Der Hahn von Quakenbrück und andere Novellen
Chapter 7
Die herzhafte Zustimmung seines Freundes erheiterte Pater Gumppenberg, so daß er stehenblieb, eine Ranke der kletternden Bohnen zu sich bog und den Ansatz der angenehmen Frucht, die sich zeigte, auf ihr Wachstum untersuchte. »In acht bis vierzehn Tagen, denke ich, können wir ein erstes Bohnengericht auf unserer Tafel sehen,« sagte er behaglich. »Unser Himmel reift die Gottesgabe langsam, ist es aber so weit, dann hat sie eine gediegene Würze, die sich nach meinem Urteil über alle die gepriesenen Erzeugnisse der Fremde erhebt.«
Auch hierin war Pater Wildgruber derselben Meinung. »Ich bin nicht von denjenigen,« sagte er, »die ohne einen Tropfen französischen oder welschen Weines die Mahlzeit fade finden; unser braunes Bier mag es mit dem vielbeliebten Traubenstoff wohl aufnehmen, ja, indem es das Blut nicht erhitzt, sondern kühlt, und den erwünschten Schlaf herbeiführt, anstatt die Sinne zu kitzeln, ist es aus erheblichen und auch gottgefälligen Gründen dem kostbaren Nebenbuhler wohl noch vorzuziehen.«
Weiterschreitend gingen die frommen Männer zu der Erwägung über, wie der von seiten der welschen Geistlichen drohenden Gefahr füglich entgegenzuarbeiten sei. »Ich schrecke«, sagte Pater Gumppenberg, »keineswegs davor zurück, unserem Herrn, dem Kurfürsten, eine dringliche Vorstellung zu machen; habe ich doch auch das Antlitz seines gestrengen Vaters nicht gefürchtet, da ich mich im Schutze Gottes und seiner Heiligen sicher fühle.«
»Du hattest es damals nicht mit einem Weibe zu tun,« gab Pater Wildgruber zu bedenken, »einem Weibe, das ich ganz und gar der Dalila vergleichen möchte, wenn auch unser hochgeliebter Herr, der Kurfürst, nichts mit dem Helden Simson gemein hat als die Bezauberung durch seine Gemahlin.«
»Es ist meine Pflicht, mich durch nichts von dem abhalten zu lassen, was zum Heil unserer Kirche notwendig ist, am wenigsten durch ein Weib,« sagte Pater Gumppenberg gefaßt, indem er seinen schwärzlichen, mit vielen grauen Haaren durchschossenen Vollbart über der breiten Brust auseinanderstrich; »es wird verhoffentlich nicht ohne Eindruck bleiben, wenn ich den Geist seines hochseligen Vaters berufe, um meine Vorstellungen zu unterstützen.«
Für den jungen Kurfürsten, der in seinem Vater das Abbild Gottes auf Erden verehrt hatte, war die Anrufung desselben überwältigend, und er wagte nicht leicht etwas durchzusetzen, wenn man ihn glauben machte, daß es seiner Gesinnung zuwider sei. Freilich bekämpfte den erhabenen Schatten seit seiner Vermählung das lebendige Auge der geliebten Frau, allein er getraute sich in wichtigen Dingen noch nicht immer dieser neuen, allzu reizenden Kraft nachzugeben, weil es ihm unglaubhaft schien, daß irgend jemand, und nun sogar ein junges Weib, seinem gewaltigen Erzeuger in etwas sollte überlegen sein können. Demgemäß erwiderte er dem Pater Gumppenberg auf dessen eindringlichen Vortrag, es sei ihm unbekannt gewesen, daß das Volk der Einführung des neuen Heiligen so sehr entgegen sei; ein vortrefflicher Künstler habe zwar den Entwurf zu einem Altare ihm bereits vorgelegt, die Genehmigung habe er aber noch nicht erteilt und werde die Sache einstweilen ruhen lassen, bis die Vortrefflichkeit des vicentinischen Cajetan in Bayern besser bekannt und bezeugt sein werde.
