Part 4
Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen: „Jetzt ist es Zeit, mein Heim aufzugeben und Gott zu suchen. Ach, wer hat mich so lange hier im Wahn gehalten?“ Gott flüsterte: „Ich“, aber des Mannes Ohren waren verschlossen. Mit dem schlummernden Kind an der Brust lag sein Weib, friedlich schlafend, neben ihm auf dem Lager. Der Mann sagte: „Wer seid Ihr, die Ihr mich so lange genarrt habt?“ Die Stimme sagte wieder: „Diese sind Gott“, aber er hörte es nicht. Das Kind schrie auf im Traum und schmiegte sich eng an die Mutter. Gott gebot: „Halt, Du Tor, verlaß Dein Heim nicht“, aber noch immer hörte er nicht. Gott seufzte und sagte traurig: „Warum verläßt mich mein Diener, wenn er mich suchen geht?“
76
Jahrmarkt war vor dem Tempel. Es hatte geregnet vom frühen Morgen an, und der Tag neigte seinem Ende zu. Lichter als alle Fröhlichkeit der Menge war das lichte Lächeln eines Mädchens, das für einen Pfennig eine Palmenpfeife gekauft hatte. Die schrille Freude dieser Pfeife schwebte über allem Lachen und Lärm.
Ein endloser Zug von Leuten kam und drängte sich. Die Straße war kotig, der Fluß im Steigen, die Felder unter Wasser in unaufhörlichem Regen. Größer als alle Kümmernisse der Menge war der Kummer eines kleinen Knaben -- er hatte nicht einen Pfennig, sich einen bunten Stock zu kaufen. Seine ernsten Augen, die sehnsüchtig nach dem Laden starrten, machten dieses ganze Menschengewühle so jammervoll.
77
Der Arbeiter und sein Weib vom Westland sind fleißig, Ziegel zu stechen für die Darre. Ihre kleine Tochter geht zur Landungsstelle am Fluß; da hat es kein Ende mit Scheuern und Schrubben von Töpfen und Pfannen. Ihr kleiner Bruder, mit rasiertem Kopf und braun, nackt, die Glieder kotbespritzt, folgt hinterdrein und wartet geduldig am hohen Ufer auf ihre Weisung. Sie geht wieder heim, mit dem vollen Kruge frei auf dem Haupt, den blinkenden Messingtopf in der Linken, an der Rechten das Kind -- sie, die kleine Dienerin ihrer Mutter, ernst von der Last der häuslichen Sorgen.
Eines Tages sah ich diesen nackten Jungen mit ausgestreckten Beinen sitzen. Im Wasser saß seine Schwester und rieb mit einer Handvoll Erde ein Trinkgefäß und drehte es um und um. In der Nähe graste ein weichwolliges Lamm das Ufer entlang. Es kam dicht heran, wo der Junge saß, und blökte plötzlich laut, und das Kind fuhr auf und schrie. Seine Schwester ließ ab vom Reinigen des Topfs und lief hin. Sie nahm ihren Bruder in einen Arm und das Lamm in den andern und teilte ihre Liebkosungen zwischen beiden, mit ~einem~ Band der Liebe die Sprößlinge von Tier und Mensch vereinend.
78
Es war im Mai. Der schwüle Mittag schien endlos lang. Die dürre Erde schmachtete vor Durst in der Hitze. Da hörte ich vom Fluß her eine Stimme rufen: „Komm, Liebling!“ Ich schloß mein Buch und öffnete das Fenster, um hinauszuschauen. Ich sah einen großen Büffel, das Fell beschmutzt, mit friedlichen, geduldigen Augen am Flusse stehn; und ein Junge, knietief im Wasser, rief ihn zur Schwemme. Ich lächelte sinnend, und ein Hauch süßen Friedens berührte mein Herz.
79
Oft frage ich mich, wo verborgen liegen des Erkennens Grenzen zwischen Mensch und Tier, dessen Herz keine gesprochene Sprache kennt. Durch welches Ur-Paradies lief an einem fernen Schöpfungsmorgen der schlichte Pfad, auf dem sich ihre Herzen trafen? Jene oft getretenen Spuren sind noch nicht verwischt, wenn auch ihre Verwandtschaft vergessen ist. Doch plötzlich zu irgendeiner wortlosen Musik erwacht das dunkle Erinnern, und das Tier blickt in des Menschen Antlitz mit zärtlichem Vertrauen, und der Mensch schaut nieder in seine Augen mit sinnender Zuneigung. Es ist, als ob die beiden Freunde sich in Masken treffen und einander unter der Verkleidung leise ahnen.
