Der gelüftete Vorhang oder Lauras Erziehung
Part 9
Glaube mir, diese Handlung, die von der Konstitution unserer Organe abhängt, ist zu natürlich, um nicht verzeihlich zu sein. Dem Gegenstand unserer Begierden gilt nur diese. Doch dem unseres Herzens sind wir darüber hinaus auch mit unserer Achtung, mit unserem guten Glauben und unzähligen zärtlichen Gefühlen verbunden. Natürlich gibt es Menschen, die zu ernsthaft sind, um diese Unterscheidung vorzunehmen. Aber ich habe eine glücklichere Wahl getroffen. Die Unbeständigkeit enthüllt ein leichtes Herz, das undankbar und treulos ist. Ich machte sie mir niemals zum Freund. Denn ich glaube, daß jeder Mann, der im Herzen unbeständig und treulos gegenüber einer Frau ist, die delikat in ihren Gefühlen ist, einen kultivierten Geist hat und sich aus Liebe seiner Diskretion ausgeliefert hat, daß jeder solche Mann auch gegenüber seinen Freunden unbeständig und treulos sein wird. Doch die vorübergehende Treulosigkeit der Sinne ist nichts weiter als die Frucht eines leicht beeinflußbaren Temperaments. Verlockt von Begierde, Gelegenheit und allen möglichen unvorhergesehenen Ereignissen, nützt es die Möglichkeiten, die sich ihm bieten. Der Mensch ist aus Widersprüchen zusammengesetzt, mein Kind. Nicht immer stimmt der Wille mit unseren Handlungen überein, und diese hängen nicht immer von ihm ab. Jene Leute, die von einem sechsten Sinn im Menschen sprechen, haben die Natur recht scharf beobachtet. Hängt es etwa von unserem Willen ab, ob wir ihn in Tätigkeit setzen oder nicht? Nein, er selbst ist nicht im Geringsten seinen eigenen Gesetzen unterworfen. Alles an uns ist vielmehr von unserer Konstitution und der Zusammensetzung und Bewegung unserer Säfte abhängig. Nichts kann sich diesen widersetzen, nichts sie ändern als die Zeit, die alles zerstört. Meine Sinne wachsen in der Vereinigung des Geschlechts. Sie wachsen an Eindrücken, deren wir nicht Herr werden können. Warum berührt, verführt und inspiriert der eine Sinneseindruck das Begehren eines bestimmten Menschen, während er auf einen anderen überhaupt nicht wirkt? Wir sind einer Person besonders zugeneigt?
Wohlan, so erscheinen uns sogar ihre Fehler liebenswert. Sowohl solide Bindungen als auch vorübergehende Leidenschaften finden sich in dem Lebenskreis, den wir zu durchschreiten haben. Wenn wir bei unseren Bestrebungen auf Widerstand stoßen, wird sich die Eigenliebe erheben und all ihre Kräfte einsetzen, um diesen Widerstand zu überwinden und jene, die wir am meisten schätzen und lieben, an uns zu fesseln. Schließlich werden Begierde, Ehrgeiz und Habsucht -- Eigenschaften, die alle Menschen während ihres Lebens verfolgen -- unsere Handlungen bestimmen und sie notwendigerweise in eine Kette von Umständen zwingen, die das Muster ausmachen, das unser Leben formt. Diese drei Beweggründe, die man mit den schmeichelhaftesten Namen zu umschreiben und auf das vollkommenste zu verschleiern sucht, sind die einzigen, die den Menschen in Bewegung halten und ihn regieren. Bei einem Individuum wird nur eines dieser Motive bei seinen Handlungen im Vordergrund stehen, bei einem anderen vielleicht zwei oder auch alle drei, je nach den Anlagen und ihrer Entwicklung. Wenn man von der Natur ein Herz bekommen hat, das für starke und dauernde Leidenschaften, für eine zarte und innige Bindung empfänglich ist, wird die Ähnlichkeit des Temperaments und der Charaktere eine Vereinigung bewirken. Man ist weniger von der Wonne leiblicher Vereinigung erfüllt als vielmehr von der süßen Zufriedenheit, welche aus der Harmonie von Geist und Geschmack entspringt. Es ist verächtlich, aus eigener Schuld das Blumenband der Freundschaft zu zerstören. Mag diese zarte Kette auch noch so leicht zu brechen sein, so ist der Verlust, der aus dieser törichten Handlung folgt, doch unersetzlich. Es ist allerdings richtig, daß man die Sensationen der Lust in diese intimen Bindungen der Menschen gemischt hat. Doch glaube mir, ihr Ursprung ist völlig anderer Natur.