Ein wenig betreten begab er sich in das nach dem neuesten italienischen Kunstgeschmack erst kürzlich fertiggestellte Wohnzimmer seiner Gemahlin, bei der er zu seinem Troste Pater Filiberto anwesend fand; denn obgleich dieser der Kurfürstin selbst einflüsterte, was sie in bezug auf die Religion und die Geistlichen ihrer Heimat verlangen solle, suchte er doch immer zu begütigen, wenn der Kurfürst in seiner Gegenwart darüber verdrießlich wurde, im Vertrauen darauf, daß der Streit sich hernach weiterspänne und zu dem erforderten Zwecke führe. Henriette Adelaide nahm die Botschaft ihres Mannes, die er unter mancherlei Scherzen vorbrachte, unwillig entgegen und sagte: »Das kann ich am wenigsten leiden, daß du deine eigene Einsicht geringer anschlägst als die des Pater Gumppenberg, des ungeschlachten Dickschädels. Glichen alle Menschen dir, so würde die Stadt München in Ewigkeit nichts anderes werden als ein Häuflein bäurischer Hütten um die barbarische Ausgeburt der Frauenkirche herum. Soll etwa jeder Christ zwischen Spanien und Rußland zu jenem Benno beten, dessen Knochen man in nordischen Urwäldern zwischen den Knochen von Bären und Auerochsen zusammengelesen haben wird?«
»Er hat doch«, sagte Ferdinand Maria, »vor deinem Cajetan das voraus, daß er ein regelrechter Heiliger ist, während jener, wie ich höre, nur der Seligsprechung wert befunden wurde, ihm also doch wohl etliche schätzenswerte Qualitäten abgehen müssen.«
»Das haben dir die Schelme weisgemacht!« rief Henriette Adelaide heftig. »Die Heiligsprechung wird seinerzeit schon erfolgen, und wenn Cajetan nur eine gute Tat getan hätte, die beglaubigt ist, so gälte das mehr als hundert Wundertaten eines Benno, die niemand mit angesehen hat, und von dem niemand beweisen kann, ob er überhaupt gelebt habe.«
Hier legte sich Filiberto ins Mittel, indem er mit liebenswürdigem Lächeln einschaltete, daß daran wohl kein Zweifel obwalten dürfe, da Papst Hadrian im Jahre 1523 den würdigen Bischof und Heidenbekehrer unter die Heiligen gestellt habe; indessen müsse er auch bestätigen, was die Kurfürstin mit ihrem hohen Geiste bereits festgestellt habe, daß die Heiligsprechung des Cajetan der Seligsprechung sicher nachfolgen werde, so daß man sie schon für geschehen annehmen könne. Er für seine Person müsse jedoch sagen, wenn ihm eine Meinung gestattet sei, daß der Kurfürst tiefdurchdachte Regierungsweisheit an den Tag lege, wenn er es vermeiden wolle, durch stürmisches Vorgehen Ärgernis in seinem treuen Volke zu erregen; die Kraft, die dem heiligen Cajetan innewohne, sei so groß, daß sie sich selbst durchwirken und ihn bei jedermann beliebt machen würde.
