Part 2
Du gingst den Uferweg am Fluß, mit vollem Krug auf Deiner Hüfte. Warum wandtest Du schnell Dein Antlitz und spähtest nach mir durch den flatternden Schleier? Dieser strahlende Blick aus dem Dunkel überkam mich wie eine Brise, die einen Schauer durch das kräuselnde Wasser schickt und fortreicht zum schattigen Ufer. Er kam zu mir wie der Vogel des Abends, der durch das lichtlose Zimmer huscht, von einem offenen Fenster zum andern, und in der Nacht verschwindet. Du bist verborgen wie ein Stern hinter den Hügeln, und ich bin ein Vorübergehender auf der Straße. Aber warum hieltest Du einen Augenblick an und blicktest in mein Antlitz durch Deinen Schleier, als Du den Uferweg am Flusse gingst mit dem vollen Krug auf Deiner Hüfte?
20
Tag für Tag kommt er und geht wieder. Geh, und gib ihm eine Blume aus meinem Haar, meine Freundin. Wenn er fragt, wer es war, der sie sandte, ich bitte Dich, sag ihm nicht meinen Namen -- denn er kommt nur und geht wieder.
Er sitzt im Staub unter dem Baum. Bereite ihm dort einen Sitz aus Blumen und Blättern, meine Freundin. Seine Augen sind traurig und sie bringen Traurigkeit in mein Herz. Er sagt nicht, an was er denkt; er kommt nur und geht wieder.
21
Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen, den wandernden Jüngling, als der Tag dämmerte? Immer wenn ich ein und aus gehe, komm ich an ihm vorüber, und meine Augen sind von seinem Antlitz gefangen. Ich weiß nicht, soll ich zu ihm sprechen oder schweigen. Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen?
Die wolkigen Nächte im Juli sind finster; der Himmel ist sanftblau im Herbst; die Frühlingstage sind ruhelos vom Ungestüm des Südwinds. Er webt seine Lieder aus immer neuen Weisen. Ich wende mich ab von meiner Arbeit, und meine Augen werden feucht. Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen?
22
Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging, berührte mich der Saum ihres Kleides. Von der unbekannten Insel eines Herzens kam ein plötzlicher, warmer Frühlingshauch. Das Flattern einer flüchtigen Berührung streifte mich und war im Nu vorüber, wie ein abgerissenes Blütenblatt, vom Wind getrieben. Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen ihres Leibes und ein Flüstern ihrer Seele.
23
Warum sitzt Du da und läßt Deine Armbänder klirren, nur zu müßigem Spiel? Fülle Deinen Krug. Es ist Zeit für Dich heimzukommen.
Warum plätscherst Du im Wasser mit Deinen Händen und blickst zuweilen auf die Straße nach jemand, nur zu müßigem Spiel? Fülle Deinen Krug und komm heim.
Die Morgenstunden gehn vorüber -- das dunkle Wasser fließt weiter. Die Wellen lachen und flüstern einander zu, nur zu müßigem Spiel.
Die wandernden Wolken haben sich am Rande des Himmels gesammelt über jenem Hügelrücken. Sie zögern und schauen in Dein Gesicht und lächeln, nur zu müßigem Spiel. Fülle Deinen Krug und komm heim.
24
Behalt es nicht für Dich, das Geheimnis Deines Herzens, mein Freund! Sag es mir, nur mir, im Geheimen. Der Du so freundlich lächelst, flüstre leise, mein Herz wird es hören, nicht meine Ohren.
Die Nacht ist tief, das Haus ist schweigsam, die Vogelnester sind eingehüllt in Schlaf. Sag mir mit verhaltenen Tränen, mit zitterndem Lächeln, in süßer Scham und Pein, das Geheimnis Deines Herzens.
25
„Komm zu uns, Jüngling, sag aufrichtig, warum Wahnsinn in Deinen Augen ist?“ „Ich weiß nicht, von was für einem wilden Mohn ich getrunken habe, daß dieser Wahnsinn in meinen Augen ist.“ „O Schande!“ „Ja, manche sind weise und manche töricht, manche sind wachsam und manche sorglos. Es gibt Augen, die lächeln, und Augen, die weinen -- und Wahnsinn ist in meinen Augen.“
„Jüngling, warum stehst Du so still im Schatten des Baumes?“ „Meine Füße sind matt von der Last meines Herzens, und ich stehe still im Schatten.“ „O Schande!“ „Ja, manche gehen weiter ihren Weg und manche zaudern, manche sind frei und manche gefesselt -- und meine Füße sind matt von der Last meines Herzens.“
26
„Was aus Deinen willigen Händen kommt, nehme ich. Sonst bitte ich um nichts.“ „Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, was einer hat.“
„Wenn Du eine verlorene Blume für mich übrig hast, will ich sie in meinem Herzen tragen.“ „Aber wenn Dornen daran sind?“ „Ich will sie erdulden.“ „Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, was einer hat.“
„Wenn Du einmal nur Deine liebenden Augen zu meinem Antlitz heben wolltest, es würde mein Leben über den Tod hinaus versüßen.“ „Aber wenn sie dann nur grausame Blicke hätten?“ „Ich will sie mein Herz durchbohren lassen.“ „Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, was einer hat.“
27
„Traue der Liebe, auch wenn sie Leid bringt. Schließe Dein Herz nicht zu.“ „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht verstehn.“
„Das Herz ist nur da zum Verschenken mit einer Träne und einem Lied, Geliebte.“ „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht verstehn.“
„Lust ist vergänglich wie ein Tautropfen; während sie lacht, stirbt sie schon. Aber Leid ist stark und ausharrend. Laß leidvolle Liebe in Deinen Augen Wacht halten.“ „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht verstehn.“
„Der Lotus blüht im Anschaun der Sonne und verliert alles, was er hat. Er möchte nicht seine Knospen behalten in ewigem Winternebel.“ „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht verstehn.“
28
Deine fragenden Augen sind traurig. Sie suchen meinen Sinn zu erkunden, wie der Mond das Meer ergründen möchte. Ich habe mein Leben ganz vor Deinen Augen ausgebreitet von Ende zu Ende und nichts verborgen oder zurückgehalten. Darum kennst Du mich nicht. Wenn es nur ein Edelstein wäre, ich könnte es in hundert Stücke brechen und sie reihen zu einer Kette, um Deinen Hals damit zu schmücken. Wenn es nur eine Blume wäre, frisch und klein und süß, so könnte ich es vom Stengel pflücken und Dir ins Haar stecken. Es ist aber ein Herz, Geliebte. Wo sind seine Ufer und sein Grund? Du kennst nicht die Grenzen dieses Königreichs und bist doch seine Königin. Wenn es nur ein Augenblick der Lust wäre, so würde es in einem leichten Lächeln aufblühn, und Du könntest es mit einem Blick sehn und lesen. Wenn es nur ein Schmerz wäre, so würde es schmelzen in hellen Tränen, sein innerstes Geheimnis widerspiegelnd ohne Wort. Es ist aber Liebe, meine Geliebte. Seine Lust und Pein sind ohne Grenzen, und endlos seine Ansprüche und sein Reichtum. Es ist Dir so nahe wie Dein Leben, und doch kannst Du es niemals ganz kennen.
29
Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du gesungen hast. Die Nacht ist dunkel. Die Sterne haben sich hinter Wolken verloren. Der Wind seufzt durch die Blätter. Ich will mein Haar lösen. Mein blauer Mantel wird mich umschmiegen wie Nacht. Ich will Dein Haupt an meine Brust drücken; und hier in der süßen Einsamkeit laß Dein Herz reden. Ich will meine Augen schließen und lauschen. Ich will nicht in Dein Antlitz schaun. Wenn Deine Worte zu Ende sind, wollen wir still und schweigend sitzen. Nur die Bäume werden im Dunkel flüstern. Die Nacht wird bleichen. Der Tag wird dämmern. Wir werden einander in die Augen schauen und jeder seines Weges gehn. Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du sangest.
30
Du bist die Abendwolke, die am Himmel meiner Träume hinzieht. Ich gebe Dir Farbe und Form mit den Wünschen meiner Liebe. Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen endlosen Träumen wohnt!
Deine Füße sind rosig rot von der Glut meines sehnsüchtigen Herzens, Du, Ährenleserin meiner Abendlieder! Deine Lippen sind bittersüß, denn sie kosteten aus meinem Leidenskelch. Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, Bild meiner einsamen Träume!
Mit dem Schatten meiner Leidenschaft hab ich Deine Augen verdunkelt, als sie in meinen Blick hinabtauchten. Ich hab Dich gefangen und Dich eingesponnen, Geliebte, in das Netz meiner Musik. Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen unsterblichen Träumen wohnt!
31
Mein Herz, der Vogel der Wildnis, hat seinen Himmel in Deinen Augen gefunden. Sie sind die Wiege des Morgens, sie sind das Königreich der Sterne. Meine Lieder haben sich verloren in ihre Tiefen. Laß mich nur auffliegen in diesen Himmel, in seine einsame Unermeßlichkeit. Laß mich nur seine Wolken teilen und die Schwingen breiten in seinem Sonnenschein.
32
Sag mir, ob das alles wahr ist, Liebster, sag mir, ob das alles wahr ist. Wenn diese Augen ihre Blitze sprühen, geben die dunklen Wolken in Deiner Brust stürmische Antwort? Ist es wahr, daß meine Lippen süß sind wie die aufspringende Knospe der ersten, eingestandnen Liebe? Säumen die Erinnerungen entschwundener Maienmonde in meinen Gliedern? Erschauert die Erde wie eine Harfe in Liedern, wenn meine Füße sie berühren? Ist es denn wahr, daß die Tautropfen von den Augen der Nacht fallen, wenn ich mich zeige, und daß das Morgenlicht froh ist, wenn es meinen Körper rings einhüllt? Ist es wahr, ist es wahr, daß Deine Liebe einsam durch Zeitalter und Welten wanderte, auf der Suche nach mir? Daß, da Du mich endlich fandest, Dein langes Sehnen letzten Frieden fand in meiner sanften Rede, in meinen Augen und Lippen und flutenden Haaren? Ist es denn wahr, daß das Geheimnis des Unendlichen auf dieser meiner kleinen Stirn geschrieben steht? Sag mir, Geliebter, ist denn das alles wahr?
33
Ich liebe dich, Geliebter. Vergib mir meine Liebe. Wie ein Vogel, der seinen Weg verliert, bin ich gefangen. Da mein Herz erschüttert ward, verlor es seinen Schleier und wurde nackt. Deck es mit Mitleid zu, Liebster, und vergib mir meine Liebe.
Wenn Du mich nicht lieben kannst, Geliebter, vergib mir meine Pein. Sieh mich nicht verächtlich an von weitem. Ich will mich in meine Ecke zurückstehlen und im Finstern sitzen. Mit beiden Händen will ich meine nackte Schande zudecken. Wende Dein Gesicht von mir, Geliebter, und vergib mir meine Pein.
Wenn Du mich liebst, Geliebter, vergib mir meine Freude. Wenn mein Herz fortgetragen wird von der Flut des Glücks, lächle nicht über meine gefährliche Entrücktheit. Wenn ich auf meinem Thron sitze und herrsche über Dich mit der Tyrannei meiner Liebe, wenn ich wie eine Göttin Dir meine Gunst gewähre, ertrag meinen Stolz, Geliebter, und vergib mir meine Freude.
34
Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir. Ich habe die ganze Nacht wachgelegen, und nun sind meine Augen schwer von Schlaf. Ich fürchte nur, ich verliere Dich, wenn ich schlafe. Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
Ich fahre auf und strecke meine Hände aus, Dich zu berühren. Ich frage mich: „Ist es ein Traum?“ Könnte ich Deine Füße bannen mit meinem Herzen und sie fesseln an meine Brust! Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
35
Daß ich dich nicht zu leicht erkenne, spielst Du mit mir. Du blendest mich mit den Blitzen Deines Lachens, um Deine Tränen zu verbergen. Ich kenne, ich kenne Deine List; Nie sagst Du das Wort, das Du sagen möchtest.
Damit ich Deinen Wert nicht erkenne, entweichst Du mir auf tausend Wegen. Damit ich Dich nicht mit den Vielen vermenge, stehst Du abseits. Ich kenne, ich kenne Deine List; Nie gehst Du den Weg, den Du gehen möchtest.
Du hast mehr Anspruch als die andern, darum bist Du schweigsam. Mit gespielter Gleichgültigkeit meidest Du meine Geschenke. Ich kenne, ich kenne Deine List; Nie willst Du nehmen, was Du nehmen möchtest.
36
Er flüsterte: „Liebste, schlag Deine Augen auf.“ Hart schalt ich ihn und sagte: „Geh!“; aber er rührte sich nicht. Er stand vor mir und hielt meine beiden Hände. Ich sagte: „Laß mich!“; aber er ging nicht.
Er neigte sein Gesicht an mein Ohr. Ich blickte ihn an und sagte: „Schäm Dich!“; aber es kümmerte ihn nicht. Seine Lippen berührten meine Wange. Ich zitterte und sagte: „Du wagst zuviel“; aber er hatte keine Scham.
Er steckte eine Blume in mein Haar. Ich sagte: „Es hilft nichts!“; aber er blieb unbewegt. Er nahm den Kranz von meinem Nacken und ging davon. Ich weine und frage mein Herz: „Warum kommt er nicht zurück?“
37
Würdest du Deinen Kranz aus frischen Blumen um meinen Nacken legen, Schöne? Aber Du mußt wissen, daß der Kranz, den ~ich~ gewunden habe, für die Vielen ist; für jene, die flüchtig an einem vorübergehn, die in unerforschten Ländern wohnen oder in Liedern der Dichter leben.
Es ist zu spät, mein Herz zum Tausch für Deines zu verlangen. Es gab eine Zeit, da mein Leben wie eine Knospe war; all sein Duft lag aufgespeichert in ihrem Kern. Nun ist er in alle Weiten verschwendet. Wer weiß den Zauber, der ihn sammeln und wieder einschließen kann? Mein Herz gehört nicht mir, um es nur einer zu schenken; es ist den Vielen geschenkt.
38
Liebste, vor langem einmal ersann sich Dein Dichter ein großes Gedicht. Weh, ich war nicht achtsam, und es stieß an Deine klingelnden Fußspangen und kam zu Schaden. Es zerbrach in kleine Lieder und lag verstreut zu Deinen Füßen. Meine ganze Schiffsladung von Geschichten aus alten Kriegen ward durcheinandergerüttelt von den lachenden Wellen und in Tränen getränkt und sank. Diesen Verlust mußt Du mir gut machen, Liebste. Wenn meine Ansprüche auf unsterblichen Ruhm nach dem Tode vernichtet sind, mach mich unsterblich, so lang ich lebe. Und ich will nicht trauern um meinen Verlust, noch Dich tadeln.
39
Ich versuche einen Kranz zu winden, den ganzen Morgen lang, aber die Blumen entgleiten mir und fallen heraus. Du sitzst da und beobachtest mich heimlich aus den Winkeln Deiner spähenden Augen. Frag diese Augen, aus deren Dunkel der Mutwille blitzt, wer daran schuld ist.
Ich versuche ein Lied zu singen, aber vergebens. Ein verstohlenes Lächeln zittert auf Deinen Lippen; frag es, warum mein Lied mißlang. Laß Deine lächelnden Lippen unter Eid sagen, wie meine Stimme sich in Schweigen verlor gleich einer trunknen Biene im Lotus. Es ist Abend und Zeit für die Blumen, ihre Kelche zu schließen. Laß mich an Deiner Seite sitzen, und heiß meine Lippen die Arbeit tun, die in Schweigen getan werden kann und im sanften Licht der Sterne.
40
Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz, wenn ich zu Dir komme Abschied zu nehmen. Ich hab es so oft getan, daß Du denkst, ich würde bald wiederkehren. Um Dirs einzugestehn, ich fühle den gleichen Zweifel. Denn die Frühlingstage kommen wieder zu ihrer Zeit; der Vollmond nimmt Abschied und kommt wieder zu neuem Besuch; die Blüten kommen wieder und erröten auf ihren Zweigen Jahr für Jahr, und vielleicht nehm auch ich nur Abschied von Dir, um wiederzukommen. Aber hege das Trugbild eine Weile; schick es nicht fort mit unfreundlicher Hast. Wenn ich sage, ich verlaß Dich auf immer, nimm es für wahr, und laß einen Nebel von Tränen einen Augenblick lang den dunklen Rand Deiner Augen vertiefen. Dann lächle so schalkhaft wie Du willst, wenn ich wiederkomme.
41
Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen, die ich Dir zu sagen habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest lachen. Darum lache ich über mich selbst und verrate mein Geheimnis im Scherz. Ich nehme meinen Schmerz leicht, aus Furcht, Du könntest es tun.
