Part 1
Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten
herausgegeben von
A. Scobel
IX.
Der Harz
$Bielefeld$ und $Leipzig$ =Verlag von Velhagen & Klasing= 1901
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Der Harz
Von
Fr. Günther
=Mit 115 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen und einer farbigen Karte.=
$Bielefeld$ und $Leipzig$ =Verlag von Velhagen & Klasing= 1901
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
Seite
I. Einleitung 3
II. Geographischer Überblick 5
III. Geologische Übersicht 8
IV. Das Klima 18
V. Geschichtlicher Überblick 25
VI. Land und Leute 30
VII. Die Hochebene von Klausthal 40
VIII. Die Söselandschaft 56
IX. Die Innerstelandschaft 58
X. Die Okerlandschaft 68
XI. Die Oderlandschaft 77
XII. Der Brocken und das Brockenfeld 83
XIII. Radau, Ecker und Ilse 89
XIV. Die Holtemme 91
XV. Die Bodelandschaft 98
XVI. Die Selkelandschaft 106
XVII. Die Wipperlandschaft. -- Mansfelder Bergbaugebiet 108
XVIII. Die Helmelandschaft 118
Register 126
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Der Harz.
I.
Einleitung.
»Mag Samaria und Judäa ein sehr fruchtbares Land gewesen sein, ich lobe mir dafür meine Güldene Au.« So sprach, wie D. Luther erzählt, Botho der Glückselige, Graf zu Stolberg, als er am 9. Februar 1494 von seiner »Meerfahrt« in das Gelobte Land in seine harzische Heimat zurückkehrte. Ja, und wenn es auch gar viel gewaltigere Gebirge gibt mit himmelanstrebenden, von den Wolken benetzten Spitzen und Hörnern, mit glitzernden Gletschern und ewigem Firn: ich lobe mir doch meinen bescheidenen Harz und ich liebe ihn und preise ihn, so gut ich kann.
»Größ're Gebirge wohl gibt's, doch keines, das ihn überträfe Beides an Wald und Wild ...«
singt Heinrich Rosla (gegen 1300) in seiner Herlingsberga; und Konrad Celtis, der die Vorlande unseres Gebirges im Jahre 1498 durchreiste, rühmt an diesem die Fülle mannigfaltigen Erzes, die mit Taxus und Fichte geschmückten Höhen, die dunkelschattigen Thäler, die rauschenden, jählings durch die Felsen herabstürzenden Gießbäche, wodurch die matterleuchtete Gegend das Ansehen der Unterwelt gewönne.
»Vom Harz der Fichte« leitet Celtis den Namen unseres Waldgebirges ab, und noch Johann Rauws spricht's hundert Jahre später ihm nach. Aber wenn sie hierin auch irren, strömt uns nicht aus dem Worte »Harz« gleichsam der würzige Duft der unabsehbaren Nadelwälder erfrischend entgegen, hören wir nicht bei seinem Klange gleichsam das geheimnisvolle Rauschen und Flüstern der weithin schauenden Wipfel unserer »nordischen Palme«? Und die Töne der Schwarzdrossel und ihrer sangeskundigen Schwestern klingen melancholisch darein, und über die klaren, blinkenden Teiche hallt leise und feierlich wie aus »verlorener Waldkirche« das harmonische Geläut der friedlich weidenden braunen Rinderherden herüber, und der Gießbach stimmt murmelnd ein in den Abendpsalm. Und wenn die Schwingen des Waldes ruhen und die Töne mählich verklingen und nur noch die Saiten des Herzens andächtig nachzittern, und der letzte Sonnenstrahl, der so eben noch hier die grüne Nacht des Hochwaldes zu durchdringen sich bemühte, dort auf dem weichen, dichten Moospolster und den dichtgedrängten, losen Farnwedeln neckisch spielte, scheidend erlischt -- dann erheben Sage und Märchen ihr Haupt. Schaut hier nicht König Hübich Gaben verheißend aus dem Felsenspalt, schreitet dort nicht der Bergmönch mit flackerndem Grubenlicht hinter dem ältesten der Baumriesen hervor? Und das zottige Flechtengewirr an den Zweigen und die knorrigen, weit hervorragenden Wurzeln nehmen gar seltsame Gestalten an, und wie ein Geisterhauch fliegt's durch die Kronen.
