Der Hahn von Quakenbrück und andere Novellen

Chapter 6

Chapter 63,677 wordsPublic domain

Einzig Kardinal Mazzamori machte böse Zeiten durch; denn die üble Laune seiner Herrin Olimpia nahm zu, seit er in der Angelegenheit ihres jungen Vetters nichts ausgerichtet hatte. Er mochte noch so sehr beteuern, daß er alles Erdenkliche unternommen habe, ihn zu retten, daß aber die Gerechtigkeit ihren Lauf hätte nehmen müssen, und daß es ihn nicht minder als sie betrübe: sie beharrte dabei, er hätte es sich keine Mühe kosten lassen, weil seine Liebe zu ihr selbstischer Natur sei und nur genießen, nicht wirken oder opfern wolle, und sie bestrafte ihn durch eine durch nichts zu erhellende Traurigkeit. Der Jammer ihrer unglücklichen Tante, sagte sie, habe ihr auf einmal die Augen für das Elend des Lebens eröffnet, so daß sie sich an den irdischen Dingen nicht mehr ergötzen und nur in der Hingebung an Gott einigen Trost finden könne. Wirklich war sie selten mehr zu Hause anzutreffen, sondern hielt sich schwarz gekleidet in Kirchen auf, wo sie bald vor diesem, bald vor jenem Altar sich in Tränen auflöste. Empfing sie den Freund einmal, so forderte sie ihn auf, von geistlichen Dingen mit ihr zu reden, und wenn er ihr auf diesem Gebiete nicht genugtun konnte, hielt sie ihm mit großer Bitterkeit vor, daß er seinen Beruf nicht verstehe, und ließ ihn merken, daß er nicht viel Besseres als ein Heuchler und Betrüger sei. Sie fühlte sich tiefunglücklich und alles dessen beraubt, was früher ihrem Dasein Halt und Inhalt gegeben hatte. Es schien ihr, als sei ihr Mann, von dem sie nun schon lange getrennt lebte, im Grunde viel annehmbarer gewesen als der Kardinal, insofern, als er sich doch für nichts Höheres ausgegeben hatte als er war. Wenn sie sich die Zeit zurückrief, wo Mazzamori ihre Liebe erregt hatte, so vermochte sie in allen jenen Szenen, die zwischen ihnen vorgefallen waren, den Zauber der Poesie nicht mehr zu finden, der sie früher in ihrer Einbildung vergoldet hatte. Was war daran, so dachte sie nun, anderes und Edleres gewesen, als was sich alltäglich in jedem Winkel abspielt und oft genug zu Gelächter und Ekel reizt? Wie sehr sie sich bemühte, etwas Besonderes und Ausgezeichnetes an dem Kardinal zu finden, ihr Gewissen wollte ihr nichts sagen, als daß er eine unkeusche Bestie sei wie die anderen Männer auch, mit dem Unterschiede, daß sein geistlicher Beruf ihn noch dazu zu einem gleisnerischen Lügner machte. Sie hätte ihn am liebsten nicht mehr gesehen; wenn sie ihn zuweilen dennoch herbeiwünschte und seinen Besuch annahm, so tat sie es hauptsächlich, um ihn fühlen zu lassen, was sie von ihm dachte, und wie unglücklich sie sei.

Ein schweres Verhängnis war es für den Kardinal, daß der verdüsterte Gemütszustand der schönen Olimpia sie ihm noch weit liebenswerter erscheinen ließ als früher. Ihr Blick, da er so seelenvoll geworden war, zog ihn mehr an, als es je ihr sinnlich erglühender getan hatte, und ihre demütige Trauer, die ihn hätte abwehren sollen, reizte mit seinem Mitleid und seiner Bewunderung zugleich seine aufrichtigsten Liebesempfindungen. Wieviel reicher und erhabener erschien sie ihm, seit sie seiner nicht mehr bedurfte! Wenn er zusah, wie milde und verständnisvoll sie mit armen Leuten umging -- denn sie suchte nun Gelegenheiten, um sich Notleidenden wohltätig zu erweisen --, wenn er hörte, wie klug und frei sie über alle Verhältnisse des Lebens zu reden wußte, so kam sie ihm wie eine Wiedergeborene vor, ihm weit entrückt und doppelt begehrenswert. Er gab sich Mühe, auf ihre neuen Gedankengänge einzugehen, ohne daß er etwas anderes als Spott und Bitterkeit dabei geerntet hätte. Olimpia fand diese Bestrebungen, die nicht der Sache galten, sondern nur ein Ausfluß seiner Verliebtheit waren, lächerlich oder gar abstoßend und wurde durch sie in der Meinung bestärkt, daß der Kardinal ein seichter Heuchler sei.