Es gab eine Zeit, meine liebste Laurette, wo man alles, was ich Dir über diese Dinge sagen kann, für eine Fabel gehalten hat, während es doch der Gesetzmäßigkeit der Natur entspringt. Früher oder später kommt die Gewohnheit, welche, ohne die liebenswürdigen Bindungen der Gefühle zu zerstören, doch die Lebhaftigkeit der Begierden, die Feinheit der Wollust erlahmen läßt, so daß diese nur durch ein neues Objekt wieder zum Leben erweckt werden können. Diese Begierden aber scheinen mit unserer Existenz unlösbar verbunden und lassen uns den Reiz und Wert des Lebens erst richtig bemerken. Doch hier gilt es eine schwierige Entscheidung zu treffen.
Hat man genügend Vernunft und Festigkeit, um ein Gebilde der Phantasie zu opfern, eine Laune, einen augenblicklichen Einfall, der die Harmonie einer innigeren Bindung zerstören könnte, so soll man nicht zögern, dies zu tun. Aber zerstört die Eifersucht nicht noch viel mehr als eine vorübergehende Untreue? Ist es nicht viel klüger, sich ohne Groll und Widerwillen den Gesetzen der Natur zu überlassen, deren Macht doch unbesiegbar ist? Hören wir ihre Stimme, die aus allem spricht! Schließen wir unsere Augen nicht vor ihr, haben wir Verständnis für das, was sie uns zeigen und sagen will! Sie verkündet in allem den Wandel, ja noch mehr, das Ende.
Warum sollten wir uns über ein Gesetz beklagen, das wir nicht ändern können, dem wir absolut unterworfen sind, und das nicht weniger mächtig ist als das der Zerstörung, dem alles Sein ausgeliefert ist? Unsere Eigenliebe und unser Egoismus sträuben sich dagegen, und doch entspricht diese Erkenntnis den Gesetzen der Natur.
Betrachten wir nur die Tiere, meine liebe Laurette. Sieht man etwa die Weibchen mit jenen Männchen verbunden, die sie im Vorjahr gehabt haben? Selbst die Turteltaube, von der wir ein ebenso rührendes wie grundfalsches Bild gezeichnet haben, bleibt nur so lange im gleichen Nest, als ihre Brut ihrer bedarf. Und noch im selben Sommer sucht sie sich einen anderen Liebsten. Suche nach anderen Beispielen in der Natur, Du findest ihrer genug. Denn was ist der oberste Zweck der Natur? Die Vermehrung des Seins. Nur um die Geschöpfe dadurch zur Vermehrung anzuregen, hat sie so viel Lust in die Geschlechtsvereinigung gelegt. Diese Lust ist so groß, daß sie uns sogar gegen unseren Willen zu Handlungen treibt, welche sie hervorrufen. Wenn wir beide dieses Ziel der Natur umgangen haben, so sind es unsere Sitten und Vorurteile, die uns dazu gezwungen haben. Grundsätzlich jedoch ist dieser Plan der Natur so offensichtlich, daß ein Mann von guter Konstitution sogar mit einer Frau zu fruchtbarer Vereinigung kommen kann, die er überhaupt nicht kennt.
Wenn es zuweilen unter beiden Geschlechtern Leute gibt, die dem Willen der Natur gegenüber unempfindlich erscheinen, so ist das nur ein Fehler in der Veranlagung, der die allgemeinen Gesetze nicht zu zerstören vermag.
