Der Großinquisitor

Part 3

Chapter 3342 wordsPublic domain

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Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet er, daß der Gefangene ihm antworte, denn daß dieser schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der Gefangene ihm die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei gerade ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten den Wunsch verriete, ihm zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein stolzes meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich auf, tritt an den Greis heran und küßt ihn sanft auf dessen blutlose Lippen. Das war seine Antwort. Der Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: 'Gehe hinaus und kehre nicht wieder -- kehre nie wieder -- nie, nie!' Er läßt Ihn hinaus auf die 'dunklen schweigenden Plätze' der Stadt. Der Gefangene geht hinaus.

Note

Auf seiner ersten Reise nach dem Westen kam Dostojewski auch nach Rom, wo ihn weder das Altertum noch das sich bildende _terzo regno_, sondern einzig und allein die Peterskirche und der Vatikan interessierten. In einem Briefe an seinen Bruder berichtet er davon. Auf diesen ihn tief erschütternden Eindruck mag der Großinquisitor historisch zurückgeführt werden. Im wesentlichen ist der Großinquisitor jedoch die ganze Dichtung, der große Gedanke Dostojewskis, in eine Parabel gebracht: der Kampf der mechanischen Welt, als deren sublimster Ausdruck Dostojewski der Katholizismus erscheint, gegen den Geist, gegen Christus.

Alle großen Christen der neueren Zeit, Pascal, Goethe, William Blake, Kierkegaard haben wie Dostojewski gefühlt; was den russischen Dichter jedoch unterscheidet, ist, daß in dem Kampf, wie er ihn sieht, beide recht haben: der Kardinal-Großinquisitor und Christus, und nicht nur Christus allein wie bei Pascal, bei Goethe, bei Kierkegaard. Dostojewski löst, vielmehr setzt den Konflikt nicht als Fanatiker, als Theologe oder Räsoneur, nicht als Rechtender und Klagender, sondern als Dramatiker, das heißt: er legt ihn in die Seele des Dichters der Erzählung selber, in die tiefe, leidende, verzweifelnde Seele Iwan Karamasoffs. Und das ist das Russische, das Neue, das Übereuropäische an dieser unsterblichen Erzählung, die sicherlich den großen Gedanken des Christentums noch einmal denkt wie keine andere im 19. Jahrhundert.

R. K.