In der Hoffnung, die ihm Entschlüpfende zu fesseln und ihre weltlichen Interessen wieder ein wenig anzufachen, erzählte der Kardinal ihr von dem wunderwürdigen Sänger, den sein Freund Don Orazio kürzlich kennengelernt und für den päpstlichen Dienst erworben habe. Dieser Sänger sei, erzählte er, durch widrige Schicksalsfälle verfolgt und unter höchst seltsamen Umständen von Don Orazio entdeckt worden, die auch ihm noch Geheimnis wären. Gewiß sei, daß er die herrlichste Stimme besitze, die je ein italienisches Ohr bezaubert habe, und die durch die sorgfältige Ausbildung, der sie jetzt unterzogen werde, noch gewinnen solle. Die Mittel dazu hätten Orazio und er hergegeben, da der Sänger durch die erwähnten Schicksalsschläge mittellos geworden sei; es reue sie aber das Opfer nicht, da jeder Ton aus der gesegneten Kehle edleres Gold als das sei, was sie dafür ausgegeben hätten. Wenn Olimpia ihn zu hören geneigt sei, so wolle er eine Gelegenheit dazu in seinem Hause veranstalten.

Indessen Olimpia war zu sehr in ihre schwermütigen Anschauungen versenkt, um sich irgendwelche Zerstreuungen gefallen lassen zu mögen; nichts war ihr recht, was sie davon entfernte, nur das willkommen, was sie darin bestärkte. Schöner Gesang wäre ihr wohl lieb, sagte sie, aber zu teuer erkauft, wenn sie ihn im Beisein anderer, etwa sogar unter geselligen Zurüstungen hören müsse. Könne der Sänger sie aufsuchen und ihr seine Kunst vorführen, ohne sie in ihrer einsamen Beschaulichkeit zu stören, so wäre es möglich, daß sie Genuß daran hätte. Das wußte der Kardinal nun nicht einzurichten; denn einmal wußte er nicht, ob Ronco, der sich übermütig und habgierig entfaltete, sich ohne weiteres und namentlich ohne die Aussicht beträchtlicher Vorteile dazu verstehen würde, und zudem hätte er für das Benehmen seines Schützlings nicht einzustehen gewagt, wenn derselbe ohne Zwang und Aufsicht allein mit einer Dame gewesen wäre. So mußte er auf eine Gelegenheit warten, um Olimpia mit dem Wundermanne bekannt zu machen, und eine solche bot sich denn auch, als der Gesangmeister, der ihm Unterricht erteilte, seine Stimme für so geschult erklärte, daß seiner Vorstellung bei Hofe nichts mehr im Wege stehe.

Der Papst hatte zur Teilnahme an dem Konzert, das in seinen Gemächern stattfinden sollte, einen kleinen gewählten Kreis musikliebender Freunde um sich versammelt, unter denen Kardinal Mazzamori, als um den Fund so sehr verdient, nicht fehlen durfte. Auch war ihm bereitwillig gestattet worden, seine Freundin Olimpia mitzubringen, die eine Einladung des Heiligen Stuhls auszuschlagen sich denn doch nicht getraute. Sie wählte zwar eine Frisur und Kleidung, die, dunkel und schlicht, gegen die früher von ihr geliebte reichliche Ausschmückung weit abstach, und hielt sich auch bescheiden und fast schamhaft im Hintergrunde; aber daß ihr zartes Fleisch um so lieblicher aus dem Schatten hervorleuchtete, hatte sie durch diese Veranstaltung doch nicht hindern können.

