Der Golem

Part 5

Chapter 53,651 wordsPublic domain

»So recht. Bravo. Äh da! fang, hep, hep!« rief von der Estrade ein schlanker, junger Kavalier im Frack, das Monokel im Auge, dem Harfenisten zu, griff in die Westentasche und warf ein Silberstück in der Richtung. Es erreichte sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es über das Tanzgewühl hinblitzte; da war es plötzlich verschwunden. Ein Strolch -- sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich glaube, es muß derselbe gewesen sein, der neulich bei dem Regenguß neben Charousek gestanden -- hatte seine Hand hinter dem Busentuch seiner Tänzerin, wo er sie bisher hartnäckig ruhen gehabt, hervorgezogen -- ein Griff in die Luft mit affenartiger Geschwindigkeit, ohne auch nur einen Takt der Musik auszulassen, und die Münze war geschnappt. Nicht eine Muskel zuckte im Gesicht des Burschen auf, nur zwei, drei Paare in der Nähe grinsten leise.

»Wahrscheinlich einer vom >Bataillon<, nach der Geschicklichkeit zu schließen«, sagte Zwakh lachend.

»Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom >Bataillon< gehört«, fiel Vrieslander auffallend rasch ein und zwinkerte heimlich dem Marionettenspieler zu, daß ich es nicht sehen sollte. -- Ich verstand gar wohl: es war wie vorhin, oben auf meinem Zimmer. Sie hielten mich für krank. Wollten mich aufheitern. Und Zwakh sollte etwas erzählen. Irgend etwas.

Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir heiß vom Herzen in die Augen. Wenn er wüßte, wie weh mir sein Mitleid tat!

Ich überhörte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine Worte einleitete, -- ich weiß nur, mir war, als verblute ich langsam. Mir wurde immer kälter und starrer, wie vorhin, als ich als hölzernes Gesicht auf Vrieslanders Schoß gelegen hatte. Dann war ich plötzlich mitten drin in der Erzählung, die mich fremdartig umfing, -- einhüllte, wie ein lebloses Stück aus einem Lesebuch.

Zwakh begann:

»_Die Erzählung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon._

-- -- -- No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht hatte er voller Warzen und krumme Beine wie ein Dachshund. Schon als Jüngling kannte er nichts als Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, was er sich durch Stundengeben mühsam erwarb, mußte er noch seine kranke Mutter erhalten. Wie grüne Wiesen aussehen und Hecken und Hügel voll Blumen und Wälder, erfuhr er, glaube ich, nur aus Büchern. Und wie wenig von Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fällt, wissen Sie ja selbst.

Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich selbstverständlich.

Nun, und mit der Zeit wurde er ein berühmter Rechtsgelehrter. So berühmt, daß alle Leute -- Richter und alte Advokaten -- zu ihm fragen kamen, wenn sie irgend etwas nicht wußten. Dabei lebte er ärmlich wie ein Bettler in einer Dachkammer, deren Fenster hinaus auf den Teinhof schaute.

So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts Ruf als Leuchte seiner Wissenschaft wurde allmählich Sprichwort im ganzen Lande. Daß ein Mann wie er weichen Herzensempfindungen zugänglich sein konnte, zumal sein Haar schon anfing weiß zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je von etwas anderem als von Jurisprudenz sprechen gehört zu haben, hätte wohl keiner geglaubt. Doch gerade in solchen verschlossenen Herzen glüht die Sehnsucht am heißesten.

An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als höchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt hatte: -- als nämlich Seine Majestät der Kaiser von Wien aus ihn zum Rektor Magnifikus an unserer Universität ernannte, da ging es von Mund zu Mund, er habe sich mit einem jungen, bildschönen Fräulein aus zwar armer, aber adliger Familie verlobt.

Und wirklich schien von da an das Glück bei Dr. Hulbert eingezogen zu sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge Gattin auf Händen, und jeden Wunsch zu erfüllen, den er ihr nur irgend von den Augen abzulesen vermochte, war seine höchste Freude.

