Part 12
Aber noch immer stehen einzelne Reste der Mauer stolz und fest, als wären sie mit dem natürlichen Fels, der sie trägt, zu einem Stück verwachsen. Ein breiter, tief in den Fels gehauener Graben, der die Burg von Nordost bis Nordwest umgibt, zeugt von den ungeheuren Anstrengungen, die einst auf die Befestigung des Platzes verwandt sind. Ein einziges, ehemals noch durch Außenwerke gedecktes Thor führt auf dieser Seite in den noch jetzt von festen, zum Teil doppelten Mauern und Kasematten umschlossenen öden Burghof, auf dem uns von allen Seiten in romantisch-malerischen Gestaltungen die alten Wohnsitze entgegentreten. Vom Vorderort hat sich fast nichts als ein starker Wallturm, die Gewölbe der Münze und ein altes Wachthaus auf den Umfassungsmauern erhalten. Im Mittelort, in dem sich neben der würdig restaurierten gotischen Kirche das jetzige Herrenhaus inmitten hübscher Gartenanlagen befindet, fallen die Umfassungsmauern eines stattlichen Gebäudes, in dem hohe Fichten wurzeln, besonders ins Auge: es ist der 1532 erbaute »Goldene Saal«, der gemeinschaftliche Prunksaal der Häuser Mittel- und Vorderort; und im Anschauen der über den Nebenpforten eines großen Turmgebäudes angebrachten Steinbilder, eines auf dem Fasse sitzenden Bacchus und zweier Männer, von denen der eine mit seiner leeren Weinkanne nach dem den vollen Humpen leerenden Kumpan schlägt -- Umschrift: _Quid est? bapsi!_ -- Darstellungen, welche den schwelgerischen Humor der Erbauer wiedergeben, müssen wir des strafenden Wortes gedenken, das D. Luther seinen lieben alten Landesherren zurief, da ihm der Wein auf der Treppe entgegenrann: »Die Herren düngen gut, es wird brav Gras danach wachsen.« Auf und in den völlig zusammengebrochenen Mauern des Hinterorts, dessen ausgedehnte Gebäude einst als die schönsten gepriesen wurden, wuchern schon lange Bäume und Gesträuch.
Die Grafen von Mansfeld hatten sich den heil. Georg zum Patron erkoren, den vom wütenden Volke am 24. Dezember 361 beim Regierungsantritt des Kaisers Julian ermordeten Bischof von Alexandria, der sich gegen das Ende der Kreuzzüge in den ritterlichen Drachentöter, den Schutzpatron der Waffenübungen und des englischen Ordens vom blauen Kniebande verwandelte. Gleich den ungarischen wurden die mansfeldischen Georgsthaler schon im dreißigjährigen Kriege als Amulett gegen Hieb, Schuß und Stoß getragen. Der abgebildete (Abb. 96), i. J. 1620 geprägte Thaler der drei vorderortschen Grafen Volrat ([gestorben] 1627), Wolfgang I. ([gestorben] 1638) und Johann Georg II. ([gestorben] 1647) zeigt den Heiligen im Harnisch auf rechts schreitendem Turnierpferde, wie er mit der Lanze den Kopf des Lindwurms durchbohrt. Die Inschrift _Ora pro (nobis)_ auf der Decke ist nicht zu erkennen. Die Umschrift ist zu lesen: _Volrat, Wolfgang, Johann Georg, »patroni, comites et domini in Mansfeld, nobiles domini in Heldrungen«_. Der quadrierte Wappenschild enthält im ersten und vierten, wieder viergeteilten Felde die sechs Querstreifen von Querfurt und die sechs, in zwei Reihen gestellten Wecken (oder Gerstenkörner) von Mansfeld, im zweiten den Adler von Arnstein und im dritten den Löwen von Heldrungen mit doppeltem Zagel. Als Helmzier dienen die acht mansfeldischen Fähnchen und der Arnsteiner Adler.