Innozenz war ein feiner, kleiner alter Herr mit einem zierlichen Gesicht, mit etwas undeutlichen Augen, einer gebogenen zugespitzten Nase und einem dünnlippigen, meist freundlichen Munde. Er nahm die Huldigung der Gäste geschwind entgegen und ließ einem jeden einige scherzende Worte zukommen, wobei ihm aber die Ungeduld wegen der bevorstehenden Vorführung anzumerken war. Als es eine Minute über die Zeit war, auf welche man den Sänger bestellt hatte, wurde ein nervöses Zucken um seine Augen sichtbar, und Mazzamori blickte ängstlich von der kostbar verzierten Uhr, die auf dem Marmorkamine stand, zur Flügeltür; er atmete auf, als diese sich öffnete und Don Orazio, eintretend, um die Ehre bat, den Sänger Ronco vorstellen zu dürfen. Ronco hatte sich in der Zeit seiner Vorbereitung eine Richtschnur seines künftigen Betragens gemacht, die einfach, aber nichtsdestoweniger ausnehmend zweckmäßig war: nämlich den Beifall des Papstes zu erwerben und einzig darauf sein beständiges Augenmerk zu richten. Von diesem Vorsatz beseelt, ging er stracks, die Augen mit einer gewissen eindringlichen Heftigkeit auf das erhabene Ziel gestellt, auf den alten Herrn zu, fiel vor ihm nieder, küßte ihm die Füße und verharrte in dieser Stellung, indem er die Arme vor der Brust faltete. Diese kindliche Gebärde inbrünstiger Hingebung rührte Innozenz so sehr, daß er unwillkürlich die Lippen auf die Stirn und die Hände auf die breiten Schultern des vor ihm knienden Mannes drückte, worauf er ihn mit ermunternden Worten begrüßte und aufzustehen und sich zu setzen aufforderte. Fast fürchtete der alte Herr, das erschütternde Gefühl, sich zum erstenmal in seiner Gegenwart zu befinden, könne den Sänger der Macht über seine Kehle berauben; es zeigte sich aber, daß der starke Mann mit der Hingebung die Unbefangenheit eines Kindes vereinte, denn ohne durch das leiseste Zittern beeinträchtigt zu werden, rollten die ersten Töne wie große glänzende Perlen in den Saal. Infolge einer Anordnung des Orazio sang er zuerst das Volkslied, das er und Mazzamori im Gefängnis von ihm gehört hatten, und das ohnehin als etwas Neues und Befremdliches Aufsehen erregte und Eindruck machte.

Es war, als ob der Stab eines Zauberers die Herzen der Zuhörer berührt habe; einem jeden tauchten liebe Träume auf, allerschönste Augenblicke, deren sie sich erinnerten oder die sie erhofften, und die einen süßeren Duft aushauchten, als der zerkleinernden Wirklichkeit übrigzubleiben pflegt. Olimpia überkam ein gewaltsamer Schmerz, der aber nicht niederdrückend war wie der, dem sie seit vielen Wochen in wechselnder Art hingegeben war, sondern durchdringend und angenehm, als eine Kraft, die sie über das gemeine Leben emporzutragen schien. Sie fühlte, was sie einst als Mädchen gewesen war, was sie von der Zukunft erwartet und was sie selbst hätte leisten und erringen wollen, und mit der schrecklichen Einsicht zugleich, wie weit sie von diesem Ziele abgewichen war, glaubte sie zu wissen, daß es nur auf sie ankomme, wieder die reine, starke und freudige Seele von damals zu werden. Sie hörte nicht auf, ihre Beziehungen zu Mazzamori zu bereuen, aber sie tadelte sich in diesem Augenblick, daß sie ihn mit Härte behandelt hatte, da doch nicht er allein, sondern auch sie gesündigt habe, und da er ihr doch nicht die Möglichkeit rauben könne, aus den Irrwegen, auf die er sie geführt, zur Klarheit aufzusteigen. Es erschien ihr wie ein Wunder, daß sie trotz ihres Widerstrebens in die Nähe des Mannes gebracht worden war, dessen Stimme ihr so tröstlich wurde, und der ihr dadurch fast wie ein Abgesandter Gottes erscheinen wollte. Aus dem Winkel, wo sie Platz genommen hatte, konnte sie ungestört seine heldenhafte Gestalt bewundern und das dunkle Antlitz, dessen Wildheit sie erbeben machte.

