Part 20
Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit mich ihre Haare im Gesicht kitzeln, und flüstert:
»Der Ferri, der war Ihnen früher ein ganz ein Geriebener. -- Er soll von uraltem Adel gewesen sein -- es ist natürlich nur so ein Gerede, weil er keinen Bart nicht trägt -- und furchtbar viel Geld g'habt hab'n. Eine rothaarige Jüdin, die schon von Jugend auf eine >Person< war« -- sie schrieb wieder rasch ein paarmal ihren Namen auf -- »hat ihn dann ganz ausgezogen. -- Punkto Geld mein' ich natürlich. No, und wie er dann kein Geld nicht mehr gehabt hat, is sie weg und hat sich von einem hohen Herrn heiraten lassen: -- von dem ..« -- sie flüsterte mir einen Namen ins Ohr, den ich nicht verstehe. »Der hohe Herr hat dann natürlich auf alle Ehre verzichten müssen und sich von da an nur mehr Ritter von Dämmerich nennen dürfen. No ja. Aber daß sie früher eine >Person< g'wesen ist, hat er ihr halt doch nicht wegwaschen können. Ich sag' immer --.«
»Fritzi! Zahlen!« ruft jemand von der Estrade herab. --
Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, da höre ich plötzlich ein leises metallisches Zirpen, wie von einer Grille, hinter mir.
Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen nicht:
Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem, eine Spieldose, so klein wie eine Zigarettenschachtel, in zitternden Skeletthänden sitzt ganz in sich zusammengesunken -- der _blinde, greise Nephtali Schaffranek_ in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel.
Ich trete zu ihm.
Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin:
»Frau Pick, Frau Hock. Und rote, blaue Stern die schmusen allerhand. Von Messinung, an Räucherl und Rohn.«
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»Wissen Sie, wie der alte Mann heißt?«, frage ich einen vorbeieilenden Kellner.
»Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch seinen Namen. Er selbst hat ihn vergessen. Er ist ganz allein auf der Welt. Bitte, er ist 110 Jahre alt! Er kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee.«
Ich beuge mich über den Greis, -- rufe ihm ein Wort ins Ohr: »_Schaffranek!_«
Es durchfährt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas, streicht sich sinnend über die Stirn.
»Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?«
Er nickt.
»Passen Sie mal gut auf! Ich möchte Sie etwas fragen, aus alter Zeit. Wenn Sie mir alles gut beantworten, bekommen Sie den Gulden, den ich hier auf den Tisch lege.«
»Gulden«, wiederholt der Greis und fängt sofort an wie ein Rasender an seiner zirpenden Spieldose zu kurbeln.
Ich halte seine Hand fest: »Denken Sie einmal nach! -- _Haben Sie nicht vor etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernath gekannt?_«
»Hadrbolletz! Hosenschneider!« -- lallt er asthmatisch auf und lacht übers ganze Gesicht, in der Meinung, ich hätte ihm einen famosen Witz erzählt.
»Nein, nicht Hadrbolletz: -- -- _Pernath_!«
»Pereles?!« -- er jubelt förmlich.
»Nein, auch nicht Pereles. -- Per--_nath_!«
»Pascheles?!« -- er kräht vor Freude. -- --
Ich gebe enttäuscht meinen Versuch auf.
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»Sie wollten mich sprechen, mein Herr?«, -- der Markör Ferri Athenstädt steht vor mir und verbeugt sich kühl.
»Ja. Ganz richtig. -- Wir können dabei eine Partie Billard spielen.«
»Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen 90 auf 100 vor.«
»Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht an, Markör.«
Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gixst, macht ein ärgerliches Gesicht. Ich kenne das: er läßt mich bis 99 kommen und dann macht er in _einer_ Serie »aus«.
Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt auf mein Ziel los:
»Entsinnen Sie sich, Herr Markör: vor langer Zeit, etwa in den Jahren, als die steinerne Brücke einstürzte, in der damaligen Judenstadt _einen gewissen_ -- _Athanasius Pernath_ gekannt zu haben?«
Ein Mann in einer rotweißgestreiften Leinwandjacke, mit Schielaugen und kleinen goldenen Ohrringen, der auf einer Bank an der Wand sitzt und eine Zeitung liest, fährt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich.
»Pernath? Pernath?« wiederholt der Markör und denkt angestrengt nach -- »Pernath? -- War er nicht groß, schlank? Braunes Haar, melierten kurzgeschnittenen Spitzbart?«
»Ja. Ganz richtig.«
»Etwa 40 Jahre alt damals? Er sah aus wie -- --«, Seine Durchlaucht starrt mich plötzlich überrascht an. -- »Sie sind ein Verwandter von ihm, mein Herr?!«
Der Schieläugige bekreuzigt sich.
»Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. -- Nein. Ich interessiere mich nur für ihn. Wissen Sie noch mehr?«, sagte ich gelassen, fühle aber, daß mir eiskalt im Herzen wird.
Ferri Athenstädt denkt wieder nach.
»Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit für verrückt. -- Einmal behauptete er, er hieße -- -- warten Sie mal, -- ja: Laponder! Und dann wieder gab er sich für einen gewissen -- Charousek aus.«
»Kein Wort wahr!« fährt der Schieläugige dazwischen. »Den _Charousek_ hat's wirklich gegeben. Mein Vater hat doch mehrere 1000 fl. von ihm geerbt.«
»Wer ist dieser Mann?«, frage ich den Markör halblaut.
»Er ist Fährmann und heißt Tschamrda. -- Was den Pernath betrifft, so erinnere ich mich nur, oder glaube es wenigstens -- daß er in späteren Jahren eine sehr schöne, dunkelhäutige Jüdin geheiratet hat.«
»Mirjam!« sage ich mir und werde so aufgeregt, daß mir die Hände zittern und ich nicht mehr weiterspielen kann.
Der Fährmann bekreuzigt sich.
»Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?«, fragt der Markör erstaunt.
»Der Pernath hat niemals nicht gelebt«, schreit der Schieläugige los. »Ich glaub's nicht.«
Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, damit er gesprächiger wird.
»Es gibt ja wohl Leut', die sagen, der Pernath lebt noch immer,« rückt der Fährmann endlich heraus, »er is, hör' ich, Kammschneider und wohnt auf dem Hradschin.«
»Wo auf dem Hradschin?«
Der Fährmann bekreuzigt sich:
»Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender Mensch wohnen kann: _an der Mauer zur letzten Latern_.«
»Kennen Sie sein Haus, Herr -- Herr -- Tschamrda?«
»Nicht um die Welt möcht' ich dort hinaufgehen!«, protestiert der Schieläugige. »Wofür halten Sie mich? Jesus, Maria und Josef!«
»Aber den Weg hinauf könnten Sie mir doch von weitem zeigen, Herr Tschamrda?«
»Das schon,« brummt der Fährmann. »Wenn Sie warten wollen bis 6 Uhr früh; dann geh' ich zur Moldau hinunter. Aber ich rat' Ihnen ab! Sie stürzen in den Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige Muttergottes!«
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Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer Wind weht vom Flusse her. Ich fühle vor Erwartung kaum den Boden unter mir.
Plötzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor mir auf.
Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte Dachrinne, das Gitter, die fettig glänzenden Steinsimse -- alles, alles!
»Wann ist dieses Haus abgebrannt?«, frage ich den Schieläugigen. Es braust mir in den Ohren vor Spannung.
»Abgebrannt? Niemals nicht!«
»Doch! Ich weiß es bestimmt.«
»Nein.«
»Aber ich weiß es doch! Wollen Sie wetten?«
»Wieviel?«
»Einen Gulden.«
»Gemacht!« -- Und Tschamrda holt den Hausmeister heraus. »Ist dieses Haus jemals abgebrannt?«
»I woher denn!« Der Mann lacht. --
Ich kann und kann es nicht glauben.
»Schon siebzig Jahr' wohn' ich drin,« beteuert der Hausmeister, »ich müßt's doch wahrhaftig wissen.«
-- -- -- Sonderbar, sonderbar!
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Der Fährmann rudert mich in seinem Kahn, der aus acht ungehobelten Brettern besteht, mit komischen schiefen Zuckbewegungen über die Moldau. Die gelben Wasser schäumen gegen das Holz. Die Dächer des Hradschins glitzern rot in der Morgensonne. Ein unbeschreiblich feierliches Gefühl ergreift Besitz von mir. Ein leise dämmerndes Gefühl wie aus einem früheren Dasein, als sei die Welt um mich her verzaubert -- eine traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren Orten zugleich.
Ich steige aus.
»Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?«
»Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg'holfen hätten rudern, -- hätt's zwei Kreuzer 'kost.«
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Denselben Weg, den ich heute nachts im Schlaf schon einmal gegangen, wandere ich wieder empor: die kleine, einsame Schloßstiege. Mir klopft das Herz und ich weiß voraus: jetzt kommt der kahle Baum, dessen Äste über die Mauer herübergreifen.
Nein: er ist mit weißen Blüten besät.
Die Luft ist voll von süßem Fliederhauch.
Zu meinen Füßen liegt die Stadt im ersten Licht wie eine Vision der Verheißung.
Kein Laut. Nur Duft und Glanz.
Mit geschlossenen Augen könnte ich mich hinauffinden in die kleine, kuriose Alchimistengasse, so vertraut ist mir plötzlich jeder Schritt.
Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem weißschimmernden Haus gestanden hat, schließt jetzt ein prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes Gitter die Gasse ab.