80
Mit einem Blick aus Deinen Augen, schöne Frau, könntest Du all den Liederreichtum plündern, der aus der Dichter Harfen tönt! Doch für ihre Loblieder hast Du kein Ohr, darum will ich Dein Lob singen. Vor Deine Füße könntest Du der Erde stolzeste Häupter beugen. Doch die Du erwähltest, Deine Geliebten und Angebeteten, kennen den Ruhm nicht, darum verehr’ ich Dich. Die Schönheit Deiner Arme brächte mit ihrer Berührung königlichem Glanze Ruhm. Doch Du gebrauchst sie, um den Staub zu kehren und Dein bescheidnes Heim rein zu halten, darum bin ich erfüllt von Ehrfurcht.
81
Was flüsterst Du mir so leise ins Ohr, o Tod, mein Tod? Wenn die Blumen am Abend ihre Köpfe senken und das Vieh heimkehrt in seine Ställe, kommst Du verstohlen an meine Seite und redest Worte, die ich nicht verstehe. Mußt Du ~so~ freien und werben um mich, mit dem betäubenden Gift einschläfernden Murmelns und kalter Küsse, o Tod, mein Tod?
Wird es denn keine stolze Feier geben für unsre Hochzeit? Willst Du nicht mit einem Kranz Deine braungeringelten Locken umwinden? Ist da keiner, der Dir die Fahne voranträgt, und wird die Nacht nicht in Flammen stehn von Deinen roten Fackeln, o Tod, mein Tod?
Komm mit dem Klang Deiner Muscheltrompeten, komm in der schlaflosen Nacht. Kleide mich in einen Purpurmantel, faß meine Hand und nimm mich. Laß vor meiner Tür Deinen Wagen bereit sein mit Deinen ungeduldig wiehernden Rossen. Heb meinen Schleier und blick mir keck ins Gesicht, o Tod, mein Tod!
82
Wir müssen das Spiel des Todes spielen heut Nacht, meine Braut und ich. Die Nacht ist schwarz, die Wolken jagen sich mutwillig am Himmel, und die Wogen wüten im Meer. Wir haben den Pfühl unsrer Träume verlassen, die Tür aufgestoßen und sind herausgekommen, meine Braut und ich. Wir sitzen auf einer Schaukel, und die Sturmwinde geben uns einen wilden Stoß von rückwärts. Meine Braut fährt auf vor Furcht und Lust, sie zittert und schmiegt sich an mein Herz. Lang habe ich ihr in Liebe gedient. Ich bereitete für sie ein Lager von Blumen, und ich schloß die Türen, um das zudringliche Licht fernzuhalten von ihren Augen. Ich küßte sie sacht auf die Lippen und flüsterte ihr leise ins Ohr, bis sie halb ohnmächtig wurde vor Sehnsucht. Sie war verloren in dem endlosen Nebel trunkener Süße. Sie antwortete nicht auf meine Berührung, meine Lieder vermochten sie nicht zu erwecken. Heut Nacht ist der Ruf des Sturms aus der Wildnis zu uns gekommen. Meine Braut erschauerte und stand auf; sie ergriff meine Hand und trat heraus. Ihr Haar fliegt im Wind, ihr Schleier flattert, und der Kranz, der um ihren Nacken hängt, raschelt auf ihrer Brust. Der Stoß des Todes hat sie ins Leben geschwungen. Wir stehen Antlitz in Antlitz und Herz an Herz, meine Braut und ich.
83
Sie wohnte bei den Hügeln am Rand eines Maisfelds, nahe der Quelle, die in lachenden Sprudeln durch die feierlichen Schatten alter Bäume fließt. Die Frauen kamen dahin, ihre Krüge zu füllen, und Wandrer pflegten da zu rasten und zu plaudern. Sie arbeitete und träumte täglich zur Weise des murmelnden Flusses.
Eines Abends kam der Fremde hernieder von dem wolkenbedeckten Gipfel; seine Locken waren wirr geringelt wie schläfrige Schlangen. Wir fragten verwundert: „Wer bist Du?“ Er antwortete nicht, sondern setzte sich an den geschwätzigen Fluß und blickte schweigend nach der Hütte, wo sie wohnte. Unsre Herzen bebten in Angst und wir kamen heim, als es Nacht war.
