Der G'wissenswurm: Bauernkomödie in drei Akten
Part 4
Schneeweiß Täuberl überm Haus, Grüß mer du mein Schatz, Flieg in alle Weiten aus, Findst'n schon am Platz!
Liesel.
Schneeweiß Täuberl putzt sich fein, Sagt: I richt's net aus, Heut spricht ja mein Tauber ein Und ich bleib schön z' Haus.
Wastl.
Du kloan Herz in meiner Brust, Schlag voll Freudigkeit, Denn mein Schatz ist mein bewußt Hizt und allezeit!
Beide.
Und wie gestern so a heut Denkt er an mich schon, Zwischen brave, treue Leut Braucht's koan Botenlohn. (Jodler.) Du nur hast, {der | dö} Einzigi, In mein Herzen Platz, Denk an mich, i denk an di! Bhüt dich Gott, mein Schatz! (Liesel geht den Anstieg hinan.) Denk an mich, i denk an di! Bhüt dich Gott, mein Schatz!
(Jodler, unter welchem Liesel, nachdem sie das Zaungatter passiert, sich auf demselben aufstützt, zum Schluß wirft sie einen Kuß dem Wastl zu, der mit einem Juchzer ihr nachläuft.--Der Vorhang fällt.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 11. Szene
Verwandlung
Wirtschaft an der "Kahlen Lehnten". Die Bühne zeigt den Hofraum. Links vorne ein Teil des Hauses mit der Eingangstüre, rechts ein Teil einer Scheuer. Beide sind in einem stumpfen Winkel gegeneinander gebaut und durch eine sogenannte offene Einfahrt (leeren Torbogen, etwa durch einen Balken, "Schranne", verschließbar) verbunden. Hinter dem Hause steigen gewaltige Felsmassen hinan, welche weit in den Hintergrund verlaufen, wo dieselben an den aufrecht stehenden, bewaldeten Bergkronen als nacktes Getäfel schief angelehnt erscheinen (Kahle Lehnten). Ab und zu hört man das Grollen eines fernen Gewitters.
Elfte Szene
Der Bauer, Natzl und Hans (mit Sensen und Rechen, kommen durch den offenen Torbogen zögernd nach vorne).
Natzl. Oba, Voda, was wöllt's denn hizt schon dahoam?
Hans. Z'wegn we hättn mer denn fruher Feierabnd gmocht?
Bauer (alter Mann, schon an die Siebzig, geht gebeugt, hat graues Haar und dunkle, buschige Augenbrauen, die Lodenjoppe schlottert ihm um den Leib und auch im übrigen Anzuge zeigt sich eine arge Vernachlässigung--erstaunt). No, z'wegn'm Wetter do!
Hans. Hehe, freilich, z'wegn 'm Wetter! (Lehnen die Werkzeuge an die Scheuer.)
Natzl. Kunnt ja do der Voda a weng ins Dörfl schaun, af a Glasl Wein!
Bauer. Wißts ja do, daß mer d'Muada koan Geld loßt.
Natzl (gibt ihm Geld). Habn do mir oans für'n Vodan!
Bauer. ös seid, s doch gute Buama. No, do gehn ich schon, hehe, freili gehn i! Wonn mi aber leicht es Wetter derwischt?
Natzl. Beileib!
Hans. Hehe, sogn mer do schon 'n Vodern a fufzgimal, von derer Seiten kimmt's jo nie übri, bleibt ja allmal entern Berg!
Bauer. Hehe, ös seid's Hallodri und alle fufzgimal hon ich's richti vergessa! No, und wo gangt's denn ös hin?
Natzl. In Wold!
Bauer. In Wold? Wonn eng aber 's Wetter derwischt?
Hans. Hehe--hehe -'s kimmt ja net!
Bauer. Hehe--richti--jo-Natzl. Wonn's a kam, mir fanden schon oan Unterstand.
Hans. A wohl--und was f ür oan.
Bauer. No, nachhert, wo denn?
Natzl. In der Köhlerhüttn.
Bauer. Ui, ui, ös Schlankeln, a wohl in der Köhlerhütten, no, no, ös seid's mer Feine! Der Kohlnferdl is heunt mit oaner Fuhr nach der Stadt und ös fandets seine zwoa Dirndeln allanig.
Hans. Wohl--wohl--is eh a so.
Bauer. ös Lotter, schau--schau. ös treibts es nöt schlecht, ich war scho a achtavierzgi, wie ich enger Muada gheirat hab.
