Part 3
Ich halte ihre Hände und presse sie an meine Brust. Ich versuche, meine Arme mit ihrer Lieblichkeit zu füllen, ihr süßes Lächeln mit Küssen zu plündern, ihre dunklen Blicke mit meinen Augen zu trinken. Aber, ach, wo ist das alles? Wer kann dem Himmel sein Blau abzwingen? Ich versuche, die Schönheit zu fassen; sie entweicht mir und läßt nur den Körper in meinen Händen zurück. Betrogen und müde komm ich heim. Wie kann der Körper die Blume berühren, die nur die Seele berühren sollte?
50
Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht nach einem Begegnen mit Dir -- einem Begegnen, das wie der alles verschlingende Tod ist. Feg mich hinweg wie ein Sturm; nimm alles, was ich habe; brich ein in meinen Schlaf und plündre meine Träume. Raub mir meine Welt. In dieser Verwüstung, in der letzten Nacktheit der Seele, laß uns eins werden in Schönheit.
Ach, vergebliches Sehnen! Wo ist diese Hoffnung auf Vereinigung außer in Dir, mein Gott?
51
Vollende denn das letzte Lied und laß uns auseinandergehn. Vergiß diese Nacht, wenn die Nacht um ist. Wen suche ich mit meinen Armen zu umfassen? Träume lassen sich nicht einfangen. Meine verlangenden Hände drücken Leere an mein Herz, und sie zermalmt mir die Brust.
52
Warum ging die Lampe aus? Ich hielt meinen Mantel darüber, um sie gegen den Wind zu schützen, darum ist die Lampe ausgegangen.
Warum verwelkte die Blume? Ich drückte sie an mein Herz mit sorgender Liebe, darum ist die Blume verwelkt.
Warum trocknete der Strom aus? Ich zog einen Damm hindurch, um ihn ganz für mich zu haben, darum ist der Strom ausgetrocknet.
Warum riß die Harfensaite? Ich wollte einen Ton zwingen, der über ihre Kräfte ging, darum ist die Harfensaite gerissen.
53
Warum machst Du mich erröten durch einen Blick? Ich bin nicht als Bettler gekommen. Nur eine flüchtige Stunde lang stand ich am Ende Deines Hofes, jenseits der Gartenhecke. Warum machst Du mich erröten durch einen Blick?
Nicht eine Rose nahm ich aus Deinem Garten, nicht eine Frucht pflückte ich. Ich trat bescheiden unter die schützenden Bäume am Wege, wo jeder fremde Wandrer stehn darf. Nicht eine Rose pflückte ich.
Ja, meine Füße waren müde, und der Regen strömte herab. Die Winde heulten durch die schwankenden Bambuszweige. Die Wolken rasten über den Himmel, als seien sie auf der Flucht vor dem Besieger. Meine Füße waren müde.
Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest oder auf wen Du an Deiner Türe wartetest. Zuckende Blitze blendeten Deine spähenden Augen. Wie konnte ich wissen, daß Du mich sehen könntest dort, wo ich im Dunkeln stand? Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest.
Der Tag ist zu Ende und der Regen hat für eine Weile aufgehört. Ich verlasse den Schutz des Baumes am Rande Deines Gartens und diesen Sitz im Gras. Es ist dunkel geworden; schließ Deine Tür; ich gehe meines Wegs. Der Tag ist zu Ende.
54
Wohin eilst du mit Deinem Korb so spät am Abend, wo der Markt vorüber ist? Sie alle sind mit ihren Lasten heimgekommen; der Mond lugt durch die Dorfbäume. Das Echo der Stimmen, die nach der Fähre rufen, läuft über das dunkle Wasser zum fernen Sumpf, wo wilde Enten schlafen. Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist?
Der Schlaf hat seine Finger auf die Augen der Erde gelegt. Die Krähennester sind still geworden, und das Murmeln der Bambusblätter ist verstummt. Die Arbeiter sind heimgekehrt von ihren Feldern und breiten ihre Matten in den Höfen. Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist?
55
Es war Mittag, als Du fortgingst. Die Sonne stand heiß am Himmel. Ich hatte meine Arbeit getan und saß allein auf meinem Balkon, als Du fortgingst. Dann und wann kam ein leiser Windstoß heran und fächelte mir den Duft von vielen fernen Feldern zu. Die Tauben gurrten unermüdlich im Schatten, und eine Biene verirrte sich in mein Zimmer und summte die Neuigkeiten von vielen fernen Feldern.
