Part 11
Die Selke entspringt auf der einförmigen Hochebene des Unterharzes in 500 Meter Meereshöhe nördlich von Friedrichshöhe, fließt als einfaches Rinnsal, immer von der Bahn begleitet, über Güntersberge (410 Meter) nach Lindenberg-Straßberg und schlägt hier nordöstliche Richtung auf Mägdesprung ein. Erst bei der Silberhütte erhält das bis dahin flache Thal durch die von Fichten und Kiefern umsäumten Wiesengründe einen gewissen Reiz. Von dem 325 Meter hoch in einem freundlichen Laubwaldkessel belegenen Alexisbad (Abb. 85) an erschließen sich aber dem Wanderer von Schritt zu Schritt wechselnde liebliche Bilder. Aus dem herrlichen, mit Eichen, Birken und andern Laubbäumen, auch mit Fichten, durchsprengten Buchenwalde, welcher die Gehänge des Thales schmückt, starren hie und da, manche wie verstohlen, einzelne Klippen und ganze Felswände heraus; die bedeutendste ist die sagenhafte Mädchentrappe über dem durch seinen vorzüglichen Kunstguß rühmlichst bekannten Hüttenorte Mägdesprung (Abb. 86). Doch ist der Blick von der anliegenden Freundschaftsklippe noch schöner als von der mit einem drei Meter hohen eisernen Kreuze bezeichneten Trappe. Der Wellenschlag der vom Winde bewegten Wipfel der düsteren Waldung, über welche die ruhige Kuppe des Ramberges ernst herüberblickt, das frische, kräftige Grün unmittelbar über nacktem Fels, die weichen, geschwungenen Linien der Höhenzüge machen das für die Selkelandschaft charakteristische Bild trotz seiner Einfachheit anziehend und erhebend.
[Sidenote: Harzgerode. Falkenstein.]
Seitwärts liegt auf einer 395 Meter hohen Ebene, die nach altem Spruche »Korn und Geld« trägt, im Mittelpunkte von acht großen strahlenförmig von hier ausgehenden Straßen, das 4300 Einwohner zählende Städtchen Harzgerode, einst Residenz einer Linie des Hauses Anhalt, deren Glieder unter der Kirche ihre Ruhestätte gefunden haben. In dem derben, doch würdigen Schlosse, aus dessen Münze die schönen anhaltischen Ausbeutethaler und auch jüngere Münzen tadellosen Gepräges (Abb. 87) stammen, befindet sich jetzt eine große Mineraliensammlung, welche seltene Prachtstücke aus den Gruben des Herzogtums enthält. Von Mägdesprung, wo die Eisenbahn sich an der Ruine der Heinrichsburg vorüber auf Gernrode wendet, schlängelt sich die Selke, von Wiesen besäumt, mäanderartig durch das breite, sich mehr und mehr vertiefende Thal, an dessen schönster Stelle, bei der Selkemühle, ein verbotener Aufstieg zu den spärlichen Trümmern der von Otto dem Reichen und seinem Sohn Albrecht dem Bären erbauten Burg Anhalt führt; und kurz vor ihrem Eintritt in das Flachland schaut der schimmernde Falkenstein 150 Meter auf die Thalsohle hernieder.
