Part 5
Sehr wild und rauh von außen, entbehrt diese Insel doch nicht gewisser mineralischer Schätze, denn es finden sich auf ihr mehrere ergiebige Schieferbrüche. In einem Dorfe kann man verschiedene Häuser sehen, deren Mauern und Dach aus je einem einzigen großen Stück Schiefer bestehen. In diesem Dorfe ist auch für Unterkommen für Touristen gesorgt, obwohl kaum einer, trotz des vortrefflichen Gasthofs, davon Gebrauch macht. Wozu auch? Wenn sie, wie es auch Ihre Herrlichkeiten thaten, das alte verfallene Fort, das Cromwell einst erbaute, besucht und den Leuchtthurm, den Wegweiser für die Seeschiffe, bestiegen, und wenn sie die Skellings, das sind zwei hohe Bergkuppen in der Entfernung von fünfzehn Meilen, bewundert haben, deren Feuer die Nähe dieser gefährlichen Küstenstrecke weit hinaus anzeigt, dann bietet Valentia nichts besondres mehr. Es ist nur eine jener Inseln, die man an der Westküste Irlands zu Hunderten findet.
Immerhin genießt Valentia eine dreifache specielle Berühmtheit.
Es diente als Ausgangspunkt der Triangulierung, mittelst der ein Bogenstück der Erde gemessen wurde, das quer durch Europa bis zum Uralgebirge reicht.
Es ist thatsächlich die am weitesten nach Westen vorgeschobene meteorologische Station, an der die Sturmwellen von Amerika her zuerst anprallen.
Endlich besitzt es ein isoliert stehendes Gebäude, wohin Lord und Lady Piborne sich führen ließen. Hier beginnt das erste Transatlantische Kabel, das zwischen der Alten und der Neuen Welt ausgespannt wurde. Im Jahre 1858 ließ es Kapitän Anderson von dem einst berühmten Riesendampfer, dem »Great-Eastern«, abrollen, während es 1866 zuerst fungierte -- damals allein, bis später vier weitere Kupferfäden Amerika und Europa verbanden.
Hier traf das erste zwischen einem Continent und dem andern gewechselte Telegramm ein, das vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, Buchanan, abgesendet, als Text die Worte hatte:
»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«
Armes Irland! Du hast es nicht unterlassen, dem Höchsten die Ehre zu geben, doch werden die Menschen Dir jemals den socialen Frieden sichern, indem sie Dir die Unabhängigkeit zurückgeben?
V.
Schäferhund und Jagdhund.
Von Cahersiveen am Morgen des 11. August abgefahren, machte der Landauer, der der an den ersten Verzweigungen der Iveraghberge verlaufenden Küstenstraße folgte, nach kurzer Rast in Kells, einem Flecken an der Dingle-Bai, am Abend und für die Nacht in Killorglin Halt. Den ganzen Tag über hatte das windige, regnerische Wetter angehalten; am nächsten Tage aber wurde es geradezu abscheulich. Nur Schloßen und Sturm, unter denen Ihre Herrlichkeiten die dreißig Meilen zwischen Valentia und Killarney zurücklegen mußten, wo sie in einer ebenso abscheulichen Stimmung eintrafen, um hier die letzte Nacht auf der Reise zuzubringen.
Am folgenden Tage bestieg die Gesellschaft die Eisenbahn und kam gegen drei Uhr, nach zehntägiger Abwesenheit, wieder in Schloß Trelingar an.
Der Marquis und die Marquise hatten den traditionellen Ausflug nach den Seen von Killarney und durch die Berggegend von Kerry... überstanden.
»Und das wär' es werth gewesen, so viele Beschwerden auf sich zu nehmen! sagte die Marquise.
-- Und so entsetzliche Langweile!« setzte der Marquis hinzu.
Findling freilich brachte eine Menge schöner Erinnerungen mit heim.
Seine erste Sorge war es, sich bei der Kat nach Birk zu erkundigen.
Der Hund befand sich wohl. Kat hatte ihn nicht vergessen. Jeden Abend war er nach der Stelle gekommen, wo ihn die Wäscherin nach besten Kräften fütterte.
