Der Gang nach der Himmelpforte
Part 4
In den Ueberresten des Klosters Himmelpforte selbst wurde bald nach dessen Zerstörung eine Ziegelbrennerei angelegt, welche indessen wieder einging, nachdem sie die Ziegeln zum Wiederaufbau der im Jahr 1528 abgebrannten Stadt geliefert hatte. Später wurde sie noch einmal wieder hergestellt, aber gleichfalls ohne langen Bestand. Die Mauern wurden nachgerade abgebrochen und die Steine als Baumaterial zu anderweitiger Benutzung abgeführt. Der größte Rest derselben diente mit zum Wiederaufbau der Stadt nach dem Brande von 1751. Noch im Anfange unseres jetzigen Jahrhunderts fehlte es nicht an thörichten Menschen, welche den Grund und Boden der Himmelpforte durchwühlten, in der Hoffnung, Schätze, die hier von den Mönchen vergraben sein möchten, heben zu können. Es waren aber keine Schätze zu finden, aus dem Grunde, weil keine da waren.
Allerdings ein zureichender Grund! sagte der Prediger lachend, indem er dem Archivarius, der von seinem Thorne herabzusteigen suchte, hülfreiche Hand leistete. Aber, fuhr er fort, wer aus den Archiven, wo sie begraben liegen, solche Schätze interessanter und lehrreicher Geschichten unserer Vorzeit auf eine so geschickte Weise zu heben versteht, wie Sie es uns so eben gezeigt haben, werther Freund, dem gebührt mindestens unser Aller schönstes Lob und wärmster Dank dafür. - Ja wohl, ja wohl! stimmte die ganze Gesellschaft ein und umringte mit frohem Jubel den Archivarius, der sich indessen die Ohren zuhielt und sich durch das Gedränge hindurch arbeitete, um in das Freie zu kommen.
XI.
Kaum war der Archivarius aus der Thüre des Jagdhäuschens hinaus und ins Freie gekommen, als er mit einer Lebhaftigkeit, die bei seinem Alter und seinem sonst so ruhigen und gesetzten Wesen desto mehr auffallen mußte, ein Geschrei erhob, gleich einem Wachtposten, der die Mannschaft in das Gewehr ruft. Heraus! schrie er, heraus! Kinder heraus! Alles heraus!
Man dachte im ersten Augenblicke, es sei ihm irgend etwas Ungeheures begegnet. Den kleineren unter den Kindern schien ganz graulich zu Muthe zu werden. Eins mochte denken, es sei einer der alten Mönche erschienen, das andere, es gälte, sich einer wilden Sau zu erwehren. Aber ein jeder, der dem wiederholten Rufe des Archivarius folgte, sah im Augenblicke seines Heraustretens seinen Schrecken in ein frohes Erstaunen und Entzücken verwandelt.
Denn, - man rathe, was sich erblicken ließ! Ohne daß darauf geachtet war, hatte während der Erzählung des Archivarius der Regen allmählich aufgehört. Das von Süd=West gekommene Gewitter war über das Thal der Himmelpforte hinüber nach Nord=Osten gezogen. Da stand es noch gleich einer grauen Wand, oder die regnenden Wolken hingen vielmehr wie Aescherlaken auf die Erde hernieder. Aber jetzt sandte die sinkende Sonne von Westen her ihre letzten Strahlen über den waldigen Rücken der Berge herüber und malte mit denselben in den nassen dunklen Hintergrund jedes Vorhanges ein prächtiges 7 farbiges himmelhohes Gewölbe, welches gleich einer Brücke über den grünen Wiesengrund des Thales und das in demselben hinunterfließende von dem Regenguß aufgeschwollene Bächlein gespannt war.
Ach! Ach! O wie wunderschön! Welch' ein prächtiger Regenbogen! So riefen bei diesem Anblick voll Entzücken die Kinder. - Aber der Prediger sagte im Tone der Mißbilligung: Ei was! Regenbogen? Der Name kommt mir für das, was wir heute hier sehen zu ordinär vor! Weiß keins von Euch dafür einen besseren Namen zu finden? Himmelpforte! Himmelpforte! riefen Alle auf einmal. Getroffen! erwiederte Vater Lehrwart. Und - setzte er hinzu, weil ihr meine Meinung so gut errathen habt, so will ich euch auch noch ein kleines Lied dazu sagen, welches ich vor Zeiten einmal gelernt habe und hoffentlich noch kann. Es heißt:
Sehet da den Farbenbogen Durch die Wolken hingezogen! An der schönen Himmels=Pforte Stehen sieben güldne Worte.
Jene sieben Farben deuten Allen wahren Christenleuten, Welchen Sinn sie haben sollen, Wenn zu Gott sie kommen wollen.
*Violett* spricht: o Mensch senke Demuthsvoll dein Haupt und denke: Ach, was würde aus mir Armen, Wäre bei Gott kein Erbarmen?
*Blau* kommt dann und heißt dich schauen Gläubig himmelwärts und trauen Dem, deß Wege höher gehen, Als wir Menschen sie verstehen.
