Part 6
Erst gegen neun Uhr kam Findling nach dem Hofe hinunter, wo er mit Verwunderung hörte, daß der Graf schon seit Sonnenaufgang ausgegangen sei. Sonst brauchte dieser stets seinen Groom, um ihm beim Ankleiden behilflich zu sein, was niemals ohne Nörgeleien und grobe Vorwürfe abging.
Zu dieser Verwunderung kam aber bald noch eine sehr gerechtfertigte Beunruhigung, als er bemerkte, daß weder Bill, der Piqueur, noch die Hunde da waren.
Kat stand eben an der Thür des Waschhauses und winkte ihn zu sich heran.
»Der Graf ist mit Bill und den beiden Hunden aufgebrochen, flüsterte sie ihm zu, sie wollen auf Birk Jagd machen.«
Vor Erregung und Ingrimm konnte Findling zuerst gar nicht antworten.
»Nimm Dich in Acht, mein Junge, setzte die Wäscherin hinzu. Der Verwalter beobachtet uns; es darf nicht sein....
-- Es darf nicht sein, daß Birk getödtet wird, rief er endlich, da hab' ich auch ein Wort mit dreinzureden....
-- Was sagst Du da, Groom, und was machst Du überhaupt hier?« fragte Scarlett, der einige Brocken des Gesprächs aufgefangen hatte.
Der Groom wollte sich in keine Verhandlung mit dem Schloßverwalter einlassen und erwiderte darauf ruhig:
»Ich wünsche nur mit dem Herrn Grafen zu sprechen.
-- Das kannst Du, wenn er zurückkommt, erwiderte Scarlett, wenn er dem verwünschten Köter draußen eins aufs Fell gebrannt hat....
-- Das wird er nicht thun, fiel Findling ein, der sich zwingen mußte, ruhig zu bleiben.
-- Wirklich?...
-- Nein, Herr Scarlett; und wenn er ihn aufjagt, sag' ich Ihnen, daß er das Thier nicht tödten wird.
-- Und warum nicht?...
-- Weil ich ihn daran hindern werde!
-- Du?...
-- Ich, Herr Scarlett! Jener Hund gehört mir und ich lasse ihn nicht tödten!«
Während der Verwalter von dieser Erklärung noch ganz verblüfft dastand, stürmte Findling schon aus dem Hof und hatte bald den Saum des Waldes erreicht.
Hier zwängte er sich wohl eine halbe Stunde lang durch das Buschwerk, wobei er zuweilen innehielt, um zu hören, ob ihn ein Geräusch auf die Spur des Grafen Ashton führen könnte. Der Wald war todtenstill, und ein Gebell hätte von sehr weit her vernehmlich sein müssen. Nichts wies aber darauf hin, daß Birk von den Wachtelhunden des jungen Piborne etwa wie ein Fuchs gehetzt würde; ebensowenig konnte er sich klar werden, welche Richtung er wohl einzuschlagen hätte.
Das war eine Ungewißheit zum verzweifeln! Möglicherweise befand sich Birk, wenn die Hunde ihn verfolgten, schon sehr fern von hier. Wiederholt rief er dessen Namen in der Hoffnung, daß das treue Thier seine Stimme hören würde. Er fragte gar nicht, was er thun würde, um den Grafen Ashton und dessen Rüdenmeister an der Tödtung Birks zu verhindern, wenn ihnen dieser zum Schusse kam -- er wußte nur, daß er ihn vertheidigen würde, und daß ihm die Kraft nicht fehlen würde, das zu thun.
So auf gut Glück weiter gehend, hatte sich Findling schon gegen zwei Meilen vom Schlosse entfernt, als er aus der Entfernung von einigen Hundert Schritten und hinter einer Gruppe großer Bäume, die neben einem Teiche aufragte, lautes Bellen hörte.
Findling blieb stehen: er hatte die Stimme der Wachtelhunde erkannt.
Ohne Zweifel war Birk jetzt aufgestöbert worden und vielleicht schon mit den vom Piqueur aufgehetzten Hunden in Kampf gerathen.
Bald ließen sich auch deutlich folgende Worte vernehmen:
»Achtung, Herr Graf!... Wir haben ihn!
-- Ja, Bill... hierher... hierher!...
-- Nun drauf, packt ihn!« rief Bill den Hunden zu.
Findling eilte nach der Stelle zu, woher der Lärm erschallte. Kaum hatte er zwanzig Schritte gemacht, als ein Knall die Luft erschütterte.
»Gefehlt!... Gefehlt! rief der Graf Ashton. Nun, Bill, schieße Du, nimm ihn gut aufs Korn!«
Ein zweiter Flintenschuß krachte und so in der Nähe, daß Findling den Blitz davon durch die Blätter aufleuchten sah.
»Der saß!« rief Bill, während die Wachtelhunde wüthend bellten.
Als hätte die Kugel des Piqueurs ihn selbst getroffen, fühlte Findling seine Knie schwanken, und er wäre vielleicht zusammengesunken, als noch etwa sechs Schritte vor ihm ein Geräusch entstand und durch das Gebüsch ein Hund mit triefendem Fell und schäumendem Maule hervorbrach.
Das war Birk mit einer Wunde in der Seite, der sich nach dem Schusse des Rüdenmeisters in den Teich gestürzt hatte.
Birk erkannte seinen Herrn, der ihm die Schnauze zuhielt, um jeden Klagelaut zu ersticken, und ihn nach einem noch dichteren Gebüsche zog, da er fürchtete, daß die Wachtelhunde ihm nachkämen.
Doch nein. Erschöpft von der Hetzjagd und von einigen Bissen, die Birk ihnen zum Andenken mitgegeben hatte, folgten die Hunde jetzt Bill nach. Die Fährte des Grooms und Birks entging ihnen, obwohl sie so nahe an deren Versteck vorüberkamen, daß Findling deutlich hören konnte, was der Graf Ashton zu dem Piqueur sagte.
»Du bist überzeugt, ihn getödtet zu haben, Bill?
-- Gewiß, Herr Graf... durch eine Kugel in den Kopf, als er ins Wasser sprang. Das wurde ja an der Stelle ganz roth, und jetzt liegt er tief unten, bis er wieder heraufkommt....
-- Ich hätte ihn gern lebend gehabt!« rief der junge Piborne.
Freilich, das wäre so nach dem rohen Geschmacke des Erben von Trelingar gewesen und hätte seinen Rachedurst befriedigt, wenn er selbst Birk hätte abthun oder von seinen Hunden zerfleischen lassen können, die ja an Grausamkeit ihrem Herrn nicht nachstanden.
VI.
Zwei zusammen achtzehn Jahre alt.
Findling athmete auf, wie vielleicht noch nie in seinem Leben... tief, erleichtert, als er den Grafen Ashton, den Piqueur und die Hunde verschwinden sah, und, fügen wir hinzu, Birk wohl auch, als Findling die Hände von seiner Schnauze losließ, indem er sagte:
»Belle jetzt nicht... belle nicht, Birk!«
Und Birk bellte nicht.
Ein Glück war es, daß Findling an diesem Morgen, einmal entschlossen fortzugehen, seine alten Sachen angezogen, sein Bündelchen geschnürt und die Börse eingesteckt hatte. Das ersparte ihm die Unannehmlichkeit, ins Schloß zurückzukehren, wo der Graf Ashton nun gewiß erfahren hatte, wem der Mörder des Wachtelhundes gehörte, und das hätte für den Groom natürlich eine schreckliche Scene heraufbeschworen. Mit seinem Fernbleiben verlor er freilich den Lohn für einen halben Monat, den er hatte beanspruchen wollen, doch ertrug er lieber diesen Verlust. Jetzt einmal aus dem Trelingar-castle heraus, fern von dem jungen Piborne und dem Verwalter Scarlett, dafür aber in Gesellschaft seines Hundes, dachte er nur daran, sich schnellstens aufzumachen.
Sein kleines Vermögen belief sich genau auf vier Pfund siebzehn Schillinge und sechs Pence -- die größte Summe, die er je sein eigen genannt hatte. Er überschätzte diese jedoch keineswegs, denn er gehörte nicht zu den Kindern, die sich mit so wohlgefüllter Tasche schon für reich gehalten hätten; nein, er wußte, daß seine Ersparnisse schnell genug zu Ende gehen würden, wenn er sich nicht streng einschränkte, bis er Gelegenheit fände, sich irgendwo -- natürlich mit Birk -- ein Unterkommen zu sichern.
Die Verwundung des braven Thieres war zum Glück nicht schwer -- eine einfache Hautverletzung, die voraussichtlich bald heilte. Als er auf Birk zielte, hatte sich der Piqueur als ebenso ungeschickt wie sein Herr bewiesen.
Die beiden Freunde wanderten nach Erreichung der Landstraße jenseits des Waldes schnellen Schrittes dahin, Birk vor Freude umherspringend, Findling etwas besorgt wegen der Zukunft.
Dieser ging jetzt aber keineswegs sozusagen ins Blaue hinein. Erst war ihm der Gedanke gekommen, sich nach Newmarket oder nach Kanturk zu begeben, welche beide Ortschaften er, die eine von seinem längeren Aufenthalte daselbst, die andere daher, daß er den jungen Piborne oft genug dahin begleitet hatte, genau kannte. Damit hätte er sich jedoch Begegnungen ausgesetzt, die besser vermieden wurden. So wußte er also recht gut, was er that, als er eine südliche Richtung einschlug. Einerseits entfernte er sich damit von Trelingar-castle nach einer Gegend zu, wo ihn keiner suchen würde, und andrerseits näherte er sich dem Hauptorte der Grafschaft Cork an der verkehrsreichen Bai gleichen Namens. Von da gingen die Schiffe aus... Handelsschiffe... große, wirkliche Seeschiffe... nach allen Punkten der Erde, und nicht nur Küstenfahrer und Fischerbarken, wie in Westport oder Galway. Sein unwiderstehliches Interesse für alles, was mit dem Handel zusammenhing, übte auch jetzt auf ihn den gewohnten Reiz.
Sein Hauptziel, Cork, zu erreichen, erforderte freilich einige Zeit. Findling hatte an besseres zu denken, als sein Geld für Wagen oder Eisenbahn wegzugeben, denn es war ja nicht ausgeschlossen, daß er unterwegs, wie früher zwischen Limerick und Newmarket, einige Schillinge verdienen konnte. Dreißig Meilen sind für ein Kind von elf Jahren schon eine tüchtige Strecke, wozu er, etwaigen Aufenthalt in Farmen eingerechnet, wohl acht Tage gebrauchen würde.
Das Wetter war schön, für die Jahreszeit etwas kalt, und kein Schmutz oder Staub auf den Straßen, also lauter günstige Verhältnisse für eine Fußreise. Mit dem Filzhute auf dem Kopfe, Weste, Jacke und Beinkleider aus warmem Tuche, mit guten Schuhen mit Lederriemen, sein Packet unter dem Arme, sein Messer -- das Geschenk von der Großmutter -- in der Tasche und in der Hand einen Stock, den er sich an einer Hecke abgeschnitten hatte, machte Findling nicht den Eindruck eines Armen. Er mußte sich vielmehr vor unangenehmen Begegnungen hüten. Doch es genügte wahrscheinlich, daß Birk seine Zähne zeigte, um verdächtiges Gelichter von ihm fernzuhalten.
Am ersten Tage legte er, bei zweistündiger Rast, fünf Meilen zurück und hatte dabei einen halben Schilling ausgegeben. Für zwei, ein Kind und einen Hund, war das ja nicht viel und dafür gab es nur knappe Portionen von Speck und Kartoffeln. Deshalb dachte Findling aber keineswegs mit Bedauern an die Küche in Trelingar-castle zurück. Am Abend schlief er etwas jenseits des Fleckens Baunteer mit Erlaubniß des Farmers in einer Scheune und wanderte, nach einem frugalen Frühstück, das ihm wenige Pence kostete, am nächsten Tage rüstig weiter.
Das Wetter hielt sich noch ziemlich im gleichen, doch der Weg, der mehr aufwärts führte, wurde schon mühsamer. Dieser Theil der Grafschaft Cork hat eine sehr wechselnde Oberfläche. Die von Kanturk nach dem Hauptorte führende Straße durchschneidet das verwickelte Gelände der Boggeraghberge mit steilen Pfaden und vielfachen Windungen. Findling brauchte nur dem Wege nachzugehen, so konnte er sich nicht verirren. Uebrigens besaß er ein Orientierungsvermögen wie ein Chinese oder ein Fuchs, und außerdem begegnete er wiederholt von den Feldern und Wiesen kommenden Landleuten oder auch Wagen, die von dem einen Dorfe nach dem andern fuhren. Wenn nöthig, hätte er sich also stets nach der einzuschlagenden Richtung erkundigen können, er zog es aber vor, nicht erst die Aufmerksamkeit andrer zu erwecken.
Nach einem halben Dutzend schnellen Schrittes zurückgelegter Meilen kam er nach Derry-Gounva, einem kleinen Orte, wo die Landstraße die Bergmasse der Boggeraghs schneidet. Hier fragte ihn in einer Schänke ein Fremder, der eben zu Abend essen wollte, woher er käme, wohin er ginge und wann er wieder aufbrechen wolle. Offenbar befriedigt durch die Antworten des Knaben, bot er diesem an, seine Mahlzeit mit ihm zu theilen, und zwar mit solcher Herzlichkeit, daß Findling es ohne Zögern annahm. Er stärkte sich dabei ordentlich und Birk wurde von dem freundlichen Amphytrio auch nicht vergessen. Es war schade, daß der Fremde nicht in Cork zu thun hatte, denn er hätte dem Knaben gewiß einen Platz in seinem Wagen angeboten; er begab sich aber nach dem Norden der Grafschaft.
Nach ruhig verbrachter Nacht verließ Findling Derry-Gounva mit Tagesanbruch wieder und betrat nun die Engpässe der Boggeraghs.
Dieser Tag wurde anstrengend. Ein steifer Wind heulte durch die bewaldeten Bergeshänge. Zwar aus Südwest kommend, strich er durch die Windungen der Pässe doch je nach deren Richtung hin. Findling hatte ihn immer gerade im Gesicht, ohne, wie ein Schiff, in der Lage zu sein, dagegen aufzukreuzen. Zuweilen mußte er sich gar an Büschen neben dem Wege festhalten, um über eine scharfe Ecke wegzukommen -- kurz, hier ging es unter großer Anstrengung langsam vorwärts. Jetzt hätte ihm ein Wagen, ein Jaunting-car, gute Dienste geleistet; leider traf er keinen solchen an. Diese Gegend der Boggeraghs hat wenig Verkehr. Nach den Dörfern im Lande kann man gelangen, ohne sich in diese Irrgänge zu wagen. Auch Fußgänger sah Findling kaum, und diese hielten dann die entgegengesetzte Richtung ein.
Der Knabe nebst seinem Hunde mußte sich wiederholt einmal niederlegen, um auszuruhen. Im Laufe des Nachmittags überschritt er, etwas schneller gehend, den höchsten Punkt des Bergrückens, hatte im ganzen aber doch nur vier bis fünf Meilen hinter sich gebracht. Das war ein anstrengender Wandertag. Jetzt, nach Ueberwindung des schlimmsten, hoffte er binnen zwei Stunden die Ostseite des Gebirgsrückens zu erreichen.
Es wäre vielleicht unklug gewesen, nach Sonnenuntergang weiter zu marschieren. Auf diesen hohen Abhängen wird es schnell Nacht und schon von sechs Uhr ab herrscht daselbst tiefe Dunkelheit. So war es wohl besser, auf der Stelle Halt zu machen, da sich keine Farm und kein Gasthaus zeigte. Es war hier sehr öde, eine Art Einschnitt der Landstraße, und Findling fühlte sich nicht besonders sicher. Zum Glück hatte er in Birk einen scharfen und treuen Wächter, auf den er sich wohl verlassen konnte.
In dieser Nacht diente ihm als Obdach nur eine enge Aushöhlung in der Felsenwand des Abhanges, die ein Vorhang von Mauerkraut fast abschloß. Da schlüpfte er hinein und streckte sich auf dem weichen, trocknen Erdboden aus. Birk legte sich zu seinen Füßen nieder, und beide schlummerten unter der Obhut Gottes ein.
Am folgenden Tag ging es frühzeitig wieder vorwärts. Das Wetter war unsicher, feucht und kalt geworden. Noch eine Strecke von fünfzehn Meilen, und Cork mußte am Horizonte auftauchen. Um acht Uhr waren die Engpässe der Boggeraghs überwunden und nun fiel der Weg merkbarer. Die beiden gingen schnell, sie hatten aber Hunger. Der Vorrathsbeutel wurde allmählich leer. Birk trottete herüber und hinüber auf der Straße und suchte mit der Nase an der Erde nach Nahrung. Dann kam er zu seinem Herrn zurück, den er ansah, als wollte er sagen:
»Nun, giebt's denn heute gar nichts?
-- Bald, warte nur noch ein wenig,« antwortete Findling.
Gegen zehn Uhr machten beide in einem Weiler, Zehn-Meilen-Haus genannt, Halt.
Hier wurde der Geldbeutel des jungen Wandrers in dem bescheidenen Gasthofe um einen Schilling erleichtert, wofür er das gewöhnliche irische Essen erhielt, nämlich Kartoffeln, Speck und ein großes Stück von dem rothen »Cheddarkäse«. Birk bekam ein gutes Futter, sogar mit etwas Fleischbrühe dran. Nachher ruhten beide ein wenig aus und machten sich dann mit frischen Kräften auf den Weg. Die Gegend war noch immer hügelig, doch da und dort angebaut, und die Bauern fuhren die in diesem Klima sich verspätigende Gersten- und Roggenernte ein.
Findling befand sich also nicht allein auf der Straße; er bot den vorüberkommenden Landleuten einen Guten Morgen, und diese erwiderten treuherzig seinen Gruß. Kinder waren kaum zu sehen -- wenigstens nicht solche, die um einen Copper bettelnd jedem Wagen nachliefen. Freilich kamen auch nur selten Touristen in diese Gegend, das Geschäft wäre also nicht lohnend gewesen, obwohl es Findling nicht übers Herz gebracht hätte, einem armen Kinde das erbetene Almosen zu verweigern.
Um drei Uhr nachmittag erreichten sie den Punkt, von wo aus die Landstraße sieben bis acht Meilen weit neben einem Flusse oder größeren Bache hin verläuft. Es war das die Dripsey, ein Zufluß der Lee, die sich in einer der südwestlichsten Baien verliert.
Wollte er die Nacht nicht wieder unter freiem Himmel zubringen, so mußte Findling noch bis zu dem, von Cork nur noch drei bis vier Meilen entfernten Flecken Woodside zu gelangen suchen. Das war von hier noch eine große Strecke, die er jedoch noch zurücklegen zu können glaubte.
»Also vorwärts, sagte er für sich, tüchtig ausschreitend. Da unten werd' ich ja Zeit haben, um ausruhen zu können.«
Zeit... ja, daran würde es ihm wohl nicht fehlen, wenn nur sein Geld ausreichte. Doch darum beunruhigte er sich nicht. Er besaß ja vier Pfund in gutem Gelde, ohne die Pence, die noch darüber waren. Mit einem solchen Schatze konnte er ja wochenlang wandern.
Der Himmel ist bedeckt; der Wind hat sich gelegt. Wenn es anfinge zu regnen, ohne daß man ein andres Obdach hat als vielleicht einen Heuhaufen, so ist das kein besondres Vergnügen, wenn man in einem der Gasthöfe von Woodside ein trocknes Fleckchen finden kann.
Findling und Birk beeilten sich nach Kräften und waren etwas vor sechs Uhr abends nur noch drei Meilen von ihrem heutigen Ziele entfernt, als Birk ganz auffällig zu knurren anfing.
Findling blieb stehen und sah nach der Straße hinaus, bemerkte aber nicht das geringste.
»Was hast Du denn, Birk?«
Birk bellte jetzt schwach und lief dann rechts nach dem Flusse zu, dessen Ufer nur gegen zwanzig Schritte entfernt war.