Hans. Weil halt da Voda a Trauminöt war!
Bauer (beleidigt). So, a so! So meinst es! A Trauminöt war ich gwest. So? und dir fahlet Kuraschi nöt--gelt na, fahlet eng nöt, dö Kuraschi! Moants, ös kunnts zeitli dazuschaun, warts koane Trauminöt! Stund eng dö Ehrbarigkeit von engern Vodern nöt an, han, wöllts es besser habn?--Was? Na! Hoam bleibt's hizt! Hoam bleibt's! Leni!
Natzl (zu Hans). Du bist a rechter Lapp, mußt allwal dein dumm Maul auftun, möcht der glei oans draufgebn!
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 12. Szene
Zwölfte Szene
Vorige. Die Bäuerin.
Bäuerin (erscheint unter der Türe, sieht heraus). Ah, ös seids scho hoam? (Verschwindet wieder.)
Natzl. No, is dir leichter, hizt kannst wieder Strümpf stricken.
Hans. Hehe, du aber a und der Voda a. Hehe.
Bäuerin (kommt mit drei Gestricken, angefangene Strümpfe und große Wollknäuel daran, gibt jedem eines). Da schauts dazu--mir bleibt koan Zeit, und dö Kloan verreißen so viel, daß ich froh sein muß, sie verrichten ihner Sach! (Ab.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 13. Szene
Dreizehnte Szene
Vorige, ohne die Bäuerin. Kleine Pause, während welcher alle drei sich das Strickzeug zurechtrichten und zu stricken beginnen.
Natzl. Heiligkreuzdunnerwetter, dös is a Unterhaltlichkeit.
Bauer. Aber ehrbar--halt ehrbar!
Natzl. Dös schon.
Hans. Mir is nur, was sich dö Rosl wird denken.
Natzl. Du, Hiesl, dö halt dich eh nur zun Narren, unter der Wocha darfst ihr schöntan und 'n Sunntag geht s' mit 'm Jaga!
Hans. D' Wocha hat sieben Täg!
Natzl. Kimmt fürn Sunntag viel z'samm zun Lacha! Mir is nur um mei Kathrein!-Hans. Halt hizt es Maul--ich muß zähln!
Natzl. Jo, Voda--sikra h'nein--'s Arbeitszeug därf net dort an der Scheun lehnen bleibn.
Hans. Kunnts es Wetter derwischen!
Natzl. Du, ich sag der's! (Schiebt sein Strickzeug dem eifrig strickenden Bauer unter den einen Arm.) Halt no der Voda a kleins Wengl! (Eilt gegen den Hintergrund.)
Hans. Faß nöt alls af amal, greifst sunst in a Sensen. I hilf dir. Voda, a wengerl nur! (Schiebt ihm sein Strickzeug unter den andern Arm und rennt dem Natzl nach.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 14. Szene
Vierzehnte Szene
Der Bauer (allein), dann die Bäuerin.
Bauer (mit beiden Gestricken unter den beiden Armen, strickt emsig, aber behindert an dem dritten weiter--zieht eine Nadel aus). Jetzt weiß ich nöt, ob's gfahlt is! (Kratzt sich mit der Nadel am Kinn.) Kunnt doch sein, muß mer halt nachschaun...
Bäuerin (unter der Türe). Mögts essen ... jo wo sein denn die Buama?
Bauer. 's Arbeitszeug tun s' in d' Scheun!
Bäuerin. 's Arbeitszeug lehnt ja no dort!
Bauer (wendet sich). Wos?!--Teufi, dö sein durchbrennt!
Bäuerin. No kannst es suchen! (Ab.)
Bauer. Ho, dö find ich mer scho aus! (Wendet sich, fortstrickend, zum Abgehen, es entfällt ihm ein Knäuel.) Eh, eh, halt dich, Sakra. (In der Bemühung, diesen aufzuheben, der zweite und dann der dritte.) Teufi h'nein! --Oha--no, krieg eng schon! (Schleift sie ein Stück an langen Fäden hinter sich.) No, wanns nöt wöllts, hol eng allz'samm der Teufel, braucht er neama bloßfüaßet z' gehn! (Stößt das ganze Strickzeug mit dem Fuß in einen Winkel.) No, gfreuts eng, Buama, alle miteinander kriegn mer's, wann mer hoamkimmen. Wonn uns nur nöt es Wetter derwischt! (Den Abgegangenen nach.--Kleine Pause. Erneuerte dumpfe Wetterschläge.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 15. Szene
Fünfzehnte Szene
Grillhofer, Dusterer (durch die offene Einfahrt), darauf die Bäuerin (aus dem Hause).