Noch am nämlichen Abend und ehe er auf sein Stübchen ging, begab sich Findling nach der Außenseite der Wirthschaftsgebäude, wo Birk ihn erwartete. Die Freude des Wiedersehens und die gegenseitigen Liebkosungen dabei kann man sich wohl denken. Birk erschien zwar etwas abgemagert, denn ganz satt mochte er nicht jeden Abend geworden sein, es war damit aber nicht zu schlimm bestellt und noch zeigten seine intelligenten Augen den früheren Glanz. Sein Herr versprach ihm, wenn irgend möglich, jeden Abend zu kommen, und sagte dem Thiere gute Nacht. Birk verstand, daß er sich fügen mußte und machte keine weiteren Ansprüche. Uebrigens galt es, klug zu sein. Die Anwesenheit Birks in der Nähe von Trelingar-castle war mindestens gespürt worden, denn die Hunde hier hatten wiederholt verdächtig angeschlagen.
Im Schlosse begann nun das frühere Leben wieder -- das Vegetieren, wie es den Insassen von hoher Geburt so vorzüglich zusagte. Der Aufenthalt hier sollte bis zur letzten Septemberwoche dauern, bis zu dem Zeitpunkte, wo die Piborne's ihr Winterquartier in Edinburg zu beziehen pflegten, von wo sie nur zur Zeit der Parlamentssitzungen nach London übersiedelten. Inzwischen puppten sich der Marquis und die Marquise in langweiliger Vornehmheit völlig ein. Nur die Besuche in der Nachbarschaft begannen wieder mit tödtlicher Regelmäßigkeit. Dabei konnte man von dem Ausfluge nach Killarney sprechen. Lord und Lady Piborne mischten da ihre Reiseeindrücke zu denen einiger Freunde, die jene Fahrt bereits gemacht hatten. Sie mußten sich übrigens beeilen, denn schon verblichen der Marquise alle Erinnerungen, ja sie konnte sich schon nicht mehr des Namens der Insel entsinnen, von der das »elektrische Tau« abging, an dem Europa zog, um Amerika anzuklingeln, so wie sie nach John oder Marion klingelte.
Dieses einsilbige Leben wurde Findling allgemach höchst peinlich. Er sah sich immer der schlimmen Behandlung durch Scarlett ausgesetzt, der ihn als Sündenbock betrachtete. Andrerseits ließen ihm die Grillen des Grafen Ashton keine Stunde Muße. Jeden Augenblick war ein Befehl auszuführen, ein Gang zu machen, und dann kam wieder Gegenbefehl, so daß der junge Groom niemals zur Besinnung kam. Er fühlte gleichsam an Händen und Füßen einen tyrannischen Faden, der ihn unaufhörlich in Bewegung setzte. Im Vorzimmer wie in den Dienerstuben lachten die Leute, ihn so gerufen, weggeschickt und doch eigentlich zum Narrn gehalten zu sehen, was ihn tief genug kränkte.
Des Abends, wenn er endlich nach seinem Stübchen gekommen war, begann er dann über die Lage nachzugrübeln, in die ihn das Elend gedrängt hatte. Immer der Groom des Grafen Ashton zu bleiben, das führte ja zu nichts. Er war zu etwas besserem geschaffen. Nur ein Diener, gleichsam eine Maschine zum Gehorchen zu sein, verletzte seinen Sinn für Unabhängigkeit und den Ehrgeiz, der in ihm wohnte. Auf der Farm... ja, da stand er mit den übrigen Bewohnern wenigstens auf gleicher Stufe und man sah ihn als Kind des Hauses an. Wohin waren jetzt die Zärtlichkeiten der Großmutter, die Liebkosungen Martines und Kittys, wohin die Aufmunterungen durch Martin und dessen Söhne? Wahrlich, höher schätzte er die damaligen Kieselsteine, die er in der nun unter Ruinen begrabenen Kruke sammelte, als die Guineen, womit diese Piborne's monatlich seine Sclaverei bezahlten. In Kerwan unterrichtete er sich, arbeitete er und lernte, dereinst auf eignen Füßen stehen zu können. Hier -- nichts als diese widerwärtige, keinerlei Aussichten bietende Beschäftigung, die Unterwerfung gegenüber einem verzogenen, eitlen und unwissenden halben Kinde! Er war fast stets mit Ordnen beschäftigt, doch nicht etwa mit dem von nützlichen Büchern -- denn davon gab es hier kein einziges -- sondern mit dem Wiederordnen dessen, was der junge Graf nachlässig umhergeworfen hatte.
Weiter trieb ihn das Cabriolet des jungen Edelmannes fast zur Verzweiflung. Findling konnte das leichte Gefährt nur mit hellem Schrecken ansehen. Auf die Gefahr hin, in einen Graben gestürzt zu werden, schien es dem Grafen Ashton ein besonderes Vergnügen, die schlechtesten Wege auszuwählen, wie um seinen, sich an die Riemen des Verdecks klammernden Groom nur um so schlimmer durchgeschüttelt zu sehen. Gestattete es die Witterung, mit dem Tilbury oder dem Dog-cart -- das waren die andern Wagen des jungen Piborne -- auszufahren, so konnte der Groom wenigstens sichrer sitzen. Leider öffnen sich über der Smaragdnen-Insel die Schleusen des Himmels aber gar zu oft, und nicht selten gar zu unerwartet.
Selten verging ein Tag ohne die Qual mit dem Cabriolet. Einmal wollte er zur Parade nach Kanturk, und dann wieder wurden lange Spazierfahrten in der Umgebung von Trelingar-castle unternommen. Längs der Wege liefen und purzelten dann, mit nackten, von den Kieseln verletzten Füßen ganze Haufen zerlumpter Buben nebenher und riefen athmenlos: »Coppers!... Ein paar Coppers!« Findling gab es einen Stich ins Herz. Er kannte ja das Elend aus eigner Erfahrung und bemitleidete die Jungen. Der Graf Ashton wies sie dagegen barsch ab und bedrohte sie mit der Peitsche, wenn sie näher herankamen. Gern hätte der Knabe den Gassenbuben einige Kupfermünzen zugeworfen, er wagte es aber nicht aus Furcht vor seinem Herrn.
Einmal trat die Versuchung jedoch gar zu stark an ihn heran. Ein hübsches, blondlockiges Kind von etwa vier Jahren schaute ihn mit den großen blauen Augen an und bat um einen Copper. -- Die fast werthlose Münze flog der Kleinen zu, die sie mit einem Jubelschrei aufhob....
Der Graf wurde dadurch aufmerksam. Er ertappte seinen Groom auf frischer That bei einem Acte der Barmherzigkeit.
»Wer hat Dir das erlaubt, Boy? fragte er ihn streng.
-- Herr Graf... das kleine Mädchen... es macht einem ja so viel Vergnügen... nur einen Copper...
-- Ah, so wie man ihn Dir zuwarf, nicht wahr, als Du noch im Lande herumstrichst....
-- Nein... niemals! rief Findling, den es immer empörte, wenn jemand von ihm sagte oder andeutete, daß er früher gebettelt habe.
-- Warum gabst Du dem Kinde ein Almosen?
-- Es sah mich so bittend an... ich sah es auch an...
-- Und ich verbiete Dir, Kinder, die sich auf der Straße herumtreiben, anzusehen. Merk' Dir das!«
Findling mußte wohl gehorchen, so weh es ihm auch that.
Sah er sich also darauf beschränkt, das Mitleid, das er für arme Kinder fühlte, in sich zu verschließen, ohne die kleine Gabe eines Coppers wagen zu dürfen, so kam doch einmal die Gelegenheit, wo er die Bewegung seines Innern nicht mehr bemeistern konnte.
Es war am 3. September. Der Graf Ashton hatte zu seiner Fahrt nach Kanturk den Dog-cart bestellt. Findling begleitete ihn wie gewöhnlich, Rücken an Rücken mit dem Herrn sitzend, der ihm befahl, sich mit gekreuzten Armen ganz bewegungslos zu halten.
Der Wagen erreichte die Ortschaft ohne Zwischenfall. Hier lobten die Müßiggänger auf den Straßen die stolze Haltung des schäumenden Rosses, während der junge Piborne die besten Läden des Ortes besuchte. Sein Groom hielt einstweilen, am Kopfe des Thieres stehend, das muthige Pferd, das er zum Jubel der Gassenjungen, die den kleinen, reichaufgeputzten Diener beneideten, kaum zu bändigen vermochte.
Gegen drei Uhr und nachdem er sich überall umgesehen, schlug Lord Ashton den Weg nach Trelingar-castle wieder ein, fuhr aber recht langsam dahin. Auf der Straße schwärmte die gewöhnliche Rotte kleiner Bettler umher. Ermuthigt durch die langsame Bewegung des Dog-cart, wollte sie sich näher an diesen herandrängen; das Schwirren der Peitsche hielt sie jedoch in gemessener Entfernung und sie blieben endlich zurück.
Nur ein einziger hielt weiter aus. Es war das ein geweckter Knabe von sieben Jahren, dem die irische Fröhlichkeit aus dem Gesicht lachte. Trotz der gemäßigten Gangart des Pferdes mußte er rennen, um sich an der Seite des Wagens zu halten. Schon waren seine kleinen Füße an den Steinen des Wegs wund geworden; trotzdem trabte er, ohne Furcht vor der Peitsche, weiter mit. Dabei hielt er einen Heidelbeerzweig in der Hand, den er gegen ein Almosen anbot.
Ein Unglück fürchtend, bemühte sich Findling -- freilich vergebens -- ihn durch Zeichen abzuweisen. Das Kind folgte dem Dog-cart dennoch weiter.
Natürlich hatte auch Graf Ashton diesem schon wiederholt zugerufen, sich wegzuscheeren. Ohne das zu beachten, hielt sich der kleine Bursche, auf die Gefahr hin, zermalmt zu werden, immer dicht bei den Rädern.
Es hätte nur einer Andeutung bedurft, um das Pferd in Trab zu setzen. Das fiel dem jungen Piborne indeß gar nicht ein. Er wollte einmal langsam fahren, und so blieb es dabei. Belästigt von der Gegenwart des Kindes, schlug er schließlich mit der Peitsche nach ihm.
Die pfeifende Schnur schlang sich dabei um den Hals des Kleinen, der halb erwürgt einige Schritte weit geschleppt wurde und endlich loskommend zur Erde fiel.
Findling sprang vom Dog-cart herab und eilte auf das Kind zu. Dieses hatte einen rothen Streifen um den Hals und weinte vor Schmerz laut auf. Dem jungen Knaben schwoll der Zorn und er hatte große Lust, über den Grafen Ashton herzufallen, wobei dieser, wenn auch älter als sein Groom, gewiß den Kürzeren gezogen hätte.
»Hierher, Boy! rief er, indem er das Pferd parierte.
-- Aber das arme Kind?...
-- Hierher, sag' ich Dir! wiederholte der junge Piborne, die Peitsche schwingend, komm sofort, oder es geht Dir nicht besser als dem da!«
Zu seinem Glücke ließ er es bei der Drohung bewenden, denn es läßt sich nicht sagen, was sonst geschehen wäre. Jedenfalls gelang es Findling, sich zu beherrschen, und nachdem er dem Jungen einige Pence in die Tasche gesteckt hatte, eilte er nach dem Dog-cart zurück.
»Wenn Du Dir noch einmal erlaubst, ohne Befehl abzuspringen, fuhr ihn der Graf Ashton an, dann bekommst Du eine tüchtige Tracht Prügel und wirst auf der Stelle davongejagt!«
Findling antwortete nicht, obgleich ein Blitz in seinen Augen aufflammte. Dann entfernte sich der Dog-cart schnell und ließ das Kind auf der Straße zurück, das sich beim Klimpern der erhaltenen Geldstücke schon etwas getröstet zu haben schien.
