Der Golem

Part 14

Chapter 143,679 wordsPublic domain

Prokop warf ihm einen bitterbösen Blick zu: »Nein. Dazu hat Babinski zu früh gelebt. Aber was er gespielt haben kann, muß ich als Komponist doch am besten wissen. Ihnen steht darüber kein Urteil zu: Sie sind nicht musikalisch. -- -- Zimzerlim -- zambusla -- busla -- deh.«

Zwakh hörte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlüssel wieder einsteckte, und fuhr dann fort:

»Das beständige Wachsen des Hügels erweckte allmählich Verdacht bei den Anrainern, und einem Polizeimann aus der Vorstadt Zizkov, der gelegentlich von weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der guten Gesellschaft erwürgte, gebührt das Verdienst, dem selbstsüchtigen Treiben des Unholdes ein für allemal Schranken gesetzt zu haben:

Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum.

Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden Umstandes eines ansonsten trefflichen Leumundes zum Tode durch den Strang und beauftragte zugleich die Firma Gebrüder Leipen -- Seilwaren en gros und en detail -- die nötigen Hinrichtungsutensilien, soweit diese in ihre Branche fielen, unter Anrechnung ziviler Preise einem hohen Staatsärar gegen Quittung auszuhändigen.

Nun fügte es sich aber, daß der Strick riß und Babinski zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde.

20 Jahre verbüßte der Raubmörder hinter den Mauern von Sankt Pankraz, ohne daß je ein Vorwurf über seine Lippen gekommen wäre; -- noch heute ist der Beamtenstab des Institutes voll Lob über seine vorbildliche Aufführung; ja, man gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen unseres allerhöchsten Landesherrn ab und zu die Flöte zu blasen; --«

Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlüssel, aber Zwakh wehrte ihm.

»-- infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski der Rest der Strafe nachgesehen, und er bekam die Stelle eines Pförtners im Kloster der >Barmherzigen Schwestern<.

Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging ihm dank der großen, während seines früheren Wirkungskreises erworbenen Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so daß ihm hinlänglich Muße blieb, Herz und Geist an guter, sorgfältig ausgewählter Lektüre zu läutern.

Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich.

So oft ihn die Oberin Samstagsabends ins Wirtshaus schickte, damit er sein Gemüt ein wenig erheitere, jedesmal kam er pünktlich vor Anbruch der Nacht nach Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen Moral stimme ihn trübe und soviel lichtscheues Gesindel schlimmster Sorte mache die Landstraße unsicher, daß es für jeden Friedliebenden ein Gebot der Klugheit sei, rechtzeitig die Schritte heimwärts zu lenken.

Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern die Unsitte eingerissen, kleine Figürchen feilzuhalten, die ein rotes Manterle umhängen hatten und den Raubmörder Babinski darstellten.

Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein solches.

Gewöhnlich aber standen sie in den Läden unter Glasstürzen, und über nichts konnte sich Babinski so empören, als wenn er eines derartigen Wachsbildes ansichtig wurde.

>Es ist im höchsten Grade unwürdig und zeugt von einer Gemütsroheit sondersgleichen, einem Menschen beständig die Verfehlungen seiner Jugendzeit vor Augen zu führen,< pflegte Babinski in solchen Fällen zu sagen, >und es ist tief zu bedauern, daß von seiten der Obrigkeit nichts geschieht, so offenkundigem Unfug zu steuern.<

Noch auf dem Totenbette äußerte er sich in ähnlichem Sinne.

Nicht vergebens, denn bald darauf verfügte die Behörde die Einstellung des Handels mit den ärgerniserregenden Babinskischen Statuetten.« -- -- --

-- -- -- Zwakh tat einen mächtigen Schluck aus seinem Grogglas und alle drei grinsten wie die Teufel, dann wandte er vorsichtig den Kopf nach der farblosen Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Träne im Auge zerdrückte.