In seinem Glück vergaß er jedoch keineswegs, wie es wohl so manch anderer getan hätte, seiner leidenden Mitmenschen. »Mir hat Gott meine Sehnsucht gestillt,« soll er einmal gesagt haben, -- »er hat mir ein Traumgesicht zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das lieblichste Wesen zu eigen gegeben, das die Erde trägt. Und so will ich, daß ein Schimmer von diesem Glück, soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere fällt.« -- -- --

Und so kam es, daß er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten annahm, wie seines eignen Sohnes. Vermutlich in der Erwägung, wie wohl ihm selbst ein solch gutes Werk getan hätte, wäre es ihm am eigenen Leib und Leben in den Tagen seiner kummervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun auf Erden manche Tat, die dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach sich zieht gleich der einer fluchwürdigen, weil wir wohl doch nicht richtig unterscheiden können zwischen dem, was giftigen Samen in sich trägt und was heilsamen, so begab es sich auch hier, daß aus Dr. Hulberts mitleidsvollem Werk das bitterste Leid für ihn selbst sproß.

Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem Studenten, und ein erbarmungsloses Schicksal wollte, daß sie der Rektor gerade in dem Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen seiner Liebe mit einem Strauß Rosen als Geburtstagspräsent zu überraschen, in den Armen dessen antraf, auf den er Wohltat über Wohltat gehäuft hatte.

Man sagt, daß die blaue Muttergottesblume für immer ihre Farbe verlieren kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein Hagelwetter verkündet, plötzlich auf sie fällt; gewiß ist, daß die Seele des alten Mannes für immer erblindete an dem Tage, wo sein Glück in Scherben ging. Am selben Abend noch saß er, er, der bis dahin nicht gewußt, was Unmäßigkeit ist, hier beim »Loisitschek« -- fast bewußtlos vom Fusel -- bis zum Morgengrauen. Und der »Loisitschek« wurde seine Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im Sommer schlief er irgendwo auf dem Schutt eines Neubaues, im Winter hier auf den hölzernen Bänken.

Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte beließ man ihm stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst berühmten Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, daß man Ärgernis nähme an seinem Wandel.

Allmählich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam es zur Gründung jener seltsamen Gemeinschaft, die man noch heutigentags »das Bataillon« nennt.

Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk für alle die, denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein entlassener Sträfling daran, zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert splitternackt hinaus auf den Altstädter Ring -- und das Amt auf der sogenannten »Fischbanka« sah sich genötigt, einen Anzug beizustellen. Sollte eine unterstandslose Dirne aus der Stadt gewiesen werden, so heiratete sie schnell einen Strolch, der bezirkszuständig war, und wurde dadurch ansässig.

Hundert solcher Auswege wußte Dr. Hulbert, und seinem Rate gegenüber stand die Polizei machtlos da. -- Was diese Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft »verdienten«, übergaben sie getreulich auf Heller und Kreuzer der gemeinsamen Kassa, aus der der nötige Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals ließ sich auch nur eines die geringste Unehrlichkeit zuschulden kommen. Mag sein, daß angesichts dieser eisernen Disziplin der Name »das Bataillon« entstand.

Pünktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglücks jährte, das den alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim »Loisitschek« eine seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrängt standen sie hier: Bettler, Vagabunden, Zuhälter und Dirnen, Trunkenbolde und Lumpensammler, und eine lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst. -- Und dann erzählte ihnen Dr. Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt die beiden Musikanten sitzen, gerade unter dem Krönungsbilde Seiner Majestät des Kaisers seine Lebensgeschichte: -- wie er sich emporgerungen, den Doktortitel erworben und später ^Rektor magnificus^ geworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat, -- zur Feier ihres Geburtstages und zugleich zum Gedächtnis jener Stunde, da er dereinst um sie anhalten gekommen und sie seine liebe Braut geworden war, -- da versagte ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch zusammen. Dann geschah es wohl zuweilen, daß irgendein liederliches Frauenzimmer ihm verschämt und heimlich, damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke Blume auf die Hand legte.

Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen sind diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie herunter und drehten unsicher die Finger.

Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der Moldau. Er wird, denke ich, erfroren sein.

Sein Leichenbegängnis sehe ich noch heute vor mir. Das »Bataillon« hatte sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie möglich zu gestalten.

Voran ging der Pedell der Universität in vollem Ornat: in den Händen das purpurne Kissenpolster mit der güldenen Kette darauf und hinter dem Leichenwagen in unabsehbarer Reihe -- -- das »Bataillon« barfuß, schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein Letztes verkauft und ging daher: Leib, Beine und Arme mit Lagen aus altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden.

