Der Golem

Part 13

Chapter 133,618 wordsPublic domain

Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann riß er ihn mir aus der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch gesehen, wie ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten; ich konnte auch damals schon genug Hebräisch, um zu verstehen, was er murmelte: >Alles ist verflucht, was meine Hand berührt.< -- -- Es war das letzte Mal, daß ich ihn besuchen durfte. Nie wieder hat er mich seitdem aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich weiß auch warum: Hätte ich ihn nicht zu trösten versucht, wäre alles beim alten geblieben, so aber, weil er mir unendlich leid tat, und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr sehen. -- -- -- Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist doch so einfach: er ist ein Besessener, -- ein Mensch, der sofort mißtrauisch, unheilbar mißtrauisch wird, wenn jemand an sein Herz rührt. Er hält sich für noch viel häßlicher, als er in Wirklichkeit ist, -- wenn das überhaupt möglich sein kann, -- und darin wurzelt sein ganzes Denken und Handeln. Man sagt, seine Frau hätte ihn gern gehabt, vielleicht war es mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr viele Leute. Der einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. Überall wittert er Verrat und Haß.

Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, daß er ihn vom Säuglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder Eigenschaft vom Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie zu einem Punkte gelangte, wo sein Mißtrauen hätte einsetzen können, oder ob es im jüdischen Blute lag: alles, was an Liebesfähigkeit in ihm lebte, auf seinen Nachkommen auszugießen -- in jener instinktiven Furcht unserer Rasse: wir könnten aussterben und eine Mission nicht erfüllen, die wir vergessen haben, die aber dunkel in uns fortlebt, -- wer kann das wissen!

Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung seines Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissenstätigkeit hätte beitragen können, um ihm künftige seelische Leiden zu ersparen.

Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzäußerung ein mechanischer Reflex.

Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für sich selbst herauspressen wie nur irgend möglich, und dann die Schale sofort als nutzlos wegwerfen: das war ungefähr das Abc seines weitblickenden Erziehungssystems.

Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur >Macht< dabei eine erste Rolle spielte, können Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er selbst den eigenen Reichtum sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines Einflusses in Dunkel zu hüllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm aber gleichzeitig die Qual eines scheinbar ärmlichen Lebens zu ersparen: er durchtränkte ihn mit der infernalischen Lüge von der >Schönheit<, brachte ihm die äußere und innere Gebärde der Ästhetik bei, lehrte ihn _äußerlich_: die Lilie auf dem Felde heucheln und _innerlich_ ein Aasgeier sein.

Natürlich war das mit der >Schönheit< wohl kaum eigene Erfindung von ihm -- vermutlich die >Verbesserung< eines Ratschlages, den ihm ein Gebildeter gegeben hatte.

Daß ihn sein Sohn später verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm er niemals übel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur _Pflicht_: denn seine Liebe war selbstlos und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte: -- von der Art, die übers Grab hinausgeht.«

Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre Gedanken stumm weiterspann, hörte es an dem veränderten Klang ihrer Stimme, als sie sagte:

»Seltsame Früchte wachsen auf dem Baume des Judentums.«

»Sagen Sie, Mirjam,« fragte ich, »haben Sie nie davon gehört, daß Wassertrum eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat? Ich weiß nicht mehr, wer es mir erzählt hat, -- es war vielleicht nur ein Traum -- --«

»Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine lebensgroße Wachsfigur steht in der Ecke, in der er, mitten unter dem tollsten Gerümpel, auf seinem Strohsack schläft. Er hat sie vor Jahren einem Schaubudenbesitzer abgewuchert, heißt es, bloß weil sie einem Mädchen -- einer Christin -- ähnlich sah, die angeblich einmal seine Geliebte gewesen sein soll.«

»Charouseks Mutter!« drängte es sich mir auf.

»Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?«

Mirjam schüttelte den Kopf. »Wenn Ihnen daran liegt -- soll ich mich erkundigen?«

»Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen gleichgültig« (ich sah an ihren blitzenden Augen, daß sie sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte nicht wieder zu sich kommen, nahm ich mir vor) »aber was mich viel mehr interessiert, ist das Gebiet, von dem Sie vorhin flüchtig sprachen. Ich meine das vom >Tauwind<. -- Ihr Vater würde Ihnen doch gewiß nicht vorschreiben, wen Sie heiraten sollen?«

Sie lachte lustig auf:

»Mein Vater? Wo denken Sie hin!«

»Nun, das ist ein großes Glück für mich.«

»Wieso?« fragte sie arglos.