»Er hat wahrscheinlich Durst, dachte Findling, und ich möchte in der That auch einmal trinken.«
Damit wandte auch er sich der Dripsey zu, als der Hund, laut anschlagend, eben in das Wasser sprang.
Höchst erstaunt sprang der Knabe mit einigen Sätzen an das Ufer und wollte seinen Hund rufen....
Da gewahrte er den Körper eines Kindes, der von der Strömung hinweggeführt wurde. Der Hund hatte ihn an den Kleidern oder vielmehr an seinen Lumpen gepackt. Die Dripsey ist aber voller Wirbel und deshalb ein recht gefährliches Wasser. Birk bemühte sich, ans Ufer zurückzuschwimmen, was ihm nur schwer gelingen zu sollen schien, da das Kind sich krampfhaft an dem Thiere festhielt.
Findling konnte schwimmen; Grip hatte es ihm ja seiner Zeit gelehrt. Jetzt warf er ohne Zögern die Jacke ab, doch da erreichte Birk mit einer letzten Anstrengung das Ufer.
Findling brauchte sich nur zu bücken und das Kind an der Kleidung zu fassen, um es in Sicherheit zu bringen, während der Hund sich freudig bellend schüttelte.
Das Kind war ein Knabe von höchstens sechs bis sieben Jahren. Die Augen hatte er geschlossen, der Kopf hing schlaff herab und das Bewußtsein hatte er verloren....
Wie erstaunte Findling aber, als er dem Kleinen die herabhängenden nassen Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte....
Das war ja der hübsche Bursche, den der Graf Ashton vor kaum zwei Wochen so rücksichtslos mit der Peitsche geschlagen hatte, und wobei Findling für seine mitleidige Intervention von dem jungen Piborne so heftig ausgescholten wurde.
Seit vierzehn Tagen irrte das arme Kind plan- und ziellos auf der Landstraße umher. Im Laufe des Nachmittags mochte er an die Dripsey gekommen sein... hatte wohl seinen Durst löschen wollen, war dabei ausgeglitten und vom Strome fortgerissen worden, und jetzt wäre er jedenfalls, wenn Birk ihn nicht in letzter Minute rettete, in einem Wasserwirbel versunken.
Nun galt es, den Knaben wieder zu sich zu bringen, was Findling so gut wie möglich versuchte.
Das arme, bedauernswerte Wesen! Sein schmales Gesicht, der hagere, fleischlose Körper, alles verrieth, was es gelitten haben mochte: Anstrengung, Kälte und Hunger! Der Leib des Kleinen war eingesunken, wie ein leerer Sack. Wie sollte er ihn nun wieder zum Bewußtsein bringen? Jedenfalls mußte er zuerst von dem verschluckten Wasser befreit werden, dann wollte Findling ihm Mund auf Mund Luft einblasen. -- Wirklich that das Kind nach kurzer Zeit wieder einen ersten schwachen Athemzug, dann schlug es die Augen auf und über seine Lippen kamen die klagenden Worte:
»Ich habe Hunger... ach, ich habe solchen Hunger.«
=I am hungry!= Das ist der Ausruf des Irländers, den er während seines ganzen Lebens und noch, wenn ihm die Augen schon brechen, vernehmen läßt.
Findling besaß noch einigen Mundvorrath. Aus Brot und Speck machte er zwei bis drei Bissen und schob sie dem Knäblein in den Mund, der sie gierig verschlang. Er mußte ihn mäßigen, sonst wäre er erstickt. Die Speise glitt in ihn hinein, wie die Luft in eine vorher luftleere Flasche.
Mühsam richtete er sich auf. Sein Blick haftete auf Findling, er schien sich unklar, dann rief er ihn erkennend:
»Du?... Du? murmelte er.
-- Ja... Du erinnerst Dich also....
-- Ach ja... auf der Straße... ich weiß nicht wann....
-- Ich... weiß es... mein Junge....
-- O, verlasse mich nicht!
-- Nein, nein; ich begleite Dich. Wohin wolltest Du gehen?
-- Weiß nicht... der Straße nach....
-- Wo wohnst Du denn?
