Part 12
»Freilich, natürlich, es gehört zum Geschäft, daß man's fein hat,« raffte er sich auf, zu sagen, »wenn man -- so noble Besuche bekommt.« Er wollte die Augen aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte auf mich machten, hielt es aber offenbar noch für verfrüht und schloß sie schnell wieder.
Ich wollte ihn in die Enge treiben: »Sie meinen die Dame, die neulich hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!«
Er zögerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und zerrte mich ans Fenster.
Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich daran, wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine Höhle gerissen hatte.
Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:
»Was glauben Sie, Herr Pernath, laßt sich da noch was machen?«
Es war eine goldene Uhr, mit so stark verbeulten Deckeln, daß es fast aussah, als hätte sie jemand mit Absicht verbogen.
Ich nahm ein Vergrößerungsglas: die Scharniere waren zur Hälfte abgerissen und innen -- stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr leserlich und noch überdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt. Langsam entzifferte ich:
K--rl Zott--mann.
Zottmann? Zottmann? -- Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann? Ich konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?
Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand:
»Im Werk is nix, da hab' ich schon selber geschaut. Aber mit'm Gehäuse, da stinkt's.«
»Braucht man nur gerade zu klopfen -- höchstens ein paar Lötstellen. Das kann Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr Wassertrum.«
»Ich leg' doch Wert darauf, daß es eine solide Arbeit wird. Was man so sagt: künstlerisch,« unterbrach er mich hastig. Fast ängstlich.
»Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt --«
»Viel daran liegt!« Seine Stimme schnappte über vor Eifer. »Ich will sie doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemanden zeig', will ich sagen können: schauen Sie mal her, _so_ arbeitet der Herr von Pernath.«
Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwärtigen Schmeicheleien förmlich ins Gesicht.
»Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein.«
Wassertrum wand sich in Krämpfen: »Das gibt's nicht. Das will ich nicht. Drei Tag. Vier Tag. Die nächste Woche ist Zeit genug. Das ganze Leben möcht' ich mir Vorwürfe machen, daß ich Ihnen gedrängt hab'.«
Was wollte er nur, daß er so außer sich geriet? -- Ich machte einen Schritt ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas Photographie lag obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu -- für den Fall, daß Wassertrum mir nachblicken sollte.
Als ich zurückkam, fiel mir auf, daß er sich verfärbt hatte.
Ich musterte ihn scharf, ließ aber meinen Verdacht sofort fallen: Unmöglich! Er _konnte_ nichts gesehen haben.
»Also, dann vielleicht nächste Woche,« sagte ich, um seinem Besuch ein Ende zu machen.
Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und setzte sich.
Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf. -- --
Pause.
»Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen machen, wenn's herauskommt. Waas?« sprudelte er plötzlich ohne jede Einleitung auf mich los und schlug mit der Faust auf den Tisch.
Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er von einer Sprechweise in die andere übergehen -- von Schmeicheltönen blitzartig ins Brutale springen konnte, und ich hielt es für sehr wahrscheinlich, daß die meisten Menschen, besonders Frauen, sich im Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mußten, wenn er nur die geringste Waffe gegen sie besaß.
Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tür setzen, war mein erster Gedanke; dann überlegte ich, ob es nicht klüger sei, ihn zuvörderst einmal gründlich auszuhorchen.
»Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum;« -- ich bemühte mich, ein möglichst dummes Gesicht zu machen. »Duksel? Was ist das: Duksel?«
»Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?« fuhr er mich grob an. »Die Hand werden Sie aufheben müssen bei Gericht, wenn's um die Wurscht geht. Verstehen Sie mich?! Das sag' ich Ihnen!« -- Er fing an zu schreien: »Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwören, daß >sie< von da drüben« -- er deutete mit dem Daumen nach dem Atelier -- »zu Ihnen heribber geloffen is mit en Teppich an und -- sonst nix!«
Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und schüttelte ihn:
»Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?«
Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte:
»Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein' doch bloß.«
Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.
Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der festen Absicht, die Sache, soweit sie Angelina betraf, ein für allemal mit ihm ins Reine zu bringen und, sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich die Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen Pfeile vorzeitig zu verschießen.
Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf den Kopf zu, daß Erpressungen irgendwelcher Art -- ich betonte das Wort -- mißglücken müßten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit Beweisen erhärten könnte und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es wäre überhaupt im Bereiche der Möglichkeit, daß es je zu einer solchen käme) -- _bestimmt_ zu entziehen wissen würde. Angelina stünde mir viel zu nahe, als daß ich sie nicht in der Stunde der Not retten würde, koste es, was es wolle, _sogar einen Meineid_!
Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis zur Nase auseinander, er fletschte die Zähne und kollerte wie ein Truthahn mir immer wieder in die Rede hinein: »Will ich denn was von die Duksel? So hören Sie doch zu!« -- Er war außer sich vor Ungeduld, daß ich mich nicht beirren ließ. -- »Um den Savioli is mir's zu tun, um den gottverfluchten Hund, -- den -- den --,« fuhr es ihm plötzlich brüllend heraus.
Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich ihn haben wollte, aber schon hatte er sich gefaßt und fixierte wieder meine Weste.
»Hören Sie zu, Pernath,« er zwang sich, die kühle, abwägende Sprechweise eines Kaufmanns nachzuahmen, »Sie reden fort von der Duk -- -- von der Dame. Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem -- mit dem jungen Lauser. Was hab' ich damit zu tun?« Er bewegte die Hände vor meinem Gesicht hin und her, die Fingerspitzen zusammengedrückt, als hielte er eine Prise Salz darin -- »soll _sie_ sich das selber abmachen, die Duksel. -- Ich bin e Weltmann, und Sie sin auch e Weltmann. Wir kennen doch das beide. Waas? Ich will doch nur zu meinem Geld kommen. Verstehen Sie, Pernath?!«
Ich horchte erstaunt auf:
»Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?«
Wassertrum wich aus:
»Abrechnungen hab' ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus.«
»Sie wollen ihn ermorden!« schrie ich.
Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.
»Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komödie vorspielen!« Ich deutete auf die Tür. »Schauen Sie, daß Sie hinauskommen.«
Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum Gehen. Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren ich ihn nie für fähig gehalten hätte:
»Auch recht. Ich hab' Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht. Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbüchel ist voll. Wenn Sie gescheit gewesen wären --: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg!? -- _Jetzt_ -- _mach_ -- _ich_ -- _mit_ -- _Ihnen allen dreien_« -- er deutete mit einer Geste des Erdrosselns an, was er meinte -- »_Preßcolleeh_.«
Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit aus, und er schien seiner Sache so sicher zu sein, daß mir das Blut in den Adern erstarrte. Er mußte eine Waffe in Händen haben, von der ich nichts ahnte, die auch Charousek nicht kannte. Ich fühlte den Boden unter mir wanken.
»_Die Feile! Die Feile!_« hörte ich es in meinem Hirn flüstern. Ich schätzte die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch -- zwei Schritte bis zu Wassertrum -- -- ich wollte zuspringen -- -- -- da stand wie aus dem Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle.
Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.
Ich sah nur -- wie durch Nebel --, daß Hillel unbeweglich stehen blieb und Wassertrum Schritt für Schritt bis an die Wand zurückwich.
Dann hörte ich Hillel sagen:
»Sie kennen doch, Aaron, den Satz: _Alle Juden sind Bürgen füreinander?_ Machen Sie's einem nicht zu schwer.« -- Er fügte ein paar hebräische Worte hinzu, die ich nicht verstand.
»Was haben Sie das netig, an der Türe zu schnuffeln?« geiferte der Trödler mit bebenden Lippen.
»Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kümmern!« -- wieder schloß Hillel mit einem hebräischen Satz, der diesmal wie eine Drohung klang. Ich erwartete, daß es zu einem Zank kommen würde, aber Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, überlegte einen Augenblick und ging dann trotzig hinaus.
Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen. Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf den Gang hinaus. Ich wollte die Türe schließen gehen: er hielt mich mit einer ungeduldigen Handbewegung zurück.
Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des Trödlers wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel hinaus und machte ihm Platz.
Wassertrum wartete, bis er außer Hörweite war, dann knurrte er mich verbissen an:
»Geben Se mer meine Uhr zorück.«
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Weib
Wo nur Charousek blieb?
Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch immer ließ er sich nicht blicken.
Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet hatten? Oder sah er es vielleicht nicht?
Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, daß der Sonnenstrahl, der darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner Kellerwohnung fiel.
Das Eingreifen Hillels -- gestern -- hatte mich ziemlich beruhigt. Bestimmt würde er mich gewarnt haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wäre.
Überdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben; gleich, nachdem er mich verlassen hatte, war er in seinen Laden zurückgekehrt, -- ich warf einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er unbeweglich hinter seinen Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon frühmorgens gesehen. -- -- --
Unerträglich, das ewige Warten!
Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem Nebenzimmer hereinströmte, machte mich krank vor Sehnsucht.
Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und wie die feinen Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten!
Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll Ungeduld ging ich in der Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.
Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es wollte nicht weichen.
Die ganze Nacht über hatte es mich gequält. Einmal war es Angelina gewesen, die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar ganz harmlos mit Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam abermals Angelina und küßte mich; ich roch den Duft ihres Haares, und ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am Hals, rutschte von ihren entblößten Schultern -- und sie wurde zur Rosina, die mit trunkenen, halbgeschlossenen Augen tanzte -- im Frack -- nackt; -- -- -- und alles in einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen war wie ein Wachsein. Wie ein süßes, verzehrendes, dämmeriges Wachsein.
Gegen Morgen stand dann mein Doppelgänger an meinem Bett, der schattenhafte Habal Garmin, »der Hauch der Knochen«, von dem Hillel gesprochen, -- und ich sah ihm an den Augen an: er war in meiner Macht, _mußte_ mir jede Frage beantworten, die ich ihm stellen würde nach irdischen oder jenseitigen Dingen, und er _wartete_ nur darauf, aber der Durst nach dem Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die Schwüle meines Blutes und versickerte im dürren Erdreich meines Verstandes. -- Ich schickte das Phantom weg, es solle zum Spiegelbild Angelinas werden, und es schrumpfte zusammen zu dem Buchstaben »Aleph«, wuchs wieder empor, stand da als das Koloßweib, splitternackt, wie ich es einstens im Buche Ibbur gesehen, mit dem Pulse gleich einem Erdbeben, und beugte sich über mich und ich atmete den betäubenden Geruch ihres heißen Fleisches ein.
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Kam denn Charousek immer noch nicht? -- Die Glocken sangen von den Kirchtürmen.
Eine Viertelstunde wollte ich noch warten -- dann aber hinaus! Durch belebte Straßen voll festtägig gekleideter Menschen schlendern, mich in das frohe Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen, schöne Frauen sehen mit koketten Gesichtern und schmalen Händen und Füßen.
Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig, entschuldigte ich mich vor mir selbst.
Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord, um mir die Zeit rascher zu vertreiben. --
Vielleicht ließ sich aus den Bildern Anregung schöpfen zum Entwurf einer Kamee?
Ich suchte nach dem Pagad.
Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein?
Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken über ihren verborgenen Sinn. Besonders der »Gehenkte«, -- was konnte er nur bedeuten?:
Ein Mann hängt an einem Seil zwischen Himmel und Erde, den Kopf abwärts, die Arme auf den Rücken gebunden, den rechten Unterschenkel über das linke Bein verschränkt, daß es aussieht wie ein Kreuz über einem verkehrten Dreieck?
Unverständliches Gleichnis.
Da! -- Endlich! Charousek kam.
Oder doch nicht?
Freudige Überraschung: es war Mirjam.
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»Wissen Sie, Mirjam, daß ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und Sie bitten, eine Spazierfahrt mit mir zu machen?« Es war nicht ganz die Wahrheit, aber ich machte mir weiter keine Gedanken darüber. -- »Nicht wahr, Sie schlagen es mir nicht ab?! Ich bin heute so unendlich froh im Herzen, daß Sie, gerade Sie, Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen müssen.«
»-- spazierenfahren?«, wiederholte sie derart verblüfft, daß ich laut auflachen mußte.
»Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?«
»Nein, nein, aber -- --,« sie suchte nach Worten, »unerhört merkwürdig. Spazierenfahren!«
»Durchaus nicht merkwürdig, wenn Sie sich vorhalten, daß es Hunderttausende von Menschen tun -- eigentlich ihr ganzes Leben nichts anderes tun.«
»Ja, _andere_ Menschen!« gab sie, immer noch vollständig überrumpelt, zu.
Ich faßte ihre beiden Hände:
»Was _andere_ Menschen an Freude erleben dürfen, möchte ich, daß Sie, Mirjam, in noch unendlich viel reicherem Maße genießen.«
Sie wurde plötzlich leichenblaß, und ich sah an der starren Taubheit ihres Blickes, woran sie dachte.
Es gab mir einen Stich.
»Sie dürfen es nicht immer mit sich herumtragen, Mirjam,« redete ich ihr zu, »das -- das Wunder. Wollen Sie mir das nicht versprechen -- aus -- aus Freundschaft?«
Sie hörte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an.