Ich muß allerdings gestehen, daß der Vorzug der Fruchtbarkeit, den die Männer genießen, den Frauen nicht gegeben ist. Zumeist können sie nur ein einziges Lebewesen hervorbringen. Es gibt Männer, die daraus einen Vorteil ziehen, ohne die bedauerlichen Wirkungen einer Mischung der Samenflüssigkeit zu bedenken. Wenn sich nämlich ein Keim in den Tiefen der Matrix festgesetzt hat und nach einiger Zeit derselbe Mann oder auch ein anderer einen neuen Keim befruchtet und ins Leben ruft, kann die Matrix eine zweite Frucht hervorbringen und selbst eine dritte. Doch liegt dies nicht im Sinne der Natur.
Hat die Natur die Männer mit allen möglichen Vorzügen ausgestattet, so hat sie sich doch auch den Frauen gegenüber nicht ganz und gar als Rabenmutter erwiesen. Diese tragen nämlich ein lebhaftes und immerwährendes Verlangen, einen unersättlichen Appetit in sich, eine Frucht des Lebens zu empfangen und zu tragen. Wenn der eine Mann dieses Verlangen nicht stillen kann oder will, so führt sie ein Gefühl, das stärker ist als alle Vorurteile, zum nächsten. Doch die Wahl hängt von ihrem Geschmack ab. Warum sollten sie auch die Umarmungen und Liebkosungen eines Mannes dulden, den sie verabscheuen? Was könnte aus einer Verbindung Gutes hervorgehen, gegen die sie sich auflehnen? Wie viele Beispiele hat man dafür gesehen? Solche unglücklichen Bindungen, die leider nur zu häufig sind, haben die Möglichkeit einer völligen Trennung bitter notwendig.
Die menschliche Existenz, die natürliche Konstitution des Menschen, gibt ihm das Recht zu wählen und selbst zu wechseln, wenn er sich getäuscht sieht. Nun wohl, wer täuschte sich nicht? Schließlich ist es dieses Recht zu wählen, das die Frau unbeständiger und treuloser macht als die Männer, die sich eher an die allgemeinen Gesetze halten. Wenn nun in den Frauen wegen der Beschaffenheit ihres Geschlechts ein größerer Grad von Wollust, ein lebhafteres und dauerhafteres Vergnügen als in uns Männern lebendig ist, so werden sie in gewisser Weise für die Beschwerden und Schmerzen entschädigt, denen sie unterworfen sind. Welche Ungerechtigkeit, aus diesen natürlichen Eigenschaften ein Verbrechen zu machen! Sind die Frauen etwa die Urheberinnen ihres Temperaments? Von wem haben sie es empfangen? Ihre Einbildungskraft, die auf Grund der Feinheit und Sensibilität ihrer Organe so leicht erweckt wird, ihre exzessive Neugierde und ihr leicht erregbares Temperament gaukeln ihnen Bilder vor, die sie heftig bewegen und die sie der Realität ihrer Begierden um so leichter zugänglich machen.
Betrachten wir doch die Unannehmlichkeiten, die durch die Eifersucht, dieses Lieblingskind unserer Eigenliebe und unseres Egoismus, verursacht werden! Sind die Frauen diesem Übel nicht ungleich stärker unterworfen als die Männer? Finden wir uns doch mit den Eigenarten des weiblichen Charakters ab! Machen wir ihnen das Joch leicht, das die Natur ihnen aufgebürdet hat! Binden wir sie mit losen Ketten, um ihren Geist zu fesseln, ihr Herz zu unterjochen und die Unbeständigkeit zu bändigen, die ihnen die Natur verliehen hat! Halten wir ihnen ihre Schwächen zugute, um sie uns nicht zu entfremden, was ohne Zweifel geschehen würde, wenn sie die Bürde der Ketten, mit denen die Liebe sie beladen möchte, zu drückend empfänden. Ohne diese unsere Großzügigkeit wäre die schönere Hälfte des Menschengeschlechts recht unglücklich. Doch wie bedauerlich ist es, daß diese Grundsätze von dem weitaus größten Teil unserer zivilisierten Welt nicht befolgt werden. Es ist vor allem die Unduldsamkeit, welche die Untreue der Frau zu einem solch beklagenswerten Verhängnis werden läßt. Und doch, glaube mir, liegt es vor allem an uns Männern, durch Klugheit und Weitblick die Frauen vor den furchtbaren Folgen zu bewahren, welche ihre Unabhängigkeit für sie haben kann. Denn so natürlich diese Unbeständigkeit auch Deinem Geschlecht erscheinen mag, so entsteht daraus doch zuweilen das größte Unheil. Bedenken wir nur die unglücklichen Resultate, die diese fatale Neigung bei den Frauen häufig zeitigt, während die Untreue der Männer zumeist keine solchen Folgen nach sich zieht!