Es werde nie zu befürchten sein, sagte Henriette Adelaide, indem sie den stolzen Mund ein wenig spöttisch verzog, daß ihr Gemahl stürmisch vorgehen werde. Sie würde also darauf verzichten, die vandalische Halle der Frauenkirche durch ein geläutertes Kunstwerk verschönt zu sehen. Ihr könne es im Grunde gleich sein, da sie diese Kirche, deren grobe nordische Bauart ihr nun einmal zuwider sei, sowieso nicht besuche, und für die Theatiner und den heiligen Cajetan könne anderweitig gesorgt werden, indem man ihnen eine besondere Kirche baue, was denn besser und gründlicher sei als ein bloßer, unwillig im fremden Raume geduldeter Altar. Sie warf diesen überraschenden Plan nicht ohne Schelmerei hin, ließ aber nur ein wenig davon aus den beredten Augen und von dem ernsten Munde lächeln und trat voll Unbefangenheit an das Fenster, indem sie sagte: »Es ist hier gegenüber Platz genug, um einen großen Entwurf ins Werk zu richten. Eine weite Kuppel und ein paar schmuckreiche Türme nach römischer Art wären mehr geeignet, unser Auge zu erfreuen, als die Wüstenei, aus der wie die Buckel erschöpfter Kamele hie und da ein paar steile Dächer steigen.« Ferdinand Maria blickte zunächst nicht aus dem Fenster, sondern auf die aufrechte Gestalt seiner Frau und sagte zwischen Erstaunen und Bewunderung schwankend: »Meine Teure, du bist eine neue Semiramis, und ich fürchte nur, daß mein armes München und vielleicht auch dein armer Gatte dir zu klein seien. Wie soll ich eine Kirche ausrichten, da ich schon mit dem Altar angestoßen habe?«
»Für den, der will,« entgegnete sie, »gibt es keine Hindernisse; aber nicht ein jeder kann wollen.«
Der Beichtvater, dem es an der Zeit schien, die Gatten sich selbst zu überlassen, pries sowohl die fürstliche Gesinnung seiner Herrin wie die landesväterliche Bedächtigkeit des Kurfürsten, worauf er um die Erlaubnis bat, sich zurückziehen zu dürfen.
»Möchtest du nicht auch lieber Beherrscher einer prächtigen Stadt als eines veralteten Dorfes sein?« fragte Henriette Adelaide ihren Gatten, als sie allein waren. »Wir genießen des Friedens, wir können das Geld nach unserem Herzen ausgeben. Richten wir uns denn eine schöne Wohnstätte her, wie sie uns behagt, nicht jenen Mönchen, die keine Nasenlänge über ihren Rosenkranz hinausblicken können.«
»Ach,« sagte der Kurfürst, indem er einen komischen Seufzer ausstieß, »wenn ich bedenke, wie kurze Zeit wir in dieser Wohnstätte bleiben werden, so scheint es mir, daß wir ein wenig zu viel Lärm darüber vollführen, ob sie so oder so gestaltet ist.«
Die Kurfürstin maß sein feines junges Gesicht mit dem äußersten Erstaunen und erst nach einer Minute mit aufgehendem Verständnis seiner Rede. »Wenn du so willst,« sagte sie, »sollte man freilich in Blockhäusern leben und nichts als Pyramiden zu dauerhafter Versorgung seiner Leiche bauen.« Sie setzte sich bei diesen Worten neben ihn auf die steife Lehne eines Damastsessels und küßte ihn mit zärtlicher Behutsamkeit auf die wohlgebildeten roten Lippen. »Du hast eine seltsame Art, das Leben anzusehen,« sagte sie, »mit welcher man nicht viel ausrichten kann. Wer möchte denn Kinder erzeugen, wenn man beständig vor Augen hätte, daß er sie vielleicht morgen verlassen muß?«