Der zweite, 1811 geprägte Thaler (Abb. 97) zeigt den Kopf des lustigen Hieronymus, von seines Bruders Gnaden Königs von Westfalen. Der dritte (Abb. 98) ist bereits in Berlin i. J. 1862 geprägt, mit dem beim Übergange der Verwaltung an die Gewerkschaft die besondere Vermünzung des im Mansfeldischen gewonnenen Silbers aufhört.
[Sidenote: Eisleben.]
Unser letzter Besuch an diesem Harzrande gilt der Lutherstadt Eisleben. (Abb. 99 und 100) Nach den großen verheerenden Feuersbrünsten, namentlich im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, hat sie trotz ihres hohen Alters kein altertümliches Gepräge. Unser Rundgang darf sich deshalb im wesentlichen auf die Lutherstätten beschränken. Das Lutherhaus (Abb. 101) enthält im Erdgeschoß, das bei einem Brande im Jahre 1689 unversehrt blieb, das Geburtszimmer des großen Bergmannssohnes und in den Sälen des 1694 im Stil der Renaissance erneuerten Oberstocks eine Art Luthermuseum. -- Um mit seinem Rate die zwischen den Grafen, namentlich inbetreff des Bergbaus schwebenden Streitigkeiten beseitigen zu helfen, war Luther im Winter 1545/46 dreimal in Eisleben; »abgelebt und müde« kam er am 28. Januar, von den Grafen und einem Gefolge von 113 »Pferden« von der Grenze ab ehrenvoll geleitet, zum drittenmal hier an und stieg bei dem ihm befreundeten Stadtschreiber Dr. Drachstedt ab. In Gemeinschaft mit den beiden andern gewählten Schiedsrichtern, dem Fürsten Wolfgang von Anhalt und dem Grafen Heinrich von Schwarzburg, gelang ihm zu seiner großen Freude der völlige Ausgleich; und obwohl schwach und hinfällig, unterschrieb er am 17. Februar 1546 auch noch den letzten, abschließenden Vertrag. Doch bald darauf steigerte sich die Krankheit; das Einhorn, das Graf Albrecht ihm schabte, und das stärkende Wasser, mit dem die Gräfin ihm den Puls rieb, blieben wirkungslos, und in der dritten Morgenstunde des 18. Februar ging der große Reformator zur ewigen Ruhe ein. Das Sterbezimmer ist die kleine, trauliche straßenwärts liegende Kammer im oberen Stock des wohl erhaltenen gotischen Hauses (Abb. 102). In der gegenüberliegenden Andreaskirche hat Luther seine letzten vier Predigten gehalten, die letzte zwei Tage vor seinem Tode (Abb. 99).
Diese mit ihren aus dem dreizehnten Jahrhundert stammenden Hausmannstürmen stolz aufragende Hauptkirche, als deren Pfarrer 1609-11 der in Ballenstedt geborene Johann Arnd sein »Wahres Christentum« schrieb, gibt auch dem ansteigenden Marktplatze, auf den von der Rathausecke der gekrönte Kopf des hier gewählten Königs Hermann von Salm, das Wahrzeichen der Stadt, herunterblickt, den wirkungsvollen Hintergrund. Auf der Mitte des Platzes ist am 400. Geburtstage Luthers das Bronzestandbild (Abb. 103) des Mannes enthüllt, in dessen Hand nach den Worten des Katholiken Döllinger »Sinn und Geist der Deutschen wie die Leier in der Hand des Künstlers« waren. In der Linken die Bibel, schickt sich der Reformator an, die Bannbulle ins Feuer zu werfen; die Reliefs am Sockel zeigen ihn in der Disputation mit Dr. Eck und der edlen Musika pflegend im Kreise seiner Familie.
Ein großartiges Fest andrer Art sah der wundervoll geschmückte Marktplatz am 12. Juni 1900: die 700jährige Jubelfeier des Mansfelder Bergbaues, verherrlicht durch die Gegenwart unsers allgeliebten Kaiserpaares.