Zwei Eibenbäume ragen aus blühendem, niederem Gesträuch und flankieren das Eingangstor der Mauer, die hinter dem Gitter entlang läuft.
Ich strecke mich, um über das Strauchwerk hinüberzusehen, und bin geblendet von neuer Pracht:
Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Türkisblau mit goldenen, eigenartig gemuschelten Fresken, die den Kult des ägyptischen Gottes Osiris darstellen.
Das Flügeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit aus zwei Hälften, die die Türe bilden, -- die rechte weiblich, die linke männlich. -- Er sitzt auf einem kostbaren, flachen Thron aus Perlmutter -- in Halbrelief -- und sein goldener Kopf ist der eines Hasen. Die Ohren sind in die Höhe gestellt und dicht aneinander, daß sie aussehen, wie die beiden Seiten eines aufgeschlagenen Buches. --
Es riecht nach Tau, und Hyazinthenduft weht über die Mauer herüber. -- -- --
Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir wird, als träte eine fremde Welt vor mich, und ein alter Gärtner oder Diener mit silbernen Schnallenschuhen, Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von links hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich durch die Stäbe, was ich wünsche.
Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius Pernaths hinein.
Er nimmt ihn und geht durch das Flügeltor.
Wie es sich öffnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges, marmornes Haus und auf seinen Stufen:
ATHANASIUS PERNATH
und an ihn gelehnt:
MIRJAM,
und beide schauen hinab in die Stadt.
Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt mich, lächelt und flüstert Athanasius Pernath etwas zu.
Ich bin gebannt von ihrer Schönheit.
Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum gesehen.
Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und mein Herz bleibt stehen:
Mir ist, als sähe ich mich im Spiegel, so ähnlich ist sein Gesicht dem meinigen.
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Dann fallen die Flügel des Tores zu, und ich erkenne nur noch den schimmernden Hermaphroditen.
Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt -- ich höre seine Stimme wie aus den Tiefen der Erde --:
»Herr Athanasius Pernath läßt verbindlichst danken und bittet, ihn nicht für ungastfreundlich zu halten, daß er Sie nicht einlädt in den Garten zu kommen, aber es ist strenges Hausgesetz so von alters her.
Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm die Verwechslung sofort aufgefallen sei.
Er wolle nur hoffen, daß der seinige Ihnen keine Kopfschmerzen verursacht habe.«
Gedruckt in der Buchdruckerei G. Kreysing in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.
Auf Seite 1 heisst es »linke Seite« (des Mondes). Dies ist offenbar falsch und wurde in späteren Auflagen zu »rechte Seite« berichtigt. Hier wird der Originaltext unverändert belassen.
Die Schreibweise der Vorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt, teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben (vorher/nachher):
[S. 36]: ... Das hilfslose Opfer aber saß, das Herz voll brennender ... ... Das hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender ...
[S. 46]: ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffraneck mit ... ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffranek mit ...
[S. 47]: ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freien ... ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freiem ...
[S. 55]: ... auf, eine unsichtbare Intelliganz, die sich lichtscheu verborgen ... ... auf, eine unsichtbare Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen ...
[S. 69]: ... über Klavierseiten liefe, war die Antwort. ... ... über Klaviersaiten liefe, war die Antwort. ...
[S. 70]: ... die eisernen Glasstäbe fauchend die flachen herzförmigen ... ... die eisernen Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen ...
[S. 70]: ... Mit langem, wallenden, weißen Prophetenbart, ein ... ... Mit langem, wallendem, weißem Prophetenbart, ein ...
[S. 90]: ... die alten Rabbinen trugen, andere mit dreieckigem Hut ... ... die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut ...
[S. 99]: ... auf dem Altstätter Ring und an dem Erzbrunnen ... ... auf dem Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen ...
[S. 99]: ... schauten teilnahmlos zu den Wolken empor. ... ... schauten teilnahmslos zu den Wolken empor. ...
[S. 108]: ... Wunschlos, teilnahmlos, ein lebender Leichnam, ging ... ... Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ...
[S. 149]: ... Angelina wolte sich losreißen: ich hielt sie fest. ... ... Angelina wollte sich losreißen: ich hielt sie fest. ...
[S. 157]: ... ich schwindsüchtig bin und Blut spuken muß: mein Körper ... ... ich schwindsüchtig bin und Blut spucken muß: mein Körper ...
[S. 191]: ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbares ... ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres ...
[S. 198]: ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spukte mir ... ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir ...
[S. 217]: ... Oder gedenken sie überhaupt ledig zu bleiben?« ... ... Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu bleiben?« ...
[S. 287]: ... Sollte Sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ... ... Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ...
[S. 319]: (mehrfache Fälle) ... Jaromir Kwaßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ... ... Jaromir Kwáßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ...
[S. 319]: ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächig ... ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächtig ...