Der Golem

Part 17

Chapter 173,659 wordsPublic domain

»No ja.« -- Wenzel deutete auf seine Kehle. -- »Murxi, murxi! Ich sag ich Ihnän; es war Ihnän schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen haben, weil er sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natrierlich der erschte drin; -- wie denn nicht! -- Und da hat e' durten g'sässen, der Wassertrum, in einen dreckigen Lähnsessel, die Brust voller Blut und die Augen wie aus Glas. -- -- -- -- -- Wissen S', ich bin ich ein handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän, und ich hab' gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi--iin. Furt' a furt' hab' ich mir vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht auf, es is doch bloß ein toter Jud. -- Er hat eine Feile in der Kehle stecken gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen. -- Ein Raubmord natierlich.«

»Die Feile! Die Feile!« Ich fühlte, wie mir der Atem kalt wurde vor Grausen. -- Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!

»Ich weiß ich auch, wer's war,« fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut fort. »Niemand anders, sag ich Ihnän, als der blattersteppige Loiso. -- Ich hab' ich nämlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt und rasch eing'stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. -- Er ise sich durch einen unterirdischen Gang in den Laden -- -- -- -- --« er brach mit einem Ruck seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing an, fürchterlich zu schnarchen.

Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der Gefängniswärter kam herein und musterte mich argwöhnisch.

Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.

Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf und taumelte, gefolgt von dem Wärter, schlaftrunken hinaus.

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Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:

Den 12. Mai.

»Mein lieber armer Freund und Wohltäter!

Woche um Woche habe ich gewartet, daß Sie endlich freikommen würden, -- immer vergebens, -- habe alle möglichen Schritte versucht, um Entlastungsmaterial für Sie zu sammeln, aber ich fand keins.

Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber jedesmal hieß es, er könne nichts tun, -- es sei Sache der Staatsanwaltschaft und nicht die seinige.

Amtsschimmel!

_Eben erst, vor einer Stunde_, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir den _besten_ Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, daß Jaromir dem Wassertrum eine goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.

Beim >Loisitschek<, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht das Gerücht, man hätte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann -- dessen Leiche übrigens noch immer nicht entdeckt ist -- als ^corpus delicti^ bei _Ihnen_ gefunden. Das übrige reimte ich mir zusammen: Wassertrum ^et cetera^!

Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben -- --« Ich ließ den Brief sinken und die Freudentränen traten mir in die Augen: nur Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch Prokop, noch Vrieslander besaßen soviel Geld. -- Sie hatte mich also doch nicht vergessen! -- Ich las weiter:

»-- 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, wenn er mit mir sofort zur Polizei ginge und eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu Hause entwendet und verkauft zu haben.

Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.

Aber seien Sie versichert: es _wird_ geschehen. _Heute_ noch. Ich bürge Ihnen dafür.

Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord begangen hat und die Uhr die Zottmanns ist.

Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, dann weiß Jaromir, was er zu tun hat: -- _Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene agnoszieren_.

Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei sein werden, steht vielleicht bald bevor.

Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?

Ich weiß es nicht.

Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch zu Ende, und _ich muß auf der Hut sein, daß mich die letzte Stunde nicht überrascht_.

Aber eins halten Sie fest: wir _werden_ uns wiedersehen.

Wenn auch nicht in _diesem_ Leben und nicht wie die Toten in _jenem_ Leben, aber an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, -- wo, wie es in der Bibel steht, der HERR _die_ ausspeien wird aus seinem Munde, die lau waren und weder kalt noch warm. -- -- --

Wundern Sie sich nicht, daß ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen über diese Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort >Kabbala< berührten, bin ich Ihnen ausgewichen, aber -- ich weiß, was ich weiß.

Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem Gedächtnis. -- -- Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich -- ein Zeichen auf Ihrer Brust zu sehen. -- Mag sein, daß ich wach geträumt habe.

Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, daß ich gewisse Erkenntnisse gehabt habe -- innerlich! -- fast schon von Kindheit an, die mich einen seltsamen Weg geführt haben; -- Erkenntnisse, die sich nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder, Gott sei Dank, noch nicht weiß; hoffentlich auch nie erfahren wird.

Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren höchstes Ziel es ist, einen -- >Wartesaal< auszustaffieren, den man am besten niederrisse.

Doch genug davon.