Das Dorf schlief in der Mittagshitze. Die Straße lag verlassen. Zuweilen erhob sich plötzlich ein Rauschen in den Blättern und erstarb wieder. Ich starrte zum Himmel auf und wob eines Namens Buchstaben, den ich kannte, in das Blau, während das Dorf in der Mittagshitze schlief.
Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten. Die matte Brise spielte damit auf meiner Wange. Der Fluß glitt spiegelglatt am schattigen Ufer entlang. Die trägen, weißen Wolken bewegten sich nicht. Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten.
Es war Mittag, als Du fortgingst. Der Staub der Straße war heiß und die Felder lechzten. Die Tauben gurrten im dichten Laub. Ich war allein auf meinem Balkon, als Du fortgingst.
56
Ich war eine von den vielen Frauen, die Tag für Tag mit den unscheinbaren Pflichten des Haushalts beschäftigt sind. Warum suchtest Du mich aus und brachtest mich vom kühlen Obdach unsres gewöhnlichen Lebens fort?
Uneingestandene Liebe ist heilig. Sie leuchtet wie ein Edelstein im Glühn des verborgenen Herzens. Im Licht des neugierigen Tags blickt sie jammervoll trübe. Ach, Du durchbrachst die Hülle meines Herzens und zerrtest meine zitternde Liebe auf den offenen Platz und zerstörtest für immer den schattigen Winkel, wo sie ihr Nest hatte.
Die andern Frauen sind die gleichen geblieben. Niemand hat in ihr innerstes Wesen geschaut, und sie selbst wissen ihr eignes Geheimnis nicht. Leicht lächeln sie und weinen, plaudern und arbeiten. Täglich gehen sie in den Tempel, zünden ihre Lampen an und holen Wasser vom Fluß.
Ich hoffte, meine Liebe würde verschont bleiben vor der fröstelnden Schande der Obdachlosen, aber Du wendest Dein Gesicht ab. Ja, Dein Weg liegt offen vor Dir, aber mir hast Du die Rückkehr abgeschnitten und ließest mich splitternackt zurück vor der Welt, die mich mit ihren lidlosen Augen anstarrt Nacht und Tag.
57
Ich pflückte Deine Blume, o Welt! Ich drückte sie an mein Herz, und der Dorn stach. Als der Tag ging und es dunkelte, fand ich, daß die Blume verwelkt war, doch der Schmerz war geblieben.
Mehr Blumen werden zu Dir kommen mit Duft und Stolz, o Welt! Doch meine Zeit zum Blumenpflücken ist vorüber, und die dunkle Nacht lang hab ich meine Rose nicht, nur der Schmerz bleibt.
58
Eines Morgens im Blumengarten kam ein blindes Mädchen, mir eine Blumenkette anzubieten in der Hülle eines Lotusblatts. Ich legte die Blumenkette um meinen Nacken, und Tränen kamen mir in die Augen. Ich küßte sie und sagte: „Du bist blind gerade wie die Blumen. „Du weißt selber nicht, wie schön Deine Gabe ist.“
59
O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf, sondern auch der Menschen; diese statten Dich aus mit Schönheit aus ihren Herzen. Dichter weben für Dich ein Gewebe aus Fäden goldener Phantasie; Maler geben Deiner Gestalt immer neue Unsterblichkeit. Das Meer gibt seine Perlen, die Minen ihr Gold, die Sommergärten ihre Blumen, Dich einzuhüllen, Dich zu bedecken, Dich kostbarer zu machen. Das Verlangen von Männerherzen hat seinen Glanz über Deine Jugend gebreitet. Du bist halb Weib und halb Traum.
60
Mitten im Gedränge und Lärm des Lebens, o Schönheit in Stein geschnitten, stehst Du stumm und still, allein und abseits. Der Geist der Zeit sitzt bezaubert zu Deinen Füßen und flüstert: „Sprich, sprich zu mir, meine Geliebte; sprich, meine Braut!“ Aber Deine Rede ist in dem Stein festgebannt, o unbewegliche Schönheit!