Dusterer. No, Schwoger, is doch recht, daß ich mit bin, gelt ja? Daß d' net mußt so allanig herumsteign! Hon's gleich gsehn, daß mer mit 'n Wagen net zukönnen. Dös is es oanzige Ghöft an der Lehnten.
Grillhofer (auf einen Stock gestützt, kommt langsam vor). Jo, jo, kimmt mer aber a weng z' groß für, als daß sich's ließt von oan oanschichtigen Weib bewirtschäften.
Dusterer. No, no, werdn mer ja sehn, wer darauf sitzt! Wer weiß, was dem versoffenen Unfriedstifter, dem Lenhardt, fürkämma is?! Am End is er noch a verlogener Spitzbua dazu und hat uns nur hergnarrt.
Bäuerin (von innen). Wer is draußt? (Tritt unter die Tür.) Seids ös es schon?
Grillhofer. Gutn Abend!
Bäuerin. Gutn Abend--was wöllts denn?
Grillhofer (tritt zitternd näher). Bist du die Riesler Magdalen?
Bäuerin (keifend, wobei sie aus der Türe den Angesprochenen immer näher tritt). Wer fragt darnach? Ich frag, wer darnach z' fragen hat?! D' Poltner bin ich, die Bäurin an der Lehnten, hat neamand darnach z' fragen, was ich sunst bin oder war! War allweil a Ruh, hizt af amal war es Fragens kein End! Vor paar Tägn erst hat a Fuhrknecht da h'rumgfragt, daß's orndlich auffällig war, und hizt kamen wieder oan. Was habts der Riesler-Magdalen nachz'fragn? In mein ledigen Tagen is zwischen mir und oan Bauern a Dummheit gwest, is eh schon bald neamer wahr. Is er leicht verstorbn und seids ös vom Gricht und bringts mer a Erbteil?!
Grillhofer (tritt näher). Magdalen--(Donner, fernes Aufleuchten.) Kennst mich neamer?
Bäuerin. Neamd kenn ich! (Aufleuchten.)
Grillhofer. Bin ja der Grillhofer!
Bäuerin (auf schreiend). Jesses--der Grillhofer! (Donner, kleine Pause.)
Bäuerin (äußerst zungenfertig). Was willst denn da? Bringt dich der Fürwitz her, nachschaun? Hon mer's eh gwunschen, ich möcht dir amal all's einesagn kinna! Hast wohl gmeint, es rnüßt mehr so gehn, wie mir's von dir aus hätt gehn können? Von dir aus hätt ich amal elendig im Armenleuthaus versterbn mögn, aber der Herrgott hat a rechters Einsehn ghabt und drei Jahr darnach, wie ich von dir weg bin, hon ich's besser troffa; der alte Poltner hat mich gheirat und hizt sitz ich als Bäuerin do am Hof, schau dir'n an, ob er dem dein'n viel nachgibt. Hast denn glaubt, ich hätt mich um was anderscht mit dir abgebn, als weil ich vermeint hab, dein Bäurin segnt bald es Zeitliche und ich kimm an ihrer Stell z' sitzen?! Nöt a so viel (schlägt ein Schnippchen), sixt, war mer sonst an dir glegn!
Grillhofer (ist erstaunt einen Schritt zurückgetreten). Schwager, z'wegn der werd ich mich net z'viel am Todbett abiängstigen!
Bäuerin. Dein Bäurin is aber net so bald versturbn, und wie s' mer hinter mein Trachten kämma is, hat s' all ihre Ersparnus drauf gwendt, daß s' mich loswordn is, denn mit leere Händ war ich net weg, a es Kind hat s' mer verpflegn müssen.
Grillhofer. 's Kind!? So war richtig oans af d' Welt kämma?! Um Gottes wölln, Magdalen, sag mer nur oans: wo dös verbliebn is?!
Bäuerin (etwas bewegt). Kunnt der's net sagen, Grillhofer, wonn i a möcht! A Dirndl is gwest, is mer ja gleich nach der Geburt furtgnummen wordn! (Wieder barsch.) Such dir's hizt! Damal hon ich für mich allanig gnug Sorg tragn müssen und nachert im Ehstand sein nacheinander zwölf Kinder kämmen und alle--als hätt mich der leidige Höllteufel frotzeln wölln--han af der Linken dein ausdrehten klein Finger mitbracht! Alle rennen s' no af der Welt herum, fünfe hon mer hizt no auf der Schüssel; meinst, ich hätt noch Luft ghabt, mich ums dreizehnte außer der Eh umz'schaun?
Grillhofer. Hättst nur oan Fingerzeig...
Bäuerin. Nix hon ich und jetzt han mer ausgredt! Gsehn hast es, daß mer's geht, wie mer's gehn kann, ich mein, net schlecht, siehst, daß ich da af mein'm Eignen bin, und no mach, daß d' weiterfindst samt dein Spießgselln, bevor meine Leut kämmen--wann's net schleunig gnug seids, so mach ich eng Füß und lass' dö Hund von der Ketten-Dusterer. Hizt jagt s' uns gar aus!
Bäuerin. Ratet's a koan, er kam wieder! In meiner Ruhigkeit will ich verbleibn--wie mir hizt is, is's mir recht--hon mir nie unnötig Gedanken gmacht--brauch koane alten Gsichter z' sehn--brauch dös net! (Ab.)
Grillhofer. Gehn mer, gehn mer furt! Mir is so schlecht da h'rum (deutet auf das Herz), so viel schlecht! Ein Stein war mir h'runter, aber a schwererer druckt hizt drauf! (Ab.--Die Szene, welche nur wenig vom Düster der Gewitterwolken beeinflußt war, erglänzt jetzt im hellen Mondlichte.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 16. Szene
Sechzehnte Szene
Dusterer (allein), dann Bäuerin, Bauer, Natzl und Hans.
Dusterer. Glei kimm ich nach, Schwager!--Schau hizt her, no wär gar a Kind da! Hätt ich dös nur fruher gwiß gwüßt! Aber mein Schwester--Gott tröst s'!--dö dumme Gredl, hat mi ja nie in ihr Haus zulassen; weil s' krank war und keine Kinder ghabt hat, hat s' ihm allweil durch d' Finger gschaut und alles vertuscht! Ob der Bankert no lebt oder schon verstorbn is? No, dasselb wird die Bäurin do wissen--ich muß's a wissen--hat zwar 'n Teufel im Leib, dö Bäurin--aber ich muß's wissen! (Geht in das Haus ab. --Im Hintergrunde treten Hans, Natzl und der Bauer, einer hinter dem andern langsam durch die offene Einfahrt auf.)
Hans (weinerlich). No sein mer wieder da!
Natzl. No hat der Voda sein Willn.
Bauer. Jo, no--oba wird glei d' Muada ihrn habn! (Schaut gegen den Himmel.) Schau, hat uns doch net derwischt, dös Wetter!
Natzl. Dös freili net--oba leicht hizt a anders!
Bäuerin (innen). Wissen mußt der's--han--wissen mußt der's!
Dusterer (innen). Auweh!
Hans. Ui! D' Muada rafft mit oan!
Dusterer (stürzt heraus, ein Besen fliegt ihm nach).
Bauer. Ho--faßts an, Buama, hauts zu! (Fallen über ihn her.)
Dusterer. Aushalten a weng, Mona! (Reißt den Frachtbrief aus der Tasche.) Sehts dös rote Papier do?
Alle. Jo.
Dusterer. Kinnts lesen?
Alle. Na.
Dusterer (beiseite). Gott sei Dank!--Schauts dös Petschaftsiegel drauf an. Alles in Ordnung! Dös is a Dispens vom Konsisturi; Mona, ich derf net ghaut wern! (Indem sich Dusterer gravitätisch zum Abgehen wendet und die anderen verblüfft dareinstarren, fällt der Vorhang.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 1. Szene
Dritter Akt
Dekoration: Bauernstube wie im ersten Akte.
Erste Szene
Rosl, dann Wastl. Wie der Vorhang aufgeht, ist die Bühne leer, durch die Fenster rechts fällt helles Mondlicht in die Stube. Eine Schwarzwälder Uhr schlägt zehn.