Ich werde Dir den Grund dafür an einem einfachen Beispiel beweisen. Wenn man in zwanzig verschiedene Gefäße denselben Wein füllt und diesen dann in einem Gefäß mischt, so wird er in seinem Geschmack und seiner Qualität unverändert sein. Doch wenn man in einem einzigen Gefäß zwanzig verschiedene Flüssigkeiten zusammengießt, so wird sich daraus eine Mischung ergeben, welche die natürlichen Eigenschaften jeder dieser Flüssigkeiten verändert. Und wenn man auch nur einen Tropfen davon in ein Gefäß schüttet, in dem sich eine unvermischte Flüssigkeit befindet, so wird diese dadurch verdorben werden.
Aus diesem Beispiel kannst Du leicht Deine Folgerungen ziehen. Wenn sich ein Mann mit mehreren Frauen vereint, kann daraus kein Übel entstehen. Sein Verhalten ist vielmehr dasselbe, wie wenn man ein und dieselbe Flüssigkeit in mehrere Gefäße füllte. Aber wenn eine Frau, selbst eine gesunde Frau, sich hintereinander mit mehreren Männern verbindet, so wird diese Vermischung der Samenflüssigkeit in ihr, selbst wenn die Männer ihrerseits ganz gesund sein sollten, doch die gefährlichsten Folgen zeitigen.
Wenn ein Mädchen, eine junge, reizende, freie und unabhängige Frau, die dem Pöbel entstammt und daher keine Erziehung genossen hat und keine hinreichenden Vorkehrungen trifft, infolge ihrer eigenen Arglosigkeit oder aus Nachgiebigkeit gegenüber der Lockung jener alten Hähne, die auf ihre Reize scharf sind, sich in diesen schrecklichen Zustand versetzt, so werden die Folgen unausbleiblich sein. Hat sie sich nun infolge ihres Temperaments oder weil sie den Charakter einer Libertine hat, verführen lassen, mehrere Männer in rascher Reihenfolge zu empfangen, wird sie dies zu ihrem eigenen Schaden tun, und sie wird ohne Zweifel ein Opfer der Ansteckung sein, auch wenn diese Männer an und für sich gesund sein mögen. Die Mischung der Samenflüssigkeit in ihrem Innern hat die schädlichsten Folgen. Sie wird an weißem Ausfluß und Geschwüren der Gebärmutter zu leiden haben, wenn ihr nicht noch Schlimmeres bevorsteht. Die Samenflüssigkeit dieser verschiedenen Männer, die einander infolge der Verschiedenheit des Temperaments oder infolge der Verschiedenheit ihres Gesundheitszustandes widersprechen, zerstört die Gesundheit der Frau, die sie in sich aufgenommen hat. Vor allem jene, die an Hautkrankheiten leiden, übertragen diese häufig auf die Frauen, mit denen sie sich verbinden. Gar nicht zu reden von jenen anderen, die an chronischen Geschlechtskrankheiten leiden, ohne daß deshalb ihre Potenz zerstört wäre. Alle diese Stoffe, die sich an ein und demselben Ort treffen, verursachen mit beinahe absoluter Sicherheit ein Gift, das viel wirksamer ist als jeder einzelne Krankheitsstoff für sich allein. Das beweist, daß die Frauen nicht für die physische Untreue gemacht sind und noch weniger für die Prostitution, der sich so viele von ihnen ergeben.