»Weil ich dann noch Chancen habe.«

Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht anders hin, aber doch sprang sie rasch auf und ging ans Fenster, um mich nicht sehen zu lassen, daß sie rot wurde.

Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:

»Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich müssen Sie einweihen, wenn's einmal so weit ist. -- Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu bleiben?«

»Nein! nein! nein!« -- sie wehrte so entschlossen ab, daß ich unwillkürlich lächelte -- »einmal muß ich ja doch heiraten.«

»Natürlich! Selbstverständlich!«

Sie wurde nervös wie ein Backfisch.

»Können Sie denn nicht eine Minute lang ernsthaft bleiben, Herr Pernath?« -- Ich machte gehorsam ein Lehrergesicht und sie setzte sich wieder. -- »Also: wenn ich sage, ich muß doch einmal heiraten, so meine ich damit, daß ich mir zwar bis jetzt den Kopf über die näheren Umstände nicht zerbrochen habe, den Sinn des Lebens aber gewiß nicht verstünde, wenn ich annehmen würde, ich sei als Weib auf die Welt gekommen, um kinderlos zu bleiben.«

Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren Zügen.

»Es gehört mit zu meinen Träumen,« fuhr sie leise fort, »mir vorzustellen, daß es ein Endziel ist, wenn zwei Wesen zu einem verschmelzen, -- zu dem, was -- -- haben Sie nie von dem alten ägyptischen Osiriskult gehört? -- zu dem verschmelzen, was der >Hermaphrodit< als Symbol bedeuten mag.«

Ich horchte gespannt auf: »Der Hermaphrodit --?«

»Ich meine: Die magische Vereinigung von männlich und weiblich im Menschengeschlecht zu einem Halbgott. Als Endziel! -- Nein, nicht als Endziel, als Beginn eines neuen Weges, der ewig ist -- _kein_ Ende hat.«

»Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden,« fragte ich erschüttert, »den Sie suchen? -- Kann es nicht sein, daß er in einem fernen Land lebt, vielleicht gar nicht auf Erden ist?«

»Davon weiß ich nichts;« sagte sie einfach, »ich kann nur warten. Wenn er durch Zeit und Raum von mir getrennt ist, -- was ich nicht glaube, weshalb wäre ich dann hier im Ghetto angebunden? -- oder durch die Klüfte gegenseitigen Nichterkennens -- und ich finde ihn nicht, dann hat mein Leben keinen Zweck gehabt und war das gedankenlose Spiel eines idiotischen Dämons. -- Aber, bitte, bitte, reden wir nicht mehr davon,« flehte sie, »wenn man den Gedanken nur ausspricht, bekommt er schon einen häßlichen, irdischen Beigeschmack, und ich möchte nicht --«

Sie brach plötzlich ab.

»Was möchten Sie nicht, Mirjam?«

Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte:

»Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!«

Seidenkleider raschelten auf dem Gang.

Ungestümes Klopfen. Dann:

Angelina!

Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurück:

»Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes -- Frau Gräfin --«

»Nicht einmal vorfahren kann man mehr. Überall das Pflaster aufgerissen. Wann werden Sie einmal in eine menschenwürdige Gegend siedeln, Meister Pernath? Draußen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, daß es einem die Brust zersprengt, und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte wie ein alter Frosch, -- -- übrigens wissen Sie, daß ich gestern bei meinem Juwelier war und er gesagt hat: Sie sind der größte Künstler, der feinste Gemmenschneider, den es heute gibt, wenn nicht einer der größten, die je gelebt haben?!« -- Angelina plauderte wie ein Wasserfall, und ich war verzaubert. Sah nur mehr ihre strahlenden, blauen Augen, die kleinen Füße in den winzigen Lackstiefeln, sah das kapriziöse Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und die rosigen Ohrläppchen.

Sie ließ sich kaum Zeit auszuatmen.