Am nächsten Morgen, als die Frauen Wasser holen kamen bei der Quelle unter den Deodar-Bäumen, fanden sie die Türen offen in ihrer Hütte, aber ihre Stimme war fort und wo war ihr lächelndes Antlitz? Der leere Krug lag auf dem Boden, und ihre Lampe in der Ecke war ausgebrannt. Niemand wußte, wohin sie geflohen war, ehe der Morgen graute -- und der Fremde war fort.
Im Maienmond wurde die Sonne heiß, und der Schnee schmolz, und wir saßen an der Quelle und weinten. Wir fragten uns in unserm Sinn: „Gibt es in dem Land, wohin sie gegangen ist, eine Quelle, wo sie ihren Krug füllen kann in diesen heißen, durstigen Tagen?“ Und wir fragten einander bange: „Gibt es hinter diesen Hügeln, wo wir leben, ein Land?“
Es war eine Sommernacht; von Süden strich die Brise, und ich saß in ihrem verlassenen Zimmer, wo die Lampe noch immer unangezündet stand. Als plötzlich vor meinen Augen die Hügel schwanden, wie zur Seite gezogene Vorhänge. „Ah, sie ist es, die kommt. Wie geht es Dir, mein Kind? Bist Du glücklich? Aber wo kannst Du herbergen unter diesem offenen Himmel? Und, ach! unsere Quelle ist nicht da, um Deinen Durst zu lindern.“
„Hier ist der selbe Himmel“, sagte sie, „nur frei von den engenden Hügeln, -- das ist der selbe Fluß, zum Strom gewachsen, -- die selbe Erde, in eine Ebene geweitet.“ „Alles ist da,“ seufzte ich, „nur wir nicht.“ Sie lächelte traurig und sagte: „Ihr seid in meinem Herzen.“ Ich wachte auf und hörte das Murmeln des Flusses und das nächtliche Rauschen der Deodars.
84
Über die grünen und gelben Reisfelder fegen die Schatten der Herbstwolken, verfolgt von der rasch jagenden Sonne. Die Bienen vergessen ihren Honig zu nippen, trunken von Licht taumeln und summen sie närrisch durcheinander. Die Enten auf den Inseln im Fluß schreien vor Freude, ohne jeden Anlaß. Laßt niemanden heimgehn, Brüder, diesen Morgen, laßt niemand an die Arbeit gehn. Laßt uns den Himmel im Sturm nehmen und den Raum plündern im Laufen. Lachen schwebt in der Luft wie Schaum auf der Flut. Brüder, laßt uns unsern Morgen vertun mit unnützen Liedern.
85
Wer bist du, Leser, der meine Lieder heut über hundert Jahre lesen wird? Ich kann Dir nicht eine einzige Blume schicken von diesem Frühlingsreichtum, keinen einzigen Streifen Gold aus den Wolken droben. Öffne Deine Tür und blicke hinaus. In Deinem blühenden Garten pflücke duftende Erinnerungen an die entschwundenen Blumen vor hundert Jahren. In der Freude Deines Herzens magst Du die lebendige Freude fühlen, die an einem Frühlingsmorgen sang und ihre frohe Stimme hinaussandte über hundert Jahre.
ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES ÜBERSETZERS
Zu Gedicht:
1: _Saptaparna_ (Alstonia scholaris), Siebenblatt, nach der Zahl seiner quirlförmig gestellten Blätter benannter Baum.
_Açoka_ (Jonesia Asoka), ein dem Schiva heiliger Baum. Es heißt, daß die Berührung eines Frauenfußes ihn zum Blühen bringe.
10: _Glückszeichen_. Jeder fromme Hindu zeichnet am Morgen nach dem Bad seine Stirn mit dem heiligen Zeichen (pundra oder tilaka), das bei einzelnen Sekten verschieden ist, bald bogenartig, bald kreisförmig, mitunter von drei horizontalen Linien (tri-pundra) gebildet.
14: _Kokil, Koïl_ (Sanskrit kokila), ist der indische Kuckuck (eudynamis orientalis), der sehr schön singt.
16: _Henna_ (aus dem Arab. hina), Blattpflanze (lawsonia inermis). Der rote Saft wird zum Färben der Handteller und Fußsohlen verwendet.
17: _Kusm_, Sanskrit Kusumbha, Name für echten Safran (crocus sativus) und unechten (carthamus tinctorius). Aus den Blättern des unechten Safran wird ein roter Farbstoff gewonnen. _Kadam_, Sanskrit Kadamba (Nauclea Cadamba), Baum mit orangefarbener duftender Blüte.