XVIII.
Die Helmelandschaft.
Die Helme, deren Flußgebiet zu durchwandern uns allein noch übrig bleibt, gehört dem Harze durch ihre Nebenflüsse Zorge, Thyra, Leine und Gonna an. Da der Südrand des Harzes höher liegt, als der Nordrand, so greifen diese nicht weit in das Gebirge hinein.
[Sidenote: Sachsa. Walkenried.]
An den Rinnsalen, welche vom Grenzpunkte des Ravensbergs nach Süden eilen, um sich mit dem Flüßchen Wieda zu vereinigen, liegt das waldfrische, freundliche Städtchen Sachsa (Abb. 104). In dem im oberen Teile schön bewaldeten Wiedathale steigt die Harzsüdbahn von der mittleren Hochebene herab; wir folgen ihr nach dem schon außerhalb des Gebirges belegenen braunschweigischen Flecken Walkenried zur Besichtigung der großartigen Ruinen seines berühmten Cisterzienserklosters (Abb. 105), von dem die Trockenlegung der Sümpfe und Riede, die einst durch die Goldene Au hin den Südrand des Gebirges begleiteten, in so vorzüglicher Weise durchgeführt ist. Die Besitzungen des von der Gräfin Adelheid von Klettenberg um 1127 gegründeten und reich ausgestatteten Klosters erstreckten sich bald über die Harzlande und deren Nachbarschaft hinaus bis nach Lüneburg, in das Brandenburgische und die Uckermark, nach Aachen und Würzburg, und in allen Thälern des Westharzes verschmolzen seine Hütten die ihm aus dem Rammelsberge zustehenden Erze auf Silber, Blei und Kupfer. Die im Jahre 1137 von fünf Bischöfen geweihte Kirche mit acht Altären entsprach nicht mehr der Bedeutung und dem Ansehen des Klosters; schon bald nach dem Jahre 1200 begannen kunstverständige Brüder südlich von Alt-Walkenried einen Prachtbau, an dem sich Tausende von freiwilligen Arbeitern päpstlichen Ablaß verdienten. Nach 80jähriger Bauzeit konnte 1290 das neue Gotteshaus, das -- halb so lang wie der Kölner Dom -- seine Gewölbe mit 26 Pfeilern stützte, feierlichst eingeweiht werden. Im fünfzehnten Jahrhundert stand Walkenried, das Mutterkloster von Marienpforte (Schulpforta) bei Naumburg und Sittichenbach bei Mansfeld, in seiner höchsten Blüte. Damals konnte der Abt auf der Reise nach Rom -- wie man sagte -- jede Nacht im eigenen Hause schlafen. Der Bauernkrieg knickte diese Blüte jäh mit frevelnder Hand, der dreißigjährige brach sie völlig. Mit wildem Jubel stürmten die aufständischen hohnsteinschen Bauern im Mai 1515 das von den flüchtenden Mönchen verlassene Kloster, plünderten, zerschlugen, verwüsteten; Urkunden und Manuskripte streuten sie den Pferden unter, Bücher warfen sie als Schrittsteine in den Schmutz. Vergeblich versuchten sie, das kunstvolle Metallbecken im Kreuzgange, das der Klosterbruder und Hüttenmeister Almante 1218 gegossen hatte, mit Hämmern zu zerschlagen, im offenen Holzstoß zu schmelzen, vergeblich die Glocke durch unaufhörliches Läuten zu zersprengen. Da knüpften sie Seile an die Turmspitze und in eine uralte Linde, verbanden diese mit dem Turm durch eine Kette, sägten das Gebälk rings herum ein, hieben den Baum um und rissen mit diesem unter Freudengeheul den Turm vom Dache herunter, daß er durch das Kirchendach und die Gewölbe schlug, und die Glocke zersprang. Bald stürzte der Chor nach, und 1570 mußte der Gottesdienst in die Kapitelstube verlegt werden, die noch heute als Fleckenskirche dient.