Wohl ist die Rottanne oder Fichte dem Harze nicht ausschließlich eigen, aber es gibt in Deutschland kaum ein zweites Gebirge von gleicher Höhe, in dem ihre Herrschaft so wenig beschränkt wird; und mindestens dem Westharz, seinen hohen Bergen und tiefen Thälern prägt sie durch ihre dunklen, lang hinziehenden Massen, in denen der einzelne Baum gleichsam untergeht, den eigenartigen Charakter auf.
Den Inseln gleich im grünen Waldmeere liegen, weithin, doch nicht planlos verstreut, große und kleine Wiesenfluren und inmitten einer jeden, meist der Form und dem Zuge des Thales sich anschmiegend, die Bergstädte und oberharzischen Ortschaften, auf den kleinsten Eilanden wenigstens ein Forsthaus, oder ein Zechenhaus oder eine Mühle. Längst hat der rote Ziegel die schwärzlich graue Holzschindel verdrängt, und mit frischen Farben leuchten diese kleinen Siedelungen -- in den unabsehbaren grünen Teppich gewobene Blumen -- zu der Höhe herauf, von der wir Umschau halten, und fesseln unsere Augen.
Und wie ganz anders rollt das Bild sich ab, wenn wir unsern Fuß rüstig wandernd gen Osten setzen. Sind wir denn wirklich im Gebirge? Kein Bergzug umrandet die Ebene, versteckt und verdeckt liegt selbst der Vater Brocken, der sonst nach allen Seiten seine Grüße versendet; kein Gießbach schäumt, fast unhörbar und in Mäanderschlingen schleichen träge die Bäche vorüber. Nur die kärglich bestandenen Fluren mit ihren sich verspätenden Saaten und die in der Ferne sich kräuselnden Rauchwolken, die einem Hüttenwerke entstammen müssen, heben unsere berechtigten Zweifel.
Doch weiter! Bald ist sie überwunden -- diese Einförmigkeit der unterharzischen Hochebene, die doch niemals zur Langweiligkeit ausartet, vielmehr dem Wanderer nur einige Stunden ruhiger Beschaulichkeit gewährt und sein Gemüt vorbereitet zu rechter Würdigung und zu vollem Genusse des Kommenden.
Mählich beginnen die Thäler sich einzuschneiden und die buchenbestandenen Höhenzüge zu wachsen; die kleinen Flüßchen bekommen Leben, und nicht lange, so erhält das anmutige Hügelgelände überzeugend den wirklichen Gebirgscharakter. Berg türmt sich auf Berg, wunderliche Felsgebilde steigen empor und recken sich höher und höher, um hier in die schwindelnde Tiefe mit ihrem brausenden Bergstrom, dort wie eine Gefahr dräuende Riesenburg weit hinaus zu schauen in die blühenden Vorlande.
Hart dem Saume des Gebirges folgend, reihen sich hier blühende Städte, rührige Flecken und schmucke Dörfer zu einem lieblichen Kranze. Wo auch nur ein Fluß oder Bächlein aus dem Harze heraustritt, da haben -- gerade an diesem Austrittspunkte -- unsere Vorfahren mit Verständnis einst ihre Wohnungen aufgeschlagen und von hier aus nach dem Vorbilde eines Klosters, unter dem Schutze einer Burg den Kampf mit der Wildnis aufgenommen, und unermüdlich die blanke Axt schwingend dem Urwalde die fruchtbaren Fluren abgerungen, auf denen sich jetzt der goldige Weizen mit schwerer Ähre im Winde wiegt und die gehaltvolle Zuckerrübe reichen Ertrag gewährt.
Nur spärlich ist die Zahl der Urkunden, welche aus jener Zeit berichten, wo dieser engste Saum von Ortschaften, von denen dann allmählich unternehmende Pioniere in den inneren Harz eindrangen, um unser Gebirge gelegt wurde, und vielfach verstummt sogar verschämt die sonst selten verlegene Sage. Aber die Städte und Ortschaften selbst tragen in ihrem Namen eine untrügliche Inschrift, ein unauslöschliches Merkmal der Zeit ihrer Entstehung.
II.
Geographischer Überblick.