Ronco war bei der sorglichen Pflege, die er sich seit geraumer Zeit hatte angedeihen lassen können, nur auf die Art schöner geworden, wie aus einem schäbigen hungrigen Wolf ein wohlgenährter wird; aber dies genügte um auf aller Augen einen blendenden und überwältigenden Eindruck zu machen. Die Begeisterung war allgemein; doch machte niemand dem Heiligen Vater das Recht streitig, sie zuerst zu äußern. Der kleine Herr saß mit geröteten Wangen da, klopfte hie und da in die Hände, rief: »Bravo! bravo!«, wiegte den Kopf und unterbrach auch wohl den Gesang mit Ausrufen des Entzückens: »Ah! Welcher Ansatz! Welche Süßigkeit! Welche Erfindung!«, wenn die Kadenzen wie aus dem Füllhorn des Überflusses aus seinem Munde strömten. Es vermehrte die Bewunderung Olimpias, daß der Sänger keinen Blick auf die Gesellschaft, geschweige denn in ihren Winkel warf; er schien nur für den Heiligen Vater da zu sein und auf seinen Wink zu singen oder zu schweigen. Einem Erzengel mußte sie ihn vergleichen, der, in voller Pracht gerüstet, demutvoll den Befehl des Herrn der Heerscharen erwartet.

Erst als die Gesellschaft aufstand und auseinanderging, fiel ein Blick des Sängers auf sie, der mehr als Gleichgültigkeit, der niederschmetternde Verachtung auszudrücken schien. Sie schloß daraus, daß er wisse, in welchen Beziehungen sie zu Kardinal Mazzamori gestanden habe, ja seiner Meinung nach noch stehe, und daß er sie aus diesem Grunde für eine Verworfene halte, was sie ja im Grunde auch sei.

In Wirklichkeit hatte der Sänger weder sie noch sonst eine von den Zuhörerinnen beachtet, da es ihm zunächst nur um den Papst zu tun war und er überhaupt an den vornehmen Damen noch keinen Geschmack gewonnen hatte. Allmählich jedoch stellte sich das Verständnis dafür ein, und nunmehr konnte ihm die Verehrung nicht unbemerkt bleiben, mit der die schöne Olimpia zu ihm aufblickte. Es schmeichelte ihm nicht wenig, daß die Geliebte des Kardinals Mazzamori ihn diesem angesehenen, einflußreichen, liebenswürdigen und gebildeten Manne vorzog, den zu beleidigen er ohnehin einen lebhaften Antrieb in sich verspürte. Je mehr seine Stellung beim Papst und in Rom sich befestigte, desto unleidlicher wurden ihm die beiden Herren, denen seine Vergangenheit so wohlbekannt war, so daß er mit dem Gedanken umging, sie, wenn sich ein Anlaß böte, aus Rom zu entfernen.

In den ersten Tagen, die dem Konzert folgten, war Mazzamori hochbeglückt über den Erfolg. Schien es doch die geliebte Frau weich und zugänglich gestimmt zu haben. Um so schneidender war seine Enttäuschung, als sie ihm, wenn auch in gütigen Worten, ihren unerschütterlichen Entschluß mitteilte, jeden Verkehr mit ihm abzubrechen, da sie ein neues, reineres Leben in Gott nunmehr beginnen wolle.

Da er sah, daß jeder Versuch, sie ihrem Vorsatz abtrünnig zu machen, scheiterte, ergab er sich und rang bereits mit dem Plane, ihr nachzueifern, um ihr wenigstens in den Regionen der Entsagung wieder zu begegnen, als er durch Neckereien Bekannter auf die zarten Fäden aufmerksam gemacht wurde, die zwischen dem Sänger und der Büßerin hin und her gingen. War er auch überzeugt, daß bei Olimpia nichts vorlag als die Schwärmerei einer empfänglichen Seele für die Stimme, in der etwas Göttliches sinnfällig zu werden schien, so zweifelte er doch billig, ob der gewalttätige Bauer einer ähnlichen Erhabenheit der Empfindung fähig sei, dem er vielmehr die Absicht zutraute, das Weib in die Niederungen seiner Sinnlichkeit herabzuziehen.