61
Still, mein Herz, laß den Augenblick des Scheidens süß sein. Laß es nicht Tod sein, sondern Vollendung. Laß Liebe in Erinnerung schmelzen und Schmerz in Lieder. Laß den Flug durch den Himmel im Flügelfalten über dem Nest enden. Laß die letzte Berührung Deiner Hände sanft sein wie die Blume der Nacht. Steh still, o wundervolles Ende, für einen Augenblick, und sage Deine letzten Worte in Schweigen. Ich neige mich vor Dir und halte meine Lampe in die Höhe, um Dir auf Deinen Weg zu leuchten.
62
Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich, um die Liebste zu suchen, die mir gehörte in einem früheren Leben.
Ihr Haus stand am Ende einer verödeten Straße. Im Abendwinde saß ihr Lieblingspfau schläfrig auf der Stange, und die Tauben schwiegen in ihrer Ecke.
Sie setzte ihre Lampe nieder an der Pforte und stand vor mir. Sie hob ihre großen Augen zu meinem Gesicht und fragte stumm: „Geht es Dir gut, mein Freund?“ Ich versuchte zu antworten, aber unsre Sprache war verloren gegangen und vergessen.
Ich sann und sann; unsre Namen wollten mir nicht in den Sinn kommen. Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie streckte mir ihre Rechte entgegen. Ich nahm sie und stand schweigend.
Unsre Lampe flackerte im Abendwind und erlosch.
63
Wanderer, mußt Du gehn? Die Nacht ist still, und das Dunkel bricht über dem Walde zusammen. Die Lampen sind hell auf unsrem Balkon, die Blumen alle frisch, und die jungen Augen noch wach. Ist die Zeit für Dein Scheiden gekommen? Wanderer, mußt Du gehn?
Wir haben Deine Füße nicht gefesselt mit unsren bittenden Armen. Deine Türen sind offen. Dein Pferd steht gesattelt an der Pforte. Wenn wir versuchten, Deinen Pfad zu hemmen, geschah es nur mit unsern Liedern. Haben wir je versucht, Dich zurückzuhalten, geschah es nur mit unsern Augen. Wanderer, wir sind ohnmächtig, Dich zu halten. Wir haben nur unsre Tränen.
Welch unauslöschliches Feuer glüht in Deinen Augen? Welch ruhloses Fieber jagt durch Dein Blut? Welcher Ruf aus dem Dunkel zwingt Dich? Welch schreckliche Zauberformel hast Du in den Sternen am Himmel gelesen, daß die Nacht mit versiegelter, heimlicher Botschaft in Dein Herz trat, schweigend und fremd?
Wenn Dir nichts liegt an fröhlichen Gelagen, wenn Du Frieden haben mußt, müdes Herz, werden wir unsre Lampen auslöschen und unsre Harfen schweigen lassen. Wir werden still im Dunkel sitzen im Flüstern der Blätter, und der müde Mond wird fahle Strahlen an Dein Fenster gießen. O Wanderer, welch schlafloser Geist aus dem Herzen der Mitternacht hat Dich berührt?
64
Ich verbrachte meinen Tag im sengend heißen Staub der Straße. Nun, in der Kühle des Abends, poche ich an die Tür der Schenke. Sie ist verlassen und zerfallen. Ein alter, verkrüppelter Ashath-Baum streckt seine hungrig haschenden Wurzeln durch die klaffenden Ritzen der Wände.
Es gab eine Zeit, wo Wanderer hier einkehrten, ihre müden Füße zu waschen. Sie breiteten ihre Matten auf dem Hof im trüben Licht des frühen Monds und saßen und sprachen von fremden Ländern. Sie wachten erfrischt am Morgen auf, wo das Gezwitscher der Vögel sie froh machte und freundliche Blumen ihnen zunickten vom Wegrain.
Aber keine brennende Lampe erwartete mich, als ich herkam. Die schwarzen Rauchflecken von mancher vergessenen Abendlampe starren wie blinde Augen von der Wand. Leuchtkäfer schwirren im Busch am ausgetrockneten Teich, und Bambuszweige werfen ihre Schatten auf den grasüberwachsenen Pfad. Ich bin Niemandes Gast am Ende meines Tags. Die lange Nacht ist vor mir, und ich bin müde.