Um das Jahr 1080 erschlug Egeno von Konradsburg den Grafen Adalbert von Ballenstedt in hinterlistigem Überfall; zur Sühne dieses Mordes verwandelte sein Sohn Burchard die über Ermsleben belegene Stammburg in ein Kloster und erbaute sich die Burg Falkenstein, nach der er sich 1120 zum erstenmal benannte. Sein Enkel Graf Hoyer ließ um das Jahr 1230 auf dem Falkenstein durch den Schöffen Eike von Repgow aus dem Gewohnheitsrecht des alten Sachsenlandes und den Weistümern (Urteilen) der Freien- und Godinge den berühmten Sachsenspiegel zusammenstellen, der in seiner eigentlichen Gestalt in Norddeutschland, Preußen, Polen und einem Teil der russischen Ostseeprovinzen, in einer Nachahmung als »Spiegel aller deutschen Leute« und dem auf diesem beruhenden Schwabenspiegel im übrigen Deutschland das nationale Gesetzbuch wurde. 100 Jahre später, 1332, verkaufte der letzte seiner Nachkommen, Graf Burchard, ohne die Rechte seiner an den Grafen Albrecht von Regenstein verheirateten Schwester Oda zu achten, die 1296 durch die Herrschaft Arnstein vergrößerte Grafschaft an den Bischof von Halberstadt, und die darob entbrennende, von dem Quedlinburger Julius Wolff im »Raubgrafen« so anschaulich geschilderte Fehde vermochte daran nichts zu ändern. Wieder 100 Jahre später ging dann der Falkenstein, 1437 als Pfand-, 1449 als Lehnsbesitz, an die Herren von der Asseburg, die Nachkommen des zur Zeit des Kaisers Otto IV. hervorragenden Gunzel von Wolfenbüttel über, und diese »Grafen von der Asseburg-Falkenstein« besitzen die noch immer bewohnbare Burg noch heute.
[Sidenote: Falkenstein. Ballenstedt.]
Niemals in Krieg und Fehde beschädigt, nie von Feuersbrunst heimgesucht, bietet das herrliche Schloß (Abb. 88 u. 89) das einzige Beispiel im ganzen Harze, noch jetzt das völlig getreue Bild eines mittelalterlichen Grafensitzes dar. Dazu ist die Aussicht von der Galerie des gewaltigen runden Bergfrieds, der Blick auf das grüne Waldmeer mit den hochragenden Felsinseln des Rambergs und des Brockens und in das Flachland hinaus bis zu den Bergzügen des Huy und Hakel und zu den Domtürmen von Magdeburg wahrhaft entzückend.
An dem im schönen Parke belegenen Schlosse Meisdorf, dem jetzigen Grafensitze, über dem 275 Meter hoch die Reste des Klosters Konradsburg liegen, und an dem als Gleims Geburtsstadt bekannten Ermsleben, der Hauptstadt der Grafschaft, vorüber, strebt nun die Selke der Bode zu.
An der ihr vorher zufließenden Krummen Getel, dem »anhaltinischen Mäander«, liegt inmitten blumengeschmückter Gärten und einträglicher Obstplantagen 217 Meter hoch die freundliche, stille Stadt Ballenstedt (Abb. 91), die Sommerresidenz des Herzogs von Anhalt.
[Sidenote: Ballenstedt.]
Der erste aus dem schwäbischen Geschlechte der Askanier, der sich nach Ballenstedt nennt und demnach auf dieser Burg wohnte, ist Esike, Graf im Schwabengau. Als dessen Sohn Adalbert auf dem Wege nach Aschersleben erschlagen wurde, wandelten seine Nachkommen -- sein Sohn Otto der Reiche und sein Enkel Albrecht der Bär -- den Stammsitz Ballenstedt in ein Kloster um und erbauten sich auf einer Höhe im Selkethal die Burg Anhalt, nach der jetzt das ganze Herzogtum genannt wird. Doch war das Kloster geräumig genug, neben Abt und Konvent auch dem Stifter und Schirmherrn einen Wohnsitz zu gewähren. Als Albrecht der Bär, der große Markgraf von Brandenburg, der nach völliger Niederwerfung der Wenden die verödeten Gegenden an der Elbe, Havel und Spree mit niederländischen und rheinischen Kolonisten neu besiedelte und den Rest der Wenden durch Einführung des Christentums, deutscher Sprache und deutscher Gesetze germanisiert hat, 1168 lebenssatt die Regierung seinem Sohne Otto übergab, zog er sich auf sein väterliches Erbschloß und Stift am Harze zurück und ist hier in Ballenstedt, wo er 1106 das Licht der Welt erblickt hatte, auch am 18. November 1170 verschieden und an der Seite seines Vaters Otto und seiner Mutter Eileke, der reichen Tochter des letzten Billungers, und seiner Gemahlin Sophie, der Schwester des mächtigen Grafen Hermann II. von Winzenburg, beigesetzt.
