Der Golem

Part 10

Chapter 103,812 wordsPublic domain

Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm unauffällig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.

»Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf als Arzt ausüben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;« sagte ich, um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, -- »machen Sie bald Ihr Doktorat?«

»Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. Zweck hat's ja keinen, denn meine Tage sind gezählt.«

Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er wohl zu schwarz sehe, aber er wehrte lächelnd ab:

»Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen sein, den Heilkomödianten zu mimen und sich zu guter Letzt noch als diplomierter Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. -- -- Andererseits,« -- setzte er mit seinem galligen Humor hinzu, -- »wird mir leider jedes weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein für allemal abgeschnitten sein.« Er griff nach seinem Hut. »Jetzt will ich aber nicht länger stören. Oder wäre noch etwas zu besprechen in der Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen einen Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie besuchen soll. Zu mir in den Keller dürfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum würde sofort Verdacht schöpfen, daß wir zusammenhalten. -- Ich bin übrigens sehr neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, daß die Dame zu Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein Schmuckstück zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird, spielen Sie eben den Rabiaten.«

Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die Banknote aufzudrängen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom Fensterbrett und sagte: »Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die Treppen hinunter. -- Hillel erwartet mich,« log ich.

Er stutzte:

»Sie sind mit ihm befreundet?«

»Ein wenig. Kennen Sie ihn? -- -- Oder mißtrauen Sie ihm,« -- ich mußte unwillkürlich lächeln -- »vielleicht auch?«

»Da sei Gott vor!«

»Warum sagen Sie das so ernst?«

Charousek zögerte und dachte nach:

»Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes sein: so oft ich ihm auf der Straße begegne, möchte ich am liebsten vom Pflaster heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die Hostie trägt. -- Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z. B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem Fall falsch informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär und ist doch unsagbar arm.«

Ich fuhr entsetzt auf: »arm?«

»Ja, womöglich noch ärmer als ich. Das Wort >nehmen< kennt er, glaub' ich, überhaupt nur aus Büchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus dem >Rathaus< kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon, weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen seinen ganzen kärglichen Gehalt in die Hand drücken und ein paar Tage später -- samt seiner Tochter selber verhungern. -- Wenn's wahr ist, was eine uralte talmudische Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen Stämmen zehn verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert er die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn andern zusammen. -- Haben Sie noch nie bemerkt, wie Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorübergeht? Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, _solches_ Blut _kann_ sich gar nicht vermischen; da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. -- Hillel ist übrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; -- er weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für ihn bedeutet. Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.«

Wir gingen bereits die Stiegen hinab.

»Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabbalisten gibt -- daß überhaupt an der Kabbala etwas sein könnte?« fragte ich, gespannt, was er wohl antworten würde, aber er schien nicht zugehört zu haben.

Ich wiederholte meine Frage.

Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus Kistendeckeln zusammengenagelt war:

»Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter, Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit den kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in einen alten Hühnerkäfig und unterweist sie im >Gesang<, wie er es nennt, damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst erwerben können, -- das heißt, er lehrt sie die verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstücke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dämmer seines Seelenzustandes für -- preußische Schlachthymnen oder dergleichen hält.«

Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne Kinderstimmen sangen dazu:

»Frau Pick, Frau Hock, Frau Kle -- pe -- tarsch, se stehen beirenond und schmusen allerhond -- --«

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Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mußte wider Willen hellaut auflachen.

»Schwiegersohn Schaffranek -- seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt Gurkensaft gläschenweise an die Schuljugend -- läuft den ganzen Tag in den Bureaus herum,« fuhr Charousek grimmig fort, »und erbettelt sich alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter findet, die zufällig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie aufeinander und schneidet sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft und warf manchmal fast einen -- Gulden im Tag ab, aber schließlich kamen die Prager jüdischen Großindustriellen dahinter -- und machen es jetzt selber. Sie schöpfen den Rahm ab.«

»Würden _Sie_ Not lindern, Charousek, wenn Sie überflüssiges Geld hätten?« fragte ich rasch. -- Wir standen vor Hillels Tür, und ich klopfte an.

»Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glauben können, ich täte es nicht?« fragte er verblüfft zurück.

Mirjams Schritte kamen näher und ich wartete, bis sie die Klinke niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche: »Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafür, aber mich _müßten_ Sie für gemein halten, wenn ich's unterließe.«

Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschüttelt und die Tür hinter mir zugezogen. Während mich Mirjam begrüßte, lauschte ich, was er tun würde.

Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich am Geländer halten muß.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war das erstemal, daß ich Hillels Zimmer besucht hatte.

Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden peinlich sauber und mit weißem Sand bestreut. Nichts an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch und eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wänden. -- -- --

Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem Modellierwachs.

»Muß man denn ein Gesicht _vor sich_ haben, um die Ähnlichkeit zu treffen?« fragte sie schüchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.

Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wußte nicht, wohin die Augen richten in ihrer Qual und Scham über die jammervolle Stube, und mir brannten die Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht längst gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.

Aber irgend etwas mußte ich doch antworten!

»Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob man innerlich auch richtig gesehen hat,« ich fühlte, noch während ich sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte.

Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt; erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlägt, -- die Gabe, die sie alle zu haben glauben und doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.

Wie konnte ich auch nur von der _Möglichkeit_ sprechen, die unfehlbare Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins nachmessen zu wollen!

Mirjam schien Ähnliches zu denken. Nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu schließen.

»Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen,« entschuldigte ich mich.

Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form vertiefte.

»Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu übertragen?«

»Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.«

Pause.

»Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?« fragte sie.

»Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.«

»Nein, nein; das geht nicht, -- -- das -- das -- --,« -- ich sah, wie ihre Hände nervös wurden.

»Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?« unterbrach ich sie schnell, »ich wollte, ich dürfte mehr für Sie tun.«

Hastig wandte sie das Gesicht ab.

Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste verletzt haben. Es hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.

Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?

Ich nahm einen Anlauf:

»Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. -- Ich schulde Ihrem Vater so unendlich viel, -- Sie können das gar nicht ermessen -- --«

Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.

»-- ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.«

»Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig wurden? Das war doch selbstverständlich.«

Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit ihrem Vater verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu verraten, was er ihr verschwieg.

»Weit höher als äußere Hilfe, dächte ich, ist die innere zu stellen. -- Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß eines Menschen auf den andern überstrahlt. -- Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? -- Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, Mirjam.«

»Und das hat -- --?«

»Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!« -- ich faßte sie an der Hand, -- »begreifen Sie nicht, daß es mir da ein Herzenswunsch sein muß, wenn schon nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie, irgendeine Freude zu bereiten? -- Haben Sie nur ein ganz klein wenig Vertrauen zu mir! -- Gibt's denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen erfüllen könnte?«

Sie schüttelte den Kopf: »Sie glauben, ich fühle mich unglücklich hier?«

»Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen abnehmen könnte? Sie sind verpflichtet -- hören Sie! -- verpflichtet, mich daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der finstern, traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten? Sie sind noch so jung, Mirjam, und -- --«

»Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath,« unterbrach sie mich lächelnd, »was fesselt denn Sie an das Haus?«

Ich stutzte. -- Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich hier? Ich konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus? wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklärung finden und vergaß einen Augenblick ganz, wo ich war. -- Dann stand ich plötzlich entrückt irgendwo hoch oben -- in einem Garten -- roch den zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, -- sah herab auf die Stadt -- -- --

»Habe ich eine Wunde berührt? Hab' ich Ihnen weh getan?« kam Mirjams Stimme von weit, weit her zu mir.

Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich forschend ins Gesicht.

Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie so besorgt war.

Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's plötzlich gewaltsam Bahn, überflutete mich, und ich schüttete Mirjam mein ganzes Herz aus.

Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein ganzes Leben beisammen war, und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um mich stand, und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung an meine Vergangenheit beraubt worden war, -- wie in letzter Zeit Bilder in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, immer häufiger und häufiger, und daß ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich von neuem zerreißen würde.

Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mußte: -- meine Erlebnisse in den unterirdischen Gängen und all das übrige, verschwieg ich ihr.

Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen, atemlosen Teilnahme zu, die mir unsäglich wohl tat.

Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. -- Gewiß wohl: Hillel war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht herankonnte, wenn ich mich sehnte.

Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem er ihr Vater war.

Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm -- »und doch bin ich wie durch eine Glaswand von ihm getrennt,« vertraute sie mir an, »die ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. -- Wenn ich ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von seinen Schläfen aus. -- Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die übers Grab hinausgeht, und zu groß, als daß wir sie fassen könnten. -- Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn sprachen.« -- -- Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib. Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: »Seien Sie ruhig, es ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, -- nur ich weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen, -- glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch nicht, weil alles gelähmt war in mir -- und -- und da -- -- -- -- mir läuft's wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke -- -- sah er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand über die Augen. -- -- -- -- Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich, warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise, und ich fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.«

»Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das hinausgewachsen ist über alles Menschentum?« fragte ich leise.

