Part 15
Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, -- und deswegen bin ich hergekommen -- nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum.
Sagen Sie, Sie hätten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory nahestand, dessen Namen Sie jedoch gelobt hätten, nie zu nennen, -- vielleicht von einer Dame.
Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein teures Andenken für mich war.
Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es ist alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird jetzt _ihm_ gehören, und dennoch ahnt er nicht, daß _ich_ der Geber bin.
Es liegt darin auch zugleich für mich etwas unendlich Süßes.
Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus viel tausendmal bedankt.«
Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flüsterte mir, als ich noch immer nicht verstand, kaum hörbar etwas zu.
»Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stückchen hinunterbegleiten«, sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von seinen Lippen las, und ging mit ihm hinaus.
Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und ich wollte mich von Charousek verabschieden.
»Ich kann mir denken, was Sie mit der Komödie bezweckt haben. -- -- Sie -- Sie wollen, daß sich Wassertrum mit dem Fläschchen vergiftet!« Ich sagte es ihm ins Gesicht.
»Freilich«, gab Charousek aufgeräumt zu.
»Und _dazu_, glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?«
»Durchaus nicht nötig.«
»Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie vorhin!«
Charousek schüttelte den Kopf:
»Wenn Sie jetzt zurückgehen, werden Sie sehen, daß er sie bereits eingesteckt hat.«
»Wie können Sie das nur annehmen?«, fragte ich erstaunt. »Ein Mensch wie Wassertrum wird sich niemals umbringen, -- ist viel zu feig dazu -- handelt nie nach plötzlichen Impulsen.«
»Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht,« unterbrach mich Charousek ernst. »Hätte ich in alltäglichen Worten geredet, würden Sie vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich vorher berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche Hundsfötter! Glauben Sie mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Sätze hätte ich Ihnen hinzeichnen können. -- Kein >Kitsch<, wie es die Maler nennen, ist niederträchtig genug, als daß er nicht der bis ins Mark verlogenen Menge Tränen entlockte -- sie ins Herz trifft! Glauben Sie denn, man hätte nicht längst sämtliche Theater mit Feuer und Schwert ausgetilgt, wenn es anders wäre? An der Sentimentalität erkennt man die Kanaille. Tausende armer Teufel können verhungern, da wird nicht geweint, aber wenn ein Schminkkamel auf der Bühne, als Bauerntrampel verkleidet, die Augen verdreht, dann heulen sie wie die Schloßhunde. -- -- Wenn Väterchen Wassertrum vielleicht auch morgen vergessen hat, was ihm soeben noch -- Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird wieder in ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er sich selbst unendlich bedauernswert vorkommt. -- In solchen Momenten des großen Misereres bedarf es bloß eines leisen Anstoßes, -- und für den werde ich sorgen -- und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es muß nur zur Hand sein! Theodorchen hätte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst, wenn ich's ihm nicht so bequem gemacht hätte.«
»Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch,« rief ich entsetzt. »Empfinden Sie denn gar kein -- -- --«
Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich in eine Mauernische!
»Still! Da ist er!«
Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend, kam Wassertrum die Stiege herunter und wankte an uns vorüber.
Charousek schüttelte mir flüchtig die Hand und schlich ihm nach. -- --
Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, sah ich, daß die Rose und das Fläschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte Uhr des Trödlers auf dem Tisch lag.
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>Acht Tage müsse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen könne; es sei das die übliche Kündigungsfrist<, hatte man mir auf der Bank gesagt.
Man solle den Direktor holen, denn ich sei in größter Eile und gedächte in einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.
Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten der Bank auch nichts ändern, hieß es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich mit mir an den Schalter getreten war, hatte darüber gelacht.
Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten!
Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. -- -- --
Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht bewußt wurde, wie lange ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und niedergeschritten sein mochte.
Endlich trat ich ein, bloß um den widerwärtigen Kerl mit dem Glasauge los zu werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer in meiner Nähe hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden herumsuchte, als habe er etwas verloren.
Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze, speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke um die Beine schlotterten. Auf seinem linken Stiefel war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck aufgesteppt, daß es aussah, als trüge er darunter einen Siegelring auf der Zehe.
Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und ließ sich an einem Nebentisch nieder.
Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem Portemonnaie, da sah ich einen großen Brillanten an seinen wulstigen Metzgerfingern aufblitzen.
Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehause und glaubte vor innerer Nervosität wahnsinnig werden zu müssen, -- aber wohin sollte ich gehen? Nach Hause? Herumschlendern? Eines schien mir gräßlicher als das andere.
Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das trockene, unaufhörliche Geräusper eines halbblinden Zeitungstigers mir gegenüber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der Nase bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel den Schnurrbart kämmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafte, verschwitzter, schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke, die bald unter gellem Gekreisch ihre Trümpfe mit dem Faustknöchel hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog mir langsam das Blut aus den Adern. -- --
Es wurde allmählich dunkel und ein plattfüßiger, knieweicher Kellner tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern, um sich endlich kopfschüttelnd zu überzeugen, daß sie nicht brennen wollten.
So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden Wolfsblick des Glasäugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine Zeitung versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die längst ausgetrunkene Kaffeetasse tauchte.
Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt, daß ihm die Ohren fast wagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.
Es war nicht mehr auszuhalten.
Ich zahlte und ging.
Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die Klinke aus der Hand. -- Ich drehte mich um:
Wieder der Kerl!
Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt zu, da drängte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.
»Da hört denn doch alles auf!« schrie ich ihn an.
»Nach rechts geht's,« sagte er kurz.
»Was soll das heißen?«
Er fixierte mich frech:
»Sie sind der Pernath!«
»Sie wollen wahrscheinlich sagen: _Herr_ Pernath?«
Er lachte nur hämisch:
»Alsdann keine Faxen jetz! Sie gäh'n Sie mit!«
»Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?«, fuhr ich auf.
Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und zeigte vorsichtig auf einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.
Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.
»So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?«
»Sie werden sich's schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt«, erwiderte er grob. »Alla marsch jetz!«
Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.
»Nix da!«
Wir gingen zur Polizei.
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Ein Gendarm führte mich vor eine Tür.
ALOIS OTSCHIN Polizeirat
las ich auf der Porzellantafel.
»Sie kännen sich einträtten«, sagte der Gendarm.
Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen standen einander gegenüber.
Ein paar verkraxte Stühle dazwischen.
Das Bild des Kaisers an der Wand.
Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.
Sonst nichts im Zimmer.
Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen Hosen hinter dem linken Schreibpult.
Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten Schreibtisch auf und trat vor mich hin.
Es war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare Manier, bevor er anfing zu reden, die Zähne zu fletschen wie jemand, der in grelles Sonnenlicht schaut.
Dabei kniff er die Augen hinter den Brillengläsern zusammen, was ihm den Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.
»Sie heißen Athanasius Pernath und sind« -- er blickte auf ein Blatt Papier, auf dem nichts stand -- »Gemmenschneider«.
Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem anderen Schreibtisch: er wetzte sich an dem Stuhlbein, und ich hörte das Rauschen einer Schreibfeder.
Ich bejahte: »Pernath. Gemmenschneider.«
»No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr -- -- -- Pernath, -- jawohl Pernath. Ja wohl ja.« -- Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von erstaunlicher Liebenswürdigkeit, als hätte er die erfreulichste Nachricht von der Welt bekommen, streckte mir beide Hände entgegen und bemühte sich in lächerlicher Weise, die Miene eines Biedermannes aufzusetzen.
»Also, Herr Pernath, erzählen Sie mir einmal, was treiben Sie so den ganzen Tag?«
»Ich glaube, daß Sie das nichts angeht, Herr Otschin«, antwortete ich kalt.
Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr dann blitzschnell los:
»Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem Savioli?«
Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zuckte nicht mit der Wimper.
Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprüche zu verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse schlug, ich verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurück, daß ich den Namen Savioli nie gehört hätte, mit Angelina von meinem Vater her befreundet sei, und daß sie schon öfter Kameen bei mir bestellt habe.
Ich fühlte trotzdem genau, daß der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn belog, und innerlich schäumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu können.
Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich, deutete warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flüsterte mir ins Ohr:
»Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie retten, Athanasius! Aber Sie müssen mir alles sagen über die Gräfin. -- Hören Sie: alles.«
Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. »Was meinen Sie damit: Sie wollen mich retten?«, fragte ich laut.
Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde aschgrau im Gesicht vor Haß. Zog die Lippe empor. Wartete. -- Ich wußte, daß er gleich wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem erinnerte mich an Wassertrum) und ich wartete ebenfalls, -- sah, daß ein Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfußes, lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte -- -- dann schrie mich der Polizeirat plötzlich gellend an:
»_Mörder_«.
