Part 2
Die Eruptionen dauerten fort. Zunächst entquollen, die Sedimente gewaltsam durchbrechend, dem Innern des noch immer mit Wasser bedeckten Harzes, besonders nördlich von Ilfeld, Ströme schwarzen Melaphyrs und ergossen sich über die unteren Schichten des Rotliegenden; ihnen folgte, weithin alles bedeckend, feuerflüssiger grauer Porphyr, der zum Teil auch in den darüber lagernden mächtigen postporphyrischen Konglomeraten als Geröll noch erhalten ist. Vielleicht sind zur selben Zeit -- jedenfalls nach der Kulmperiode und nach der Entstehung des Diabases -- die Porphyrmassen aufgestiegen, welche die fast parallelen, von Nord nach Süd streichenden Gangspalten des Kerngebirges zwischen Ilfeld und Wernigerode und Diabaszüge =nach= ihrer Faltung ausfüllten und durchsetzten; höchst wahrscheinlich auch die gewaltigen Ströme von Quarzporphyr, deren Reste wie im Auerberge bei Stolberg und in der Gegend von Lauterberg (Knollen, Ravenskopf) erkennen, wo einzelne Gänge eine Mächtigkeit von 20 Meter und eine Länge von 11 Kilometer erreichen.
Ebenso jung ist der Granit, den man einst für das eigentliche Urgestein unseres Planeten hielt. Er tritt in zwei großen Massiven auf: Ramberg-Bodethal und Brocken-Okerthal. (Der Okergranit ist eine nur oberflächlich abgetrennte Partie des Brockengranits.) Die vom Hexentanzplatz auslaufenden Apophysen (»Auswüchse«, Ausläufer), denen das Brockenmassiv bei Hasserode kleinere Gänge derselben Facies entgegensendet, lassen keinen Zweifel darüber, daß der Granit erst nach der Faltung des Gebirges und später als der Diabas emporgequollen ist. -- Rings um beide Granitmassen sind durch die schnellere Abkühlung und Erstarrung der feuerflüssigen Ströme die Sedimentsteine in der Weise verändert, daß sie sich durch krystallinische Beschaffenheit und massige Struktur, größere Härte und muschligen Bruch von den gleichnamigen nicht veränderten Gesteinen unterscheiden. Durch diese »Kontaktmetamorphose« sind der Hornfels und seine Verwandten entstanden.
* * * * *
[Sidenote: Zechsteinformation.]
Nach diesen Ergüssen und Bildungen, die in die lange Periode des Rotliegenden fallen, erfolgte in dem größten Teile Deutschlands eine allgemeine Senkung der Erdrinde. Das Meer, welches über dem Harze flutete, wurde somit tiefer und lagerte seinen Schlamm gleicherweise auf den abradierten Ebenen der alten Sedimente, wie auf den in den Becken und Mulden neu entstandenen Geröllmassen des Rotliegenden ab. Bei ihrer Erhärtung bildete diese neue Ablagerung Zechstein und Kupferschiefer. Diese stets zusammen auftretenden Schichten -- die mit dem Rotliegenden auch Perm heißen -- umziehen den ganzen Südrand des Harzes von Hahausen bis in die Grafschaft Mansfeld, doch hat sich bis jetzt nur in dieser, wo Silbererze die vom Schiefer eingeschlossenen Kupfererze begleiten, das Flöz bauwürdig erwiesen. Die oberen Schichten der »Zechsteinformation« bestehen aus Anhydriten und Gipsen, die besonders aus dem an Höhlen und Erdfällen reichen Zuge bekannt sind, der -- vielfach pittoreske Felspartieen bildend -- den Südrand des Harzes von Badenhausen bis Sangerhausen mauerartig umwallt; ferner aus Dolomiten und Letten; und auch die bis 1000 Meter mächtigen Steinsalze und die darüber lagernden Kalisalze, deren Abbau im letzten Jahrzehnt mit regem Eifer begonnen hat, gehören noch in diese Formation. --
Die Bildung der Bergzüge und Hügelreihen, welche den Harz im Norden mantelartig umziehen, und die Ausfüllung der von da in das Gebirge eingreifenden Thäler ist in den nun folgenden drei geologischen Perioden der Trias-, der Jura- und der Kreideformation erfolgt.
[Sidenote: Erdgeschichte des Harzes.]