Nachdem das Kloster 1525 im Bauernkriege sein Ende gefunden hatte, diente es den Fürsten hin und wieder, namentlich zur Zeit der Jagden, als Absteigequartier, von 1627 an aber mehrfach auf Jahre als Residenz oder Witwensitz. In den Jahren 1704 bis 1720 bedeutend vergrößert, erfuhr das Schloß unter dem Fürsten Friedrich Albrecht, der 1765 hier dauernd seine Residenz nahm, eine völlige Umgestaltung; und nach all diesen Bauten, die dem Schlosse (Abb. 90), dessen schönster Schmuck die edle, geschmackvolle Einfachheit ist, ein wahrhaft fürstliches Ansehen gegeben haben, ist vom Kloster außer Turm und Küche nicht viel mehr geblieben.
Die Gräber Albrechts und seiner Familie und jüngerer Glieder seines Geschlechts sind erst 1880 unter dem Glockenturm wieder aufgefunden; es sind sargähnliche in den Fels gehauene Höhlungen mit steinernen Deckeln.
Aus den Fenstern der mit wertvollen Gemälden älterer Meister (darunter Rembrandt und Van Dyck) geschmückten Zimmer hat man eine entzückende Aussicht. Aber auch auf der Terrasse in dem 1765 angelegten herrlichen Parke ist sie wunderschön. Hinter den scharf hervortretenden Felsen der Gegensteine breitet sich, mit Städten und Dörfern übersät, eine lebensvolle Landschaft aus; Quedlinburg und das ferne Halberstadt, links Blankenburg mit seinem hochragenden Schlosse und der Regenstein mit seinen verfallenen Türmen, rechts Hoym, Ermsleben und das Bernburger Schloß begrenzen den Horizont, hinterwärts lagert sich, von der Brockenkuppe überragt, das aufsteigende Gebirge mit seinen Wäldern, Bergen und Schluchten, -- bei voller Beleuchtung, etwa an einem sonnigen Morgen nach einem Regentage, ein köstlicher Anblick!
XVII.
Die Wipperlandschaft. -- Mansfelder Bergbaugebiet.
Aus dem Gebiet der Selke treten wir in das der Wipper über, die sich in der Nähe von Bernburg in die Saale ergießt. Der erste ihr dienstbare Bach, die Eine, läuft, zumal wenn wir die bei Stangerode einmündende Leine als Hauptbach ansehen, von ihrer Quelle auf der Hochebene von Harzgerode bis Aschersleben der Selke in geringem Abstande parallel. Zwischen den beiden genannten Bächen liegt zwischen Kartoffelfeldern, auf baum- und poesieloser Ebene das ärmliche Dörfchen Molmerschwende, Bürgers Geburtsort, und links von der Leine das Dorf Pansfelde, das »Taubenhain« einer fast vergessenen Bürgerschen Ballade. Oberhalb des hübsch von bewaldeten Bergen umschlossenen Stangerode finden wir bei der Einmündung des Wiebeeks in einem freundlichen Waldthale am Fuße des Hakeberges die interessanteste Wüstung des Harzes, das zuerst 1043 erwähnte Volkmannsrode: unter den weitschattenden Linden bei der Kirchenruine dieses schon ein halbes Jahrtausend verlassenen Dorfes wurde noch vor drei Jahrzehnten zweimal im Jahre das uralte Rügegericht gehegt, ein in unsere nüchterne Zeit fremdartig hineinreichender Rest des alten germanischen Gerichtsverfahrens. Ruine, Gerichtslaube und Linden werden auf Weisung der Herzoglichen Regierung noch jetzt mit Pietät erhalten.
[Sidenote: Arnstein.]