Ich will Ihnen lieber erzählen, was sich inzwischen zugetragen hat:

Ende April war Wassertrum soweit, daß meine Suggestion anfing zu wirken.

Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut mit sich selbst sprach.

So etwas ist ein sicheres Zeichen, daß die Gedanken eines Menschen sich zum Sturm rotten, um über ihren Herrn herzufallen.

Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.

Er schrieb!

Er schrieb! Daß ich nicht lache! Er _schrieb_.

Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wußte ich, was er oben machte: -- er machte sein Testament.

Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht. Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen, wenn's mir eingefallen wäre.

Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an dem er noch etwas gutmachen könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn überlistet.

Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich würde ihn segnen, wenn ich mich nach seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe, und dadurch den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat mit anhören müssen.

Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.

Rasend witzig, daß er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im Jenseits geglaubt hat, während er sich's das ganze Leben lang mühselig ausreden wollte.

Aber so ist's bei allen den ganz Gescheiten; man sieht es schon an der wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt. Sie fühlen sich ertappt.

Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, ließ ich ihn nicht mehr aus dem Auge.

Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede Minute konnte die Entscheidung fallen. --

Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende Geräusch gehört haben, wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen hätte.

Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war vollbracht.

Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.

Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir wird es zu bitter, alles das niederschreiben zu müssen.

Nennen Sie es Aberglaube, -- aber, wie ich sah, daß Blut _vergossen_ worden war -- die Dinge im Laden waren befleckt davon, -- kam es mir vor, als sei mir seine Seele entwischt.

Etwas in mir, -- ein feiner, untrüglicher Instinkt -- sagt mir, daß es nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt, oder von eigener: -- daß Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen müssen, dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen. -- Jetzt, wo es anders gekommen ist, fühle ich mich als Ausgestoßener, als ein Werkzeug, das nicht würdig befunden wurde in der Hand des Todesengels.

Aber ich will mich nicht auflehnen. _Mein Haß ist von der Art, die übers Grab hinausgeht_, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich vergießen kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich der Schatten auf Schritt und Tritt. -- -- --

Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich draußen bei ihm auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll.

Ich glaube, ich weiß es bereits, aber ich will noch warten, bis das innere Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. -- Wir Menschen sind unrein, und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis wir das Flüstern unserer Seele verstehen. -- -- --

In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt, daß mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.

Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre, brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern, Herr Pernath. -- Ich werde mich hüten, >ihm< -- für >drüben< eine Handhabe zu geben.

Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstände, die er berührt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert sich dann ergibt, fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. --

Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann Sie beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit Zinsen und Zinseszinsen. Schon lange wußte ich, daß Wassertrum vor Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles gebracht hat, -- erst jetzt bin ich in der Lage, es aktenmäßig nachweisen zu können.

Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder des »Bataillons« verteilt, die den Dr. Hulbert noch persönlich gekannt haben. Ich will, daß jeder von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager -- »guten Gesellschaft«.

Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten sieben Raubmördern des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen werden müssen.

Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig.

So. Das wäre wohl alles.

Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie zuweilen

Ihres aufrichtigen und dankbaren Innocenz Charousek.«

Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand.

Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von meiner bevorstehenden Enthaftung.

Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte er sich um mein Schicksal. Bloß, weil ich ihm einst 100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich ihm nur einmal noch die Hand drücken könnte!

Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie kommen.

Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsüchtigen Schultern, die hohe, noble Stirn.

Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre, wenn eine hilfreiche Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte.

Noch einmal las ich den Brief durch.

Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er überhaupt irrsinnig war?

Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick geduldet zu haben.

Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, über den die eigene Seele Gewalt gewonnen hatte, -- den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes.

Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner da, als irgendeiner von denen, die naserümpfend umhergehen und angelernte Gebote eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen vorgeben?

Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb diktierte, ohne an eine »Belohnung« hier oder jenseits auch nur zu denken.

Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste Pflichterfüllung in des Wortes verborgenster Bedeutung?

»Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische -- eine Verbrechernatur« -- ich hörte förmlich, wie das Urteil der Menge über ihn lauten mußte, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele hineinleuchten käme, -- dieser geifernden Menge, die nie und nimmer begreifen wird, daß die giftige Herbstzeitlose tausendfach schöner und edler ist als der nützliche Schnittlauch. -- -- --

Wieder ging das Türschloß draußen, und ich hörte, daß man einen Menschen hereinschob.

Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfüllt von dem Eindruck des Briefes.