Die Trias (d. i. bunter Sandstein, Muschelkalk und Keuper) legen sich bandförmig von Hahausen bis Gernrode in der Weise um den Nordrand, daß der Sandstein -- dem die Solquelle bei Harzburg entspringt -- und der Keuper, der meistens als Letten und Mergel auftritt, die Thäler, der Muschelkalk die -- später umgekippten -- Höhen bildet. (Am Südrande liegen die Trias wegen der Breite der Zechsteinformation weit ab vom Gebirge.) -- Der Jura kommt nur in dem Busen des Schiefergebirges zwischen Langelsheim und Harzburg und in der Nähe von Quedlinburg vor; seine Liasschichten liefern der Harzburger Hütte schönen Roteisenstein. -- Die Kreide, mit ihren unteren Schichten, Hils und Gault, bis Harzburg, mit jüngeren bis Ballenstedt reichend, führt in der unteren Lage des Gault guten Quadersandstein, der vor dem Breitenthor vor Goslar den zu einer Kapelle ausgehöhlten Felsen der Klus bildet und am angrenzenden Petersberge zur Anlage eines großartigen Steinbruchs Anlaß gegeben hat. Den Schichten der senonen Kreide gehören der durch seinen Reichtum an Petrefakten ausgezeichnete Sudmerberg bei Goslar und die Quadersandsteinreihe Regenstein-Teufelsmauer an.
Die Tertiärformation (Braunkohlenbildung) ist nur ganz schwach am Harzrande vertreten. --
Zur Zeit, als Trias, Jura, Kreide und Braunkohlen sich nacheinander ablagerten, war der Harz noch völlig vom Meere bedeckt. Hätte er auch nur teilweise soweit aus den Fluten hervorgeragt, daß eine Brandung entstehen konnte, so müßten sich Gerölle vom Harzgestein, von Grauwacke, Kieselschiefer u. s. w. in jenen vier Formationen finden. Dem ist aber nicht so. Sie sind eben keine Strandbildungen, sondern genau so zusammengesetzt, wie die in größerer Entfernung vom Harze in ganz Norddeutschland vorhandenen gleichnamigen Gesteine, also Ablagerungen aus flacherem oder tieferem Wasser. Vereinzelte Stückchen Kieselschiefer, welche in der oberen Kreide am Sudmerberge vorkommen, können einesteils aus dem Rotliegenden stammen, andernteils gleichen sie nicht im geringsten dem Schutt, den heutzutage die Flüsse vom Harze hinunterspülen. Und kleine Bröckchen Kieselschiefer, welche sich in der Gegend von Gittelde im Miocän (der mittleren Stufe der Tertiärgebilde) finden, werden aus dem rheinischen Schiefergebirge stammen, da ihre Häufigkeit in der Richtung auf Kassel stetig zunimmt.
Wie am Rande, so müssen sich auch auf dem unter den Wellen liegenden Gebirge selbst die mesozoischen Schichten (welche Tierreste enthalten, die den noch jetzt vorhandenen sich annähern, also Trias, Jura u. s. w.) nacheinander abgelagert haben. Diese mesozoische Decke aber mag in Bewegung gekommen und teilweise fortgespült sein, als der Harz, ohne vorerst noch aufzutauchen, sich zu heben begann. Auf diese Weise sind vielleicht die mesozoischen Gerölle in das »Hilskonglomerat« des unteren und in das »Sudmerbergkonglomerat« und das »Heimburggestein« der oberen Kreide gekommen. Jedenfalls aber ist seine Decke ganz fortgespült und weggewaschen, als der Harz sich mählich aus der Flut erhob.
[Sidenote: Die Gebirgsfaltung.]
Dies geschah am Ende der Miocänzeit, zu derselben Zeit, als die Göttinger und Kasseler Berge, der Meißner, die Rhön und fast alle andern Gebirge emporstiegen und auftauchten. Infolge eines Druckes, der »tangential«, in der Richtung der kurzen Achse unserer Gebirgsellipse, also von Südsüdwest nach Nordnordost, wirkte, bauchte und wölbte sich der Harz allmählich auf, die Gesteinsschichten rissen und spalteten dabei senkrecht zur Druckrichtung, also parallel der langen Achse, und brachen in bajonettartig absetzenden Linien von den Vorlanden ab. Die Wirkung dieser Pressung ist verschieden: während die Schichten am Südrande nur eine Aufbauchung von etwa 20° aufweisen, ist im Norden die ehemalige Oberfläche der Kernschichten samt dem darauf gelagerten Zechstein u. s. w. ganz steil aufgerichtet, ja nach Westen sogar übergekippt. Und ebenso ist der massige Granit dem Nordrande näher als dem Südrande in die Höhe gepreßt. Vielleicht wirkte der Druck, der den Harz zum heutigen Gebirge umwandelte und zurecht schob, von Süden; wahrscheinlich war aber schon damals, was zur Erklärung ausreicht, die Erdoberfläche den Südrand entlang höher als im Norden.
Die Überkippung der bei der Zusammenschiebung der Schichten entstandenen Falten hatte auch den (inneren) Bruch derselben und das Hinüberschieben des einen Flügels über sein Liegendes zur Folge: die älteren übergeschobenen Schichten sind jüngeren Bildungen aufgelagert. Diese Überschiebungen, die also nur aus übergekippten Falten hervorgehen können, nennt man Faltenverwerfung. Sie ist besonders bei den sogenannten Ruscheln, schmalen Gesteinsklüften im Innern des Gebirges, die meist mit Gangthonschiefer ausgefüllt sind, klar zu ersehen; hie und da beträgt die Höhe der Verschiebung kaum ein Meter, andernorts aber (am Devonzuge) wenigstens mehrere hundert Meter.
Mit ihnen dürfen die vormals offenen Spalten nicht verwechselt werden; diese sind jünger, denn sie werden von den (innern) Klüften der Ruscheln in der Richtung abgelenkt.
Die Spaltenverwerfung umfaßt also ein zweites System von Störungslinien. In den »Spalten«, die sich mehrfach bis in die Vorlande verfolgen lassen, lagerte das einsickernde Wasser neben Quarz, Kalkspat und andern Gesteinen namentlich die wertvollen Erze ab und schuf sie dadurch zu »Erzgängen« um; und wo der Hohlraum nicht ganz gefüllt ward, bildeten sich Quarz- und Erzdrusen mit ihren oft prachtvollen Krystallen.
Eine spätere entgegengesetzte Aufbauchung des Harzes in der Richtung der großen Achse -- also von Südost nach Nordwest, durch welche die Schichten auch in der Richtung der kurzen Achse zerrissen und gespalten wurden, so daß nun die einzelnen Schollen oft in unregelmäßig viereckigen Stücken mosaikartig verschoben nebeneinander liegen -- scheint auch durch Bildung der Thalfurchen den Flüssen und Bächen den Lauf vorgezeichnet zu haben. Es wäre sonst auffällig, daß das Gebirge die Flüsse nicht auf beiden Ufern gleichweit begleitet. Daß sich diese Spalten auch in den dem Harze vorgelagerten jüngeren Gesteinen unterirdisch fortsetzen, beweisen die mächtigen Quellen bei Altwallmoden und Baddekenstedt, die unzweifelhaft das bei Langelsheim teilweise versiegende (d. i. in die Tiefe fallende) Wasser der Innerste -- doch auch das damit verbundener Nebenspalten, denn nach Abteufung der Kalischächte hat es an Reinheit eingebüßt -- in gewaltigen Massen wieder zu Tage fördern.
[Sidenote: Minerallösungen.]
Während durch die schwache, aber stetige Arbeit des Minerallösungen einführenden Wassers die Klüfte, Gänge und Spalten bis auf die Drusenräume immer wieder verkittet und ausgefüllt wurden, erweiterte es, oft bachartig auftretend, die weit klaffenden Hohlräume im Kalk und Dolomit, in Gips und Steinsalz durch seine auflösende Eigenschaft zu großen Höhlen, füllte diese mit Lehm und schmückte ihre Wandungen in späteren Zeiten, als das Gebirge sich weiter gehoben hatte, mit den wundersamen Tropfsteingebilden. Auch die sogenannten Gletschertöpfe beim Iberger Kaffeehause, schlotartige Vertiefungen, sind wohl -- ähnlich wie die Erdfälle -- auf diese auflösende, nicht auf die mechanische Thätigkeit des Wassers zurückzuführen und als »geologische Orgeln« anzusprechen. Grundmoräne und Moränenschutt, die Gletscherprodukte im Flachlande, fehlen auf dem Harze; die Geschiebe nordischer Gesteine, welche sich auf der Hochfläche des Unterharzes finden, waren vermutlich in Eisberge eingefroren, welche die Fluten der Eiszeit hierher wälzten.