»An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon Angst, Sie nicht zu Hause zu treffen. Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen? Wir fahren zuerst -- ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst einmal -- warten Sie -- -- ja: vielleicht in den Baumgarten, oder kurz: irgendwohin ins Freie, wo man so recht das Keimen und heimliche Sprossen in der Luft ahnt. Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann essen Sie bei mir, -- und dann schwätzen wir bis abends. Nehmen Sie doch Ihren Hut! Worauf warten Sie denn? -- Eine warme, ganz weiche Decke ist unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und kuscheln uns zusammen, bis uns siedheiß wird.«

Was sollte ich nur sagen?! -- -- »Soeben habe ich mit der Tochter meines Freundes hier eine Spazierfahrt verabredet -- --«

Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe ich aussprechen konnte.

Ich begleitete sie bis vor die Tür, obschon sie mich freundlich abwehren wollte.

»Hören Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht so sagen, wie ich an Ihnen hänge -- -- und daß ich tausendmal lieber mit Ihnen -- --«

»Sie dürfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath,« drängte sie, »adieu und viel Vergnügen!«

Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, aber ich sah, daß der Glanz in ihren Augen erloschen war.

Sie eilte die Treppe hinunter und das Leid schnürte mir die Kehle zusammen.

Mir war, als hätte ich eine Welt verloren.

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Wie im Rausch saß ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab durch die menschenüberfüllten Straßen.

Eine Brandung des Lebens rings um mich, daß ich, halbbetäubt, nur noch die kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir vorüberhuschte, unterscheiden konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten, blanke Zylinderhüte, weiße Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa Halsschleife, der kläffend in die Räder beißen wollte, schäumende Rappen, die uns entgegensausten in silbernen Geschirren, ein Ladenfenster, drin schimmernde Schalen voll Perlschnüren und funkelnden Geschmeiden, -- Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften.

Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, ließ mich die Wärme von Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend empfinden.

Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn wir an ihnen vorüberjagten.

Dann ging's im Schritt über das Quai, das eine einzige Wagenreihe war, an der eingestürzten steinernen Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl gaffender Gesichter.

Ich blickte kaum hin: -- das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, -- alles, alles war mir unendlich viel wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort unten den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. --

Parkwege. Dann -- gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter den Hufen der Pferde, nasse Luft, blätterlose Baumriesen voll von Krähennestern, totes Wiesengrün mit weißlichen Inseln schwindenden Schnees, alles zog an mir vorbei wie geträumt.

Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgültig, kam Angelina auf Dr. Savioli zu sprechen.

»Jetzt, wo die Gefahr vorüber ist,« sagte sie mit entzückender, kindlicher Unbefangenheit, »und ich weiß, daß es ihm auch wieder besser geht, kommt mir alles das, was ich mitgemacht habe, so gräßlich langweilig vor. -- Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die Augen zumachen und untertauchen in dem glitzernden Schaum des Lebens. Ich glaube, alle Frauen sind so. Sie gestehen es bloß nicht ein. Oder sind sie so dumm, daß sie es selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch?« Sie hörte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. »Übrigens sind mir Frauen vollständig uninteressant. Sie dürfen es natürlich nicht als Schmeichelei auffassen: aber -- wahrhaftig, die bloße Nähe eines sympathischen Mannes ist mir im kleinen Finger lieber, als das anregendste Gespräch mit einer noch so gescheiten Frau. Es ist ja schließlich doch alles dummes Zeug, was man da zusammenschwätzt. -- Höchstens: das bißchen Putz -- na und! Die Moden wechseln ja nicht gar so häufig. -- -- Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?«, fragte sie plötzlich kokett, daß ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen mußte, nicht ihr Köpfchen zwischen meine Hände zu nehmen und sie in den Nacken zu küssen, -- »sagen Sie, daß ich leichtsinnig bin!«

Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in mich ein.

Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit strohumwickelten Zierstauden, die aussahen in ihren Hüllen wie Rümpfe von Ungeheuern mit abgehauenen Gliedern und Häuptern.

Leute saßen auf Bänken in der Sonne und blickten hinter uns drein und steckten die Köpfe zusammen.

Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Wie war Angelina doch so vollständig anders, als sie bisher in meiner Einbildung gelebt hatte! -- Als sei sie erst heute für mich in die Gegenwart gerückt!

War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der Domkirche getröstet hatte?

Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund.

Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste ein Bild zu sehen.

Der Wagen bog über eine feuchte Wiese.

Es roch nach erwachender Erde.