Das Harzgebirge liegt zwischen 51° 28,5' und 51° 51' nördl. Breite und zwischen 10° 10' und 11° 26' östl. Länge von Greenwich und hat die Gestalt einer von West-Nordwest nach Ost-Südost gerichteten unvollständigen Ellipse, deren Brennpunkte auf den 1142 Meter hohen Brocken und den 595 Meter hohen Ramberg fallen; und deren lange Achse, welcher der nordöstliche Rand als Sehne parallel läuft, zwischen Hahausen und Hettstedt 95 Kilometer lang ist, während ihre größte Breite (vom Südwestrande bis zur Sehne) 34 Kilometer beträgt.
[Sidenote: Die Ränder des Gebirges.]
Am imposantesten wirkt der Harz von Norden gesehen. In scharfer Markierung, ohne vermittelnden Uebergang steigt er mauerartig auf der etwa 25 Kilometer langen Strecke von Harzburg bis Hahausen aus dem Vorlande auf. Die Luftlinie zwischen der bei 256 Metern liegenden Grenzlinie und den diese um die doppelte Meereshöhe überragenden Bergspitzen beträgt noch nicht 1 Kilometer; zwischen den Hüttenorten Oker und Langelsheim kulminieren der Adenberg bei 538 Meter, der Hahnenberg bei 520 Meter, der Gelmkeberg bei 538 Meter, der Steinberg bei 479 Meter und der Nordberg bei 455 Meter; ja der Rammelsberg und der Herzberg, die den unmittelbaren Hintergrund Goslars bilden, erheben sich sogar zu 635 und 638 Meter. Den vollen, überwältigenden Eindruck eines völlig geschlossenen Gebirgswalles macht dieser Rand indes nur aus der Ferne; von den austretenden Flüssen und Bächen (Radau, Oker, Gose, Grane, Barley, Töllebach und Innerste) außerordentlich stark zerschnitten, löst er sich in der Nähe in Einzelberge auf.
Im Westen prägt sich die Gebirgsgrenze von Hahausen bis Lauterberg in einem Thale, das der Zechsteinbildung angehört, deutlich aus. Von großer landschaftlicher Schönheit ist es besonders in der Gegend von Osterode und Herzberg, wo die schneeweißen Felsen des Gipszuges, der den Thalrand auf der ganzen Strecke zur Rechten begleitet, im wirkungsvollen Gegensatze zu den weniger steil abfallenden grünen Harzbergen aus dem Thale, in dem sich die wassergefüllten Erdfälle der Teufelsbäder aneinander reihen, bis zu 100 Meter jäh emporsteigen.
Von Lauterberg über Walkenried bis Questenberg folgt die Grenze, noch erkennbar, aber weniger scharf hervorgehoben, dem Laufe der Helme, wird dann aber, bis Mansfeld, durch die sich unmittelbar an das Gebirge anschließende »Thüringer Grenzplatte«, einen in südöstlicher Richtung bis zur Unstrut laufenden Höhenrücken mit flachgerundeten Gipfeln, fast völlig verwischt. Von Mansfeld ab bis Harzburg bezeichnen die Orte Hettstedt, Ballenstedt, Thale, Blankenburg, Wernigerode, Ilsenburg die Grenze in überall deutlich erkennbarer Ausprägung.
Der Südrand, der mit 267 Meter mittlerer Meereshöhe den Nordrand um etwa 11 Meter -- der in Deutschland allgemein geltenden Regel entsprechend -- übertrifft, hat seine größte relative Höhe in dem die Wasserscheide zwischen Weser und Elbe bildenden Höhenrücken bei Osterhagen, von dem der Rand fast gleichmäßig nach Westen (Seesen 204 Meter) und Osten (Riestdorf 178 Meter) abfällt.
[Sidenote: Ober- und Unterharz.]
Der ganze so umrandete Harz bedeckt eine Fläche von 2468 Quadratkilometer und ist demnach genau so groß wie das Herzogtum Sachsen-Meiningen und fast doppelt so groß wie Sachsen-Altenburg. Wenn man das Gebirge auf dieser Grundfläche einebnen könnte, so würde man die mittlere Höhe von 442 Meter erhalten.