So erwiesen sie ihm die letzte Ehre.

Auf seinem Grabe, draußen im Friedhof, steht ein weißer Stein, darein sind drei Figuren gemeißelt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei Räubern. Von unbekannter Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts Frau habe das Denkmal errichtet. -- -- --

Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen, danach bekommt jeder vom »Bataillon« mittags beim »Loisitschek« umsonst eine Suppe; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die Löffel an den Ketten, und die ausgehöhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller. Um 12 Uhr kommt die Kellnerin und spritzt mit einer großen, blechernen Spritze die Brühe hinein und, wenn sich einer nicht ausweisen kann als »vom Bataillon«, so zieht sie die Suppe mit der Spritze wieder zurück.

Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch die ganze Welt.«

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Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie. Die letzten Sätze, die Zwakh gesprochen, wehten über mein Bewußtsein hinweg. Ich sah noch, wie er seine Hände bewegte, um das Vor- und Zurückschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die Bilder, die sich rings um uns abrollten, so rasch und automatenhaft und dennoch mit so gespenstischer Deutlichkeit an meinem Auge vorüber, daß ich in Momenten ganz mich selbst vergaß und mir wie ein Rad vorkam in einem lebendigen Uhrwerk.

Das Zimmer war ein einziges Menschengewühl geworden. Oben auf der Estrade: dutzende Herren in schwarzen Fräcken. Weiße Manschetten, blitzende Ringe. Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnüren. Im Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Straußenfedern.

Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte Gesicht Loisas hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war da und schaute unverwandt hinauf, mit dem Rücken dicht, ganz dicht, an der Seitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.

Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne: der Wirt mußte ihnen etwas zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch, aber leise; sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fühlte es deutlich. Und doch lag der Ausdruck hämischer, wilder Freude in dem Gesicht des Wirtes.

-- -- -- -- In der Eingangstür steht mit einem Mal der Polizeikommissär in Uniform. Er hat die Arme ausgebreitet, um niemand hinauszulassen. Hinter ihm ein Kriminalschutzmann.

»Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich sperre die Spelunke. Sie kommen mit, Wirt! Und was hier ist, marsch auf die Wachstube!«

Es klingt wie Kommandos.

Der Vierschrötige gibt keine Antwort, aber das hämische Grinsen bleibt in seinen Zügen.

Bloß starrer ist es geworden.

Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch.

Auch die Harfe zieht den Schwanz ein.

Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.

Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen herab und geht langsam auf den Kommissär zu.

Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt an den heranschlendernden schwarzen Lackschuhen.

Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben und läßt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Füßen und wieder zurückschweifen.

Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich über das Geländer gebeugt und verbeißen das Lachen hinter ihren grauseidnen Taschentüchern.

Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins Auge und spuckt einem Mädchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar.

Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in der Verlegenheit immerwährend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten.

Er kann den gleichgültigen, glanzlosen Blick dieses glattrasierten, unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase nicht ertragen.

Es bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder.

Die Totenstille im Lokal wird immer quälender.

»So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten Händen auf den Steinsärgen liegen in den gotischen Kirchen«, flüstert der Maler Vrieslander mit einem Blick auf den Kavalier.

Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: »Äh -- Hm.« -- -- -- er kopiert die Stimme des Wirtes: »Jä, jä, das sin mir Gästäh -- da schaut man.« Ein schallendes Gejohle explodiert im Lokal, daß die Gläser klirren; die Strolche halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche fliegt an die Wand und zerschellt. Der vierschrötige Wirt meckert uns erläuternd und ehrfurchtsvoll zu: »Seine Durchlaucht Exzellenz Fürst Ferri Athenstädt.«

Der Fürst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten. Der Ärmste nimmt sie, salutiert wiederholt und schlägt die Hacken zusammen.

Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, was weiter geschehen wird.

Der Kavalier spricht wieder:

»Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt sehen, -- äh -- sind meine lieben Gäste.« Seine Durchlaucht deutet mit einer nachlässigen Armbewegung auf das Gesindel, »wünschen Sie, Herr Kommissär, -- äh -- vielleicht vorgestellt zu werden?«

Der Kommissär verneint mit erzwungenem Lächeln, stottert verlegen etwas von »leidiger Pflichterfüllung« und rafft sich schließlich zu den Worten auf: »Ich sehe ja, daß es hier anständig zugeht.«

Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund auf den Damenhut mit der Straußenfeder zu und zerrt im nächsten Augenblick unter dem Jubel der jungen Adligen -- Rosina am Arm herunter in den Saal.