Aus seinen dunklen Augen fiel ein warmer Strahl auf ihr lachend ihm zugeneigtes, schönes Antlitz, und er sagte: »Du hast recht, weil du stark und gesund bist und Gott und dir vertraust. Darum mag ich auch entschuldigt sein, wenn ich dir schon mehr nachgegeben habe, als deinem Fürsten und Eheherrn geziemt.« Unter mancherlei Neckereien und Scherzen zog sie ihn an das Fenster, um ihm die dürftige Umgebung zu weisen und den Einfall, den der Augenblick ihr gebracht hatte, zu einem verlockenden Plane auszumalen. Obwohl das Herz des Kurfürsten gestimmt war, sich durch die Unternehmungslust seiner Gemahlin hinreißen zu lassen, so hielt er doch mit der endgültigen Zustimmung vorsichtig zurück. Bei sich bedachte er, daß sie beide vor seinem Volke anders dastehen würden, wenn er ihm erst einmal einen Erben vorzustellen hätte, sprach dies aber nicht aus, da er wohl wußte, wie übel sie es aufnahm, wenn man sie daran wie an eine versäumte Schuldigkeit mahnte. Auch ging es ihm zuweilen durch den Sinn, daß er vielleicht von Gott nicht bestimmt sei, sich fortzupflanzen; denn er hatte sich von jeher im Vergleich mit seinem bewunderten Vater als einen schwachen, unwerten Sproß gefühlt; oder er dachte, daß es der Kurfürstin an der rechten Liebe zu ihm fehle, und daß diese Ungeneigtheit der Seele auch ihren Leib gegen ihn verschließe, so daß sie kein Kind von ihm empfangen könne. Diese traurige Einbildung hatte er einmal, einer wehmütigen Stimmung nachgebend, ihr gegenüber laut werden lassen, da sie ihn aber ausgelacht und ihn einen Phantasten genannt hatte, kam er nie wieder darauf zurück; im stillen hatte er gehofft, sie werde ihm eine liebevollere Antwort daraus geben.
Die Zurückhaltung ihres Gemahls veranlaßte Henriette Adelaide nicht, auf ihren Einfall zu verzichten; vielmehr schrieb sie ihrer Mutter, der Herzogin von Savoyen, sie möge ihr ohne Säumen einen erfahrenen Baumeister schicken, der die jüngsten Meisterwerke der Kirchenbaukunst namentlich in Rom durch und durch studiert habe und willens und fähig sei, seinen Geist auf eine außerordentliche Erfindung dieser Art zu richten. Kaum war derselbe eingetroffen, so mußte er den Platz, den sie ausgewählt hatte, besichtigen und die Zeichnungen und Risse vorlegen, mit deren Besichtigung sie manche Stunde in ihren Gemächern verbrachte, was alles den Personen, die einige Wachsamkeit auf das öffentliche Leben richteten, nicht verborgen blieb. Es währte nicht lange, so stellte sich Pater Gumppenberg von neuem ein mit kummervoller Anfrage, ob es denn an dem sei, daß dem seligen Cajetan nunmehr nicht nur ein Altar, sondern ein ganzer Kirchenbau errichtet werden solle, und zwar dem Schlosse preislich gegenüber, gerade als ob ein sonderbares Einvernehmen zwischen dem Kurfürsten und dem landsfremden Neuling bestehe? Was für Ursache denn der Kurfürst habe, mit den bewährten Schutzheiligen des Bayerlandes, die bisher alles so wohl geführt hätten, unzufrieden zu sein oder ihnen einen hohlen Namen von jenseits der Berge vorzuziehen?
In dem Bestreben, die Verlegenheit, die ihn überkam, nicht merken zu lassen, winkte Ferdinand Maria beruhigend mit der Hand und sagte mit nachdrücklicher Unbefangenheit, da sei kein Anlaß zu Mißtrauen und Empfindlichkeit! Die Sache sei so: Er habe dem heiligen Cajetan gelobt, wenn ihm durch seine Fürbitte ein Erbe geschenkt werde, so wolle er ihm unweit seiner Residenz eine Kirche aufrichten, so schön er irgend vermöge, und damit er, wenn es so weit sei, sein Wort lösen könne, habe er einstweilen die Örtlichkeit besichtigen und einen Voranschlag machen lassen, so daß der Bau ohne Zeitverlust könne in Angriff genommen werden, wenn der Erbe da sei.