*Purpur* folgt und heischt: Erneue Täglich deinen Bund der Treue Gegen Ihn, der nie gebrochen, Was Sein Wort dir hat versprochen!
*Feuerroth* ruft: o Mensch liebe Gott mit glühend heißem Triebe, Laß auch, Gotte zu gefallen, Dein Herz für den Nächsten wallen!
Und *Orange* mahnt: halt' Frieden Gern mit Jedermann hiernieden, Brich oft deinen eignen Willen, Lern' in Gott dein Herze füllen!
*Lichtgelb* räth dir, dich zu kleiden In Geduld, bei Kreuz und Leiden, Stetig harrend, daß am Ende Gott zum Besten Alles wende.
Endlich sagt der *grüne* Schimmer: Lieber Christ, verzage nimmer! Den, der auf Ihn hofft auf Erden, läßt Gott nie zu Schanden werden.
Merkt euch, Leutchen, diese Worte, Die an seine Himmelspforte Gott ließ durch die Sonne malen Mit dem Bündel ihrer Strahlen.
Wird bei euch dieß Licht sich brechen In der letzten Thräne - sprechen Dann von euch, die hinterblieben: "Heimgegangen sind die Lieben!"
Der Prediger schwieg. Jeder sah, voll Rührung, still vor sich hin. In den Augen der Kinder standen Thränen. Der himmlische Bogen war verschwunden. Die Sonne war hinter den Bergen im Rücken der Gesellschaft versunken. Der Archivarius drückte dem Vater Lehrwart herzlich die Hand und sagte: Nun, mein Freund, nun wollen auch wir heimgehen!
XII.
Die übrigen Wallfahrer der Himmelpforte waren sämmtlich schon fort. Auch die Gründlersche und Lehrwartsche Familie wollten sich von der des Försters dankbar verabschieden. Aber diese mit ihren frühern Gästen baten einstimmig so dringend, noch etwas länger in ihrer Gesellschaft zu bleiben und mit ihnen über Hasserode zurückzugehen, daß der Archivarius der erste war, der darein willigte, diesen Umweg zu wählen. Während die Frau Försterin im Jagdhäuschen aufräumte und die mitgebrachten Geräthschaften wieder einpackte, beeilte sich der gefällige Förster, den Kindern auf ihren Wunsch in der Geschwindigkeit noch die innere Einrichtung des Saufanges zu zeigen und ihnen die Art und Weise der Einkörnung der Thiere und ihrer Erlegung zu schildern. Dann wurde aufgebrochen. Ehe man den Wiesengrund des Thales der Himmelpforte verließ, machte der Förster die Kinder noch auf die hier nahe am Wege zahlreich zu findenden gelben Himmelschlüssel und, weiter hin, auf die am Waldrande blühenden blauen Hasselblümchen aufmerksam und sagte von den erstern, scherzhafter Weise, man könne sie als die Früchte der Aussaat betrachten, die von den Mönchen bei ihrer Flucht aus dem Kloster, wobei sie die Schlüssel desselben verloren hätten, ausgestreuet wäre. Von den Hasselblümchen dagegen ersann er in der Geschwindigkeit das artige Mährchen, daß von diesen einfachen, anspruchslosen Kindern der Natur der Name Hasserode und das ursprüngliche ächte Wappen der Ritter dieses Namens entlehnt sei. Weil sie das aber nachmals verläugnet und die Hasselblümchen aus ihrem Schilde ausgerodet hätten, so sei deshalb ihr Geschlecht so früh verblüht.
So ungehalten der Archivarius über diese Vermengung von Mythen mit wahrer Geschichte that, so wurden die launigen Einfälle des Försters dennoch von den Frauen belobt und die Kinder pflückten Himmelschlüssel und Hasselblumen in Menge, um sie zu einem Kranze zu verflechten. Durch eine kleine Waldstrecke führte der Fußpfad, den man eingeschlagen hatte, zu der sogenannten Kuhbreite, einer hochgelegenen weiten Wiesenfläche hinan. Hier wurde ein augenblicklicher Halt gemacht, um die liebliche Aussicht auf das noch durch den Abendschimmer hindurch blickende hehre Grafenschloß zu genießen. Während von jedem in der Gesellschaft im Geiste ein herzlicher segnender Abendgruß dahin gesandt ward, hatte der Förster unvermerkt aus dem Korbe der Magd, die das Geräth trug, das darin verborgen gewesene Waldhorn hervorgeholt und überraschte plötzliche die Gesellschaft mit dem schönen harmonischen Dreiklang, den ein mehrfaches Echo aus dem Walde erwiederte. Dadurch wurden die Kinder vollends gleichsam bezaubert und es hielt schwer, ihren immer erneuerten Wünschen nach einer öftern Wiederholung dieses Concertes sobald ein Ziel zu setzen, als es die zunehmende Dämmerung und die Weite des noch übrigen Weges erforderte. Auf einem sehr steilen Pfade an dem jähen Abhange des Kellerberges herunter, stieg man in das Thal hinab, in welchem die von dem starken Regengusse im Gebirge hochangeschwollene Holtemme brauste. Da sich dieselbe nun nicht wie sonst allenthalben leicht überschreiten ließ, so sah sich die Hasseröder Gesellschaft genöthigt, noch eine Strecke am linken Ufer derselben entlang mit den Städtern fortzugehen, bis zu dem schmalen Stege, der nahe dem Standorte der ehemaligen Burg und des nachmaligen Amtes von Hasserode über den Fluß führte. Diesen Steg bei der schon angebrochenen Dunkelheit zu überschreiten war für die Stadtkinder gefährlich. Hier trennte man sich also mit gegenseitigem herzlichem Danke und mit dem Wunsche bald einmal wieder zusammen zu treffen.