»Wenn es Sie nicht so angriffe, könnte ich mich mit Ihnen freuen, aber so? Wissen Sie, daß ich tief besorgt bin um Sie, Mirjam? -- Um -- um -- wie soll ich nur sagen? -- um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie es nicht wörtlich auf, aber --: ich wollte, das Wunder wäre nie geschehen.«
Ich erwartete, sie würde mir widersprechen, aber sie nickte nur in Gedanken versunken.
»Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam?« Sie raffte sich auf:
»Manchmal möchte ich beinahe auch, es wäre nicht geschehen.«
Es klang wie ein Hoffnungsstrahl für mich. -- »Wenn ich mir denken soll,« sie sprach ganz langsam und traumverloren, »daß Zeiten kommen könnten, wo ich ohne solche Wunder leben müßte -- -- --.«
»Sie können doch über Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr --,« fuhr ich ihr unbedacht in die Rede, hielt aber rasch inne, als ich das Entsetzen in ihrem Gesicht bemerkte, -- »ich meine: Sie können plötzlich auf natürliche Weise ihrer Sorgen enthoben werden, und die Wunder, die Sie dann erleben, würden geistiger Art sein: -- innere Erlebnisse.«
Sie schüttelte den Kopf und sagte hart: »Innere Erlebnisse sind keine Wunder. Erstaunlich genug, daß es Menschen zu geben scheint, die überhaupt keine haben. -- Seit meiner Kindheit, Tag für Tag, Nacht für Nacht, erlebe ich --« (sie brach mit einem Ruck ab und ich erriet, daß noch etwas anderes in ihr war, von dem sie mir nie gesprochen hatte, vielleicht das Weben unsichtbarer Geschehnisse, ähnlich den meinigen) -- »aber das gehört nicht hierher. Selbst, wenn einer aufstünde und machte Kranke gesund durch Handauflegen, ich könnte es kein Wunder nennen. Erst, wenn der leblose Stoff -- die Erde -- beseelt wird vom Geist und die Gesetze der Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich mich sehne, seit ich denken kann. -- Mir hat einmal mein Vater gesagt: es gäbe zwei Seiten der Kabbala: eine magische und eine abstrakte, die sich niemals zur Deckung bringen ließen. Wohl könne die magische die abstrakte an sich ziehen, aber nie und nimmer umgekehrt. Die magische ist ein _Geschenk_, die andere _kann_ errungen werden, wenn auch nur mit Hilfe eines Führers.« -- Sie nahm den ersten Faden wieder auf: »Das _Geschenk_ ist es, nach dem ich dürste; was ich mir erringen kann, ist mir gleichgültig und wertlos wie Staub. Wenn ich mir denken soll, es könnten Zeiten kommen, sagte ich vorhin, wo ich wieder ohne diese Wunder leben müßte,« -- ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und Jammer zerfleischten mich, -- »ich glaube, ich sterbe jetzt schon angesichts der bloßen Möglichkeit.«
»Ist das der Grund, weshalb auch Sie wünschten, das Wunder wäre nie geschehen?«, forschte ich.
»Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich -- ich --«, sie dachte einen Augenblick nach, »war noch nicht reif dazu, ein Wunder in dieser Form zu erleben. Das ist es. Wie soll ich es Ihnen nur erklären? Nehmen Sie einmal an, bloß als Beispiel, ich hätte seit Jahren jede Nacht ein und denselben Traum, der sich immer weiter fortspinnt und in dem mich jemand -- sagen wir: ein Bewohner einer andern Welt -- belehrt und mir nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und seinen allmählichen Veränderungen zeigt, wie weit ich von der magischen Reife, ein >Wunder< erleben zu können, entfernt bin, sondern: mir auch in Verstandesfragen, wie sie mich manchmal tagsüber beschäftigen, derart Aufschluß gibt, daß ich es jederzeit nachprüfen kann. Sie werden mich verstehen: Ein solches Wesen ersetzt einem an Glück alles, was sich auf Erden ausdenken läßt; es ist für mich die Brücke, die mich mit dem >Drüben< verbindet, ist die Jakobsleiter, auf der ich mich über die Dunkelheit des Alltags erheben kann ins Licht, -- ist mir Führer und Freund, und alle meine Zuversicht, daß ich mich auf den dunkeln Wegen, die meine Seele geht, nicht verirren kann in Wahnsinn und Finsternis, setze ich auf >ihn<, der mich noch nie belogen hat. -- Da mit einem Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat, kreuzt ein >Wunder< mein Leben! Wem soll ich jetzt glauben? War das, was mich die vielen Jahre über ununterbrochen erfüllt hat, eine Täuschung? Wenn ich daran zweifeln müßte, ich stürzte kopfüber in einen bodenlosen Abgrund. -- Und doch ist das Wunder geschehen! Ich würde aufjauchzen vor Freude, wenn --«
»Wenn -- -- --?« unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht sprach sie selbst jetzt das erlösende Wort, und ich konnte ihr alles eingestehen.