Bei sich selbst lachte der Kurfürst über die stattliche Antwort, die ihm in der Not eingefallen war, und die den strengen Pater augenscheinlich verblüffte und verstummen machte; allein er erholte sich geschwind und ließ nun eine verdoppelte Mißbilligung und strafenden Eifer ohne Hehl merken. Es habe zwar, sagte er, gewiß dem Kurfürsten Gott eingegeben, daß er durch ein frommes, christkatholisches Gelübde sich den Segen der Nachkommenschaft erflehen wolle; wie er es aber verantworten wolle, von den Übungen seiner löblichen Vorfahren eigenmütig abzuweichen? Auch seine hochselige Mutter, die gottergebene Kurfürstin Maria Anna, habe bei dem ehrwürdigen Alter ihres Gemahls um die Fruchtbarkeit ihrer Ehe besorgt sein müssen; sie habe aber ihre Zuflucht nicht zu ausländischen Meerwundern genommen, sondern sei in Demut und Sitte nach Alt-Ötting gepilgert und habe der hölzernen Maria in der alten Kapelle viele auserlesene Kostbarkeiten gestiftet, worauf sie denn zum Troste des ganzen Bayerlandes schwanger geworden sei und ihn selbst, Ferdinand Maria, geboren habe. Wenn seine Gemahlin dem Beispiel seiner erlauchten Mutter folgen wollte, so würden die erprobten Heiligen und Fürbitter an ihr gewiß kein geringeres Wunder als an jener vollziehen, und die bekümmerten Untertanen würden, der Sorge entledigt, wieder ruhig in ihren Betten schlafen können. Wenn dann die erwartete Gnade nicht einträfe, möchte die Kurfürstin es immerhin mit ihren einheimischen Patronen versuchen, er würde der erste sein, seine Gebete zum Gedeihen des Werkes mit denen der geliebten Herrschaft zu vereinigen.
Das Heranziehen seiner in Gott ruhenden Eltern bewegte das Gemüt des Kurfürsten so sehr, daß er für den Vorschlag des Pater Gumppenberg völlig gewonnen wurde und erst, als dieser fortgegangen war, mit leisem Bangen den Widerstand seiner Frau in Betracht zog. Freilich zog sie die feinen schwarzen Brauen ärgerlich zusammen, aber mehr deswegen, weil das Unternehmen nicht von ihr oder ihrem Beichtvater ausgegangen war, als weil sie ihre Pflicht verkannt hätte, dem Lande einen Kurprinzen zu geben und alles Erdenkliche zu tun, um das hohe Ziel zu erreichen. Auch hätte ihr eine schöne Wallfahrt, etwa nach Loreto, als das rechte Mittel voll eingeleuchtet; aber daß ein armseliger bäurischer Ort wie Alt-Ötting für eine Person ihrer Art das Angemessene sei, hielt sie nicht für wahrscheinlich und lehnte dies mit Entschiedenheit ab, ohne jedoch die Sache selbst von der Hand zu weisen. Schließlich erklärte sie sich bereit, nach Andechs zu pilgern, welches zwar bei weitem wilder und wüster gelegen war als Alt-Ötting, für sie aber den Vorzug hatte, daß es ihr nicht von den Kapuzinern aufgedrängt, sondern aus freien Stücken von ihr erwählt war. Ebenso widersetzte sie sich allen anderen Anordnungen, die Pater Gumppenberg zu vorschriftsmäßiger Veranstaltung der Reise für nötig hielt. Er sagte nämlich, den letzten, beschwerlichen Aufstieg zum heiligen Berg, welcher etwa eine Stunde dauerte, müsse die Beterin allein, ohne ihr Frauenzimmer oder sonstige Begleiter ausführen, damit aber keine Besorgnis über ihr Wohlergehen in dieser Wildnis aufkommen könne, wolle er ihr als Wegweiser und Beschützer einen Bruder seines Ordens mitgeben; denn einen geistlichen Gesellschafter bei sich zu haben, sei ihr nicht nur nicht verboten, sondern empfohlen.
