Der Golem

Part 16

Chapter 163,590 wordsPublic domain

Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck auf ihren Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie riefen fast wie aus einem Munde:

»Räschpäkt, Räschpäkt.«

Als sie sahen, daß ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die Ecke zurück und unterhielten sich flüsternd miteinander.

Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prüfte schweigend die Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund zurück.

»Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu haben?« fragte ich Loisa unauffällig.

Er nickte. »Ja, schon lang.«

Wieder vergingen einige Stunden.

Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend.

»Herr Pernath. Herr Pernath!« hörte ich plötzlich ganz leise Loisas Stimme.

»Ja?« -- -- -- Ich tat, als erwachte ich.

»Herr Pernath? Bitte entschuldigen Sie, -- bitte -- bitte, wissen Sie nicht, was die Rosina macht? -- Ist sie zu Hause?«, stotterte der arme Bursche. Er tat mir unendlich leid, wie er mit seinen entzündeten Augen an meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hände verkrampfte.

»Es geht ihr gut. Sie -- sie ist jetzt Kellnerin beim -- -- alten Ungelt«, log ich.

Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe mit heißem Wurstabsud stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten nach einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte mich zum Untersuchungsrichter.

Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab schritten.

»Glauben Sie, ist es möglich, daß ich heute noch freigelassen werde?«, fragte ich den Aufseher beklommen.

Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte. »Hm. Heute noch? Hm -- -- Gott, -- möglich ist ja alles.« --

Mir wurde eiskalt.

Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und einen Namen:

KARL FREIHERR VON LEISETRETER Untersuchungsrichter

Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen Aufsätzen.

Ein alter, großer Mann mit weißem, geteiltem Vollbart, schwarzem Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.

»Sie sind Herr Pernath?«

»Jawohl.«

»Gemmenschneider?«

»Jawohl.«

»Zelle Nr. 70?«

»Jawohl.«

»Des Mordes an Zottmann verdächtig?«

»Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter -- --«

»_Des Mordes an Zottmann verdächtig?_«

»Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber -- --«

»Geständig?«

»Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch unschuldig!«

»_Geständig?_«

»Nein.«

»Dann verhänge ich die Untersuchungshaft über Sie. -- Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.«

»Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, -- ich muß unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen -- --«

Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.

Der Herr Baron schmunzelte. --

»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch saß ich in der Zelle.

Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis herumgehen auf der nassen Erde.

Miteinander zu reden, war verboten.

In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.

An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden, die Blätter fast schwarz vom fallenden Ruß.

Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht mit blutleeren Lippen herunterschaute.

Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot, Wasser und Wurstabsud und Sonntags zu faulenden Linsen.

Erst einmal war ich wieder vernommen worden:

Ob ich Zeugen hätte, daß mir »Herr« Wassertrum angeblich die Uhr geschenkt habe?

»Ja: Herrn Schemajah Hillel -- -- das heißt -- nein« (ich erinnerte mich, er war nicht dabei gewesen) -- -- »aber Herr Charousek -- nein, auch er war ja nicht dabei.«

»Kurz: also niemand war dabei?«

»Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.«

Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:

»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!« -- -- --

Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mußte, war vorüber. Entweder Wassertrums Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte eingegriffen, sagte ich mir.

Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.

Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, daß sich das Wunder erneuere, -- wie sie früh am Morgen, wenn der Bäcker kam, hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte, -- wie sie vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.

Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte mich in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel dringen und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der Qual des Hoffens auf ein Wunder.

Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir die Brust fast zersprang, -- um das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost.

Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben: Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte aufschreien vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war in den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu erscheinen. -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!

Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine Zellengenossen.

Sie wußten es nicht.

Sie hätten noch nie welche bekommen -- allerdings wäre auch niemand da, der ihnen schreiben könnte, sagten sie.

Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen. -- --

Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert, denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht.

Auch kein Wasser zum Waschen.

Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war mit Soda gewürzt statt mit Salz. -- -- Eine Gefängnisvorschrift, um dem »Überhandnehmen des Geschlechtstriebes vorzubeugen«. -- --

Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.

Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual.

Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und niederlief wie ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten -- zu warten -- zu warten.

Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die Wände und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein Ungeziefer hätte.

Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne eine Kreuzung _fremder_ Insektenrassen entstehen?

Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: Der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt, und überzeugte sich, daß alle vor Gesundheit strotzten.

Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, so verschrieb er -- Zinksalbe zum Einreiben der Brust.

Einmal kam auch der Landesgerichtspräsident -- ein hochgewachsener, parfümierter Halunke der »guten Gesellschaft«, dem die gemeinsten Laster im Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob -- alles in Ordnung sei: »ob sich noch immer kaner derhenkt hobe«, wie sich der Frisierte ausdrückte.

Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver vorgehalten. -- »Was ich denn wolle«, schrie er mich an.

Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt der Antwort bekam ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf das Weite suchte. Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte durch den Türausschnitt: -- ich solle lieber den Mord gestehen. Eher bekäme ich in diesem Leben keine Briefe.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien.

Zwei der Gefangenen hatten schon einige Mal gewechselt, aber ich achtete nicht darauf. Diese Woche war es ein Taschendieb und ein Wegelagerer, das nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt wurden.

Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.

Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten alle äußern Begebenheiten.

Nur _ein_ Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt -- es verfolgte mich zuweilen als Zerrbild bis in den Traum.

Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu starren, da fühlte ich plötzlich, daß mich ein spitzer Gegenstand in die Hüfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt haben, sonst hätte sie der Mann in der Flurstube gewiß bemerkt.

Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.

Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte keinen Augenblick, daß nur Loisa sie genommen haben konnte.

Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock tiefer unterzubringen.

Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene, die desselben Verbrechens beschuldigt wären, wie er und ich, in der gleichen Zelle säßen, hatte der Gefangenwärter gesagt.

Von ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen, sich mit Hilfe der Feile zu befreien.

Mai

Auf meine Frage, welches Datum denn wäre -- die Sonne schien so warm wie im Hochsommer und der müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen -- hatte der Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert, es sei der 15. Mai. Eigentlich dürfe er es nicht sagen, denn es sei verboten, mit den Gefangenen zu sprechen, -- insbesondere solche, die noch nicht gestanden hätten, müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren gehalten werden.

Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine Nachricht aus der Welt da draußen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines Klaviers durch das Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.

Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir ein Sträfling gesagt. -- --

Tag und Nacht träumte ich von Mirjam.

Wie es ihr wohl ging?!

Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine Gedanken zu ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette, während sie schlief, und legten ihr lindernd die Hand auf die Stirne.

Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem andern meiner Zellengenossen zum Verhör geführt wurde, -- nur ich nicht, -- drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange tot.

Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die ich aus dem Strohsack riß, sollte mir Antwort geben.

Und fast jedesmal »ging es schlecht aus«, und ich wühlte in meinem Innern nach einem Blick in die Zukunft; -- suchte meine Seele, die mir das Geheimnis verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits liegende Frage, ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen würde, wo ich heiter sein und wieder lachen könnte.

Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und dann war ich eine Stunde lang glücklich und froh.

Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt, war allmählich in mir eine unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich faßte es nicht, daß ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir damals schon klar darüber geworden zu sein.

Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken möchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der Gewißheit, und wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt hörte, fürchtete ich mich beinahe davor, man könne mich holen und freilassen und mein Traum würde in der groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts zerrinnen.

Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, daß ich auch das leiseste Geräusch vernahm.

Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne einen Wagen fahren und zergrübelte mir den Kopf, wer wohl darin sitzen möchte.

Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, daß es Menschen gab da draußen, die tun und lassen durften, was sie wollten, -- die sich frei bewegen konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als unbeschreiblichen Jubel empfanden.

Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, im Sonnenschein durch die Straßen wandern zu können -- -- ich war nicht mehr imstande, es mir vorzustellen.

Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem längstverflossenen Dasein anzugehören; -- ich dachte daran zurück mit jener leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch aufschlägt und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte der Jugendjahre getragen hat.

Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend mit Vrieslander und Prokop beim »Ungelt« saß und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus machte?

Nein, es war doch Mai -- die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten durch die Provinznester zog und auf grünen Wiesen vor den Toren den Ritter Blaubart spielte.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich saß allein in der Zelle. -- Vóssatka, der Brandstifter, mein einziger Gefährte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum Untersuchungsrichter geholt worden.

Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör.

Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür. Und mit freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein, warf ein Bündel Kleider auf die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden.

Den Sträflingsanzug warf er Stück um Stück mit einem Fluch auf den Boden.

»Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. -- Brandstiftung! -- Ja doder« er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. »Auf den schwarzen Vóssatka sans jung. -- Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns'n derwischen -- den Herrn von Wind. -- No servus heit Abend! -- Do werd aufdraht. Beim Loisitschek.« -- Er breitete die Arme aus und tanzte einen »G'strampften«. -- »Nur einmahl im Leböhn blie--het der Mai.« -- Er stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf über den Schädel. -- »Ja, richtig, das wird Ihna intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana Freund, der Loisa, is ausbrochen! -- Grad hab i's erfahrehn oben bei die Hallodri. Schon vurigen Monat -- gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht und ist längs ieber -- pbhuit« -- er schlug sich mit den Fingern auf den Handrücken -- »ieber alle Bergöh«. --

»Aha, die Feile,« dachte ich mir und lächelte.

»Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf,« der Brandstifter streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, »daß Sie möglichst bei Zeitöhn freikommen. -- Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka. -- Kennte mich jädes Madel durten. So! -- Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein Vergniegen.«

Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon einen neuen Untersuchungsgefangenen in die Zelle.

Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der Soldatenmütze, der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der Hahnpaßgasse gestanden hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle die andern?

Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem größten Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und bedeutete mir, ich solle schweigen.

Erst als die Tür von draußen abgesperrt und der Schritt des Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.

Mir schlug das Herz vor Aufregung.

Was sollte das bedeuten?

Kannte er mich denn, und was wollte er?

Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte und seinen linken Stiefel auszog.

Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz, entnahm dem entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, riß die anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides mit stolzer Miene hin. --

Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im geringsten zu achten.

»So! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek.«

Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen konnte. --

»Brauchens' bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen ausanand brechen in der Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. -- Ise nämlich hohl inewändig« -- erklärte der Schlot mit überlegener Miene, »und finden Sie sich drinn eine Brieffel von Herrn Charousek.«

Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals und die Tränen stürzten mir aus den Augen.

Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:

»Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht eine Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, daß ich in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht.« --

Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot fuhr fort:

»Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz: ich bin ich hier, Pasta!«

»Sagen Sie doch,« fiel ich ihm ins Wort, »sagen Sie doch, Herr -- -- Herr -- -- --«

»Wenzel,« -- half mir der Schlot aus, »ich heiß' ich der schöne Wenzel.«

»Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht es seiner Tochter?«

»Dazu ist jetz keine Zeit nicht,« unterbrach mich der schöne Wenzel ungeduldig. »Ich kann ich doch im näxen Augenblick herausgeschmissen werden. -- Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra eingestanden hab -- --«

»Was, Sie haben bloß meinetwegen, und um zu mir kommen zu können, einen Raubanfall begangen, Wenzel?« fragte ich erschüttert.

Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: »Wann ich wirklich einen Raubanfall _begangen_ hätt, mecht ich ihm doch nicht _eingestähen_. Was glauben Sie von mir!?«

Ich verstand allmählich: -- der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um mir den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln.