Auch an der Umwandlung, der »Metamorphose« der Gesteine ist das sickernde Wasser stark beteiligt. Es löste die Kieselsäure der Eruptivgesteine und »verkieselte« die mit diesen im »Kontakt« stehenden Sediment- und Kulmschichten; wo Kalk in den Gesteinen war, bildete es »Silikate« -- Granaten und »Katzenaugen« und andre -- und neben Diabas und Schalstein verwandelte es den Kalk in Eisenstein.
Finden sich in den erwähnten Moränen des Flachlandes große Massen von Harzgesteinen, die es beweisen, daß schon in jener Zeit der Harz soweit als Gebirge hervorragte, daß seine Flüsse Gerölle hinunterführen konnten, so verstärkte eine letzte Heraushebung des Harzes, deren Zeitpunkt wir nicht kennen, diese Wirkung des Wassers bedeutend, denn nun wurden die Berge höher, die Schluchten und Thäler tiefer, das Wassergefälle bedeutender; und der bis heute dauernden Erosion verdanken wir den anmutigen Wechsel von Berg und Thal, der jedwedes Herz erfreut.
IV.
Das Klima.
[Sidenote: Klima des Harzes.]
Auf dem Brocken begann bereits im Jahre 1836 der Wirt Nehse mit meteorologischen Beobachtungen. Sie sind aber von seinen Nachfolgern nicht regelmäßig fortgeführt, die längste völlige Unterbrechung währte sogar neun Jahre, und die später von Postbeamten und Oberkellnern gemachten Beobachtungen lieferten kein zuverlässiges Resultat. Dagegen reichen die sachkundigen und regelmäßigen Beobachtungen in Klausthal, wo sich seit 1876 sogar zwei Stationen in verschiedener Meereshöhe befinden, bis 1854 zurück.
Das aus vierzigjährigen Barometerbeobachtungen gewonnene Mittel des Luftdrucks beträgt in Klausthal 710,51 Millimeter; seinen höchsten Stand behauptet das Barometer in den Monaten Juni bis September, seinen niedrigsten in den Monaten März, April, November und Dezember. Der Sonnenberg hat ein Jahresmittel von 692,92, der Brocken von 662,2, Nordhausen 741,76, Sangerhausen 747,85 Millimetern.
Das früher für Klausthal zu 6,2°C angenommene Jahresmittel der Lufttemperatur sinkt bei Berücksichtigung der vierzig Jahre von 1856-1896 auf 6,03°C, übertrifft also das von Stockholm (5,7°C) nur um ein Geringes. Doch sind die Unterschiede der einzelnen Jahre beträchtlich: so hatte das Jahr 1872 eine Temperatur von 7,58°C, das Jahr 1879 nur 4,41°C. Die größte Kälte wurde am 4. Januar 1894 mit -21,80°C, die größte Wärme am 23. August 1892 mit 31,60°C erreicht.
In der zweiten Hälfte der vierzigjährigen Beobachtungsperiode ist ein auffälliger Rückgang der Temperatur eingetreten. Während nämlich das Mittel der 10 Jahre von 1856 bis 1866 6,17°C, das der folgenden 10 Jahre 6,22°C betrug, erreichte es in den Jahren 1876-1886 nur 5,87°C und in den Jahren 1887-1896 nur 5,68°C.
In dem vorletzten Abschnitt waren die Tage vom 25. bis 29. Juni mit einer mittleren Temperatur von 15,22°C, im letzten die Tage vom 25. bis 29. Juli mit einer mittleren Temperatur von 15,27°C die wärmsten, während sich in der Zeit vom 11. bis 15. Januar mit einer mittleren Temperatur von -3,63°C in jenem, und in den Tagen vom 1. bis 5. Januar mit einer mittleren Temperatur von -4,82°C in diesem Abschnitt die größte Kälte geltend machte. Der erste fünftägige Zeitabschnitt mit einer mittleren Temperatur unter 0°C fiel auf den 17. bis 21. November (27. November bis 1. Dezember), der letzte auf den 22. bis 26. März (12. bis 16. März). Klausthal hat also etwa 120 Tage mit einer mittleren Temperatur unter 0°C.