Von diesem Tage ab machte der boshafte Graf Ashton seinem Groom das Leben womöglich noch schwerer; er chicanierte und erniedrigte ihn auf jede Weise. Was er früher körperlich gelitten hatte, das litt er jetzt geistig, ja er fühlte sich vielleicht nicht weniger unglücklich, als früher in der Hütte der Hard oder unter der Fuchtel Thornpipe's. Oft kam ihm der Gedanke, Trelingar-castle zu verlassen. Doch wohin sollte er sich wenden? Die Familie Mac Carthy aufsuchen, dazu fehlte ihm jeder Fingerzeig, und diese hätte jetzt ja auch nichts für ihn thun können. Jedenfalls stand sein Entschluß aber fest, im Dienste des Erben der Piborne's nicht zu bleiben.
Nun kam etwas hinzu, was ihn ernstlich beunruhigte.
Mit Ende des Septembers pflegten der Marquis, die Marquise und deren Sohn das Besitzthum von Trelingar zu verlassen. Mußte er ihnen nach England oder Schottland folgen, so schwand ihm jede Hoffnung, die Familie Mac Carthy wieder aufzufinden.
Außerdem lag ihm auch Birk am Herzen, den er auf keinen Fall verlassen wollte.
»Ich werde ihn behalten, versicherte eines Tages die freundliche Kat, ich werde schon für ihn sorgen.
-- Ach ja, Sie haben ein gutes Herz, antwortete Findling, Ihnen könnte ich ihn anvertrauen, und wenn ich bezahle, was sein Futter kostet...
-- Warum nicht gar! fiel ihm Kat ins Wort, so war es nicht gemeint!... Ich habe das arme Thier einmal gern...
-- Und doch, er darf Ihnen nicht zur Last fallen. Wenn ich aber von hier mit weggehe, sehe ich ihn den ganzen Winter, ja vielleicht niemals wieder...
-- Warum, mein Kind?... Wenn Du zurückkommst...
-- Zurückkommen, Kat?... Bin ich denn so sicher, nach dem Schlosse zurückzukehren, wenn ich einmal daraus weg bin? Da unten... wohin sie gehen... da können sie mich ja fortschicken, oder... oder ich laufe vielleicht selbst davon...
-- Was sagst Du da?
-- Jawohl, ich gehe der Straße nach, wohin es Gott gefällt... wie ich es früher gethan habe.
-- Armes Kind!... Armer Junge! seufzte die gute Frau.
-- Ich frage mich auch, Kat, ob es nicht das beste wäre, sofort zu brechen... das Schloß mit Birk zu verlassen... mir irgendwo bei einem Farmer, nicht zu weit von hier und nahe der Küste, Arbeit zu suchen...
-- Du bist ja noch nicht elf Jahre alt!
-- Nein, Kat, noch nicht!... O, wenn ich zwölf oder dreizehn wäre... dann wär' ich groß... hätte ein Paar starke Arme und fände wohl Beschäftigung. Wie langsam schleichen die Jahre doch hin, wenn man unglücklich ist...
-- Und wie lange dauern sie!« hätte die gute Kat antworten können.
Da ereignete sich ein Zufall, der dieser Ungewißheit ein plötzliches Ende machte.
Am 15. September war es, wo Lord und Lady Piborne also nur noch vierzehn Tage in Trelingar-castle verweilen sollten, und hier begann man bereits mit dem Einpacken. Im Gedanken an den Vorschlag der Kat bezüglich Birks, mußte sich Findling fragen, ob Scarlett wohl auch den Winter über auf dem Schlosse bleiben würde. Ja, er blieb hier als oberster Verwalter des Besitzthums. Der in der nächsten Umgebung umherschweifende Hund konnte von ihm gar nicht unbemerkt bleiben, und niemals würde er der Wäscherin gestatten, jenen bei sich zu behalten. Die Kat mußte Birk sein Futter also heimlich zustellen, wie sie es schon einmal kurze Zeit gethan hatte. Erfuhr Scarlett aber gar, daß der Hund dem jungen Groom gehörte, dann hätte er sich gewiß beeilt, das dem Grafen Ashton zu hinterbringen, und dieser wieder hätte kein größeres Vergnügen haben können, als dem Thiere, wenn es ihm in den Weg kam, eine Kugel zwischen die Rippen zu jagen.