Du ersiehst aus dem Gesagten wohl, daß die physikalischen Erkenntnisse sowie Vernunft und Erfahrung es gewiß erscheinen lassen, daß von dem Augenblick an, da sich die Frauen der Freizügigkeit ihres Temperaments auslieferten, die venerische Ansteckung sich an den Quellen des Lebens verbreiten mußte. Unglücklicherweise ist sie aus den niedrigsten Volksschichten, wo sie vielleicht ihren Ausgang genommen hat, bis zu den Spitzen der Gesellschaft emporgestiegen.
Doch da dies nun einmal geschehen ist, erscheint es ohne Zweifel notwendig, daß erleuchtete und kluge Männer, die durch eine lange Erfahrung weise geworden sind, versuchen, ein Mittel zu finden, das die verheerenden Folgen dieser geschlechtlichen Vergiftung aufhebt. Es gab genügend solche Männer, die, mögen sie auch dem Spott und dem Geschrei des Pöbels ausgesetzt sein, doch ihren Zeitgenossen ebenso nützlich sind wie künftigen Generationen, indem sie die Schäden zu beseitigen suchen, die aus der Prostitution der Frauen für alle Welt entstanden sind.
Das ist übrigens auch ein Vorteil dieses Schwämmchens, das ich Dich benützen lehrte. Aber die Anwendung desselben allein genügt nicht. Die Flüssigkeit, mit der es präpariert ist, zerstört zwar die Kraft des männlichen Samens, aber das Gift, das durch die Vermischung der Säfte auf den weiblichen Körper einzuwirken vermag, ist oft stärker. Immerhin reicht diese Vorsichtsmaßnahme in vielen Fällen, die verheerenden Folgen einer Infektion zu verhindern.
Es gibt indessen noch eine stärker wirkende Flüssigkeit. Eine Frau, die ihren Gebärmuttermund durch ein mit dieser Flüssigkeit durchtränktes Schwämmchen verschließt, kann sich ohne Risiko mit mehreren Männern paaren, ja, sie kann sogar einen kranken Mann empfangen. Kommt ihr der Verdacht, daß ein Mann krank sein könnte, zu spät, so kann sie das Schwämmchen hinterher mittels der seidenen Schnur entfernen und sich durch eine Waschung mit derselben Flüssigkeit reinigen, um danach ein anderes Schwämmchen, das auf dieselbe Weise getränkt ist, wieder einzuführen. Man kann diese Schwämmchen auch in eine starke Lösung einer solchen Flüssigkeit tauchen und sie hernach wieder in Gebrauch nehmen.
Auch ein gesunder Mann kann sich im Verkehr mit einer Frau, die er im Verdacht einer venerischen Erkrankung hat, schützen, indem er ein mit vorbeugender Flüssigkeit getränktes Schwämmchen in ihre Vagina einführt. Doch sollte er nach dem Verkehr sein Glied in dieser Flüssigkeit waschen. Dazu kann man ein Glas oder Porzellangefäß verwenden. Noch sicherer ist es, wenn man in den Harnkanal etwas von dieser Flüssigkeit einführt. Dazu kann man eine kleine Elfenbeinröhre -- doch niemals einen Metallgegenstand verwenden. Will der Mann eine sehr köstliche Sensation erleben, soll er diese Flüssigkeit zur Hälfte mit Rosenwasser mischen. Ich würde Dir das nicht sagen, meine Liebe, wenn ich nicht die entsprechende Erfahrung gemacht hätte.
Auch könnte ich Dir, meine liebe Laura, noch eine Reihe von anderen Beweisen dafür geben, daß die Natur den Frauen nicht dasselbe Recht auf Untreue gegeben hat wie den Männern. Doch anderseits ist es sicher, daß sie in ihr Herz und ihren Charakter mehr Unbeständigkeit gelegt hat als in unser Geschlecht. Ah, wie glücklich sind wir, wenn ein Liebesobjekt unser wahres Gefühl erweckt! Sollten wir da nicht ein kleines Opfer bringen, um einen großen Verlust zu vermeiden?«
Gerechter Himmel, wie tief war doch seine Erkenntnis des menschlichen Herzens! Du wirst mir das ohne Zweifel zugestehen. Durch dieses Gespräch nahm er mir eine Last von der Seele. Er gab mir meine Ruhe wieder und erfüllte mich mit vollkommener Freude.