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-- »Na, und Sie geben nichts zum besten, außer -- natürlich -- daß Sie aus Dankbarkeit für den überstandenen Kunstgenuß die Zeche berappen, wertgeschätzter Kollege und Gemmenschneider?«, fragte mich Vrieslander nach einer langen Pause allgemeinen Tiefsinnes.

Ich erzählte ihnen meine Wanderung durch den Nebel.

Wie ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich das weiße Haus erblickt hatte, nahmen alle drei vor Spannung die Pfeifen aus den Zähnen, und als ich schloß, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch und rief:

»Das ist doch rein -- --! Alle Sagen, die es gibt, erlebt dieser Pernath am eigenen Kadaver. -- A propos, der Golem von damals -- Sie wissen: die Sache hat sich aufgeklärt.«

»Wieso aufgeklärt?« fragte ich baff.

»Sie kennen doch den verrückten jüdischen Bettler >Haschile<? Nein? Nun also: dieser Haschile war der Golem.«

»Ein Bettler der Golem?«

»Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittags ging das Gespenst seelenvergnügt bei hellichtem Sonnenschein in seinem berüchtigten altmodischen Anzug aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse spazieren, und da hat es der Schinder mit einer Hundeschlinge glücklich eingefangen.«

»Was soll das heißen? Ich verstehe kein Wort,« fuhr ich auf.

»Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat die Kleider, höre ich, vor längerer Zeit hinter einem Haustor gefunden. -- Übrigens, um auf das weiße Haus auf der Kleinseite zurückzukommen: die Sache ist furchtbar interessant. Es geht nämlich eine alte Sage, daß dort oben in der Alchimistengasse ein Haus steht, das nur bei Nebel sichtbar wird, und auch da bloß >Sonntagskindern<. Man nennt es die >Mauer zur letzten Laterne<. Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen großen, grauen Stein, -- dahinter stürzt es jäh ab in die Tiefe in den Hirschgraben, und Sie können von Glück sagen Pernath, daß Sie keinen Schritt weiter gemacht haben: Sie wären unfehlbar hinuntergefallen und hätten sämtliche Knochen gebrochen.

Unter dem Stein, heißt es, ruht ein riesiger Schatz, und er soll von dem Orden der >Asiatischen Brüder<, die angeblich Prag gegründet haben, als Grundstein für ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende der Tage ein Mensch bewohnen wird -- besser gesagt ein Hermaphrodit -- ein Geschöpf, das sich aus Mann und Weib zusammensetzt. Und der wird das Bild eines Hasen im Wappen tragen, -- nebenbei: der Hase war das Symbol des Osiris, und _daher_ stammt wohl die Sitte mit dem Osterhasen.

Bis die Zeit gekommen ist, heißt es, hält Methusalem in eigener Person Wache an dem Ort, damit Satan nicht den Stein beflattert und einen Sohn mit ihm zeugt: den sogenannten Armilos. -- Haben Sie noch nie von diesem Armilos erzählen hören? -- Sogar wie er aussehen würde, weiß man -- das heißt, die alten Rabbiner wissen es, -- wenn er auf die Welt käme: Haare aus Gold würde er haben, rückwärts zum Schopf gebunden, dann: zwei Scheitel, sichelförmige Augen und Arme bis herunter zu den Füßen.«

»Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen«, brummte Vrieslander und suchte nach einem Bleistift.

»Also: Pernath, wenn Sie einmal das Glück haben sollten, ein Hermaphrodit zu werden und ^en passant^ den vergrabenen Schatz zu finden,« schloß Prokop, »dann vergessen Sie nicht, daß ich stets Ihr bester Freund gewesen bin!«

-- Mir war nicht zum Spaßmachen zumute, und ich fühlte ein leises Weh im Herzen.

Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund nicht wußte, denn er kam mir rasch zu Hilfe:

»Jedenfalls ist es höchst merkwürdig, fast unheimlich, daß Pernath gerade eine Vision an jener Stelle hatte, die mit einer uralten Sage so eng verknüpft ist. -- Da sind Zusammenhänge, aus deren Umklammerung sich ein Mensch anscheinend nicht befreien kann, wenn seine Seele die Fähigkeit hat, Formen zu sehen, die dem Tastsinn vorenthalten sind. -- Ich kann mir nicht helfen: das _Übersinnliche_ ist doch das Reizvollste! -- Was meint ihr?«

Vrieslander und Prokop waren ernst geworden und jeder von uns hielt eine Antwort für überflüssig.

»Was meinen Sie, Eulalia?« wiederholte Zwakh, zurückgewendet, »ist nicht das Übersinnliche das Reizvollste?«

Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am Kopf, seufzte, errötete und sagte:

»Aber gähn' Sie! Sie sind mir ein Schlimmer.«

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»Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen Tag über,« fing Vrieslander an, nachdem sich unser Heiterkeitsausbruch gelegt hatte, »nicht einen Pinselstrich hab' ich fertiggebracht. Fortwährend hab' ich an die Rosina denken müssen, wie sie im Frack getanzt hat.«

»Ist sie wieder aufgefunden worden?« fragte ich.

»>Aufgefunden< ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch für ein längeres Engagement gewonnen! -- Vielleicht ist sie dem Herrn Kommissär -- damals >beim Loisitschek<, ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt -- fieberhaft tätig und trägt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs in der Judenstadt bei. Ein verflucht dralles Mensch ist sie übrigens geworden in der kurzen Zeit.«

»Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann machen kann bloß dadurch, daß sie ihn verliebt sein läßt in sich: es ist zum Staunen,« warf Zwakh hin. »Um das Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu können, ist der arme Bursche, der Jaromir, über Nacht Künstler geworden. Er geht in den Wirtshäusern herum und schneidet Silhouetten für Gäste aus, die sich auf diese Art porträtieren lassen.«

Prokop, der den Schluß überhört hatte, schmatzte mit den Lippen:

»Wirklich? Ist sie so hübsch geworden, die Rosina? -- Haben Sie ihr schon ein Küßchen geraubt, Vrieslander?«

Die Kellnerin sprang sofort auf und verließ indigniert das Zimmer.

»Das Suppenhuhn! Die hat's wahrhaftig nötig, -- Tugendanfälle! Pah!«, brummte Prokop ärgerlich hinter ihr drein.

»Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen Stelle abgegangen. Und außerdem war der Strumpf gerade fertig,« beschwichtigte ihn Zwakh.

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Der Wirt brachte neuen Grog und die Gespräche fingen allmählich an, eine schwüle Richtung zu nehmen. Zu schwül, als daß sie mir nicht ins Blut gegangen wären bei meiner fiebrigen Stimmung.

Ich sträubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich abschloß und an Angelina zurückdachte, um so heißer brauste es mir in den Ohren.

Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich.

Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprühte feine Eisnadeln auf mich, war aber immer noch so dicht, daß ich die Straßentafeln nicht lesen konnte und von meinem Heimweg um ein geringes abkam.

Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben umkehren, da hörte ich meinen Namen rufen:

»Herr Pernath! Herr Pernath!«

Ich blickte um mich, in die Höhe:

Niemand!

Ein offenes Haustor, darüber diskret eine kleine, rote Laterne, gähnte neben mir auf, und eine helle Gestalt -- schien mir -- stand tief im Flur darin.

Wieder: »Herr Pernath! Herr Pernath!« Im Flüsterton.

Ich trat erstaunt in den Gang, -- da schlangen sich warme Frauenarme um meinen Hals und ich sah bei dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam öffnenden Türspalt fiel, daß es Rosina war, die sich heiß an mich preßte.

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List

Ein grauer, blinder Tag.

Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos, bewußtlos, wie ein Scheintoter.

Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen.

Kalte Asche lag im Ofen.