Am genannten Tage trollte Birk, entgegen seiner Gewohnheit, schon des Nachmittags in der Nähe der Wirthschaftsgebäude einher. Der Zufall -- der unglückliche Zufall wollte es, daß einer der Hunde des Grafen Ashton, ein bissiger Wachtelhund, auf der Landstraße umherlief.
Sobald sie sich witterten, gaben die beiden Thiere durch dumpfes Knurren ihrer gegenseitigen feindlichen Stimmung Ausdruck. Schon ihrer Rasse wegen hätten sie sich schwerlich vertragen. Der Lords-Hund konnte für den Bauern-Hund nur tiefe Verachtung hegen, seine bissige Natur veranlaßte ihn aber zum Angriffe vorzugehen. Sobald er den ruhig am Waldessaume stehenden Birk erblickte, lief er, die Zähne fletschend, auf diesen zu.
Birk ließ ihn auf halbe Leibeslänge herankommen und behielt ihn scharf im Auge, um nicht überrascht zu werden, während er sich mit eingezogenem Schwanze selbst sprungfertig hielt.
Plötzlich, nach kurzem, wüthendem Gebell, stürzte sich der Wachtelhund auf Birk und biß ihn in die Seite. Was nun kommen mußte, kam. Mit einem Satze war Birk dem Feinde an der Kehle, die er ihm aufriß.
Das ging nicht ohne ein schreckliches Geheul ab. Die beiden andern, noch im Hofe befindlichen Hunde, schlugen ebenfalls an. Das machte Aufsehen, und sogleich kam der Graf Ashton mit dem Verwalter herzugelaufen.
Kaum aus dem Gitterthore, bemerkte er den Wachtelhund, der unter den Zähnen Birks röchelte.
Da schrie er laut auf, wagte aber, aus Angst, dasselbe Los zu theilen, nicht, seinem Hunde zu Hilfe zu kommen. Sobald Birk den jungen Mann bemerkte, machte er dem Wachtelhunde mit noch einem Bisse vollends den Garaus und ging dann, ohne sich zu beeilen, in den Wald hinter das Unterholz zurück.
Jetzt trat der junge Piborne mit Scarlett näher heran, und als sie auf dem Kampfplatze waren, fanden sie nur noch einen Cadaver.
»Scarlett!... Scarlett! rief der junge Graf. Mein Hund ist erwürgt!... Er hat ihn erwürgt... jene Bestie!... Wo ist er denn?... Kommen Sie... den finden wir wieder. Ich werde ihn tödten!«
Der Verwalter spürte sehr wenig Lust, die Verfolgung des Wachtelhundmörders aufzunehmen. Er hatte übrigens keine Mühe, den jungen Piborne etwa zurückzuhalten, denn dieser fürchtete sich ebenso vor einem Wiederauftauchen des schrecklichen Birk.
»Seien Sie vorsichtig, Herr Graf, sagte er, bringen Sie sich dieser wilden Bestie gegenüber nicht in Gefahr!... Die Jäger werden ihn schon gelegentlich abthun....
-- Ja, wem gehört er denn eigentlich?
-- Niemand!... Das ist einer der herrenlosen Hunde, wie sie die Landstraßen unsicher machen.
-- Dann wird er uns entwischen....
-- Das ist kaum anzunehmen, denn schon seit Wochen schleicht er in der Nähe des Schlosses umher.
-- Seit mehreren Wochen, Scarlett?... Und mir hat das keiner gemeldet? Keiner hat uns von der Bestie befreit? Von diesem Thiere, das mir meinen besten Wachtelhund getödtet hat!«
Der so selbstsüchtige, fühllose junge Mann hegte doch für seine Hunde eine Zuneigung, die ihm kein Mensch hätte einflößen können. Der Wachtelhund war sein besondrer Liebling und steter Begleiter auf der Jagd gewesen -- jedenfalls zu dem Lose bestimmt, einmal durch einen ungeschickten Schuß seines Herrn getödtet zu werden -- und der Zahn Birks hatte ja sein Schicksal nur beschleunigt.