Mirjam schüttelte freudig den Kopf:

»Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. -- Als Sie mich vorhin fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hätte, und warum wir hier wohnten, mußte ich fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die Bäume sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen schließe. Muß ich denn, um sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? -- Und das bißchen Not und -- und -- und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und das Warten.«

»Das Warten?« fragte ich erstaunt.

»Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber ein ganz, ganz armer Mensch. -- Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie, das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen -- Jüdinnen natürlich, wie ich --, aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach, glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, wie ernst es mir war, und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, -- hätten sie mich am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden sie ein Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie nannten mich >überspannt<.

Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame -- das Wesentliche -- für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das _Wunder_ und bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder zu gelangen, -- so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern, denn sie scheuten sich, offen einzugestehen, daß sie aus den Religionsschriften nur das glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte. Wenn sie das Wort >Wunder< nur hörten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie verlören den Boden unter den Füßen, sagten sie.

Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füßen zu verlieren!

Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich einmal meinen Vater sagen, -- dann, dann erst fängt das Leben an. -- Ich weiß nicht, was er mit dem >Leben< meinte, aber ich fühle zuweilen, daß ich eines Tages so wie: >erwachen< werde. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder müssen dem vorhergehen, denke ich mir immer.

>Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend darauf wartest?< fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie plötzlich froh und siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, können _Sie_ solche Herzen verstehen? Daß ich _doch_ Wunder erlebt habe, wenn auch nur kleine, -- winzig kleine --,« -- Mirjams Augen glänzten, -- »wollte ich ihnen nicht verraten, -- -- -- -- -- --«

Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.

»-- aber _Sie_ werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate,« -- Mirjam wurde ganz leise, -- »haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein Brot mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wußte ich: jetzt ist die Stunde da! -- Und dann saß ich hier und wartete und wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und -- und dann, wenn's mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und -- und jedesmal fand ich Geld. Einmal mehr, einmal weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der Straße; ich sah ihn von weitem blitzen und die Leute traten darauf, rutschten aus darüber, aber keiner bemerkte ihn. -- Das machte mich zuweilen so übermütig, daß ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der Küche den Boden durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen sei.«

-- Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich mußte aus Freude darüber lächeln. --

Sie sah es.

»Lachen Sie nicht, Herr Pernath,« flehte sie. »Glauben Sie mir, ich weiß, daß diese Wunder wachsen werden, und daß sie eines Tages --«

Ich beruhigte sie: »Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie denn! Ich bin unendlich glücklich, daß Sie nicht sind wie die andern, die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's -- _wir_ rufen in solchen Fällen: Gott sei Dank! -- einmal anders kommt.«

Sie streckte mir die Hand hin:

»Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, daß Sie mir -- oder uns -- helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die Möglichkeit, ein Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es täten?«

Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.

Da ging die Tür, und Hillel trat ein.

Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich und voll Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen »Sie«.

Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu lasten. -- Oder irrte ich mich?

Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag.

»Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen,« fing er an, als Mirjam uns allein gelassen hatte, »in der Sache, die die fremde Dame betrifft -- --?«

Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:

»Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse an, weil er mir merkwürdig verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt. In der Überfülle seines Herzens. Auch, daß -- Sie ihm Geld geschenkt haben.« Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf höchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:

»Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet -- und -- und in diesem -- Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet, aber --,« er dachte eine Weile nach, -- »aber manchmal schafft man sich und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie denken, mein lieber Freund! Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu erlösen. -- Oder glauben Sie nicht?«

»Geben _Sie_ denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen, Hillel?« fragte ich.

Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Mir scheint, Sie sind über Nacht ein Talmudist geworden, daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage beantworten. Da ist freilich schwer streiten.«

Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.

»Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen,« fuhr er in verändertem Tone fort, »ich glaube nicht, daß Ihrem Schützling -- ich meine die Dame -- augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. Es heißt zwar: >der kluge Mann baut vor<, aber der Klügere, scheint mir, wartet ab und ist auf alles gefaßt. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß dann von ihm ausgehen, -- ich tue keinen Schritt, _er_ muß herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig, -- und dann will ich mit ihm reden. An _ihm_ wird's sein, sich zu entscheiden, ob er meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.

»Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns,« fielen mir Mirjams Worte ein.

Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und -- gehen.

Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging und mich noch einmal umdrehte, sah ich, daß er stehen geblieben war und mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen möchte und nicht kann.

Angst

Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine Wirtsstube »Zum alten Ungelt« essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und einander verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, -- wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen hätten.

Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir keine Rechenschaft geben konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und sich im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug, daß ich vor Unruhe anfangs kaum wußte, was ich zuerst tun sollte: Licht anzünden, hinter mir abschließen, mich niedersetzen oder auf und ab gehen.