Der gläserne Garten: Zwei Novellen

Part 3

Chapter 31,210 wordsPublic domain

»Ich höre dein Herz laut an das meine schlagen, du! Wie schwer deine Liebe an meiner Türe lehnt! Ich weiß, du fühlst, daß ich sie dir hundertmal geöffnet habe in dieser Nacht. Ich weiß, du ahnst meine Widerstandslosigkeit durch die Wand. Einmal will ich dich erträumen wie du nicht bist. Diese Nacht soll nicht unausgekostet und halbgelebt modern wie eine unreife Frucht. Zwar: sie will meine Liebe zu Ylone versuchen, aber diese Liebe wächst über jeden Tag und jede Nacht und wird auch sie überstehen.

Schmerzliche Arien ziehen durch mich. Ich höre dein Herz um meine Türe flattern, ein kranker Vogel, der aus dem Neste fiel. Es ist aus dir gefallen und schreit sich müde. Aber jetzt nehme ich deinen Schmerz an meinen Mund und will ihn in einem Kuß verbergen. Schlaf steht um uns und Abend. Aber in mir leuchten die Sterne. Nie war ich so hell und blühend wie jetzt in dieser Sehnsucht, mit der ich mich dir versagen muß. O Lust dieses Schmerzes! O Tanz dieser Ruhe in uns! Öffne dich der Widmung dieser dich suchenden Stunden, du! Nun will ich dir alle Sterne pflücken und dich mit einem smaragdenen Schloß von unendlicher Zärtlichkeit umgeben.

Alle Tore tun sich auf, wie liebende Frauen, und führen in dich, Kirche. Ich bin gesammelt, wie zu einem Festgottesdienst, wenn das Allerheiligste an meiner Andacht vorbeigetragen wird. Jetzt läuten dich alle Glocken der Welt ein, du Feiertag, jetzt züngelst du bunte Fahne aller Feste, jetzt brechen alle Hymnen und Gebete an dich wie berauschende Blumen auf; ekstatisch begegnen sich unsere unendlichen Wesen, die sich über die Endlichkeit erhoben. Wie zwei körperlose Harfen sind wir auf den ewigen Ton gestimmt; vor der Macht unserer Liebe stürzt alles ein, wir steigen hinunter in unsere verborgensten Schluchten und sind allein auf der Welt. Zwischen deinem Vor-Lächeln und deinem Nach-Kuß liegt die Ewigkeit. Ich danke dir für das Geschenk dieser Ewigkeit, und wenn auch diese Stunde eine Dämmerung haben wird -- denn kurz und vergänglich ist jede Ewigkeit -- wenn sie auch untergeht und wir auslöschen mit allen wartenden Lampen der Nacht: der Duft dieses unendlichen Augenblicks kann nie verwehen.

Fühle, daß mein Körper nicht bei dir sein darf in dieser heiligen Nacht! Vielleicht hätte mich seine Schwere verhindert, mich an deine Seele hinzugeben. Vielleicht wäre ich bei dir weit fort gewesen, so aber war ich dir nah wie nie durch die Entfernung. Ich gab dir alles, wenn ich mich auch von ferne gab. Ich empfing dich wie Danae den goldenen Gott. Deine Liebe wird nicht in meinem Leibe enden, sondern wird göttlich und endlos sein, wie ihr Fall vom Himmel.

Fühlst du, daß ich dir mehr schenkte in diesem Brief, als dir je aus einer Schnur von Tagen kommen könnte?

Lebe wohl, nun werden wir wieder in der Kälte des Weltalls einsam schweben. Nun muß ich wieder auf den harten Stufen des Gartens schlafen, der in dich mündet. Nun nehme ich mich zurück, nun stehle ich mich; denn wenn ich zu Ylone komme, muß alles aus meinem Gesicht vergangen sein, was an dich erinnern könnte. Nun träume ich dich ein letztes Mal. Lebewohl!

* * *

Ich war leise mit dir wie mit einer Kranken nach diesem, Ylone. Ich suchte das lautloseste Schweigen und legte es wie einen Verband um dein Herz. Ich streute meine innigsten Worte wie Blüten vor deine Füße, damit du leichter gingst. Ich bekleidete dich mit den Blicken meiner Liebe und steckte dir meine Küsse an. Ich pflückte die seltensten Blumen aus meinen Gärten und legte sie in deine gefalteten Hände. Ich ging niemals fort, ohne dir etwas mitzubringen: einen träumenden Weg, einen jungen Wind, das Schluchzen eines Vogels, zwei Lächeln eines Kindes oder den duftenden Seufzer eines Baums.