Unter ängstlichem Nachsehen der Städter kamen die Hasseröder, einer nach dem andern, glücklich hinüber und riefen von jenseit jenen, die ihren Weg auf dem linken Ufer des Flusses fortsetzten, den Wunsch einer guten Nacht nach.
Die noch übrige Strecke der Wanderung hinter dem Flecken Hasserode=Friedrichsthal das Thal entlang bis zu der Stadt verkürzte der Archivarius dadurch, daß er erzählte, wie nach dem Aussterben des Geschlechtes der Herren von Hasserode die Stammburg derselben mit ihrem Gebiete den Lehnsherren, den Grafen von Wernigerode anheimfiel, wie der letzte von diesen sie Anfangs der Stadt Wernigerode verpfändete, dann als Lehn überließ; wie von ihr jedoch zur Zeit der Reformation dieses Besitzthum vernachlässigt, die Pfarrkirche des alten Hasserode eingezogen und der Nikolai=Pfarre zu Wernigerode einverleibt wurde; wie späterhin die Burg zu Hasseorde der Sitz eines Königl. Preuß. Amtes ward und wie dieß dann zu der Stiftung eines reformierten Gottesdienstes, einer Kirche und dann selbst zu der Anlage der Colonie Friedrichsthal die Veranlassung hergab.
Ehe man sich dessen versah, war man am Westernthore angelangt, wo beide Familien Abschied von einander nahmen, indem die eine wieder in dieses Thor einging, während die andere den Weg nach dem Johannisthore einschlug.
Bei der Rückkehr in das Haus dankten die Lehrwartschen Kinder der Tante und dem Vater mit der innigsten Zärtlichkeit für das gehabte, große Vergnügen. Väterchen, sagte die kleine Sophie, laß uns doch übers Jahr ja wieder nach der Himmelpforte gehen! Vater Lehrwart sagte: Wir wollen sehen! Indessen wollen wir uns heute nicht schlafen legen, liebe Kinder, ohne uns noch dazu ermuntert zu haben, schon mit dem morgendlichen Tage wieder den Gang anzutreten, zu dessen täglicher, freudiger, beharrlicher und unermüdet geduldiger Fortsetzung uns die Feier des heutigen festlichen Tages hat Lust machen sollen, nämlich den Wandel in der Nachfolge unseres Heilandes, der in den Himmel einhergegangen und zu der Rechten Gottes erhöhet ist. Lasset und noch gemeinsam singen:
Er bringt und an die Pforten, Die in den Himmel führt, Daran mit güldnen Worten Der Reim gelesen wird: "Wer dort wird mit verhöhnt, Wird hier auch mit gekrönt; Wer dort mit Sterben geht, Wird hier auch mit erhöht."
Nun: »Gute Nacht!«
*Hinweise zu diesem eBook*
Titel: Der Gang nach der Himmelpforte Autor: Ferdinand Friederich (1798-1873), Pastor zu Ilsenburg Erschienen in Wernigerode, 1851 (Druck von B. Angerstein) Digitalisiert durch die ULB Sachsen-Anhalt, 2009 Open-Access-Publikation, Public Domain Mark DOI: 10.25673/86636 URN: urn:nbn:de:gbv:3.3-7134 https://opendata.uni-halle.de/handle/1981185920/88591 <https:// opendata.uni-halle.de/handle/1981185920/88591>
Transkribiert von Christian Reinboth, 2024 (unter Beibehaltung der Orthografie des Originals)
*Anmerkungen zur Transkription*
Der vorliegende Text wurde anhand der 1851 erschienenen und durch die ULB Sachsen-Anhalt digitalisierten Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche und altertümliche Ausdrücke (z.B. ‚tapfern‘, ‚Rathschlusse‘, ‚Irrthum‘, ‚sämmtliche‘ oder Kopplungen mit ‚=‘ wie ‚Augustiner=Eremiten‘) wurden beibehalten, sofern die Verständlichkeit durch diese nicht beeinträchtigt wird. Inkonsistente Schreibweisen (z.B. erwidern/erwiedern; gelegentliche Verwendung von Apostrophen vor dem ‚Plural-s‘) wurden ebenfalls nicht vereinheitlicht.