[Sidenote: Walkenried. Der Sachsenstein. Hohegeiß.]
Seitdem steht das Kloster, eine malerische Ruine, öde und verlassen. Nach dem letzten Einsturz im Jahre 1899 sind von der Kirche, die -- einzig in ihrer Art -- eine in frühgotischem Stil gehaltene dreischiffige Basilika mit Kreuzarmen war, nur wenige Teile der Außenmauern erhalten, am besten das Hauptportal mit einem sehr großen Spitzbogenfenster. Unversehrt ist außer der Kapitelstube, die u. a. das kunstvoll aus Holz geschnitzte Epitaphium (Abb. 106) des 1591 gestorbenen letzten Hohnsteiner Grafen Ernst und den sehr schönen romanischen Taufstein von Alt-Walkenried enthält, nur der einen rechteckigen Hof, in welchen das Baptisterium mit fünf Seiten des Achtecks einspringt, umschließende Kreuzgang (Abb. 107), und besonders der in doppelter Breite sich an die Kirche lehnende Flügel, der durch eine Säulenreihe mit reichen Blattkapitälen in zwei Schiffe geteilt ist.
Unmittelbar vor Walkenried durchschneidet die Bahn den hohen Gipsfelsen des Sachsensteins, auf dem 1073-74 eine der Burgen Heinrichs IV. stand. Eine vor wenigen Jahren vom Geheimen Baurat Brinkmann unternommene Ausgrabung hat indes erwiesen, daß die Ruinen vier verschiedenen Zeiten angehören, und daß eine dieser Burgen in jene frühe Zeit zurückreicht, wo man noch statt des Bergfrieds eine Schildmauer aufführte; vielleicht war dies die Hocseoburg des Häuptlings Theoderich. Neben dieser interessanten archäologischen Belehrung bietet der Sachsenstein aber auch eine hübsche Aussicht.
Die Zorge, in die sich die Wieda ergießt, erhält ihre ersten Wasser von einem Kamme, dessen Mitte der 687 Meter hohe Ebersberg einnimmt. Von seinem Holzturme hat man einen großartig schönen Blick von eigenartigem Charakter. Während im Norden die Thäler des Bodegebiets flach nach Osten streichen, laufen auf der entgegengesetzten Seite die tiefer einschneidenden Thäler des Helmegebietes nach Süden. Im Westen und Norden setzen Acker und Brockengebirge dem Blick die Grenzen, im Osten fliegt er unbehindert über die endlose Hochebene, aus der die Kuppe des Rambergs kaum merklich hervortritt, und im Süden bildet erst der Thüringerwald seinen Abschluß. Im Abstieg wenden wir uns nach dem braunschweigschen Flecken Hohegeiß, der mit seinen 642 Metern der höchstgelegene Ort im Harze ist. Ähnlich wie Andreasberg von kahler Höhe steil ins Thal abfallend, verdankt es diese den Ackerbau ausschließende Lage dem um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts aufgenommenen Bergbau, der nach langer Unterbrechung erst jetzt wieder in Betrieb gesetzt wird; und seinen Namen der Elendskapelle »zum hohen Geist«, die in dieser einsamen, durch Räubereien berüchtigten Gegend an einer alten Gebirgsstraße schon im dreizehnten Jahrhundert vorhanden war.