Sie schwankt vor Trunkenheit und hält die Augen geschlossen. Der große, kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie hat nichts an als lange rosa Strümpfe und -- einen Herrenfrack auf dem bloßen Körper.

Ein Zeichen: Die Musik fällt ein wie rasend -- -- -- »Rititit -- Rititit« -- -- -- -- -- und schwemmt den gurgelnden Schrei fort, den der taubstumme Jaromir, als er Rosina gesehen, an der Wand drüben ausgestoßen hat. -- -- --

Wir wollen gehen.

Zwakh ruft nach der Kellnerin.

Der allgemeine Lärm verschlingt seine Worte.

Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch.

Der Rittmeister hält die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich langsam mit ihr im Takt.

Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.

Dann murmelt es von den Bänken: »Der Loisitschek, der Loisitschek«, die Hälse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites noch seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit langem blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt wie eine Dirne und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, -- hängt schmachtend an der Brust des Fürsten Athenstädt.

Ein süßlicher Walzer quillt aus der Harfe.

Wilder Ekel vor dem Leben schnürt mir die Kehle zusammen.

Mein Blick sucht voll Angst die Türe: der Kommissär steht dort abgewendet, um nichts zu sehen, und flüstert hastig mit dem Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt. Es klirrt wie Handschellen.

Die beiden spähen herüber auf den blatternarbigen Loisa, der einen Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelähmt -- das Gesicht kalkweiß und verzerrt vor Entsetzen -- stehen bleibt.

Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und erlischt sofort: Das Bild, wie »Prokop lauscht, wie ich es vor einer Stunde gesehen, -- über das Kanalgitter gebeugt -- und ein Todesschrei gellt aus der Erde empor.«

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Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzähne, daß es wie ein Klumpen meinen Gaumen erfüllt und ich kein Wort hervorbringen kann.

Ich kann die Finger nicht sehen, weiß, daß sie unsichtbar sind, und doch empfinde ich sie wie etwas Körperliches.

Und klar steht es in meinem Bewußtsein: sie gehören zu der gespenstischen Hand, die mir in meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse das Buch »Ibbur« gegeben haben.

»Wasser, Wasser!« schreit Zwakh neben mir. Sie halten mir den Kopf und leuchten mir mit einer Kerze in die Pupillen.

»In seine Wohnung schaffen, Arzt holen -- der Archivar Hillel kennt sich aus in solchen Dingen -- -- zu ihm bringen!« -- beraten sie murmelnd.

Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und Vrieslander tragen mich hinaus.

Wach

Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen und ich hörte, wie Mirjam, die Tochter des Archivars Hillel, ihn ängstlich ausfragte und er sie zu beruhigen trachtete.

Ich gab mir keine Mühe, hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und erriet mehr, als ich es in Worten verstand, daß Zwakh erzählte, mir sei ein Unfall zugestoßen und sie kämen bitten, mir die erste Hilfe zu leisten und mich wieder zu Bewußtsein zu bringen.

Noch immer konnte ich kein Glied rühren, und die unsichtbaren Finger hielten meine Zunge; aber mein Denken war fest und sicher und das Gefühl des Grauens hatte von mir abgelassen. Ich wußte genau, wo ich war und was mit mir geschah, und empfand es nicht einmal als absonderlich, daß man mich wie einen Toten herauftrug, samt der Bahre im Zimmer Schemajah Hillels niedersetzte und -- allein ließ.

Eine ruhige, natürliche Zufriedenheit, wie man sie beim Heimkommen nach einer langen Wanderung genießt, erfüllte mich.

Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden Umrissen hoben sich die Fensterrahmen in Kreuzesformen von dem mattleuchtenden Dunst ab, der von der Gasse heraufschimmerte.

Alles kam mir selbstverständlich vor und ich wunderte mich weder darüber, daß Hillel mit einem jüdischen siebenflammigen Sabbatleuchter eintrat, noch, daß er mir gelassen »Guten Abend« wünschte wie jemandem, dessen Kommen er erwartet hatte.

Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie als etwas Besonderes bemerkt hatte, -- trotzdem wir einander oft drei- bis viermal in der Woche auf den Stiegen begegnet waren, -- fiel mir plötzlich stark an ihm auf, wie er so hin und her ging, einige Gegenstände auf der Kommode zurechtrückte und schließlich mit dem Leuchter einen zweiten, gleichfalls siebenflammigen anzündete.

Nämlich: sein Ebenmaß an Leib und Gliedern und der schmale, feine Schnitt des Gesichtes mit dem edlen Stirnaufbau.

Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerze sah, nicht älter sein als ich: höchstens 45 Jahre zählen.

»Du bist um einige Minuten früher gekommen«, -- begann er nach einer Weile -- »als anzunehmen war, sonst hätte ich die Lichter schon vorher angezündet.« -- Er deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre und richtete seine dunklen, tiefliegenden Augen, wie es schien, auf jemand, der mir zu Häupten stand oder kniete, den ich aber nicht zu sehen vermochte. Dabei bewegte er seine Lippen und sprach lautlos einen Satz.

Sofort ließen die unsichtbaren Finger meine Zunge los und der Starrkrampf wich von mir. Ich richtete mich auf und blickte hinter mich: Niemand außer Schemajah Hillel und mir war im Zimmer.

Sein »Du« und die Bemerkung, daß er mich erwartet habe, hatten also mir gegolten!?

Viel befremdender als diese beiden Umstände an sich wirkte es auf mich, daß ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung darüber zu empfinden.

Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er lächelte freundlich, wobei er mir von der Bahre aufstehen half und mit der Hand auf einen Sessel wies, und sagte:

»Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft wirken nur die gespenstischen Dinge -- die Kischuph -- auf den Menschen; das Leben kratzt und brennt wie ein härener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der geistigen Welt sind mild und erwärmend.«

Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hätte erwidern sollen. Er schien auch keine Gegenrede erwartet zu haben, setzte sich mir gegenüber und fuhr gelassen fort: »Auch ein silberner Spiegel, hätte er Empfindung, litte nur Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und glänzend geworden, gibt er alle Bilder wieder, die auf ihn fallen, ohne Leid und Erregung.«

»Wohl dem Menschen«, setzte er leise hinzu, »der von sich sagen kann: Ich bin geschliffen.« -- Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und ich hörte ihn einen hebräischen Satz murmeln: »^Lischuosècho Kiwisi Adoschem^.« Dann drang seine Stimme wieder klar an mein Ohr:

»Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich habe dich wach gemacht. Im Psalm David heißt es:

»_Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich an: Die Rechte Gottes ist es, welche diese Veränderung gemacht hat._«

Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagerstätten, so wähnen sie, sie hätten den Schlaf abgeschüttelt, und wissen nicht, daß sie ihren Sinnen zum Opfer fallen und die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes werden, als der war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt nur ein wahres Wachsein und das ist das, dem du dich jetzt näherst. Sprich den Menschen davon und sie werden sagen, du seist krank, denn sie können dich nicht verstehen. Darum ist es zwecklos und grausam, ihnen davon zu reden.

_Sie fahren dahin wie ein Strom --_ _Und sind wie ein Schlaf,_ _Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird --_ _Das des Abends abgehauen wird und verdorret._«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer aufgesucht hat und mir das Buch »Ibbur« gab? Habe ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?«, wollte ich fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den Gedanken in Worte fassen konnte:

»Nimm an, der Mann, der zu dir kam und den du den Golem nennst, bedeute die Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf Erden ist nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet!

Wie denkst du mit dem Auge? Jede Form, die du siehst, denkst du mit dem Auge. Alles, was zur Form geronnen ist, war vorher ein Gespenst.«

Ich fühlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn verankert gewesen, sich losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein uferloses Meer.

Ruhevoll fuhr Hillel fort:

»Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; Schlaf und Tod sind dasselbe.«

»-- -- kann nicht mehr sterben?« -- ein dumpfer Schmerz ergriff mich.

»Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg des Todes. Du hast das Buch »Ibbur« genommen und darin gelesen. Deine Seele ist schwanger geworden vom Geist des Lebens«, hörte ich ihn reden.

»Hillel, Hillel, laß mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den des Sterbens!«, schrie alles wild in mir auf.

Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.