Aber das Eineflüßchen hat noch eine dritte Überraschung für uns bereit: unfern des Dorfes Harkerode erhebt sich auf steilem Felsen die Ruine Arnstein, eine der besterhaltenen unserer Lande. Da die Edlen von Arn=stedt=, die mit dem aus Württemberg stammenden Erzbischof Hanno von Köln eines Geschlechts waren, sich zuerst 1136 von Arn=stein= nennen, so muß die Burg damals erbaut sein. Es war ein angesehenes Geschlecht: ein Walther hatte eine Enkelin Albrechts des Bären zur Gemahlin, ein Gebhard, mütterlicherseits mit den Staufen verwandt, war lange Zeit Kaiser Friedrichs II. Stellvertreter in Italien. Graf Walther V., der letzte des Geschlechts, übergab 1296, um in den deutschen Orden einzutreten, die Herrschaft seinem Schwager Otto von Falkenstein. Die Nebenlinie der »Grafen von Barby« erlosch erst 1659.
Durch Kauf 1387 in den Besitz der Grafen von Mansfeld gelangt, wurde sie 1530, als hier eine der Linien des »Vordernorts« ihre Residenz nahm, gründlich restauriert. Aber zwei Jahrhunderte später war sie bereits Ruine. Die Mauern des fünfstöckigen Hauptgebäudes stehen noch 20 Meter hoch, und der riesige Rundturm ist noch auf 100 Stufen im Treppenturm zu ersteigen.
Unterhalb Stangerodes verflachen sich die Hügel, und Kornfelder verdrängen völlig den Wald. Doch folgen wir der Eine noch bis Aschersleben zu flüchtigem Besuche. Schon zur Zeit der Karolinger als Ascegeresleben in Thüringen in einer Schenkungsurkunde für das Stift Fulda erwähnt, hat sich die im Mittelalter mit Quedlinburg und Halberstadt stets eng verbündete Stadt zu einer der wohlhabendsten und gewerbfleißigsten der Harzlande entwickelt und zählt jetzt 27250 Einwohner. Neben dem Reichtum an Altertümern, mit denen ihre Schwesterstädte prunken dürfen, kann sie nur wenig mehr als die gotische Stephanikirche, das schöne Rathaus im Stile der Renaissance und die unbedeutende Ruine der schon 1140 zerstörten Askanierburg stellen.
[Sidenote: Das Wipperthal.]
Die Wipper, welche mit der Selke fast gleiche Länge und Richtung hat, entspringt am Ostabfall des Auerbergs, greift aber mit andern Quellbächen nach allen Seiten weit hinaus, im Norden bis Neudorf, im Süden fast bis nach Dietersdorf. Kurz vor dem Flecken Wippra vereinigt sie die in der Alten und der Schmalen Wipper gesammelten Wasser.
Ihr Oberlauf ist anmutiger als der der Selke; besonders wirkungsvoll ist die Bewaldung der Schmalen Wipper: auf der Sonnenseite Buchen, auf der Winterseite Fichten. Ein Prunkstück, wie es die Selke zwischen Alexisbad und Mägdesprung uns vorhält, hat die Wipper dagegen nicht aufzuweisen; aber ihr Thal von Wippra abwärts hält den Vergleich mit dem Selkethal unterhalb Mägdesprungs wohl aus, wenn auch die sanft gewellten Höhen das breite Wiesenthal nirgends um 100 Meter übersteigen. Ihr Gefälle bis Leimbach beträgt 1 : 156, das der Selke bis Meisdorf 1 : 104 (das der Bode von der Quelle bis zur Blechhütte bei Thale 1 : 77).