Charakteristisch ist für das Klima des Oberharzes der jähe Wechsel der Temperatur an ein und demselben Tage. Beträgt der Unterschied zwischen dem Maximum und Minimum eines Tages im Sommer oft 20°C, so ist er doch auch in den andern Jahreszeiten nicht unbedeutend. So stieg am 2. März 1877 die Temperatur von -13,81 um 7 Uhr morgens auf +3,56 um 2 Uhr nachmittags und fiel wieder auf -10,65°C um 9 Uhr abends. Dem Oberharz ist ferner eigentümlich, daß sich hier die »drei gestrengen Herren« im Monat Mai nicht bemerkbar machen (so daß auf der Hochebene die Spuren der Nachtfröste, die in den Vorbergen den ersten Trieb der Laubbäume beschädigen, kaum zu sehen sind); und daß im Monat Dezember nach der ersten Frost- und Schneeperiode fast regelmäßig eine Zunahme der Temperatur unter reichlichen Regengüssen eintritt. (So stieg z. B. im zweiten Drittel des Monats Dezember 1893 die Temperatur von -0,20° bis auf +6,20° und sank im letzten Drittel auf -14,30°C.) Diese »Weihnachtsflut« bringt den als Kraftspeicher für den Bergbau dienenden Sammelteichen sehr erwünschte Zuflüsse.
Das niedrige Jahresmittel von Klausthal ist keineswegs die Folge einer abnormen Kälte des Winters. Erreichten doch z. B. im Jahre 1883 Nordhausen und Braunschweig eine um 1,5° und 3,9°C größere Kälte, als jenes. Vielmehr hat das niedrige Jahresmittel seinen Grund in der langen Dauer des Winters und in der niedrigen Sommertemperatur. Auch der Vergleich mit Stockholm fällt ganz anders aus, wenn man statt des Jahresmittels die mittlere Temperatur der Jahreszeiten zu Grunde legt. Während diese in Stockholm auf -3,31°C sinkt und im Sommer auf 22,04°C steigt, sinkt sie in Klausthal (nach vierzigjährigem Durchschnitt) nur auf -1,79°C und steigt nur auf +14,14°C. Diese durch die Höhenlage bedingten Unterschiede erklären die sonst auffällige Thatsache, daß in Lappland, welches mit dem Brocken etwa gleiche mittlere Jahrestemperatur hat, noch Getreidebau getrieben werden kann, der im Harze schon auf der Hochebene von Elbingerode aufhört, daß hier dagegen noch Buche und Roßkastanie gedeihen, die nordwärts den kalten Winter schon des mittleren Schwedens nicht vertragen.
[Sidenote: Temperaturschwankungen.]
Mit dem 3,96°C betragenden Jahresmittel des Sonnenbergs (774 m) ist zugleich die Temperatur für die andern Einzelsiedelungen bis zum Brockenfelde -- Königskrug, Oderbrück, Torfhaus -- gegeben. Zum Vergleiche zwischen den beiden Stationen des Oberharzes mit dem am Gebirgsrande und in der Nähe des Harzes belegenen mögen noch folgende Angaben -- für die ich das Jahr 1883 zu Grunde lege -- dienen: Das Thermometer sank zum letztenmal unter 0° in Sangerhausen am 13. April, in Nordhausen, Göttingen und Braunschweig am 23. April, in Heiligenstadt am 7., in Salzwedel am 4., in Klausthal am 11. Mai und auf dem Sonnenberge am 19. Juni; zum erstenmal wieder auf dem Sonnenberg am 18. August, in Klausthal am 6., in Nordhausen am 7., in Göttingen am 23. Oktober, in Sangerhausen und Heiligenstadt am 16., in Braunschweig und Salzwedel am 17. November. -- Die höchste Temperatur wurde in Braunschweig am 2. und 3., auf allen übrigen Stationen am 4. Juli erreicht; sie betrug in Salzwedel 35,5, in Magdeburg 34,5, in Göttingen 32,8, in Sangerhausen 32,6, in Braunschweig 32,0, in Nordhausen 31,4, in Heiligenstadt 31,2, in Klausthal 29,6, auf dem Sonnenberge 29,1°C. -- Die niedrigste Temperatur betrug in Göttingen -10,5 (am 23. März und 8. Dezember), in Sangerhausen -11,1 (23. und 24. März), in Heiligenstadt -12,3 (24. März), in Salzwedel -13,0 (9. Juni), in Magdeburg -14,7 (15. März), in Klausthal -15,1 (23. März), in Nordhausen -16,4 (17. und 23. März), auf dem Sonnenberge -18,7 (13. März), in Braunschweig -19,6°C (16. März).