Staub auf den Möbeln.

Der Fußboden nicht gekehrt.

Fröstelnd ging ich auf und ab.

Widerwärtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein Mantel, meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch.

Ich riß das Fenster auf, schloß es wieder: -- der kalte, schmutzige Hauch von der Straße war unerträglich.

Spatzen mit durchnäßtem Gefieder hockten regungslos draußen auf den Dachrinnen.

Wohin ich blickte, mißfarbige Verdrossenheit. Alles in mir war zerrissen, zerfetzt.

Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl -- wie fadenscheinig es war! Die Roßhaare quollen hervor aus den Rändern.

Man mußte es zum Tapezierer schicken -- -- ach was, sollte es so bleiben -- noch ein ödes Menschenleben hindurch, bis alles zu Gerümpel zerfiel!

Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese Zwirnlappen an den Fenstern!

Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?!

Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu sehen, und der ganze graue, zermürbende Jammer war vorüber -- ein für allemal.

Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen.

Heute noch.

Jetzt noch -- vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. -- Ein ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In der nassen Erde zu liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu haben.

Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen und ihre freche Lüge von der Freude des Daseins einem ins Herz funkeln wollte!

Nein! ich ließ mich nicht mehr narren, wollte nicht länger der Spielball sein eines täppischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob und dann wieder in Pfützen stieß, bloß damit ich die Vergänglichkeit alles Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich längst wußte, was jedes Kind weiß, jeder Hund auf der Straße weiß.

Arme, arme Mirjam! Wenn ich _ihr_ wenigstens helfen könnte.

Es hieß, einen Entschluß fassen, einen ernsten, unabänderlichen Beschluß, bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen konnte und mir neue Trugbilder vorgaukeln.

Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich des Unverweslichen?

Zu nichts, zu gar gar nichts.

Nur dazu vielleicht, daß ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die Erde als unmögliche Qual empfand.

Da gab es nur noch eins.

Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen hatte.

Ja, nur _so_ ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte!

Alles, was ich besaß -- die paar Edelsteine in der Schublade dazu -- zusammenschnüren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre wenigstens würde es die Sorge ums tägliche Leben von ihr nehmen. Und einen Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie stand mit dem »Wunder«.

Er allein konnte ihr helfen.

Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie.

Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn ich jetzt auf die Bank ging -- in einer Stunde konnte alles in Ordnung gebracht sein.

Und dann noch einen Strauß roter Rosen kaufen für Angelina! -- -- -- -- es schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. -- Nur noch einen Tag, einen einzigen Tag möchte ich leben!

Um dann abermals dieselbe würgende Verzweiflung mitmachen zu müssen?

Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie eine Befriedigung über mich, daß ich mir nicht nachgegeben hatte.

Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?

Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, -- wollte sie fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon vorgenommen.

Ich haßte die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wäre zum Mörder geworden durch sie.

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Wer kam mich denn da wieder stören?

Es war der Trödler.

»Nur en Augenblick, Herr von Pernath«, bat er fassungslos, als ich ihm bedeutete, daß ich keine Zeit hätte. »Nur en ganz en kurzen Augenblick. Nur ä paar Worte.«

Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.

»Kann man hier auch ungestört mit Ihnen sprechen, Herr von Pernath? Ich möcht' nicht, daß der -- der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch lieber die Tür ab, oder geh' mer besser ins Nebenzimmer«, -- er zog mich in seiner gewohnten, heftigen Art hinter sich drein.

Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte heiser:

»Ich hab mir's überlegt, wissen Sie, -- das von neilich. Es is besser so. Es kommt nix heraus dabei. Gut. Vorüber is vorüber.«

Ich suchte in seinen Augen zu lesen.

Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne, solche Anstrengung kostete es ihn.