Durch den üppigen Laubwald des Wolfsbachthales gelangen wir nach dem in 356 Meter Meereshöhe sehr schön tief in den Bergen gelegenen früheren Eisenhüttenort Zorge, einem braunschweigschen Flecken, gleichen Alters mit Hohegeiß. Am 554 Meter hohen Staufenberge vorüber wendet sich die das Flüßchen begleitende Straße, die bei der Drahthütte den alten Kaiserweg aufnimmt, nach der einst hohnsteinschen Stadt Ellrich (Abb. 108); an dem unterhalb dieser einmündenden Sülzbache liegt in einem rings durch hübsche Waldberge geschützten Thalkessel idyllisch das Dorf Sülzhain und noch etwas höher in entzückendem Waldfrieden das Sanatorium für erholungsbedürftige Knappschaftsgenossen. Auch der nördlich davon zu 635 Meter ansteigende Große Ehrenberg verdient um seiner herrlichen Aussicht willen einen Besuch. Von hier zum Jägerfleck hinabsteigend, wo sich die Straßen Ellrich-Benneckenstein und Ilfeld-Hohegeiß-Braunlage kreuzen, wandern wir über das hübsch am nördlichen Fuße des 610 Meter hohen Kleinen Ehrenbergs gelegene wernigerodische Dorf Rotesütte im wunderschönen Schoppenthal zum Netzkater hinunter.
[Sidenote: Ilfeld. Hohnstein.]
Die Kleinbahn, welche sich bei Dreiannen-Hohne von der Brockenbahn in der Richtung auf Elend abzweigt und in Sorge an der Warmen Bode die Kleinbahn Tanne-Braunlage, die Fortsetzung der Zahnradbahn Blankenburg-Tanne, kreuzt, erklettert südöstlich von Benneckenstein von der Luppbode aus die 582 Meter hohe Wasserscheide und eilt im Tiefenbachthal der von Nordosten kommenden Behre zu, um von der nur noch 352 Meter hoch gelegenen Eisfelder Thalmühle ab dem herrlichen Thale dieses Flüßchens zu folgen. Das Stück bis Ilfeld, in das wir beim Netzkater eintreten, darf sich mit seinen romantischen Klippen und üppigen Laubwaldhängen getrost den bekanntesten Glanzpartieen des Harzes zur Seite stellen.
Im Jahre 1103 überfiel Elger I. von Ilfeld den Grafen Kuno von Beichlingen in der Nacht und tötete ihn in seinem Bette. Wohl zur Sühne für diese Gewaltthat stiftete sein Sohn Elger II. »an der Pforte Hercyniens« das Kloster Ilfeld; sein Enkel Elger III. vollendete den Bau, überließ die Burg Ilfeld, von der sich nur noch geringe Reste über der Johannishütte vorfinden, seinem Bruder Friedrich, von dessen ältestem Sohne Heinrich die Fürsten zu Stolberg abstammen, und nahm auf dem durch Heirat erworbenen Hohnstein seinen Wohnsitz. Das reich ausgestattete Kloster ward -- wie Walkenried -- im Bauernkriege ausgeplündert und hart mitgenommen. Im Jahre 1546 nahm der Abt Stange die Reformation an und verwandelte das Kloster auf Luthers und Melanchthons Rat und mit Unterstützung der Grafen zu Stolberg in eine Schule, als deren ersten Rektor er 1550 den berühmten Michael Neander, der damals erst 25 Jahre alt war, berief. Noch heute blüht dies Pädagogium, aus dem berühmte Männer hervorgegangen sind (Abb. 109).
Über den 612 Meter hohen Poppenberg, dessen Gipfel, die Fürst-Ottos-Höhe, einen Eisenturm trägt, der die diesem schönen Harzgebiete charakteristische Aussicht bietet: nach dem Harze zu die wellenförmige Hochebene mit dem Brocken, nach dem Lande hin die Goldene Au mit dem Kyffhäuser und der Thüringer Wald, wandern wir dem Hohnstein zu, der schönsten und bedeutendsten aller harzischen Burgruinen (Abb. 110).
[Sidenote: Hohnstein. Neustadt.]