Dies wurde ihm zur Gewißheit, als verlautete, der Sänger habe vor einigen Tagen um Urlaub gebeten und solchen auch erhalten, um irgendwo am Meere oder im Gebirge seine Stimme zu schonen, was zu deren Erhaltung von den Ärzten für durchaus notwendig erklärt worden sei. Außer sich eilte der Kardinal zum Papste, um ihn darüber aufzuklären, welche Gefahr seiner Meinung nach eine edle Freundin bedrohe, und wie freventlich die Güte des huldvollen Gebieters mißbraucht werde.

Der alte Herr merkte kaum, daß es sich um einen Angriff auf seinen Liebling handelte, als seine Lippen sich ärgerlich zusammenkniffen. Er selbst litt unter dessen bevorstehender Abwesenheit, hatte seiner Bitte aber dennoch willfahrt und ein Beispiel der Selbstverleugnung gegeben; mußte er dem geistvollen Zauberer nicht einmal ein Abenteuer, in dem er sich austobte, gestatten? War er doch selbst jung gewesen! Und wieviel mehr als ein anderer bedurfte der Feurige, der Zündende, der Verschwender Zufuhr neuer Kräfte, die ihm, dem Papst, und allen, die ihn hörten, wieder zuteil werden würden! Wenn er sich vorstellte, wie der löwenhafte Mann das erstemal, die Arme über der Brust gekreuzt, vor ihm niedergekniet war, so pflegten ihm Tränen in die Augen zu treten. Niemals war er seitdem von dieser kindlichen und ritterlichen Hingebung abgewichen. Obwohl hitzigen Temperaments und hochfahrenden Sinnes, wie er denn im Umgang mit anderen Menschen oft durch zügellose Laune und Grobheit überraschte, nahte er sich ihm, dem Heiligen Vater, dem zierlichen kleinen Manne, nie ohne Unterwürfigkeit, nahm er von ihm jeden Tadel mit Bescheidenheit und Geduld entgegen und rief in jeder Angelegenheit sein Urteil als das höchste, gleichsam von Gott selbst ausgefertigte an, dem sich zu beugen ihm augenscheinlich sowohl Lust wie Pflichtgebot war.

Indem er sich in seinem Sessel zurücksetzte, betrachtete Innozenz den Kardinal erstaunt und bat um eine Erklärung des Anteils, den er an dem Urlaub und der Reise des Sängers nähme. Ein wenig errötend sagte der Kardinal, es sei dem Heiligen Vater vielleicht nicht bekannt, daß Ronco den Ausflug in Begleitung einer Dame zu machen gedenke, einer Dame, mit der er weder in verwandtschaftlicher noch in ehelicher Beziehung stehe, soviel ihm bekannt sei.

»Und was weiter?« fragte der Papst kühl. »Sollten Sie, mein Freund, niemals, eine Reise mit Damen ohne verwandtschaftliche Beziehung unternommen haben? Oder wenn Sie, ein Geistlicher, ein Diener Gottes, es nicht getan haben, warum sollten Sie einem Sänger diese Freiheit mißgönnen?«

Der Kardinal zitterte vor Verlegenheit, Angst und Enttäuschung. »Verzeihen mir Eure Herrlichkeit,« sagte er, »wenn die Sorge um eine Frau, die mir teuer ist, und über deren Heil zu wachen ich mich verpflichtet halte, mich zu weit hingerissen hat.«

Bevor er noch mehreres hinzufügen konnte, unterbrach ihn der Papst, indem er sagte: »Gut, gut! Überlassen Sie es mündigen Frauen, sich selbst zu schützen, wenn sie überhaupt des Schutzes bedürfen oder ihn wünschen. Ich habe es stets so gehalten, daß ich meinen Untergebenen in Familiensachen freie Hand ließ, denn dies ist der Punkt, wo aus Herrschaft Tyrannei würde.«

Nach dieser Zurechtweisung wurde der Kardinal nicht ungnädig entlassen; ja, der Heilige Vater zeichnete ihn beim nächsten Empfang mit liebenswürdigen Worten aus; aber als er nach einigen Tagen an die Spitze einer Mission zur Bekehrung der Heiden in Japan gestellt wurde, konnte er nicht umhin, darin mehr den Wunsch des Papstes, ihn zu entfernen, als einen Beweis seiner Hochachtung zu sehen.