Man hat den Harz einen einzigen Berg mit verschiedenen Köpfen und Thalfurchen genannt; und dieser Vergleich ist auch nicht ganz unzutreffend. Aber auf den Sockel dieser scheinbar ununterbrochenen Bergwand ist -- wie ein Blick aus der nördlich sich vorlagernden Ebene zeigt -- im Westen die Granitmasse des Brockens als ein zweites, fast ebenso hohes Gebirge und im Osten der kleine Ramberg-Kegel gestellt; und auf der Hochebene von Klausthal oder auf dem Aussichtspunkte der Schalke tritt auch der Bergzug des »Langen Ackers« (jetzt Acker-Bruchbergs) als bedeutende Überragung klar neben dem scheinbar nicht viel höheren Brockengebirge ins Auge. Sollte aber der Vergleich mit einem einzigen Berge den Trugschluß auf langweilige Einförmigkeit nahelegen, so belehrt uns der umfassende Rundblick vom Brocken auf die von immer tiefer werdenden Furchen und Flußthälern zerschnittenen Hochebenen des Ober- und Unterharzes eines Besseren.
Unter dem Oberharz versteht man den höheren westlichen, unter dem Unterharz den allmählich an Höhe abnehmenden östlichen Teil des Gebirges. Aber die Grenze zwischen beiden steht keineswegs von vornherein fest. Daß dabei die vormalige Praxis der hannover-braunschweigischen Bergbehörden, nach welcher mit dem Unterharze die Gegend von Goslar, Oker, Gittelde gemeint war, völlig außer Betracht zu bleiben hat, liegt auf der Hand. Doch auch nach Flußgebieten läßt jene sich nicht angeben, denn die dem Elbegebiet angehörende Bode entspringt auf dem Brockenfelde, der höchstgelegenen Hochebene des Gebirges. Ohne uns in den -- übrigens bedeutungslosen -- Streit weiter einzulassen, wollen wir unter dem Oberharz das ganze Brockengebirge samt dem Brockenfelde, die im Mittel 580 Meter hohe Hochebene von Klausthal mit ihren Randbergen und der Bruchberg-Kette und das Andreasberger »Dreieck« verstehen; und den Unterharz, der in seinem westlichen Drittel noch gleich jenem vorwiegend mit Fichtenwald bedeckt ist, in das Bode- und das Selkeplateau einteilen.
III.
Geologische Übersicht.
Von den Randgesteinen abgesehen, die den deutlich begrenzten Gebirgskern mantelartig umgeben, besteht das Massiv des Harzes zum bei weitem größten Teile aus sedimentären, zum kleineren aus eruptiven Gesteinen.
[Sidenote: Verbreitung des Devon.]
Die Sediment- oder geschichteten Gesteine -- sie heißen auch paläozoische d. i. alttierische -- welche sich, die erste, ursprüngliche Grundlage für unser Gebirge bildend, aus den trüben Fluten des noch alle Lande bedeckenden Meeres als Schlamm, Sand und Kies horizontal oder in geringer Neigung niederschlugen, ablagerten und erhärteten, gehören im Westharze dem Devon-, im Ostharze vorwiegend der Kohlenformation an. Die devonische Bildung kommt im Harze in allen ihren Niveaus, als Unter-, Mittel- und Ober-Devon vor.
Von dem Unter-Devon hat man in neuester Zeit die ältesten Schichten abgetrennt und dieser Gruppe den Namen Obersilur zuerkannt. Es sind dies namentlich die Graptolithenschiefer bei Lauterberg, Wernigerode, Harzgerode, Treseburg und der feste, feinkörnige und helle Quarzit, aus dem der Rücken des Bruchberges und des Ackers besteht.
Dem Unter-Devon gehören zum größten Teil die »Unteren Wieder-Schiefer« -- harte Schiefer mit eingelagerten Kalklinsen -- und ähnliche Schiefern bei Zorge, Harzgerode und Mägdesprung, sowie der »Hauptquarzit« des Unterharzes, die sich südöstlich an den Oker-Bruchberg anschließenden Quarzite und neben sandigen Schiefern des Rammelsberges, der nach seinen zahlreichen Versteinerungen, den zu den Armfüßern gehörenden Spiriferen oder Windungsträgern benannte Spiriferen-Sandstein an, welcher die Berggruppe zwischen Oker und Innerste, also den Rammelsberg, den Kahlenberg und Bocksberg, die höchsten Kuppen der Klausthaler Hochebene, bildet.