-- Wohnen?... Nirgends....
-- Wie bist Du denn in den Fluß gefallen?... Hast wohl trinken wollen?
-- Nein.
-- So bist Du nur ausgeglitten?
-- Nein. Ich bin... mit Willen hineingefallen!
-- Absichtlich?
-- Ja... ja... jetzt thu' ich's aber nicht wieder, wenn Du bei mir bleibst....
-- Beruhige Dich; ich bleibe bei Dir!«
Findling traten die Thränen in die Augen. Mit sieben Jahren der entsetzliche Gedanke, sterben zu wollen!... Die Verzweiflung trieb dieses Kind in den Tod, die Verzweiflung, die aus der Entblößung von allem, aus dem Verlassensein, aus dem Hunger emporwuchert!
Das Kind hatte die Augen wieder geschlossen. Findling hielt es für angezeigt, jetzt mit weiteren Fragen zurückzuhalten. Dazu war später Zeit. Die Geschichte des Kleinen kannte er ja schon, es war doch die aller dieser armen Geschöpfe... war seine eigne.... Ihm freilich war, Dank seiner ungewöhnlichen Energie, nie der Gedanke gekommen, seinem Elend auf diese Weise ein Ende zu machen.
Jetzt galt es eine Entscheidung. Das Kind war nicht imstande, noch mehrere Meilen bis Woodside zu gehen, und Findling hätte es nicht bis dahin tragen können. Außerdem brach die Nacht schon an, und da schien es das nöthigste, einen Schutz zu finden. In der Nähe war kein Gasthaus zu sehen, auf der Dripsey neben der Straße zeigte sich kein Boot. Zur linken stand dichter Wald. Hier mußten sie also wohl die Nacht am Fuße eines Baumes hinbringen, auf einer Streu von Blättern und, wenn nöthig, neben einem Feuer aus dürrem Holze. Mit Sonnenaufgang und wenn das Kind wieder mehr bei Kräften war, konnten sie Woodside oder Cork unschwer erreichen. Für heute Abend war genug zu essen da und es blieb auch noch ein wenig zum Frühstück für morgen übrig.
Findling nahm den vor Müdigkeit eingeschlafenen Knaben in die Arme. Birk hinter sich ging er quer über die Straße und zwanzig Schritte in den Wald hinein, wo es unter den hundertjährigen Buchen, deren es in Irland unzählige giebt, schon sehr dunkel war.
Wie freute er sich da, einen geneigt stehenden und vom Alter ausgehöhlten Stamm zu entdecken! Das war eine Art Wiege oder richtiger ein Nest, in das er seinen kleinen Vogel niederlegen konnte. Die Höhlung war unten mit gleich Sägespänen weichem Staub bedeckt, und wenn er noch einen Arm voll dürrer Blätter darüber breitete, war das schönste Bett fertig. Beide konnten darin Platz und ein warmes Lager finden, so daß das Kind sogar im Schlafe fühlen würde, daß es nicht mehr allein sei.
Bald darauf war der Knabe in dieser Aushöhlung untergebracht. Die Augen öffnete er vorläufig nicht wieder, doch athmete er sanft und fiel schnell in tiefen Schlaf.
Findling trocknete nun die Kleidungsstücke, die sein Schützling -- der Schützling des Knaben von elf Jahren! -- morgen wieder anziehen sollte. Nachdem er mit trocknem Holz ein Feuer angezündet hatte, rang er die Lumpen aus und hing sie dann in der Nähe der Gluth an einem niedrigen Buchenaste auf.
Jetzt war es Zeit, ans Essen zu denken. Der Hund bekam auch seinen Antheil an Brod und Kartoffeln -- zwar nicht viel, doch er beklagte sich deshalb nicht. Sein junger Herr streckte sich nun in dem hohlen Buchenstamme aus und schlief, den Arm um den Knaben gelegt und vom treuen Birk bewacht, auch endlich ein.
Am nächsten Tage, dem 18. September, erwachte das Kind zuerst, höchst verwundert, in einem so guten Bette zu liegen. Birk kläffte es schweifwedelnd an... er hatte sich doch auch um die Rettung des Kleinen verdient gemacht.