Das Bewußtsein seiner Untauglichkeit zu einer solchen Aufgabe war so stark in ihm, daß er es wagte, dem Papst seine Befürchtungen dieserhalb zu unterbreiten; doch beruhigte ihn dieser mit dem Hinweis auf seine mannigfachen Talente, denen, wenn sie der Glaubenseifer unterstütze, nichts unmöglich sein werde, und auf die Märtyrerkrone, die er sich im besten Fall erwerben könne.

Don Orazio hielt sich etwas länger, schließlich jedoch wußte der unentwegte Ronco auch ihn zu stürzen, indem er ihn durch fortwährende Widersetzlichkeiten und Kränkungen dahin brachte, sich beim Heiligen Vater über ihn zu beklagen. Als dieser ihn damit abwies und ihm vielmehr empfahl, sich einem so herrlichen Künstler, der Zierde seines Hofs, gegenüber nicht zu überheben, brauste Orazio auf und rief aus: »Wie? Von diesem Vieh, das ich aus dem Morast gezogen habe, soll ich mich ungerecht verhöhnen lassen?«, mit welcher unbesonnenen Äußerung er die Gunst seines Herrn vollends verscherzte. Denn wie er sich wegen des beleidigenden Ausdrucks rechtfertigen wollte, bedachte er, daß er den wahren Hergang seiner Bekanntschaft mit Ronco nicht wohl enthüllen konnte, ohne sich in verhängnisvolle Mißhelligkeiten zu verwickeln, und mußte, da er sich über sein Benehmen nicht ausreden konnte, als verleumderischer Schwätzer oder ungezähmter Tollkopf dastehen. Die es gut mit ihm meinten, waren der Ansicht, daß er es noch für Gnade und Glücksfall ansehen müsse, als der Papst ihn nach dem kleinen Hofe von Lucca empfahl, wo er zwar in schmalen Verhältnissen, aber doch ohne Not und Gefährdung sein Dasein fristen konnte.

Schlimmer und besser zugleich erging es seinem Freunde Mazzamori, der zwar mancherlei Entbehrungen und Todesgefahr zu bestehen hatte, aber, wenn solche vorübergegangen war, auch Augenblicke bisher unbekannter Seligkeit feierte, und über dessen liebe und traurige Vergangenheit die vielen absonderlichen Eindrücke, die er empfing, einen bunten Schleier webten, der sie undeutlich machte. Zuweilen, wenn er in fremder Einsamkeit am Gestade des Ozeans zwischen namenlosen Riesenbäumen und vorüberhuschendem Getier in der Dämmerung sich erging, erinnerte ihn, er wußte nicht wie, ein lieblicher Himmelsglanz zu seinen Häupten an die schmalen länglichen Cherubsaugen jenes jungen Lancelotto, mit denen er frei in paradiesischen Sphären auf die verlassene Erde hinabsehen wollte. Vielleicht, dachte er, lächelt er über die Verworrenheit, in die wir armen Toren verstrickt sind, wenn er sich nicht lange schon ermüdet weggewendet hat zu den gelösten Geheimnissen der Weltregierung. Auf Augenblicke schwieg dann das Heimweh nach der goldenen Küste Italiens, das ihn in Stunden, wo er allein war, zu beschleichen pflegte, und er dachte mit bänglicher Sehnsucht an die Märtyrerkrone, die seine Arbeit unter den bösen Heiden ihm eintragen konnte, und die vielleicht, von unsichtbaren Händen bereit gehalten, schon über ihm schwebte.