»-- wenn ich erführe, daß ich mich geirrt habe, -- daß es gar kein Wunder war! Aber ich weiß so genau, wie ich weiß, daß ich hier sitze, ich ginge zugrunde daran«; (mir blieb das Herz stehen) -- »zurückgerissen werden, vom Himmel wieder herab müssen auf diese Erde? Glauben Sie, daß das ein Mensch ertragen kann?«
»Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe«, sagte ich ratlos vor Angst.
»Meinen Vater? Um Hilfe?« -- sie blickte mich verständnislos an, -- »wo es nur zwei Wege für mich gibt, kann er da einen dritten finden? -- -- Wissen Sie, was die einzige Rettung für mich wäre? Wenn _mir_ das geschähe, was Ihnen geschehen ist. Wenn ich in dieser Minute alles, was hinter mir liegt: mein ganzes Leben bis zum heutigen Tag -- vergessen könnte. -- Ist es nicht merkwürdig: was Sie als Unglück empfinden, wäre für mich das höchste Glück!«
Wir schwiegen beide eine lange Zeit. Dann ergriff sie plötzlich meine Hand und lächelte. Beinahe fröhlich.
»Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen grämen;« -- (sie tröstete mich -- mich!) -- »vorhin waren Sie so voll Freude und Glück über den Frühling draußen, und jetzt sind Sie die Betrübnis selbst. Ich hätte Ihnen überhaupt nichts sagen sollen. Reißen Sie es aus Ihrem Gedächtnis und denken Sie wieder so heiter wie vorhin! -- Ich bin ja so froh --«
»Sie? Froh? Mirjam?«, unterbrach ich sie bitter.
Sie machte ein überzeugtes Gesicht: »Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich ängstlich, -- ich weiß nicht warum: ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß Sie in einer großen Gefahr schweben,« -- ich horchte auf -- »aber, statt mich darüber zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu treffen, habe ich Sie angeunkt und -- --«
Ich zwang mich zur Lustigkeit: »und das können Sie nur gutmachen, wenn Sie mit mir ausfahren.« (Ich bemühte mich, so viel Übermut wie möglich in meine Stimme zu legen:) »Ich möchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es mir nicht gelingt, Ihnen die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie, was Sie wollen: Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern vorläufig nur ein junges Mädchen, dem der Tauwind noch manchen bösen Streich spielen kann.«
Sie wurde plötzlich ganz lustig:
»Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? So hab' ich Sie noch nie gesehen! -- Übrigens >Tauwind<: bei uns Judenmädchen lenken bekanntlich die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen es natürlich auch. Es steckt uns schon so im Blut. -- Mir ja nicht,« setzte sie ernsthafter hinzu, »meine Mutter hat bös gestreikt, als sie den gräßlichen Aaron Wassertrum heiraten sollte.«
»Was? Ihre Mutter? Den Trödler da unten?«
Mirjam nickte. »Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. -- Für den armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.«
»Armer Mensch, sagen Sie?« fuhr ich auf. »Der Kerl ist ein Verbrecher.«
Sie wiegte nachdenklich den Kopf: »Gewiß, er ist ein Verbrecher. Aber wer in einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, muß ein Prophet sein.«
Ich rückte neugierig näher:
»Wissen Sie Genaueres über ihn? Mich interessiert das. Aus ganz besonderen -- --«
»Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen hätten, Herr Pernath, wüßten Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil ich als Kind sehr oft drin war. -- Warum sehen Sie mich so erstaunt an? Ist denn das so merkwürdig? -- Gegen mich war er immer freundlich und gütig. Einmal sogar, erinnere ich mich, schenkte er mir einen großen blitzenden Stein, der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte. Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mußte ihn natürlich sofort zurücktragen.