, Densigau und Lerigau den Harz berührt, in der Nähe des Gebirges aber auch auf das rechte Ufer der Oker hinüberspringt, wird durch eine Fülle von Diphthongen gekennzeichnet, deren nach den Orten wechselnde Färbung längst nicht mit den hochdeutschen Vokalen wiedergegeben werden kann. Mein Haus lautet (bis dicht vor Hannover, wo zuerst der einfache Vokal _mîn hûs_ auftritt) etwa _maïn_ oder _meïn hius_, greulich _gruilich_, gräulich _gröulich_. Vielfach wird _g_ wie _j_ gesprochen: gut _jiut_, geben _jeeben_; Gott lautet in der Einzahl _gott_, in der Mehrzahl aber _jötter_; ebenso hochdeutsch Garten in der Mehrzahl _järten_. In andern Wörtern wie _grot_ (groß), Goslär (Goslar), Gurke tritt das _j_ nie auf.

Die sich östlich anschließende Harzgauische Mundart kennt die ostfalischen Diphthonge und das anlautende scharfe _st_, _sl_ etc. nicht und spricht nur in dem östlichen Streifen (Halberstadt, Quedlinburg) an der Bode das anlautende _g_ wie _j_: _Joslar_, _jut_, _jross_. Zum Vergleiche zwischen dieser und der ostfalischen Mundart diene folgende Strophe aus der »willen Jagd«:

Wernigerode:

Mîn Vader, mîn Vader, horche mal rut, Dat hult da buten, dat hult sau lut; Dat bellt un schtampt, dat gröhlt un brüllt Hoch öwwer de Böme grulich un wild.

Bockenem:

Maïn Vader, maïn Vader, horche mal rüut, Dat hüult da butten, dat hüult söu lüut, Dat bellt un stampet, dat greelt un brillt Hoch ower de Beme gruilich un wild.

Einlautig ist auch die Mundart des Schwabengaues, die ohne scharfe Umgrenzung etwa von Westerhausen und Thale bis an den Streifen bei Suderode und Ermsleben reicht, in dem seit Jahrhunderten das Mitteldeutsch kämpfend weiter nach Norden vordringt. Sie spricht stets anlautendes _g_ wie _j_ und -- wie schon manche Orte des Harzgaues -- _hiser_, nicht _hüser_ für Häuser.

Die niederdeutschen Mundarten haben denselben Konsonantenstand wie das Gotische. Sie sind von der konsonantischen Lautverschiebung, welche schon zur Zeit der Völkerwanderung zunächst bei den Alemannen in der Schweiz begann, und wellenförmig nach Norden fortschreitend im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert in die südlichen Harzlande gelangte und die niederdeutsche Mundart in eine hochdeutsche umwandelte, nicht beeinflußt; sie halten noch das altdeutsche $t$ fest, wo unsere hochdeutsche Schriftsprache $z$ setzt (tämen = zähmen); für das hochdeutsche $t$ haben sie noch $d$ (Dochter = Tochter), für $f$ noch $p$ (lopen = laufen), für $ch$ $k$ (eck und ick = ich) beibehalten. Dagegen haben die Thüringer im Helmegau nebst den dort eingewanderten Flamländern, sowie die Hessen und Friesen diese Lautverschiebung angenommen, so daß der ganze Südharz bis zum Ravensberge jetzt hoch-(mittel-) deutsch spricht. An die frühere Zugehörigkeit auch dieser Gegenden zum niederdeutschen Sprachgebiet erinnern nur noch wenige Spuren, so im Mansfeldischen die Flexion des Infinitivs bei $zu$ (ze thun$e$ für zu thun) und $mant$ für nur.