Entrüstet sagte Henriette Maria, das Umherfahren in dem öden Gebirgslande verspreche ohnehin keine Kurzweil, durch einen Begleiter aus dem Orden, der ihr nun einmal widerwärtig sei, werde es ihr vollends unerträglich gemacht, sie wolle ihren Beichtvater, Pater Filiberto, mitnehmen, an den sie gewöhnt sei, und zu dem sie Vertrauen habe. Gegen diesen wendete der Kurfürst ein, daß er Land und Leute nicht kenne und nicht einmal der deutschen Sprache mächtig sei; sie solle sich doch den Bruder, den Pater Gumppenberg für sie ausgelesen habe, wenigstens einmal ansehen, es werde gewiß ein bescheidener, verständiger Mann sein, der ihr nicht lästig fallen werde.
Die Kurfürstin erstaunte nicht wenig, als sich ihr bald darauf ein schöner Jüngling vorstellte mit einem Kranz bläulich-schwarzer Haare um die breite, kindliche Stirn, mit Augen, deren dunkelbraune Farbe eine starke Flamme zu verhüllen schien, mit gerader Nase und schönem, großem Munde, der selten lächelte, dann aber unversehens eine volle Perlenreihe gelblich-weißer Zähne sehen ließ. Auf ihre Fragen teilte er mit, daß er aus dem südlichen Tirol stamme und der jüngste Sohn adeliger Eltern sei, die ihn für das Klosterleben bestimmt hätten. Sein Benehmen war, wenn auch nicht höfisch, so doch voll sicherer Würde, die auf gutem Blute und unantastbarer Unschuld zu beruhen schien. Er war in Blicken und Worten bei aller Ehrerbietung so zurückhaltend, daß Henriette Adelaide kaum wußte, wie sie ihn ermuntern sollte; denn sie fühlte, daß sein kindlich strenger Sinn weder ihrem weiblichen Reiz noch ihrer fürstlichen Hoheit zugänglich war, und fürchtete ebensosehr seine Reinheit zu verwirren, wie sie wünschte, in seiner Seele irgendeinen Widerhall zu erregen. Ihrem Gemahl sagte sie in guter Laune, daß sie nicht geglaubt hätte, in einer Kapuzinerkutte könne sich ein so hübscher, wohlerzogener Jüngling verstecken; sie habe nichts an ihm auszusetzen, als daß er allzu schweigsam sei, vielleicht indessen sei das Fräulein La Perouse, ihr erstes Kammerfräulein, das sie nebst mehreren anderen mitzunehmen beabsichtige, fromm genug, um von ihm eines Gespräches wert gehalten zu werden. Der Kurfürst war hocherfreut, daß sich das Unternehmen so friedlich und aussichtsvoll ordnete; doch ließ er die Gesellschaft nicht abreisen, ohne ihr einen Teil seiner Leibgarde zum Schutze beigeordnet zu haben unter der Führung ihres Kapitäns, des Chevaliers La Perouse, der der genannten Hofdame Bruder war.
Das Geschwisterpaar entstammte einer uralten, französischen, in Savoyen ansässigen Familie, beide waren um mehrere Jahre älter als Henriette Maria und seit sie denken konnten am Turiner Hofe beschäftigt und beliebt. Beide waren in großer Frömmigkeit erzogen, was bei dem Fräulein so gewirkt hatte, daß sie trotz angeborener Lebhaftigkeit sich jede Lustbarkeit versagte und auch die schuldloseste Ausgelassenheit, zu der Jugend und Gelegenheit sie einmal fortrissen, durch anhaltende Bußübungen wieder einzubringen suchte, bis sie zuletzt ein gedrücktes, leicht geängstetes Wesen erhielt, aus dem die Wärme ihrer Natur zuweilen rührend hervorbrach. Ihr Bruder hatte im militärischen Dienst und bei den Gepflogenheiten des männlichen Lebens die klösterliche Strenge aus dem Kinderdasein beiseitegesetzt und vergessen, nur daß er die erlernten Formen getreulich beobachtete und das ganze Glaubenswesen bei den Frauen seiner Familie und denen des achtbaren Umgangs überhaupt als vornehmstes Erfordernis voraussetzte. Die Kurfürstin war nach seinem Gefühl unter allen Frauen die in jedem Betracht vollendetste, und seine Verehrung für sie war so unbedingt, daß selbst der Kurfürst vor seinem rächenden Schwert nicht sicher gewesen wäre, wenn er sie durch ihn verletzt gewußt hätte.