Ich sehne mich, zu Dir die treuesten Worte zu reden, die ich Dir zu sagen habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest sie nicht glauben. Darum verkleide ich sie in Unwahrheit und sage das Gegenteil von dem, was ich meine. Ich spotte über meinen Schmerz, aus Furcht, Du könntest es tun.
Ich sehne mich, die kostbarsten Worte zu gebrauchen, die ich für Dich habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, es könnte mir nicht mit gleicher Münze heimgezahlt werden. Darum gebe ich Dir häßliche Namen und prahle mit meiner harten Strenge. Ich tu Dir weh, aus Angst, Du würdest nie wissen, was Leid ist.
Ich sehne mich, schweigend bei Dir zu sitzen; aber ich wage es nicht, sonst spränge das Herz mir auf die Lippen. Darum schwatze ich und plaudere leichthin und verberge mein Herz hinter Worten. Rauh faß ich mein Leid an, aus Angst, Du könntest es tun.
Ich sehne mich, weg zu gehn von Deiner Seite; aber ich wage es nicht, aus Angst, meine Feigheit würde Dir offenbar werden. Darum trag ich meinen Kopf hoch und komme heiter in Deine Gesellschaft. Unablässige Dolchstiche aus Deinen Augen halten meine Wunde immer offen.
42
Du Toller, herrlich Trunkener! Wenn Du Deine Türen aufstößt und den Narren vor der Menge spielst; Wenn Du Deinen Beutel in einer Nacht leerst und der Besonnenheit ein Schnippchen schlägst; Wenn Du auf seltsamen Wegen wandelst und mit nutzlosen Dingen spielst; Kümmre Dich nicht um Reim und Recht! Wenn Du Deine Segel vor dem Sturme spannst und das Ruder entzwei brichst, Dann will ich Dir folgen, Kamerad, und will trunken in den Abgrund fahren.
Ich habe meine Tage und Nächte vergeudet in der Gesellschaft nüchtern weiser Nachbarn. Viel-Wissen hat mein Haar grau gemacht und Viel-Wachen meine Augen trüb. Jahrelang hab ich Brocken und Fetzen von Dingen gesammelt und gehäuft: Zermalme sie und tanze auf ihnen und streue sie alle in die Winde. Denn ich weiß, das ist die höchste Weisheit, trunken in den Abgrund zu fahren.
Laß alle krummen Zweifel schwinden, laß mich hoffnungslos meinen Weg verlieren. Laß einen wildwirbelnden Sturm kommen und mich wegfegen von meinen Ankern. Die Welt ist bevölkert mit Würdenträgern und Arbeitern, nützlichen und gescheiten. Da sind Menschen, die leicht die Ersten sind, und solche, die bescheiden hinterdreinkommen. Laß sie glücklich und erfolgreich sein und laß mich närrisch unnütz sein. Denn ich weiß, es ist das Ende allen Wirkens, trunken in den Abgrund zu fahren.
Ich schwöre diese Minute alle Anrechte ab, zu den Ehrbaren und Anständigen zu zählen. Meinen Stolz auf Wissen und Urteil über Gut und Böse laß ich fahren. Ich will das Gefäß der Erinnerung zerbrechen, die letzten Tränentropfen verschütten. Im Schaum des rotperlenden Weins will ich mein Lachen baden und wieder jung machen. Den Schild des gesetzten Bürgers will ich in Stücke zerbrechen. Ich will das heilige Gelübde tun, alle Würde wegzuwerfen und trunken in den Abgrund zu fahren.
43
Nein, Freunde, niemals werde ich Einsiedler, sagt, was ihr wollt. Ich werde niemals Einsiedler, wenn sie nicht mit mir das Gelübde ablegt. Es ist mein fester Entschluß, wenn ich kein schattiges Obdach und keine Gefährtin für meine Buße finden kann, werde ich niemals Einsiedler.
Nein, Freunde, nie werde ich Herd und Heim verlassen und mich zurückziehn in des Waldes Einsamkeit, wenn nicht fröhliches Lachen aus seinem Schatten widerhallt und nicht der Saum eines Safranmantels im Winde flattert; wenn sein Schweigen nicht durch leises Flüstern tiefer wird. Niemals werde ich Einsiedler werden.