Ich war sprachlos vor Verblüffung.
Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurück.
Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten über meine Ruhe, versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich aufforderte, Platz zu nehmen.
»Sie verweigern also, über die Gräfin die von mir gewünschte Auskunft zu geben, Herr Pernath?«
»Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und dann bin ich felsenfest überzeugt, daß es eine Verleumdung ist, wenn man der Gräfin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten.«
»Sind Sie bereit, das zu beeiden?«
Mir stockte der Atem. »Ja! Jederzeit.«
»Gut. Hm.«
Eine längere Pause entstand, während der der Polizeirat angestrengt nachzugrübeln schien.
Als er mich wieder anblickte, lag ein komödiantenhafter Zug von Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkürlich mußte ich an Charousek denken, wie er dann mit tränenerstickter Stimme anfing:
»Mir können Sie es doch sagen, Athanasius, -- mir, dem alten Freund Ihres Vaters, -- mir, der Sie auf den Armen getragen hat --« ich konnte das Lachen kaum verbeißen: er war höchstens zehn Jahre älter als ich -- »nicht wahr, Athanasius, es war Notwehr?«
Das Bockgesicht erschien abermals.
»Was war Notwehr?«, fragte ich verständnislos.
»Das mit dem -- -- -- _Zottmann_!« schrie mir der Polizeirat einen Namen ins Gesicht.
Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.
Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte: Der grauenhafte Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf mich zu lenken!
Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zähne und kniff die Augen zusammen:
»Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?«
»Das alles ist ein Irrtum, ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen hören Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklären, Herr Polizeirat -- --!«, schrie ich.
»Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Gräfin«, unterbrach er mich rasch: »ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre Lage damit.«
»Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Gräfin ist unschuldig«.
Er biß die Zähne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht:
»Schreiben Sie: -- Also, Pernath gesteht den Mord an dem Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein«.
Mich packte eine besinnungslose Wut.
»Sie Polizeikanaille!« brüllte ich los, »was unterstehen Sie sich?!«
Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.
Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir Handschellen angelegt.
Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:
»Und die Uhr da?«, -- er hielt plötzlich die verbeulte Uhr in der Hand, -- »hat der unglückliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten, oder nicht?«
Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu Protokoll:
»Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron Wassertrum -- geschenkt.«
Ein wieherndes Gelächter brach los, und ich sah, wie der Klumpfuß und der Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch aufführten.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Qual
Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett, mußte ich durch die abendlich beleuchteten Straßen gehen.
Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber rissen die Fenster auf, drohten mit Kochlöffeln herunter und schimpften hinter mir drein.
Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel des Gerichtsgebäudes mit der Inschrift auf dem Giebel herannahen:
»Die strafende Gerechtigkeit ist die Beschirmung aller Braven.«
Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach Küche stank.
Ein vollbärtiger Mann mit Säbel, Beamtenrock und -mütze, barfuß und die Beine in langen, um die Knöchel zusammengebundenen Unterhosen, stand auf, stellte die Kaffeemühle, die er zwischen den Knien hielt, weg und befahl mir, mich auszuziehen.
Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand, und fragte mich, ob ich -- Wanzen hätte.
Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es sei gut, ich könne mich wieder ankleiden.
Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gänge, in denen vereinzelt große, graue, verschließbare Kisten in den Fensternischen standen.
Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten, über jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand entlang. Ein hünenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwärter -- das erste ehrliche Gesicht seit Stunden -- sperrte eine der Türen auf, schob mich in eine dunkle, schrankartige, pestilenzialisch stinkende Öffnung und schloß hinter mir ab.
Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.
Mein Knie stieß an einen Blechkübel.
Endlich erwischte ich -- der Raum war so eng, daß ich mich kaum umdrehen konnte -- eine Klinke, und stand in -- einer Zelle.
Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den Mauern.
Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.
Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand ließ den matten Schein des Nachthimmels herein.
Unerträgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfüllte den Raum.
Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß auf drei der Pritschen -- die vierte war leer -- Menschen in grauen Sträflingskleidern saßen; die Arme auf die Knie gestützt und die Gesichter in den Händen vergraben.
Keiner sprach ein Wort.
Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.
Eine Stunde.
Zwei -- drei Stunden!
Wenn ich draußen einen Schritt zu hören glaubte, fuhr ich auf:
Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter vorzuführen.