»So; zuverderscht« -- er machte ein äußerst wichtiges Gesicht -- »muß ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gäben.«

»Worin?«

»In der Ebilebsie! -- Gäbm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles genau! -- Alsdann schaugens här: Zuerscht macht me Speichel in der Goschen;« -- er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie jemand, der sich den Mund ausspült -- »dann kriegt me Schaum vorm Maul, sengen S' so«: -- er machte auch dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit. -- »Nachhe drehte ma die Daumen in die Faust. -- Nachhe kugelt me die Augen raus« -- er schielte entsetzlich -- »und dann -- das ise sich bisl schwär -- stoßt me so halbeten Schrei aus. Segen S', so: Bö -- bö -- bö, -- und gleichzeitig fallt me sich um.« -- Er ließ sich der Länge nach zu Boden fallen, daß das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen:

»Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert gottsälig beim >Bataljohn< gelernt hat.«

»Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,« gab ich zu, »aber wozu dient das alles?«

»Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!«, erklärte der schöne Wenzel. »Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar kan Kopf mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich pumperlgesund! -- Nur vor die Ebilebsie hat e' an Viechsräschpäkt. Wann aner daas gut kann: gleich ise drieben in der Krankenzelle. -- -- Und da ise sich das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;« -- er wurde tief geheimnisvoll -- »den Fenstergitter in der Krankenzelle ise nämlich durchgesägt und nur schwach mit Dreck zusammenpappt. -- Es ise sich das ein Geheimnis vom Bataljohn! -- Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand nicht aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter auf die Straßen. -- Pasta.«

»Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?« wandte ich schüchtern ein, »ich bin doch unschuldig.«

»Daß ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!«, widerlegte mich der schöne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.

Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines »Bataillons«beschlusses war, auszureden.

Daß ich »die Gabe Gottes« von der Hand wies und lieber warten wollte, bis ich von selbst freikommen würde, war ihm unbegreiflich.

»Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das allerherzlichste,« sagte ich gerührt und drückte ihm die Hand. »Wenn die schwere Zeit für mich vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen allen erkenntlich zu zeigen.«

»Ise gar nicht nätig,« lehnte Wenzel freundlich ab. »Wann Sie ein paar Glas >Pils< zahlen, nähmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan Charousek, was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn, hat e' uns schon erzählt, was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm was ausrichten, wenn ich in paar Täg wieder herauskomm?«

»Ja, bitte,« fiel ich rasch ein, »sagen Sie ihm, er möchte zu Hillel gehen und ihm mitteilen, ich hätte soviel Angst wegen der Gesundheit seiner Tochter Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen. -- Werden Sie sich den Namen merken?: _Hillel_!«

»Hirräl?«

»Nein: Hillel.«

»Hillär?«

»Nein: Hill--el.«

Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen Tschechen unmöglichen Namen, aber schließlich bewältigte er ihn doch unter wilden Grimassen.

»Und dann noch eins: Herr Charousek möge -- ich lasse ihn herzlich drum bitten -- sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der »vornehmen Dame« -- er weiß schon, wer darunter zu verstehen ist -- annehmen.«

»Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was das Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz -- dem Dr. Sapoli? -- No, die hat sich doch scheiden lassen und ise mit ihrem Kind und dem Sapoli furt.«

»Wissen Sie das bestimmt?«

Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen freute, -- es krampfte mir dennoch das Herz zusammen.

Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt -- -- -- war ich vergessen.

Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder.

Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.

Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten Menschen seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen, erraten zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und antwortete nicht.

»Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Fräulein Mirjam geht? Kennen Sie sie?«, fragte ich gepreßt.

»Mirjam? Mirjam?« -- Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten -- »Mirjam? -- Gäht sich die öfters in der Nacht zum Loisitschek?«

Ich mußte unwillkürlich lächeln. »Nein. Bestimmt nicht.«

»Dann kenn ich sie nicht,« sagte Wenzel trocken.

Wir schwiegen eine Weile.

Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, hoffte ich.

»Daß den Wassertrum der Deiwel g'holt hat«, fing Wenzel plötzlich wieder an, »wärden Sie sich wohl schon gehärt haben?«

Ich fuhr entsetzt auf.