Das Jahresmittel des Brockens soll nach den letztjährigen Beobachtungen nur +0,87°C betragen; doch ist bis zur Gewinnung eines längere Perioden umfassenden Durchschnitts vorläufig noch an dem aus sämtlichen früheren Beobachtungen berechneten Mittel von 2,40°C festzuhalten. Der Brockengipfel hat demnach fast genau das gleiche Mittel mit Tromsö im nördlichen Norwegen.
Die mittlere Temperaturabnahme beträgt auf je 1 m Erhebung nach dem Brockengipfel hin von Osterode 0,71°, von Klausthal 0,68°, von Goslar 0,66°, von Wernigerode 0,65°C.
Die mittlere jährliche Schwankung, die Differenz zwischen Januar (-5,40°C) und Juli (+10,7°C), beträgt auf dem Brocken nur 16,1°C; in Klausthal (Januar -2,43, Juli +14,85°C) 17,28°C. Diese sonst auffällige Thatsache findet ihre Erklärung darin, daß der Brockengipfel in die Region der stärksten Wolkenbildung hineinragt, und daß die starke Bewölkung die Temperaturextreme erheblich mildert.
Die höchste beobachtete Temperatur war +27,7, die niedrigste -28,0°. Da im Mittel auf den 30. Mai der letzte und auf den 7. Oktober der erste Frost fällt, so sind etwa vier Monate frostfrei. Doch kommen starke Abweichungen vor: im Jahre 1840 waren nur 89 Tage (vom 26. Juni bis 21. September), im Jahre 1848 dagegen 186 Tage (vom 5. Mai bis 3. November) frostfrei. -- Perioden lang andauernder Kälte sind auf dem Brocken nicht häufiger als in der Ebene; die längste bis jetzt beobachtete fiel in den Januar 1838, wo an achtzehn aufeinanderfolgenden Tagen das Mittel unter -19°C lag; alle Gewässer, sogar der Gerlachsbrunnen, froren völlig aus, trotzdem war die Kälte, da Windstille und Sonnenschein herrschte, sehr gut zu ertragen. --
[Sidenote: Die Niederschläge.]
Inbetreff der Niederschlagshöhe, des zweiten Hauptfaktors des Klimas, steht der Harz mit dem übrigen Mitteldeutschland unter dem Einfluß des Atlantischen Ozeans. Nur die von diesem heranstreichenden Winde können uns die erforderliche Feuchtigkeitsmenge bringen, denn im Süden sperrt uns die Gletschermauer der Alpen gegen den Einfluß des Mittelländischen Meeres ab, und im Nordosten und Osten sind uns weite, zusammenhängende Landmassen vorgelagert, die um so größer erscheinen, wenn wir hierbei auch die Ostsee als Land behandeln; ihr Einfluß auf die Niederschlagshöhe ist nämlich aus drei Gründen außerordentlich gering: sie hat nur geringen Umfang, ist meistens kälter als die offene See und liegt nicht in unserer Hauptwindrichtung.
Das Vorwalten der Südwestwinde in Mitteldeutschland ist nicht nur die Folge der Rechtsablenkung der Winde durch die Drehung der Erde, sondern wird zugleich durch das sogenannte Azorische Maximum, das ist ein Gebiet hohen Luftdruckes im Südwesten über dem Atlantischen Ozean (in der Gegend der Azoren), durch das im größten Teil des Jahres über dem Atlantischen Ozean im Nordwesten (in der Gegend von Island) ruhende Gebiet niedrigen Luftdruckes, und durch die konstante Abnahme des Luftdruckes vom 45. bis 50. Breitengrade nach Norden zu verursacht.
Kein Punkt in Mitteldeutschland ist nun für diese Klarlegung so geeignet wie der hochragende Brockengipfel, da auf diesem die Windrichtung durch örtliche Hemmung und Ablenkung nicht beeinflußt werden kann. Nach der achtteiligen Windrose kommen auf dem Brocken 15% aller beobachteten Windrichtungen auf NW, 23% auf W, 24% auf SW, zusammen also 62% -- nach dem Wolkenzuge sogar 74% -- auf die für uns Regen führenden Winde (auf S nur 10, SO und O je 8, NO und N je 6%.)