65
Bist du es wieder, die ruft? Der Abend ist gekommen. Die Müdigkeit umschlingt mich wie die Arme bittender Liebe. Rufst Du mich?
Ich hatte Dir meinen ganzen Tag gegeben, grausame Herrin, mußt Du mir auch meine Nacht noch rauben? Alles hat irgendwo sein Ende und die Einsamkeit des Dunkels gehört uns selbst. Muß Deiner Stimme Pfeil sie durchschneiden und mich tödlich treffen?
Singt Dir der Abend kein Schlummerlied unter Deinem Fenster? Steigen die Sterne mit ihren lautlosen Schwingen niemals hinan zu dem erbarmungslos dunklen Himmel über Deiner Burg? Sinken die Blumen in Deinem Garten niemals in den Staub zu sanftem Tode?
Mußt Du mich rufen, Du Ruhelose? Dann laß die traurigen Augen der Liebe vergeblich wachen und weinen. Laß die Lampe brennen im einsamen Haus. Laß das Fährboot die müden Arbeiter heimtragen. Ich reiße mich los aus meinen Träumen und folge eilig Deinem Ruf.
66
Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen. Sein Haar war zerzaust, von der Sonne gebleicht und mit Staub bedeckt, sein Leib zum Schatten abgemagert, seine Lippen fest aufeinander gepreßt wie die verschlossenen Türen seines Herzens, seine brennenden Augen wie das Licht eines Glühwurms, der seinen Gespielen sucht.
Vor ihm brüllte der endlose Ozean. Die geschwätzigen Wellen plauderten unaufhörlich von verborgenen Schätzen, den Unverstand verspottend, der nicht wußte, was sie meinten. Mag sein, daß ihm jetzt keine Hoffnung mehr geblieben war, und doch wollte er nicht ruhn, denn das Suchen war sein Leben geworden, -- Wie der Ozean immer seine Arme zum Himmel hebt nach dem Unerreichbaren -- Wie die Sterne im Kreise wandeln und doch ein Ziel suchen, das unerreichbar ist -- So wanderte auch der Narr mit bestaubtem und gebleichtem Haar am einsamen Gestade, auf der Suche nach dem Stein der Weisen.
Eines Tages kam ein Dorfjunge auf ihn zu und fragte: „Sag mir, wo hast Du die goldne Kette her um Deinen Leib?“ Der Narr stutzte -- die Kette, die einst eisern war, war wirklich Gold; es war kein Traum, aber er wußte nicht, wann sie sich verwandelt hatte. Er schlug sich wild an die Stirn -- wo, ach wo, hatte er, ohne es zu wissen, endlich Erfolg gehabt? Es war ihm zur Gewohnheit geworden, Kiesel aufzulesen, die Kette damit zu berühren und die Steine wegzuwerfen, ohne darauf zu achten, ob sie sich verwandelt hätte; so fand und verlor der Narr den Stein der Weisen. Die Sonne sank tief im Westen, und der Himmel war golden. Der Narr ging auf seiner eigenen Spur zurück, um von neuem den verlorenen Schatz zu suchen, mit erschöpfter Kraft, den Leib gebeugt, und das Herz im Staube wie ein entwurzelter Baum.