64: _Ashath_, Sanskrit Açvattha, eine Feigenbaumart (ficus religiosa), die heilig geachtet wird wie der für Indien charakteristische vata (ficus indica, die sog. Luftwurzelfeige; vergl. Gedicht 13). Der Açvattha schlägt Wurzel in die Spalten anderer Bäume, in Mauern und Häuser und zerstört sie.
83: _Deodar_ (devadāru, eigentlich Götterbaum), eine Kiefernart (Pinus Deodora). Nach Wilson bezieht sich dieser Name in Bengalen auf Uvaria longifolia. Pinus Deodara wächst in einer Höhe von 6000 bis 12000 Fuß über dem Meere.
Die deutsche Übersetzung ist in möglichster Anlehnung an die englische Übertragung gearbeitet, die englische Satzmelodie wurde meist nachgeahmt, jeder gesteigerte Rhythmus wurde vermieden. Bei den Anmerkungen danke ich vieles der Freundlichkeit des Berliner Sanskritisten, Herrn Prof. Heinrich Lüders.
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort des Dichters V
Der Gärtner 1
Dichter, der Abend zieht herauf 4
Am Morgen warf ich mein Netz aus 6
Ach warum bauten sie mein Haus 7
Ich bin friedlos 9
Der zahme Vogel war in einem Käfig 11
O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür vorüberkommen 13
Als die Lampe an meinem Bett ausging 15
Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe 17
Laß Deine Arbeit, Braut 18
Komm wie Du bist 20
Wenn Du einmal fleißig sein willst 22
Ich bat um nichts 24
Ich wanderte die Straße entlang 26
Ich laufe wie ein Bisam läuft 28
Hände schlingen sich in Hände 29
Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum 31
Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn 33
Du gingst den Uferweg am Fluß 34
Tag für Tag kommt er 35
Was trieb ihn 36
Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging 37
Warum sitzt Du da 38
Behalt es nicht für Dich 39
Komm zu uns, Jüngling 40
Was aus Deinen willigen Händen kommt 41
Traue der Liebe 42
Deine fragenden Augen sind traurig 43
Sprich zu mir, Geliebter 45
Du bist die Abendwolke 46
Mein Herz, der Vogel der Wildnis 47
Sag mir, ob das alles wahr ist 48
Ich liebe Dich, Geliebter 50
Geh nicht, Geliebter 52
Daß ich Dich nicht zu leicht erkenne 53
Er flüsterte 54
Würdest Du Deinen Kranz 55
Liebste, vor langem einmal 56
Ich versuche einen Kranz zu winden 57
Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz 58
Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen 59
Du Toller, herrlich Trunkener! 61
Nein, Freunde 64
Ehrwürdiger Vater 65
Den Gästen, die gehen müssen 67
Du ließest mich und gingst Deinen Weg 68
Wenn Du es so haben willst 70
Befrei mich von den Banden 71
Ich halte ihre Hände 72
Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht 73
Vollende denn das letzte Lied 74
Warum ging die Lampe aus 75
Warum machst Du mich erröten 76
Wohin eilst Du mit Deinem Korb 78
Es war Mittag, als Du fortgingst 79
Ich war eine von den vielen Frauen 81
Ich pflückte Deine Blume 83
Eines Morgens im Blumengarten 84
O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf 85
Mitten im Gedränge und Lärm 86
Still, mein Herz 87
Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich 88
Wanderer, mußt Du gehn? 89
Ich verbrachte meinen Tag 91
Bist Du es wieder, die ruft? 93
Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen 95
Ob auch der Abend kommt 97
Keiner lebt für immer 99
Ich jage nach dem goldnen Hirsch 101
Ich denke zurück an einen Tag 102
Der Tag ist noch nicht um 103
In Tagen harter Arbeit 106
Unendlicher Reichtum ist nicht Dein 108
Im Empfangssaal der Welt 110
Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen 111
Jahrmarkt war vor dem Tempel 112
Der Arbeiter und sein Weib 113
Es war im Mai 115
Oft frage ich mich 116
Mit einem Blick aus Deinen Augen 117
Was flüsterst Du mir so leise 118
Wir müssen das Spiel des Todes spielen 119
Sie wohnte bei den Hügeln 121
Über die grünen und gelben Reisfelder 124
Wer bist Du, Leser 125
Anmerkungen und Nachwort des Übersetzers 127
Gedruckt im Frühjahr 1921 bei Poeschel & Trepte in Leipzig *