Der Hohnstein ist zwischen 1110 und 1130 von einem Grafen Konrad, dem Brudersohne Ludwigs des Springers von Thüringen, erbaut. Seit 1162 nannten sich die damit von Heinrich dem Löwen belehnten Ilfelder »Grafen von Hohnstein«. Nach dem Tode des letzten dieses berühmten und in seiner Glanzzeit reichbegüterten Geschlechts traten 1593 die ihm stammverwandten und erbverbrüderten Stolberger in den Lehnsbesitz ein. So kommt es, daß sowohl ein Stück der Grafschaft Stolberg-Wernigerode (Rotesütte, Sophienhof, Hufhaus), wie der Grafschaft Stolberg-Stolberg (die Gegend von Neustadt bis nach Urbach und Steigerthal nördlich von Heringen) innerhalb der Provinz Hannover liegt.
In der dunklen Nacht vom 14. auf den 15. September 1412 erstieg, von einem treulosen gräflichen Knechte geführt, Friedrich von Heldrungen mit seiner Fleglerbande die Burg, nahm den alten Grafen im Bette gefangen, und kaum gelang es dem jungen Grafen Heinrich IX., nur mit dem Hemde bekleidet, mit Hilfe seiner Gemahlin Margarete von Weinsberg, an einem Seile durch das Fenster zu entkommen. Und im Mai 1525 erstürmten die aufständischen Bauern die Burg, um den hierher geflüchteten Ilfelder Abt und dessen Eigentum zu holen. Aber beide Male schonten die Bauern die Burg. Erst der dreißigjährige Krieg brachte ihr das Ende: in der Christnacht des Jahres 1627 steckte sie der kursächsische Oberst Vitzthum von Eckstädt mittels großer Mengen ringsum gehäuften Wellholzes in Brand, und als die Neustädter herbeieilten, um die schauerlich ins Thal leuchtende Feste zu retten, ließ er sie durch Soldaten hinuntertreiben.
Trotz der Trümmerhalde, die einem natürlichen Bergsturz gleich den 90 Meter hoch aus dem Thale aufsteigenden Burgfelsen umgibt, sind noch umfangreiche Teile, Mauern, vier Thore, Türme, die Umfassungsmauern vieler Gebäude, vorhanden, und die Bäume und Sträucher, die aus den Trümmern aufgeschossen sind, und der gewachsene Fels, der zwischen ihnen zu Tage tritt, verstärken den malerischen Eindruck.
Bei dem Dorfe Niedersachswerfen, das wir über den Flecken Neustadt (Abb. 111) erreichen, wendet sich die Zorge bis Nordhausen südlich, um sich bald darauf in südöstlicher Richtung bei Heringen in die Helme zu ergießen.
[Sidenote: Nordhausen. Josephshöhe. Stolberg.]
Die ehemalige Reichsstadt Nordhausen (Abb. 112), die als solche in den Harzlanden nur Goslar zur Schwester hat, gehört zu den wenigen Städten, deren Befestigung bestimmt auf Heinrich I. zurückgeführt werden kann. Zugleich ist sie die dritte der harzischen Königsstädte, denn die sächsischen und fränkischen, auch noch die staufischen Kaiser nahmen hier oftmals ihren Aufenthalt. Von Heinrich dem Löwen 1180 eingeäschert, erscheint sie doch schon 1270 als Reichsstadt; und erst der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 nahm ihr die Unmittelbarkeit.
An altertümlichen Bauwerken hat Nordhausen weniger aufzuweisen, als Goslar, Halberstadt und Quedlinburg. Von den sieben Kirchen ist die älteste und sehenswerteste der gotische Dom zum heiligen Kreuz mit romanischem Turm. Trotz seiner Einfachheit recht wirkungsvoll zeigt sich das Rathaus (Abb. 113), ein Renaissancebau aus dem Jahr 1510 mit einem hölzernen Roland aus dem Jahre 1717. In ihrem »Gehege« besitzt die Stadt einen wundervollen Waldpark.
Die Wasser des Auerberges und der Gegend bei Stolberg führt der Helme, die sich bei Heringen westlich gewendet hat, die nordöstlich vom Birkenkopf (585 Meter) entspringende Thyra zu.