Jedesmal war es eine Täuschung gewesen. Immer wieder verloren sich die Schritte auf dem Gang.
Ich riß mir den Kragen auf -- glaubte, ersticken zu müssen.
Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich ächzend ausstreckte.
»Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?«, fragte ich voll Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner eigenen Stimme.
»Es geht net,« antwortete es mürrisch von einem der Strohsäcke herüber.
Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett in Brusthöhe lief quer hin -- -- -- zwei Wasserkrüge -- -- -- Stücke von Brotrinden.
Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben und preßte das Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu atmen.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintöniger, schwarzgrauer Nachtnebel vor meinen Augen.
Die kalten Eisenstäbe schwitzten.
Es mußte bald Mitternacht sein.
Hinter mir hörte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu können: er warf sich hin und her auf dem Stroh und stöhnte manchmal halblaut auf.
Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder.
Ich zählte mit bebenden Lippen:
Eins, zwei, drei! -- Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann mußte die Dämmerung kommen. Es schlug weiter:
Vier? fünf? -- Der Schweiß trat mir auf die Stirn. -- Sechs!! -- Sieben -- -- -- es war _elf_ Uhr.
Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen hören.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht:
Wassertrum hatte mir die Uhr des vermißten Zottmann zugespielt, um mich in Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. -- Er mußte also selbst der Mörder sein; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr kommen können? Würde er die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt haben, hätte er sich bestimmt die tausend Gulden Belohnung geholt, die für die Entdeckung des Vermißten öffentlich ausgesetzt waren. -- Das konnte aber nicht sein: die Plakate klebten noch immer an den Straßenecken, wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefängnis gesehen hatte. -- -- --
Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte, war klar.
Ebenso: daß er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf, unter einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhör wegen Savioli?
Andererseits ging daraus hervor, daß Wassertrum Angelinas Briefe _noch nicht_ in Händen hatte.
Ich grübelte nach -- -- --
Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als wäre ich selbst dabei gewesen.
Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in der er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit seinen Polizeikomplizen meine Wohnung durchstöberte, -- konnte sie nicht sogleich öffnen, da ich den Schlüssel bei mir trug und war -- -- -- vielleicht gerade jetzt daran, sie in seiner Höhle aufzubrechen.
In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den Gitterstäben, sah Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen wühlte -- --
Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte, daß er Savioli wenigstens rechtzeitig warnen ging!
Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung müsse bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein, und ich vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen seine infernalische Schlauheit kam der Trödler nicht auf; »Ich werde ihn genau in der Stunde an der Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den Hals will,« hatte Charousek schon einmal gesagt.
In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles und eine wilde Angst packte mich: Wie, wenn Charousek zu spät kam?
Dann war Angelina verloren. -- -- --
Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, daß ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; -- -- -- ich schwor es mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen, wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde.
Ob ich von eigner Hand starb oder am Galgen -- was lag mir daran!
Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde, wenn ich ihm die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums Drohungen erzählte, -- keinen Augenblick zweifelte ich daran.
Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein; zumindest würde das Gericht auch Wassertrum wegen Mordverdacht verhaften lassen.
Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher vergehen möchten; starrte hinaus in den schwärzlichen Dunst.
Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein kupfernes, riesiges Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten Turmuhr. Doch die _Zeiger fehlten_; -- neuerliche Qual.
Dann schlug es fünf.
Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in böhmischer Sprache führten.
Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett herunter und -- sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche, gegenüber der meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.
Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und musterten mich geringschätzig.
»Defraudant? Was?«, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stieß ihn mit dem Ellenbogen an.
Der Gefragte brummte verächtlich irgend etwas, kramte in seinem Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.
Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder, bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die Stirn.
Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt ab und versteckte es wieder unter der Pritsche.
»Pan Pernath, Pan Pernath,« murmelte Loisa dabei beständig mit aufgerissenen Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.
»Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö,« sagte der Ungekämmte, dem dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen Wieners und machte mir spöttisch eine halbe Verbeugung: »Erlaubens mich vorzustellen: Vóssatka ist mein Name. Der schwarze Vóssatka. -- -- -- Brandstiftung,« setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu.
Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, blickte mich eine Weile verächtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:
»Einbruch.«
Ich schwieg.
»No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie hier, Herr Graf?« fragte der Wiener nach einer Pause.
Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: »Wegen Raubmord«.