»Das freut mich, Herr Wassertrum,« sagte ich so freundlich ich konnte, »das Leben ist zu trüb, als daß man es sich gegenseitig noch mit Haß verbittern sollte.«

»Rein, als ob man ä gedrucktes Buch reden hört,« grunzte er erleichtert, wühlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr mit den verbogenen Sprungdeckeln hervor, »und damit Sie sehen, ich mein's ehrlich, müssen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk.«

»Was fällt Ihnen denn ein,« wehrte ich ab, »Sie werden doch wohl nicht glauben -- --«, da fiel mir ein, was Mirjam über ihn gesagt hatte, und ich streckte ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kränken.

Er achtete nicht darauf, wurde plötzlich weiß wie die Wand, lauschte und röchelte:

»Da! Da! Hab' ich's doch gewußt. Schon wieder der Hillel! Er klopft.«

Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog zu seiner Beruhigung die Verbindungstür hinter mir halb zu.

Es war diesmal nicht Hillel. _Charousek_ trat ein, legte, wie zum Zeichen, daß er wisse, _wer_ nebenan sei, den Finger an die Lippen und überschüttete mich in der nächsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich sagen würde, mit einem Schwall von Worten:

»Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, wie soll ich nur die Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrücken, daß ich Sie allein und wohlauf zu Hause antreffe.« -- -- Er sprach wie ein Schauspieler, und seine schwülstige, unnatürliche Redeweise stand in so krassem Gegensatz zu seinem verzerrten Gesicht, daß ich ein tiefes Grauen vor ihm empfand.

»Niemals hätte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu Ihnen zu kommen, in dem Sie mich gewiß schon des öfteren auf der Straße erblickt haben, -- doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft huldreich die Hand gereicht.

Daß ich heute vor Sie hintreten kann mit weißem Kragen und in sauberem Anzug, -- wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider -- ach -- meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung übermannt mich, wenn ich seiner gedenke.

Selber in bescheidenen Verhältnissen, hat er dennoch eine offene Hand für Arme und Bedürftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem Laden stehen sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu treten und ihm stumm die Hand zu drücken.

Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging, schenkte mir Geld und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung einen Anzug kaufen zu können.

Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltäter war? --

Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt hat, welch goldenes Herz in seinem Busen schlägt: Es war -- Herr Aaron Wassertrum!« -- --

-- -- Ich verstand natürlich, daß Charousek seine Komödie auf den Trödler, der nebenan lauschte, gemünzt hatte, wenn mir auch unklar blieb, was er damit bezweckte; keinesfalls schien mir die allzuplumpe Schmeichelei geeignet, den mißtrauischen Wassertrum hinters Licht zu führen. Charousek erriet offenbar aus meiner bedenklichen Miene, was ich dachte, schüttelte grinsend den Kopf, und auch seine nächsten Worte sollten mir wahrscheinlich sagen, daß er seinen Mann genau kenne und wisse, wie dick er auftragen dürfe.

»Jawohl! Herr -- Aaron -- Wassertrum! Es drückt mir fast das Herz ab, daß ich ihm nicht selbst sagen kann, wie unendlich dankbar ich ihm bin, und ich beschwöre Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, daß ich hier war und Ihnen alles erzählt habe. -- Ich weiß, die Selbstsucht der Menschen hat ihn verbittert und tiefes, unheilbares -- ach, leider nur zu gerechtfertigtes Mißtrauen in seine Brust gepflanzt.

Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefühl sagt mir, es ist am besten, Herr Wassertrum erfährt nie -- auch aus meinem Munde nicht -- wie hoch ich von ihm denke. -- Es hieße das: Zweifel in sein unglückliches Herz säen. Und das sei ferne von mir. Lieber soll er mich für undankbar halten.

Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglücklicher und weiß von Kindesbeinen an, was es heißt, einsam und verlassen in der Welt zu stehen! Ich kenne nicht einmal den Namen meines Vaters. Auch mein Mütterlein habe ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie muß frühzeitig gestorben sein --« Charouseks Stimme wurde seltsam geheimnisvoll und eindringlich, -- »und war, wie ich bestimmt glaube, eine jener tiefseelisch angelegten Naturen, die nie sagen können, wie unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron Wassertrum gehört.

Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter -- ich trage das Blatt beständig auf der Brust -- und darin steht, daß sie meinen Vater, obschon er häßlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie wohl noch nie ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.

Dennoch scheint sie es ihm nie gesagt zu haben. -- Vielleicht aus ähnlichen Gründen, weshalb ich z. B. Herrn Wassertrum nicht sagen könnte -- und wenn mir das Herz darüber bräche -- was ich für ihn an Dankbarkeit fühle.

Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, wenn ich es auch nur erraten kann, denn die Sätze sind fast unleserlich vor Tränenspuren: mein Vater, wer auch immer er gewesen war -- sein Andenken möge vergehen im Himmel und auf Erden! -- muß scheußlich an meiner Mutter gehandelt haben.«

-- Charousek fiel plötzlich auf die Knie, daß der Boden dröhnte, und schrie in so markerschütternden Tönen, daß ich nicht wußte, spielte er noch immer Komödie oder war er wahnsinnig geworden:

»_Du Allmächtiger, dessen Namen der Mensch nicht aussprechen soll, hier auf meinen Knien liege ich vor dir: verflucht, verflucht, verflucht sei mein Vater in alle Ewigkeit!_«

Er biß das letzte Wort förmlich entzwei und horchte eine Sekunde lang mit aufgerissenen Augen.

Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als hätte Wassertrum nebenan leise gestöhnt.

»Verzeihen Sie, Meister,« fuhr Charousek nach einer Pause mit mimenhaft erstickter Stimme fort, »verzeihen Sie, daß es mich übermannt hat, aber es ist mein Gebet früh und spät, der Allmächtige wolle es fügen, daß mein Vater, wer immer er auch sein möge, dereinst das gräßlichste Ende nehme, das sich ausdenken läßt.«

Ich wollte unwillkürlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach mich rasch:

»Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte, die ich Ihnen vorzutragen habe:

Herr Wassertrum besaß einen Schützling, den er über die Maßen ins Herz geschlossen hatte, -- es dürfte ein Neffe von ihm gewesen sein. Es heißt sogar, er sei sein Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn sonst hätte er doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit aber hieß er: Wassory, Dr. Theodor Wassory.

Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir sehe. Ich war ihm aus ganzer Seele zugetan, als hätte mich ein unmittelbares Band der Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknüpft.«

Charousek schluchzte, als könne er vor Ergriffenheit kaum weitersprechen.

»Ach, daß dieser Edeling von der Erde gehen mußte! -- Ach! Ach!

Was auch der Grund gewesen sein mag, -- ich habe ihn nie erfahren -- er hat sich selbst den Tod gegeben. Und ich war unter denen, die zu Hilfe gerufen wurden -- -- ach, ach, zu spät -- zu spät -- zu spät! Und als ich dann allein am Totenlager stand und seine kalte, bleiche Hand mit Küssen bedeckte, da -- warum soll ich es nicht eingestehen, Meister Pernath? -- es war ja doch kein Diebstahl -- da nahm ich eine Rose von der Brust der Leiche und eignete mir das Fläschchen an, mit dessen Inhalt der Unglückliche seinem blühenden Leben ein schnelles Ende bereitet hatte.«

Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:

»Beides -- lege -- ich -- hier -- auf -- Ihren Tisch, die verdorrte Rose und die Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen Freund.

Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod herbeiwünschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach meiner toten Mutter, spielte ich mit diesem Fläschchen, und es gab mir einen seligen Trost, zu wissen: _ich brauchte nur die Flüssigkeit auf ein Tuch zu gießen und einzuatmen_ und schwebte schmerzlos hinüber in die Gefilde, wo mein lieber, guter Theodor ausruht von den Mühsalen unseres Jammertales.