Kein Wort über Angelina, nichts von Hillel stand darin.

Freilich: Charousek mußte in größter Eile geschrieben haben, die Schrift verriet es mir.

Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht werden würde?

Ich hoffte auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der Gefangenen im Hof. -- Da war es noch am leichtesten, daß mir irgendeiner vom »Bataillon« etwas zusteckte.

Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien:

»Würden Sie gestatten, mein Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle? Mein Name ist Laponder. Amadeus Laponder.«

Ich drehte mich um.

Ein kleiner, schmächtiger, noch ziemlich junger Mann in gewählter Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich korrekt vor mir.

Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine großen, hellgrün glänzenden, mandelförmigen Augen hatten das Eigentümliche an sich, daß, so geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu sehen schienen. -- Es lag so etwas wie -- Geistesabwesenheit darin.

Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht wenden, so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lächeln, das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen beständig seinem Gesicht aufdrückten.

Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut, der mädchenhaft schmalen Nase und den zarten Nüstern.

»Amadeus Laponder, Amadeus Laponder«, wiederholte ich vor mich hin.

»Was er wohl begangen haben mag?«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Mond

»Waren Sie schon beim Verhör,« fragte ich nach einer Weile.

»Ich komme soeben von dort. -- Hoffentlich werde ich Sie hier nicht lange inkommodieren müssen,« antwortete Herr Laponder liebenswürdig.

»Armer Teufel,« dachte ich mir, »er ahnt nicht, was einem Untersuchungsgefangenen bevorsteht.«

Ich wollte ihn langsam vorbereiten:

»Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen, wenn einmal die ersten, schlimmsten Tage vorüber sind.« -- --

Er machte ein verbindliches Gesicht.

Pause.

»Hat das Verhör lange gedauert, Herr Laponder?«

Er lächelte zerstreut:

»Nein. Ich wurde bloß gefragt, ob ich geständig sei, und mußte das Protokoll unterschreiben.«

»Sie haben unterschrieben, daß Sie geständig sind?« fuhr es mir heraus.

»Allerdings.«

Er sagte es, als ob es sich von selbst verstünde.

Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell oder etwas Ähnliches.

»Ich bin leider schon so lange hier, daß es mir wie ein Menschenleben vorkommt;« -- ich seufzte unwillkürlich, und er machte sofort eine teilnehmende Miene. »Ich wünsche Ihnen, daß Sie das nicht mitzumachen brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie wohl bald wieder auf freiem Fuß sein.«

»Wie man's nimmt,« antwortete er ruhig, aber es klang wie ein versteckter Doppelsinn.

»Sie glauben nicht?«, fragte ich lächelnd. Er schüttelte den Kopf.

»Wie soll ich das verstehen? -- Was haben Sie denn gar so Schreckliches begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir, -- lediglich Teilnahme, daß ich frage.«

Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken:

»Lustmord.«

Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den Kopf geschlagen.

Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.

Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft lächelnden Gesicht verriet, daß er über mein plötzlich verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre.

Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. -- -- --

Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich, hängte sorgsam seine Kleider an den Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen, tiefen Atemzügen zu schließen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu sein.

Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.

Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner nächsten Nähe zu haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen, war mir so gräßlich und aufregend, daß die Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das erlebte Neue tief in den Hintergrund traten.

Ich hatte mich so gelegt, daß ich den Mörder beständig im Auge behielt, denn ich würde es nicht haben ertragen können, ihn hinter mir zu wissen.

Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdämmert und ich konnte sehen, daß Laponder regungslos, fast starr, dalag.

Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen und der halbgeöffnete Mund erhöhte diesen Eindruck.

Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.

Erst spät nach Mitternacht, als ein dünner Mondstrahl auf sein Gesicht fiel, kam eine leise Unruhe über ihn und er bewegte unhörbar die Lippen, wie jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu sein, -- ein zweisilbiger Satz vielleicht, -- so wie:

»Laß mich. Laß mich. Laß mich.«

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Die nächsten paar Tage vergingen, ohne daß ich Notiz von ihm genommen hätte, und auch er brach niemals das Schweigen.

Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig. So oft ich auf und ab gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog höflich, wenn er auf der Pritsche saß, die Füße zurück, um mir nicht im Wege zu sein.

Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.

So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nähe gewöhnen zu können, -- es ging nicht.

Selbst in den Nächten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde verbrachte ich im Schlaf.

Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte sie pedantisch in Falten, hängte sie auf, und so weiter und so weiter.

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Eines Nachts -- es mochte um die zweite Stunde sein -- stand ich schlaftrunken vor Müdigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den Vollmond, dessen Strahlen sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen Gesicht der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an Mirjam.

_Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme hinter mir._

Sofort war ich wach, überwach, -- fuhr herum und horchte.

Eine Minute verging.

Schon glaubte ich, ich hätte mich getäuscht, da kam es wieder. Ich konnte die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie:

»Frag' mich. Frag' mich.«

_Es war bestimmt Mirjams Stimme._

Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und trat an das Bett Laponders.

Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich unterscheiden, daß er die Lider offen hatte, doch nur das Weiße der Augäpfel war sichtbar.

An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, daß er im Tiefschlaf lag.

Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich.

Und allmählich verstand ich die Worte, die hinter seinen Zähnen hervordrangen:

»Frag' mich. Frag' mich.«

Die Stimme war der Mirjams täuschend ähnlich.

»Mirjam? Mirjam?« rief ich unwillkürlich, dämpfte aber sofort den Ton, um den Schläfer nicht zu erwecken.

Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann wiederholte ich leise:

»Mirjam? Mirjam?«

Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches:

»Ja.«

Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen.

Nach einer Weile hörte ich _Mirjams Stimme_ flüstern -- so unverkennbar ihre Stimme, daß mir Kälteschauer über die Haut liefen.

Ich trank die Worte so gierig, daß ich nur den Sinn begriff. Sie sprach von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück, daß wir uns endlich gefunden hätten -- und uns nie wieder trennen würden -- hastig -- ohne Pause, wie jemand, der fürchtet unterbrochen zu werden und jede Sekunde ausnützen will.

Dann wurde die Stimme stockend -- erlosch zeitweilig ganz.

»Mirjam?« fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem, »Mirjam, bist du gestorben?«

Lange keine Antwort.

Dann fast unverständlich:

»Nein. -- Ich lebe. -- Ich schlafe.« -- --

Nichts mehr.

Ich lauschte und lauschte.

Vergebens.

Nichts mehr.

Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf die Kante der Pritsche stützen, um nicht vornüber auf Laponder zu fallen.

Die Täuschung war so vollständig gewesen, daß ich Mirjam momentelang tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft zusammennehmen mußte, um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu drücken.

»Henoch! Henoch!« -- hörte ich ihn plötzlich lallen, dann immer klarer und artikulierter: »Henoch! Henoch!«

Sofort erkannte ich Hillel.

»Bist du es, Hillel?«

Keine Antwort.

Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß man Schlafenden, um sie zum Reden zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen das Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse.

Ich tat es:

»Hillel?«

»Ja, ich höre dich!«

»Ist Mirjam gesund? Weißt du alles?«, fragte ich schnell.

»Ja. Ich weiß alles. Wußte es längst. -- Sei ohne Sorge, Henoch, und fürchte dich nicht!«

»Kannst du mir verzeihen, Hillel?«

»Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.«

»Werden wir uns bald wiedersehen?« -- Ich fürchtete, die Antwort nicht mehr verstehen zu können; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht worden.

»Ich hoffe es. Ich will warten -- auf dich -- wenn ich kann -- dann muß ich -- Land --«

»Wohin? In welches Land?« -- ich fiel beinahe auf Laponder -- »In welches Land? In welches Land?«

»-- Land -- Gad -- südlich -- Palästina --«

Die Stimme erstarb.

Hundert Fragen schossen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum nennt er mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina, _Charousek_.

»Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen,« kam es plötzlich wieder laut und deutlich von den Lippen des Mörders. Diesmal in Charouseks Tonfall, aber ähnlich so, als hätte ich es selbst gesagt.

Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlußsatz aus Charouseks Brief. --

Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle verschwunden sein.

Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:

Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider geschlossen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, all die Tage über in Laponder nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. --

Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler -- ein Geschöpf, das unter dem Einfluß des Vollmonds stand.

Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen. Bestimmt sogar. --

Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zügen gewichen und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht.

So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem Gewissen hat, sagte ich mir.

Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde, kaum erwarten.

Ob er wohl wüßte, was geschehen war?

Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur Seite.

Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: »Verzeihen Sie mir, Herr Laponder, daß ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war das Ungewohnte, das --«