»Wissen Sie, -- -- Frau -- --?«

»Nennen Sie mich doch Angelina«, unterbrach sie mich leise.

»Wissen Sie, Angelina, daß -- daß ich heute die ganze Nacht von Ihnen geträumt habe?«, stieß ich gepreßt hervor.

Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle sie ihren Arm aus meinem ziehen, und sah mich groß an. »Merkwürdig! Und ich von Ihnen! -- Und in diesem Moment habe ich dasselbe gedacht.«

Wieder stockte das Gespräch und beide errieten wir, daß wir auch dasselbe geträumt hatten.

Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich an meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen hinaus. -- -- --

Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den weißen, duftenden Handschuh zurück, hörte, wie ihr Atem heftig wurde, und preßte toll vor Liebe meine Zähne in ihren Handballen.

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-- -- Stunden später ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel hinab der Stadt zu. Planlos wählte ich die Straßen und ging lange, ohne es zu wissen, im Kreise herum.

Dann stand ich am Fluß über ein eisernes Geländer gebeugt und starrte hinab in die tosenden Wellen.

Noch immer fühlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken, sah das steinerne Becken des Springbrunnens, an dem wir schon einmal Abschied voneinander genommen vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden Ulmenblättern darin, und sie wanderte wieder mit mir, wie soeben erst vor kurzem, den Kopf an meine Schulter gelehnt, stumm durch den fröstelnden, dämmrigen Park ihres Schlosses.

Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu träumen.

Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen verschlang die letzten, aufmurrenden Geräusche der schlafengehenden Stadt.

Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und aufblickte, lag der Fluß in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von der schweren Nacht erdrückt, schwarzgrau dahinströmte und der Gischt des Staudamms als weißer, blendender Streifen schräg hinüber zum andern Ufer lief.

Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurück zu müssen in mein trauriges Haus.

Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für immer zum Fremdling in meiner Wohnstätte gemacht.

Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von Tagen, dann mußte das Glück vorüber sein -- und nichts blieb davon, als eine wehe, schöne Erinnerung.

Und dann?

Dann war ich heimatlos hier und drüben, diesseits und jenseits des Flusses.

Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das Schloß werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das finstere Ghetto ging. -- -- -- Ich schlug die Richtung ein, aus der ich gekommen war, tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen entlang und über schlummernde Plätze, sah schwarze Monumente drohend auftauchen und einsame Schilderhäuser und die Schnörkel von Barockfassaden. Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen, phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in der Luft.

Mein Fuß tastete breite, steinerne Stufenflächen, mit Kies bestreut. Wo war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwärts führt?

Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen Äste eines Baumes hängen herüber. Sie kommen vom Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich hinter der Nebelwand. --

Ein paar morsche, dünne Zweige brechen krachend ab, wie mein Hut sie streift, und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen Abgrund, der mir meine Füße verbirgt.

Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne -- irgendwo -- rätselhaft -- zwischen Himmel und Erde. -- -- --

Ich mußte fehlgegangen sein. Es konnte nur die »alte Schloßstiege« sein neben den Hängen der Fürstenbergschen Gärten -- -- --

Dann lange Strecken lehmiger Erde. -- Ein gepflasterter Weg.

Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in einer schwarzen, steifen Zipfelmütze: »die Daliborka« = der Hungerturm, in dem Menschen einst verschmachteten, derweilen Könige unten im »Hirschgraben« das Wild hetzten.

Ein schmales, gewundenes Gäßchen mit Schießscharten, ein Schneckengang, kaum breit genug, die Schultern durchzulassen -- und ich stand vor einer Reihe von Häuschen, keines höher als ich.

Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die Dächer greifen.

Ich war in die »Goldmachergasse« geraten, wo im Mittelalter die alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglüht und die Mondstrahlen vergiftet haben.

Es führte kein anderer Weg hinaus als der, den ich gekommen war.

Aber ich fand die Mauerlücke nicht mehr, die mich eingelassen, -- stieß an ein Holzgatter.

Es nützt nichts, ich muß jemand wecken, damit man mir den Weg zeigt, sagte ich mir. Sonderbar, daß hier ein Haus die Gasse abschließt -- größer als die andern und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht entsinnen, es je bemerkt zu haben.

Es muß wohl weiß getüncht sein, daß es so hell aus dem Nebel leuchtet?

Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif, drücke das Gesicht an die Scheiben: -- alles finster. Ich klopfe ans Fenster. -- Da geht drinnen ein steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand, durch eine Tür mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die Stube, bleibt stehen, dreht langsam den Kopf nach den verstaubten alchimistischen Retorten und Kolben an der Wand, starrt nachdenklich auf die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet dann seinen Blick unverwandt auf mich.

Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die Augenhöhlen, daß es aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie.

Er sieht mich offenbar nicht.

Ich klopfe ans Glas.

Er hört mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem Zimmer.

Ich warte vergebens.

Klopfe ans Haustor: niemand öffnet -- -- --

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Es blieb mir nichts übrig, als so lange zu suchen, bis ich den Ausgang aus der Gasse endlich fand.

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Ob es nicht am besten wäre, ich ginge noch unter Menschen, überlegte ich. -- Zu meinen Freunden: Zwakh, Prokop und Vrieslander ins »alte Ungelt«, wo sie bestimmt sein würden --, um meine verzehrende Sehnsucht nach Angelinas Küssen wenigstens für ein paar Stunden zu übertäuben? Rasch mache ich mich auf den Weg.

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Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen, alten Tisch herum, -- alle drei: weiße dünnstielige Tonpfeifen zwischen den Zähnen, und das Zimmer voll Rauch.

Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden, so schluckten die dunkelbraunen Wände das spärliche Licht der altmodischen Hängelampe ein.

In der Ecke die spindeldürre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit ihrem ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben Entenschnabelnase!

Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen, so daß die Stimmen der Gäste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms herüberdrangen.

Vrieslander, seinen kegelförmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem Kopf, mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe unter dem Auge, sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem vergessenen Jahrhundert.

Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken gesteckt, klapperte unaufhörlich mit seinen gespenstisch langen Knochenfingern und sah bewundernd zu, wie sich Zwakh abmühte, der bauchigen Arakflasche das Purpurmäntelchen einer Marionette umzuhängen.

»Das wird Babinski«, erklärte mir Vrieslander mit tiefem Ernst. »Sie wissen nicht, wer Babinski war? Zwakh, erzählen Sie Pernath rasch, wer Babinski war!«

»Babinski war«, begann Zwakh sofort, ohne auch nur eine Sekunde von seiner Arbeit aufzusehen, »einst ein berühmter Raubmörder in Prag. -- Viele Jahre betrieb er sein schändliches Handwerk, ohne daß es jemand bemerkt hätte. Nach und nach jedoch fiel es den besseren Familien auf, daß bald dieses, bald jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und sich nie wieder blicken ließ. Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die Sache gewissermaßen ihre guten Seiten hatte, indem man weniger zu kochen brauchte, so durfte wiederum nicht außer acht gelassen werden, daß das Ansehen in der Gesellschaft leicht darunter leiden und man ins Gerede kommen konnte.

Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Töchter handelte.

Überdies verlangte es die Hochachtung vor sich selbst, daß man auf ein bürgerliches Zusammenleben in der Familie nach außen hin das nötige Gewicht legte.

Die Zeitungsrubriken: »Kehre zurück, alles ist verziehen« wuchsen immer mehr und mehr, -- ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig wie die meisten Berufsmörder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, -- und erregten schließlich die allgemeine Aufmerksamkeit.

In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war, mit der Zeit durch seine unverdrossene Tätigkeit ein kleines, aber trautes Heim geschaffen. Ein Häuschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Gärtchen davor mit blühenden Geranien.

Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten, sich zu vergrößern, sah er sich genötigt, um die Leichen seiner Opfer unauffällig bestatten zu können, statt eines Blumenbeetes -- wie er es gern gesehen hätte -- einen grasbewachsenen und schlichten, aber, den Umständen angemessen: zweckmäßigen Grabhügel anzulegen, der sich mühelos verlängern ließ, wenn es der Betrieb oder die Saison erforderte.

Auf dieser Weihestätte pflegte Babinski allabendlich nach des Tages Last und Mühen in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sitzen und auf seiner Flöte allerlei schwermütige Weisen zu blasen.« -- --

»Halt!« unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen Hausschlüssel aus der Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette an den Mund und sang:

»Zimzerlim zambusla -- deh«.

»Waren Sie denn dabei, daß Sie die Melodie so genau kennen?«, fragte Vrieslander erstaunt.