Der Weisung gemäß, die er vom Kurfürsten empfangen hatte, hielt sich der Chevalier mit seinen Leuten immer ein Stück von dem Wagen entfernt, der seine Herrin einschloß, doch so, daß er das umfangreiche Gefährt nie ganz aus den Augen verlor. Zuweilen sah er, wie der Sommerwind, der über die Hochebene spielte, einen lichten, aus dem Wagenfenster hängenden Schleier hob und gegen den braunen Umhang des Kapuziners trieb, der zu Pferde neben der Kutsche einherritt, oder ein helles Lachen der Fürstin überzeugte ihn, daß sie einstweilen mit dem Verlauf ihrer Wallfahrt nicht unzufrieden war. In Herrsching, wo im größten Bauernhofe übernachtet wurde, lud Henriette sowohl den Chevalier wie den Mönch ein, die Abendmahlzeit in ihrer und ihrer Fräulein Gesellschaft einzunehmen; es wurde dazu eine Tafel vor dem Hause gedeckt, von wo man das allgemach untertauchende Sonnenfeuer rötliche Farben über den dämmernden See ergießen und das Leuchten der fernen Alpen langsam in den Abend versinken sah. Der ländliche Tisch war mit dem in einem Wagen mitgeführten fürstlichen Silbergeschirr und Leckereien beladen, feingebackenem Brot, Obst, Wein und Süßigkeiten; einzig die gebackenen Fische, den edeln Amaul, den Kilch und die geschätzte Bodenrenke, lieferte der Wirt als Erzeugnisse seines Landes. Das appetitliche Essen würzte die Kurfürstin durch die fröhliche Laune, mit der sie ihrem alten Freund und Diener La Perouse wiedererzählte, was der Mönch ihr unterwegs von den Wundern des Heiligen Berges erzählt hatte: wie, während zwischen den Andechsern und den Wittelsbachern eine Fehde wütete, die Mönche alle Reliquien so gut und tief verscharrten, daß sie in der Folge nicht wiedergefunden werden konnten, bis nach vielen Jahren, als gerade ein Franziskaner die Messe feierte, eine Maus über den Altar sprang, zwischen den Zähnen einen Pergamentstreifen tragend, auf welchem nicht nur sämtliche Reliquien, die diesen Wallfahrtsort einst berühmt gemacht hatten, sondern auch der Ort ihres Verstecks verzeichnet waren.
Jetzt erst bemerkte der Chevalier, was für ein schöner Jüngling der Mönch war, den er bisher nur flüchtig in Augenschein genommen hatte, und auch mit wieviel zarter und bescheidener Fürsorge die Kurfürstin ihn behandelte. Dies war nun freilich nicht merkwürdig, insofern der junge Mann eine geistliche Person war, allein bei seiner Schönheit fiel es schwer, sich dessen bewußt zu bleiben, und der Chevalier ertappte sich immer wieder darauf, daß er sich hinter dem unbekannten und unberühmten Jüngling zurückgesetzt fühlte. An ihm war indessen kein Fehler irgendwelcher Art zu entdecken: er aß mäßig, trank nichts als Wasser und blickte mit unbefangenem Ernst auf seinen Teller, wenn er nicht der Kurfürstin auf eine Anrede Auskunft zu geben hatte.