Der neue Heilige

Im Küchengarten des Kapuzinerklosters in München gingen zwei der vornehmsten Väter, Pater Gumppenberg und Pater Wildgruber, in ernstlichem Gespräch über die schweren Zeitläufe zwischen den an Stangen hochgezogenen Bohnen auf und nieder. »Es tut nicht gut,« sagte Pater Gumppenberg, »wenn die Frau stärker ist als der Mann, im Bürgerhause so wenig wie auf dem Fürstenthrone, das habe ich immer gesagt und darum die savoyische Heirat widerraten. War es nicht vorauszusehen, daß sie mit ihren welschen Dienern und ihrer welschen Pracht einwirken und mit ihrem welschen Gespreiz alles und jedes bei unserem guten Herrn durchsetzen würde?« Es hatte nämlich vor einigen Jahren der Kurfürst Ferdinand Maria die schöne, stolze und kluge Henriette von Savoyen geheiratet, die zwar in kirchlicher Gesinnung niemandem nachstand, aber den Bedarf dazu von jenseits der Alpen in Gestalt verschiedener Geistlicher italienischer und französischer Herkunft mitgebracht hatte, unter denen ihr Beichtvater Filiberto aus dem Orden der Theatiner der hervorragendste war. »Der Anstand würde erfordern,« fuhr Pater Gumppenberg fort, »daß diese Fremden sich in die Gebräuche unseres Landes zu schicken suchten; anstatt dessen fahren sie naserümpfend daher wie Eroberer und möchten das wohlerprobte einheimische Wesen mit ihrem scheckigen Tändelkram austapezieren. Es sind bald hundert Jahre her, daß unsere Stadt und unser Fürstenhaus unter dem Schutze des heiligen Benno nicht nur in gutem Zustande verharren, sondern erst recht zu florieren angefangen haben, wie denn auch unser seliger Herr, der verstorbene Kurfürst, ihm allezeit die Ehre gegeben und es an Dank und Verherrlichung nicht hat fehlen lassen. Auch wir haben uns den Dienst des uralten deutschen Heiligen angelegen sein lassen, obwohl wir absonderlich auf den heiligen Franziskus Seraphikus, diesen hochberühmten, eigentlich aus Gottes Geiste geborenen Himmelsmann, verpflichtet sind, und haben also doppelte Ursache, von den Welschen, die über uns gekommen sind, ohne daß wir ihrer bedürfen, die gleiche Unterordnung zu verlangen. Mögen sie in der Stille verehren, wen sie wollen; unerträglich aber müßte es jedem gläubigen Bayernherzen sein, wenn wir in der altheiligen Frauenkirche einen neumodischen Altar für einen gewissen Cajetan sich spreizen sähen, der uns so wenig angeht wie ein Derwisch oder Mufti der Heiden im Orient.«

Pater Wildgruber nickte nachdrücklich und fügte hinzu: »Meine sorgfältigen Erkundigungen haben bestätigt, was ich dir schon sagte, daß dieser Cajetan erst kürzlich vom Heiligen Vater selig gesprochen ist, auf das beschwerliche Drangsalieren der adeligen Familie, die ihn zu ihren Verwandten zählt und ihre schäbige Herrlichkeit mit seinem Namen ausputzen möchte. Dergleichen Adel ist, wie du weißt, über den Bergen billig wie der Kies im Bache zu haben. Es mag sein, daß der gute Mann aus Vicenza sich ein Verdienst um jenes Völkchen erworben hat, als er den Theatinerorden stiftete, in den nur Leute seinesgleichen aufgenommen wurden, die dort eine ansehnliche Versorgung finden. Wenn sie es dabei bewenden lassen und sich ruhig verhalten, wohl und gut, so mag man es ihnen gönnen; ein anderes ist es, wenn sie ihren Familien- und Standespatron uns hierorts als Heiligen aufdrängen und das Volk zu dieser fremdartigen, übelberufenen Verehrung anlocken wollen. Dergleichen Seltsamkeit dürfen diejenigen, die Gott zu Hütern seiner Schafe bestellt hat, nicht einschleichen lassen.«