In das Mittel-Devon rechnet man außer einem Teile der Wieder-Schiefern (bei Hasselfelde, im Selkethal) besonders die »Wissenbacher« (oder Goslarer) und die Calceola-Schiefer. -- Die Calceolaschichten, welche sich eng an den Spiriferen-Sandstein anschließen und sich durch ihren großen Reichtum an Petrefakten auszeichnen (Leitmuschel _Calceola sandolina_, gemeine Pantoffelmuschel) finden sich zwischen Oker und Innerste in schmalen Säumen, in Mulden und in sattelförmigen Hervorragungen. Die auf ihnen folgende Zone der Goslarer Schiefer ist von hervorragender Bedeutung: nicht nur werden die härtesten dieser blau- oder grauschwarzen, dichten Thonschiefer als Dachschiefer benutzt, sondern es ist ihnen auch das berühmte, trotz fast tausendjährigen Betriebes noch immer nicht erschöpfte Erzlager des Rammelsberges eingeschaltet. -- Mitteldevonisches Gestein findet sich auch in dem Zuge, welcher -- wegen der in ihm auftretenden Diabase und Roteisensteine meistens als Diabas- (Grünstein-) oder Eisensteinszug bezeichnet -- von Osterode bis über Altenau hinaus in gerader Linie als 400 Meter breiter Streifen verläuft. Es steht den Wissenbacher Schiefern gleich und wird von Tentakuliten-Schiefern überlagert.
Die jüngsten Schichten des Mittel-Devon sind die durch reiche Eisensteinslager ausgezeichneten Stringocephalenkalke (Leitmuschel _Stringocephalus Burtini_, Burtins Eulenkopf) der Elbingeroder Mulde, die auch in dem soeben genannten »Eisensteinszuge« zwischen Herzberg und Altenau auftreten.
Das Ober-Devon ist in seiner unteren, älteren Zone vorwiegend Intumescenskalk, in seinen oberen, jüngeren Schichten Cypridinenschiefer. Jener ist nach der zu den Ammonshörnern gehörenden _Goniatites intumescens_, dieser nach dem Muschelkrebs benannt. In die Intumescensstufe gehört vor allem der völlig ungeschichtete Massenkalk des höhlenreichen Iberges und Winterberges bei Grund, eines Korallenriffes mit dem reichsten Schatze von Versteinerungen, und der »Iberger Kalk« der Elbingeroder Mulde mit den berühmten Rübelander Höhlen. Auch die schwarzen Kalke (mit _Cardiola angulifera_) am Wasserfallfelsen bei Romkerhalle, am Kellwasser u. s. w. gehören diesem unteren Niveau an. -- Cypridinenschiefer finden sich u. a. im Diabaszuge der Klausthaler Hochebene, und als Clymenienkalk bei Lautenthal, am genannten Wasserfall, bei Mägdesprung u. a. O.
[Sidenote: Verbreitung des Karbon.]
Die nicht devonischen Schichten des Oberharzes gehören dem Karbon (der Kohlenformation) an, für den der englische Lokalname Kulm hier zuerst in Anwendung gebracht ist. Seine unteren Schichten bestehen aus Kiesel- und Posidonienschiefern, seine oberen aus Grauwacke.
Die Kieselschiefer, meist grau oder schwärzlich, vom Messer nicht ritzbar, S-förmig gestaucht und gefaltet, finden sich in geringer Mächtigkeit in der Gegend von Lautenthal und im mehrgenannten Diabaszuge, vielfach im Wechsellager mit hellem Wetzschiefer, schwarzem Alaunschiefer und (z. B. am Lerbacher Hüttenteiche) bunten, rotgrünen Adinolen (Bandjaspis). Die Charakter-Versteinerung _Posidonia Becheri_ (Bechers Poseidon-Klaffmuschel), die den mit den Kieselschiefern unmittelbar verknüpften, doch auch -- in zwei breiten Zonen zwischen Schulenberg und Laubhütte -- unabhängig auftretenden eigentlichen »Posidonienschiefern« eignet, findet sich nicht selten auch in jenen. Vereinzelt (z. B. zwischen Hübichenstein und Iberger Kaffeehaus) sind schwärzlich-graue Kalke eingelagert, die gleichfalls dem unteren Kulm angehören.