67
Ob auch der Abend kommt mit langsamen Schritten, und allen Liedern das Zeichen zum Schweigen gegeben hat; Ob auch Deine Gefährten zur Ruhe gegangen sind, und Du müde bist; Ob auch die Furcht im Dunkel brütet, und das Antlitz des Himmels verschleiert ist; Dennoch, Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
Das ist nicht das Schimmern des Laubs im Walde, es ist das Meer, das wie eine unheimliche schwarze Schlange schwillt. Das ist nicht der Tanz des blühenden Jasmins, es ist der gischtende Schaum. Ach, wo ist das sonnig grüne Ufer, wo ist Dein Nest? Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
Die einsame Nacht liegt über Deinem Weg, die Dämmerung schläft hinter den schattigen Hügeln. Die Sterne halten den Atem an und zählen die Stunden, der bleiche Mond überschwemmt die tiefe Nacht. Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
Da ist keine Hoffnung, keine Furcht für Dich. Da ist kein Wort, kein Flüstern, kein Schrei. Da ist kein Heim, keine Ruhestatt. Da ist nur Dein eigenes Paar Schwingen und der pfadlose Himmel. Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
68
Keiner lebt für immer, Bruder, und nichts dauert lange. Halt das im Sinn und frohlocke. Unser Leben ist mehr als der eine Kehrreim, unsre Bahn ist mehr als die eine lange Reise. Die Musik der Welt ist mehr als dies eine alte Lied des einen Dichters. Die Blume welkt und stirbt; aber wer die Blume trägt, muß nicht ewig um sie trauern. Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
Vollkommene Stille muß werden, damit alle Töne zu vollendeter Harmonie sich weben. Das Leben neigt sich seinem Sonnenuntergang, um in goldenen Schatten zu versinken. Liebe muß abberufen werden von ihrem Spiel, um Leid zu kosten und zum Himmel der Tränen getragen zu werden. Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
Wir eilen, unsre Blumen zu pflücken, sonst werden sie geplündert von den eilenden Winden. Unsre Pulse schlagen schneller und unsre Augen leuchten, wenn wir Küsse haschen, die uns entschwänden, wenn wir säumten. Unser Leben ist voll Verlangen, unsre Wünsche sind ungestüm, denn die Zeit läutet die Glocke der Trennung. Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
Wir haben keine Zeit, nach einem Ding zu greifen und es dann zu zerdrücken und in den Staub zu werfen. Leichten Schrittes eilen die Stunden davon, ihre Träume in den Falten ihres Gewandes verbergend. Unser Leben ist kurz; nur wenige Tage gönnt es der Liebe. Brächten wir es mit mühseliger Arbeit hin, es würde endlos lang sein. Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
Schönheit ist süß für uns, denn sie tanzt nach der gleichen flüchtigen Weise wie unser Leben. Wissen ist kostbar für uns, denn wir werden nie Zeit haben, es zu vollenden. Alles wird getan und vollendet im ewigen Himmel. Aber die Blumen der Täuschung, die dieser Erde entsprießen, hält ewig frisch der Tod. Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
69
Ich jage nach dem goldnen Hirsch. Ihr mögt lächeln, Freunde, aber ich verfolge das Trugbild, das mich narrt. Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder, weil ich nach dem goldnen Hirsch jage. Ihr kommt und kauft auf dem Markt und kehrt mit Waren beladen heim, aber der Zauber der heimatlosen Winde hat mich berührt, ich weiß nicht, wo und wann. Ich trage keine Sorge in meinem Herzen; all meine Habe ließ ich weit hinter mir. Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder -- weil ich dem goldnen Hirsch nachjage.
70
Ich denke zurück an einen Tag aus meiner Kindheit, da ließ ich ein Papierschiffchen schwimmen im Graben. Es war ein feuchter Julitag; ich war allein und glücklich bei meinem Spiel. Ich ließ mein Papierschiffchen schwimmen im Graben.
Plötzlich ballten sich die Sturmwolken, Winde kamen in Stößen, und der Regen goß in Strömen herab. Bächlein von schmutzigem Wasser stürzten und schwellten den Fluß und ließen mein Schifflein sinken. Bitter dachte ich in meinem Sinn, daß der Sturm nur darum gekommen sei, mein Glück zu zerstören; all seine Bosheit gälte mir.
Der wolkige Julitag währt lange heute, und ich habe nachgesonnen all den Spielen des Lebens, in denen ich Verlierer war. Ich schalt mein Schicksal für die vielen Streiche, die es mir spielte, als ich plötzlich an das Papierschifflein denken mußte, das im Graben sank.
71
Der Tag ist noch nicht um, der Jahrmarkt nicht zu Ende, der Jahrmarkt am Flußufer. Ich hatte gefürchtet, daß meine Zeit vergeudet wäre, mein letzter Pfennig vertan. Aber nein, Bruder, ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.
Das Kaufen und Verkaufen ist vorüber. Jeder hat das Seine eingepackt, und es ist Zeit für mich, heimzugehn. Aber, Torhüter, verlangst Du Deinen Zoll? Fürchte Dich nicht, ich habe immer noch etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.
Die Stille im Wind droht Sturm, die niedrig ziehenden Wolken im Westen verheißen nichts Gutes. Das verstummte Wasser wartet auf den Wind. Ich spute mich, über den Fluß zu kommen, eh mich die Nacht überfällt. Fährmann, Du willst Deinen Lohn! Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.