Wippra liegt mit seinen Feldern und Wiesen freundlich in üppige Wälder gebettet, hat aber außer spärlichen Resten einer Burg nichts von Bedeutung aufzuweisen. Doch bald schon schimmert über prachtvolle Laubwälder das schöne im dreizehnten Jahrhundert erbaute Schloß Rammelburg, halb Brandruine, halb bewohnt, auf einem von drei Seiten umflossenen Bergvorsprunge sich mitten in das Thal schiebend, uns entgegen. Mögen andre Harzschlösser mit der Rammelburg um großartige Schönheit streiten, aber diese thalauf und -ab fast gleich wirkungsvolle Schaustellung ist nur dieser eigen. Und wenn andre Burgen uns aus alter Zeit des Interessanten viel zu berichten wissen, so erinnert uns die Rammelburg an zwei schlichtbürgerliche bedeutende Männer der neueren Zeit: der große Forstmann Pfeil, der »Erzieher des deutschen Waldes«, ist hier als Sohn eines Justizamtmannes geboren, und in der Schloßkapelle ist Hermann August Francke getraut.
Harzluft und Waldesduft zu atmen und uns an friedlicher Stille zu erquicken, ist uns nur eine kurze Strecke im Wipperthale beschieden: turmhohe, rauchwirbelnde Schornsteine, mächtige schwarze Schlackenhalden, das Thal beengend und täglich noch wachsend, Schächte und Hütten mit ihrem geschäftigen Treiben, mit allem Geklapper und Gerassel der Maschinen melden uns wuchtig, daß wir hier bei Leimbach an einer der Hauptarbeitsstätten der heiligen Barbara angekommen sind, der neuen Patronin des Bergbaues, die mit ihrem Pulver und Lärm die alten ruhigeren Bergheiligen Sankt Joachim und Sankt Anna vom Stuhle gestoßen hat. Bis Hettstedt und darüber hinaus reiht sich, miteinander wechselnd, Schacht an Schacht und Hütte an Hütte. Hier im Freiesleben-, dort im Eduardschacht und in den Lichtlöchern des 31 Kilometer langen Schlüsselstollen werden die Kupferminern gewonnen, hier in der Eckard-, dort in der Kupferkammerhütte gebrannt und geschmolzen, hier in der Katharinenhütte wird Silber und Kupfer aus dem Rohprodukt geschieden, dort auf der Saigerhütte die Raffinierkrätze zugute gemacht (Abb. 92 u. 93). Und in all das Getriebe schaut verwundert die stille Ruine der alten Burg Örner vom Waldhügel hernieder.
Bei Hettstedt, dem östlichsten Punkte des Harzes, entlassen wir die Wipper aus unserm Geleit und wenden uns der mit Leimbach fast verbundenen Stadt Mansfeld und ihren Erinnerungen an D. Luther zu.
Doch zuvor statten wir schon an dieser Stell »seines Vaters lieben Schlägelgesellen« einen kurzen Besuch ab.
[Sidenote: Mansfelder Bergbau.]
Nach alten Nachrichten sollen zwei Bauern, Nappian und Naucke, am 12. Juni 1199 beim damaligen Dorf Hettstedt den ersten Kupferschiefer gewonnen haben, und die Grafen im Jahre 1215 vom Kaiser Friedrich II. mit dem Bergregal belehnt worden sein. Wenn nun auch jene Angabe richtig sein und die Ortschaft Kupferberg bei Hettstedt 1199 entstanden sein mag, so haben doch die Grafen von Mansfeld schon lange vor dieser Zeit Bergbau betrieben. 1364 gab ihnen Kaiser Karl IV. diesen auch innerhalb einer über die Grafschaft hinausreichenden Grenze zu Lehen. Kaiser Friedrich III. aber verwies sie damit 1480 an die Herzöge von Sachsen. Im vierzehnten und fünfzehnten und auch noch im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts gelangte der Bergbau zu großer Blüte, aber sein Verfall bereitete sich schon vor: die stets um Geld verlegenen Grafen nahmen Vorschüsse von den Kupferhändlern, verpfändeten Hütten und gaben andre zu Lehen. Die Teilung der damals vorhandenen 95 Hütten (»Feuer«) unter die sechs Grafenlinien im Jahren 1536 konnte den Vermögensverfall nicht aufhalten. Als die Schuldenlast der Grafen die für jene Zeit ungeheure Summe von zweiundeinhalb Millionen Gulden erreichte, nahmen Sachsen und Magdeburg als Lehnsherren 1570 Bergbau und drei Fünftel der Grafschaft in Sequester; damit waren die Grafen trotz ihres Protestes mediatisiert. Während des dreißigjährigen Krieges und noch mehrere Jahrzehnte nachher beschränkte man sich darauf, alte Halden und offene Schächte auszuklauben. Erst durch die »Freilassung« im Jahre 1671, die jedermann gestattete, Bergwerke zu muten und zu bauen, kam der Bergbau wieder in geordneten Betrieb. Die fünf Gewerkschaften, welche sich nun nach und nach bildeten, haben sich im Jahre 1852 zu einer einzigen, der »Mansfeldschen Kupferschiefer bauenden Gewerkschaft« vereinigt, die ihren Sitz in Eisleben hat.