Ich wollte allerdings noch einen gewissen Verdacht klären, den unsere ländliche Orgie damals in mir erweckt hatte. Zwar zögerte ich anfangs, ihn danach zu fragen, aber schließlich wagte ich es doch.
»Ich möchte Dich noch etwas fragen, mon cher, und ich bitte Dich, mir offen darauf zu antworten.«
»Wie? Meine Laurette, könnte ich Dir das unwürdige Beispiel der Verstellung geben, nachdem ich mich immer bemüht habe, in aller Aufrichtigkeit mit Dir zu reden? Sprich offen, und ich werde Dir offen antworten.«
Ich rückte also unbefangen mit meinen Zweifeln heraus.
»Als wir damals jenen Landausflug machten und Du eine gewisse Bedingung stelltest, um meiner Torheit Vorschub zu leisten, habe ich mir eingeredet, daß die Reize dieses hübschen Jungen dein Verlangen ebenso erweckt hätten wie meines und daß Du, um Dich daran zu ersättigen, diese Bedingung gestellt habest. Habe ich mit dieser Vermutung recht gehabt?«
»Ah nein, wie Du Dich täuschst, meine Liebste! Ich war begehrlich, das stimmt. Du hast das untrügliche Zeichen dieses Verlangens ja gesehen. Wer hätte in einer Situation wie dieser nicht ähnlich empfunden? Aber in erster Linie waren die Vorzüge Deiner eigenen Person die Ursache dieser Empfindungen. Ich muß Dir gestehen, daß mir die Vorliebe mancher Männer für ihr eigenes Geschlecht immer bizarr erschien, wenn man sie auch bei allen Nationen finden mag. Diese merkwürdige Leidenschaft erscheint mir vor allem deshalb extravagant, weil sie alle Gesetze der Natur verletzt, es sei denn, daß ein akuter Mangel an Frauen uns unsere Zuflucht zu unserem eigenen Geschlecht nehmen läßt. Man kann dies in Schulen, Klöstern, Gefängnissen und überall dort, beobachten, wo die Frauen aus dem Leben der Männer ausgeschlossen sind. Doch werden diese Unglücklichen, welche die Reize der Frauen entbehren müssen, immer wieder zu diesen zurückkehren, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.
Etwas anderes ist es mit der Neigung der Frauen für ihr eigenes Geschlecht. Diese scheint mir nicht so unnatürlich. Ich glaube vielmehr, daß die Zärtlichkeit ihres Betragens untereinander sie sehr leicht verführt, mit ihren Geschlechtsgenossinnen eine intime Bindung einzugehen. Auch stört diese Neigung zumeist ihre Vorliebe für unser Geschlecht nicht im Geringsten. Tatsächlich werden diese armen Geschöpfe doch zeitlebens einem gewissen Zwang unterworfen. Man sperrt sie in Klöster ein, bei nahezu allen Nationen macht man aus ihrem Heim ein Gefängnis.
Diese Abgeschlossenheit erzeugt in ihnen die Illusion, daß sie wenigstens in den Armen ihrer Geschlechtsgenossinnen jene Wonne suchen und finden könnten, nach der ihre Natur verlangt, wenn ihnen schon der natürlichere Umgang mit Männern verwehrt ist. Und da dieses unzweifelhafte Vergnügen, in dem sich Schönheit, Grazie und Jugendfrische mischen, für sie völlig ungefährlich ist, geben sie sich ihm nach den ersten schüchternen Versuchungen mit einer gewissen Leidenschaft hin. Sie riskieren nichts und sie gewinnen viel in einer solchen zärtlichen Bindung.