Rosl (kommt mit einer öllampe, an der der Schirm herabgelassen ist, von links). So, war lang scho alls fertig zun Niederlegn! Wollt nur, ich wußt 'n Bauern scho in sein Bett. Wo er nur verbleibt? Zehni is's, no rührt sich nix. Es is frei schon zun Fürchten! (Stellt die Lampe auf den Tisch.) Jesses, in der Kuchel geht oans! (Mit erstickter Stimme.) Wer is draußt? Ah, is leicht nur unser Saunigel. (Geht näher zur Türe, lauter.) Wer is draußt?
Wastl (die Türe im Hintergrunde rechts ein wenig öffnend.) A gut Gwissen!
Rosl. Ah, der Wastl is's!
Wastl (kommt herein). Wohl, Rosl! Aber mit dir is's net richtig, fürchtst dich in der Finstern. (Zeigt seine Pfeife.) A weng Feuer hon ich mer holn wolln, is aber koan Fünkerl mehr am Herd.
Rosl. Is a schon spat! Wo nur der Bauer verbleibt?
Wastl. Wer weiß, muß er heunt nöt wo anderscht übernachten! Kunnt ja noch gar net da sein! Rechne dir's selber aus, zwischen a drei und vieri is er furt, drei Stund sein hin bis zur Kahlen Lehnten, drei Stund z'ruck, braucht er sich gar net viel aufzuhalten, muß's zehni vorbei werdn!
Rosl. Was er nur dort macht?
Wastl. Wann d' es net besser weißt wie ich, so ersparn mer einand's Ausfragn.
Rosl. Horch! Es fahrt a Wagn!
Wastl. Richtig, hör'n a. Aber der kimmt von der andern Seiten, von der Ellersbrunner!
Rosl. Schau, haha, bei dir kimmt hizt alls von Ellersbrunn.
Wastl. No, ohne Frotzeln, horch doch nur, hizt poltern s' über dö Brucken und hizt fahrn s' beim Kreuzwirt ins Tor und stelln ein.
Rosl. Hast a recht, aber hizt is der still und ma hört no oan Wagn, der kimmt von der andern Seiten und immer naheter!
Wastl. Hör 'n schon.--Hizt wär er ganz nah--no?--Richtig fahrt er in' Hof ein. No möcht 's doch wohl der Bauer sein. Schau ich halt nach. (Ab.)
Rosl. No, Gott sei Dank, daß er nur da is! Is a Zeit--nach a zehni! Nur a Glück, daß er sein Schofpelz mit hat, geht zwar a wacherlwarmi Luft, aber halt do, im Fahrn!
Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 2. Szene
Zweite Szene
Vorige. Grillhofer, auf Wastl gestützt, zuletzt folgt Dusterer, der sich an der Türe aufstellt, als wollte er gar nicht bemerkt werden.
Wastl (geleitet Grillhofer zu dem Sorgenstuhl). Muß schön dreinteufelt habn, der Michl, daß's schon wieder da seids. Hizt derf ich nur gleich nach'm Stall schaun!
Rosl. Je, dö armen Rösser!
Grillhofer (sehr erschöpft). Gilt mer gleich! Hon kein Erbarmnus mehr mit dö Viecher, habn's do allmal besser af der Welt wie unsereins!
Rosl. Bist gscheit?
Grillhofer. Lebn do und kennen kein Vorschrift.--No, schau halt nach 'm Stall, Wastl.
Wastl. Gute Nacht, Bauer. (Ab.)
Grillhofer. Gute Nacht!--Kannst a gehn, Rosl!
Rosl. No, willst allanig ins Bett kraln? Wird mühselig gehn.
Grillhofer. Sollt ich schlafen, werd ich mich schon ins Bett finden. Gute Nacht!
Rosl. No, gute Nacht, Bauer! (Ab.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 3. Szene
Dritte Szene
Grillhofer und Dusterer. Kleine Pause.
Grillhofer (stützt den Kopf in beide Hände).
Dusterer (kommt langsam aus dem Winkel nach vorne). Schwoger!
Grillhofer. Wer is's? (Blickt auf.) Du? Was willst du noch da?--Hab ja 'n Wagn vor dein Haus halten lassen, daß d' aussteign solltst.
Dusterer. Hat nöt sein mögn, weil ich halt mit dir noch z' reden hätt!
Grillhofer. Weißt a neuere Lug?!
Dusterer (beleidigt). Schwoger!?--Glaub mir, wann ich dir was sag! Beispielmäßig-Grillhofer. Ich brauch nix Beispielmäßigs mehr, hob gnug an dem, was wirkli vorgeht und wo ma umsonst a Auslegung sucht.