Es ist ein einziges muldenförmiges Kupferschieferflöz, auf dem die Mansfelder Gruben bauen. Das Erz kommt in diesem in der Regel als »Speise« vor, d. h. in sehr feinen Stäubchen eingesprengt, die auf dem Querbruch metallisch schimmern. Doch treten neben dieser Speise, die goldgelb, blau, rot und grau sein kann, auch feine Schnüre von Buntkupfererz und Kupferglas auf, wie in den Sanderzen bei Sangerhausen dicht zusammengedrängte Kupferkiesstäubchen als »gelbe Tresse«.
Die »gültigen« Schieferlager sind nur sieben bis dreizehn Centimeter mächtig, doch muß das Nebengestein, damit der Bergmann Platz findet, bis zur Gesamthöhe von einem halben Meter mit weggehauen werden. Der Häuer liegt bei der Arbeit auf der linken Seite und schützt sich gegen das kalte und nasse Gestein durch ein angeschnalltes Beinbrett und ein lose liegendes Achselbrett. Die durch Schrämen (Abb. 94) und Sprengen gewonnenen Schiefer werden durch die Schlepper, 14- bis 19jährige Burschen, in Hunden (Förderwagen) an die Förderstrecke gezogen. Der Schlepper schnallt sich ein mit acht Centimeter hohen Stollen (Langeisen) versehenes Beinbrett vorn auf den linken Oberschenkel, nimmt das Achselbrett zur Hand und legt sich vor den Hund. Dann richtet er sich soweit auf, daß er das Knöchelgelenk des rechten Fußes mit einem Riemen an den Hund knebeln kann, legt sich, wenn dies geschehen ist, mit dem linken Oberarm auf das Achselbrett, stützt sich mit der rechten Hand auf das Liegende (den Boden) und hakt mit den Stollen des Beinbretts auf dieses auf. Nach dieser Vorbereitung kann die Fortbewegung des Hundes beginnen. Der Schlepper zieht das freie linke Bein an, stemmt die Fußsohle desselben, um einen festen Halt zu gewinnen, gegen das Dach und streckt sich, das Achselbrett mit der linken Hand weiterschiebend, gerade; dabei zieht das gefesselte rechte Bein den Hund selbstverständlich ein Stückchen mit fort.
Enthielten die Mansfelder Schiefer nur Kupfer, so hätte der Bergbau längst eingestellt werden müssen. Denn nachdem Spanien, Colorado, die Gegend am Oberen See und andere Länder Amerikas in die erste Reihe der Kupferproduzenten getreten sind, kommt jetzt jährlich mehr als das Vierfache der früheren Jahresproduktion in den Handel. Nur der hohe Silbergehalt, 1/2 Pfd. Silber im Zentner Kupfer, sichert dem Mansfelder Bergbau trotz der Entwertung des Silbers um die Hälfte seinen Fortbestand. Aber die Gewerkschaft hat noch mit andern Schwierigkeiten zu kämpfen. Bei der Abteufung (Abb. 95) neuer Schächte ist man mehrfach auf weit verzweigte Schlotten gestoßen, von Gips eingeschlossene Hohlräume, welche durch Auflösung des ursprünglich hier abgelagert gewesenen Steinsalzes entstanden und jetzt mit Wasser angefüllt sind. Die Bewältigung dieser Wassermassen ist aber sehr schwierig und kostspielig; um dem Übel gründlich beizukommen, hat man darum in der Annahme einer unterirdischen Verbindung den Salzigen See trocken gelegt.