44
Ehrwürdiger Vater, vergib diesem Sünderpaar. Frühlingswinde wehen heut in wilden Wirbeln, treiben Staub und totes Laub davon, und mit ihnen sind alle Deine Lehren verflogen. Sag nicht, Vater, daß Leben Eitelkeit sei. Denn heute haben wir zwei einmal Waffenstillstand geschlossen mit dem Tod, und nur für wenige duftende Stunden sind wir beide unsterblich geworden.
Selbst wenn des Königs Heer käme und uns grimmig anfiele, würden wir traurig den Kopf schütteln und sagen: Brüder, ihr stört uns. Wenn ihr dies lärmende Spiel haben müßt, geht und laßt eure Waffen wo anders klirren. Wir sind ja nur für wenige flüchtige Augenblicke unsterblich geworden.
Wenn freundlich Volk käme und sich scharte um uns, wir würden uns tief vor ihm verbeugen und sagen: Dieses ungeheuer große Glück verwirrt uns. Der Raum ist karg in dem unendlichen Himmel, in dem wir wohnen. Denn im Frühling kommen die Blumen in Mengen und die geschäftigen Flügel der Bienen stoßen einander. Unser kleiner Himmel, in dem nur wir zwei Unsterblichen wohnen, ist viel zu eng.
45
Den Gästen, die gehen müssen, wünsche gute Fahrt und fege alle Spuren ihrer Tritte weg. Drücke lächelnd an Deine Brust, was sanft ist und einfach und nahe. Heut ist das Fest der Geister, die nicht wissen, wann sie sterben. Laß Dein Lachen hellschimmernde Lust sein wie glitzerndes Licht auf rieselnden Wellen. Laß Dein Leben leicht dahin tanzen am Rande der Zeit wie der Tautropfen am Rande des Blattes. Schlag in Akkorden Deiner Harfe die Rhythmen, die der Augenblick Dir eingibt.
46
Du ließest mich und gingst Deinen Weg. Ich dachte, ich würde trauern um Dich und Dein einsames Bildnis in meinem Herzen aufstellen, in ein goldnes Lied gewirkt. Aber ach, mein böses Geschick! die Zeit ist kurz.
Jugend schwindet Jahr um Jahr; die Frühlingstage sind flüchtig; ein Nichts macht die zarten Blumen sterben, und der Weise mahnt mich, daß das Leben nur ein Tautropfen ist auf einem Lotusblatt. Soll ich das alles versäumen, um nach jener Einen zu starren, die mir den Rücken gewandt hat? Das wäre einfältig und töricht; denn die Zeit ist kurz.
Kommt denn, ihr meine Regennächte mit plätschernden Füßen; lächle, mein goldener Herbst; komm, sorgloser April, streu Deine Küsse über Land. Komm Du, und Du und Du auch! Meine Lieben, Ihr wißt, wir sind Sterbliche. Ist es weise, sich das Herz zu brechen um die Eine, die ihr Herz fortnimmt? Denn die Zeit ist kurz.
Es ist süß, in einer Ecke zu sitzen, um zu sinnen und in Reimen zu verkünden, daß Du meine ganze Welt bist. Es ist heldenhaft, sein Leid zu hegen und zu hätscheln und entschlossen zu sein, sich nicht trösten zu lassen. Aber ein frisches, junges Gesicht schaut zu meiner Türe herein und hebt seine Augen zu meinen Augen. Da kann ich nicht anders, als meine Tränen wegwischen und die Weise meines Lieds ändern. Denn die Zeit ist kurz.
47
Wenn du es so haben willst, will ich mein Singen enden. Wenn es Unruhe über Dein Herz bringt, will ich meine Augen abwenden von Deinem Gesicht. Wenn es Dich plötzlich auf Deinem Gang erschreckt, will ich zur Seite treten und einen andern Pfad einschlagen. Wenn es Dich beim Blumenwinden verwirrt, will ich Deinen einsamen Garten meiden. Wenn es das Wasser mutwillig und wild macht, will ich mein Boot nicht an Deinem Ufer vorüberrudern.
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Befrei mich von den Banden Deiner Süße, Lieb! Nichts mehr von diesem Wein der Küsse. Dieser Nebel von schwerem Weihrauch erstickt mein Herz. Öffne die Türen, mach Platz für das Morgenlicht. Ich bin in Dich verloren, eingefangen in die Umarmungen Deiner Zärtlichkeit. Befrei mich von Deinem Zauber und gib mir den Mut zurück, Dir mein befreites Herz darzubieten.
49