Dusterer. Schau, Grillhofer, es is mir vergangen--na ja, weil du ja selber es Rechte angebn hast, daß mein Traum doch a Vorbedeutung hat. Hast ja selbn gmeint, im Rauchen und Feuer sieht mer schlecht, dö Riesler-Magdalen konn dös im Fegfeuer net gwest sein, aber--Grillhofer--dein Kind is's gwest, dös hon ich für sö gnumma, no ja, weils ihr gleich schaut, weil ebn a der Magdalen ihr Kind is!
Grillhofer. Dummheiten!
Dusterer. Grillhofer! Hör mich aus, glaub mir, wann ich dir was sag! I mein, es verbleibt bei unsern Abkämmen--es geht halt hizt um dein Kind!
Grillhofer. Weil dir's taugt, steckst dös hizt ins Fegfeuer.
Dusterer (eifrig). Na, na--weil die Sünden der Eltern an den Kindern gstraft werden, steckt's drein und wohl wegn der eignen Sündhaftigkeit a, meinst, so vater- und mutterlos war's rechtschaffen wordn?!
Grillhofer. Wer aber sagt dir denn, daß's versturbn sein muß?!
Dusterer. Grillhofer, laß dir sagn, besser, es is versturbn, als es is lebig a so, daß d' der's überlegn rnüßt, ob du's a anerkenne kinna kannst!
Grillhofer (ausbrechend). Sixt, Dusterer, dös is! Lang net, mer wußt oans in der Höll, is mer so gstraft, als ma weiß oans af der Welt, dem ma beispringa möcht, dös vielleicht nach ein'm ruft in Nöten, Drangsal und ein'm zumöcht--und mer kann net--weiß koans vom andern, wo's is!
Dusterer (tritt näher). Armer Schwoger!
Grillhofer. Halt 's Maul! (Ruhiger.) Geh hizt! Hon kein Lust, mich no heunt mit dir h'rum z' dischpatiern.
Dusterer. Na, lass' mer's halt af a ander Mal! Gute Nacht, Schwager! (An der Türe.) Oan Frag hätt ich no?
Grillhofer. Was denn?
Dusterer. Bleibt's dabei?
Grillhofer. Bei was?
Dusterer. Beispielmäßig, fahrn mer morgn nach der Kreisstadt oder net?
Grillhofer. Heunt weiß ich nix, gar nix! Geh zu!
Dusterer (kommt wieder etwas vor). Nur eins no! Soll mal was sein, hon ich's gern bald richtig!
Grillhofer (sieht ihn groß an, spöttisch). I weiß, mer kennt dich dafür, haltst af Ordnung!
Dusterer. So oder so! Lang h'rumschneiden konn i net leiden! Schau dein Einwendigs an! Brauchst ein Zuspruch, gut, so halt dein Wort, sunst bleib ich dir fern.
Grillhofer. Werdn ma ja sehn, ob ich 'n Zuspruch nötiger brauch als du mein Hof!
Dusterer. Werdn mer sehn, gut is's! Nur kimm mer net z' spot, wann i eppa neamer für dich z' Haus bin. (Wendet sich.) War übel für uns allzwei, aber ich bin a so! (Tut einen Schritt nach rückwärts.) Grillhofer, ich geh hizt--gute Nacht?
Grillhofer. Gute Nacht!
Dusterer. Hast mich grufen?
Grillhofer. Na.
Dusterer. I hon gmeint, es reut dich!--(An der Türe.) Grillhofer, es steht geschrieben: Ich will nicht den Tod des Sünders!--I schau d'r schon morgen nach!
Grillhofer (ungeduldig). No, moch nur heunt no furt--allan will ich sein! (Sinkt in seine frühere Stellung zurück.)
Dusterer (hat die Türe geöffnet, bleibt aber an derselben stehen und blickt nach Grillhofer). Teufi, 's gute Auskämma hat ein End und mit ihm selber steht's wohl schlecht--mit muß er mir morgn, sunst war alles verschütt. Furt schlepp i 'n, und wann's ihm glei ans Leben gang, 's andere wird scho der liebe Gott gebn!--Wie ich mir 'n betracht, auf d' Hinterfüß stellt er sich wohl net! Dazu no d' heutig Nacht koan Augn zu. I hon's schon gwunna. Selbn hon ich a kein Schlof, ich schleich lieber bis fruh da um sein... um mein Hof, um mein Hof. (Schlüpft zur Türe hinaus, die er leise hinter sich schließt.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 4. Szene
Vierte Szene
Melodram
Leise beginnt die Musik das Bußlied aus dem ersten Akt aufzunehmen und begleitet damit variiert den folgenden Monolog.