Wie dem auch sei, jedenfalls schlich der Graf Ashton, trostlos, aber wüthend und auf furchtbare Rache sinnend, nach dem Hofe zurück, wo er Befehl gab, daß der Körper des Wachtelhundes hereingeholt würde.
Zum Glück war Findling nicht Zeuge dieser Scene gewesen. Vielleicht hätte er dabei das Geheimniß seiner Zusammengehörigkeit mit dem Mörder verrathen, vielleicht wäre Birk auch auf ihn zugesprungen und hätte damit dasselbe gethan. Der Knabe hörte jedoch bald genug von dem Vorfalle. Ganz Trelingar-castle hallte wider von den Klagen des unglücklichen Grafen Ashton. Der Marquis und die Marquise bemühten sich vergeblich, den einstigen Erben ihrer Besitzthümer zu beruhigen. Der wollte aber auf nichts hören. Ehe das Opfer nicht gerächt war, gab es für ihn keinen Trost. Auch das auf Anordnung des Lords veranstaltete »ehrenvolle« Begräbniß des Hundes vermochte seinen Schmerz nicht zu lindern, und als jener nach einer Ecke des Parkes getragen und dort die letzte Scholle Erde auf seine sterblichen Ueberreste hinabgerollt war, zog sich der Graf Ashton traurig und stumm nach seinem Zimmer zurück, das er den ganzen Abend nicht wieder verlassen wollte.
Die Unruhe, die unsern Findling quälte, kann man sich recht wohl leicht vorstellen. Vor dem Niederlegen hatte er noch eine geheime Unterredung mit der Kat, die sich wegen Birks nicht weniger geängstigt zeigte.
»Wir müssen auf der Hut sein, mein Junge, sagte die Frau, und vorzüglich nicht an den Tag kommen lassen, daß der Hund Dir gehört, das fiele auf Dich zurück... und ich weiß nicht, was daraus werden könnte.«
Findling dachte eigentlich kaum, daß er für den Tod des Wachtelhundes verantwortlich gemacht werden könnte, sondern nur daran, daß es für ihn nun sehr schwierig, wenn nicht unmöglich würde, für Birk zu sorgen. Da der Hund sich den jetzt überwachten Wirthschaftsgebäuden ungestraft nicht mehr nähern konnte, würde auch die Kat ihn des Abends schwerlich finden und heimlich Futter bringen können.
Der Knabe verbrachte eine schlechte Nacht -- eine schlaflose Nacht, während er sich weit mehr um Birk als um sich selbst absorgte. Er überlegte auch, ob es für ihn nicht gerathen sei, den Dienst bei dem Grafen Ashton gleich morgen aufzugeben, und entschied sich nach Erwägung des Für und Wider, nun auszuführen, was ihn schon seit Wochen bewegte.
Erst gegen drei Uhr früh schlief er ein. Bei hellem Tag wieder erwachend, sprang er aus dem Bett, verwundert, heute von der Klingel seines Herrn nicht wie gewöhnlich gerufen worden zu sein.
Bei dem Entschlusse von der Nacht her sollte es jedenfalls bleiben. Am nämlichen Tage wollte er fortgehen unter der Angabe, daß er sich zu dem Dienste als Groom untauglich fühle. Niemand hatte ein Recht, ihn zurückzuhalten, und wenn er wegen seines Verlangens gescholten werden sollte, so fand er sich damit schon im Voraus ab. In der Erwartung, Knall und Fall weggejagt zu werden, zog er die Kleidung von der Farm her an, die zwar etwas abgenutzt, aber reinlich war, da er sie immer sorgfältig aufbewahrt hatte, und steckte die Börse mit seinem seit drei Monaten gesparten Lohn zu sich. Wenn er dann dem Lord Piborne seine Absicht, das Schloß zu verlassen, in höflichster Form mitgetheilt hätte, wollte er diesen auch noch um seinen halbmonatlichen Gehalt -- bis zum 15. September -- bitten, und endlich versuchen, der Kat Lebewohl zu sagen, ohne sie bloßzustellen. Hatte er dann Birk in der Nachbarschaft aufgefunden, so würden beide -- gleichmäßig befriedigt, von Trelingar-castle wegzukommen -- auf und davon gehen.