Am Wegrand unter dem Baum sitzt der Bettler. Ach, er sieht in mein Gesicht mit zager Hoffnung! Er denkt, ich sei reich durch des Tages Ertrag. Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.
Die Nacht wird schwarz und die Straße einsam. Leuchtkäfer glühn im Laub. Wer bist Du, der mir mit heimlich leisen Schritten folgt? Ach, ich weiß, Du möchtest mir all meinen Gewinn rauben. Ich will Dich nicht enttäuschen! Denn ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.
Um Mitternacht erreich ich mein Heim. Meine Hände sind leer. Du wartest auf mich mit ängstlichen Augen an meiner Türe, schlaflos und schweigend. Wie ein furchtsamer Vogel fliegst Du an meine Brust in ungestümer Liebe. Ja, ja, mein Gott, noch viel ist mir geblieben. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.
72
In Tagen harter Arbeit errichtete ich einen Tempel. Er hatte weder Türen noch Fenster, seine Mauern waren breit gebaut mit festen Quadern. Ich vergaß alles andere, ich mied alle Welt, ich starrte verzückt auf das Bild, das ich auf den Altar gesetzt hatte. Es war drinnen immer Nacht, die von Lampen mit duftendem Öl erleuchtet war. Der endlose Weihrauch umwand mein Herz mit seinen schweren Ringen. Schlaflos schnitt ich in die Wände phantastische Figuren in labyrinthisch irren Linien -- geflügelte Rosse, Blumen mit menschlichen Gesichtern, Frauen mit Gliedern wie Schlangen. Nirgends war ein Zugang gelassen, durch den das Lied der Vögel, das Murmeln der Blätter oder das Summen des geschäftigen Dorfes hereinkommen konnte. Der einzige Laut, der von der dunklen Kuppel widerhallte, waren die Beschwörungen, die ich sang. Mein Geist wurde scharf und unbewegt wie eine Stichflamme, die Sinne schwanden mir in Verzückung. Ich wußte nicht, wie die Zeit verging, bis der Donnerkeil den Tempel traf und jäher Schmerz mir das Herz durchstach.
Die Lampe sah blaß und beschämt aus; die Schnitzereien an den Wänden stierten wie gefesselte Träume mit wirren Blicken in das Licht, als wollten sie sich am liebsten verbergen. Ich schaute auf das Bild am Altar. Ich sah es lächeln und leben durch Gottes belebenden Hauch. Die Nacht, die ich gefangen hielt, hatte ihre Schwingen ausgebreitet und war verschwunden.
73
Unendlicher Reichtum ist nicht Dein, meine geduldige und traurige Mutter Erde! Du plagst Dich ab, die Mäuler Deiner Kinder zu stopfen, aber die Nahrung ist karg. Die Gabe der Freude, die Du für uns hast, ist niemals vollkommen. Das Spielzeug, das Du für Deine Kinder machst, ist zerbrechlich. Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen sättigen, aber sollte ich Dich darum verlassen? Dein Lächeln, das überschattet ist vom Schmerz, ist meinen Augen süß. Deine Liebe, die keine Erfüllung kennt, ist meinem Herzen teuer. Aus Deiner Brust hast Du uns genährt mit Leben, aber nicht mit Unsterblichkeit, darum sind Deine Augen immer schlaflos. Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe und Lied, und doch ist Dein Himmel noch nicht gebaut, nur eine trübe Ahnung von ihm. Über Deinen Schöpfungen der Schönheit liegt der Nebel von Tränen. Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz gießen und meine Liebe in Deine Liebe. Ich will Dich anbeten mit Arbeit. Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich liebe Deinen traurigen Staub, Mutter Erde.
74
Im Empfangssaal der Welt sitzt der einfache Grashalm auf demselben Teppich mit dem Sonnenstrahl und den Sternen der Mitternacht. So teilen meine Lieder ihre Plätze im Herzen der Welt mit der Musik der Wolken und Wälder. Aber Du, reicher Mann, Dein Reichtum hat nichts von der einfachen Größe des fröhlichen Sonnengolds und des milden sinnenden Mondenschimmers. Der Segen des allumarmenden Himmels ist nicht darüber ausgegossen. Und wenn der Tod erscheint, bleicht er und dorrt er und zerfällt in Staub.
75