Welche Bedeutung das Wohl und Gedeihen des Mansfelder Bergbaues auch für den Staat hat, folgt schon daraus, daß er 80000 Personen -- Berg- und Hüttenleuten mit deren Familien -- ihr ausreichendes Brot gewährt.
[Sidenote: Mansfeld.]
Mit dem >Mannesfeld<, welches das Stift Fulda im Jahre 974 tauschweise an Magdeburg abtrat, ist das Dorf Kloster-Mansfeld gemeint, denn die nach dieser »Rodung des Mano« benannte Burg ist erst im elften Jahrhundert erbaut, und die Stadt (Thal-) Mansfeld erst unter dem Schutze der Burg an deren Fuße entstanden.
In diesem Städtchen, das vor 100 Jahren erst 1000 Einwohner zählte, hat Luther seine Kinderjahre verlebt. Das Haus, das sein Vater im Jahre 1484 erwarb und 1530 auf seinen Sohn Jakob vererbte, ist nur noch teilweise vorhanden: über der vermauerten rundbogigen Hofpforte aus rotem Sandstein findet sich noch erkennbar das alte Luthersche Wappen, Rosen und Armbrust, mit den Buchstaben J. L. 1530.
Nicht viel besser ist es dem Grafenschlosse ergangen, das 65 Meter tief auf die an den Seitenhängen eines Thales sich hinziehende Stadt hinabsieht. Der erste, der sich nach ihm nennt und auch wohl sein Erbauer sein wird, ist Kaiser Heinrichs V. Feldherr Hoyer, der 1115 am Welfesholze fiel. Mit dem Tode des Grafen Burchard gingen 1230 Burg und Namen auf seinen Schwiegersohn, den Edelherrn Burchard von Querfurt über. Zu Luthers Zeit spalteten sich seine Nachkommen in drei Linien mit sieben Zweigen, aber ein und einhalb Jahrhunderte später war nur noch die in den Reichsfürstenstand erhobene Linie Bornstedt übrig, und auch diese erlosch, nachdem bereits 1710 der Eislebensche oder lutherische Zweig verdorrt war, am 31. März 1780 mit dem in Österreich lebenden Fürsten Joseph Wenzel von Fondi. Nun fielen die Besitzungen bis auf einige Allodialgüter, welche auf Joseph Wenzels Schwiegersohn, den Fürsten Coloredo und seitdem »Grafen von Mansfeld«, vererbten, zu 3/5 an Kursachsen und zu 2/5 an Preußen (Magdeburg).
Der meistens nur »Ernst von Mansfeld« genannte Held des dreißigjährigen Krieges, den der Tod am 26. November 1626 im bosnischen Dörfchen Wrakowicz ereilte, war der Sohn des Fürsten Peter Ernst I. aus dessen morganatischer Ehe mit der schönen Anna von Eicken.
Im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts wurde die Burg durch Hinzufügung eines dritten Schlosses, des »Hinterortes«, bedeutend erweitert und in ihrem ganzen Umfange stärker befestigt. Aber gerade das sollte ihr den Untergang bringen: da sie im dreißigjährigen Kriege, statt das Land schützen zu können, die Heere aller Parteien angelockt hatte und bald erobert wurde, bald wieder verloren ging, so verfügte der Landesherr 1674 unter Zustimmung der Grafen ihre Zerstörung; 400 Mann arbeiteten daran, aber da Kalk und Gestein untrennbar verkittet waren, mußte ihnen noch ein Trupp von 30 Bergleuten mit Bohrer und Pulver zu Hilfe kommen.