Bei den Männern ist das etwas anderes. Im Allgemeinen mangelt es ihnen nicht an Frauen, und es ist für sie nicht halb so gefährlich wie für jene, ihren Wünschen nachzugehen. Sie haben also recht wenig Grund, sich mit ihresgleichen einzulassen. Übrigens scheint es mir im Ganzen als pervers, und Du darfst mir glauben, daß es damals mit Vernol das einzige Mal war, daß ich etwas dergleichen getan habe. Doch wenn mir diese Methode der Lust auch bei den Männern höchst bizarr erscheint, so finde ich es doch ganz natürlich, eine Frau gelegentlich von hinten zu nehmen. Ja, ein schlecht ausgerüsteter Mann ist in einer weiten Vagina so gut wie verloren und daher beinahe gezwungen, es mit einem engeren Weg zu versuchen, um auf dem Feld, das er beackert, die Lust zu empfangen, nach der er strebt. Und übrigens gibt es sogar eine ganze Anzahl von Frauen, die nicht anders erregt werden können als auf diesem Weg.
Doch um auf die Gründe zurückzukommen, die mich damals veranlaßten, Vernol zu nehmen: Meine Liebe und mein Begehren galten Dir, und nur dir allein. Aber ich habe, wie Du weißt, keine Vorurteile. Dazu kam ein lebhaftes Verlangen, Dich von allen Seiten zu befriedigen und all Deine Gefühle zu wecken. Auch wollte ich, daß Du die Verschiedenheit des Genusses kennen lernen solltest. Dazu kam, daß ich Vernol seinen Genuß nicht allein zu gönnen vermochte, ich wollte daran teilnehmen. Auf welch andere Weise hätte ich dies erreichen können, ohne in Deinem Herzen als ein eifersüchtiger Tyrann zu gelten? Hätte ich mich Deinem Verlangen nach Vernol widersetzt, würde ich vielleicht Deine Zärtlichkeit und Dein absolutes Vertrauen verloren haben. Das konnte ich nicht riskieren, umso weniger, als ich nur auf Dein Herz eifersüchtig bin. Anderseits konnte ich Dich nicht in den Armen Vernols sehen, der sich meine Gefühle für Dich anmaßte, nur um eine Eroberung, die mir so viel bedeutete, dann als ein hübsches Abenteuer zu betrachten. Ich wollte, daß er sich, ebenso wie Rose, nicht dieser Lust erinnern könne, die er in deinen Armen empfing, ohne zur selben Zeit daran zu denken, daß er dafür mit seiner eigenen Person hatte bezahlen müssen. Und ich hoffte, daß diese Erinnerung seinen Gedanken und seiner Zunge einen Zaum auferlegen würde. Ich habe ihn mit umso mehr Grund in der Art der Frauen benutzt, weil Männer kaum je klug und diskret genug sind, das Gute, das ihnen widerfahren mag, für sich zu behalten. Um Dir die Ehrlichkeit meiner Gründe zu beweisen, erinnere ich Dich daran, daß Rose von mir nicht auf diese Weise behandelt wurde, obwohl das bei einer Frau doch um vieles natürlicher erschiene als bei einem Mann. Doch sie war mir dazu nicht wichtig genug. Und obwohl dies das erste Mal gewesen wäre, sie auf diese Weise zu besitzen, habe ich es doch Vernol überlassen, ihre zweite Jungfernschaft zu brechen. Urteile nun selbst, ob ich Dich täusche.«
Seine Antwort überzeugte mich. Ich umschlang ihn mit meinen Armen, ich drückte ihn an mein Herz, ich erstickte ihn beinahe mit den Beweisen meiner Liebe.
»Mein Liebster, nie, nie wieder werde ich Deine Güte und Deine Liebe für Deine Laurette bezweifeln. Glaube mir, von nun an soll jeder Atemzug meines Lebens Dir geweiht sein. Ich will Dich zum Gefährten meiner Lust wie meiner Sorgen, ja selbst meiner geheimsten Gedanken machen. Die Beständigkeit und Treue meines Herzens sollen Dir die Innigkeit eines Herzens beweisen, das nur für Dich schlägt.«