Vorsichtig legte ich meine Geschenke vor die Stille, in die du dich eingeriegelt hattest. Denn manchmal tratest du heraus, um nach dir zu suchen. Du, die niemals die Erde berührt hatte, gingst nun schwer und unruhig auf ihr umher, um dich wieder zu finden.

Und dann kam jener ewige Abend. Die Zimmer waren so brünstig von Sommer. Sie machten schwach. Du rettetest dich an die offenen Fenster und hieltest dich in die laue Nacht hinaus. Die Stadt fieberte und lag in den schäumenden Delirien der krankhaften Dunkelheit. Lichter durchstachen den Raum, den du gequält nach jenem Lichte abtastetest. Ach, da war ein Geruch von Erde, Mond und Unvergänglichkeit, der berauschte und schmerzte in einem. Die Luft vibrierte von Sehnsucht, die aus tausend Fenstern lehnte, daß man aufschluchzte wie ein Brunnen. Atem der Gärten fiel süß in das Zimmer, und wir standen in ihm wie in einer Laube aus Parfüm. Man wurde von weichen Winden verführt, sich aufzulösen in der Erregung des Sommers, sich an das All zu verlieren. Ich sah dich erschauern vor der gewaltigen Melodie dieses Abends. Sah, wie du den Rhythmus deiner weißen Arme zerbrachst, die du an die blühende Luft geschmiegt hattest, und dein weinendes Gesicht hineinwarfst. Und aus Furcht vor der riesigen Nacht, die das Gefühl der Verlassenheit erhöhte, flohst du zurück in die Begrenzung des Zimmers. In diesem Augenblick spürtest du mich im Raum. Dein suchender Blick fiel mir gerade in die Augen. Ich glaube, du erkanntest mich seit Wochen zum erstenmal; denn bisher hattest du an mir wie an einer Fremden vorbeigefühlt. Dein Mund wurde voll Bitten und blieb doch stumm. Deine Kniee brachen ein und warfen dich vor mir nieder. Aber bevor du dich demütigen konntest, hielt ich dich schon in meiner Liebe.

Ich hatte dich so aufbewahrt und gesammelt in mir, daß ich dich dir ganz zurückgeben konnte. Jeder Augenblick deines Gefühls hatte Flügel bekommen und flatterte dir entgegen. Jedes deiner Lächeln suchte dich, und deine ungeträumten Träume warteten darauf, von dir geträumt zu werden. Deine Gedanken hatten noch ihre weißen Gewänder an und neigten sich dir zart wie präraffaelitische Engel. Du konntest dich in mir wie in einem Spiegel sehen, der dein Bild von früher unverändert zurückwarf. Aber ich verhängte diesen Spiegel sorgfältig, um dich nicht zu erschrecken. So wie man nach einer Sommerreise heimkommt und langsam die Leinwand vom verdeckten Spiegel abnimmt, um nicht zu sehr überrascht zu werden; denn seitdem haben uns viele Spiegel gesehen und verändert gesehen, und er ist der einzige, der uns unverändert behalten hat.

So ließ ich dich stückweise und in Zwischenräumen einsehen in mich, damit du dich langsam wieder aufbauen konntest wie ein Mosaik, aus dem ein Sturm einige Steinchen gebrochen hat. Um jedes unserer Worte begann sich von neuem die samtene Stille von Feiertagen zu breiten. Es kamen wieder Abende, in denen wir seidene Bücher mit seidenem Inhalt in die Hände nahmen und uns von ihnen streicheln ließen. Glänzende Tage waren zwischen zwei Dämmerungen wie in amethystene Steine gefaßt. Da floß ein leiser Wind aus den Fächern deiner Hände: Musik. Sie legte sich genesend über deine Seele, die in Gebet gewandet war. Und einmal brach deine Stimme zwischen den Tasten auf wie ein Lied:

Wir haben es geträumt, Venera. Es war ein Stern, der vom Himmel fiel, damit wir uns in ihm noch tiefer lieben sollten. Doch er fiel zu plötzlich und hat uns mit seinem Fall erschreckt. Aber aus dir, du Liebevolle, strahlt er erkannt und leise wieder.

Deine Blicke tasteten nach mir, und langsam kam dein Kuß auf mich zu.

Da zersprang das Glas unsrer Herzen, Geliebte . . .