Dagegen nehmen die Kulm-Grauwacken, die jüngsten Schichten des Kerngebirges, am Tage große Flächen ein. Im frischen Zustande blaugrau, durch Verwitterung rostbraun, auch rot, besteht dieses meist in dicken Bänken abgelagerte Gestein im wesentlichen aus Sandkörnern, die nebst Bruchstücken von Gangquarz, Kieselschiefer und Thonschiefer sowie Feldspat- und Kalkspatkörnern in ein thonig-sandiges Bindemittel gebettet sind. In der Gegend von Grund haben diese Bestandteile, unter denen sich Granit- und Porphyrgerölle nichtharzischen Ursprungs finden, oft Faustgröße. Die pflanzlichen Versteinerungen, unter denen neben undeutlichen kohligen Blattabdrücken namentlich die Calamiten (baumartige Schachtelhalme) vertreten sind, kommen nur sporadisch, von tierischen nur die Posidonienmuschel ganz vereinzelt vor. Als Baustein -- namentlich bei Klausthal -- schön zu bearbeiten, liefert die Grauwacke in den großartigen Steinbrüchen bei Wildemann treffliche Pflastersteine.
Dem gleichen Niveau wie die von erzreichen Gangspalten durchsetzte Oberharzer Grauwacke gehören die Tanner und Elbingeroder Grauwacke, sowie die »Zorger Schiefer« an.
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Zu Ende der Kulmzeit wurden die bis dahin vom Meere bedeckten paläozoischen Sedimente in Mitteleuropa zu einem gewaltigen Kettengebirge zusammengeschoben, dessen Falten sich vom Centralplateau Frankreichs durch ganz Deutschland, wo sie um das böhmische Gebirgsviereck in einem gegen Norden konvexen Bogen herumliegen, bis nach Rußland verfolgen lassen.
Darum hat der Harz wie der Thüringer Wald und das rheinisch-westfälische Schiefergebirge, deren ursprünglicher Zusammenhang erst allmählich durch die »abradierende« Thätigkeit des Meeres und durch wiederholte Abbrüche aufgehoben wurde, »niederländisches Streichen« d. i. seine Schichten haben die Richtung von Südwest nach Nordost. Dieses Zusammenschieben der erhärteten Sedimente geschah durch seitlichen (»tangentialen«) Druck und konnte nicht anders, als unter Faltung, Zerreißung und Aufrichtung, selbst Kippung der Schichten geschehen. In die entstandenen Spalten und Risse ergossen sich die sogenannten prägranitischen Eruptivgesteine, besonders Diabas, auch Kersantit und gewisse Porphyre, die feuerflüssig aus dem Innern emporquollen. So ist es auch zu erklären, daß der »Grünstein« des Diabaszuges zwischen Osterode und Altenau trotz seiner deckenartigen Ausbreitung stets der Richtung der Schichten folgt und an deren späteren Knickungen und Verwerfungen teilnimmt.
Das Harzgebirge sah damals nur wenig und nur in seinen bedeutend emporgehobenen Teilen aus dem Meere hervor. Dieses begann nun seine »abradierende« Thätigkeit: wie es noch heute an felsiger Meeresküste geschieht, zernagten und unterspülten Wogen und Brandung die trocken gelegten Massen, bis diese zusammenstürzten, zertrümmerten und zerrollten dann die Brocken zu Kies und Schlamm, füllten damit die bei der Faltung entstandenen Vertiefungen aus und bildeten fast ebene »Abrasionsflächen«.
[Sidenote: Das Rotliegende.]
Man nennt diese aus Konglomeraten von Harzgesteinen bestehende Ausfüllung der Mulden das untere Rotliegende. Am stärksten entwickelt ist diese Formation in der Grafschaft Mansfeld, wo sich zwischen ihr mächtige zu Mühl- und Bausteinen geeignete thonige Sandsteine finden, in der Gegend von Ilfeld, wo sie hoch in das Gebirge hinaufsteigt, und im Ermsleber Becken; doch umzieht sie, mehrfach unterbrochen, auch über Lauterberg den Harz bis Hahausen. An drei Stellen, bei Meisdorf und Opperode östlich von Ballenstedt, bei Grillenberg in der Nähe von Wippra und bei Sülzhain-Ilfeld-Neustadt enthält sie auch dunkle Schieferthone und wenig (3/4-1-1/2 Meter) mächtige Steinkohlen.
[Sidenote: Porphyr und Granit.]