Grillhofer (erhebt den Kopf). Viel tausend und tausend Meilen gehen rund um die Erd--können viel hundert zwischen mir und mein Kind liegen--oder kann mer ganz nah sein und ich weiß's net!--(Steht langsam auf, mit gefalteten Händen.) O himmlischer Voda! Wann's neamer lebt--so laß a mich net so allan herumkriechen af der Welt--und wann's in Unehr auf gwachsen is, so bitt ich dich--laß mich's net derlebn!--Himmlischer Herr, ich überheb mich net, aber wann d' a End mit mir machen wolltst--es war wohl 's Gscheiteste!--Und wann's vielleicht hizt in der nämlich Stund, wo ich zu dir bitt--aufschreit in Sünd und Nöten--so hör auf mi--verstopf dein Ohr--wann's sein Dasein reut und sein Vatern verflucht!!
(Die Musik bricht mit einem starken Akkord ab.)
Grillhofer (ist zum Fenster gewankt, das er aufreißt, und sinkt jetzt auf einen davor stehenden Stuhl). Luft!!! (Kleine Pause.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 5. Szene
Fünfte Szene
Voriger. Rosl. Liesel.
Rosl (an der Tür, welche sie leise geöffnet hat, zur Liesel, die hinter ihr eintritt, lästernd). Er is no auf!--(Lauter.) Bauer!
Grillhofer (nickt mit dem gesenkten Haupte). Jo.
Rosl. Schau doch auf! D' Horlacher-Lies is wieder da!
Grillhofer (verloren). So.
Rosl. Sie müßt heunt no zu dir, hat s' gsagt.
Grillhofer. Was will s'mer denn?
Rosl. Na, hör nur auf sie, ich weiß's ja net. (Geht ab, indem sie der Liesel, die an der Türe stehengeblieben war, vorzutreten winkt.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 6. Szene
Sechste Szene
Grillhofer und Liesel.
Liesel (kommt vor, frisch). Jo, wir habn schon a Kreuz miteinander... (Da sie Grillhofer näher ins Auge faßt.) Um Gotteswilln, Bauer, was is der denn?
Grillhofer. Nix, nix, Dirndl, triffst mich grad, wie ich nach meiner neuchen Wohnung ausschau.
Liesel. Gfreut dich dein alte nimmer? (Sieht hinaus.) Wo zu willst denn hinbaun?
Grillhofer (hinausdeutend). Siehst! Siehst! Durt, wo die Kreuzeln herschimmern.
Liesel. Am Freithof? Geh zu, was kümmert dich der Freithof? Dö er angeht, dö wissen nix davon, und dö davon wissen, dö geht er nix an! Schau lieber, wie heunt dö Stern funkeln und 's Mondschein leucht. Bin hizt durch'n Wald hergfahrn, im Gezweig habn dö Johanneskäferln ihr Gspiel triebn und über der stillen Nacht is der ganze Himmel voll Lichter glegn. Und wann ma so hinaufschaut, wie's leucht und funkelt über der weiten Welt, da is ein, als ziehet's ein d' Seel aus der Brust und reichet dö weit über d' Erd in sternlichten Himmel h'nein.
Grillhofer. O jo--wohl--wohl--wonn mer holt no a freie Seel hat!
Liesel (ermutigter). No geh, Bauer, tu net so verzagt, dö deine wird a no keiner am Strickl führn; laß dir hizt von meiner Mahm verzähln, daß d' auf andere Gedanken kimmst!--Denk dir, dö Mahm leidt's net, daß d' dein Hof weggibst!
Grillhofer (erstaunt). Dein Mahm, dö alte Horlacherin, leidt's net? Dös is bsunders! (Steht auf.)
Liesel. Gelt ja!
Grillhofer. Dö leidt's net! No möcht ich doch wissen...
Liesel. Na siehst, wann d' es wissen möchst, mußt d' mich schon anhörn. --Geh, ich führ dich.
Grillhofer. A na--na--konn schon no selber gehn. (Geht, von Liesel geleitet, zum Sorgenstuhl, setzt sich.) No, so verzähl halt! Hätt net denkt, es verinteressieret mich noch was, aber dös is doch bsunders--ja, ganz bsunders!