Der 575 Meter hohe Porphyrkegel des Auerberges setzt sich wie der Ramberg, doch etwas steiler, um etwa 200 Meter auf die Hochebene auf. Nach dem Grafen Joseph zu Stolberg, der auf der flach gewölbten Kuppe im Jahre 1822 einen von Schinkel entworfenen 22 Meter hohen hölzernen Turm in Kreuzform errichten ließ, heißt er auch Josephshöhe. Dieser 1880 durch Blitzschlag zerstörte ist 1896 durch einen durchbrochenen Eisenturm nach demselben Plane ersetzt. Mit seinen Doppelarmen bildet er das größte Kreuz der Welt (Abb. 114).
Die Rundsicht ist ungleich schöner als die von der Viktorshöhe, voller Abwechselung und Leben. Denn die schwachgewellte Ebene des Unterharzes tritt hier nur im Osten auf, und der dort nur angedeutete Brocken stellt sich hier mit all seinen Neben- und Vorbergen in voller Breite und größerer Nähe offen zur Schau, und Berg und Thal vor ihm bildet gleichsam ein tiefgehendes, grünes Gewoge. Über der Goldenen Au tritt das Kyffhäusergebirge markig hervor. Und wundervoll glänzt im nächsten Vordergrunde das Schloß Stolberg in seiner frischgrünen Umrahmung.
[Sidenote: Stolberg. Roßla.]
Heinrich von Voigtstedt in der Goldenen Au, der 1210 zum erstenmal als Graf von Stolberg vorkommt, gehört dem Hause der Ilfelder an. Waren seine Stammbesitzungen, wenn auch zerrissen, nicht unbedeutend, so sind doch als die eigentlichen Begründer des Reichtums und des Ansehens des durchlauchtigen Hauses die beiden Grafen Botho anzusehen, von denen »der Ältere« 1450, »der Glückselige« 1500 regierte. In der Erbteilung von 1645 fielen die Grafschaften Stolberg und Roßla Johann Martin, dem jüngeren Sohne des Grafen Christoph, zu; seine Nachkommen spalteten sich 1706 in die noch heute blühenden Zweige Stolberg-Stolberg und Stolberg-Roßla.
Das Schloß (Abb. 1), in dessen ältestem Flügel sich die Schloßkirche mit einem prächtigen Altar aus Alabaster, mit großen silbernen Leuchtern und schönen Statuen befindet, hebt sich von dem Hintergrunde des grünen Buchenwaldes der überragenden Berge blendend weiß gar ausdrucksvoll ab. Die unter seinem Schutze und an seinem Fuße an einer alten Straße entstandene Stadt mußte klein und unbedeutend bleiben, denn für den Handel lag sie nicht günstig genug, ihr Bergbau hat nie Bedeutung erlangt, und Ackerbau gestatten die schroffen Berghänge nicht. Aber ihre wundervolle Umgebung -- lauschiger Wald, weitschauende Höhen -- fangen an, ihre Zugkraft zu üben.
Keine andre Harzstadt kommt ihr in seltsamer Lage gleich. Von allen Seiten durch hohe Berge eingeengt, erscheinen ihre langen Gassen gleichsam in die vier hier zusammentreffenden Thäler eingegossen, und die Berge wie zerrissen, als ob ein gewaltiger Blitz die Gebirgsmassen in riesige Furchen zerteilt hätte, die strahlenförmig vom Markte auslaufen. Im Mittelalter war der Marktplatz durch vier Thore befestigt, und auch am Außenende jeder der vier Gassen erhob sich ein Thor, aber Wall und Mauern hatte die Stadt nicht; denn oft unmittelbar hinter den Häusern, auch hinter dem interessanten Rathause (Abb. 115) steigen die Felsen auf. Die uralten Bürgerhäuser in malerischer Holzkonstruktion finden sich nicht, wie z. B. in Goslar, vereinzelt und verstreut, nein, die ganze Stadt mutet uns an wie ein unversehrt gebliebenes Stück Mittelalter.